Mit aufrichtiger Hochachtung

Ihr

Th. Dostojewsky.«

Mehr als langatmige Abhandlungen es vermöchten, kündet uns dieser Brief

die ganze Eigenart Dostojewskys. Gleichsam im Vorübergehen, wie

unbewusst, streift er einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart

und löst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude über jene,

welche den »Idioten« als sein bestes Werk ansehen, steckt eine ganze

Ethik der unbefleckten Wahrheit, so wie in jener Parallele zwischen

Christ und Kommunard sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist. Die

Andeutung über die Lüge, die »in gegebenem Falle eine sehr ernste und

komplizierte Sache« ist, deckt sich mit dem Ausspruch, den er Rasumichin

in den Mund legt: »Lügen wir uns zur Wahrheit durch«, und reisst

gleichsam vor unseren Augen das Dornengestrüpp der Lüge auseinander, das

oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt; und wie gewandt endlich kehrt er,

in der Berührung der Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe

gegen diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die »nationale

Grundlage« des Volks zu erhärten. --

Das Leben in Florenz war ebenso einförmig wie das in Genf gewesen, doch

gab es hier viele Kunstsammlungen, welche nicht nur von Anna

Grigorjewna, sondern auch von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden.

Des Dichters Lieblinge waren hier Rafaels »Madonna della Sedia« und

»Johannes der Täufer«. Ganz besonders entzückte den Dichter der

Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio. Auch ein Lesesaal war

hier, wo man russische Zeitschriften finden konnte. Ausserdem

beschäftigte sich Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er

Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte Russen gab es hier

gar keine, so dass das Ehepaar zehn Monate in Florenz zubrachte, ohne

mit irgend jemand ein russisches Wort zu wechseln. Übrigens empfand

Theodor Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie für das

italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr ähnlich. In

Theater-Aufführungen kamen sie sehr selten, weil sie allzuwenig Geld

hatten, um sich ein solches Vergnügen zu gestatten.

Im Juli 1869 ging das Ehepaar über Venedig, Triest, Wien und Prag nach

Dresden. Venedig machte auf den Dichter einen besonders bezaubernden

Eindruck und es blieb immer das Ziel seiner Träume. Er hatte es anfangs

vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger und Palacky näher

bekannt zu werden, welche ihn sehr interessierten. Der Umstand jedoch,

dass in Prag keine möblierten Wohnungen zu finden waren, nötigte ihn,

Dresden zu seinem Wohnort zu erwählen. Hier wurde ihm am 14. September

(1869) die zweite Tochter geboren und das brachte neue Freuden und neue

Sorgen in das Leben der Wandernden. Den Dichter erfüllte die Geburt

einer Tochter mit Glück und er widmete diesem Kinde jede freie Minute,

wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen war. Zu Ende des Jahres

schrieb Dostojewsky den »Hahnrei« und das ganze Jahr 1870 hindurch die

»Dämonen« (in einer Übersetzung »Die Besessenen« genannt), welche

anfangs 1871 im »Russkij Wjestnik« zu erscheinen begannen.

Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine näheren Bekannten; übrigens

liebte er es nicht besonders, im Auslande Verkehr mit Russen zu pflegen,

die er nur oberflächlich kannte. Seine Lektüre schöpfte er hier aus

russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit sich genommen

oder sich verschrieben hatte, so die Werke Belinskys, »Krieg und

Frieden« von Tolstoj und einige andere. Das Buch jedoch, zu welchem er

immer wieder zurückkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der

Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten, nie verlassen

hatte, war das Evangelium.

In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben und, wie Anna

Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehörten gerade diese zwei Jahre zu

den schwersten Zeiten der freiwilligen Verbannung. »Er litt immer mehr

darunter,« sagte sie, »dass er sich von Russland entfernt habe, es nicht

mehr kenne.« In seinen Briefen drückt er oft diese Sehnsucht nach

Russland aus. Allein die Rückkehr war schwer zu bewerkstelligen, weil

man dazu von vornherein grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehörte, dass

man nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg übersiedelte,

sondern die Wechsel und Schulden einlöste, welche von der Leitung der

»Epocha« her noch unbeglichen waren. Lange warteten sie auf günstige

Umstände, aber so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres

höchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte Geld zu diesem

verbraucht. Ein bedeutender Teil ging für die Erhaltung der Witwe des

dahingeschiedenen Bruders, ein anderer für die des (offenbar nicht

wohlgeratenen) Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso für die

Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die zuletzt doch

verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen diesen Schwierigkeiten vor

sich sahen, dabei aber fühlten, dass es ihnen unerträglich wurde, unter

diesen Verhältnissen in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie

sich, alle Folgen einer solchen Rückkehr auf sich zu nehmen, und kehrten

am 8. Juli 1871 nach Petersburg zurück, wo am 16. desselben Monats ihr

erster Sohn Theodor geboren wurde.

IX.

Briefwechsel aus der Fremde.

(1867-1871.)

Blättern wir nun in den Briefen des Dichters aus dieser Zeit der

Selbstverbannung, so finden wir darin die Bestätigung alles dessen, was

Strachow darüber berichtet und Anna Grigorjewna selbst erzählt, alles

was wir durch sie über äussere Ereignisse, Verhältnisse und Stimmungen

erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, müssen wir aus zwei

Gründen verzichten. Einmal weil die Zahl der uns vorliegenden, 42, einen

Umfang von etwa zehn Druckbogen grossen Formats einnimmt, die Länge

einzelner oft sehr beträchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material

für die Erkenntnis des Dichters erwüchse. Dann aber, und dies ist

wichtiger, weil seine Richtung durch alles Vorangegangene und namentlich

durch das Tagebuch besser gekennzeichnet ist als durch diese Briefe,

deren Wiederholungen mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persönliche

geschäftliche Beziehungen und Kontroversen von einem deutschen Publikum

gleichgiltig, ja wohl missverständlich müsste aufgenommen werden. Auch

jenen Briefen, welche hier angefügt werden, müssen wir eine Bemerkung

voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl selbst gemacht

hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys Wesen hervorgehoben zu werden

verdient. Des Dichters Briefe sind alles andere eher als »geistreiche

Briefe«; sie sind in noch viel höherem Grade als seine künstlerischen

und publizistischen Schriften nicht litteraturmässig. In seiner

Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei allem Raffinement des Künstlers)

hier wie überall um die Form unbekümmert, sorglos um die tausend Sachen

und Sächelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht stellen

könnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach wie die

Alltäglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir glauben ihm aufs

Wort, was er noch im Jahre 1856 aus Sibirien an Apollon Maikow schrieb:

»-- -- Verzeihen Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe

kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum eben kann ich die

Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat allzu gute Briefe geschrieben.«

Dostojewskys Stil ist sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so,

wie ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): »nicht der

kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu vornehmer

Einfachheit geadelten Alltäglichkeit«.

Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick haben, ist vom

28. August 1867 aus Genf datiert, an Maikow gerichtet. Nach einer

einleitenden Entschuldigung, dass er so lange geschwiegen habe, und

einem jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer wie die

Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem wir ihn den besten

Freunden gegenüber manchmal ertappen, beginnt er die zusammenfassende

Erzählung seines Reiselebens wie folgt:

»Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen Gründen. Der

Hauptgründe waren zwei: 1. Nicht nur die Gesundheit, nein, das Leben zu

retten. Die Anfälle wiederholten sich schon in jeder Woche; diese

Nerven- und Gehirnzerrüttung aber zu empfinden und klar zu erkennen, das

war unerträglich. Der Geist begann thatsächlich sich zu zerrütten. Das

ist thatsächlich wahr. Die Nervenstörungen aber brachten mich manchmal

zu Wutausbrüchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war diese: die

Gläubiger konnten nicht mehr länger warten, und zur Zeit meiner Abreise

war schon durch Latkin und später durch Petschatkin die Klage gegen mich

eingereicht. Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest. Nehmen wir an --

ich will keine schönen Worte machen und mich aufschmücken -- nehmen wir

an, das Schuldgefängnis wäre mir in einer Hinsicht auch sehr nützlich:

Aktualität, Material, ein zweites »Totenhaus«; mit einem Wort, es gäbe

Material mindestens für 4-5000 Rubel, aber ich habe eben erst geheiratet

und, ausserdem, würde ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause

aushalten? Das war eine unlösbare Frage. Wäre es mir aber unmöglich

geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden Anfällen, litterarisch

thätig zu sein -- wie hätte ich dann die Schulden bezahlt? Und die

Verpflichtungen waren schrecklich angewachsen.

Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans Ausland habe ich

nicht geglaubt, d. h. ich war überzeugt, der geistige Einfluss des

Auslandes werde ein sehr schädlicher sein. Allein, ohne Material, mit

einem jungen Geschöpf, das sich mit naiver Freude anschickte, mein

Wanderleben zu teilen -- ich aber sah in dieser naiven Freude viel

Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrückte und quälte mich sehr.

Ich fürchtete, Anna Grigorjewna werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir

langweilen; auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein. In mich

aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen ist krankhaft, und ich sah

voraus, dass sie sich mit mir abquälen werde. (NB. Allerdings hat sich

Anna Grigorjewna als stärker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt

und vermutet hatte, und in vielen Fällen war sie mir geradezu ein

Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches, Zwanzigjähriges, das

wunderschön und natürlich unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber

kaum die Kraft und Fähigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der Abreise

vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna Grigorjewna sich

kräftiger und trefflicher erwies, als ich gedacht hatte, so bin ich

dennoch, auch heute, nicht beruhigt.) Endlich bedrückte mich die

Kargheit unserer Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen

Barschaft und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an Katkow ab.

Ich rechnete allerdings damit, dass ich im Auslande sofort zu arbeiten

beginnen würde. Was aber kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder

nahezu nichts geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und

endgiltig an die Arbeit. Freilich, darüber, ob ich gar nichts gethan

habe, bin ich noch im Zweifel; dafür hat man viel durchempfunden und

manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes, Schwarz auf Weiss ist noch

wenig da, dieses Schwarz auf Weiss aber ist ja das Endgiltige, das

allein wird bezahlt. Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als

möglich hinter uns gelassen -- wo ich mich einen Tag aufhielt, wo die

langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine Nerven bis zur Bosheit

zu reizen, und wo ich das russische Bad besuchte -- gingen wir nach

Dresden, mieteten eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest.

Die Wirkung davon war für mich eine sehr seltsame: sofort warf sich mir

die Frage auf: wozu bin ich in Dresden, gerade in Dresden und nicht

anderswo, und was zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu

verlassen und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja klar

(Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbärmliche war auch das, dass

ich es zu deutlich empfand, dass es für mich jetzt, wo immer ich auch

leben mochte, ganz gleich sei -- ob in Dresden oder anderswo. Überall

war ich in der Fremde, überall ein abgerissenes Bruchstück. Ich wollte

mich sofort an die Arbeit machen und fühlte, dass es damit durchaus

nicht gehe, dass der Eindruck durchaus nicht der richtige sei. Ich las,

ich schrieb einiges, war von Sehnsucht, dann von Hitze gequält -- die

Tage vergingen einförmig. Wir gingen regelmässig nach Tische im Grossen

Garten spazieren, hörten billige Musik, dann lasen wir, dann gingen wir

schlafen. In Anna Grigorjewna's Charakter kam ein entschieden

antiquarischer Zug zum Vorschein (das freut mich und unterhält mich

sehr). Es ist z. B. ihre Hauptbeschäftigung, irgend welche dumme

Rathäuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben, was sie

mit ihren stenographischen Zeichen ausführt und womit sie schon sieben

Büchlein vollgeschrieben hat. Aber mehr als alles hat sie die Galerie

eingenommen und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darüber, weil

dadurch in ihrer Seele zu viele Eindrücke entstanden sind, um Langweile

aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie täglich besucht.

Soviel wir aber auch über alle die Unseren, über die Petersburger und

die Moskauer gesprochen und debattiert haben, über Sie und Anna Iwanowna

-- es war teilweise doch recht trübselig. Meine Gedanken will ich Ihnen

nicht beschreiben. Viele Eindrücke haben sich aufgespeichert. Ich habe

russische Zeitungen gelesen und mir damit das Herz erleichtert. Da habe

ich's endlich empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt

hatte für einen ganzen Artikel über das Verhalten Russlands Europa

gegenüber und über die oberste Schichte der russischen Gesellschaft.

Aber, was soll man davon reden! Die Deutschen haben mich nervös gemacht,

unser russisches Leben der höheren Kreise aber mit ihrem Glauben an

Europa und die Zivilisation -- ebenfalls. Die Vorgänge in Paris waren

ein Schlag für mich. Auch die guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la

Pologne! Puh! wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie

wohldienerisch! Ich habe mich in meiner früheren Idee nur noch bestärkt,

dass es für uns teilweise sogar vorteilhaft ist, dass uns Europa nicht

kennt und so schlecht kennt. Die Details aber des Prozesses Berezowski!

Wie viel fauler Schleppträgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist

-- wie wenig sind sie mit ihren Reden noch weiter gekommen, wie ist

alles noch auf demselben Fleck, alles auf demselben Fleck!

Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus plastischer, das

ungewöhnliche Faktum der Mündigkeit und unerwarteten Reife des

russischen Volkes angesichts all unserer Reformen (sei es auch nur die

der Gerichtsbarkeit), und gleichzeitig die Kunde von dem durch den

Kreisrichter des Orenburger Gouvernements durchgeprügelten Kaufmann

erster Gilde! Eines fühlt man: dass das russische Volk dank seinem

Wohlthäter und dessen Reformen nach und nach in eine solche Lage

gekommen ist, dass es unwillkürlich Thatkraft, selbständiges Sehen

erlernt, und darin liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit

ist, was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger als die

Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So schnell als möglich nach dem

Süden, so schnell als möglich[25]; darauf kommt alles an. Bis dahin

überall die rechte Gerichtsbarkeit, und dann, was für eine grosse

Wiedergeburt! (Über all dieses denkt man hier nach, träumt man, über all

dieses schlägt einem das Herz.) Obwohl ich hier fast mit niemand

verkehre, kann man doch nicht umhin, manchmal unversehens auf jemand zu

stossen.

In Deutschland begegnete mir ein Russe, der ständig im Auslande lebt,

alljährlich auf drei Wochen nach Russland reist, seine Einkünfte

einstreicht und wieder nach Deutschland zurückkehrt, wo er Frau und

Kinder hat, die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem:

warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete wörtlich (mit

gereizter Heftigkeit): »hier ist Zivilisation, bei uns aber Barbarei.

Ausserdem giebt es hier keine Nationalitäten. Ich sass gestern im Coupé

und konnte den Franzosen nicht vom Engländer oder vom Deutschen

unterscheiden.«

[Fußnote 25: Anspielung auf das letzte Ziel der Grossrussen: die

Gewinnung eines Welthafens, Konstantinopels.]

»Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?«

»Wie denn nicht, natürlich!«

»Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist? Der Franzose ist vor

allem Franzose, der Engländer -- Engländer, nur sie selbst zu sein ist

ihr höchstes Ziel, ja noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.«

»Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen, und wir werden

erst dann glücklich sein, wenn wir vergessen werden, dass wir Russen

sind und jeder allen ähnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow

hören!«

»Sie also lieben Katkow nicht?«

»Er ist ein Nichtswürdiger!«

»Warum?«

»Weil er die Polen nicht liebt.«

»Lesen Sie sein Journal?«

»Nein, ich lese es niemals.«

Dieses Gespräch gebe ich buchstäblich wieder, dieser Mensch gehört zu

den jungen Progressisten, hält sich aber übrigens, wie es scheint,

abseits von allen anderen. In was für knurrigen und verachtenden

Spitzigkeiten bewegen sie sich doch im Auslande!

Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei. Aber du mein

Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt, d. h. eine so erhabene

Vorstellung des Menschen, dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen

kann, und dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das Ideal

der Menschheit für alle Ewigkeit. Sie aber -- --[26] haben sie uns

hingestellt? Anstatt der höchsten göttlichen Schönheit, auf welche sie

spucken, sind sie alle so niedrig, selbstsüchtig, so schamlos

aufreizend, so leichtfertig, hochmütig, dass es unverständlich ist, was

sie erhoffen und was ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat

er abscheulich, unanständig geschmäht. Was ich aber beobachtet habe ist

dies: alle diese Liberälchen und Progressisten, namentlich jene, die

noch aus der Schule Belinskys sind, halten es für ihr vornehmstes

Vergnügen und ihre grösste Befriedigung, über Russland loszuziehen. Der

Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach Russland

schmähen und ihm offen den Zusammenbruch wünschen (vor allem den

Zusammenbruch!) Diese Ableger aber fügen hinzu, dass sie Russland

lieben. Dabei aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland

halbwegs selbständig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen und mit Lust

in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn man ihnen thatsächlich ein

Faktum vorlegte, das man auf keine Weise leugnen oder in eine Karikatur

verstümmeln könnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein

müsste, so würden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur Qual, bis zur

Verzweiflung unglücklich sein. Zweitens habe ich bemerkt, dass sie (wie

alle, welche lange Zeit nicht in Russland gewesen sind) entschieden die

Thatsachen nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so gröblich

jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz gewöhnliche

Fakten nicht begreifen, die unser russischer Nihilist nicht einmal

leugnet, sondern nur in seinem Sinne karikiert. Unter anderem hat er

gesagt, dass wir vor den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen

allen gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation, und

dass alle Anläufe zum Russismus und zur Selbständigkeit -- Schweinerei

und Dummheit sind ....

[Fußnote 26: Im Abdruck ausgelassene Stellen.]

Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna die Unruhe und

Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu kamen hauptsächlich zwei Fakten:

1. Nach Briefen, welche mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal

geschrieben), zeigte es sich, dass die Gläubiger die Klage eingereicht

hatten; folglich war an eine Rückkehr vor der Tilgung nicht zu denken.

2. Fühlte meine Gattin sich in gesegneten Umständen (dies bitte ich,

unter uns, die neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man

umsoweniger zurückkehren). 3. Was geschieht aber mit meinen

Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der Schwägerin), mit Pascha und

einigen anderen? Geld. Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir

irgendwo überwintern, so sei es im Süden. Dabei möchte man Anna

Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit ihr ein wenig

reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo in der Schweiz oder in Italien

den Winter zuzubringen. Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon

sehr stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm die ganze

Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um 500 Rubel Vorschuss gebeten.

Wie denken Sie? er hat's geschickt! Was ist das für ein vortrefflicher

Mensch! Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen. Aber

hier muss ich meine Niedrigkeiten und Laster erzählen.

Apollon Nikolaewitsch, mein Täubchen, ich fühle, dass ich Sie als meinen

Richter ansehen kann. Sie sind ein Mann von Herz, wovon ich mich schon

lange überzeugt habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer

hochgeschätzt. Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen schuldig zu

bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie allein. Geben Sie mich dem

Urteil der Menschen nicht preis! An Baden-Baden vorüberkommend fiel es

mir ein, mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende Gedanke,

10 Louisd'ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs. als Zugabe zu gewinnen,

das wäre ja dann genug auf vier Monate, um mit allem und allen

Petersburgern zu leben; das schlimmste war, dass ich auch früher schon

manchmal gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur

niedrig und allzu leidenschaftlich ist. Überall und in allem gehe ich

bis an die äusserste Grenze, mein ganzes Leben habe ich das Mass

überschritten. Der Teufel hat dann auch sofort ein Stückchen mit mir

aufgeführt: In drei Tagen gewann ich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit

4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklären, wie sich mir nun alles

darstellte. Von der einen Seite dieser leichte Gewinnst -- von 100 Frcs,

in drei Tagen 4000 --, von der anderen Seite -- Schulden,

Klageschriften, seelische Unruhe, die Unmöglichkeit nach Russland

zurückzukehren. Endlich drittens, die Hauptsache -- das Spiel selbst.

Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwöre es Ihnen, da

ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir vor allem Geld um Geldeswillen

nötig war. Anna Grigorjewna beschwor mich, ich solle mich mit den 4000

Frcs. zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte und

mögliche Möglichkeit, alles zu reparieren! Und welche Beispiele! Ausser

dem eigenen Gewinnst siehst Du täglich, wie andere zu 20 und 30000 Frcs,

einziehen. (Die Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie's

verdient? Mir ist das Geld nötiger als ihnen. Ich riskierte also weiter

und verlor. Ich fing an mein Letztes zu verlieren, wurde aufgeregt bis

zum Fieber -- und verlor. Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna

Grigorjewna versetzte all ihre Habe, die letzten Sächelchen (welch ein

Engel! wie tröstete sie mich, wie quälte sie sich in dem verfluchten

Baden in den zwei Stübchen über der Schmiede, wohin wir übersiedelt

waren!). Endlich war's genug -- alles war verloren. Endlich musste man

sich retten und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals an Katkow,

bat abermals um 500 Rubel (ohne der Umstände zu erwähnen; allein der

Brief war aus Baden datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er

hat's ja geschickt! Hat's geschickt! So sind also jetzt 4000 vom

»Russkij Wjestnik« vorausgenommen!«

Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky dem Freunde die

Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung, dass sie in Genf

angekommen seien, bei zwei alten Frauen Quartier genommen haben und nun

am vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche und weitere 50

Rubel für die zwei nächsten Monate in Aussicht haben. Nun folgt einer

jener bekannten kindlich schlauen Feldzugspläne, die wir in seinen

ausführlichen Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rührung und

Lächeln zugleich abgewinnen über des Dichters Menschliches und

Allzumenschliches! In einem Briefe vom 15. September an denselben Freund

erwähnt er, dass dessen 125 Rubel sie gerettet haben.

Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr über seine Gesundheit,

welcher das Klima schade, da er jeden zehnten Tag ungefähr einen Anfall

habe, nach welchem er sich fünf Tage nicht erholen könne. Schliesslich

folgende Stelle: »Habe ich Ihnen schon über den hiesigen

Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben nicht nur keinen

solchen Unsinn gesehen oder gehört, sondern nicht einmal angenommen,

dass die Menschen solcher Dummheit fähig wären. Alles war dumm: wie sie

sich vereinigten, wie sie die Sache durchführten und wie sie die

Entscheidung trafen. Natürlich hatte ich schon früher keinen Zweifel

darüber, dass ihr erstes Wort Zank sein werde. So geschah es auch. Sie

fingen mit dem Antrag an, man möge votieren, dass grosse Monarchieen

überflüssig seien und dass man lauter kleine daraus machen solle; dann:

dass es keinen Glauben zu geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei

und Geschimpfe: Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzählungen

davon lesen und hören, sehen wahrlich alles verkehrt. Nein mit eigenen

Augen solltet Ihr schauen, mit eigenen Ohren hören.« Über Genf, seine

ungünstigen klimatischen Verhältnisse und deren Rückschlag auf seine

Gesundheit drückt sich Theodor Michailowitsch in einem Briefe vom 21.

Oktober geradezu verzweifelt aus. Im Zornausbruch sagt er: »Und was sind

das für selbstzufriedene Prahlhänse! Das ist ja ein Zeichen besonderer

Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier hässlich, faul,

teuer, Alles ist hier betrunken! So viele Renommisten und so viele

betrunkene Schreiliesen giebt es sogar in London nicht. Und alles bei

ihnen, jeder Pfosten -- ist herrlich und grossartig. »Wo ist die Rue N.

N.?« -- »Voyez monsieur, vous irez tout droit, et quand vous passerez

près de cette majestueuse et élégante fontaine en bronze, vous prendrez

etc.« -- Diese majestueuse élégante fontaine -- ist der

allerhinfälligste, geschmackloseste Rococo-Quark; aber man kann nicht

anders, als sich brüsten, wenn Einer nur um die Strasse fragt usw.«

Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz. Der nächste Brief

an Maikow ist nach einem Zeitraum von sechs Monaten geschrieben. In

diese Zeit fällt die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so

sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz über ihren drei

Monate später erfolgten Tod ersehen. Eine Reihe intimer Briefe aus jener

Zeit ist teilweise in Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand

gegeben worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April 1868

wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt: »Einzig und allein das Kind

zerstreut uns beide, -- aber es ist eine quälende Freude -- wenn Du in

die Zukunft blickst -- ach!«

Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust des Kindes schon

den ganzen Brief. »Meine Sonja ist gestorben, vor drei Tagen haben wir

sie begraben. Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst,

dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor der Katastrophe

gesagt, dass ihr besser sei und dass sie leben werde. Sie war im ganzen

eine Woche krank -- eine Lungenentzündung war's. Ach, Apollon

Nikolaewitsch! mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich

gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen vielen

Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber ausgedrückt haben! Es war

ja nur ich, der für sie lächerlich war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben

fürchte ich mich nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so

armselig, so klein -- für mich war es schon eine Persönlichkeit und ein

Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, lieb zu haben, sie

lächelte, wenn ich auf sie zukam. Wenn ich ihr mit meiner komischen

Stimme Lieder sang, so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint

oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie hat zu weinen

aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun sagen sie mir zum Troste, ich

würde noch andere Kinder haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige

Persönlichkeit, um derentwillen ich, offen spreche ich's aus, die

Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde? Nun -- lassen wir

das, meine Frau weint. Übermorgen werden wir uns endlich von unserem

kleinen Grabhügel trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna

(Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine Woche vor des

Kindes Tode gekommen.«

»Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von Sonjas Krankheit, habe

ich gar nicht arbeiten können. Abermals habe ich eine Entschuldigung an

Katkow geschrieben, und im Maiheft des »Russkij Wjestnik« werden

abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe jetzt Tag und

Nacht ununterbrochen arbeiten zu können, und vom Juniheft angefangen

wird der Roman wenigstens anständig erscheinen.« (Es handelt sich um den

»Idiot«.)

Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an Maikow gerichtet ist,

entschuldigt sich der Dichter über sein langes Schweigen damit, dass er

trotz vieler Anfälle und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht

gearbeitet habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend sagt er noch

einmal: »Niemals bin ich unglücklicher gewesen, als in dieser ganzen

letzten Zeit. Ich will Ihnen nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit

vorschreitet, umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger

stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die Augen. Es giebt

Minuten, die ich nicht ertragen kann. Sie hat mich schon gekannt, sie

hat mich an ihrem Todestage -- als ich aus dem Hause ging, um die

Zeitungen zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben

würde -- da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut, dass ich es

bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher sehe. Nie werde ich das

vergessen und niemals werde ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn

auch ein anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich es

lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche Sonja! Ich kann

nicht begreifen, dass sie nicht da ist und ich sie niemals mehr sehen

werde.«

In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf ihn »nicht böse sei«,

schreibt er am 19. August nach einer Klage darüber, dass er keine

Antwort erhalten habe: »Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf

mich über etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief oder der

Ihre in Verlust geraten.«

»Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: Ihr Brief (der letzte,

vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen kann, dass es möglich wäre,

nach so herzlichen Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich

zu werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in Verlust

geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und liest alle meine

Briefe, und da der Genfer .... allen gegebenen Daten nach (bemerken Sie

wohl, nicht Annahme, sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste

leistet, so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem er in

geheimer Verbindung steht -- wie ich sicher weiss -- einige meiner

Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich habe ich ein anonymes

Schreiben erhalten, das mir mitteilt, ich werde verdächtigt (weiss der

Teufel wessen verdächtigt), und dass befohlen worden sei, meine Briefe

zu eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich sie passiere,

um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. Darum glaube ich fest,

dass Ihnen entweder mein Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist.

(NB. Aber wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen bis

zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen hingegeben hat, der den

Kaiser vergöttert -- wie soll er Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu

irgend welchen Polaken oder dem Kolokol[27] ertragen ...! Unwillkürlich

sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten. Wen haben sie nicht

alles von den Schuldigen bei uns übersehen, und den Dostojewsky

verdächtigen sie!)«

An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass Dostojewsky dieses

»Nichtglauben an das böse sein« mehr als Festigung für sich gesagt habe,

denn als einen Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: »Apollon

Nikolajewitsch, mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund

genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, bei dem

Gedanken, dass Sie böse auf mich sind!

[Fußnote 27: Die von Herzen in London herausgegebene revolutionäre

Zeitschrift.]

Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen: sind Sie böse, so

erklären Sie die Ursachen, und sind Sie es nicht, so schreiben Sie, dass

Sie mich lieben.«

Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist Kommentar für vieles

im Leben und in den Werken des Dichters.

»Mit dem Roman«, fährt er fort, »bin ich unzufrieden bis zum Ekel. Ich

habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, konnte aber nichts machen:

Die Seele ist krank. Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den

dritten Teil machen. Verbessere ich den Roman -- erhole ich mich selbst;

wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese ganze Zeit unglücklich

gewesen. Sonjas Tod hat mich sowohl als meine Frau heruntergebracht.

Meine Gesundheit ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt

die Nerven«, hiess es an anderer Stelle. --

Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist schon vom 7.

Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen Entschuldigungen über sein

längeres Schweigen kommt Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines

Missverständnisses zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits zu

teilen scheint. Dies redet er jenem aus: »Nein, mein Herz ist anders

geartet, und sehen Sie, wir haben einander vor 22 Jahren kennen gelernt

(zuerst bei Belinsky, erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das

Leben viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit seinen

Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt in diesem Augenblick

-- sind ja nur Sie da, d. h. der einzige Mensch, an dessen Herz und

Seele ich glaube, den ich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen

die meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders sein, als

dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener Bruder? Ihre

Briefe haben mich erfreut und ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein

sehr trauriger. Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und

erschöpft. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im Monat

schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem Leben, nichts von

russischen Eindrücken ringsherum; für meine Arbeit war das aber von

jeher unentbehrlich. Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans

loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende. Es quält

mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen Roman voraus, etwa ein

Jahr voraus schreiben, und hätte dann zwei bis drei Monate zu

Reinschrift und Korrekturen vor mir, ganz etwas anderes herauskäme --

dafür stehe ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe ich

es deutlich.«

Weiter heisst es dann: »Mein hiesiges Leben wird mir schon allzu schwer.

Gar nichts Russisches, nicht ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun

schon volle sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung.

Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten, übersiedelten wir nach

Vevey, dorthin kam auch Anna Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey

reizt die Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts erkrankte

sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und nun sind wir vor zwei Monaten

über den Simplon nach Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber

das Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem -- tötliche

Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt sie sich nach

Russland, und wir beide weinen um Sonja. Wir leben trübselig und

klösterlich. Anna Grigorjewnas Charakter ist empfänglich, thätig; hier

kann sie sich mit nichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt,

und obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor 1½ Jahren, so

drückt es mich doch, dass sie mit mir in einer so traurigen

Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr schwer zu tragen. In der Perspektive

steht weiss Gott was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so wäre

ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist schwer zu denken --

keinerlei Mittel. Das heisst soviel als: hinkommen und in den

Schuldenarrest hineinfallen. Aber dort bin ich ja nicht mehr ein

Arbeitsmensch. Gefängnis ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht,

folglich werde ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich

dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde ich leben? Wenn

mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe liessen -- sie haben mir aber durch drei

Jahre keinen ruhigen Moment gelassen --, so würde ich dazu kommen, ihnen

nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld abzutragen. Wie bedeutend

auch meine Schulden sind, so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was

ich schon mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch

fortgefahren, um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des »Idioten« Sprünge

bekommen. Wenn er auch einen gewissen Wert hat oder haben wird, so ist

wenig Effekt darin; Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich

notwendig, auf die ich noch vor wenigen Monaten blind rechnete und die

etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da der Roman noch nicht einmal

vollendet ist, ist an eine zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich

nach Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen sollte;

hab' ich doch seinerzeit genug verdient! Hier aber werde ich stumpf,

begrenzt, entferne mich im Geiste von Russland; keine russische Luft,

keine Menschen! Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon

gar nicht begreifen, das sind -- Wahnsinnige.

Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In Mailand aber zu

bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen in einem Monat nach Florenz

übersiedeln, dort werde ich auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich

immer noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout verbrauchen,

obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald, mit der Vollendung des

Romans, endet auch, das versteht sich, die Geldeinnahme von Katkow.

Dann: abermals Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an

Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was ich zuerst

vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert.

Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen

weilt und Ihre Briefe mir wahre Himmelsmanna sind. Ich habe mich über

die Nachricht von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals

etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh, dass Nikolai

Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner würdige Beschäftigung

findet. Gerade er muss Redakteur sein und darf sich nicht auf irgend ein

Ressort in der neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des

Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft haben. Jetzt also,

was kann es jetzt besseres für Nikolai Nikolajewitsch geben? Die

Hauptsache ist, dass er an seinem Ort frei schalten kann.

Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift unbedingt im russischen

Geiste gehalten sei -- so wie Sie und ich das verstehen --, wenn auch,

sagen wir, nicht im rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber

Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, eben nicht

allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen. Nach dem Panslavisten-Kongress in

Moskau haben nämlich viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die

Russen von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht

haben, andere zu führen und gleichsam den Slaven zu imponieren; dabei

sei bei ihnen selbst wenig zu finden und welch ein Mangel an

Selbsterkenntnis usw. Und glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in

Prag z. B., uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom

französischen Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht sogar

darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen wenig um die

allgemein angenommenen Formen der abendländischen Civilisation

bekümmern. Was sollen wir also hinter den Slaven her sein? Sie studieren

-- das ist eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur

Verbrüderung hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich

hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen brüderlich

handeln, das sollen wir unbedingt.

Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der Zeitschrift auch

eine politische Schattierung verleihen wird -- von Selbsterkenntnis gar

nicht zu reden. Selbsterkenntnis -- das ist unsere lahme Stelle, die

brauchen wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch glänzend

machen, und ich bereite mich mit unersättlicher Lust darauf vor, seine

Artikel zu lesen, die ich so lange, seit der »Epocha« nicht gelesen

habe. Es wäre gut, wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als

möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es z. B. 2000 Rubel

für Sachen im Genre »Minin« oder anderer historischer Dramen von

Ostrowskij zahlte; wenn er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann

man sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste man, nach

meiner Meinung endlich in die Hand nehmen und nicht nur den Namen

bezahlen, sondern lediglich das Werk -- was bis heute noch keine

Zeitschrift zu thun gewagt hat, »Wremja« und »Epocha« nicht ausgenommen.

Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern einer

Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das heisst gleich

anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.«

Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember 1868 datiert und sehr

eilig und geschäftsmässig geschrieben. Über den »Idiot« finden sich

folgende Stellen darin: »Ich habe mich entschlossen, für das

Dezemberheft alles fertig zu machen, sowohl den vierten Teil als den

Schluss; mit dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine.

Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen in vier Wochen schreiben

müssen. Ich habe plötzlich erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun,

ohne den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, alles übrige

schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist und ich jedes Wort auswendig

weiss. Wenn der »Idiot« Leser hat, so werden diese vielleicht durch das

Unerwartete des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein nach einigem

Nachdenken werden sie zugeben, dass ich es so ausgehen lassen musste.

Überhaupt ist dieser Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss

betrachtet. Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen;

aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe ich Ihnen als Freund

eines oder das andere darüber, was ich selbst davon denke.«

In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung neuer

Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in der gedachten Form es nie

gekommen ist. Da heisst es: »Die verfluchten Gläubiger werden mich

endgiltig umbringen -- dumm hab ich's gemacht, dass ich ins Ausland

ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest eine Weile zu

sitzen. Könnte ich mich nur mit ihnen einigen! Aber auch das kann ich

nicht, weil ich persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich

darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, welche weiter

nichts als einer ochsenhaften, mechanischen Arbeit bedürften und dabei

unbestreitbar Geld einbringen würden. Es ist mir solches ja schon

manchmal gelungen.

Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen Roman; sein Name ist

»Atheismus«. Ehe ich mich aber an ihn machen kann, muss ich fast die

ganze Bibliothek der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen

durchlesen. Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor zwei Jahren

fertig werden. Die Hauptperson habe ich: ein Russe unserer Gesellschaft,

schon bei Jahren, nicht sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet,

und nicht ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei Jahren ist,

verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes Leben hat er nur mit seinem

Dienst zu thun gehabt, ist niemals aus dem Geleise getreten und hat sich

bis zu seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet.

(Psychologisches Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.) Der Verlust

des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders sind im Roman Wirkung und

Umstände -- sehr bedeutend). Er huscht herum bei den Jungen, bei den

Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern, Einsiedlern

und Priestern. Unter anderem fällt er sehr stark einem agitatorischen

Jesuiten ins Garn, einem Polen; er sinkt von da in die Tiefe der

Flagellanten und -- am Ende findet er Christum und die russische Erde,

den russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, sagen

Sie es niemand, aber bei mir ist es so: diesen letzten Roman schreibe

ich -- ja sterben will ich meinetwegen daran, aber -- ich spreche mich

ganz aus).

Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe von der Wirklichkeit und

dem Realismus als unsere Realisten und Kritiker. Mein Realismus ist

realer als der ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir

Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen Entwickelung

durchlebt haben -- würden da die Realisten nicht schreien, dass dies

Phantasie ist? Indessen aber ist es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja

eigentlich Realismus, nur tiefer, während er bei ihnen seicht

einherfliesst. Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil

der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit unserem

Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es ist vorgekommen. Mein

Täubchen, lachen Sie nicht über mein Selbstgefühl, aber ich bin wie --

--: »lobt man mich nicht, so werde ich selbst mich loben«.

Indessen aber muss man leben. Den »Atheismus« schleppe ich nicht zum

Verkauf (über den Katholicismus und die Jesuiten im Verhältnis zur

Orthodoxie habe ich aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu

einer ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die mich sehr

anzieht. Noch eine Idee hab' ich. Zu was soll ich mich entschliessen und

wem die Arbeiten anbieten?«

Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente Dostojewskyscher

Aussprache, die wir zerstreut und anders verteilt in den Brüdern

Karamasow wiederfinden, dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu

sagen anhebt, dabei der Dichter »meinetwegen sterben« will. Eine sehr

bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle finden wir in des Dichters

Tagebuch-Notizen aus dem Jahre 1880. Da heisst es: »Die Nichtswürdigen

haben mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen

Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche Kraft der

Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in dem »Inquisitor« und dem

vorangehenden Kapitel niedergelegt ist und welchen der ganze Roman als

Antwort dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also glaube ich an

Gott. Und diese Leute wollen mich belehren und lachen über meine

mangelhafte Entwickelung! Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine

solche Kraft der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe. An

ihnen ist's, mich zu lehren!«

Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz. »Florenz ist

schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen im Garten »Boboli« blühen bis

heute im Freien. Und was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich

habe im Jahre 1863 die »Madonna della Sedia« übersehen! Nun besehe ich

mir alles seit einer Woche und habe sie erst jetzt erblickt. Aber ausser

ihr, wie viel Göttliches! Allein ich habe alles bis zur Vollendung des

Romans stehen gelassen.«

Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien Belege dafür, dass

Dostojewsky, der grosse Dichter und Schöpfer ein Apostel war, aber kein

»Kunstliebhaber« und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen

Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine Kunstschätze muss es

merkwürdig berühren, in diesen Briefen nur kurze Andeutungen all des

Herrlichen zu finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder

der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen neue

Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts von alledem bei

Dostojewsky; ja, die ewige Klage: »fern von Russland keine Anregung,

keine Arbeit möglich, entsetzliche Vereinsamung, Langweile, Heimweh«,

sein Urthema findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht russische

Menschen da, an welchen er es im Geiste zu variieren vermöchte. So sehen

wir ihn kämpfen, leiden, schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden

Geistern europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung

in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den Werken des Dichters kritisch

nachspürt, wird darin neben dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu

Tage tritt und dem Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu

ein Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht wohl

vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, das ihn wohl

schöpferisch, aber nicht künstlerisch zu seinen Werken veranlasst; so

ist denn auch seine Wirkung auf uns viel mehr eine menschliche

Erschütterung, als eine ästhetische Anregung.

Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung russischen

Schriftwesens -- heute wenigstens, da diese noch im Kampfe steht -- das

künstlerische Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten

Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, der erste

von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland gerechnet wird, der

letztere sich selbst erst seit jener Epoche dazu rechnet, da er der

künstlerischen Auffassung des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns

aber Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er seine Werke

ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens schwere Not Zeit und Ruhe dazu

liesse, so müssen wir dies so verstehen, dass alle innere Realität noch

feiner herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen

der Menschenseele zu sich selbst und ihrer Wahrheit noch urgründlicher

uns aufgeschlossen würden. Allein die Gegenständlichkeit der äusseren

Welt und ihre Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der

Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das zur Kunst

gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten, als es heute in

den Gestaltungen des Dichters der Fall ist, wo die Scenerie, in welcher

die Handlung vorgeht, nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als

vielmehr im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und dessen Träger

aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler Nacht, erhellt wird; ein dem

modernen französischen Impressionismus diametral entgegengesetzter

Vorgang.

Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen Stelle so deutlich, so

schlagend mit Thatsachen belegen zu können, als dies während des

Aufenthalts in Italien durch des Dichters Briefe an seine Freunde sich

uns darbietet. Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist

ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom 12. Dezember 1868.

Nach einigen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und

nach Vergleichen mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter

mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe fort: »Dass die

Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte, das ist vollkommen richtig.

Ja, eigentlich hat sie schon aufgehört, wenn man's so nehmen will. Und

das schon lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt aus

muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn das eigene, echt

russische und originale Wort versiegt ist, so hat sie auch aufgehört;

ist kein Genius in Sicht -- so hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat

sie aufgehört. Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen.

Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich gebe zu, dass hier

auch vom Unserigen vorhanden ist, aber wenig. Übrigens aber ist es ihm

nach meiner Meinung gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen,

und darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber lassen wir das. --

Was sagen Sie aber da über sich? »Nein, hoffen Sie nicht auf mich!«

Diese Worte können doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai

Nikolajewitsch? Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist,

immerfort für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, so geht

es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und Bestellungen erdrücken

zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, besonders mit den Jahren. Allein

beruhigen Sie sich: das innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie

niemals verlieren. Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel im

Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit Befriedigung schreiben,

namentlich wenn Sie in die Wärme kommen. Aber es ist ja genug nicht nur

an dreien, sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um

einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit auf sie

zu lenken. Aber die Hauptsache ist -- die Redaktion. Die Redaktion ist

die allerwichtigste Sache: unser Auge, unsere Hand und unsere

immerwährende Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die

Hauptsache.«

Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten Briefe an Strachow

feuert der Dichter den Freund wieder an, bei der Gründung des neuen

Blattes auszuharren, gegen die Opposition der Mehrheit, die jedes neue

Blatt angreift, Stand zu halten. »Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen

nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie aber sind ohne

Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt, dass der Erfolg eines Blattes

von der Minderheit abhängt. Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch

sein (sogar ungeachtet aller »Plutzer« und Irrtümer des Blattes, welche

es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit wird gegen Ende des

Jahres sicherlich erstarken und sich festigen. Warum ich so überzeugend

spreche? Weil in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt

unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden ist, zu

wachsen, während alle anderen »klein werden« müssen.

Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle Sache, Sie wissen

das selbst. Um dieses Gedankens willen, besonders, wenn man anfangen

wird, ihn zu begreifen, d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander

setzen werdet, wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar

Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige, fortschrittliche

und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. Wenn Ihr das aber endgiltig

werdet auseinandergesetzt haben, dann werden alle mit Euch gehen.

Indessen aber sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken

immer im Veralteten und Abgestandenen. Die »Vaterländischen Annalen«,

das »Djelo« rechnen sich sicherlich zu den Vorgeschrittensten.

Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor allem das, dass Euch

die Zukunft gehört. Nun aber wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und

viele der Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die grosse

Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so gross und erfordern so viel

Vertrauen und Zähigkeit, dass Sie das erst nach langer Zeit voll

erkennen werden. So scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem

Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der Redaktion

half. Aber die »Wremja« und die »Epocha« haben sich, wie Sie selbst

wissen, zu einer solchen Offenheit und Nacktheit im Aussprechen ihres

Gedankens niemals verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse

gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit der Hauptsache

begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich heisst es: feststehen.«

Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung der

Begriffe »liberal« und »abgestanden« zu folgen oder ihr gerecht zu

werden. Es ist das eine der Grundursachen der Missverständnisse, die

zwischen den Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen

und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener Grundlage obwalten.

Nur ein langer Aufenthalt in Russland und ein vorurteilsloses Eindringen

in die Bedingungen dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden

hinzutretender »europäischer« Elemente vermöchte uns darüber zu

belehren, in welchem der beiden Axiome mehr Menschenvernunft liegt.

In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Sie haben eine

unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo Tolstoj, schon seit der

ganzen Zeit, da ich Sie kenne. Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der

»Zarja« [dem neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten

Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, wollten Sie

sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders anfangen konnten, als

mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten Werke [»Krieg und Frieden«]. Im

»Golos« hat ein Feuilletonist gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen

Fatalismus teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien, aber

daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher nehmen die Leute,

sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle und Ausdrücke? Was heisst

»historischer Fatalismus«? Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene

Routinierten und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht,

als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus nicht klug werden

kann? Er will ja offenbar etwas sagen; dass er Ihren Aufsatz gelesen,

daran ist kein Zweifel. Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo

Sie von der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche von

Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken über Tolstoj aus. Man

könnte sich nicht klarer ausdrücken, der nationale russische Gedanke ist

da nahezu ganz nackt dargelegt. Und das gerade haben sie nicht

verstanden und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen

Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. Der

Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, im höchsten Grade vollendet

niedergeschrieben. Aber mit einem und dem anderen Detail bin ich nicht

einverstanden. Natürlich würden wir persönlich anders miteinander

sprechen können, als es schriftlich geschieht.

Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen Repräsentanten

unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft gehört. Aber wissen Sie was?

Ihren Brief habe ich mit Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone,

dass Sie aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser

Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch Ihre Ungewohnheit, zu

bestimmter Frist und ausdauernd zu arbeiten. Sie müssen unbedingt drei

grosse Artikel im Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen,

glauben Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; eine

geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine grosse. Dabei sind Sie

offenbar die unentbehrlichste Person der Redaktion in Bezug auf die

klare Darlegung des Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie

nicht in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen,

Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und andauernden Wirksamkeit,

und auf keinerlei Unannehmlichkeiten achten. Jede Unannehmlichkeit steht

unvergleichlich tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen lernen

und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen zu lassen, dazu haben

Sie nicht einmal das Recht; ich würde dann der Erste sein, Sie zu

verfluchen.«

In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Ich danke Ihnen sehr,

dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich befinde mich immer gleich, das heisst

meine Anfälle sind sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten

Zeit, vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des »Idioten« sehr

beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, Ihre Meinung

darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich habe meine eigene Anschauung

über das Schöpferische in der Kunst; und das, was die Mehrheit fast

phantastisch und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das

eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit der

Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, das ist meiner

Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! In jedem Zeitungsblatte

begegnen Sie Berichten über die wirklichsten und die absonderlichsten

Geschehnisse. Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie

befassen sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch Wirklichkeit,

weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn bemerken, beleuchten und

beschreiben? sie sind alltäglich, allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen

-- -- >ein pseudo-russischer Zug, dass der Mensch alles anfange, sich

mit Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal fertig

bringe.< Was für abgestandenes Zeug! Was für ein armseliger, leerer

Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! Ein Klatsch über den russischen

Charakter, noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und

Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! Und immer

dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise lassen wir die ganze Wirklichkeit

uns vor der Nase vorüber gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten

und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung will ich gar nicht

reden -- der Teufel weiss, was die sein soll! Ist dann nicht mein

phantastischer »Idiot« Wirklichkeit, ja die alltäglichste Wirklichkeit?

Ja, eben jetzt muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen

Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den Schichten, die in

der That phantastisch erscheinen. Allein da ist nichts zu sagen! Vieles

im Roman ist eilig hingeschrieben, vieles zu breit und misslungen.

Manches aber ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern

für meine Idee ein.«

Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, wie immer, auf ein

Gefühl von Schuld zurückzuführen ist: »Jetzt will ich Ihnen, als einem

alten Freund und Mitarbeiter, im Vertrauen noch eines verraten, was mich

ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich seit mehr als

Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, scheinen Ursache seines

jetzigen Schweigens zu sein; er hat plötzlich den Briefwechsel mit mir

abgebrochen. Ich habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie

Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den Namen Apollon

Nikolajewitsch zu schicken (wie das immer in diesen Fällen geschah), und

ihn habe ich in meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu

übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine bedeutende Summe

bekommen hätte, dass ich in Gold bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe.

»Anderen zu helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, dazu

hat er keines« -- das hat er sicherlich gedacht. Wenn er nur wüsste, in

welche Lage ich mich selbst gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus

dem »Russkij Wjestnik« entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr so

schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche im Leihhaus ist.

(Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion des »Russkij Wjestnik« aber

wollte ich vor Beendigung des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber

stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir bis heute nicht

geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass ich ein ganzes Jahr nicht

zahlte, und ich habe schon allzu viel bei dem Gedanken gelitten; allein

ich habe während der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen

3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige Sendungen nach

Petersburg und meine Sonja mitgerechnet sind; da war nichts da, wovon

ich hätte noch schicken sollen. Er aber hat mich indessen niemals

gemahnt; so habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden Monat

gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese 100 R. an Emilie F. müssen

ihn beleidigt haben. Aber Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie

sollte man da nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der

Gedanke, dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch mich verlässt,

höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend was gesagt, oder wissen Sie

etwas darüber? Wenn Sie etwas wissen, teilen Sie mir's mit, mein

Täubchen! Andererseits ist es mir seltsam, dass sich eine sonst

freundschaftliche Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen uns

besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin ich ohnedies von

allen vergessen.«

Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter über das

»Missverständnis« ganz beruhigt; er schreibt an Strachow: »Ich danke

Ihnen ... drittens für die gute Nachricht über Apollon Nikolajewitsch.

Ich werde seinen Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich

habe in dieser letzten Zeit des »Missverständnisses«, welches durch

meine Zweifelsucht entstanden war, auch nicht einen Tropfen meiner

herzlichen Beziehung zu ihm eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter

und reiner Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten

Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander so gut

verständigt haben.«

Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so viele Hoffnungen

entgegen bringt, finden wir folgende, für des Dichters Ernst und seine

fast kindliche Herzensgüte bezeichnende Stelle: »Die zweite Nummer hat

mir einen ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren

Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche Kritik ist,

gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher ist, als alles andere,

und am besten die Sache beleuchtet. Der Artikel Danilewskys aber stellt

sich in meinen Augen immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist

ja -- das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange Zeit hinaus.

Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit, seine populäre Form,

ungeachtet seines streng wissenschaftlichen Stils, dazu bei. Diese

Arbeit stimmt so sehr mit meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen

überein, dass ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die

Ähnlichkeit der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner

Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit zwei Jahren, eben

darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast unter dem gleichen Titel,

vorbereite, in ganz demselben Gedankengange und mit denselben

Folgerungen. Wie freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den

Gedanken, die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet habe,

schon in lebender Form begegne, und zwar mit Wohllaut, harmonisch, mit

einer ungewöhnlichen Kraft der Logik und auf einer solchen Stufe

wissenschaftlicher Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller

meiner Anstrengungen, niemals erreichen könnte.

Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, dass ich

täglich auf die Post laufe und mir alle Möglichkeiten eines schnelleren

Eintreffens ausrechne. Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen,

weil ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige

Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer nicht, dass

Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen der russischen Sendung

darlegen wird, welches darin besteht, den russischen Christus vor der

Welt zu entschleiern, den der Welt unbekannten Christus, dessen

Grund-Elemente in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind.

[Dostojewsky gebraucht das Wort »Christus« nicht als Personennamen,

sondern stets als Personifikation, wie das für einen aufmerksamen Leser

in seinen Werken mehr oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner

Meinung liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen,

künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in ganz Europa, und

die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, zukünftigen Seins. Aber mit

einem Worte spricht man das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu

reden angefangen.«

Weiter heisst es: »Aber was Sie da, und das mit solcher Trauer und

solchem offenbaren Kummer sagen: dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat,

dass man ihn nicht verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn

wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden? Das wäre nach

meiner Meinung eine schlechte Empfehlung der Arbeit. Was man allzu

schnell und leicht versteht, das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat

erst am Ende seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und

Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas zu erreichen.

Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass ich Sie auch einem solchen

Vorkommnis gegenüber für weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so

fein, dass sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn man

ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und noch dazu erscheint

ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders interessant. Und je einfacher,

je klarer, d. h. je talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er

ihnen allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen Sie,

aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem sehr naiven Ausspruch, dass

>sogar sehr spitzfindige Leute Sie nicht verstehen<. Ja, diese noch mehr

als andere, verstehen niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen,

und das hat seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein

Gesetz. Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als Danilewsky

begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu Ihnen gekommen ist usw. Ist

Ihnen das zu wenig? Aber ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel

Selbsterkenntnis in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu

streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht verlieren und die

Sache nicht im Stiche lassen werden! Also schrecken Sie uns nicht,

bitte. Gehen Sie -- so ist's mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.«

Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen Zeitschrift, als Antwort

auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, eine kleine Erzählung von etwa

3 Druckbogen vor. »Diese Erzählung«, sagt er, »habe ich schon vor vier

Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort auf die Worte Apollon

Grigorjews schreiben wollen, der mein »Zapiski iz Podpolja« sehr gelobt

und gesagt hatte: >In diesem Genre sollst du weiter schreiben<.«

Die »Memoiren aus einem Keller«, wie wir jene Erzählung nennen

möchten, welche unter dem Titel »Aus dem dunkelsten Winkel einer

Grossstadt« in deutscher Übersetzung erschienen ist, drücken das

als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als stärkste

Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein

Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalität der

Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses

Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze.

Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir

irrtümlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen

seinen Werken mehr oder weniger künstlerisch, immer aber

subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brüchen,

mit allen seinen Möglichkeiten, welche das Sitten-, ja das

Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines

Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch,

analytisch.

W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem

bemerkenswerten »kritischen Kommentar« zur »Legende vom

Grossinquisitor« auch über diese Memoiren als über das

philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur

wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhältnis

erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen,

dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir

meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen

Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich

trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu

diesem, seinem innersten Lebenskern zu führen. Dostojewsky, so

hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der

Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verständlich zu

machen.

Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig

getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt

ist, in's rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende

Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedanken durch,

dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln,

die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit (inertia) führe.

Es werde dahin kommen, dass der immer »logischer« entwickelte

Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen

Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, dass man bei

der Aufzählung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene

Funktionieren des Menschen herbeizuführen berufen sind, auf

seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen,

dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nämlich jenes,

wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmässige umwerfe und

bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein

Glück handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persönliches

Glück ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche

aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 2×2=4 sind. »Die Gesetze

der Logik,« sagt er, »sind eines, die des Menschseins ein

anderes.« Das grösste und einzige Gesetz, das jeder Mensch

geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend,

Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persönliche

Unabhängigkeit und Freiheit -- womit er immer wieder alle jene

schönen Dinge umwirft. Der Mensch -- so lautet das Resumé -- wird

also nicht besser, nicht glücklicher, nicht wertvoller werden

durch den »Ameisenhaufen« des Wissens und der Erkenntnisse,

sondern -- ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden,

sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes

innerhalb der Schöpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es

ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen >Mensch<

trägt.

Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte des

Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil

in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors

gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich

am klarsten die Herrlichkeit alles »Hohen und Schönen«

vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von »allerlei grossen

und kleinen Lastern« versinkt, der durch seine Gewohnheit alles

bis auf die »letzte und allerletzte Ursache« durchzudenken, nie

mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen

Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblick

von diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume Zeit über

einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des Newsky

Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet ist,

ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will

einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen,

meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft es aber zur That

kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich,

dass es wieder so kommen werde.

In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft

und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen

veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich ihnen, die

ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut an,

insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass alles

dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und

Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen

gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer

weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch

betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus

nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig

bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im

Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner

Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er

steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück eines

tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und

seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall

von Schmerz und Verzweiflung hinein -- »nicht ohne selbst bewegt

zu sein«, wie er sagt, aber doch »buchmässig, litteraturmässig«;

er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn

aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle.

Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er

weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde.

Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9

Uhr abends so wohl zumute, dass er »ziemlich süss« zu träumen

beginnt: ... »ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei.

Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich

stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht

warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlich wirft sie

sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und sagt, dass

ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt

liebe. Ich erstaune, aber ... »-- Lisa, sage ich, glaubst du

denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles

gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu

sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja

Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit

dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest selbst ein

Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist;

ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das

undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine

europäische, George-Sand'sche, unerklärbar edle Feinheit hinein).

Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, herrlich, bist

-- mein herrliches Weib!«

Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit

seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme

Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten

Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie

hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und

poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem ganzen

Gebahren nur das eine: dass er leidet, und -- bleibt. Ihre Güte

erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und

endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit

Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt sich darauf

dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an ihr, die Zeugin

derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt über sie und nutzt

sie aus. -- -- --

Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre

Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre wendend ihm einfach

>Lebt wohl< sagt, läuft er auf sie zu und drückt ihr einen

Fünfrubelschein in die Hand -- »aus Zorn«, wie er sagt,

»hineingehetzt«, »buchmässig« that er das. Nun eilt er zur

Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube

zurückkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische

vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach.

Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden

sein -- -- Er bleibt stehen und fragt sich: »Wohin ist sie denn

gegangen? und -- warum laufe ich ihr denn nach?« »Wird es nicht

besser für sie sein«, phantasiert er weiter, »wenn sie diese

Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung -- das ist

ja Reinigung!« Weiter sagt er: »Was ist besser, ein billiges

Glück oder ein erhabener Schmerz?«

»So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause

sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich

soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch -- konnte denn irgend

ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom halben Wege

zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie

wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, dass ich mich

lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung und des

Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer

fast krank wurde.«

Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne

des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der

Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich,

ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber -- »zum Beispiel

lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben in einem

finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel

eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch

immer genährte Bosheit verfehlt habe -- das ist bei Gott nicht

interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber

sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden

zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen

sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom

Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere

weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass wir das

wirkliche >lebendige Leben< fast als eine Arbeit ansehen, fast

wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass es

nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir's

manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir

wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn

man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, nun,

gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht irgend

einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis,

verringert die Obhut und wir -- ich versichere Euch -- wir werden

uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr

wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit den

Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren

in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von >uns allen< zu

sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch

dieses >wir alle<. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe

ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste getrieben, was Ihr

nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure

Feigheit für Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst

betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt förmlich

lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir

wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist

und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch -- sofort

verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns

halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir

achten, was wir verachten sollen. Sogar das >Mensch sein< wird

uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch

und Blut. Wir schämen uns das zu sein und bestreben uns, irgend

eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind

Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen

Vätern geboren, und das gefällt uns immer mehr und mehr. Wir

kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus

irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug« usw.

Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee,

die Logik, das Gesetz -- das alles macht keine Menschen. Blut,

Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum des

Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr

unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten -- das ist für

Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits

von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu

thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe derer, die auch

nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab.

Aus dem >Labyrinth der Brust<, aus den eigenen tausendfältigen

Möglichkeiten der >Sünde< wie der höchsten Entzückung heraus ist

sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend in jede Seele

einzudringen und die Kraft, mit welcher er unablässig nach

Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu

lassen.

»Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,« fährt Dostojewsky in dem

Briefe fort; »es ist etwas der Form nach ganz anderes, obwohl dessen

Wesen mein immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai

Nikolajewitsch, auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige,

besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung kann ich sehr schnell

niederschreiben, da auch nicht ein Zeichen, nicht ein Wort darin mir

unklar ist. Dabei ist schon vieles notiert, wenn auch nicht

aufgeschrieben. Ich kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion

schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich kann sie sogar in

zwei Monaten abschicken. Das ist aber alles, womit ich mich gegenwärtig

an der »Zarjá« beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu

schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und Maikow arbeiten.« Nun

folgen die bekannten, immer wieder variierten Honorar- und

Elends-Berichte, denen wir in jedem Briefe begegnen müssen.

Im nächsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869 sind einige Stellen

litterarischer Kritik bemerkenswert. Da heisst es: »Ein für allemal --

schweigen Sie doch und reden Sie nicht von Ihrem »Unvermögen« und den

»zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln«. Es wird einem übel, das zu

hören. Man kommt auf den Gedanken, dass Sie sich verstellen. Noch

niemals haben Sie so viel Klarheit, Logik, so viel Scharfblick und

überzeugte Beweisführung gehabt. Allerdings, Ihre »Armut der russischen

Litteratur« hat mir besser gefallen als der Artikel über »Tolstoj«. Jene

wird breiter sein; dafür aber ist die erste Hälfte des Artikels über

Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen: das ist das Ideal einer

kritischen Ausführung. Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler

in dem Aufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind solche

Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser Idealismus; dieses

aber schadet einer Arbeit nicht, sondern fördert sie. Alles in allem

habe ich in der russischen Kritik noch nie etwas ähnliches gelesen.

Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird, aber nach der

»Kapitänstochter« (Puschkins) habe ich nichts ähnliches gelesen. [Dies

bezieht sich auf eine im neuen Blatt »Zarjá« publizierte Komödie

Awerkiews: »Frol Skobjejew«, die Dramatisierung des altrussischen Romans

gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer und blickt auf seine Krämer

sehr von oben herab. Wenn er schon einen Kaufmann in Menschengestalt

darstellt, so ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder

Zuschauer: Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen Sie, ich

glaube, Dobroljubows Urteil über Ostrowsky ist richtiger, als das

Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky thatsächlich die ganze Idee

seines »Dunkeln Königreichs« nicht in den Sinn gekommen ist, aber

Dobroljubow hat sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg

verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der Phantasie und des

Talents in Awerkiew zeigen wird, wie bei Ostrowsky; allein seine

Darstellung und der Geist dieser Darstellung ist ohne Widerrede höher.

Keinerlei vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prächtig, der

Vater ebenfalls. Frol aber würde ich ein wenig begabter hingestellt

haben. Wissen Sie, der Grossbojar, Naschtschokin, Lycikow -- das sind ja

unsere ehemaligen Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist

ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. Über diese kann man nicht

nur keine Karikatur-Lächerlichkeit werfen à la Ostrowsky, sondern im

Gegenteil, man muss sich über ihre Vornehmheit, ihr russisches

Bojarentum verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf der höchsten

Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer lächeln wollte, er es

höchstens darüber kann, dass der Kaftan einen anderen Schnitt hat. Vor

allem und hauptsächlich fühlt man, dass das eine Darstellung der

Wirklichkeit ist, dessen, was auch thatsächlich vorhanden war. Das ist

ein grosses neues Talent, vielleicht höher als vieles Gegenwärtige. Es

wäre ein Elend, wenn es nur für eine Komödie ausreichte.«

Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung einige Zeilen. Er

will Florenz verlassen, da die Hitze sehr gross ist, und möchte einem

neuen Familienereignis lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich

mit Arzt und Wärterin besser verständigen kann. Nur erwartet er Geld und

kann nicht fort, fragt, ob Strachow krank oder etwas in der Redaktion

vorgefallen sei. Bezeichnend für Strachow ist die Notiz, die er diesem

Briefe anfügt: »Die Sache ist die, dass ich am 27. März jene 125 Rubel

(Dostojewskys Verlangen gemäss) an Marja Grigorjewna [D.s Schwägerin]

abgeliefert hatte. Obwohl ich nun am selben Tage an Theodor

Michailowitsch geschrieben hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel

schicken werde, ihm auch später am 12. April dieses Versprechen

erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen Verdruss doch nicht

abgeschickt. So verschob sich der Empfang von einem Tag auf den andern,

ich wusste nicht was thun und schämte mich so sehr vor Theodor, dass ich

dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.«

Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben Jahres aus Dresden

erhielt, beginnt: »Klagen Sie sich um Ihres Schweigens willen vor mir

nicht an, Nikolai Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und

dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel mit Freunden,

geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber, aus Ihrem Zusatz an den Brief

unseres teuern Apollon Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie

mir wie früher gut sind. Das ist sehr erfreulich für mich, weil der

Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer weniger werden. Ich bin

selbst schuld daran, habe mich im Auslande allzu festgerannt und bringe

mich nicht genug in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprüche

zu machen. In Dresden befinde ich mich thatsächlich erst seit zehn Tagen

-- ja ich bin im ganzen erst drei Wochen von Florenz fort! Ich habe den

ganzen Juli dort zugebracht und bin auch noch in den August

hineingekommen. Sie können mit Sicherheit sagen, dass niemals jemand

eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches Schwitzbad -- nur damit

kann man das vergleichen, noch dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein,

das ist wahr, der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist's

unerträglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in grossem,

gedeckten Schatten) 35° Reaumur waren. Und stellen Sie sich vor, obwohl

alle Ausländer entweder in deutsche Bäder oder ans Meer gefahren sind,

so sind doch eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche,

sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostüme zur Schau getragen, sind

herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn Sie wüssten, bis zu welchem

Grade ich mich hier als ein ganz überflüssiger und fremder Mensch fühle!

-- Und so sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein Kind haben,

ich erwarte es mit Aufregung und Furcht, hoffnungsvoll und zaghaft.

Überhaupt habe ich eine sehr sorgenvolle Zeit« usw.

Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow wieder einmal einen von

der Not diktierten Brief, der jeden Leser durch seine rührende und

stolze Kindesschlauheit ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen

hier:

»Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildern und sagen, welcher Art

die Hilfe ist, die ich als ein Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens

ist mir vor drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow,

geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen, das Kind

ist gross, gesund und eine Schönheit. Wir sind glücklich. (Denken Sie

daran, dass wir Sie zum Taufpathen berufen werden. Anja bittet Sie mit

gefalteten Händen, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld haben

wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie mich nicht der

Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist niemand schuldig. Wir haben in

Florenz berechnet, dass das vom »Russkij Wjestnik« gesandte Geld für

alles reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen geht -- wir

haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten

einzulassen; aber die Sache ist die, dass, wenn ich auch an den höchst

zartfühlenden, gütigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der

Redakteur des »Russkij Wjestnik«, M. Katkow, gemeint] schreiben will,

dass er aushelfe -- gleich zu schreiben, nachdem ich vor so kurzer Zeit

Geld von ihm bekommen habe, schäme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu

unmöglich. Die Hände wollen sich dazu nicht erheben. Indessen ist weder

die Hebamme noch der Arzt bezahlt, und obwohl wir jeden Heller um und

umdrehen -- ohne Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht!

Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute zugleich mit diesem

Briefe an Sie sende ich ein Schreiben an Kaschpirew persönlich, da ich

weiss, dass Strachow nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben

schildere ich anfangs meine Lage, erwähne meine Übersiedelung, die

Geburt eines Kindes (alles wie sich's gehört), habe aber dabei gelogen,

dass mir fünfzehn Thaler geblieben seien, während nicht einmal zehn da

sind, und schliesse mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel

zu senden. Da ich im gegenwärtigen Augenblick an einer Erzählung für die

»Zarjá« arbeite und diese Arbeit schon bis zur Hälfte gediehen ist (dies

alles ist richtig), so sehe ich erstens: dass die Erzählung einen Umfang

von 3½ Bogen des »Russkij Wjestnik« (d. h. fast 5 Bogen der »Zarjá«)

haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon im Frühling 300 Rubel

von der »Zarjá« erhalten habe, habe ich demnach nach Vollendung der

Erzählung ungefähr für 1½ Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie noch

nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss in die Redaktion

der »Zarja« gesandt. Dies ist ganz sicher. Zweitens: obwohl ich nicht

das Recht habe, auf dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so

bitte ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ mir

auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies aber gleich zu

bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte ich ihn, nur 75 Rubel sofort

abzusenden (dies um mich aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht

umfallen zu lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung, bitte

ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich mit dieser

letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow] 50 Rubel auszufolgen. Auf

diese Weise wird die erbetene Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen.

Da ich Kaschpirews Persönlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe ich

in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas nachdrücklichen

Tone.

Überdies erklärt sich in diesem Brief an Kaschpirew auch meine zweite

und hauptsächlichste Bitte. Nämlich, wenn er sich damit einverstanden

erklärt, meine Bitte um Geld zu erfüllen, so möge er die ersten 75 Rubel

sofort, unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich mich an

die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens wende; dass er über das

Drängen, sofort und unverweilt das Geld zu senden, nicht beleidigt sein,

sondern in die Sache eingehen und begreifen möge: dass für mich die

Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst. Ich fügte

hinzu, dass es deshalb genüge, im Falle meine Bitte abgelehnt werde, von

der Hand seines Redaktions-Sekretärs nur eine Zeile zu erhalten, aber

sofort, damit ich so schnell als möglich meine letzten Massnahmen

ergreifen könne und nicht vergeblich auf die Möglichkeit einer

Geldsendung warte.

Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe an Kaschpirew gelogen in

Bezug auf die »letzten Massnahmen«, indem ich ihm erklärte, dass ich

genötigt sein würde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen

zu verkaufen, und für eine Sache, welche 100 Thaler wert ist, deren 20

bekommen würde; was ich natürlich werde zu thun gezwungen sein, um drei

Wesen das Leben zu retten, wenn er mit der Antwort zögern würde, wäre es

auch eine befriedigende Antwort. -- Dass ich in einer Woche anfangen

werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn ich kein Geld bekomme,

das ist vollkommen wahr -- denn anders geht es auf keine Weise; allein

ich habe darin gelogen, dass ich sagte, ich würde Hundert-Thaler-Sachen

verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche 100 Thaler wert

waren, sind schon längst, gleich nach unserer Ankunft in Dresden,

versetzt und thatsächlich anstatt um 100 nach der Schätzung -- um 20

Thaler. Jetzt aber wird es heissen die Wäsche verkaufen, den Paletot und

meinetwegen den Überzieher; denn wenn ich auch an Katkow schreibe, so

wird dennoch von dorther vor einem Monat kein Geld einlangen, obwohl es

sicher einlangt.«

Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie · 第 8 / 45 题