persönliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn er sagt: ... »(dies unter uns)
ich bitte ja nur sozusagen um das Meine. Die Erzählung wird ja in einem
Monat alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche,
vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten Schriftsteller eine solche
Nachsicht gewährt, so dass, wenn man mir in der »Zarjá« das verweigert,
ich nur allzusehr begreifen werde, auf welche Stufe man mich in
litterarischer Beziehung dort stellt.« -- Dostojewsky konnte nach allem
Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung keine Rede sein würde
-- dennoch immer wieder der empfindliche Zweifel. -- »Auch fürchte ich,
fährt er fort, dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton für ironisch
nimmt. Denn, weiss Gott, was es für ein Mensch ist, ich habe ja
persönlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt, ich verstehe es nicht,
über heikle Gegenstände an Fremde zu schreiben, und habe später erst
beim Überlesen des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfürchtig zu sein
schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow möge Ihnen 50 Rubel in die
Hand geben, dies (verzeihen Sie mir, mein Teurer, diese Belästigung und
erfüllen Sie es um Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie
Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide volles Recht, über
eine so bettelhafte Aushilfe entrüstet zu sein; aber mögen sie sogar
beleidigt sein, sie sind im Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und
ihnen ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen. Da sie
durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage ich bin und warum ich
ihnen so armselig aushelfe, so sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner
Rechtfertigung.« »P.S. Fast hätte ich das wichtigste vergessen. Als man
mir damals von der »Zarjá« 300 Rubel herausschickte, kugelte das Geld
einen Monat herum. Ich kenne diese Stückchen. Die Hauptsache ist, dass
mir N. Strachow später schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird.
Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld fortschickt,
sodass es ebenso schnell ankommt wie ein Brief, d. h. in drei Tagen.«
Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen soll, Geld so
abzusenden, dass der Empfänger es rechtzeitig erhalte. Diese
Auseinandersetzung gewinnt durch den nächstfolgenden Brief vom 28.
Oktober [also einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige
Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit Wut und
Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion, die uns, würden wir
nicht zugleich von Teilnahme für den Dulder bewegt, ungemein belustigen
könnten. Es kommt thatsächlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm
mitteilt, er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in Dresden das
Geld senden lassen und schliesse hier den Wechsel ein. Dostojewsky eilt
zu Hirsch, dieser liest den Wechsel und sagt: »Hier steht: laut Bericht,
das heisst, dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf
privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich kann ich nicht
zahlen.« Nun läuft Dostojewsky jeden Tag in das Bankkontor, wo man über
ihn zu lächeln beginnt -- aber kein Avis erscheint. »Da ich die Geduld
verliere und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm meine
Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass er den Avis an Hirsch
sende. Mein Brief ist vom 9. Oktober datiert -- keine Antwort! Bei Gott,
ich dachte, es werde überhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich
täglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe
wahrscheinlich den Avis »vergessen«. Nun ging ich in zwei, drei andere
Bankgeschäfte mich zu erkundigen -- überall sagte man, dass auf meinen
Wechsel mit den Worten »laut Bericht« niemand Geld giebt, ohne einen
solchen zu haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal solche
Wechsel zum Spass ausgegeben werden.
Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew -- am zwölften Tage nach
Absendung des meinen! und bemerken Sie, er schreibt am 3. Oktober
unseres Stils, und der Petersburger Poststempel weist den 6. Oktober
auf. Das heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache
drei Tage herumgelegen. Hätte er wenigstens aus Delikatesse einen 5. aus
dem 3. gemacht! Begreift er denn nicht, dass mich das verletzt? Ich habe
ihm ja über die Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben -- und
darauf eine solche Fahrlässigkeit! Ist das keine Kränkung? Und nun
schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser sage, der Avis sei
abgegangen und er begreife nicht, warum ich nichts erhalten hätte;
ferner habe er Chessin veranlasst, einen zweiten Avis zu schicken, dass
er folglich jetzt überzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten
(woher überzeugt, wieso überzeugt?). Sollte ich aber das Geld noch nicht
haben, so möge ich den Wechsel zurückschicken; er werde mir am Tage nach
dem Erhalt dieses Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier
lautenden absenden. Nachher fügt er in einer Nachschrift hinzu, ich möge
ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzüglich telegraphieren,
»natürlich auf meine Kosten«, worauf er sofort, ohne die Ankunft des
anderen Wechsels abzuwarten, mir den neuen schicken würde. Endlich fügt
er hinzu, dass er in den nächsten Tagen auch die übrigen 75 Rubel senden
werde (bemerken Sie, dass das alles am 3. Oktober geschrieben wurde).
Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den 21. Oktober nicht,
denn wo sollte ich zwei Thaler für ein Telegramm hernehmen? Konnte er
sich nach meinen zwei Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine
Kopeke, buchstäblich nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wüsste, wie
ich am nächsten Tage zu diesen zwei Thalern kam, um ihm zu
telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen und ihm telegraphiert: »Kein
Avis, Hirsch giebt nicht Geld«; das war am Freitag. Sonnabend schicke
ich den Wechsel zurück.«
Und nun erzählt Dostojewsky verzweifelt, wie am fünften Tage nach
Rücksendung des Wechsels endlich der Avis einlangt, der nun zu nichts
nützt. Endlich gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt,
weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung gemäss auf »ohne
Bericht« ausgestellt, während der Kommis aber irrtümlicher Weise anstatt
»ohne« -- »laut« geschrieben habe. -- Man kann wohl begreifen, wie es
dem Dichter inmitten dieser ständigen Kämpfe um die Existenz oft »gar
nicht litteraturmässig zu Mute war«, wie er das in einem der nächsten
Briefe gesteht. --
Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe Thema variieren, wozu
die unlösbaren Verstrickungen seines Lebens den Anlass nie abreissen
lassen. Wir übergehen sie und entnehmen ihrem oft äusserst grossen
Umfange und den langen Erörterungen nur die rein persönlichen
Äusserungen. Am Ende eines Schreibens vom 19. Dezember heisst es:
»Wissen Sie, was ich jetzt mache? Nachdem ich in 2½ Monaten neun
enggeschriebene Druckbogen fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit
aller Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb, als
ich mit der Erzählung beschäftigt war.« [Es ist die Erzählung »Der
Hahnrei«.] Dann aber, in drei Tagen, setzte ich mich zu dem für den
»Russkij Wjestnik« bestimmten Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich
Pfannkuchen backe: wie hässlich und abscheulich auch das herauskommen
möge, was ich schreiben werde; die Idee des Romans und ihre Bearbeitung
sind mir Armen, d. h. dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das
ist kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die älteste auch.
Natürlich werde ich's verpatzen; aber was ist zu thun!«
»Der Hahnrei« nimmt unter den Erzählungen Dostojewskys eine
eigentümliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen, welche
der europäische und der russische Leser in Dostojewskys Werke
legen und darin erfüllt zu finden gewohnt sind. Künstlerisch
gehört diese Erzählung zu dem Vortrefflichsten, was der Dichter
geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und
Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies
söhnt aber den europäischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit
des Gegenstandes, mit der komplizierten Hässlichkeit des
Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen er
nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er für
sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa für den Mangel an
Schönheit entschädigte. Der russische Leser hinwiederum sieht und
sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, das
unerschöpfliche Erbarmen für den widerlichsten der Sünder, sowie
das kühle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten sechs Worten
des Buches -- allein das ist ihm ja nichts Neues, das kennt er
alles, das begegnet ihm täglich, das trägt er selbst in sich. Er
sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, die sich auf
Russland und seine fernere Entwickelung, auf die Jugend, sein
künftiges Russland beziehen. Wo er das nicht findet, lässt ihn
das vollendetste Kunstwerk nur kalt.
Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen gelernt,
Bände ihrer Abhandlungen über einzelne seiner Werke durchgesehen:
es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder Erwähnung des
»Hahnrei« (ausser jener Strachows in seinem Briefe nach Dresden
1870-1871) in die Hände gekommen. Auch der Dichter selbst dürfte
nicht viel von dieser Sache gehalten haben, die er in 2½ Monaten
niederschrieb. Das darf uns nicht stören. Wissen wir ja doch, wie
oft er sich über seine Werke täuschte. »Prochartschin«, mit dem
er sich »einen Sommer lang herumquälte«; »Der Doppelgänger«, den
er immer wieder umarbeitete; dann »Die Besessenen«, die er zu
seiner Qual, wie wir später sehen werden, nicht vorwärts gehen
sah -- auf alle diese Werke hielt er die grössten Stücke, meinte,
da seien seine besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut
getreten, während dies nur bei dem letzten derselben, und das nur
teilweise und bedingt der Fall gewesen ist. Für uns, die wir
versuchen in die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen
das russische Kunstwerk entsteht, ist gerade im »Hahnrei« eine
der tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als
hier das Kunstwerk von keiner Überfülle erstickt und vortrefflich
disponiert ist.
Eine eigentümliche, echt künstlerische Laune des Dichters hat ihn
getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die
Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter
Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen Europäer
bei der Vorstellung der Demut und Versöhnlichkeit einer
Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von
hasserfüllter Sentimentalität, rachedürstender Thränenseligkeit,
die sich in falschen Bruderküssen auslebt. Alle Möglichkeiten,
die in der »breiten slavischen Natur« bei einander wohnen, hat er
hier in eine widerwärtige Wirklichkeit zusammengefasst und
dadurch sein Wort bestätigt, dass dies Werk anders in der Form,
doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die »Memoiren aus dem
Kellerloch«.
Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des
Dichters, ist auch die des »Hahnrei« (der russische Titel ist:
»Der ewige Gatte« und entspricht der später gegebenen Definition
dieser Spezies besser als das unzulängliche deutsche Wort).
Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann von 39
Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem Prozess
nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen Vermögens,
eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er hat alles
andere vergeudet und zittert nun um seinen künftigen Egoismus;
das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt leben,
um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes schmackhaftes
»Diner«, seine feine Toilette niemals werde entbehren müssen.
Vorläufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant ein
Mittagessen zu einem Rubel, hält eine anständige, aber
vernachlässigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des Hauswächters
recht zweifelhafte Ordnung hält, und verfällt durch diesen
äusseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame Art von
Hypochondrie.
Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie plagt den
Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwa damit
belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus seiner
Vergangenheit ein, die er »lieber nicht gethan hätte«. Da ist das
junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und samt ihrem Kinde
verlassen hat; der junge Fürst, dem er für nichts und wieder
nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und manches andere
mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie über einen
klaren, gesunden Menschenverstand; er sagt sich, dass er, käme
die Sache wieder so, unzweifelhaft der alten Fürstin dennoch das
Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen das Bein abzuschiessen --
heute aber, in seiner jetzigen Verfassung verdriesst ihn das,
lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben wir in wenigen Strichen den
russischen Weltmann mit dem Einschlag: Reue und Einkehr aus
äusseren Gründen, eine Reue auf Zeit, die, wie wir sofort
empfinden, der gesicherten Erbschaft und dem guten kleinen Diner
bald das Feld für neue Thaten räumen wird.
An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, und
gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet fast
täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen
ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, sodass
Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er müsse den
Mann »einmal gekannt haben«. Da, in einer schlaflosen Nacht tritt
er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, welche ihm die Helle
der Petersburger Nächte zu decken bestimmt ist, auseinander und
sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig -- den Mann mit dem
Trauerhute stehen und spähend auf sein Fenster blicken. Kaum ist
er mit Staunen seiner ansichtig geworden, als jener auch schon
über die Strasse und -- gerade ins Haus geht. Weltschaninow tritt
in sein Vorzimmer und lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da
kommt es auf der Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es
an der Thürklinke. Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und
vor ihm steht der Mann »mit dem Krepp«, in welchem er mit
einemmale Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit
dessen Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren
in der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte.
Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung über den
nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er sei auf
dem Heimwege vorübergegangen und, »ohne es eigentlich zu wollen,
zufällig« heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass er, um in ein
anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach Petersburg gekommen
sei und nun in seiner Stimmung nicht loskomme. Dabei deutet er
auf den Krepp auf seinem Hute. »Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im
heurigen März!« beantwortet er Weltschaninows Frage. Nun weiss er
den überraschten und mehr, als er's vermutet hatte, erschütterten
Weltschaninow mit süsslich stichelnden Anspielungen so in die
Enge zu treiben, dass dieser in die höchste Aufregung kommt und
ihm, zu Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein
unvorsichtiges Wort entschlüpft. Diese Szene ist voll
vortrefflicher kleiner Züge, die das innerste Wesen dieser beiden
Menschen aufdecken.
Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast fort,
schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet
auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt ihm sofort
der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, kommt zu dem
Schluss, dass sie verderbt war -- mit seiner Beihilfe, wie der
Dichter »im Vorübergehen« bemerkt -- ohne sich im geringsten
dafür zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen
Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. »Seiner Ansicht
nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie »ewige
Gatten« oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter
nichts.« »Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich
einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich
verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu
verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen
unbestreitbaren Charakter besässe. Das Hauptmerkmal eines solchen
Gatten bildet -- ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehörnter
nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, als es der Sonne ist,
nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon,
sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.«
Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse
geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung,
halbangekleidet -- ein kläglich bittendes Kind züchtigend. Es ist
Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, »das uns geboren wurde, als
Sie schon -- wie lange fort waren?« Er zählt die Monate: ja acht
Monate, nachdem Sie fort waren. -- Das Kind ist furchtbar
eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gespräches, dass
Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber
gequält, geschreckt und Tage lang sich selbst überlassen habe.
Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und
führt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche
Familie, die das kranke, scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das
Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass
Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm
umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den
Mann wegen des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich
in trunkenem Zustande bei einigen »Damen«. Als er ihm mitteilt,
dass sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten
an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu:
»Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem
gehen Sie wegen der Bestattung.« Der Rausch allein versetzt ihn
in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem
Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in
nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten bei Heller
und Pfennig.
Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts anderes,
als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst
gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen
diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des
feigen »Gatten« spielen sich Szenen widriger »Vergebung«, Küsse,
Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow -- da er sich im
Banne der Schuld fühlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss
dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben
jetzt physisch entsprechend konstituiert ist -- auf keine Weise
entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den
Bann seiner eigenen Reuegefühle versetzt hatte, lässt er sich
auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer töchterreichen Familie
aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich --
eine Braut erwählt habe. Es ist dies die sechste der Haustöchter,
Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der
auf der Fahrt mit seinem Gefährten auch nicht ein Wort gewechselt
hatte, erwacht draussen unter der blühenden Mädchenschar der alte
Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzückt die junge Nadja
und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut.
Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys
stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow
in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, fühlt sich
leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er
nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals
in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am Abend, unter Blitz
und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als
Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit
und Anmassung der Jugend -- eine meisterhafte Szene -- Trussotzky
verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so
lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang
Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu übernachten. Kaum hat
sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn
schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem
unerträglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere
Küche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswächters und wärmt
abwechselnd mit ihr Tücher und Teller, die er mit unermüdeter
Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er
schnell bereitet hat, bis endlich das Übel sich legt und nur eine
grosse Schwäche zurückbleibt, die zur Nachtruhe mahnt.
Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn,
ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt
halbmurmelnd: »Sie -- Sie -- Sie sind besser als ich! Ich
begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.« -- Trussotzky löscht
das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder.
Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere
Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt
ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen
beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als
Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn
plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war
auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu
ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu
können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei
Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei.
Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin
eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei
andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt
darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute
zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war.
Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet,
dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft
und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft
abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.
Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag
herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich
damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf,
verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu,
welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen
Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet
nach der Wasserflasche: »Wasser möcht' ich«, flüstert er.
Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen
Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt
Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer
zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen
hat.
Wir lassen hier den Dichter erzählen: »Seine Schmerzen waren ganz
vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit,
jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss
Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den
ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten
sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark
gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn
Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte,
erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in
das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und begann fieberhaft,
wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul
Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen,
dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht
wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst
immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht
erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei
irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. »Wenn er sich schon
seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen -- fiel ihm unter
anderem ein --, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine
Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet,
das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.«
Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und
damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu
betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene
Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das
>Analyse< überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner
Folgerungen -- nachdem er Trussotzky entlassen hat --
folgendermassen wieder auf. »Diese Leute,« dachte er, »eben diese
Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den
Hals abschneiden oder nicht, -- wenn die schon einmal das Messer
in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen
Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim
Schneiden allein -- den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter:
>zum Wohlsein<, wie die Arrestanten sagen. So ist es.«
Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden
zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der
Kairowa, welche »noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie
weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde«. Auch in
jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er
habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen
Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum
-- »es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich
gebetet haben«, meint er -- auch hier ist das Mysterium betont,
die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele,
über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.
Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky
zu seltsamen Schlüssen: »Wenn es also entschieden ist, dass er
mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte
Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in
den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem
zornigen Augenblick?« »Er löste die Frage seltsam, -- damit, dass
Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der
Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal
eingefallen war.« Kürzer gesagt: »Paul Pawlowitsch wollte
umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte.
Das ist unsinnig, aber es ist so,« dachte Weltschaninow: »er ist
wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!« »Und war denn
das wahr, das alles wahr,« rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen
erhebend und die Augen öffnend, »alles, was dieser ... Verrückte
mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn
zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?«
»Vollkommene Wahrheit,« entschied er, sich immer mehr in die
Analyse vertiefend, »dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und
edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu
verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes
Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er
zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre
lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine
>Aussprüche< -- Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er
konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er
mir seine Liebe erklärte und sagte: >werden wir quitt?< Ja, aus
Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.«
Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen
Eindruck er auf diesen »Schiller in der Form eines Quasimodo«
gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein
Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.]
Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art,
sie zu tragen; »denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie
sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle
Seele, gar aus dem Geschlechte der >ewigen Gatten<.« Weltschaninow
geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, natürlich in der
Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. »Wenn auch dieser, wem
kann man danach noch trauen!« -- »Nach einem solchen Aufschrei
wird man ein Tier!« denkt er bei sich.
»Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu
weinen«, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt
hat -- das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei,
es sei »um mich zu umarmen und mit mir zu weinen« ... Auch Lisa
hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte,
da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er
schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat
sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in
Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung.
(Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!)
Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich
wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht
herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine
Abwechselung zu machen -- vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich
und mich wollte er retten -- mit gewärmten Tellern! ...«
Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht
mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass »alles
vorüber sei«, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich
zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu
erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem
ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen
muss. »Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen
tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er
gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.«
Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische
Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei
gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den
Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem
»Quittwerden« mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein
einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar
oder unmittelbar ausgesprochen würde, sehen wir, wie er sich
allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen
dieser Beiden herausschält.
Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder,
begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas »Bräutigam«, in
angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys
anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren
Vermutung folgend: »-- -- hat sich erhenkt«. »Ei was erhenkt, wir
haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken,
auch auf Ihr Wohl.« -- --
Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift »Der
ewige Gatte«, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später,
verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen
»hypochondrischen Schrullen« belachend, auf der Reise. Er hat
seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig,
hat sein tägliches gutes, kleines »Diner«, verkehrt wieder mit
der »Gesellschaft«, wo ihn »alle« wieder aufs freundlichste in
ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur »verreist gewesen«. Er
fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine
interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange
zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der
Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame,
eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf
der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die
Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er
noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von
40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen »Anstoss von aussen«.
Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem
Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend
gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen,
sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und
ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht
schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich
ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow
eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden
Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem
eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst vor Dankbarkeit
über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes »Dddanke!« und streckt
sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.
Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch,
scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen
Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der,
weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein
bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade
auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor
Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt
ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die
Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten
Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend:
»Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von
Weltschaninow gesprochen?« Olympia Semjonowna ladet nun diesen
dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch
bestimmt zusagt.
Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem »jungen
Verwandten« in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung
zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen
abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur
Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: »Paul Pawlowitsch!
Paul Pawlowitsch!« Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und
fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der -- nun
durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite --
Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: »Wollen Sie,
ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich
einmal umbringen wollten -- ha?« »Was wollt Ihr, Herr, was wollt
Ihr -- Gott bewahre Euch.« »Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!«
hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. »Nun,
gehen Sie endlich« sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie
charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der
einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder »gutmütig
anlacht«; wie echt russisch auch!]
»Also Sie kommen nicht?« flüsterte fast verzweifelt Paul
Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die
Hände bittend vor ihm zusammen. »Ich schwöre es Ihnen ja, ich
komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.« Und er streckte
ihm behäbig breit die Hand entgegen -- er streckte sie hin -- und
zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar
die seine zurück.
Da ertönte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging
nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wären
Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an
Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul
Pawlowitsch fest und wütend an der Schulter. »Wenn schon ich, ich
Ihnen diese Hand reiche« -- und er wies ihm die linke Handfläche,
in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war --
»so können Sie sie wohl nehmen!« stiess er leise mit zitternden,
erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich
geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krämpfe lief es über
sein Gesicht. »Und Lisa. Herr?« lallte er im schnellen
Flüstortone -- und plötzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen
heftig zu zittern und zu zucken, und Thränen stürzten aus seinen
Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Säule erstarrt. »Paul
Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!« brüllte man aus dem Waggon, als
würde dort jemand umgebracht -- und plötzlich ertönte ein Pfiff.
Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hände zusammen und
begann über Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in
Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhängen,
und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen
Waggon.
Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen
anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der früher
eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf
dem Landgute fuhr er nicht -- es war ihm so gar nicht danach zu
Mute. Und wie hat er das später bereut!«
Wen erschütterte nicht dieser mächtige und doch so einfache
Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des »ewigen
Gatten«, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht
»quitt« werden können, weil sie das nicht in sich tragen, was
allein den »irrationalen Rest« zwischen Begierde und Erfüllung
aufhebt: einen Gott -- der Künstler hat sie in jedem von ihnen
gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten »wie
hat er das später bereut!« entlässt, ihn also seine Ruhe
endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenüssen finden lässt, so
schüttet sein Genius über das Haupt des von Schmerzen zuckenden,
widerwärtigen Sünders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst
die Worte entstiegen: »Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel
geliebt.«
In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky, ebenfalls an
Maikow, unter anderem: »Ich bin wieder in einer solchen Not -- es ist um
sich nur aufzuhängen!« Weiter heisst es: »Nach einer langen Pause
zwischen den Anfällen haben diese angefangen mich wieder zu quälen und
ärgern mich hauptsächlich darum, weil sie mich an der Arbeit hindern.
Ich habe eine reiche Idee in Angriff genommen. Ich rede nicht von der
Ausführung, nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine
unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausüben. Etwas in der Art wie
»Schuld und Sühne«, allein noch näher, der Wirklichkeit mehr an den Leib
gerückt und sich auf die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend«.
In einem Briefe an Strachow vom 10. März 1870 finden wir eine
Wiederholung des abfälligen Urteils über frühere besprochene Nummern der
»Zarjá«, worin auch eine Kritik Strachows gewesen war. Diese überzeugten
Wiederholungen derselben Gedanken mit den nämlichen Ausdrücken sind
sowohl in den Briefen, als auch in den Werken Dostojewskys sehr häufig
und für ihn charakteristisch. Hier, in diesem Briefe ist die
Wiederholung allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser
Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen Äusserungen persönlichen
Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen höchst wohlthuend
berührt, ja Bedürfnis war. In noch viel grösserem Ausmasse finden wir
diese Offenheit in den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich an
den berühmten Seelenerforscher und Seelenkenner um Rat und Zuspruch
wandten. Wir werden die bemerkenswertesten dieser Antworten weiter unten
anschliessen. In einem Briefe an Strachow heisst es: »Ihr Artikel aber,
obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich spreche hier
nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von dem der Abonnenten).
Übrigens, wer hat Ihnen gesagt, dass Ihr Aufsatz über Turgenjew besser
sei, als der über Tolstoj? Der Artikel über Turgenjew ist eine sehr
schöne und klare Arbeit, aber in jenem über Tolstoj haben Sie gleichsam
Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der heraus Sie Ihre Thätigkeit
fortzusetzen gedenken -- so sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem
einverstanden (was ich früher nicht war), und lehne von allen den paar
tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab -- nicht mehr, nicht weniger
--, mit welchen ich mich unbedingt nicht einverstanden erklären kann.
Doch davon später.«
Die Aufforderung, an der »Zarjá« beständig mitzuarbeiten, beantwortet
Dostojewsky mit der Bedingung, dass ihm Honorarraten vorgeschossen
würden. »Ein Thema habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darüber nicht
ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas Neueres,
Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht. Ich kann so sprechen,
ohne der Ruhmsucht geziehen zu werden, da ich nur vom Thema spreche, von
der Idee, die in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der
Ausführung. Die Ausführung hängt von Gott ab. Ich kann auch alles
verderben, was sich schon oft bei mir ereignet hat; allein eine innere
Stimme sagt mir, dass mich die Inspiration nicht verlassen wird. Aber
für die Neuheit des Gedankens und die Originalität der Inscenierung
verbürge ich mich und blicke vorläufig mit Entzücken auf diese Idee. Es
wird ein Roman in zwei Teilen sein, nicht weniger als zwölf, keinesfalls
mehr als fünfzehn Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am
1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann mich der Zeit
versichern, um ordentlich zu schreiben. (NB. Der Roman könnte auch schon
zum 1. November zugestellt werden, aber ich muss gestehen, mir wäre es
sehr unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male eine grössere
Erzählung in ein und dasselbe Blatt zu schreiben. Wäre es nicht besser,
so wie jetzt, erst zum Januar oder Februar des künftigen Jahres?
Übrigens könnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.) Zum
Schluss die Stelle: »Anna Grigorjewna grüsst Sie und gedenkt Ihrer mit
Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit unserer Ljubotschka herum. Ach, warum
sind Sie nicht verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai
Nikolajewitsch! Ich schwöre Ihnen, dass darin dreiviertel unseres
Lebensglücks enthalten ist und in allem übrigen wohl nur ein Viertel. --
Werde ich denn auch heute nicht die »Zarjá« erhalten?« -- heisst es am
Schlusse -- »ich spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel >Die
Frauenfrage< -- was für ein Thema! Ich verspreche mir einen
ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie können darüber schreiben, wie es
nötig ist usw.«
Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein, vielfache Änderungen
der Ausführung und lange Verzögerungen zu erleiden. Schon am 5. April
1870 schreibt der Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: »Ich will
Ihnen offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den Roman
auf keine Weise für die Herbsthefte versprechen kann oder zu versprechen
wage.
Auf die Sache, welche ich jetzt für den Russkij Wjestnik schreibe, baue
ich grosse Hoffnungen, aber nicht vom künstlerischen Standpunkt aus,
sondern von dem der Tendenz. Ich habe Lust einige Gedanken
herauszusagen, sollte dabei auch mein Künstlertum zu Grunde gehen. Aber
es drängt mich, was sich alles in Geist und Herz bei mir aufgehäuft hat;
mag ein Pamphlet daraus werden, ich spreche mich doch dabei aus. Ich
hoffe auf Erfolg -- übrigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne
auf Erfolg zu hoffen?« Weiter heisst es: »Ich beendige bald, was ich für
den »Russkij Wjestnik« schreibe, und werde mich mit Wollust zum Roman
setzen. Die Idee zu diesem Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein
früher fürchtete ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in
Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden, der ganze
Plan des Romans; und ich denke, dass ich den ersten Teil desselben, d.
h. jenen, welchen ich für die »Zarjá« bestimmt, auch hier beginnen kann,
da die Handlung viele Jahre früher beginnt. Beunruhigen Sie sich nicht
darüber, dass ich von einem »ersten Teil« spreche. Die ganze Idee
verlangt einen grossen Umfang, mindestens einen so grossen, wie Tolstojs
Roman »Krieg und Frieden«. Aber, das wird fünf abgesonderte Romane
bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit Ausnahme der
zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften, als ganz
selbständige Erzählungen oder, einzeln herausgegeben, als ganz
vollständige Dinge werden erscheinen können. Der Gesamtname übrigens
wird sein: »Das Leben eines grossen Sünders«, während die einzelnen
Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil (d. h. Roman) wird
nicht mehr als fünfzehn Bogen haben. Zum zweiten Teil muss ich schon in
Russland sein. Die Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich
gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich kenne, so muss
ich dennoch dazu in Russland sein. Ich würde überaus gern des näheren
mit Ihnen darüber sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sage
noch einmal, für dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen;
drängt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte Arbeit,
vielleicht sogar eine gute. Wenigstens habe ich aus dieser Idee das Ziel
meiner ganzen künftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf
nicht länger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen.
Möge die »Zarjá« nicht unwillig darüber werden, dass sie neun Monate
voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal auch zwei Jahre voraus Geld
bekommen .... um Eines bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch,
-- wenn die Sache sich machen lässt, so benachrichtigen Sie mich, als
alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als möglich. Mein Elend wächst
in solcher Weise, dass ich keine Zeit verlieren kann, um endlich sicher
zu sein. Ich habe für Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem
Ruhe und Sicherheit ....
Das Märzheft der »Zarjá« habe ich mit grossem Vergnügen durchgelesen.
Ich erwarte daher mit Ungeduld die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles
darin zu erfassen. Ich ahne, dass Sie H. hauptsächlich als Westler
darstellen und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen wollen; ist
es so?« N. Strachow erläutert hier in einer Fussnote, dass es sich um
seinen Artikel »Herzens litterarische Thätigkeit« handle, dessen erster
Teil in der dritten Nummer der »Zarjá« im März 1870 erschienen war ....
»Sie haben«, fährt Dostojewsky fort, »sehr treffend Herzens
Hauptgesichtspunkt hingestellt -- den Pessimismus; aber erklären Sie
seine Zweifel (wer ist schuldig usw.) für unlösbar? Sie umgehen das, wie
es scheint, und, wie es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren
Hauptgedanken aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich mit
fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; es ist ein allzu
brennendes und zeitgemässes Thema. Wie wird das aber sein, wenn Sie
beweisen werden, dass Herzen früher als viele andere gesagt hat, dass
der Westen in Fäulnis begriffen ist? Was werden die Westler aus
Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob das bei Ihnen
herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei gesagt, obwohl ich in das
Thema Ihres Artikels gar nicht eingehen will. Finden Sie nicht, dass es
noch einen Gesichtspunkt für die Bestimmung und Feststellung des
Wesentlichsten in Herzens grosser Thätigkeit giebt: nämlich den, dass er
immer und überall vor allem Poet war. Der Poet hat in ihm überall, in
allem, in seiner ganzen Thätigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator:
Poet, Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im höchsten Grade:
Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir scheint, es könnte vieles
in seiner Thätigkeit, sogar durch seinen Leichtsinn und seinen Hang zum
Calembourg, auch in den höchsten sittlichen und philosophischen Fragen
erklärt werden -- was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwärtig ist.
Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner Ansicht nach,
vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum ich in der »Zarjá«
ungenügendes Selbstvertrauen gefunden habe, will ich beantworten. Ich
habe mich vielleicht nicht genau ausgedrückt, aber hören Sie: Sie sind
allzu, allzu weich. Für diese Leute muss man schreiben die Peitsche in
der Hand. In vielen Fällen sind Sie zu gescheit für sie. Würden Sie
etwas zorniger, gröber über sie herfallen, so wäre es besser. Nihilisten
und Westler brauchen definitiv die Peitsche. In den Aufsätzen über
Tolstoj flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem letzten
Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art Niedergeschlagenheit und
Entzauberung, gerade da, wo nach meiner Ansicht der Ton triumphierend
und freudig bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie --
werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in den Briefen des
Kosiza verstehen? -- -- Mit einem Wort: in einem solchen Tone nicht zu
schreiben -- ist Ihnen unmöglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und
Achtung für die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton ist ein
hoher, was sowohl schön ist, als auch den Kern der »Zarjá« ausmacht.
Allein manchmal muss man, denke ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche
in die Hand nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um viel
gröber darein zu fahren. Das ist's, was ich unter Selbstvertrauen
verstand. Übrigens -- vielleicht urteile ich falsch, vom Zorn geleitet.
Die zwei Zeilen über Tolstoj, mit denen ich nicht ganz einverstanden
bin, sind die, wo Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur
Grosses in unserer Litteratur vorhanden ist.« Hier folgt jene Stelle
über Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung von Dostojewskys
Kunst-Anschauungen anführten.
Einen Tag später, am 25. März 1870, nimmt Dostojewsky das Thema seines
Romans in einem Briefe an Apollon N. Maikow, seinen ältesten und durch
Bande persönlicher Freundschaft mit ihm verknüpften Jugendbekannten,
wieder auf, dem er mehr über seine Pläne anzuvertrauen sich gedrungen
fühlt. Nach einer Entschuldigung über sein langes Schweigen beginnt der
Dichter mit der Aufzählung der ihn hindernden Leiden in der Fremde:
»Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit und die Ängstlichkeit,
welche durch die Vereinsamung entstanden ist. Angst um die Gesundheit;
ich hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmässig, und ich
habe keinen Schlaf. Ich ging also doch zu einem Arzt, einem der
berühmten Professoren; er hat mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur
Nerven, aber diese sind arg zerrüttet. Im Sommer sollte man von Dresden
weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa, ein wenig baden. Auch für
die Frau wäre es gut -- besser als alles wäre, ohne Widerrede, die Luft
der Heimat; und alles, was Sie mir darüber in Ihrem Briefe sagten, ist
goldene Wahrheit, Wahrheit über alle Wahrheiten. Aber, Apollon
Nikolajewitsch, wissen Sie denn nicht, warum ich nicht zurückkehre und
dieses verfluchte Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen
und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis zu einem gewissen
Zeitpunkt kann ich auf keine Weise zurückkehren; und denken Sie denn,
dass ich nicht selbst Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer
Seele nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist es mir denn
heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen?
Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus Fakten, dass meine
Angelegenheiten in ökonomischer Beziehung dort dreimal besser stünden,
als sie hier stehen. Diesbezüglich will ich mich endgiltig mit Ihnen
aussprechen. Ich schwöre Ihnen, teurer Freund, dass ich mich nicht daran
stossen wollte, dass man mich unbedingt in den Schuldarrest setzt -- ich
habe wohl schon anderes in meinem Leben gesehen! Ich sässe ein Jahr ab
und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn das früher (noch vor
fünf Jahren) möglich war, es jetzt -- das weiss ich ganz sicher --
unbedingt unmöglich wäre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein
halbes Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist: arbeiten
könnte ich nichts. Themata habe ich zum Schreiben -- einen Haufen. Über
das Schreiben hier in der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde
thatsächlich abgetrennt, -- nicht vom Zeitalter, nicht von der Kenntnis
dessen, was bei Euch vorgeht -- ich weiss das wahrhaftig besser als Sie,
denn ich lese täglich drei russische Zeitungen, bis auf die letzte
Zeile, und erhalte zwei Monatsschriften -- aber von dem lebendigen Quell
des Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee, sondern von ihrem
Fleisch und Blut. Dieses aber, ach! wie sehr beeinflusst es die
künstlerische Arbeit! Alles dies ist wahr, aber wie soll ich's machen?«
...
Und weiter: »Übrigens werde ich im Sommer ernstlich darüber nachdenken,
wenn sich irgend eine Möglichkeit bietet. Jetzt arbeite ich für den
»Russkij Wjestnik«. Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den
»Hahnrei« in die »Zarjá« gegeben, habe ich mich bei jenen in eine
zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so muss ich für jene
das vollenden, was ich jetzt schreibe. Ja, es ist ihnen auch fest von
mir zugesagt worden; in der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher
Mensch. Das, was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache -- ich habe
das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. Da werden die
Nihilisten und Westler über mich zu schreien anfangen, dass ich ein
Reaktionär bin! Der Teufel sei mit ihnen -- ich aber will mich bis aufs
letzte Wort aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich stecke?
Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg haben oder nicht?
Bald scheint es mir, dass es ausserordentlich gut ausfällt und ich aus
einer zweiten Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass
es ganz misslingt.« [Es ist immer von den »Besessenen« die Rede.] »Aber
lieber ist es mir, ich falle ganz durch, als ich habe einen
mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir eins mit einem Knüttel aufs Haupt
versetzt mit Ihrer Bemerkung über die »Anstrengungen der
Vorstellungskraft«, die Sie im »Hahnrei« gefunden haben. Was hat mir das
für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne Hoffnung auf Erfolg ist
es unmöglich mit Feuer zu arbeiten. Ich aber arbeite mit Feuer --
folglich hoffe ich.«
Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung der
geschäftlichen Lage des Dichters, welche mit den Worten beginnt:
»Indessen aber bin ich jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister
Micowber). Kein Heller Geld« usw. Dann fährt er fort: »Das, was ich
jetzt für den »Russkij Wjestnik« schreibe, vollende ich sicherlich in
drei Monaten. Dann, nach einem Monat Pause, würde ich mich zur Arbeit
für die »Zarjá« setzen. Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts
gearbeitet (den »Hahnrei« zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet
mich jetzt. Über dem, was ich für den »Russkij Wjestnik« schreibe, werde
ich nicht abgespannt werden; dafür verspreche ich der »Zarjá« eine gute
Sache.
Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die »Zarjá« in meinem Kopfe
reift. Es ist dieselbe Idee, über welche ich Ihnen schon geschrieben
habe: dies wird mein letzter Roman sein. Der Umfang von »Krieg und
Frieden«; die Idee würden Sie gut heissen -- soweit ich wenigstens nach
meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse. Dieser Roman wird aus
fünf grossen Erzählungen bestehen, jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen
werden von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede einzelne
verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme ich eben für
Kaschpirew [die »Zarjá«]; hier ist die Handlung aus den vierziger
Jahren. Der gemeinsame Titel ist: »Das Leben eines grossen Sünders«,
aber jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die Hauptfrage,
welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, mit der ich mich,
bewusst und unbewusst, mein Leben lang herumgequält habe -- das Dasein
Gottes. Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald ein
Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder Atheist.
Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen. Auf diesen zweiten
Teil habe ich alle meine Hoffnungen gesetzt. Vielleicht sagt man dann
endlich, dass ich nicht nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein
will ich beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung
Tichon Zadonsky[28] als Hauptfigur hinstellen, natürlich unter einem
anderen Namen, aber auch als Oberpriester, der seinen Ruhestand im
Kloster verlebt. Ein 13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines
Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt (ich kenne
diesen Typus), der künftige Held dieses Romans, wird von den Eltern im
Kloster untergebracht (unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts
wegen. Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon zusammen
(Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes Wesen). Hierher auch, setze
ich Tschaadajew[29] (natürlich auch unter anderem Namen). Warum soll
Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er habe es
nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die Ärzte jede Woche
begutachteten, nicht ausgehalten und z. B. im Ausland in französischer
Sprache eine Broschüre gedruckt -- es wäre ja sehr möglich, dass man ihn
dafür auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew können auch
andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., Granowsky, sogar Puschkin.
(Ich habe ja, wie Sie wissen, keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus
in den Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, Golubow und
der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich ein Kenner, ich kenne das
russische Kloster von Kindheit an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon
und der Kleine. Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles
mit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen voraus, mir ist, als
müsste ich mich schämen; Ihnen aber beichte ich. Für andere mag das
keinen Groschen wert sein, für mich ist's ein Schatz. Über Tichon
sprechen Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben,
aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich da eine grossartige,
unbedingt heilige Figur aus. Das ist schon kein Kostanschoglo[30], kein
Deutscher (habe den Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows
und Rachmetows[31]. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, sondern nur
den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor langer Zeit mit Entzücken
in mein Herz genommen. Aber ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als
eine wichtige That anrechnen. Sagen Sie's also niemand.
[Fußnote 28: Bischof von Woronesch, ein als Heiliger verehrter Mönch.]
[Fußnote 29: Der bekannte Oberst Tschaadajew, welcher das Heil für
Russland in der katholischen Idee findet und seine Gedanken über
Russlands Mangel an Originalität in einem philosophischen Briefe an eine
Dame niederlegte.]
Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss ich in Russland sein.
Ach, wenn es gelänge! Die erste Erzählung aber -- bringt die Kindheit
des Helden. Natürlich nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat
begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde schreiben; ich
schlage dies der »Zarjá« vor. Sollten sie ablehnen? Ja, und 1000 Rubel,
Gott weiss, wie wenig das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln,
werden sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist's ihre
Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben und so schnell als
möglich um Entscheidung gebeten. Sonst muss ich ohne Verzug etwas
anderes unternehmen« usw.
Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines »letzten Romans«
[der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow
»beichtet«, in Verbindung mit seinen früheren Andeutungen über den
Atheismus und dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman
Dostojewskys »Die Brüder Karamasow«, empfangen wir ein ziemlich
deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die
Ausführung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh
jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil
wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel
versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden erst Atheist,
dann frommgläubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er
indessen niemals ganz ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters
als auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte,
hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von
des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden
Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der
Besprechung dieses Werkes zurück. Aber auch schon in den ersten Teilen
des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden
Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. Die
»Verderbtheit« des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman
verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Sünde sündigen, sodass
uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die
Verkörperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese
bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über die Kinder
und der Teufelshallucination, während Sosima die beglückende Synthese in
sich darstellt. In den »Memoiren aus einem Totenhause« hat Dostojewsky
den Eindruck der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der
Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag
vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es
nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen
Karamasowschen Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene
Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde nicht sofort
an Aljoscha erinnert?
[Fußnote 30: Aus Gogols »Tote Seelen«.]
[Fußnote 31: Die Hauptpersonen in Tschernyschewskys Roman »Was thun?«]
Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: Ȇber den Nihilismus
ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener,
die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen
Sie was? Mir kommt's oft in den Sinn, dass viele von diesen nämlichen,
niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste,
russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort:
»Potschwenniki« bedeutet genauer: »am nationalen Boden Haftende«; die
Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die
übrigen -- mögen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie
verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie immer!«
-- --
Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: »Ich danke Ihnen für Ihren
Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die
Eigentümlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische
Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so:
wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen
Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng
unentbehrliche Sache ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken
Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten
philosophischen Betrachtung gegenwärtiger und vergangener Dinge (und die
Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich also auch die Kritik, d. h.
seine eigene Arbeit würdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen
und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben,
was die »Zarjá« zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und
die richtige Anschauung dafür hat. Wenn also auch nur dies für Euch
spräche, so wäre das schon ungeheuer viel.
Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflüsse
nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen
Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz,
und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die
unmittelbare Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob
sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, »die ohne Sie auch schon
so gedacht haben«. Das ist nicht richtig.
Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass für die
Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift »Zarjá« ist vor allem ein
Blatt für Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3
Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrücken, damit aber
unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des
Blattes ist, ihre besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese
Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.
Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden Struwe loben!
Wenigstens um der guten Absicht willen. In der Philosophie bin ich etwas
schwach (aber nicht in der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat
mir selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die
Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation aber war mir
hauptsächlich darum interessant, weil ich ahnte, dass dies gerade die
gegenwärtige, neueste Denkweise der deutschen Philosophie sei. Allein
wissen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen
zurückgebliebenen Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und Bogen
bewaffnet, während bei ihnen schon lange das Schiessgewehr im Gang ist.
Was mich betrifft, so habe ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss
gelesen. Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. Ihre
Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen. Das aber, Sie
mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich nicht anders als bemerkt
werden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich
gegen die gegenwärtige Manier des Philosophierens verhalten, und würde
es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was für ein
ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen Litteratur! Die
Unordnung und Verwirrung in den Ideen -- nun, Gott mit ihnen -- die
musste ja kommen; aber dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit,
welche Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter fester
Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein falscher! Was sind das für
Philosophen, was für Feuilletonisten. Der reine Quark. Dafür giebt es
aber Einzelne, welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen -- und so
geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur einmal diese
Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen, und Sie werden
sehen, dass es endlich ihren Ton annimmt. Apropos: wer ist der junge
Professor, der mit seinen Leitartikeln im »Golos« Katkow vollkommen
geschlagen hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? Den Namen dieses
Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn, um alles, so schnell als möglich
teilen Sie ihn mit!«[32]
»Ja, noch eins« -- heisst es im nächsten Briefe -- »ich wollte Sie schon
lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn
kennen, bitte, schreiben Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir
ungemein interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe sehr
wenig über ihn als Privatperson erfahren.
Ich schreibe für den »Russkij Wjestnik« mit grossem Eifer und kann
durchaus nicht erraten, was herauskommt. Noch niemals habe ich ein
solches Thema, niemals etwas in dieser Art aufgenommen. -- Dabei quäle
ich mich mit dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland
einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach, es ist mir so
unerträglich, in der Fremde zu leben, dass ich es gar nicht wiedergeben
kann!
[Fußnote 32: Es ist Gradowsky gemeint.]
Von den mir gesandten 500 Rubeln -- heisst es weiter -- liess ich mir
nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig. Da sind nun aber zwei Wochen
darüber hinaus vergangen; die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt,
alles ist ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind erkrankt,
und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich nicht vorstellen, wie das
auf meine Beschäftigung Einfluss nimmt, von allem anderen gar nicht zu
sprechen. Ich bin manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz
unfähig. Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen 100 Rubel
monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen ist, was wird dann
in der Folge mit den anderen Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es
Sommerszeit, alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich
wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter auf irgend eine
Sendung ausser der »Zarjá« rechnen. Was soll ich also thun? Dann soll
man mir aber keine Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin.
Ich schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit
der Sendung für mich fast wichtiger ist als das Geld selbst. Am Ende
kommt doch irgend welches Geld von irgend wo an; aber die Ruhe, die
Möglichkeit sich von Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der
Arbeit -- kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert« usw. ...
»Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des »Wjestnik Ewropy« in
die Hand bekommen und alle Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist
es denn möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit
-- wenn man etwa die »bulgarische nordische Biene« ausnimmt -- einen
solchen Erfolg haben konnte (6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da
sehen Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine Anpassung
an die Meinung der Gasse, die allerletzte Schablone des Liberalismus!
Das also, heisst das, hat bei uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens
geschickt: am ersten jeden Monats und -- Schriftsteller in Fülle. Ich
habe unter anderem »Die Hinrichtung Tropmans« von Turgenjew
durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein -- mich aber hat dieser
aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. Warum wird er immer
verwirrt und behauptet, kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn
er nur als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. -- Aber kein Mensch,
der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht, sich abzuwenden und das
zu ignorieren, was auf der Erde vorgeht, und dafür giebt es die höchsten
sittlichen Gründe. »Homo sum et nihil humanum« usw. ... das Komischste
von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten Moment es
nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: »Seht, meine Herren, wie
zart ich erzogen bin! Ich habe es nicht aushalten können!« Übrigens
giebt er sich ganz aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis
ist -- eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit getriebene
Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit und die eigene Ruhe, und
das alles angesichts eines abgeschlagenen Hauptes. Speien soll man
übrigens auf sie alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte
Turgenjew für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen
Schriftsteller -- was immer Sie auch »in Sachen Turgenjews« schreiben
mögen. -- Sie müssen schon verzeihen. -- --
Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, sowohl durch
das Stillen des Kindes als durch die Sorgen. Und auch noch diese
Verdriesslichkeiten!«
Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten spricht Dostojewsky (21.
Oktober 1870) seine Freude über den wieder aufgenommenen Briefwechsel
aus: »Niemals habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in
meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im Herbste nach
Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht erfüllt; die Mittel waren
ungenügend. Wir mussten uns entschliessen, sie abermals bis zum Frühling
zu verschieben und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen.
Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich buchstäblich, ohne
den Kopf zu erheben, hinter meinem Roman für den »Russkij Wjestnik«
sitze. Es ging so schlecht von statten, es musste vieles so oft
umgearbeitet werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht
zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um mich zu schauen,
ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben habe. Und das ist ja erst der
allererste Anfang! Allerdings ist schon viel aus der Mitte des Romans
aufgeschrieben, vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, versteht
sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über dem Anfang. Ein schlechtes
Zeichen; und dennoch möchte man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und
Manier müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen; das ist
wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen und suchst sie. Mit einem
Wort, niemals hat mir irgend etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h.
zu Ende des vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine
herausgequälte, gemachte Sache von oben herab. Später kam wirklich
Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung: es tauchte noch eine
neue Persönlichkeit mit der Prätension auf, der wirkliche Held des
Romans zu werden, sodass der erste Held -- eine interessante, doch den
Namen Held nicht rechtfertigende Figur -- auf den zweiten Plan zu stehen
kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass ich abermals an die
Umarbeitung ging. Und nun, da ich schon den Anfang an die Redaktion des
»Russkij Wjestnik« gesandt habe -- bin ich plötzlich erschrocken: ich
fürchte ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht; ernstlich
fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja den Helden nicht aufs
geradewohl eingeführt. Ich habe seine ganze Rolle voraus im Plan des
Romans aufgeschrieben (mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der ganz
und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht aus Erwägungen
besteht. Darum, denke ich, wird eine Persönlichkeit herauskommen, ja
vielleicht eine neue. Ich hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit,
auch irgend etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz
hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben: denn mit
diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit verloren und schrecklich
wenig geschrieben.
Über den »Wjestnik Ewropy« und seine Erfolge ist nichts zu sagen, als
dass es das Blatt der Petersburger Beamten und allen mundgerecht ist (im
trivialen, nicht im populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht
anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky hat mir ungemein
gefallen. Unbestreitbar ist es ein wichtiges Thema: worin die
eigentliche Poesie besteht. Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn
Sie sich darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche,
gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai Nikolajewitsch,
dass das jetzige Publikum lange nicht mehr das ist, was es zur Zeit
unserer Jugend gewesen. Der jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue
auseinandersetzen. Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und
sich viel Nutzen bringen. Übrigens -- was lehre ich Sie denn! Sie sind
mir eben teuer. Nicht umsonst schneide ich zu allererst Ihren Artikel im
Buche auf; der Tag, an dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist
ein Feiertag für mich.
Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser Gesundheit nicht rühmen
-- das ist das Zuwidere! Jetzt kommt für mich ein Winter angestrengter
Arbeit bei Tag und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt
haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten: nämlich ohne
aufzuatmen -- sonst kommt man nicht zu Ende. Ich führe ein langweiliges
und äusserst regelmässiges Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang,
lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner Meinung werden
alle diese gegenwärtigen, erschütternden Ereignisse eine unmittelbare
Einwirkung auch auf unser russisches Leben haben, also auch auf die
Litteratur. In jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke
nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung
verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem Falle gewinnen; aber wenn
man liest, z. B. russische Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade
das alles frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den »Moskowskija
Wjedomosti« natürlich. Werden Sie mir nicht irgendwie antworten, teurer
Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken werden Sie mich. Ich aber verspreche,
dass ich pünktlich sein werde.«
Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der Dichter seine Klage
über die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit des Romans zu bekämpfen
habe. Es ist dies der Roman »Die Besessenen«, dessen wir schon
wiederholt erwähnten.
Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem Wege zu
brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück Arbeit
aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder
grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen
musste. Er musste, um seine Geissel so hart und schwer als
möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der
»Gottlosen« niedersausen zu lassen, diesen »Besessenen« auch
jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie
entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren
Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche
Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein Leben lang den
göttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und
zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das
dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens
konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen
erfüllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten
Teil und am Ende, künstlerisch grosse Schönheiten auf, von den
tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem
Ergebnis führen, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der
sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord
seinen Abschluss findet.
In den Mund Stepan Trofimowitsch', den geistreich-sentimentalen
Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten Figuren des
Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne
thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses
grosse, eitle, >genialische< Kind in einer fremden Herberge
erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden
Frauenzimmer gepflegt wird, das er >ma chère innocente< oder
>chère et incomparable amie< nennt, da fällt ihm plötzlich ein,
sie solle ihm »von den Säuen« vorlesen; »de ces cochons« -- »ich
erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind
ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen,
warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich
es haben.« -- -- Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem
Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor
sein Werk gesetzt hat:
»Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der Weide auf dem
Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen
zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.
Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Säue; und
die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.«
»Meine Freundin,« sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in
grosser Aufregung, »savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche
Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses
.... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit
meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke
gekommen -- une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele
Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt unser Russland.
Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Säue fahren, das
sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel
und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren
Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit
Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que
j'aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille
beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es
werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit,
all' diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche angefault
hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Säue zu
fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das
sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec
lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen
und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen und werden
alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja
nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, »sitzen zu
den Füssen Jesu« ... und alle werden es mit Verwunderung schauen
... Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber erregt mich das
alles sehr ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons
ensemble.
Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im Auslande zurück und
nehmen nur die markantesten Stellen einzelner Briefe hier heraus. Da ist
noch am Schlusse des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die
Stelle: »Turgenjews >König Lear< hat mir gar nicht gefallen. Ein
aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. Ich sage das nicht aus Neid,
weiss Gott!«
In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 finden wir ausser den
uns bekannten geschäftlichen Erörterungen am Schlusse eine Stelle,
welche als Illustration von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in
Dingen der europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir den
Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf mit den Schweizern
höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst gegen Deutsche und
Deutschland, so lange er dort lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal
der Franzosen anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das ganz
subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf dem, allerdings
einheitlichen, Untergrunde des »Nichteuropäers«. Er spricht zuerst von
seiner Heimkehr, die sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr
erwarten können, und fährt fort:
»Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft noch alles
furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet, wie sehr das von hier
aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie wüssten, was für einen blutigen Hass,
bis zum Abscheu, Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat!
Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über Europa! Nun, ist
jener Russe nicht ein Säugling (das sind aber fast alle), welcher daran
glaubt, dass der Preusse durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar
schamlos: eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine
Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?).
Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist der Nation gegen
die brutale Macht erhebt? Daran habe ich von allem Anfang an nie
gezweifelt; und wenn sie dort keine Böcke schiessen, indem sie Frieden
schliessen, sondern noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen
hinausgejagt und dann -- welche Schande! Da hätte man viel zu schreiben
-- und ich könnte Ihnen viel Interessantes aus eigener Anschauung
mitteilen: z. B. wie die Soldaten von hier aus nach Frankreich
aufbrachen, wie man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und
fortführt. Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein zum
Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt, sie
einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also um ein paar Groschen
Einrichtungsstücke), wird, da sie eigene Möbel hat, verpflichtet, auf
ihre Rechnung zehn Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben
drei Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber das kommt sie
ja auf 20-30 Thaler. -- Ich selbst habe einige Briefe von jungen
deutschen Soldaten, die vor Paris standen, an ihre hiesigen Angehörigen
(Krämer, Marktweiber) gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind sie
krank, wie hungrig!
Es wäre viel zu erzählen. Unter anderem folgende Beobachtung: Anfangs
wurde die Wacht am Rhein sehr oft auf der Strasse in der Menge gesungen
-- jetzt gar nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brüsten sich die
Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber -- nicht besonders;
sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen an jedem Abend in der Lesehalle.
Einer mit einem schneeweissen Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter,
schrie vorgestern sehr laut: »Paris muss bombardiert werden!« Das sind
die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht der Gelehrsamkeit, so --
der Dummheit. Mögen sie Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche
Dummköpfe! Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann lesen und
schreiben, ist aber unglaublich ungebildet, dumm, stumpf, von den
untergeordnetsten Interessen erfüllt« usw.
Im nächsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen Kritiken fort und
es fällt dabei ein Streiflicht auf Russlands Verhältnis zu Frankreich,
das wegen seiner heute völlig veränderten Gestalt einen Kommentar zu den
Ironieen der Geschichte zu bieten vermöchte. Es heisst da (30. Januar
1871): »-- -- Was Sie über unsere Gesellschaft sagen, habe ich mit
Kummer in Ihrem Briefe gelesen; und was man von den deutschen
Angelegenheiten denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug
kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte wollen sie
Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie sich ihn und seine
Nachkommenschaft für alle Ewigkeit zu Sklaven machen wollen, ihm aber
dafür die Erbfolge sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht -- das
ist klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung tagen
wird, so werden sie dieselbe durch die Unmässigkeit ihrer
(ausgeklügelten) Forderungen zwingen, damit nicht einverstanden zu sein
und dann -- werden sie den Napoleon proklamieren.
Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums: >Wer zum Schwert greift,
wird durch das Schwert umkommen?< Nein, was durch das Schwert aufgebaut
ist, wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie »Jung Deutschland«.
Umgekehrt -- es ist eine Nation, die ihre Kraft verbraucht hat -- denn
nach einem solchen Geist, nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee
des Schwertes, des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal
ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darüber mit korporalsmässiger
Grobheit lachen, was ist das anders. Nein, das ist eine tote Nation,
eine Nation ohne Zukunft. Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie,
glauben Sie mir, nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest
erstehen sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert wird von
selbst fallen.
Und noch das: Die materielle Erschöpfung Deutschlands ist so gross, dass
es kaum mehr vier Monate Widerstand aushalten wird. Wenn sie von
Frankreich zurückkommen, werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schön
thun! Übrigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie schon früher
gröblich verschnappen.
Gott schütze den Zar und Russland -- aber für Europa ist die Zukunft
wirklich kritisch.«
Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren Seite von
Dostojewskys vaterländischer Thätigkeit zu. In einem Briefe vom 14. März
1871 an Apollon Maikow sagt der Dichter: »Ihr schmeichelhafter Ausspruch
über den Anfang meines Romans hat mich in Entzücken versetzt. Gott, wie
habe ich gefürchtet und wie fürchte ich noch! Wenn Sie dies lesen,
werden Sie wahrscheinlich auch schon die zweite Hälfte des ersten Teils
im Februarheft des »Russkij Wjestnik« gelesen haben. Was werden Sie
sagen? Ich fürchte, ich fürchte. Was das weitere anbelangt, so bin ich
einfach in Verzweiflung, ob ich's zurecht bringe. -- Nebenbei gesagt:
das Werk wird ja im ganzen vier Teile haben -- 40 Bogen. Stepan
Trofimowitsch wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar nicht von
ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng mit den übrigen (Haupt-)
Vorgängen des Romans verknüpft, und darum habe ich ihn gleichsam zum
Eckstein des ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch im
vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird das sehr originelle Ende
seines Schicksals Platz finden. Für alles andere stehe ich nicht, aber
für diese Stelle verbürge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen,
wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.]
Aber ich wiederhole noch einmal, ich fürchte mich, wie eine geschreckte
Maus. Die Idee hat mich berückt, und ich habe sie furchtbar
leidenschaftlich erfasst. Komme ich aber durch, oder ist der ganze Roman
ein .....? Das ist das Elend.
Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt verschiedene
Glückwunsch-Schreiben über den Anfang erhalten habe. Das hat mir sehr,
sehr viel Mut gemacht. Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich
gerade heraus, dass Ihre Äusserung mir wertvoller ist als alles andere.«
Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die erste Hälfte des
ersten Teiles gelesen hatte, worin eben Stepan Trofimowitsch die
Hauptrolle spielt. »Erstens« -- fährt Dostojewsky fort -- »werden Sie
mir ja nicht schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung
ein genialer Gedanke hervorgesprungen: »Das sind Turgenjews Helden im
Alter«. Das ist genial! Während ich schrieb, dämmerte mir selbst etwas
Ähnliches. Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit einer Formel
bezeichnet. Ich danke Ihnen für diese Worte. Sie haben mir das ganze
Werk beleuchtet.
Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frühling heimzukehren, da
werden wir was plaudern!«
In einem Briefe vom 18. (30.) März schreibt der Dichter an Strachow:
»Wenn ich lange keine Anfälle gehabt habe und sie sich plötzlich wieder
entladen, so folgt darauf eine ungewöhnliche seelische Herabstimmung. Da
bin ich am Rande der Verzweiflung. Früher hat diese Schwermut etwa drei
Tage nach einem Anfalle gedauert, jetzt aber hält sie sieben, acht Tage
an, obwohl die Anfälle selbst in Dresden seltener auftreten, als
irgendwo sonst. Zweitens plagt mich der Kummer über meine Arbeit. Es ist
nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe. Ich muss nach Russland, wenn
ich auch das Petersburger Klima ganz entwöhnt bin. Immerhin, koste es
was es wolle, ich muss heimkehren .....
Sie können sich nicht vorstellen, was für traurige und schwere Gedanken
mich beim Lesen Ihres Briefes bedrängt haben. Was heisst denn das?
»Alles das, wodurch die »Zarjá« originell war, alles, was ihr vor allen
anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles das hat man
als ein Hindernis für ihren Erfolg erkannt. Und das ist die einzige
russische Zeitschrift, in der sich noch die reine litterarische Kritik
erhalten hat! Gerade darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben
jetzt nötig. Sie hat der »Zarjá« ihre Physiognomie verliehen. Vor dem
Gerede und Gespötte haben sie Angst bekommen! Im Gegenteil; in jeder
Nummer hätten sie auf ihrer Idee bestehen sollen, und ihrer wäre die
Zukunft gewesen. Ich weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe
jedesmal nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten und
mich daran berauscht. Es versteht sich, dass ich manchmal nicht ganz
einverstanden war (so z. B. mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer
allzugrossen Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrössern gewisser
Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) -- aber mein Interesse
daran war immer ein ausserordentliches. Ihr Artikel über Karamsin ist so
tief und so männlich offen, dass ich hier eine helle Freude darüber
hatte, dass bei uns noch solche Stimmen zu hören sind. Sie haben mir, so
nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo etwas darüber gelesen und,
so weit auch ich selbst urteilen kann, scheint es so, dass man den
Artikel reaktionär findet. Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?«
In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der Dichter eingehend
über Strachows Verhältnis zur »Zarjá«, erteilt ihm litterarische
Ratschläge und schliesst: »Abermals wiederhole ich, dass ich mit grosser
Sehnsucht, ja mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den
früheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier muss ich aber noch
eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn sich die Gelegenheit dazu böte,
mit niemand von meiner baldigen Zurückkunft als einer Gewissheit. Ich
möchte gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr von den
Gläubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte es, dass sie gleich auf
mich losstürzen; ich fürchte das aber, weil ich kein Geld habe, sondern
nur Erwartungen. -- Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch,
oder mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur -- weil ich
Russland brauche. Um jeden Preis muss ich zurück. Mir scheint, ich werde
in der Mitte des Sommers bei Euch auftauchen. Welche Umstände aber mit
der Übersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit meinem jungen
Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso jungen Gattin zurückkehre, so
ist's doch auch mit Kindern! Ein Geheimnis: das eine ist 1½ Jahre alt,
das zweite aber noch XYZ. Was werden das für Beschwerden auf der Reise
sein!«
In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April (a. St.) 1871,
welcher zumeist geschäftlichen Inhalts ist, spricht er ebenfalls über
die Nötigung der Heimkunft, welche aber durch die im August zu
erwartende Niederkunft Anna Grigorjewnas abermals verzögert werden
könnte. Er hat sich an die Redaktion des »Russkij Wjestnik« gewendet, um
1000 Rubel Vorschuss für die Übersiedelung zu erlangen. Nun schickt man
ihm allerdings einiges Geld für die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber
bittet man ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: »Indessen ist
es ja geradezu unmöglich zu warten. Anfangs August soll meine Frau in
die Wochen kommen; darum ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor
der Niederkunft zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren
Falle ist es sogar unmöglich. Bedenken Sie, dass wir ohne Dienerin und
mit einem kleinen Kinde reisen müssen. Nach der Geburt hier bleiben, ist
aber auch unmöglich; man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im
Oktober reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist schon das
allerunmöglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna schon ganz umbringen,
durch die Verzweiflung, deren sie nicht Herr werden könnte; denn sie ist
thatsächlich vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehr ein Jahr
ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier bleibe, aus mir bekannten
Ursachen nicht imstande sein, den Roman zu beenden, und kann in
geschäftlicher Beziehung noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde
ich Ihnen beim Wiedersehen erklären.
-- -- Dabei habe ich folgende Schlüsse gezogen, Schlüsse, die Sie
sicherlich ebenfalls kennen, von deren Wahrheit Sie aber noch nicht
vollständig durchdrungen sind, wie auch ich es bis in die allerletzte
Zeit nicht gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der grossen
Umwälzungen, von den staatlichen angefangen bis zu dem Kreise des rein
Litterarischen, ist bei uns die allgemeine Bildung und Erkenntnis auf
einige Zeit zersplittert, zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich
eingebildet, dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur
(gleichsam einem Spielzeug; was für eine Bildung!) zu befassen, und es
ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller litterarischen
Bedürfnisse schrecklich tief gesunken, sodass jeder Kritiker, der etwa
bei uns auftauchen sollte, jetzt gar nicht die richtige Wirkung
hervorrufen würde. Dobroljubow und Pissarew haben gerade darum Erfolg
gehabt, weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen -- das ganze
Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann man das unmöglich,
sondern man muss gleichwohl in seiner kritischen Thätigkeit fortfahren.
Verzeihen Sie mir also den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren würde.
Sie sprachen in einer Ihrer Broschüren eine herrliche Idee aus und, was
die Hauptsache ist, es geschah dies zum erstenmale in unserer
Litteratur. Es ist diese: dass jedes halbwegs bedeutende und wirkliche
Talent bei uns -- immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefühl
zuwandte, volkstümlich, slavophil wurde. So hat der Geck Puschkin
plötzlich, früher als alle Kirejewskys und Chomjakows, den
Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen, d. h. früher, als alle
Slavophilen, ihre ganze Wesenheit ausgedrückt und -- nicht genug an dem
-- er hat dies unvergleichlich tiefer ausgedrückt, als sie alle es bis
auf den heutigen Tag gethan haben.
Sehen Sie hingegen Herzen an -- fährt der Dichter fort -- wie viel
Sehnsucht und Bedürfnis, auf diesen Pfad zurückzukehren, und welches
Unvermögen dazu, infolge seiner widerwärtigen persönlichen
Eigenschaften! Noch mehr; dieses Gesetz der Rückkehr zum Nationalen kann
man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen Faktoren
verfolgen, sondern in allen anderen Thätigkeiten; derart, dass man
zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus entwickeln könnte. Nämlich: Wenn
ein Mensch wirklich Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer
schon verwitterten Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden;
wenn er aber thatsächlich kein Talent hat, so wird er nicht nur in der
verwitterten Schichte verbleiben, sondern sich verpflanzen, katholisch
werden usw. -- -- Belinsky (den Sie heute noch schätzen) war gerade
durch sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum Russland
verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefügt (von Belinsky wird man
noch einmal vieles zu sagen haben, Sie werden es schon sehen). Allein
die Sache ist die, dass in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel
Kraft liegt, dass sie unbedingt für sich allein und speziell ausgeführt
werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel über dieses Thema, entwickeln
Sie es im Einzelnen. Man wird sich gewiss darüber freuen. Es wird
dieselbe Kritik sein, nur in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufsätze
im Jahre, und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird das
Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie in einen Kreis
getreten sind, wo man Sie besser versteht. Die Hauptsache ist: wozu die
Litteratur aufgeben?