gestaltet. -- Hören Sie, was ich Ihnen noch über Ihre letzte Beurteilung
meines Romans sagen will. Erstlich haben Sie mich für das, was Sie Gutes
darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie ungemein fein
auf meine Hauptmängel hingewiesen. Ja, ich habe darunter gelitten und
leide darunter; ich verstehe bis heute nicht (ich hab' es nicht
gelernt), meine Mittel richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner
Romane drängen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass noch
Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich richtig
ausgesprochen. Und wie habe ich selbst schon viele Jahre darunter
gelitten, da ich es selbst erkannte!«
Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote einen Abriss seines
kritischen Briefes an Dostojewsky, der im wesentlichen unseren Eindruck
vom Roman »Die Besessenen« bestätigt. Er lautet:
»Im zweiten Teile der »Besessenen« sind wunderbare Dinge
enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in
einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und
scharf gezeichnet. Die Erzählung der Verrückten, die Szene in der
Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow -- das sind
lauter Perlen künstlerischer Vollendung. Allein der Eindruck auf
das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. Es sieht
dies Ziel der Erzählung nicht und verliert sich in der Menge der
Personen und Episoden, deren Verknüpfung ihm nicht klar ist.
Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese unangenehmen Urteile
schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf gekommen, Ihnen Ratschläge
zu erteilen, und ich kann mich dieser Dummheit nicht enthalten,
welche ich als den Ausdruck meines sehr grossen Interesses an
Ihrer Thätigkeit hinzunehmen bitte.«
»Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der
Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist im
Vergleich mit Ihnen einförmig. Das hindert nicht, dass über
allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit
ausgebreitet ist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil
für ein ausgewähltes Publikum und Sie füllen Ihre Schöpfungen zu
sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wäre das Gewebe Ihrer
Romane ein einfacheres, so würden sie stärker wirken. »Der
Spieler« zum Beispiel und »Der Hahnrei« haben die klarsten
Eindrücke hervorgerufen, während alles, was Sie in den »Idioten«
gelegt haben, verloren ging.«
Diesem Urteil Strachows können wir nur hinsichtlich der zwei
zuerst genannten Werke beipflichten. Über den »Idiot« haben wir
weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen.
»Dieser Mangel« -- fährt Strachow in jenem Briefe fort -- »steht
natürlich mit Ihren Vorzügen in enger Verbindung. Ein geschickter
Franzose oder Deutscher würde sich, hätte er den zehnten Teil
Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphären berühmt machen und als
Leuchte ersten Grades in die Geschichte der Weltlitteratur
einführen. Das ganze Geheimnis liegt, scheint mir, darin, dass
die Schöpferkraft geschwächt, die Schärfe der Analyse reduziert
werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und hundert Szenen sich
mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen bescheiden sollte.
Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein es scheint mir,
dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht zu schalten, es
nicht für die grösste Wirkung auf das Publikum zuzubereiten
wissen. Ich fühle, dass ich hier an ein grosses Mysterium rühre,
dass ich Ihnen einen höchst unsinnigen Ratschlag vorlege -- den,
dass Sie aufhören Sie selbst, aufhören Dostojewsky zu sein.
Allein ich denke, dass Sie in dieser Form meine Gedanken dennoch
verstehen werden.«
Man kann Dostojewskys Fehler und Mängel nicht klarer und prägnanter
kennzeichnen, als dies hier Strachow thut. Allerdings geschieht dies nur
nach der positiven Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des
Dichters übergrossem Reichtum an seelischer Nüancirung hervorquellen.
Was uns als Mangel erscheinen muss, das Fehlen jeder Teilnahme für die
Reize und Gewalten der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des
Menschen entströmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung, das
hat der Kritiker nicht berührt und er hat Recht damit gethan. Er mochte
wohl fühlen, dass diese Mängel zu jenen gehören, welche am innigsten mit
unserer Lebenswurzel verflochten sind und nicht genannt werden dürfen,
weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt, sie von sich zu
lösen, sie selbst zu sehen. Für uns Fernerstehende müssen diese Mängel
als das erscheinen, was sie sind: ein Übergewicht des inneren Realismus
über den äusseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem der
Fehler des Stoff-Aufhäufens als sichtbare Folge hervortritt. Uns fehlen
in Dostojewskys Schöpfungen wohl niemals die tiefen und geheimnisvollen
Anlässe in den Handlungen seiner Charaktere, wohl aber fast immer die
äusseren und äusserlichen Bindeglieder und sinnlichen Übergänge, wie sie
unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven so reichlich verarbeiten. Diese
Mängel nun scheinen den Dichter keineswegs gestört zu haben. Ein anderes
ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr quälte.
»Es giebt aber noch ein Schlimmeres,« fährt er in jenem Briefe an
Strachow fort, »ich mache mich, ohne meine Mittel zu berechnen, und nur
vom poetischen Zuge hingerissen, daran, einen künstlerischen Gedanken
auszudrücken, dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist die Kraft der
poetischen Begeisterung immer, z. B. bei Victor Hugo, stärker als die
Mittel zur Ausführung. Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser
Zweiheit erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. -- Ich füge hinzu, dass
die Übersiedelung und eine Menge von Beschwernissen diesen Sommer über,
dem Roman sehr schaden werden.«
Der nächste und letzte Brief aus der Fremde fällt in die Zeit der
Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit, einen jener Aussprüche des
Dichters über Sozialismus und Kommunismus zu hören, wie er sie breiter
und ausführlicher in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in seinen
letzten Tagebuchnotizen und seinen »Winterlichen Bemerkungen über
Sommer-Eindrücke« ausgesprochen hat, wovon wir weiter unten einige
bedeutsame Stellen folgen lassen. Der Brief lautet:
»Dresden, 18. (30.) Mai 1871.
Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch!
Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit Belinsky angefangen!
Das habe ich vorausgeahnt. Aber sehen Sie doch nach Paris, auf die
Kommune. Sind Sie wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder
nicht gelungen sei wegen Unzulänglichkeit der Menschen, der Umstände?
Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch träumt diese Bewegung entweder
von einem Paradies auf Erden (vom Phalanstère angefangen), oder sie
zeigt, knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes Unvermögen,
auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen. Im wesentlichen ist's
immer wieder derselbe Rousseau und der Traum, die Welt mittels des
Verstandes, der Erfahrung aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es
sind doch, scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass
ihr Unvermögen, ein neues Wort zu sagen, keine zufällige Erscheinung
ist.
Sie schlagen Köpfe ab -- warum? Einzig und allein darum, weil das das
leichteste von allem ist. Irgend etwas sagen ist unvergleichlich
schwerer. Der Wunsch nach einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie
wünschen das Glück des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des
Rousseauschen Wortes »Glück« stehen, d. h. bei einer Phantasie, welche
nicht einmal von der Erfahrung bestätigt worden. Der Brand von Paris ist
eine Ungeheuerlichkeit. »Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt
untergehen.« Denn die Kommune steht höher, als das Glück der Welt und
Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen anderen) diese
Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit, sondern als _Schönheit_. Und
so hat sich im neuen Menschengeschlecht auch die ästhetische Idee
getrübt. Die sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus
entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag sich selbst
nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren Wünschen und Idealen.
Sind denn endlich, jetzt, nicht genug Fakten vorhanden, um zu zeigen,
dass man nicht auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht
diese Wege zum Glück führen und dass es nicht von daher komme, wie sie
bis heute meinten? Woher denn? Sie werden viele Bücher schreiben, die
Hauptsache aber auslassen: Im Westen hat man Christum verloren und darum
sinkt der Westen, einzig und allein darum.
Das Ideal ist ein anderes geworden -- wie klar ist das! Und das Sinken
der päpstlichen Macht zugleich mit dem Sinken der römisch-germanischen
Welt (Frankreichs und der anderen) -- welch' ein Zusammentreffen!
Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, allein, was
ich im besonderen sagen will, ist dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und
diese ganze .... jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben
wir nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden noch
warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird die Herrschaft
antreten und die Gesellschaft wird sich auf gesunden Grundlagen neu
aufrichten und glücklich sein. Sie würden es nie zugeben, dass man,
betritt man einmal diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der
Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie auch jetzt nach
den Ereignissen nichts zugeben, sondern weiter träumen würden. Hier habe
ich Belinsky viel mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens
getadelt, denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste,
schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige Entschuldigung
liegt -- in der Unvermeidlichkeit dieser Erscheinung. Und ich versichere
Sie, Belinsky würde sich jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht
darum ist es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor allem
französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der Nationalität in sich
bewahrte. Darum muss man ein Volk auffinden, in dem kein Tropfen
Nationalität enthalten und das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche
zu versetzen, wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen würde er
sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel schreiben, Russland
beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen (Puschkin) verleugnen -- um
Russland endgiltig zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre,
an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. Den
Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde er hocherfreut
annehmen.
Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber habe ihn gekannt
und gesehen und habe ihn jetzt völlig ergründet. Dieser Mensch hat mich
einen ...... geschmäht, indessen aber war er niemals fähig, sich selbst
und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend an die Seite zu
stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu werden, wieviel kleinlicher
Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber
hauptsächlich Selbstsucht in ihm selbst und in ihnen enthalten sei.
[Diese Stelle des Briefes wurde schon weiter oben Seite 60 angeführt, wo
sie uns zur Beleuchtung von des Dichters Stellungnahme sehr wichtig
schien.] Er hat sich niemals gefragt: »Was werden wir denn an seine
Stelle setzen? Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich
niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er war im
höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war schon eine abscheuliche,
schändliche, persönliche Stumpfheit. Sie sagen, er sei talentvoll
gewesen. Durchaus nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn
gelogen! Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, als ich
einigen seiner rein künstlerischen Urteile lauschte (z. B. über die
toten Seelen): er hat sich gegenüber den Typen Gogols bis zur
Unmöglichkeit oberflächlich verhalten und war nur bis zum Entzücken
erfreut darüber, dass Gogol betrog.
Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken durchgelesen. Er
hat Puschkin getadelt, als dieser seinen falschen Ton fahren liess und
mit den Erzählungen Bjelkins und seinem »Arap« hervortrat. Er hat mit
Verwunderung die Nichtigkeit von »Bjelkins Erzählungen« verkündet. Er
hat in der Erzählung Gogols »Die Kutsche« keine künstlerisch
zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung, sondern nur eine spasshafte
Geschichte gefunden. Er hat den Schluss des »Eugen Onjegin« abgelehnt.
Er hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei ist das aber
nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung »Drei Porträts« ausgesprochen.
Ich könnte Ihnen solcher Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um
Ihnen die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines »empfänglichen
Vibrirens« zu beweisen, von welchem Grigorjew gefaselt hat (weil er
selbst ein Dichter war). Über Belinsky und über viele Erscheinungen
unseres Lebens urteilen wir heute noch durch eine Menge
ausserordentlicher Vorurteile hindurch.
Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel geschrieben? Ich
habe ihn gelesen, wie alle Ihre Arbeiten -- mit Begeisterung, allein
auch mit ein klein wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die
Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, was er über
manche Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (sie jedenfalls
nicht ernst nimmt), so hätten Sie auch gestehen sollen, dass seine
grosse künstlerische Befähigung in seinen letzten Werken zurückgegangen
ist und zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist als
Künstler sehr zurückgegangen. Der »Golos« meint, dies sei darum der
Fall, weil er im Auslande lebe; allein der Grund liegt tiefer. Sie aber
sprechen ihm auch nach seinen letzten Werken seine frühere
Künstlergrösse zu. Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht
(nicht in meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres
Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt -- -- Aber
wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! Sie hat alles
gesagt, was sie zu sagen hatte (grossartig bei Leo Tolstoj). Allein
dieses, im höchsten Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein
neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch nicht gegeben,
war auch noch nicht möglich. Die Rjeschotnikows[33] haben nichts
verkündet; aber immerhin drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend
etwas Neuem in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht mehr
landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche Weise thun.
Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. Ich habe
keine Vorstellung darüber, wann ich zurückkomme (unter uns: ich trachte
in einem Monate). Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse,
dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich und unsinnig.
Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es eine Schande sein wird
(habe schon angefangen zu pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird
doch was Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist meine
jetzige Devise.«
[Fußnote 33: Rjeschotnikow war ein Bauernsohn, der Schriftsteller wurde
und Bauernerzählungen schrieb. Er starb in jungen Jahren.]
Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: »-- -- Ich meine nur im
allgemeinen, dass es für die Zeitschriften nicht übel wäre -- wenn auch
nur eine den Anfang machte -- sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die
»Zarjá« nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich weiter
mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere Ressorts. Sicherlich
könnte das gelingen. Schade, dass ich Ihnen nicht sofort meine Ideen
darüber entwickeln kann!«
X.
Petersburg; die letzten zehn Jahre.
(1871-1881.)
Mit der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen Ansiedelung in
Petersburg tritt des Dichters Leben in seine letzte, seine bedeutendste
Phase. Gleich einer Dichtung, die ein Meister vollendet, wo sich das
Wesenhafte immer deutlicher und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur
letzten Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich nach
dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist aber nicht in einem
behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen Abschliessens zu verstehen,
sondern in echt Dostojewskyscher Art: durch alle Lebensunruhe und allen
Temperamentskampf, durch schwere körperliche Störungen hindurch der
Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende Einheit in leidenschaftlich
bewegter Vielheit war.
Das Debut in der Heimat war freilich trübe genug. Anna Grigorjewna
erzählt uns, dass sie nach Begleichung der Dresdener Schulden und der
Reisekosten mit einer Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg
ankamen, und das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft,
mehrere kostbare Gegenstände, Pelze usw. wiederzufinden, die man für sie
aufbewahrt oder versetzt hatte -- sie waren verfallen. Auch eines
Hausanteiles, auf welchen sie von mütterlicher Seite her Anspruch hatte,
war sie durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass es nun
hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten, vor allem den
letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch legte von nun an den
administrativen Teil seiner Geschäfte in die Hand seiner Gattin, was den
endlichen glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse zur Folge hatte.
Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die wir hier folgen
lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna Dostojewskaja eine neue Ausgabe
von des Dichters Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte:
Im Januar 1873 erschienen »Die Besessenen« in 3500 Exemplaren, im Januar
1874 der »Idiot« in 2000 und im Dezember 1875 erschienen die »Memoiren
aus einem Totenhause« in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 »Schuld und
Sühne« in 2000 und im November 1879 »Erniedrigte und Beleidigte« in 2400
Exemplaren.
Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich alle Schulden zu
tilgen vermochte, ungemein über das Los seiner Familie, die in Armut zu
hinterlassen er stets hatte fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem
Tode ein Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus seinen
Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre genau verzeichnet
waren. So bezog er:
Im Jahre 1877:
aus »Schuld und Sühne« 487 R. 12 K.
eingebunden Ex. des »Tagebuchs eines
Schriftstellers« von 1876 497 " 80 "
»Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 561 " 63 "
Rest vom Jahre 1876 295 " 40 "
=================
Sa. 1841 R. 95 K.
Im Jahre 1878:
»Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1199 R. 50 K.
»Schuld und Sühne« 548 " 98 "
Tagebuch 1876 281 " 68 "
Tagebuch 1877 346 " 50 "
=================
Sa. 2376 R. 66 K.
Im Jahre 1879:
»Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1271 R. 99 K.
»Schuld und Sühne« 797 " 16 "
Tagebuch 1876 98 " 61 "
Tagebuch 1877 121 " 2 "
+ »Erniedrigte und Beleidigte« 227 " 24 "
=================
Sa. 2516 R. 2 K.
Im Jahre 1880:
»Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 1287 R. 20 K.
»Schuld und Sühne« 933 " 99 "
Tagebuch 1876 247 " 6 "
Tagebuch 1877 219 " 14 "
=================
2687 R. 39 K.
+ »Erniedrigte und Beleidigte« 548 " 51 "
+ Tagebuch 1880 893 " 87 "
=================
4129 R. 77 K.
»Brüder Karamasow« 3681 " 50 "
=================
7811 R. 27 K.
Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die in den Zeitschriften
erscheinenden neuen Romane erhielt. So zahlten ihm die »Vaterländischen
Annalen« i. J. 1875 für den Druckbogen des Romans »Junger Nachwuchs«
(Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der »Russkij Wjestnik« für
die »Brüder Karamasow« (1879-80) 300 Rubel.
Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis auf den heutigen Tag
gesteigert. Anna Grigorjewna macht kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die
des Dichters schwerste Jahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute
eine Genugthuung, es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn jeder
neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund 75000 Rubel betrage. Ein
noch sehr reichliches ungedrucktes Material an Briefen, Fragmenten und
Dokumenten gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen,
etwas ungedrucktes beizufügen. --
Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir P. Meschtschersky
den Dichter näher kennen gelernt und ihn eingeladen, die Redaktion
seines Blattes »Grashdanin« zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche
mit dem Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte, erhielt
der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, ausser dem Honorar für
seine Beiträge. Diese Artikel waren meist Feuilletons über die
brennenden Tagesfragen, welche den fortlaufenden Titel »Tagebuch eines
Schriftstellers« führten. Sie bilden heute den ersten Band der unter
demselben Titel herausgegebenen Schriften.
In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten und von ihm ganz allein
besorgten Blatte, dem er den gleichen Namen »Tagebuch eines
Schriftstellers« gab, fand er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das
ihm am meisten zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine
bekannte Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, diese
Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass ihm nicht sowohl das
Kennenlernen der Tagesfragen um seines Romanes willen, als der nimmer
rastende Wunsch dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem
zu messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte Brief vom 9.
April 1876 beginnt mit einer Erörterung persönlicher Beziehungen und
fährt dann fort:
»Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich mich im »Tagebuche«
in Kleingeld umwechsle. Ich habe das auch hier aussprechen gehört. Hier
ist, was ich Ihnen unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem
unumstösslichen Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der
künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte
Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit der grössten
Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen muss. Bei uns glänzt damit
nach meiner Meinung einzig und allein -- Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo,
welchen ich als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige
Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, indem er
sagte, »Schuld und Sühne« stehe höher als die »Misérables«, hat uns, ob
er auch manchmal sehr breit im Studium des Details ist, wunderbare
Studien gegeben, welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben
wären. Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, einen
grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell in das Studium --
nicht der Wirklichkeit an und für sich, denn ich kenne sie ohne das --
sondern der aktuellen Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen.
Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum
Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige
russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz anders ist, als vor
zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem noch vieles andere.
Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei der ersten Unachtsamkeit
hinter der gegenwärtigen Generation zurückbleiben. Ich habe unlängst
Gontscharow getroffen, und auf meine offene Frage, ob er im
gegenwärtigen Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe,
manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, dass er vieles
nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich bin ich mir ganz klar,
dass dieser grosse Geist nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer
lehren könnte; allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte
(und den er in einem halben Worte verstand), versteht er nicht etwa
vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. >Mir sind meine Ideale
teuer und alles, was ich im Leben liebgewonnen<, fügte er hinzu, >damit
will ich nun auch die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben;
diese aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt entlang
wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es ginge meine kostbare Zeit
darauf< ....
Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt habe, Christina
Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas mit voller Sachkenntnis zu
schreiben. Das ist's, warum ich eine Zeit lang zugleich studieren und
das »Tagebuch« führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht
verloren gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie z. B. glauben,
dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen bin, mir die Form des
»Tagebuchs« klar zu machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die
Richte bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei Jahre
erscheinen und noch immer keine gelungene Sache sein wird?
Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn Themen, wenn ich mich zum
Schreiben hinsetze (nicht weniger). Nun muss ich jene Themen, welche
mich mehr einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum
einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg z. B.), werden
dem Heft schaden, denn es wird dadurch einförmig, arm an Artikeln
werden. Andererseits habe ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein
wirkliches Tagebuch werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich,
nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich treffe auf
Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die mich sehr einnehmen -- aber
wie soll man über das und jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu
unmöglich.
So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen Seiten sehr viele
Briefe, mit und ohne Unterschrift -- alle voll Teilnahme. Manche
darunter sind ausserordentlich interessant und originell, dazu gehören
sie allen möglichen jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser
verschiedenartigsten Richtungen, welche da in der Begrüssung meiner
Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel schreiben,
namentlich aber den Eindruck niederschreiben (ohne Namensnennung), den
ich von diesen verschiedenen Briefen empfangen habe. Dabei ist der
Gedanke, der mich mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt
unsere Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir uns alle,
die wir den verschiedenen Richtungen angehören, einigen könnten. Aber
als ich den Artikel schon überlegt hatte, sah ich plötzlich, dass es um
keinen Preis möglich wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun
aber, ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben?
Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am Morgen kommen da
plötzlich zwei junge Mädchen zu mir, beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie
kommen herein und sagen: »Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen,
schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht und gesagt, Sie
würden uns nicht empfangen und, wenn Sie uns auch empfangen sollten, uns
nichts sagen. Aber wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind
wir, N. N. und N. N.« Zuerst hat sie meine Frau empfangen, dann bin auch
ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten, sie seien Studentinnen der
medicinischen Akademie, es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und
dass sie in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu erlangen
und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen -- diesen Typus neuer
junger Mädchen hatte ich noch nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne
ich wohl sehr viele, bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie
gründlich studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine
bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit diesen Jungfrauen?
Welche Geradheit, welche Natürlichkeit, was für eine Gefühlsfrische,
Reinheit des Geistes und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und
welche alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich
viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich gestehe Ihnen --
der Eindruck war stark und sonnig. Aber wie soll man das beschreiben?
Bei aller Herzlichkeit und Freude mit der Jugend -- unmöglich. Ja, es
ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem Falle für
Eindrücke eintragen?
Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger Mensch, ein
Studierender, den man mir gezeigt hatte, da er in einem mir bekannten
Hause war, in die Stube des Hauslehrers getreten ist und, auf dessen
Tische ein verbotenes Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet,
welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als man, in einer
anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält, dass er eine _Schurkerei
begangen habe_, da hat er das _garnicht begriffen_. Nun, wie soll ich
das erzählen? Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch etwas
Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie man mir erzählte,
jener Denkprozess in den Ansichten und Überzeugungen charakteristisch,
demzufolge er _nicht begriff_ und über welchen man ein interessantes
Wörtchen sagen könnte.« --
So beginnen dann endlich für den Dichter bessere Zeiten. Er tilgt nach
und nach alle persönlichen sowie die vom Bruder übernommenen Schulden
und wenn er, seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende
noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens unweit der
Wladimirkirche innehatten, so haben seine äusseren Zustände an Ruhe und
Sorglosigkeit in materieller Beziehung gewonnen und sind, was
Anerkennung und Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller
persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses und oft wechselndes
Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. »Ich habe einen schlechten
Charakter«, schrieb er um diese Zeit einmal an eine Freundin, »aber
nicht immer, und das ist mein Trost.«
Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir schon erwähnten, in
den vaterländischen Annalen den Roman: »Der Adolescent«.
Wir haben über die Erzählung »Podrostok« (der Adolescent), welche
nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel »Junger Nachwuchs«
führt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den russischen
Kritikern eine andere als flüchtige Erwähnung gefunden. W.
Rósanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen Züge
enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch die Erwähnung auch
inneren Fühlens und Erlebens und seiner Eigenform versteht, so
kann man sagen, dass es kein Werk Dostojewskys giebt, das nicht
selbstbiographische Züge aufwiese. Auch die Schilderung manches
äusseren Geschehens tritt uns mit der Lebendigkeit des Erlebten
entgegen.
So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow, des
jungen Helden Vater, erzählt, das erlebte Urbild des im Jahre
1877 im Aprilheft des »Tagebuchs« erschienenen »Traumes eines
lächerlichen Menschen«. Ja, der aufmerksame Leser findet in allen
Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen, immer
dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend; schon
das allein ist nicht nur höchst künstlerisch, sondern auch
innenbiographisch.
Der »Podrostok« nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier für
überflüssig erachten, weil der künstlerische Aufbau des Werkes
sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint uns vom
russischen Standpunkt aus als ein Übergang von den Ideen
Raskolnikows zum Hinweis auf das künftige, reinchristliche junge
Russland, mit dem Dostojewsky seine »Brüder Karamasow« und somit
sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von »Schuld und Sühne«,
strenger genommen, von seiner Rückkehr nach Russland, angefangen,
sehen wir den Dichter unausgesetzt mit der Jugend, der russischen
Jugend, beschäftigt, die er, in unendlichen Variationen, von der
völligen Abwendung, wie in Stawrogin (»Die Besessenen«), bis zu
völliger Durchdringung, wie in Myschkin (»Idiot«) und Aljoscha
Karamasow mit dem Christentum in Contact bringt. Hier und da
setzt er Ausgereifte, Alte, welche das Christentum fertig in sich
tragen, als feste Stützpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses
überschäumende Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer
Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn
auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan
Trofimowitsch in den »Besessenen« und die junge Sonja, die ihren
naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchträgt.
Von Raskolnikow, dem »Napoleon«, bis zum Bürschlein Kolja
Krassotkin, der -- im Epilog der »Karamasow« -- »für die Wahrheit
sterben möchte, mögen auch unsere Namen vergehen«, zieht eine
endlose Reihe junger Wesen an uns vorüber, durch deren Seele der
Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der Dichter in
jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N. sagt, dass
er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu verstehen.
Gerade er müsste es empfinden, dass mit seiner Liebe, seinem
Interesse für die Jugend, seine Thätigkeit begraben würde, dass
er, an diese Grenze gelangt, überhaupt nichts mehr zu sagen
hätte.
Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art Raskolnikow.
Auch er hat seine »Idee«. Nicht ein Napoleon will er sein,
sondern ein Rothschild. Er will »ununterbrochen« und »hartnäckig«
Geld aufhäufen, um die Macht auszuüben, die das Geld verleiht.
Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das, sondern viel
hochmütiger, indem er den Glanz ablehnt und sich erlauben darf,
als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten.
Wieso kommt dieser Zwanzigjährige zu seiner »Idee«? Er ist ein
unehelicher Sohn, das Opfer der »zufälligen Familie« unserer
Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal ihm
schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst die
Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder,
sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese
Aufzeichnungen an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob
sie für einen Roman tauglich seien.
Was dieser Aussenstehende darüber sagt, das spricht des Dichters
eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist im Epilog
seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht, was manche
Neueren ihm mit wenig Glück nachgemacht haben. Denn ein solches
Zusammenfassen und Aussprechen wirkt nur bei dem Starken, der
seine Ideen künstlerisch auf die Beine zu stellen versteht, als
Verstärkung, während sie für den Schwachen zum Rettungsanker für
die Verständlichkeit verwendet wird.
Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten,
grundständigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere
Jünglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der
»zufälligen Familie«, die eine solche Jugend erzeuge wie die
heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman
unmöglich werden. Die Reinheit der Familie müsse es sein, welche
nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle Typen
schenken würde. Nun zählt der Schreiber dem jungen Menschen, die
ehelichen und unehelichen Kinder seines »zufälligen« Vaters, des
geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor, und
schliesst:
»Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese Familie --
eine zufällige Erscheinung sei, so wird sich meine Seele darüber
freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene Schlussfolgerung
richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt schon eine grosse
Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar und in Massen in
zufällige Familien eintreten und in gemeinsamen Chaos, gemeinsame
Unordnung mit ihnen zusammenfliessen? Auf einen Typus dieser
zufälligen Familien weisen ja auch Sie in Ihrer Handschrift hin.
Ja, Arkadji Makarowitsch, Sie -- sind Mitglied einer zufälligen
Familie, im Gegensatze zu unseren noch vorlängst bestehenden
alten Familientypen, die eine von der Ihrigen so sehr
verschiedene Kindheit und Jugend hatten.
Ich gestehe, ich möchte nicht der Romancier eines Helden der
zufälligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit ohne
schöne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall -- noch
eine Gegenwarts-Sache, können daher nicht künstlerisch vollendet
werden. Da sind schwere Irrtümer, Übertreibungen, da ist ein
Übersehen möglich. Auf jeden Fall müsste man allzu viel erraten.
Was aber soll ein Schriftsteller thun, der wünschen würde, nicht
nur historisch zu schreiben, der von der Sorge um die Gegenwart
bedrängt ist? Raten und -- sich irren.
Allein solche »Aufzeichnungen«, wie die Ihren, könnten, so
scheint es mir, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein
künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen
Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorüber sein wird und das
Kommende hereinbricht, dann wird der künftige Künstler sogar für
die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche Formen finden,
dann werden solche Aufzeichnungen, wie die Ihrigen sind,
gebraucht werden und ein gutes Material abgeben -- wenn sie nur
aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und Zufälligen
darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte Züge
unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten können,
was sich in der Seele manch eines Jünglings jener trüben Zeiten
bergen konnte -- eine nicht ganz geringfügige Erkenntnis, denn
aus den Jünglingen erstehen die Geschlechter.«
Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr zu Jahr für den
Dichter immer drückender wurde, nahm Dostojewskys intensive innere und
äussere Vorbereitung zu seinem »letzten Roman« einen immer grösseren
Raum in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mönchklöster mit ihren
>Skity< (Einsiedeleien) wieder auf und widmet vor allem jeden freien
Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen, dem praktischen Studium
der Rechtspflege; denn so wenig er etwas über die Theorie der
Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzählige
Krankheitstypen hinzeichnete -- an denen die Wissenschaft lernen könne,
wie Dr. Tschiz sagt --, ebensowenig hatte er sich ja um den Buchstaben
des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft bekümmern können, wenn man auch
den Umstand nicht übersehen darf, dass jeder Russe, sei er nun in
Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines Lebens reichlich
Gelegenheit und Nötigung findet, sich mit dem Wortlaut der Gesetze und
dessen praktischen Konsequenzen vertraut zu machen.
Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein verstandesmässige
Gesetzeskenntnis mit den tieferen Quellen seines Wesens zusammen. Sein
Empfinden der menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde
und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir doch in den
grossen Aufsätzen, die er um diese Zeit den Schwurgerichten, den
Strafprozessen und ihrem Ausgang widmet, das eifrige Bemühen, den
lebendigen Strom subjektiver Wahrheit in das dürre Gebiet der
»objektiven« Pragmatik einzuleiten. Er kämpft da gegen die Verurteilung
der Mörderin Kairowa nahezu mit denselben Worten, die er im Epilog des
»Hahnreis« ausspricht: »Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten
konnte wissen, ob sie weiter schneiden werde« usw.
Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit geht soweit,
dass er nach Verurteilung der Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr
sechsjähriges Stieftöchterchen vom Fenster ihrer Wohnung im vierten
Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme des
Prozesses drängt und das Gutachten der Ärzte herbeiführt, die nach
eingehender Prüfung des Sachverhaltes eine Geistesstörung während der
ersten Monate der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im
Untersuchungsgefängnis nach dieser Zeit und der Geburt ihres Kindes
weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde freigesprochen und
Dostojewsky übernahm es, die Versöhnung der Gatten einzuleiten und durch
persönliche Teilnahme an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. --
Diese Beschäftigung mit den »laufenden Dingen der Gegenwart« reift eben
die Doppelfrucht seiner Thätigkeit im »Tagebuch eines Schriftstellers«.
Sie ist zugleich Vorbereitung für den Roman und Verkündung »seiner
Wahrheit« in diesem eigenartig redigierten Organ.
Auch »die Gesellschaft« hatte sich in dieser Zeit dem Dichter genähert.
Er wird vielfach geladen, gefeiert, nimmt Teil an wohlthätigen
Veranstaltungen, Kinder- und Adolescentenbällen; ja, drei Tage vor
seinem Tode sollte er bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die
Rolle des Mönchs, die er übernommen hatte, durchführen, wurde aber durch
das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen Verlauf zum tötlichen
Ausgang nahm. --
Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde und einige
diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten während der
Zeitströmung von 1870-1880 kennzeichnen, sowie seine Anschauungen über
Dinge, welche seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehörten z.
B. des Dichters Ansichten über das Frauenstudium in Russland. So sehr
ihm die Studentinnen gefallen [wie wir oben sahen], so wenig will er
etwas davon wissen, dass sie »um Nutzen zu bringen« -- wie das
Losungswort der russischen Jugend lautet --, Feldscherinnen und Hebammen
werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung aller Spezialisten in
Russland (»ganz anders in Europa«) hin und verlangt von den jungen
Mädchen und Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: »die Mehrheit der
Studenten aber und der Studentinnen, das ist alles ohne jegliche
Erziehung. Was ist das für ein Nutzen für die Menschheit?«
In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont Dostojewsky ihr
grosses Glück, Kinder zu besitzen. »Wie gut ist es, dass Sie Kinder
haben, wie sehr vermenschlichen diese unsere Existenz in einem höheren
Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche, und ohne
sie giebt es kein Lebensziel. Und die europäischen Sozialisten verkünden
gemeinsame Erziehungshäuser! Ich kenne vortreffliche verheiratete
Menschen, die aber kinderlos sind -- nun denn: bei so viel Geist, bei
solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und wahrlich, in den höheren
Aufgaben des Lebens hinken sie irgendwie.« Wer Dostojewskys Werke
aufmerksam gelesen hat, wird mit dieser Anschauungsart längst vertraut
sein. Vom »kleinen Held« angefangen bis zum Schluss der »Brüder
Karamasow«, dem niedergeschriebenen wie dem ersonnenen, den er den
Freunden mitteilte, schlingt sich, wie eine Blumenkette, eine unzählbare
Reihe von Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so innig
ans Herz drückt, von denen er für Russlands Zukunft so viel hofft.
Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen hat nach
des Dichters Tode unzählige Vorträge gehalten und Artikel über ihn und
seine Thätigkeit geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von
Urkunden und Materialien unermüdlichen Witwe weist bis zum Jahre 1897
allein 190 grössere und kleinere Schriften und Werke auf, die sie im
dazu gegründeten »Museum Dostojewsky« in Moskau samt ungedruckten (von
der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen) Fragmenten, z. B. gewisse
Kapitel aus den »Besessenen«, bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir
nicht wenige über das Thema: »Dostojewskys Kindertypen«. Wir haben nur
in einigen davon geblättert, sind indes überzeugt, dass sie alle das
nicht auszudrücken vermögen, was z. B. in seinen Briefen über das
»winzige Wesen« Sonja wie ein lebendiger Liebesquell hervorbricht. In
der aufregendsten Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzählt,
immer wieder auf Verlangen seines dreijährigen, jüngsten Söhnchens
Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich trug. Man denke
nur, was alles in seinen Werken über sein Verhältnis zu Kindern
ausgestreut liegt: an die Kinderfreundschaft in »Njetotschka
Njeswanowa«, das Kinderkapitel im »Idiot«, an alle kleinen Erzählungen
und Skizzen bis zum erschütternden Kapitel über die Kinder in den
»Karamasow«, und man wird erkennen, dass sie nicht zufällig da sind,
dass sie einen integrirenden Teil seiner Dichtung und seines Lebens
ausmachen. -- Die Anfrage eines seiner Korrespondenten, was dieser sein
noch sehr junges Töchterchen lesen lassen solle, beantwortet Dostojewsky
ungefähr mit: das Beste. Walter Scott, Schiller, Goethe, den Don
Quixote, Gil Blas, Prescott und die russischen Historiker, sowie
Puschkin und Tolstoj unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, »wenn er
wolle«, ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl.
In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie ihn in seinen Werken
verstehe, was bei der gesamten litterarischen Kritik nicht der Fall sei,
und hegt nur den einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu können,
wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den jetzt
hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der bei seiner
Doktor-Disputation das hübsche Wort gesagt habe: »Nach meiner tiefsten
Überzeugung weiss die Menschheit unendlich viel mehr, als sie bis heute
in ihrer Kunst und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.«
Die kritischen Ausfälle, welche um diese Zeit in Broschüren und
Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys Zorn heraus, dem er aber
meist nur in seinem Notizbuch aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene
für die russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker K.
D. Kawélin gerichtet, wo es heisst: »Sie sagen, das heisse sittlich
sein, wenn man nur nach seinen Überzeugungen handelt. Woher haben Sie
das genommen? Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube, und
sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner Überzeugung zu
handeln ..... Blutvergiessen halten Sie nicht für sittlich, aber aus
Überzeugung Blut vergiessen, das halten Sie für sittlich. Das Sittliche
deckt sich nicht mit dem Begriff der Überzeugung, der man Folge gegeben,
weil es manchmal sittlicher ist, seinen Überzeugungen nicht Folge zu
leisten, und der Überzeugte, trotzdem er vollkommen bei seiner
Überzeugung verharrt, durch ein gewisses Gefühl davon abgehalten wird,
die Handlung auszuführen. Er tadelt und verachtet sich mit dem
Verstande, allein mit dem Gefühl, das heisst mit dem Gewissen kann er
sie nicht ausführen (und weiss es endlich, dass ihn nicht Feigheit
zurückhielt). Vera Sassúlitsch hat einen Augenblick lang geschwankt; es
ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen zu erheben, sagte sie sich.
Dieses Schwanken war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.«
An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten und Anhänger
des Westens, welche jedoch die bureaukratischen Formen und Formeln
ablehnen: »Zerstört nur die administrativen Formeln!« heisst es da, »das
ist aber eine Treulosigkeit gegen den Europäismus, es ist ein Verleugnen
dessen, dass wir Europäer sind, es ist eine Untreue an Peter dem
Grossen. O, auf eine Umgestaltung wird unsere Administration schon
eingehen, aber nur in einer untergeordneten Form, praktische Fragen
betreffend usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln sollte
-- nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen, welche im
Gegensatz zum Beamtentum auf dem Semstwo bestehen, wahrlich sie
widersprechen sich selbst! Das Semstwo, das gesetzmässige Semstwo, das
ist ja die Rückkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von ihnen so
sehr verlachtes Wörtchen). Wird also der Europäismus in seiner jetzigen
Gestalt bestehen bleiben, wenn sich das gesetzmässige Semstwo
einwurzelt? Das ist die Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er
sich nicht erhält.
Der Beamte, der jetzige Beamte indessen -- das ist der Europäismus, das
ist Europa selbst und sein Emblem, das ist gerade das Ideal der
Gradowskys, der Kawelins u. a. Folglich müssten unsere Liberalen und
Europajunge, wenn sie folgerichtig sein wollten, für den Beamten und
seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abänderungen, welche dem
Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen entsprächen.
Übrigens, was sage ich? Im wesentlichen treten sie ja auch dafür ein.
Gebt ihnen eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem
administrativen Schutze Russlands anvertrauen« ....
Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution: »Ja, Ihr werdet
die Interessen Eurer Gesellschaft vertreten, aber ganz und gar nicht die
des Volkes; Ihr werdet es auf's neue leibeigen machen, Kanonen werdet
Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse aber! Die Presse
werdet Ihr nach Sibirien schicken, so wie sie Euch nur nicht ganz
zusagt! Nicht nur Euch widersprechen wird« usw.
Aus dieser Polemik ist durch alle Verschränkung der Begriffe und Wirrnis
der Werde-Elemente in Russland hindurch eines klar: dass das Beamtentum
eine furchtbare Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener
historischen Missverständnisse und Missverhältnisse, wonach Diener des
Staates allmählich zu Herren des Volkes werden und aus jedem Gemeinwesen
eine seelenlose Maschine zu machen vermögen, die alles zermalmt, was in
ihre Nähe gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines
Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berührt dieses Thema später
noch einmal in einem Briefe an Iwan Sergejewitsch Aksakow, mit welchem
er erst nach der denkwürdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nähere
Beziehungen trat.
Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken des Dichters zu seinem
äusseren und inneren Gipfelpunkt. In diesem Jahre stellt er durch seine
grosse Puschkin-Rede gleichsam für alle Zeiten das Credo des russischen
Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet er sein
»letztes Werk«, die Krone von seines Lebens Sinnen und Schaffen,
Wünschen und Wirken, die »Brüder Karamasow«.
Nikolaus Strachow erzählt in den »Materialien zu einer Biographie
Dostojewskys« [Petersburg, Suworin 1883] mit grosser Ausführlichkeit den
ganzen Verlauf der für die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll
gewordenen Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses
»nationalen Ereignisses« nicht nach. Für uns sind drei springende Punkte
wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet seien. Erstens die
Vorbedingungen, welche dieses Fest zu solcher Bedeutung erhoben, sodann
das Konkrete des Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung
auf die litterarisch-nationalen Parteien.
Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der russischen
Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft in Westler und
Slavophile. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich da nicht um
Geschmacks- und Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um
die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte in
seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider Parteien. Gleichwohl
hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen der »Moskowskija Wjedomosti«
mit Katkow an der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz
über die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der
Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu »westlich«. Aus alledem lässt
sich begreifen, dass man von den angemeldeten Rednern etwas
Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete.
Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war am Vortage durch
Acclamation zum Ehrenmitglied der Moskauer Universität ernannt worden.
Man sah in ihm »den unmittelbaren und würdigen Nachfolger Puschkins«, da
auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, ähnliche Züge aufwies: als
russischer Dichter mit westlicher Kultur. Turgenjew hatte seine Rede in
der Einsamkeit seines Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von
lebhaften Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung im
Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war jedoch eine
geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess, ob Puschkin ein nationaler
Dichter sei oder nicht, ja auch nicht darauf einging, diese Frage zu
beleuchten.
Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow, dieser als Vertreter
des reinen Slavophilentums, sprechen. Aber schon als Dostojewsky begann,
und mit dem inneren Feuer, das in ihm brannte, den »russischen Menschen«
im Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anführten:
»Demütige Dich, stolzer Mensch, und vor allem, brich Deinen Hochmut,
demütige Dich, müssiger Mensch, und vor allem, mühe Dich auf
heimatlichem Boden« -- da fühlte dieser »russische Mensch«, der lautlos
den Saal füllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und lauschte
bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in unerhörten Jubel ausbrach,
in einen Versöhnungsjubel, wie ihn Russland noch nie erlebt hatte.
Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt getroffen und ans
Licht gebracht, der beide Strömungen versöhnte, nach dem es unbewusst
alle verlangte und der eine neue Aera des litterarischen Wirkens
anbahnte. Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche Kultur
durchaus national von ihm verwertet worden sei, dass er in sich eben
durch seine echt russischen Anschauungen die Verbindung mit dem Geist
des Westens in einer Weise herstelle, die mustergiltig für alle
Nachkommenden sei, wie man das ja an seinen dichterischen Gestalten
sehen könne. Hier führte Dostojewsky seine Gedanken mit Zuhilfenahme
einiger Beispiele aus, die -- uns ein Zeuge dieser Feste erzählte --
durchaus nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren.
Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert indes selbst die
lebendige Wirkung dieser Rede als eine ungeheure, der man sich erst
später bei kühler Überlegung aus sehr stichhaltigen Gründen entwand. Für
uns ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und erweisen
wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente heranzog, das war das
Wahre und Befruchtende an seiner Rede und das ist es wohl auch heute
noch, was, ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches modernen
Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch, welche die Versöhnung
der streitenden Elemente anbahnte.
Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters Wirken und Leben.
Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glück zu teil, dass
sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck seiner Kunst
war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen eines
ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glück geworden. Denn wenn
es auch durch die Äusserungen seiner Gattin und seiner Freunde
beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der »Brüder Karamasow«
schon fertig in sich trug, wenn wir auch wissen, wie er sich die
Lösung dieses Problems im russischen Sinne vorgesetzt hatte, so
können wir der Meinung eines seiner nahesten Freunde nur
beipflichten, wenn wir annehmen, dass die Ausführung dieses
Schlusses so weit hinter dem Plane zurückgeblieben wäre, als
überhaupt Erfüllungen hinter Hoffnungen, Ausführungen hinter
genialen Entwürfen zurückstehen. In den »Brüdern Karamasow« aber
ist ja schon in der Exposition, d. h. im Kapitel vom Starez
Sosima, das Höchste als Ahnung und Ziel für den Helden Aljoscha
ausgesprochen; der Leser empfängt ja von diesem »vorläufigen«
Bilde des »russischen Christus«, das der Dichter in Aljoscha erst
ausführen wollte -- wie er andeutet und alle Freunde bezeugen --
vollauf alles, was auf ihn wirken soll: die Ahnung, gleichsam die
Verheissung eines reinsten Zustandes. Hier musste jede Ausführung
zurückstehen, im besten Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber
dürfen wir dem Dichter dafür dankbar sein, dass er uns sagte, wo
er hinaus wollte; ganz besonders darum, dass es auch für jene,
die es nicht schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen
Zweifel über die Absichten des Dichters gebe.
Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem Buche
voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung -- welche im
Kapitel vom Starez angezeigt ist -- liegen klar zu Tage. Allein
im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem Kapitel vom
Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein menschlich
ist, das in jeder Sprache hätte geschrieben werden können, da
vibriert schon die tiefe russische Note mit, die russische Seele,
die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende Grübelei
zerspaltet. Das brennende Begehren nach dem Glauben, das diese
»Legende« geschaffen hat, ein Begehren auch in der Seele eines
mit allen Vorzügen westlicher Bildung ausgestatteten Geistes wie
Iwan Karamasow, das ist echt russisch. Diese Figur Iwans und
diese Episode beleuchten uns auch urplötzlich, was Dostojewsky
unter seiner »russischen Allmenschlichkeit« versteht. Die ewige
Frage nach dem Gotte, die dieses Volk durch alle Zeiten hindurch,
auf allen Gebieten in sich behält, ist ihm Bürgschaft, dass diese
zwei Züge, so untrennbar wie sie es sind, zugleich allgemein
menschlich und echt russisch sind.
Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und
durchgeführt. Ganz unbewusst und selbstverständlich fliesst
dieses »an allem und für alle und alles schuldig sein« wie ein
Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis es in
den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhält. Ja, Rósanow,
der geistvolle Kommentator, findet darin einen Fehler, dass nicht
auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen sind, die Iwan als
»unschuldig unter der Disharmonie der Welt Leidende« hinstellt;
dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsünde zugeteilt hat;
eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher ein feineres Gefühl den
Künstler glücklich bewahrt hat.
Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis auf
Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der
russischen Jugend, das wir in allen seinen grösseren Werken,
gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dämmern künftiger Tage
fühlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkündet, hier
bricht es plötzlich hervor und wir sehen mit einemmal das ganze
Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden jenes
Atridenromans der Karamasow, der das Sühnungswerk der Iphigenie
in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat. Aljoscha
sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima Gebot in
die Welt zurückgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf sich nehmen.
Er heiratet Lisa, verlässt sie dann, um der schönen Sünderin
Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina[34] zu Falle
bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden und
verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, geläutert
wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer Schar von
Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt und leitet. Wem
fiele hier nicht der Zusammenhang mit der Erzählung des Idioten
von den Kindern ein, wem nicht der kleine Held, alle die
entzückenden Kinderzüge, die nur die Liebe entdeckt. Nun fällt
aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie Feuerschein in die
unerbittliche Geisselung der Gott-losen Jugend in den
»Besessenen«, im »Idiot«, im »Jungen Nachwuchs«, und wir sehen
den Dichter förmlich mit seinen zwei Simson-Armen die Säulen
jenes Götzentempels umklammern, um sie in Trümmer
zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine Ungerechtigkeit
und Übertreibung als die Zerstörungsarbeit an, auf dem Platze, wo
allein ein neuer Aufbau möglich ist. -- -- Diese Jugend sehen
wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen, um jener anderen willen,
die er in der Seele trägt und welcher dereinst Russlands Zukunft
gehören soll.
[Fußnote 34: Ein Wort, das heute in Russland als Gattungsname für
angeborene Wollust Geltung gewonnen hat.]
Die Fabel des Romans ist bei aller Füllung desselben mit einer
Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zufälligkeiten u. dergl. klar
und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss, dass er nur
wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges Urthema, aus dem er
immer wieder das Gerippe eines Problems aufbaut, das er in
lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre individuelle Seele
einhaucht. So fände ein Spurensucher in Dostojewskys Werken
reichliches Nachweismaterial für Varianten und Wiederholungen des
Grundthemas. Was gäbe es da für Ernten für einen Nachwuchs von
Kommentatoren im Sinne der Goethe-Forschung, wenn so etwas in
Russland möglich wäre! Was im jungen Russland nachgeforscht und
nachgewiesen wird, ist heute noch der Sinn, nicht das
i-Tüpfelchen des Mysteriums einer Dichtung. Dieser Nachweis aber
ist leicht, denn der Sinn der Wiederholungen ist immer
augenfällig.
So wiederholen sich des Dichters Gedanken über die »neuen Ideen«
in den »Tagebüchern«, in »Schuld und Sühne«, in »winterlichen
Betrachtungen über Sommereindrücke« [diese allerdings durch die
Londoner Einflüsse modificiert], in den »Besessenen« usw, nahezu
wörtlich, da es sich für ihn in erster Linie um die Wirkung,
nicht um die Stilschönheit seiner Worte handelt. Den »Traum eines
lächerlichen Menschen« träumen wir ihm zweimal nach, finden
dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder, den er unter dem
Titel »Das goldene Zeitalter in der Tasche« im Januarheft des
Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt als positiven
Hintergrund seiner Hoffnungen für die Zukunft. Auch die Figuren
Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals zum Typus
herabsinkend, häufig wieder. Namentlich treten für das Auge des
Russen gewisse Merkmale immer wieder auf, deren Gemeinsamkeit dem
europäischen Leser oft darum entgeht, weil ihm das Merkmal selbst
nichts sagt. So sind Iwan Karamasow und Raskolnikow, der Fürst
Walkowsky und Swidrigailow, der »Idiot« und Aljoscha Karamasow,
der Starez Sosima und der Wanderbettler Makar im »Jungen
Nachwuchs«, der Fürst Sokolsky ebenda und der alte Fürst in
»Onkelchens Traum« eigentlich Variationen einer Wesenheit, mit
künstlerischer Vollendung bis ins Kleinste individualisiert. Nur
Dmitri Karamasow steht ohne Gegenspielart da. Er ist auch der
Träger des echt Dostojewskyschen Elements des Unbewussten, das
eigentlich die Komplikation und den Abschluss des uns bekannten
Teiles der Fabel herbeiführt.
Der alte Karamasow ist ein Wollüstling niederster, bis ins
Mysteriöse gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer
blödsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Söhne, welche,
jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr
Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste Gattin war
nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst hatte, ohne
alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden, hatte ihn bald
geprügelt und zuletzt mit dem dreijährigen Dmitri und ihrer
Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prägen sich in
Dmitris Zügellosigkeit und der mit einem deklamatorischen Pathos
vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der ältere Sohn
der hysterischen »Schreiliesel«, die hinwieder der Gatte
prügelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa
Karamasowerei) die äusserste Reizbarkeit der Nerven seiner
Mutter, die ihn zu Hallucinationen führte, während bei Aljoscha,
dem Jüngsten, die bösen Mächte sich erschöpft zu haben schienen,
wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbübels zuteilten. Der Sohn
der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermörder, ist die
Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt bestialischer
Triebe, und ihn lässt der Dichter, charakteristisch genug, vom
Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol der verwandten
Triebe von Völlerei, Wollust und Grausamkeit.
Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst
sein mütterliches Erbteil, während Iwan und Aljoscha einer
gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden.
Alle diese Karamasowschen Abkömmlinge lässt der Dichter, jeden in
seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden. Bei Dmitri
treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Ansätzen und
Reue-Anfällen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele ist dem
Unbewussten, Rhapsodischen, Thür und Thor geöffnet, was ja auch
die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte Verteidigung und die
Verurteilung des unschuldig Schuldigen wegen Vatermords zur Folge
hat.
In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier
gewandelt, dies führt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung
des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht
eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er
»ablehnt«. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er
sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise
getroffen hat, um »echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes zu
sprechen«; wenn ich auch einen Gott annehme -- »seine Werke lehne
ich ab«. Schon früher hatte er gesagt: »Weisst du, was ich dahier
eben erst zu mir gesagt habe? Sollt' ich auch nicht mehr an das
Leben glauben, müsst' ich den Glauben an ein teures Weib, an die
Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich mich im Gegenteil
davon überzeugen, dass alles ein unordentliches, verfluchtes und
vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten mich auch alle
Schrecken der menschlichen Enttäuschung treffen -- dennoch werde
ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher angesetzt habe, so
will ich nicht eher davon lassen, als bis ich ihn nicht ganz
bewältigt habe. -- -- Ich habe mich oft gefragt: giebt es im
Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen wütenden und
vielleicht unanständigen Lebensdurst besiegen könnte, und
geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst bis zu meinem
dreissigsten Lebensjahr -- dann aber werde ich selbst nicht mehr
wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier nennen manche
schwindsüchtige Gelbschnäbel-Moralisten, namentlich Poeten,
niedrig. Wahr ist's, es ist zum Teil ein Karamasowscher Zug,
diese Lebensgier, die über alles hinweggeht; auch in dir sitzt
sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig?« usw. »Die
klebrigen Frühlingsknospen lieb' ich, den blauen Himmel lieb' ich
-- das ist's. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier liebst
du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine ersten
jungen Kräfte liebst du ... verstehst du etwas davon?«
Darauf Aljoscha: »Nur allzu gut usw.« ... Hier ist auch des
Jüngsten Karamasowschtschina eingeführt; da er sagt, er »verstehe«
-- gehört er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das Leben als
Werk einer Ordnung und Vernunft, als »Euklidische Geometrie« ab.
»Nicht Gott ist's, den ich ablehne, verstehe das, sondern die von
ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich ab, ich kann mich
nicht entschliessen, sie anzunehmen.« -- Nun folgt ein
leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan mit dem
Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso man seine
Nächsten lieben könne. In der Ferne, meint er, gehe es noch, aber
in der Nähe sei jeder Mensch dem anderen widrig und keiner sei
imstande, die Leiden des andern zu begreifen. An diese sehr
charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums
schliesst er sofort die Begründung seines Protestes gegen die
Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen tiefen Zug in
Aljoscha, in den dieses Jünglings Karamasowtum schon gemildert
einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten ganz geläutert
auszuklingen: die Liebe zu den Kindern.
Iwan sagt ungefähr: wenn ich auch glauben will, dass »die
Euklidischen Parallelen« sich in der Ewigkeit berühren, dass alles
Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie
aufgelöst sein wird -- wie kann ich eine Welt zugeben, in der
auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thränlein vergiessen
muss? Nun erzählt er Episoden aus Kriegszeiten, aus der Zeit der
harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten Weise
einer Laune, einer Bestialität zum Opfer fielen [der Dichter
benutzt für seine Beispiele hier wie überall Dokumente]. »Die
Kinder müssen erlöst werden, sonst giebt es keine Harmonie.
Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn möglich? Etwa
damit, das sie gerächt werden? Aber wozu brauch' ich die
Vergeltung, wozu die Hölle für ihre Peiniger; was kann hier die
Hölle gutmachen, wenn jene schon zu Tode gequält wurden? Was ist
das aber für eine Harmonie, wenn eine Hölle dazu da ist? Ich will
vergeben, ich will umarmen, ich will nicht, dass man weiter
leide. Und wenn die Leiden der Kinder darauf gegangen sind, um
jene Summe von Leiden voll zu machen, die für das Erkaufen der
Wahrheit unumgänglich nötig war, so behaupte ich von vornherein,
dass die ganze Wahrheit eines solchen Preises nicht wert ist. Ich
will endlich nicht, dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr
Kind durch Hunde zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu
verzeihen! Wenn sie will, so mag sie ihm für sich verzeihen, mag
sie dem Peiniger ihr unermessliches mütterliches Leiden vergeben,
allein die Leiden ihres zerfleischten Söhnchens ihm zu verzeihen,
dazu hat sie kein Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn
auch das Kind selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn
sie nicht verzeihen dürfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der
ganzen Welt ein Wesen, welches das Recht hätte, zu vergeben? Ich
will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Ich
will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber will
ich schon bei meinem ungesühnten Leiden, bei meiner ungemilderten
Entrüstung bleiben, auch wenn ich nicht recht hätte. Allzu hoch
hat man diese Harmonie geschätzt, es geht durchaus über unsere
Mittel, da so viel für den Eintritt zu bezahlen. Darum beeile ich
mich, meine Eintrittskarte zurückzustellen. Und wenn ich ein
ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die Karte so
schnell als möglich zurückzugeben. Das thue ich auch« usw. -- --
Nun ruft Aljoscha plötzlich mit leuchtenden Augen: »>Ist in der
ganzen Welt ein Geschöpf, das verzeihen könnte<, sagst du. Aber
dieses Wesen ist und es kann >alles und allen vergeben< -- du
hast ihn vergessen.« -- -- Wir haben hier wieder das Problem des
Kellerbewohners in erhöhter, nicht mehr cynisch negativer Form;
hier drängt die Frage des Ausgleichs ihrer Lösung zu und es
tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken, der Name Christi
und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor die wunderwirkende
Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden Christus als Person
auf.
Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen
Volksgeist gerichteten Studie würdig zu besprechen, wäre ein
Vermessen. Wir müssen uns auf Andeutungen und Hinweise
beschränken. Den Grundgedanken hüllt Iwan, der dem sanften Bruder
seinen Atheismus verkünden will, in die Form der Legende. Zur
Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur
alltäglichen Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint,
ein müder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort
erkannt. Man drängt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da er
Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjährige Grossinquisitor mit
seinem Gefolge und lässt den Allverehrten festnehmen und in ein
unterirdisches Gefängnis werfen. In der Stille der Nacht öffnet
sich die schwere Thür des Gelasses, und der Inquisitor tritt
herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte steht vor
ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer Lippe seine
Rede.
Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen zu
sein. »Deine Zeit ist vorüber, sagt er, was hast du aus den
Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest, dir, auf dein
Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach für diese Freiheit.
Damit hast du nur für die Auserwählten gesorgt, für die Starken,
die alle Opfer, alle Demütigung auf sich zu nehmen vermögen, wenn
sie dir folgen. Aber die anderen? Bist du denn nur ein Gott der
Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir lieben die Menschen mehr als
du, wir lieben alle, wir nehmen ihre Leiden auf uns, wir
vollenden in deinem Namen das Werk, das du nur halb gethan. Und
du warst gewarnt. Jener furchtbare und tiefsinnige Geist, der
dich angeblich versucht hat, er hat dir drei Mittel an die Hand
gegeben, wie du die Menschen für alle Zeiten dir unterthan und
wie Kinder glücklich machen konntest. -- Du hast sie verschmäht.
Nun haben wir sie aufgenommen, diese Mittel, und die Menschen
sind beruhigt, beruhigt in deinem Namen. Wozu also bist du
gekommen unser Werk zu stören?«
Nun entwickelt der Inquisitor die römische Deutung der drei
Darbietungen des »furchtbaren Geistes«, welche die Menschen für
alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und die
Autorität. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die
unerbittliche und unbedingte Machtforderung der römischen Kirche
auf den Atheismus gestützt ist, dass das Wunder kein Wunder,
hinter dem Geheimnis -- nichts ist, dass aber ihre Autorität durch
diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen
beruhige und den Menschen die Sünde gestatte, die sie ihnen, als
schwachen Kindern, nicht entziehen könne, sodass sie ihrer
Freiheit, ihnen unbewusst, glücklich wieder ledig würden. »Und
morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi«, schloss der Greis seine
Rede. Christus schweigt noch immer, während der Inquisitor eine
Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf den
Inquisitor zu und drückt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen.
Dieser erschauert, öffnet die Thüre und entlässt den Gefangenen
in die finstere Nacht.
»Und der Alte?« fragt Aljoscha. »Der Kuss brennt auf seiner
Seele, doch er bleibt bei seiner Idee«, erwidert Iwan. »Und du
mit ihm, du mit ihm!« ruft Aljoscha kummervoll aus. Die Brüder
trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwürfe, dass er den
Bruder Dmitri hatte vergessen können, den er indessen nirgends
findet, während Iwan zu Smerdjakow eilt, der für seine
pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggründe von
Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Köpfen und Herzen der
Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei lässt
uns, ohne dass die Sache ausgesprochen würde, das Entsetzliche
ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um Geldes willen
und aus Eifersucht auf eine leichte Schöne, Gruschenka, im Hader
lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben werden. Die
schreckliche That geschieht zu später Nachtstunde und so, dass
aller Verdacht auf Dmitri fällt, der in wilder Ungeduld irgendwo
eine Mörserkeule mitgenommen hatte und nach des Vaters Garten
geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden und in rasendem
Zorn das Kommen der bestellten Schönen erlauern wollen. Da sieht
er den alten Lüstling zum Fenster treten und verbirgt sich.
Später will er fliehen, hört Stimmen, sieht sich verfolgt und
eilt zum Gartenzaun, über den er sich schwingt. Da wird er vom
alten Diener Grigorji am Fuss gepackt, der mit rauschheiserer
Stimme schreit: >Das ist er, der Vatermörder!< Da fällt der Alte
aber auch schon wie vom Blitz getroffen zu Boden. Dmitri springt
in den Garten zurück, wirft die Keule ins Gras, betastet den Kopf
des Alten, der von Blut überströmt ist, und entflieht.
Der Dichter lässt überall, wo Dmitri handelt oder handeln könnte,
Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der Erzählung.
Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im gröberen Sinne
zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des Lesers bis zur
Lösung offen halten will, sondern in gleichem Masse dem
künstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen,
wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht.
Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: »Weisst du was? Ich
weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn nicht um,
vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich fürchte, dass ich's thue
_in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht verhasst
wird_. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase, seine Augen, sein
schamloses Lächeln ... einen physischen Ekel fühle ich. Das
ist's, was ich fürchte, da werde ich mich nicht zurückhalten
können.« -- -- »Gott hat mich davor bewahrt«, sagt er später.
Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts. Er hat den
Bruder gesucht, ihn nicht finden können und kehrt nun in das
Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den Starez Sosima
beschäftigt ist, voll Sorge zurück. Er findet dort den
Ehrwürdigen, den er schon sterbend wähnte, aufrecht sitzend in
seiner Zelle, im Kreise der Mönche und Jünger, die seinen
ermahnenden Worten lauschen. Sosima begrüsst den Jüngling
liebevoll und fragt ihn nach »dem Bruder«. Er denkt dabei nur an
Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und anderen
das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise in einen
hässlichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden, um die
Zelle zu verlassen, hatte sich plötzlich vor Dmitri niedergeworfen
und den Boden mit der Stirn berührt, »um des Furchtbaren willen,
das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen«. Um ihn vor diesem
Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas sanftes Antlitz nach
ihm ausgesendet.
Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und uns wird
das »Geheimnis« offenbar, das der Dichter in das Motto [Ev.
Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und das in jenem
anderen, durch viele seiner Werke gehenden und selten
verstandenen Citate seine Gegenseite findet: »Wir alle sind für
alle und an allem schuldig.«
Der Starez Sosima sagt: »Ich habe Dich zu ihm gesandt, Alexei,
weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde. Aber
es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. >Wahrlich,
wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die
Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber
erstirbt, so bringt es viele Früchte.<
Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male im
Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es,« sagte
still lächelnd der Greis. »So denke ich von Dir: Du wirst aus
diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen -- als
Mönch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst
werden Dich lieben. Viele Widerwärtigkeiten wird Dir das Leben
bringen, allein durch sie wirst Du auch beglückt sein und das
Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen -- was das
Wichtigste von allem ist.«
Dies ist für uns der springende Punkt der Hauptidee vom »Dasein
Gottes«, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale
Beweisführungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brüderliches
Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung
verkündet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere
immerwährende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das
Weizenkorn für uns ersterben, um in anderen Früchte zu bringen,
sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen
zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstösslichkeit
deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte
erzählt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer
Beimischung orthodoxer Kirchlichkeit.
Als er ein Kind von neun Jahren gewesen, erzählt er, da sei sein
einziger um zehn Jahre älterer Bruder an galoppierender
Lungenschwindsucht gestorben. Dieser sei früher ganz ungläubig
gewesen, sei aber kurz vor seinem Tode, da er die Vöglein so
fröhlich im Baumschatten singen gehört, plötzlich sehr heiter und
liebevoll geworden und habe aus Freude darüber geweint, dass er
es nun verstehe, wie alles gemeint sei. Auch war es ihm schwer,
sich bedienen zu lassen, und er habe den Dienern immer besonders
gesagt: »Warum kann ich nicht auch Euch bedienen.« »Mütterchen,
meine Freude,« sagte er, »es kann nicht wohl sein, dass es keine
Herren und Diener gäbe, aber lass mich doch auch der Diener
meiner Diener sein. Ja, und noch das sag' ich Dir, Mütterchen,
dass ein Jeder von uns für alle in allem schuldig ist, ich aber
mehr als alle.« Man lächelte und hielt diese Reden für
Fieberphantasieen.
Jahre waren nach dem Tode des Jünglings und der Mutter vergangen;
der nun herangewachsene Junge war in einer Kadettenanstalt
erzogen worden und ist nun als Offizier in einer Provinzstadt
stationiert. In einem angesehenen Hause bewundert er die Tochter
und bildet sich ein, von ihr geliebt zu sein, entscheidet sich
aber nicht zu einem Heiratsantrag, weil er seine schönen
Junggesellenjahre noch austoben will. Als er von einer
mehrmonatlichen Abwesenheit zurückkehrt, findet er sie als die
Frau eines Mannes, den er auch früher oft im Hause getroffen. Er
hält sich für angeführt und verlacht, da er sich nicht zugestehen
will, dass er das Opfer der eigenen Eitelkeit ist. Eines Tages
führt er absichtlich eine Herausforderung des jungen Gatten
herbei. Das Duell soll am folgenden Tage stattfinden.
Als der Junker in überaus reizbarer Stimmung spät abends nach
Hause kommt, bringt irgend ein kleines Vergehen seines
Privatdieners ihn in heftigsten Zorn; er versetzt jenem zwei so
heftige Backenstreiche, dass das Gesicht blutet. Der Bursche
steht mit aufgerissenen Augen, die Daumen an der Hosennaht,
lautlos, wie beim Rapport, vor ihm. Auch nicht einen Versuch der
Gegenwehr hat er gemacht, dass er etwa einen Arm erhöbe und vor
das Gesicht hielte. -- Der Junker legt sich zu Bette, schläft
einige Stunden sehr unruhig und erwacht noch sehr früh am Morgen
mit einem dumpfen Unglücksgefühl in der Brust. Was ist es doch?
Das Duell? Nein, er hat sich schon früher geschlagen, das ist es
nicht. Eifersucht? Auch die nicht, da er jetzt ganz klar darüber
ist, dass er das Mädchen eigentlich nie geliebt hat. Nun hat
er's: der Diener, der sich nicht wehrte unter den blutigen
Schlägen. Der Offizier bedeckt sein in Scham erglühendes Gesicht
mit beiden Händen und wirft sich schluchzend auf sein Lager ....
Zur festgesetzten Stunde erscheint der Sekundant. »Komm, es ist
Zeit.« Sie gehen vor die Thür, zum Wagen hinaus. »Warte, ich
vergass meine Börse«, sagt der junge Duellant und eilt zurück,
geradaus in das Kämmerchen des Dieners. »Athanas, ich habe Dir
gestern zwei Backenstreiche gegeben, verzeihe Du mir.« Der Diener
schauert wie geschreckt zusammen. Da wirft sich der Herr nieder,
mit der Stirn schlägt er den Boden. »Verzeihe mir!« wiederholt
er. »Euer Edelgeboren«, sagt der Bursche, »Väterchen, Herr -- --
ja wie ist das -- -- ja bin ich das wert?« und bricht in Thränen
aus. -- Man fährt zum Zweikampf. Des Leutnants Stimmung ist ganz
umgewandelt; freudestrahlend, glücklich legt er den Weg zurück,
sodass der Sekundant sich des wackeren Haudegens freut. Man kommt
an und misst die Distanz, der Beleidigte giebt den ersten Schuss
ab und streift das Ohr des jungen Mannes ein wenig. »Gott sei
gepriesen«, schreit dieser, »es ist kein Mensch getötet worden!«
Dann drückt auch er seine Pistole ab -- in die Baumkronen des
Wäldchens. Er wendet sich zu seinem Gegner. »Geehrter Herr«, sagt
er, »verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie
beleidigt und jetzt auch noch dazu genötigt habe, auf mich zu
schiessen.« Jener wird zornig und fragt: »Ja, haben Sie denn
nicht vorgehabt, sich mit mir zu schlagen? Wozu mich dann
beunruhigen?« »Gestern«, erwiderte der Fröhliche, »war ich noch
dumm, heute bin ich klüger geworden.« Man schreit, man will ihn
nötigen. »Nein«, sagt er, »ich schiesse nicht. Sie aber -- thun
Sie es, wenn Sie wollen, ob es auch besser wäre, Sie thäten es
nicht.« Die Sekundanten rufen ihm zu, dass er das Regiment
entehre, worauf er erwidert: »Meine Herren, ist es denn wirklich
so wunderbar, in unserer Zeit jemand zu begegnen, welcher selbst
seine Dummheit bereut und sich öffentlich schuldig bekennt?« Die
Folgen dieses Bekenntnisses sind weittragende. Der junge Bekenner
erhält den Abschied, er verlässt den Dienst und die Stadt, und so
wird dieses Erlebnis -- von innen heraus -- der erste Anlass
seines späteren Eintritts in ein Mönchskloster.
An einer Stelle seiner biographischen Aufzeichnungen über
Dostojewsky sagt N. Strachow, man könne auf den Dichter die Worte
anwenden, welche er Puschkin nachgerufen habe: »Er hat ein
grosses Geheimnis mit ins Grab genommen und uns überlassen, es
auszudeuten.« Wir finden das nicht. Wir finden vielmehr, dass er
uns dieses Geheimnis in seinem grössten, monumentalen Werk
gekündet hat. Den »Gott, den er beweisen« wollte, hat er zuerst
mit den blendendsten Künsten der Dialektik vernichtet, um ihn
durch das einfache Gebot der Liebe in allen und in jedem wieder
aufzurichten. Er spricht durch den Mund Sosimas aus, dass es
möglich ist, den Bruder nicht zum Bösen zu zwingen, dass jeder
diese Möglichkeit unbewusst in sich trage und diese Blindheit es
ist, die alle für sich und alle andern an allem schuldig werden
lasse. Dies ist der Kernpunkt dessen, was Dostojewsky mit diesem
Atridenbuch, das in die Zukunft, in die russische Zukunft weist,
hat sagen wollen. Wenn ich liebe, sagt er, so bin ich glücklich;
ich zwinge die anderen zum Glück, da ich nicht für mich leben,
sondern gleich dem Weizenkorn ersterben will, um Früchte zu
tragen. Das Vollgefühl aber dieser Liebe [vom Glauben ist gar
nicht mehr die Rede, da er Accessorium ist] ist -- Gott. Wer
dieses in sich trägt -- und nach des Dichters Meinung trägt es
jeder als Keim in sich, weiss es nur nicht und erwartet es nur
immer wieder vom Nächsten, was ja das »Geheimnis« ist -- der
erlöst schon, wie Aljoscha, durch das Strahlen seines Antlitzes
den darbenden Bruder. Wer aber davon nichts weiss, und das sind
wir alle, der wird täglich »für alle und an allem schuldig«.
Den Schluss des Romans bildet der eingehend lange Prozess gegen
Dmitri und seine Verurteilung, da er zu unbewusst ist, um sich
aus der Schlinge zu ziehen, und jene, die ihn retten könnten, im
letzten Augenblicke es nicht mehr vermögen. Smerdjakow, der
wirkliche Mörder, erhängt sich, und Iwan wird im Gerichtssaal
wahnsinnig.
Der Epilog zeigt uns Aljoscha beim Leichenbegängnis eines
Schulknaben, den er sehr geliebt, umgeben von einer Schar
frischer Buben, die aber noch nicht die rechten sind. Er spricht
die Grabrede und fordert von den kleinen Jungen, die ihn umgeben,
das Versprechen, in der Erinnerung an den ehrenhaften Knaben, dem
sie eben Lebewohl sagen, die Ehre hoch zu halten in allen
Versuchungen des Lebens.
September 1880 vollendet Dostojewsky die »Karamasow«. Nun wendet er sich
mit voller Kraft der Publicistik zu, da er vieles zu sagen hat und seine
gewonnene Autorität ihm gestattet, es fest und sicher auszusprechen.
Sehr entschieden drückt er sich auch in einem Briefe an Iwan Aksakow
aus, der ihm nach der Puschkin-Feier und einigen gewechselten Briefen
näher getreten war. Er kritisiert da einen Artikel Aksakows in der von
ihm herausgegebenen Zeitschrift »Rusj«. »Bei Ihnen (No. 1 der »Rusj«)
heisst es: >Peter der Grosse habe uns nach Europa hineingezogen und uns
europäische Civilisation gegeben<. Ja, Sie loben ihn fast gerade um
dieser europäischen Civilisation willen: diese aber, ihr Scheinbild ist
es ja eben, das zwischen der Macht und dem Volke sitzt in Gestalt eines
verhängnisvollen Gürtels >bester Leute< in vierzehn Rangklassen.«
Für den Monat Januar 1881 bereitet nun der Dichter fieberhaft eine
grosse Nummer des Tagebuchs für das Jahr 1881 vor, welche eine Reihe von
Artikeln über das Verhältnis der »Intelligenz« zum Volke einleiten
sollte. Die Nummer war schon im Druck, Dostojewsky fürchtete jedoch sehr
viel von der Zensur, welcher er sich aus Mangel einer Kaution als einer
predwaritelnaia Zensura (vorprüfende Zensur) auf Gnade und Ungnade
ergeben musste. N. Strachow meint, die Beunruhigung des Dichters habe
sich auf die Stelle bezogen, wo es heisst: »Es giebt dafür ein magisches
Wort: >Vertrauen zeigen<. Ja, unserem Volke kann man Vertrauen
entgegenbringen, denn es ist dessen würdig. Ruft nur die grauen Kittel
herbei und fragt sie selbst um ihre Bedürfnisse, um das, was ihnen not
thut, und sie werden Euch die Wahrheit sagen, wir aber werden vielleicht
zum erstenmale die wirkliche Wahrheit hören.«
Obwohl von kompetenter Seite über das Schicksal der Publikation
beruhigt, wich Dostojewskys Aufregung nicht. Am 25. Januar besuchte ihn
Orest Miller, um ihn an sein Versprechen eines kleinen Puschkin-Vortrags
zu mahnen. Sie konnten sich um das Programm nicht einigen, und Miller
verliess den Dichter, zwar ganz begütigt, dennoch in reizbarem Zustande.
Seit mehreren Jahren war infolge eines chronischen Bronchialkatarrhs ein
Lungenemphysem zu seinen anderen schweren Leiden getreten, und dieses
eigentlich secundäre Übel wurde nun die Ursache seines Todes. Eine
Lungen-Arterie borst an jenem verhängnisvollen Tage, was sich jedoch
anfangs nur durch Nasenbluten ankündigte. Am 26. fühlte er sich ganz
wohl; doch trat plötzlich eine Halsblutung ein. Der Hausarzt wurde
gerufen und ward Zeuge einer zweiten, stärkeren Blutung, die zur
Bewusstlosigkeit führte. Als der Dichter erwachte, verlangte er sofort
nach der Beichte und dem Abendmahl. Am 27. fühlte er sich wohler und
beschäftigte sich mit der Korrektur der Druckbogen, da er sehr in Sorge
war, dass das Blatt am 31. erscheinen sollte. Am 28. ging es bis Mittag
ziemlich gut. Doch von da an kam wieder Blut, das nun nicht mehr
abliess, langsam aus dem Munde zu fliessen, wie uns eine Freundin des
Dichters, Frau Sophie v. H., die ihn besuchte, erzählte. Die Gattin
stillte, an seinem Bette sitzend, mit Tüchern das unaufhörlich langsam
dem Munde entrieselnde Blut.
Am Nachmittag bat der Dichter Anna Grigorjewna, sein altes Evangelium
aufzuschlagen, das seit Sibirien immer bei seinem Kissen lag, und ihm
die Stelle vorzulesen, die sie von ungefähr zu Anfang der Seite finden
würde. Es war aber das Evangelium Matthäi III, 15: »Aber Johannes
wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde,
und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es
jetzt also sein; also gebühret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.«
[Der russische Text weist den 11. Vers auf, sowie die Worte: aber
Johannes hielt ihn zurück usw., und Jesus antwortete ihm: halte mich
nicht zurück usw.] Als die Gattin diesen Vers gelesen hatte, sagte
Dostojewsky: »Du hörst es -- halte mich nicht zurück -- das heisst, dass
ich sterben werde«, und damit schloss er das Buch ... Am Abend um 8 Uhr
38 Minuten desselben Tages (28. Januar 1881) schloss der Dichter für
immer seine Augen.
Das Leichenbegräbnis wurde, niemand konnte es erklären wieso, zu einem
Ereignis für Russland. Schon bei der Aufbahrung in der engen Stube, die
auch sein Arbeitszimmer gewesen war, drängte sich die Menge derart und
erfüllte den Raum so vollständig, dass die Kerzen, die den Katafalk
umgaben, aus Mangel an Sauerstoff erloschen. 63 Abordnungen mit Kränzen
und 15 Gesangvereine gaben offiziell dem Zuge das Geleite, und ganz
Petersburg wälzte sich ihm zur Kirche vom »heiligen Geiste« lautlos
nach, ein in Russland noch nie gesehenes Schauspiel. Am selben Tage, dem
31. Januar, erblickte nach des Dichters heissem Wunsche die erste und
letzte Nummer des »Tagebuchs eines Schriftstellers für das Jahr 1881«
zensurfrei das Licht.
Anhang.
Von dem grösseren Anhang, welcher das vorliegende Buch durch politische,
prozessualische und kritische Aufsätze aus dem »Tagebuch« ergänzen
sollten, haben wir in letzter Stunde aus triftigen Gründen Abstand
genommen. Es folgt hier nur ein Index von den Werken des Dichters nach
ihrer Entstehung und Veröffentlichung. Hierbei wird der Leser
selbstverständlich auch alle jene Werke der ersten Periode von
Dostojewskys Schaffen eingereiht finden, die eingehend zu besprechen wir
von unserem Standpunkt aus nicht für dringend notwendig fanden.
Ferner können wir es uns nicht versagen, einige der bedeutendsten
Kritiker anzuführen, in deren Arbeiten wir Einblick genommen haben.
Chronologische Reihenfolge
von _Th. M. Dostojewskys_ Werken nach ihrer Entstehung und
Publication.