Zu den grössten Missständen rechnet Strachow jedoch die sanguinische

Selbsttäuschung der Brüder und ganz besonders ihre Unfähigkeit, eine

Sache stetig und praktisch durchzuführen. Strachow breitet sich über die

Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus, die er in einer

allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen Steigen und Sinken von

Stimmungen findet, und schliesst mit folgender konkreten Darstellung:

»Was die Dostojewskys betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch

durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen; er war

ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor Michailowitsch jedoch war,

ungeachtet seines raschen Geistes, ungeachtet der erhabenen Ziele -- ja,

besser gesagt: gerade infolge dieser höheren Ziele -- ausserordentlich

unpraktisch. Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut;

allein er that dies mit Anläufen, mit sehr kurz anhaltenden Anläufen,

war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und das Chaos wuchs in

jeder Minute um ihn herum. Die »Epocha« wurde ohne einen Heller

gegründet. Als sie einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht

nur die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch jenen Teil

der Erbschaft von einer reichen Moskauer Tante (etwa 10000 Rubel für

jeden der Brüder), die sie sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000

Rubel Schulden, welche nach Eingehen der »Wremja« Michael Michailowitsch

zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die »Epocha« für das Jahr

1865 noch immer 1300 Abonnenten aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne

alte Lasten, hätte sie sich erhalten können. So aber zerflatterte alles

und Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des Bruders, 15000

Rubel und dessen unversorgter Familie zurück.«

Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel, welcher in dieser Zeit

als Sekretär der russischen Gesandtschaft in Kopenhagen lebte, erzählt

im Detail die Widerwärtigkeiten der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem

Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persönlichen Anteil daran und

seine privaten Verhältnisse beziehen. Es ist dies derselbe Brief vom 31.

März 1865, dem wir weiter oben die Stelle über Marja Dmitrjewnas Tod

entnommen haben. Nach der Erzählung des Todes seiner Gattin nimmt

Dostojewsky jene seiner Kalamitäten folgendermassen auf:

»Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit wurde auch sein

Leichenbegängnis bestritten. Ausserdem blieben gegen 25000 Rubel

Schulden, wovon 10000 nicht beängstigend für die Familie waren, 15000

jedoch auf Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier, mit

welchen Mitteln er hätte noch sechs Nummern des Journals herausgeben

können (er starb im Juli 1865). Allein er hatte einen ungeheuren Kredit

und konnte ausserdem Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen.

Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel zusammen. Keine

Kopeke zur Herausgabe, dabei aber noch sechs Nummern auszugeben, was im

Minimum 18000 Rubel kostete, und überdies die Gläubiger zu befriedigen,

wozu 15000 Rubel nötig waren -- also 33000 R. um den Jahrgang zu

vollenden und eine neue Subskription zu erreichen. Seine Familie blieb

buchstäblich aller Mittel bar -- am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige

Hoffnung, und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich im

Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben zwei Wege übrig:

1. das Blatt nicht weiterführen, es, da ein Journal immerhin einen

Besitz repräsentiert, den Gläubigern samt den Möbeln und dem ganzen

Hausrat übergeben und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten,

litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und Waisen des Bruders

erhalten. 2. Geld aufnehmen und die Herausgabe fortsetzen, koste es, was

es wolle. Wie schade, dass ich mich für das Erstere nicht entschieden

habe. Die Gläubiger würden natürlich kaum 20% erhalten haben, aber die

Familie hätte die Erbschaft abgelehnt, wäre dadurch gesetzlich von jeder

Zahlung befreit gewesen. Ich, meinerseits habe diese ganzen fünf Jahre

an der Arbeit beim Bruder und für die Journale 8-10000 Rubel jährlich

verdient. Folglich könnte ich sie und mich ernähren -- natürlich wenn

ich mein ganzes Leben vom Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich

habe den zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben.

Übrigens war ich es nicht allein, der so wählte. Alle meine Freunde und

früheren Mitarbeiter waren derselben Meinung.

Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden mussten, ich wollte

nicht, dass eine schlechte Meinung das Andenken seines Namens beflecke.

Dafür gab es ein Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen

Teil der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr zu Jahr

besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn die Schulden bezahlt

wären, das Blatt irgend jemand abgeben und die Familie des Bruders

sichern. Dann würde ich aufatmen, dann würde ich wieder anfangen, das zu

schreiben, was ich schon lange auf dem Herzen habe.

Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau, bat mir bei einer

reichen alten Tante 10000 R. aus, die sie in ihrem Testament als meinen

Anteil bestimmt hatte, und setzte, nach Petersburg zurückgekehrt, die

Herausgabe des Blattes für diesen Jahrgang fort. Allein die Sache war

schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis der Zensur zur Herausgabe

des Journals eingeholt werden. Man zog die Sache so hinaus, dass das

Juniheft erst Ende August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar

nichts damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur

gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu setzen, weder als

Herausgeber noch als Redakteur. Ich musste mich zu energischen

Massregeln entschliessen: Ich begann in drei Druckereien auf einmal

drucken zu lassen, sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. -- Ich

allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich mit Autoren und

mit der Zensur herum, besserte Artikel aus, bemühte mich um Geld, sass

bis sechs Uhr morgens auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich

Ordnung in die Sache brachte -- es war zu spät. -- -- Was mich das alles

gekostet hat! Die Hauptsache aber ist, dass ich bei all dieser Zwangs-

und Schmutzarbeit nicht imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile

Eigenes zu drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar nicht und

sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz, wusste es nicht, dass ich

das Blatt redigiere. Und plötzlich brach bei uns eine allgemeine

Journal-Krisis herein.

Oh, mein Freund, gern würde ich abermals ins Gefängnis auf ebenso viele

Jahre wandern, könnte ich dadurch alle Schulden bezahlen und mich wieder

frei fühlen. Jetzt werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der

Rute zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird

effektvoll werden, aber brauch' ich nur das! Die Arbeit aus Not um des

Geldes willen hat mich erstickt und zerstört. -- -- Ich habe Ihnen nun

alles beschrieben und sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines

Geistes und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung davon

gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange wir schriftlich

verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben und kann über mich nicht in

bestimmten Grenzen schreiben. Übrigens ist das auch schwer: viele Jahre

liegen zwischen uns, und was für Jahre! -- --

Im Auslande bin ich zweimal gewesen -- im Sommer 1862 und 1863. Jedesmal

bin ich auf drei Monate fortgegangen. Ich war in Deutschland (fast

überall), in der Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch überall).

Meine Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher

Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen, alljährlich auf drei

Monate zu verreisen, umsomehr, als das in materieller Beziehung bei der

Teuerung unseres hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte

reisen, um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen und um so

tüchtiger die weiteren neun Monate des Jahres in Russland zu arbeiten.

Allein im vorigen Jahre hat des Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig

hier zu bleiben. Und wie hätte ich das Bedürfnis, wenigstens auf einen

Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen, zu

erneuern« .... usw.

»Mit diesem Briefe« -- sagt Strachow -- »kann man einen besonderen

Abschnitt in Dostojewskys persönlichem Leben abschliessen, die Periode

von seiner Zurückkunft aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der

Vereinsamung, da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt

zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat ihn nicht

betrogen. Von hier an beginnt die bessere Hälfte seines Lebens: ihn

erwarteten sehr grosse Mühen und Beschwerden, allein zugleich auch neue,

höhere Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben,

unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit und endlich,

in den letzten Jahren, die Tilgung aller Schulden, genügendes Auskommen

und Ordnung in seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und

angestrengten Zeit entstand im Jahre 1866 »Schuld und Sühne«

(Raskolnikow), 1868 »Der Idiot«, 1870 »Die Besessenen«. Strachow

schreibt diese Fruchtbarkeit dem Umstande zu, dass die »Epocha«

eingegangen war und seine Kräfte nicht aufbrauchte. »Theodor

Michailowitschs übriges Leben«, fährt Strachow fort, »kann man von hier

an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, während welcher

alle diese Romane geschaffen wurden, war sehr beschwerlich, fruchtbar

und zum grössten Teil im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche

mit der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert die

neuen publizistischen Versuche, in der Form einer Redaktion des

»Grashdanin« und des »Tagebuchs« -- allein das ist eine weniger

beschwerliche, verhältnismässig ruhige, und nach aussen durch die

Ordnung der Verhältnisse -- und den öffentlichen Erfolg sich immer

glücklicher gestaltende Periode.«

VII.

Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise.

(1865-1867.)

Der Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise im Auslande. Seine

wieder aufgenommene Korrespondenz mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden

datiert, wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er schon

wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze Jahr 1866, das, wie

Strachow sagt, das folgenreichste Jahr seines Lebens war. Im Januar

dieses Jahres begann im Russkij Wjestnik die Publikation seines bis

dahin bedeutendsten Werkes: »Schuld und Sühne« -- und am 4. Oktober

desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna Snitkina, seine künftige

zweite Gattin, kennen.

»Schuld und Sühne« -- oder, wie es in manchen Übersetzungen

heisst, »Raskolnikow« -- ist jenes von Dostojewskys Werken,

welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung

gefunden hat und hier die erste Grundlage seines Ruhmes geworden

ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer richtigen

Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, welcher

die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst war es

das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete, sodass sich

das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen ungeheuren Kreis

verbreitete. Als das Buch endlich in die Hände der ästhetischen

Kritiker gelangte, da fanden erst seine künstlerischen

Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher das gröbere

litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, so war

es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, wodurch sie das

Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat die Philosophie

hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische Detail, um

aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten verbrecherischen

Handlung mit ihren Folgen das ethische Prinzip des Dichters

herauszulösen. Auch diese kam auf ihre Rechnung, wenn auch nur

bedingt; denn Dostojewskys ethische Gestaltungen verdanken nicht

Prinzipien ihre Entstehung, sondern sind Probleme, wie das Leben

selbst sie bietet. So ist der endgiltige Eindruck dieses Romans

in Europa der eines sensationellen Verbrechens, das mit dem

Aufwand einer grossen schöpferischen Kraft durch die Beobachtung

der feinsten psychologischen Details zu einem Kunstwerk ersten

Ranges ausgestaltet wurde. Nicht so in Russland. Hier war man

einerseits mit Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem

Stil schon vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner

Art zu erzählen, die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der

feste Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein

Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf gleichem

Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, die

gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen eine

neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem neuen

Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete.

Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert auf

das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen

haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und

nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein

verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit,

nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie

weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern

ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck

dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus zu

formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen

Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht man

die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen

Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei seinen

allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen

Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir da vor uns

haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren in

seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so

hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst.

Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen und für

Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe aus

Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich jene

Stellen immer wieder, wo es heisst: »Ich muss erst in Russland

sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.« So

bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an den

Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, den er

schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft nach

Russland schreiben werde, offenbar auf »Schuld und Sühne«, »-- da

dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen

Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn man nach

der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen alle erfüllt

sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen

Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland

zurückkomme.« Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in seinem Kopfe

ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl anzunehmen,

dass der erste grössere Roman, den er in Russland schrieb, jener

lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er »Russland brauchte«:

»Schuld und Sühne«.

Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger,

aussergewöhnlich begabter Student lebt in grosser Armut in einer

elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht,

versteckt sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe

Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten

Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten,

die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne

Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere

Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und

Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das

Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre stolze

Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit

und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit seines

Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen

peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie

der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas Grosses

thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, wenigstens

ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen -- ein altes

Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, damit

sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt er sich. Napoleon

I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet und sind bewundert

worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. Auch ich bin ein

Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, ich folge einer

Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt immer mehr

Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen Jüngling mit der

Lucifer-Seele; er vollbringt die That, welche gegen alle

Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf ihn fällt, empfindet

aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung darauf, vergräbt

die aufgefundenen Wertgegenstände unter einen Stein im Hofraum

eines entlegenen Hauses, verfällt aber bald danach in ein

hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht erwacht, sich

verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen gegen

seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, die ihm endlich die

Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar seinem Schicksal, der

Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, zuführen. Im Epilog

ist der Hinweis auf eine wahrhafte innere Sühne ausgesprochen.

Sie wird, eine neue Illustration zu Goethes Schluss-Worten im

Faust, durch die Liebe zu Sonja, der Gefallenen und doch

unendlich Reinen, eingeleitet.

Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor uns,

die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten und

Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen

Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine

Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das Mädchen

kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold von

einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die hungrigen

kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine gewisse

Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl tiefen

Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, da ist er

von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr

anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht

Liebe zu dem Mädchen -- er will nur reden, einen Teil seiner

Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und

menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben

worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen

Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk

aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe der

Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben haben,

wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst äusserliche

Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt in Sonjas

Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird, aus dem

Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, den

Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu töten,

da er stärker ist als die andern -- wie das alles eingeleitet,

gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische

Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen

Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen

Selbstbeleuchtung herauskommt: der Mord aus Prinzip, die

aufleuchtende Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über

sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass;

die Scham, auch »eine Laus zu sein wie alle andern«, und endlich

die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas,

welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen hier,

obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die

bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die echt

russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld und

Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen.

»Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht

recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum bin

ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher weiss, dass

sie dumm sind -- dass ich selbst nicht gescheiter sein will? Dann

habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten wollte, bis alle

gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. -- Dann habe ich

weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen wird, dass die

Menschen sich nicht ändern werden und niemand da ist sie

umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre! Ja, so ist

es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So ist es! ...

Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist und stark im

Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der hat bei

ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der ist ihr

Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat am

meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird es immer

sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!«

»Ich bin damals darauf gekommen« -- fuhr er in feierlichem Tone

fort -- »dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich

zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, nur

Eines: es heisst nur wagen!«

»Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten Mal in

meinem Leben -- ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir

ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so klar wie die

Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso denn bis heute

niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an all dieser

Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim Schwanz zu

fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... ich habe mich

dreist machen wollen und habe gemordet ... nur erdreisten wollte

ich mich, Sonja -- da hast Du die ganze Ursache!«

»O, schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sonja, die Hände

zusammenschlagend. -- »Von Gott haben Sie sich entfernt, und Gott

hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel übergeben!«

»Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so

dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?«

»Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslästerer -- nichts,

nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er begreifen!«

»Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss ja

selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja,

schweige!« wiederholte er finster und nachdrücklich -- »ich weiss

alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflüstert,

als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich schon mit mir

selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten Zug, und weiss

nun alles, alles! Und so überdrüssig ist mir damals dieses ganze

Geschwätz geworden, so überdrüssig! Ich wollte alles vergessen

und frisch anfangen, Sonja, und aufhören zu schwatzen! Und

glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein Dummkopf, aufs

Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger, und das ist's,

was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst Du denn, ich hätte

nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass, wenn ich schon anfing

mich selbst zu fragen: habe ich das Recht zur Macht? -- ich schon

kein Recht zur Macht mehr habe? Oder wenn ich die Frage stelle:

ist der Mensch eine Laus? er für mich keine Laus mehr ist,

sondern für den, dem das auch gar nicht in den Kopf kommt und der

geradeaus hingeht .... Wenn ich mich schon so viele Tage mit der

Frage herumquälte, ob Napoleon hingehen würde oder nicht, so

fühlte ich ja schon deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die

ganze, ganze Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten,

Sonja, habe alles das loswerden wollen, ich habe gewünscht, ohne

Kasuistik umzubringen, für mich zu töten, für mich allein! Ich

habe darin auch mich selbst nicht belügen wollen! Nicht um der

Mutter zu helfen habe ich getötet -- Unsinn! Nicht darum habe ich

getötet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt hätte, ein

Wohlthäter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach

getötet, für mich getötet, für mich allein, ob ich aber irgend

jemandes Wohlthäter geworden wäre, oder mein Leben lang wie eine

Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssäfte

ausgesogen hätte, das hätte mir in jenem Augenblick ganz gleich

sein müssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptsächlich

brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich so sehr

nötig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles ....

Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend,

niemals mehr einen Mord wiederholt hätte. Mich verlangte es, ein

anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand dahin; ich

musste wissen, so schnell als möglich wissen, ob ich auch eine

Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde ich es

vermögen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich's nicht

vermögen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu bücken oder

nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht

...«

»Zu töten, das Recht zu töten habt Ihr?« rief Sonja händeringend.

»Eh, Sonja!« rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern,

hielt sich aber verächtlich zurück. -- »Unterbrich mich nicht,

Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals der

Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt hat, dass ich

kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche Laus bin,

wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht, und nun siehst Du,

bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich keine Laus

wäre, käme ich da zu Dir? Höre: als ich damals zur Alten ging, da

ging ich nur hin, um zu probieren ... das wisse!«

»Und gemordet haben Sie, gemordet!«

»Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so, geht man

denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging? Habe ich

denn die Alte umgebracht? Mich habe ich umgebracht und nicht die

Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr umgebracht, in alle Ewigkeit!

Diese Alte hat der Teufel umgebracht, nicht ich ... Genug, genug,

Sonja, genug. Lass mich« -- schrie er plötzlich mit krampfhafter

Angst -- »lass mich!«

Als er sie fragt: »Wirst Du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich

dort sitzen werde?« -- und sie ihm antwortet: -- »O ich komme,

ich komme!« da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht sie an und,

sonderbar, ihm war's plötzlich schwer und leid, dass man ihn so

liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche Empfindung! Als

er zu Sonja gegangen war, hatte er gefühlt, dass in ihr all seine

Hoffnung und seine endgiltige Ruhe enthalten sei; er gedachte

wenigstens einen Teil seiner Qualen hier niederzulegen, und nun,

plötzlich, da ihr ganzes Herz sich ihm zugewendet hatte, da

fühlte und erkannte er es plötzlich, dass er unendlich viel

unglücklicher geworden war, als er früher gewesen.«

Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit

Verurteilten am Irtisch unter Missethätern. Wir sehen abermals

dasselbe Bild wie im »Totenhause«. Auch auf Raskolnikow macht die

Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch er fühlt, dass

er nicht zu ihnen gehöre, fühlt es mit der künstlerisch

hingesetzten Nuance, dass er »keinen Glauben« hat. Anfangs fühlt

er sich aber nur dadurch bedrückt, dass sie ihn ob seines freien

Schuldgeständnisses nicht zu den Ihren zählen, weil sie ihre

Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht ertrug.

Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht habe.

»Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht

begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer

stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte. Er

begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen

Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt,

eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später erst

erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher gegen ihn, »Du

bist ein Gottloser,« sagen sie -- »Du glaubst nicht an Gott, Dich

soll man erschlagen.« Sonja jedoch, welche ihm in die Verbannung

gefolgt war und im Städtchen, wo die Festung lag, sich ihr

kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur um ihn, wenn er mit den

anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf Minuten sehen und

sprechen zu können, Sonja wurde von allen geliebt. »Mütterchen,

Sofia Semjonowna,« sagten sie, »Du unsere Mutter, Du blasse,

kranke usw.« »Warum?« fragt er sich, »warum lieben sie sie?«

Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital gebracht.

Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als er einmal,

Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre schmächtige

Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. Sie hatte,

wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. Nun erkrankt

Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht, und jetzt erst geht ihm

an seinem Sehnen und Bedürfen nach ihrer weichen und starken

Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung auf. An einem schönen

frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen an der Arbeit ist,

entfernt er sich für einen Augenblick aus dem Heizraum und setzt

sich am Flussufer auf einem Balken nieder, da erscheint plötzlich

Sonja und setzt sich still neben ihn. Anfangs bleiben sie

schweigend neben einander, er senkt den Kopf und blickt starr auf

die Erde, da:

»Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich packte

ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und umklammerte

ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und ihr

Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf und sah ihn zitternd

an. Allein sofort, im selben Augenblick hatte sie alles

begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches Glück auf;

sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel mehr, dass er sie

liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich gekommen war,

diese Minute.« ...

»Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. Thränen

standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und armselig,

allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete schon

die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt zu einem

neuen Leben. -- --

Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn mit

Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher

aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach sie

nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das

Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung

erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. Bis heute

hatte er es nicht aufgeschlagen.

Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte

ihn: »Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von jetzt an

nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen

wenigstens.«

»Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, in

der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so überaus

glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor ihrem

Glücke erschrak. Sieben Jahre, _nur_ mehr sieben Jahre! Zu Anfang

ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide imstande, auf

diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. Er wusste es

ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst zufallen

werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es mit einer grossen

künftigen That bezahlen müssen.«

Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine spezifisch

russische Seite, die russischen Absichten des Dichters und das

hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine russischen

Leser machen musste. Schon im »Totenhause« hatte er es

ausgesprochen, dass »in jedem russischen Menschen unserer Tage

der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.« Das war wohl die

Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen Boden,

russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden wollte, dass

für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen eines Volkes

anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft sei, so muss

darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade der Russe

immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht _ausser_ die

anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich

zusammenfassend und im Christentum einigend dachte.

Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte

Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist

nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem

Zweck, das Werk von der russischen »breiten« Ethik aus zu

beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger

scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der

harmlose »ehemalige Student« und Freund Raskolnikows. Ihm legt

der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame

Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in etwas

angeheitertem Zustande: »Ich liebe es, wenn man lügt; das Lügen

ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen Organismen

voraus hat. Lügst du -- so wirst du schon zur Wahrheit kommen!

Darum bin ich eben ein Mensch, weil ich lüge. Nicht zu _einer_

Wahrheit ist man gekommen, wenn man nicht früher 14mal, ja

vielleicht 114mal gelogen hat. Und das ist in seiner Weise

ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal ordentlich nach unserem

Verstande lügen! Du lüge mich an, aber lüge nach deinem eigenen

Wesen, und ich werde dich küssen. In seiner Weise lügen, das ist

ja besser, als eine fremde Wahrheit nachreden; im ersten Falle

bist du ein Mensch, im zweiten aber bist du nur ein Vogel! Die

Wahrheit wird nicht verschwinden, das Leben aber kann man

zerstören -- es hat Beispiele gegeben.

Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), in

unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem Denken, unseren

Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem Liberalismus, unserer

Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem noch in der ersten

Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat uns gefallen, uns mit

fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben -- hineingefressen haben

wir uns!« --

»... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.« -- Die zweite

Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen kann, ist

die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die Unschuld des

Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, weil er

ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der Alten für einen Rubel

versetzt hatte. Dieser Bursche war auf derselben Stiege in einer

leeren Wohnung mit dem Streichen der Wände beschäftigt gewesen,

als der Mord im oberen Stockwerk geschah. Er war mit einem

anderen jungen Burschen nach gethaner Arbeit schäkernd und Ulk

treibend die Treppe hinabgelaufen, sie hatten sich im Hausflur,

wie 8 Personen sehen konnten, gebalgt und er war noch einmal in

den Arbeitsraum hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre

gestellt. Dort hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht,

um in Untersuchung gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen

ihn, da er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er

zur Verantwortung gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als

man ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er:

»weil man mich verurteilen wird«. Es ist etwas Ergreifendes in

dieser russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später

eine Art mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu

erklären, zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows

Thäterschaft schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber

greift mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um

»unsere Jurisprudenz« anzuklagen, welche »niemals, niemals die

subjektive Thatsache der Stimmung, der psychologischen

Unmöglichkeit, einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick

sich mit einem Kameraden zu balgen,« in Betracht ziehen wird,

»weil man die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte

erhängen wollen«, »was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht

schuldig gefühlt hätte.« Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo

das echt russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer

Selbstverständlichkeit benützt wird, wie sie an das Unbewusste

grenzt, uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen

muss. Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn

gekommen, eine solche unbegründete Selbstanklage als

glaubwürdiges retardierendes Motiv in einem Romane anzubringen.

Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze Begegnung der Freunde

in Kopenhagen eingeleitet zu haben und wieder durch diese aufgefrischt

worden zu sein, und so finden wir den häufigsten Austausch von

persönlichen und geschäftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem

Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser Briefe aus Wiesbaden

heisst es unter anderem: »-- diesmal will ich Ihnen über mich schreiben,

eigentlich aber nur über eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen

werde, niemand mit, denn ich fühle, dass es mich teilweise anschwärzt.

Da aber in einem solchen Falle Phrasen vollkommen unfruchtbar und auch

schwer sind, so will ich Ihnen offen bekennen, dass ich -- in meiner

Dummheit vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich hatte.

Ich habe auch früher gespielt, gleich vom Anfang meines Wiesbadener

Aufenthalts an, aber ich hatte Glück, sogar bedeutendes Glück

(verhältnismässig gesprochen), habe mich aber dann in meiner Dummheit

vergaloppiert, alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der

abscheulichsten Situation, die man sich vorstellen kann, und kann aus

Wiesbaden nicht heraus.«

Nun verlangt er für eine kurze Zeit 100 Thaler, um nur vom Hôtel

loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er jemand sicher zu finden hofft,

der ihm helfen wird. In einem zweiten, ca. 14 Tage später datierten

Briefe beklagt er sich darüber, keine Antwort erhalten zu haben. Er

bittet, Wrangel möge ihm das Geld unverzüglich schicken, »obwohl es ihm

nun nicht mehr radikal helfen könne«, und fügt hinzu, dass die

Erzählung, die er eben schreibe, mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er

das Geld in einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen können,

die er von Katkow, dem Redakteur des Russky Wjestnik, als

Abschlagszahlung für seine Erzählung (Raskolnikow) erhalten werde. Ein

dritter Brief vom 8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf

eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen. Er erzählt darin

von seiner Rückkehr, von den drei Anfällen, die er sofort und im Verlauf

einer Woche erlitten hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden

gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der vollkommenen

Deroute in der Familie des Bruders, die ihn erwartet habe, und der er

alles gleich gab, was er besass, und ausserdem 100 R., die er dazu

aufnahm. Er bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst nach

der Bezahlung des Romans abtragen könne, der wohl 2500 R. einbringen

werde. Noch einmal aber von Katkow vorausnehmen will er nicht. Er findet

es nicht politisch, unmöglich, hässlich; es seien durchaus die

Beziehungen nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwähnt er seines

Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, für welchen er ebenfalls

sorgt, der ihm aber niemals Freude gemacht hat, sowie eines kranken

Bruders, der nicht mehr lange zu leben habe.

Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg am 18. Febr.

1866: »Bester alter Freund Alexander Jegorowitsch, ich bin durch mein

langes Schweigen vor Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld.

Es würde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben, die Ursache

meines langen Schweigens klar zu machen. Die Ursachen sind vielfach und

kompliziert, und ich kann sie darum nicht beschreiben, will nur einiges

andeuten. Erstens sitze ich über der Arbeit, wie ein Sträfling. Es ist

das der Roman für den Russky Wjestnik; ein grosser Roman in sechs

Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben und fertig; ich habe

alles verbrannt, dass kann ich jetzt bekennen. Es hat mir selbst nicht

gefallen. Eine neue Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich

habe frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch arbeite

ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus, dass ich jeden Monat 6

Druckbogen an den Russkij Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar,

allein ich würde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe hätte. Ein Roman

ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner Vollendung der Ruhe für

Seele und Phantasie. Mich aber quälen die Gläubiger, d. h. sie drohen,

mich einsperren zu lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen

fertig werden können und weiss wirklich noch nicht, ob ich's überhaupt

werde, obgleich viele von ihnen ganz vernünftig sind und meinen

Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf 5 Jahre zu verteilen. Mit anderen

aber konnte ich bis jetzt nicht in Ordnung kommen.

Sie können denken, wie beunruhigt ich bin; das zerreisst mir Kopf und

Herz, verstimmt auf mehrere Tage. Da setze dich dann hin und schreibe!

Manchmal ist das ganz unmöglich. Darum ist's auch schwer, eine ruhige

Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig zu plaudern,

weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs, nach meiner Rückkunft, hat

mich die Hinfallende schrecklich geplagt; es war, als hätte sie die drei

Monate nachholen wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt

aber plagen mich schon seit einem Monat Hämorrhoiden. Sie haben von

dieser Krankheit und davon, wie ihre Anfälle sein können, wahrscheinlich

keine Vorstellung. Nun sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie

sichs eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im Februar und

März, zu quälen. Und, denken Sie, vierzehn Tage(!) war ich gezwungen auf

meinem Divan zu liegen, vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand

nehmen können. Jetzt, während der letzten vierzehn Tage, muss ich fünf

Druckbogen schreiben! Und liegen müssen, wenn man organisch ganz gesund

ist, nur darum, weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass sofort

Krämpfe kommen, sobald man sich vom Divan erhebt! --

Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es wäre besser, wenn ich

in Staatsdienst träte; kaum. Mir ist dort besser, wo ich mehr Geld

bekommen kann. In der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen,

dass ich (wären nicht die Schulden) immer ein sicheres Stück Brot, ja

sogar ein süsses, reichliches haben könnte, wie es ja auch in continuo

bis zum letzten Jahr der Fall war. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen

von meinen gegenwärtigen litterarischen Geschäften erzählen, und Sie

werden daraus ersehen, wie sich alles verhält. Vom Auslande aus, da ich

durch die Umstände bedrängt war, stellte ich Katkow den für mich

niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel für den Druckbogen ihres Blattes, 150

vom Format des »Sowremjennik«. Sie waren einverstanden. Später erfuhr

ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie für dieses Jahr nichts

Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt nichts, und mit Leo Tolstoi

haben sie sich zerstritten. Ich bin als Lückenbüsser erschienen (das

alles weiss ich aus sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich

laviert und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche

Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es schreckte sie für

25, ja möglicherweise 30 Druckbogen zu 125 Rubel zu zahlen. Mit einem

Wort: ihre ganze Politik lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt),

den Preis per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu steigern.

Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns, sie wollen offenbar, dass

ich nach Moskau komme. Ich aber halte aus. Folgendes ist dabei mein

Zweck: Hilft Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich

möchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die Hälfte des

Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird damit erreicht sein, dann erst

fahre ich nach Moskau und sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im

Gegenteil, es kann sein, dass sie hinzufügen. -- Das wird zu Ostern

sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen, drücke

mich zusammen und lebe wie ein Bettler, werde nur das Nötigste

verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme, so bin ich moralisch nicht mehr

frei, wenn ich später endgiltig über das Honorar mit ihnen verhandle.

Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im ersten Januarheft

des Russkij Wjestnik erschienen. Er heisst: »Schuld und Sühne«. Ich habe

schon viele entzückte Äusserungen darüber gehört. Es sind kühne und neue

Sachen darin.«

Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky einiger

Privatangelegenheiten Wrangels Erwähnung und schliesst: »Übrigens bin

ich sehr froh darüber, dass Sie unser intimes russisches, geistiges und

bürgerliches Leben so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde

sehr angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte. Sie sehen

vieles ein wenig exklusiv an. Schöpfen Sie Ihre Kenntnisse nicht aus

ausländischen Zeitungen? Dort wird systematisch alles verunglimpft, was

sich auf Russland bezieht. -- Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man

kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt, thatsächlich unter

den Einfluss der auswärtigen Presse. Sonst aber fühle ich, dass ich in

vielem und sogar sehr mit Ihnen übereinstimme usw.«

Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: »Bester Alexander Jegorowitsch! Ich

habe mich mit der Antwort verspätet und eile nun, das Versäumte

nachzuholen. Glauben Sie mir, Sie unveränderlicher Freund Alexander

Jegorowitsch, das Gewissen plagt mich selber, und wäre Ihr Brief nur um

8 Tage früher gekommen -- ich hätte Ihnen sofort alles geschickt. Lachen

Sie nicht, wenn ich so spreche. Hier meine Situation. Den ganzen Winter

habe ich wie ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit

zerstört, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben. -- Wohin

sind sie gekommen? Ja, man reisst alles nur so von mir! In der Charwoche

bin ich zu Katkow nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu

nehmen.[22] Mein Zweck war der, so schnell als möglich nach Dresden zu

fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und meinen Roman ganz

ungestört zu vollenden. Anderswo, hier in Petersburg, kann ich ihn

unmöglich vollenden. Die Anfälle nehmen zu (was im Auslande nicht der

Fall ist). Die Gläubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto

zudringlicher werden sie. Indessen sollten sie mir dafür dankbar sein,

dass ich nach meines Bruders Tode die Wechsel auf meinen Namen schreiben

liess und einen Teil schon bezahlt habe. Hätte ich aber die Wechsel

nicht auf mich schreiben lassen, so hätten sie gar nichts bekommen. --

Allein die Sache hat sich so gewendet, dass diesmal zur Erteilung des

Passes ins Ausland besondere Formalitäten nötig wurden, sich dadurch

alles hinauszog, der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche

noch möglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben die Gläubiger

die Klage eingereicht und so ist mein Tausender in Rauch aufgegangen.

Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch sitze ich da und

setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller Kräfte fort. In diesem

Augenblick ist er -- meine einzige Hoffnung. Ich werde dafür noch 1500

Rubel zu bekommen haben, vielleicht auch mehr; später aber gebe ich ihn

für die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als 1500 (man

handelt schon darum). Von Katkow aber werde ich nicht früher als im Juli

Geld herausbekommen. So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli

schicken. Entsteht aber die geringste Möglichkeit es früher zu senden

(das aber kann leicht geschehen, da die Buchhändler schon um die zweite

Auflage handeln, ehe der Roman vollendet ist), so schicke ich gleich.

Sie aber bitte ich, mir, wenn auch nur in zwei Worten, meine vorjährige

Schuld in Reichsthalern zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe

und mich der Summe nur annähernd, aber nicht genau entsinne. Ich füge

hinzu, dass es mir peinlicher ist, als Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt

nicht schicken kann. Sie werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich

andere befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner

Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht geschehen ist;

sie sind neben mir und haben mich so bedrängt, dass ich nicht zu Atem

kam -- so habe ich alles willenlos hingegeben usw.« --

[Fußnote 22: Man merke hier den scheinbaren Widerspruch zu der

vorangegangenen Äusserung, von Katkow nicht vorausnehmen zu wollen.

Dieser Widerspruch findet seine Lösung in dem Umstande, dass der Roman

schon seit Januar zu erscheinen begonnen hatte, eine solche

Vorauszahlung also durchaus anders zu beurteilen war, als eine im

November 1865.]

Anknüpfend an diesen Brief erzählt Strachow aus seiner Erinnerung, dass

der Eindruck des Romans ein ungeheurer war, dass gesunde Leute fast

krank davon wurden, nervenschwache aber die Lektüre des Buches aufgeben

mussten. Was aber die grösste Sensation machte, war der Umstand, dass

zur nämlichen Zeit, als der Teil des Romans erschien, in welchem sich

die Beschreibung des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger

Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umständen einen Mord

vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis auf die damals in der Luft

schwebenden falschen Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind,

um das Böse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky schon

in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben angeführten Worte schrieb.

Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe von des Dichters

bis dahin erschienenen Werken veranstaltet werden. Der Herausgeber,

Stellowsky, ein Mensch, welcher das Talent anderer auf die schändlichste

Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende Bedingung

gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung eine Erzählung ein, welche

noch nirgends gedruckt worden ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein.

Für diese Gesamtausgabe samt der neuen Erzählung zahlt Stellowsky dem

Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk um einen Tag später, so

erhält Dostojewsky für die Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht,

eine Gesamtausgabe zu veranstalten, bleibt für alle Zeiten Stellowsky.

Der Dichter hatte nun die Erzählung »Der Spieler« niederzuschreiben

begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche seines Bruders Tod auf

ihn gewälzt hatte, so beunruhigt, dass er fürchten musste, nicht die

nötige Sammlung zur Arbeit zu finden. Ein Brief aus Dresden an N.

Strachow, sowie die Erzählung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte,

mögen die Schilderung dieser Situation ergänzen. Er schreibt:

»Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf die folgende Weise

erworben: Ich war in entsetzlichen Verhältnissen. Nach dem Tode meines

Bruders im Jahre 1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen

und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von einer Tante als

Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der Herausgabe der »Epocha« -- meines

Bruders Journal -- zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den

geringsten Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als

Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. Das Blatt aber fiel,

es musste aufgegeben werden; dennoch setzte ich die Bezahlung der

Schulden meines Bruders sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe

ich da ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders Tode)

einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir gekommen und hatte mich

angefleht, des Bruders Wechsel (er war sein Papierlieferant) auf meinen

Namen zu schreiben, und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten

würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es.

Im Sommer 1865 fängt man an, mich mit den Wechseln D.s und eines anderen

(ich erinnere mich seines Namens nicht) zu verfolgen. Von der andern

Seite präsentierte Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz

arbeitete, ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt

hatte, da ich Geld für die Herausgabe jenes, nun fremden, Journals

brauchte .... und da, plötzlich, zur selben Zeit, sendet Stellowsky zu

mir und lässt mir vorschlagen, ob ich ihm nicht meine sämtlichen Werke,

samt einem ganz neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw., d.

h. also unter den demütigendsten Bedingungen. Wartete ich nur ein wenig,

so bekam ich von den Buchhändlern für das Recht der Publikation

wenigstens das Doppelte, liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann

bekam ich sicher das Dreifache, denn ein Jahr später wurde die zweite

Auflage von »Schuld und Sühne« allein gegen 7000 Rubel Schulden

eingetauscht (immer Journalschulden -- an Bazunow, Pratz und einen

Papier-Agenten). Auf diese Weise habe ich für des Bruders Zeitschrift

und seine Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner

Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf mir lasten.

Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage Bedenkzeit. Das war auch die

Klagefrist für den Schulden-Arrest. Dazu müssen Sie wissen, dass meine

Wechsel an D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals auch

geschriftstellert, Goethe übersetzt, ist jetzt, wie es scheint,

Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel) präsentiert wurden. In diesen

10 Tagen schlug ich mich überall herum, um Geld für die Auslösung der

Wechsel zu bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen Handel mit

Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich achtmal, fand ihn aber nie

zu Hause. Endlich erfuhr ich durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij),

den ich kennen lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter

Freund Stellowskys sei, seine Geschäfte führe usw. Da willigte ich ein,

und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie in Ihren Händen ist. Ich

bezahlte D...., Gawrilow und die anderen und reiste mit dem Rest von 35

Halbimperialen ins Ausland.

Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen Roman »Schuld und

Sühne« zurück, nachdem ich mit dem Russkij Wjestnik (Katkow) in

Verbindung getreten war und von diesem schon einiges Geld voraus

erhalten hatte. Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky

unterfertigt hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht imstande

sein würde, den ihm versprochenen Roman bis zum 1. November 1865 zu

vollenden. Er erwiderte mir, dass er dies auch nicht verlange und nicht

vor einem Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich aber,

zum 1. November 1866 zuverlässiger zu sein. Dies alles wurde mündlich

und unter vier Augen verabredet, aber das schreckliche Pönale, wenn ich

zum 1. November 1866 nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.«

Die Ergänzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzählte uns Anna

Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nämlich den schon im Jahre 1863

geplanten und in vielen kleinen Notizen, namentlich im Gedächtnisse

festgehaltenen Roman »Der Spieler« Anfang Oktober 1866 zu schreiben

begonnen und verlor, da die fatale Frist immer näher heranrückte, so

sehr den Mut, dass seine Freunde befürchteten, er werde die Arbeit gar

nicht machen können. Da machte ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer

Hilfskraft zum Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs

eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor der

Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren von ihm den Namen

seiner besten Schülerin A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um

dem jungen Mädchen ihre Vorschläge zu bringen. Sie hatte kurz vorher

ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und bald darauf ihren Vater

verloren. Aus dem Wunsche heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern

und auch um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors

Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde zukam, anzunehmen. Als sie

gar hörte, wem sie in der Arbeit helfen sollte, da war das Mädchen voll

Freude und Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem grossen

Dichter, den sie schon sehr bewunderte, genügen würde. Sie trat zitternd

bei ihm ein, wurde jedoch bald durch einige freundliche Worte,

namentlich aber dadurch ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und

der Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren vom 4. Oktober

bis 1. November noch sieben Druckbogen zu schreiben und alle ins Reine

zu bringen. Anna Grigorjewna pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor

Michailowitsch zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander

arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der von ihr mitgebrachten

Reinschrift durch, was er gestern diktiert hatte, dann diktierte er

weiter. So ging es bis zum 30. Oktober fort.

Nun war die Erzählung vollendet und wurde an Stellowsky durch Eilboten

gesandt. Er war verreist, unauffindbar. Sandte man das Päckchen durch

die Post, so kam es einige Tage später in Stellowskys Hände, und

Dostojewsky war verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte

Stenographin auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu

tragen und sich dort eine Empfangsbestätigung für den Empfänger mit dem

Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das geschah und der Dichter war

gerettet. Die dreitausend Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden

waren, hatte Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit der

anderen als Gläubiger der aufgekauften Wechsel, die ihm dazu gedient

hatten, den Dichter in die Enge zu treiben, wieder eingestrichen.

So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft, mehr noch durch ihre

kluge und findige Art, des Dichters Interessen zu fördern, ihm eine

unentbehrliche Helferin erstanden, die er nicht mehr missen konnte.

Gegen das Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie in

ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater, der mit ihnen

lebte, kennen zu lernen. Schon nach wenigen Besuchen erklärte der

Dichter Anna Grigorjewna und ihren Angehörigen, dass er seine Gehilfin

auch gern zur Lebensgefährtin machen möchte. Das junge Mädchen, das mit

grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte sich niemals eine solche

Annäherung träumen lassen. Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger

als anziehend. So rief der Antrag des 46 jährigen Mannes in der 20

jährigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin anfangs ein

erschrecktes Staunen hervor. Doch war es keine kleine Versuchung für

sie, an der Seite eines Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen

Ruhm in stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie

thatsächlich und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um ihnen auch

Erfolg zuzuführen und ihn, den Dichter, mit der Hoffnung eines

sorgenlosen Alters zu beglücken. Sie willigte also ein. »Als ich seine

Gattin wurde« -- sagte sie uns --, »da empfand ich nur Verehrung für

ihn, aber nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Güte von ihm

erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits.« Die Vermählung fand am 15.

Februar 1867 statt, nicht ohne vieles Abraten von Seiten der Familie

Michael Michailowitsch, welche eine Heirat des Dichters als ihren

Interessen schädlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit

der Neuvermählten, welche eine böse Ehezeit fürchten musste, wenn man in

Petersburg blieb, den Dingen eine energische Wendung zu geben, indem sie

zur Abreise antrieb, welche ja ohnedies durch die Klagen der Gläubiger

und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war.

Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche am 22. Februar 1868

in Genf geboren wurde und ebenda am 12. Mai desselben Jahres starb. Die

zweite Tochter, Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren

und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg, teilweise auf einer

Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in

Petersburg geboren wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim

und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele Ehren und Preise

gewonnen haben. Ein viertes Kind, Alexei, wurde am 12. August 1875 in

Stara Russa geboren und starb in Petersburg im Mai 1878.

VIII.

Vierjähriger Aufenthalt im Auslande.

(1867-1871.)

Zwei Monate nach seiner Vermählung, d. h. am 14. April 1867, ging das

Ehepaar Dostojewsky nach dem Auslande, wo es, wie Strachow erzählt, weit

länger zu bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte. In

einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die Erklärung dazu.

Mit der Rückkehr Dostojewskys nach Russland wären so viele Zahlungen und

Verpflichtungen an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefängnisse

nicht hätte entgehen können, wo er seiner physischen und psychischen

Natur nach unmöglich hätte arbeiten und so weder für die Familie des

Bruders noch für seine eigene hätte aufkommen können. Er musste also im

Auslande bleiben, um bei unermüdlicher Arbeit endlich die grosse

Schuldenlast, welche des Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, allmählich

abzutragen.

Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen von vielen schweren

Sorgen, von der fast ausschliesslichen Einsamkeit und den

Beschwernissen, welche Familienzuwachs in der Fremde bei beschränktesten

Mitteln mit sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in

materieller wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei kein

Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umständen und den langen

und ungestörten Meditationen, sich in dem Dichter die ganz besondere

Ausgestaltung jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm

gelebt hatte. In seinen Briefen ertönte plötzlich diese Saite seines

Wesens, sie begann so mächtig in ihm zu erklingen, dass er es nicht mehr

für sich allein zu behalten vermochte, wie er dies früher gethan. Von

dieser durchgreifenden Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen

vollkommenen Begriff. Allein für alle seine Bekannten hat sie sich sehr

klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch von seiner Auslandsreise

zurückkam. Unaufhörlich lenkte er das Gespräch auf religiöse Themata.

»Nicht genug an dem« -- sagt Strachow -- »er war auch in seinem Benehmen

mit Menschen, das eine grössere Weichheit erlangt hatte, ja manchmal

geradezu zur Sanftmut wurde, verändert. Sogar seine Gesichtszüge trugen

die Spuren dieser Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes

Lächeln getreten. Ich erinnere mich« -- fährt Strachow fort -- »an eine

kleine Episode im »Slavischen Comité«. Wir traten zugleich ein und

wurden von J. Petrow begrüsst. Wer ist das? fragte mich Theodor

Michailowitsch, der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da

er fortwährend auch solche Leute vergass, denen er oft begegnete. Ich

sagte es ihm und fügte hinzu: was für ein wunderbarer, höchst

wunderbarer Mensch! Theodor Michailowitschs Augen leuchteten freundlich

auf, er sah alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte: »Ja,

alle Menschen sind wunderschöne Geschöpfe.«

Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der Dichter im Laufe seiner

Abwesenheit von der Heimat an die Freunde schrieb, wollen wir Strachows

orientierende Erzählung über die Reisestationen und das Lebensdetail

dieses vier Jahre dauernden Exils in Kürze wiedergeben. Das Ehepaar ging

im April über Berlin nach Dresden, wo es sich zwei Monate aufhielt. Der

Dichter schrieb hier an seinem Artikel: »Meine Erinnerungen an

Belinsky«, welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow

schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung übergab, worauf

die Arbeit, sowie auch alle anderen, für diese Sammlung vorbereiteten

Artikel, spurlos verschwunden sind. In Dresden war es namentlich Anna

Grigorjewna, welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor

Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschränkte sich dabei jedoch

immer auf seine Lieblinge: »Die Sixtina«, Correggios »Nacht«, Tizians

»Zinsgroschen«, den Christuskopf von Annibale Caracci und die

»Abendlandschaft« Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemälde

Rujsdaels, namentlich seine »Jagd«.

Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche wir aus dem Munde Anna

Grigorjewnas haben und welche einmal durch den Briefwechsel des Dichters

mit seiner Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewährte, ihre

eigentliche Beleuchtung erhalten wird.

Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in den bekannten, sehr engen

Verhältnissen lebend, beschliesst Dostojewsky von dort aus einen

Abstecher nach Homburg zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller

Blüte stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male) sein Glück zu

versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt sich diesem Vorhaben

durchaus nicht; weiss sie ja doch, dass in solchem Falle ein Begehren

sich ins Unerträgliche steigern und den Hausfrieden stören kann. Auch

ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der praktische

Beweggrund -- so viel zu gewinnen, um eventuell in die Heimat

zurückkehren zu können -- allein ist, der den Dichter aus Dresden

forttreibt, sondern wohl in ebenso hohem Grade sein nervöses und

künstlerisches Bedürfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fühlen das

ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert Thaler mit, die ihm zum

Glück helfen sollen, über deren Verlust hinaus aber er nichts riskieren

will. Nun beginnt jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und

Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen täglichen Briefen an die

Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen. Selbstanklage, Zerknirschung,

Verhimmelung des jungen Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit

ihm durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm noch einmal

Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslösen, ihn heimbringen soll,

dies alles ohne Vorwurf und Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom

Augenblick und der Leidenschaft so oft beherrschten »schlechten

Charakter«, wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie

sein dankbares Verhältnis zur klugen jungen Frau, die ihn durch

Nachgiebigkeit und unmerkliche Führung so gut zu lenken weiss.

Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar von Dresden ab, um

in die Schweiz zu gehen. In Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen

festgehalten, da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel hatte

hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so viel verloren hatte,

dass er sich nur mit dem von Katkow ihm gesandten Gelde loskaufen konnte

und mit einem Rest von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine

Stimmung jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere, als er nur

der ihn wie ein Alp drückenden Vorstellung, am Roulettetisch gewinnen zu

müssen, entronnen war.

In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68 zu, wo er den »Idioten«

schrieb, welcher Roman im »Russkij Wjestnik« mit dem Januar 1868 zu

erscheinen begann. Ihr Leben war einsam und einförmig. Um 11 oder 12 Uhr

stand der Dichter auf, trank Kaffee und setzte sich zur Arbeit, an der

er bis 3 Uhr verblieb. Dann diktierte er seiner Gattin aus dem

Brouillon. Um 4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische. Dann

las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen Abend machte man einen

Spaziergang, dann nahm man den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch

ungefähr um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr morgens

arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser Ogarew, welcher sie hier

und da besuchte und ihnen in Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs.

lieh. Am 22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Töchterchen, Sophie,

geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte deren Tod, den der Dichter

so schwer empfunden und nie verwunden hat. Das Leben in Genf hatte für

das Ehepaar aber auch noch manche andere Beschwerden und

Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon losrissen und in

Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer über verblieben. Anfangs September

gingen sie über den Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in

Mailand zu und liessen sich für den Winter 1868-69 in Florenz nieder.

Die ganze Zeit wurde die Arbeit am »Idiot« fortgesetzt, dessen Schluss

als Separat-Anhang des »Russkij Wjestnik« im Januar- oder Februarheft

1869 erschien.

War »Schuld und Sühne«, ohne dass man dies in Europa beachtete,

ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen

Prinzipien und Probleme, so finden wir im »Idiot«, der, wie wir

sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas ganz

anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden bietet den

Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort für sie, während

zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem Zorn

und unnachsichtiger Härte hingestellt, in seinen Landsleuten

Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten, mit welcher der

Dichter die Gesinnungsgenossen einer »längst vergangenen Zeit«

brandmarkt. Dostojewsky hat dies später, in dem Roman »Die

Besessenen« noch in höherem Masse durchgeführt.

Für die europäische Lesewelt steht die Sache jedoch anders. Auch

sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft, die

Charaktere der jungen Generation übertrieben, die Handlung

gedrängt und doch lose, den Ton ungleich finden, und es wird ihr

gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks russisch

grausam erscheinen müssen. Die Gestalt des Helden aber, welche

dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele, kaum

auffällt, ja vielleicht lächerlich erscheint, sie wird uns mit

allen Mängeln der Dichtung aussöhnen.

Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des

russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja

schon die späteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf

seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu den

russischen, zeitgenössischen Kritikern (welche die immer schärfer

hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form seiner

christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher aus

der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschälen.

Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere Sühne der

Schuld durch ein künftiges christliches Glauben und Lieben, so

steht hier in diesem »Idioten« eine Verkörperung hoher,

christlicher Weisheit, ohne jegliches »Prinzip«, ohne Zwang, in

grösster Anmut vor unseren Augen.

Vollendet künstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys setzt

die Erzählung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen wir, dass

der Held, der junge Fürst Myschkin, kein Idiot ist, sondern der

»reine Thor«, jene herrliche Gestalt, welche in der Litteratur so

vieler Völker wiederkehrt, in der deutschen Sage im Parsifal

unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht sagenhaft, als

Held, sondern als ein Kind des Volkes, »Iwanuschka-Duratschók«

noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belächelt und

bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst ein Stück

russischer Sage darstellen wird.

Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an; er ist

ärmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse friert;

er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bündelchen bei sich und

erzählt seinen Reisegefährten mit der Bereitwilligkeit eines

Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Güte eines

väterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem Lande

untergebracht worden war, wo er von nervösen Anfällen geheilt

werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet

werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden, seine

Erziehung aber dennoch sehr lückenhaft geblieben. Vor zwei Jahren

sei der Wohlthäter gestorben, der freundliche Arzt habe ihn aber

dennoch bei sich behalten, habe väterlich für ihn gesorgt und ihn

erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach Petersburg geschickt,

ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts mitgeben können, so

dass er nun ohne eine Kopeke anlange und noch nicht wisse, was er

beginnen werde. Seine Reisegefährten sind: Rogoschin, der Sohn

eines ebenso reichen als geizigen und despotischen Kaufmannes,

dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet hat, um sie einer

berühmten Schönheit zweifelhaften Rufes zu verehren. (Nun ist der

Vater plötzlich gestorben und er kehrt zurück, um sein Erbe

anzutreten.) Ferner ein mit allen Salben geriebener kleiner

Beamte, schlechtester Sorte. Beide lächeln über die Harmlosigkeit

des jungen Fürsten, der selbst erzählt, man hätte ihn in der

Schweiz einen Idioten genannt, was er auch sicherlich ohne die

treue Pflege jenes Arztes geworden wäre, nun aber nicht sei, wenn

er sich auch noch nicht ganz genesen nennen könne.

Als die Rede auf jenes schöne Mädchen, Nastassja Philippowna,

kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren

scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude und

Erleichterung) freimütig, dass er immer zu krank gewesen sei, um

je ein Weib zu kennen. Damit ist auch für den Leser das Bild

Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten klar,

was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an Nastassja,

sowie später an Aglaia Epantschina, der jüngsten Generalstochter,

die ihn liebt, in das reinste Licht stellt.

Nachdem die Reisegefährten angekommen sind, bietet Rogoschin dem

Fürsten seine Gastfreundschaft und Hilfe an. Dieser will sich

vorerst an den General Epantschin wenden, dessen Gattin ebenfalls

eine Fürstin Myschkin ist, und hofft sich dort wegen der

Angelegenheit, um derentwillen ihn der Pfleger in die Heimat

geschickt hatte, Rat holen zu können. Da er keinen Wert auf diese

Sache legt, sie nur nebenher erwähnt und hilflos-vergnügt mit

seinem Bündelchen weiter zieht, fragt auch niemand nach dieser

Angelegenheit, und er tritt nach einem schüchternen Läuten in die

Vorstube des Generals ein, wo ihn ein Kammerdiener misstrauisch

von oben bis unten ansieht und endlich gnädig hereinlässt. Die

hier folgende Scene, da der junge Fürst seinen Namen nennt, aber

mit seinem Bündelchen in der Hand lieber in der Dienerstube

bleibt, als dass er in das Wartezimmer der Gäste ginge, ist ganz

ausserordentlich geschildert.

Der Diener hält den Besucher natürlich bald für einen »Idioten«,

gewinnt aber allmählich und unbewusst Sympathie und eine gewisse

Achtung für diesen jungen Menschen, den er gleichwohl nirgends

einzureihen weiss. Für den Leser ist aber von den ersten Worten,

die Myschkin spricht, sichtbar geworden, dass da ein Wesen

tiefster Herzenskundigkeit, weltfremd und unerfahren, doch in den

letzten Dingen hellsehend und weise sich entfalten wird. Zugleich

kindhaft vertraulich und streng bestimmt in ihren sittlichen

Forderungen, lässt uns diese genialische Seele keinen Augenblick

über sich im Zweifel. Die Krankheit, welche er nun fast ganz

überwunden, ist auch hier sehr künstlerisch verwendet. Nicht ein

Hemmnis oder eine Beugung des Charakters durch sie wird hier

sichtbar, sondern sie hinderte den jungen Geist am Lernen, so

dass auch darüber kein Zweifel sei, dass wir es nicht mit einem

»gebildeten Geist« zu thun haben, sondern mit einem natürlich

entfalteten Wesen.

Manche russische Kritiker haben es abfällig beurteilt, dass

Dostojewsky dem Fürsten Aussprüche tiefster Weisheit in den Mund

legt. Wir können diesem Urteil nicht beipflichten. Der Dichter

hat es wohl abgewogen, welcher Art die Weisheit sein müsse, die

er den jungen Menschen aussprechen lässt. Immer ist es eine auf

das Reinmenschliche gerichtete Wahrheit, eine Feinheit, die aus

dem Gemüt quillt und zum Gemüt dringt, keinerlei Reflexions- oder

Dogma-Weisheit. Und selbst da, wo Myschkin über den Katholicismus

spricht, holt er seine Ansichten aus anderen Quellen, als einer

erworbenen Tradition oder einem ausgeklügelten Axiom. Hören wir,

was er gleich zu Anfang der Erzählung mit dem Kammerdiener des

Generals in der Dienerstube über die Todesstrafe sagt. Der Diener

fragt nach dem Auslande, den Sitten, der Gerichtsbarkeit, den

Strafen. Da erzählt Myschkin, er habe in Lyon einer Hinrichtung

durch die Guillotine beigewohnt, und beschreibt die Guillotine,

wie sie so schnell arbeite. Auf des Kammerdieners Antwort, das

sei noch gut, wenn es so schnell geschehe, sagt Myschkin:

»Wisst Ihr was? -- seht, das habt Ihr bemerkt und das bemerken

alle so wie Ihr, und darum ist diese Maschine, die Guillotine, so

ersonnen. Mir aber ist gerade damals ein Gedanke in den Kopf

gekommen: wie wenn gerade das noch schlimmer wäre? Das scheint

Euch lächerlich, ja toll; bei einiger Vorstellung kommt einem

aber doch so ein Gedanke in den Kopf. Bedenket: wenn man z. B.

die Folter nimmt, dabei giebt es Schmerzen und Wunden,

körperliche Qualen; das alles aber zieht ja von der seelischen

Qual ab, so dass Du Dich nur mit den Wunden abquälst bis zum

letzten Augenblick, bis zum Tod. Aber der Hauptschmerz, der

heftigste Schmerz, ist ja vielleicht nicht in den Wunden, sondern

darin, dass Du weisst, nun wirklich weisst, dass nach einer

Stunde, dann nach zehn Minuten, dann nach einer halben Minute,

dann sofort -- Deine Seele dem Körper entflieht, dass Du dann

kein Mensch mehr sein wirst und dass das schon sicher sein wird;

die Hauptsache ist, dass es _wirklich_ geschehen wird. Siehst Du,

wenn Du den Kopf unter das Messer legst und hörst, wie es über

ihm knirscht, diese Viertelsekunde, siehst Du, das ist das

schrecklichste von allem. Wisst Ihr, das ist nicht meine

Phantasie, das haben viele gesagt. Ich bin so überzeugt davon,

dass ich Euch offen meine Meinung sagen will. Einen Totschlag mit

einem Totschlag zu sühnen ist eine unermesslich grössere Strafe,

als das Verbrechen selbst. Das Töten infolge eines Urteilsspruchs

ist unvergleichlich furchtbarer, als der Totschlag eines Räubers.

Derjenige, welchen die Räuber erschlagen, bei Nacht, im Walde

oder sonst wie zerhauen, hofft unbedingt, bis zum letzten

Augenblicke, noch auf Rettung. Es hat Beispiele gegeben, da

Einer, dem schon die Gurgel durchschnitten war, noch hoffte, dass

er noch lief oder flehte. Hier aber nimmt man ihm diese ganze

letzte Hoffnung, mit der zu sterben es zehnmal leichter ist; man

nimmt sie ihm thatsächlich, unwiderruflich fort. Hier ist ein

Urteilsspruch und darin, dass Du ihm wirklich nicht entrinnen

kannst, darin sitzt ja die furchtbare Qual. Und eine furchtbarere

Qual als diese giebt es nicht auf der Welt. Stellt einen Soldaten

im Krieg vor die Mündung einer Kanone und schiesst auf ihn, er

wird immer noch hoffen, aber leset diesem nämlichen Soldaten das

wirkliche Todesurteil vor, so wird er wahnsinnig[23], oder er

fängt an zu weinen. Wer hat gesagt, dass die menschliche Natur

imstande ist, das auszuhalten, ohne verrückt zu werden? Wozu ist

eine solche Beschimpfung, eine so unsinnige, unnötige, so

unnütze? Vielleicht giebt es auch einen solchen Menschen, dem man

sein Urteil vorgelesen, den man sich abquälen liess und dem man

dann gesagt hat: »Geh hin, man hat Dir verziehen«; das wäre ein

Mensch, seht ihr, der was erzählen könnte! Von dieser Qual und

diesen Todesschrecken hat auch Christus gesprochen. Nein! mit

einem Menschen darf man nicht so verfahren!«

[Fußnote 23: Anmerkung: Einer der im Prozess Petraschewsky zum Tode

Verurteilten, der Lieutenant eines Grenadierregiments Nikolaus

Grigorjew, war auf dem Schaffot wahnsinnig geworden.]

Wir wissen, dass Dostojewsky hier die bitterste Frucht seines

eigenen Lebens dem jungen Myschkin in den Mund legt, doch ist

dies so glaubwürdig aus dem Herzen des »Idioten« herausgesagt,

dass dieser Ausspruch, den des Dichters eigene Erfahrung gereift,

hier wie eine Ahnung möglicher Qualen, wie ein Protest gegen

diese das weiche und doch feste Empfinden des jungen Mannes

beleuchten. Mit diesem Gespräch und dem gleich darauf folgenden

Besuch bei der Familie des Generals, wo er der Generalin und

ihren drei schönen Töchtern einiges aus seinem Leben in der

Schweiz erzählt, ist gleichsam das »Leitmotiv« des ganzen Romans

angeschlagen, durch dessen wirre, gedrängte, mit Personen und

Zufälligkeiten überfüllte Handlung die Gestalt des Idioten wie

ein irrender Sonnenstrahl hindurchgleitet.

Der Kritiker Michailowsky nennt Dostojewsky in einem geistvollen

Essay »ein grausames Talent« und meint, die »Wollust an unnützer

Qual der Nebenmenschen« sei das charakteristische Merkzeichen

seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich immer nur um das

Verhältnis von Wolf und Schaf herumbewege. In der ersten Hälfte

seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky mit Vorliebe bei

den Leiden des Schafes verweilt, das vom Wolf gefressen werde,

später aber habe er mit wahrer Wollust die Gefühle des Wolfes

geschildert, der das Schaf auffrisst. Diese Vorstellung hat

Michailowsky sich wohl aus dem Eindrucke geholt, welchen der

»Idiot« und später »Die Besessenen« in ihm mochten hervorgerufen

haben. Es giebt in der That kaum je eine Lektüre, welche

stellenweise solche Qualen hervorzurufen vermöchte. Allein die

Deutung Michailowskys ist durchaus herbeigezwungen, denn auch

hier, in diesen »grausamsten« Werken des grossen Dichters und

ganz besonders im »Idioten«, wiewohl er künstlerisch weit

schwächer ist als »Die Besessenen«, steht er nicht nur auf der

Seite des Schafes, sondern er löst die heitere, unbefangene,

starke und überzeugte Milde seines Helden wie einen glänzenden

Kern aus dem stachlichen Gehäuse des um ihn sich schliessenden

Lebens heraus. Diese Lebens-Umgebung, diese Menschen und ihre

Zustände, namentlich aber ihr Verhalten gegen den kranken und

durch das Mitleid so überaus erregbaren jungen Mann, das alles

hat etwas Widerwärtiges an sich, das indessen nur zur Hälfte als

Vorwurf auf des Dichters Rechnung zu setzen ist. Wo er die junge

Generation nihilistischer, atheistischer Färbung schildert, da

ist er beissend, ja bissig bis ins Ungerechte, subjektiv bis zur

Blindheit. Er, der im gemeinen Verbrecher des Totenhauses den

göttlichen Funken, die »russische Wahrheit« sucht und findet, ist

unerbittlich gegen Verirrungen und Trugschlüsse des Geistes,

Irrtümer des Herzens, die er selbst einmal geteilt hatte. Hier

liegt die Vermutung nahe, dass er eben darum, weil er gelernt

hatte, diese Richtung in sich selbst aufrichtig zu verdammen, das

Mass für die Beurteilung der selben Ideen in Anderen verlor. Was

uns aber sonst als quälend und unbehaglich in der Umgebung

Myschkins entgegentritt, ist das zusammengewürfelte Milieu, das

in Russland in gewissen mittleren Kreisen sich bildet, dem der

Dichter in jüngeren Jahren wohl selbst mochte angehört haben, das

ihn aber sicher als Romancier mehr locken musste, als die

ausgeglichene Eleganz der hohen Kreise oder die Einheitlichkeit

des Dorflebens.

In diesem mittleren Milieu brodelt das vielfältigste Leben. Es

verkehren Menschen mit einander, die ursprünglich nicht zusammen

gehörten. Die einen wollen hinauf, die andern müssen hinunter,

alle wollen leben, geniessen, verdienen, wenigstens nicht

verlieren, etwas gelten, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen.

Das kostspielige Leben der Hauptstadt gestattet vielen dieser

Existenzen nicht, ein eigenes Quartier zu mieten. Man wohnt in

Aftermiete (meblirovannye komnaty); der verabschiedete General,

der kleine Beamte mit seiner Familie, die Gutsbesitzerswitwe mit

ihrer Tochter, verwitterte Excellenzen, versoffene Kollegienräte,

Hochstapler, Spieler, Cigaretten rauchende »Generalinnen«, das

alles lebt in einzelnen Zimmern auf einem Gange »bei Vermietern«.

In den Mietwohnungen minderen Ranges entsteht eine Gemeinschaft

des Lebens; man lebt mit, man zieht bald zu dem einen, bald zu

dem anderen der Stubennachbarn, man führt politische Gespräche,

trinkt, spielt bis tief in die Nacht, streitet und versöhnt sich

usw. Jener merkwürdige Typus »verlorener Kinder« wie sie

Dostojewsky als Sonja in Schuld und Sühne, als Nastassja

Philippowna im Idiot schildert, ist auch aus diesem Milieu

hervorgeholt. Was einer solchen Menschengemeinschaft vom

Standpunkt geordneter und vornehmer Verhältnisse als Makel

anhaften muss, das bildet wohl einen Vorzug im Leben jener von

unserer Gesellschaft zur Schmach erzogenen Wesen. Dostojewsky,

der konservative Politiker, ist als Mensch im weitesten Sinne

frei und zeigt uns in diesen Gestalten eine merkwürdige Mischung

von Verderbnis und Naivetät.

Ganz besonders in Nastassja Philippowna ist diese Keckheit und

dieser Stolz der »Verlorenen«, die sich verschenkt, aber nicht

verlizitieren will, ganz herrlich hingeworfen. Auch sie, wiewohl

sie schon »vom Stoff der Schuld« viel mehr in sich trägt, als die

sanfte Sonja, ruft der Dichter durch Myschkins Mund zum

»Liebesmahle« heran. Myschkin hat ihr Bildnis gesehen, er soll es

aus des Generals Kanzlei zu den Damen hinüberbringen. In einem

der leeren Säle, die er, das Bild in der Hand, durchschreitet,

bleibt er stehen, betrachtet dieses schöne, bleiche, magere

Gesicht mit den tiefen Augen und -- drückt plötzlich einen

innigen Kuss darauf. Wir bleiben aber nicht lange über den Sinn

dieses Kusses im Unklaren. Als er bei den Damen sitzt und ihnen

von der Schweiz erzählen muss, da sagt er, dass er dort so überaus

glücklich gewesen sei. Man lächelt, fragt, nötigt ihn zu reden.

»Ich war nicht verliebt -- ich war dort .. anders glücklich.« Nun

dringt man noch mehr in ihn und er fährt fort: »Dort -- waren

immer viele Kinder und ich war die ganze Zeit mit Kindern, nur

mit Kindern. Es waren die Kinder aus jenem Dorfe, der ganze

Tross, der dort in die Schule ging. Nicht, dass ich sie

unterrichtet hätte -- o nein, dazu war der Schulmeister da, Jules

Thibaut; übrigens habe ich sie wohl auch gelehrt, aber ich war

die meiste Zeit nur so mit ihnen -- und so sind mir vier Jahre

vergangen. Ich brauchte nichts anderes. Ich sprach mit ihnen über

alles, habe ihnen nichts verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten

wurden alle böse auf mich, weil die Kinder zuletzt gar nicht mehr

ohne mich sein konnten und sich immer um mich scharten. Auch der

Schullehrer wurde am Ende mein grösster Feind. Es erstanden mir

dort viele Feinde und alle um der Kinder willen. Sogar Schneider

(jener Arzt, der ihn aufgenommen hatte) beschämte mich. Aber was

fürchtete er denn? Einem Kinde kann man alles sagen -- alles.

Mich hat immer der Gedanke frappiert, wie schlecht doch die

Grossen die Kinder kennen, ja wie schlecht Väter und Mütter ihre

eigenen Kinder verstehen. Vor Kindern braucht man nichts zu

verbergen, unter dem Vorwande, dass sie klein sind und es zu früh

für sie sei. Was für ein trauriger und unglücklicher Gedanke! Und

wie gut bemerken es die Kinder selbst, dass die Eltern sie für zu

klein erachten, um etwas zu verstehen, während sie alles

verstehen. Die Erwachsenen wissen es nicht, dass ein Kind auch in

der schwersten Sache einen richtigen Ratschlag zu geben vermag.

Ach Gott, wenn dich dieses gute Vögelchen ansieht, so vertrauensvoll

und glücklich, so muss man sich ja schämen es zu betrügen«. --

Weiter heisst es dann: »Anfangs lachten mich die Kinder aus, dann

warfen sie sogar Steine auf mich, als sie es gesehen hatten, wie

ich Marie küsste. Ich habe sie aber ein einziges Mal geküsst ....

Nein, lachen Sie nicht, beeilte sich der Fürst zu sagen, um das

Lächeln seiner Zuhörerinnen aufzuhalten -- da war nichts von

Liebe vorhanden. Wenn Sie wüssten, was das für ein unglückliches

Geschöpf war, so würde Ihnen selbst sehr leid um sie, gerade wie

mir. Sie war aus unserem Dorfe usw.«

Nun erzählt der Fürst die Geschichte dieses armen, demütigen

Wesens, das sich mit niedrigster Arbeit einige Kopeken verdiente;

dabei war sie schwindsüchtig. Einmal war ein französischer Kommis

des Weges daher gekommen, hatte sie bethört und mit sich

genommen, nach acht Tagen wieder fortgejagt. Da war sie die

vielen Werst zu Fuss zurückgegangen, eine ganze Woche lang, war

in Lumpen gehüllt, elend, erkältet heimgekommen. Die Mutter,

welche einen ganz kleinen Handel im Fenster ihrer Kammer versah

und davon lebte, beschimpfte sie, gab sie dem Hohn und den

Schmähungen der Dorfbewohner preis. Man nahm sie nirgends mehr

zur Arbeit, und selbst der Kuhhirt wollte ihr keinen Teil der

Herde anvertrauen. Schweigend ging sie aber doch dem Vieh nach

und hütete es gut, sodass er ihr hie und da etwas Brot und Käse

gab. Da war es, dass der junge Fürst sie einmal traf und ihr 8

Francs gab, die er für eine kleine Diamantnadel eingelöst hatte.

»Ich hatte lange getrachtet, Marie allein zu treffen, endlich

begegnete sie mir hinter dem Dorfe, beim Zaun, an einem

Seitenpfade hinter einem Baum. Hier gab ich ihr die 8 Francs und

sagte ihr, sie möge sie gut bewahren, weil ich weiter nichts

haben würde. Dann aber küsste ich sie und sagte ihr, sie möge

nicht denken, ich hätte böse Absichten, dass ich sie nicht darum

küsse, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern weil sie mir so

sehr leid thue und ich sie von Anfang an nicht im geringsten für

schuldig, nur für sehr unglücklich erachtet hätte. Ich hatte so

sehr den Wunsch, sie auch gleich zu trösten und zu überzeugen,

dass sie sich nicht vor allen so zu erniedrigen habe, aber sie

hat das, scheint es, nicht verstanden.« »Dann, als ich geendet

hatte, küsste sie mir die Hand, und ich ergriff sogleich die ihre

und wollte sie auch küssen, allein sie zog sie rasch zurück. Da

erblickten uns plötzlich die Kinder, eine ganze Schar. Ich erfuhr

nachher, dass sie mich schon lange belauscht hatten. Sie begannen

zu pfeifen, mit den Händchen zu klatschen und zu lachen, Marie

aber lief davon. Ich wollte sprechen, sie aber begannen Steine

auf mich zu werfen.«

Weiter fährt er fort: »Ich erzählte ihnen, wie unglücklich Marie

sei; bald hörten sie auf zu schmähen und gingen schweigend davon.

Nach und nach begannen wir miteinander zu reden; ich verbarg

ihnen nichts, erzählte ihnen alles. Sie lauschten mit vielem

Interesse und begannen bald Marie zu bemitleiden. Manche von

ihnen begrüssten sie nun schon zärtlich, wenn sie ihnen begegnete«

usw. -- Zuletzt riefen ihr die Kinder oft zu: »nous t'aimons

Marie«! Als sie stirbt, überschütten sie die Kinder mit Blumen,

legen ihr einen Kranz aufs Haupt und wollen den Sarg zum Friedhof

tragen. Da sie es nicht vermögen, folgt die ganze Schar ihm

weinend nach, und der Grabhügel blüht seither unter ihrer Obhut.

Er aber, der junge Fürst, wird der Kinder unzertrennlicher

Genosse und Berater, wenn auch vom Pastor und dem Lehrer

angefeindet. Auch sein Beschützer, der Arzt Schneider, tadelt ihn

darob und nennt ihn ein »ewiges Kind«.

Endlich fertigt ihn dieser nach Russland ab, und wir ersehen am

ersten Abend nach der Ankunft Myschkins, um was es sich da

handelt. Der junge Fürst ist ungeladen zu jener Schönen,

Nastassja Philippowna, gekommen, wohin eine Gesellschaft

zusammengerufen worden, um ihren Entschluss zu hören: ob sie,

mit einer Mitgift ihres ehemaligen Liebhabers ausgestattet, Ganja

Iwolgin, einen jungen Streber, der sie um dieses Geldes willen

nehmen will, heiraten wird oder nicht.

Myschkin ahnt, dass er hier etwas zu sagen oder zu thun haben

werde, und tritt nun, seine Scheu überwindend, in die verblüffte

Gesellschaft. Man hat sich jedoch bald mit dem ungebetenen Gaste

zurecht gefunden, denn der Abend soll ja anderes, Wichtigeres

bringen. Alles ist gespannt. -- Da stürzt Rogoschin, des Fürsten

wüster Reisegefährte, mit einem Schwarm betrunkener Genossen

herein und legt ein Päckchen von 100000 Rubeln auf den Tisch,

womit er Nastassja als Geliebte für sich loskaufen will; diese

schleudert nun, krampfhaft lachend, eine wilde Herausforderung

den Anwesenden, namentlich dem sie verheiratenden alten Liebhaber

Totzky ins Gesicht.

»Auch noch verpflichtet wäre ich ihm, so meint er wohl; er hat

mir ja eine Erziehung gegeben, mich wie eine Gräfin gehalten, und

Geld, wieviel Geld ist da aufgegangen! Einen anständigen Gatten

hat er mir gesucht, schon dort, und hier nun diesen. Und was

glaubst du -- ich habe diese fünf Jahre nicht mit ihm gelebt,

habe aber Geld von ihm genommen und gedacht, ich sei im Recht!

Ganz unsinnig bin ich ja geworden! Du sagst: Nimm die

Hunderttausend und jag' ihn fort, wenn's dich ekelt. Freilich ist

es ekelhaft .... Ich hätte auch schon lange heiraten können und

andere, als diesen hier -- aber das ist ja schon gar ekelhaft!

Und wofür habe ich meine fünf Jahre in diesem Zorn vergeudet? Und

wirst du's glauben (sie wendet sich da an eine Freundin) oder

nicht, dass ich vor etwa vier Jahren zeitweise daran gedacht

habe, ob ich nicht kurzweg meinen Athanasji Iwanowitsch nehmen

sollte? Das hab' ich damals aus Bosheit so gedacht; es ist mir

damals nicht wenig im Kopf herumgegangen. Ich hätte ihn sicher

dazu vermocht, das glaube mir! Er hat selbst einmal dazu

gedrängt, ob du's glaubst oder nicht! Freilich, er hat gelogen,

denn er ist schon gar zu gierig, hält nicht Stand. Und später,

Gott Lob, ist mir eingefallen: ist er einer solchen Bosheit wert?

Da hab' ich einen solchen Abscheu vor ihm bekommen, dass, wenn er

auch um mich gefreit hätte, ich ihn nicht genommen hätte. Ganze

fünf Jahre habe ich so forciert! Nein, da ist's schon besser auf

die Strasse, wohin ich auch gehöre! Entweder mich mit Rogoschin

verlottern, oder morgen unter die Wäscherinnen gehen! Denn es ist

nichts mein eigen, was ich da trage. Geh' ich fort, so werf ich

ihm alles hin, den letzten Fetzen lass' ich hier -- wer aber

nimmt mich ohne alles -- frage nur den da, Ganja, ob er mich

nimmt? Ja, auch Ferdyschtschenko (der Spassmacher der

Gesellschaft) nimmt mich nicht! ....«

»Ferdyschtschenko nimmt Euch vielleicht nicht, Nastassja

Philippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch«, unterbrach sie

dieser; »dafür hingegen -- nimmt Euch der Fürst! Ihr sitzet so da

und lamentiert -- schaut nur einmal den Fürsten an! Ich beobachte

ihn schon lange ...«

Nastassja Philippowna wendet sich neugierig nach dem Fürsten um.

»Ist es wahr?« fragt sie ihn.

»Es ist wahr,« sagt er leise.

(Der Eindruck dieser Scene ist unbeschreiblich.)

»Da hab' ich einen Wohlthäter gefunden!« sagt Nastassja »Übrigens

spricht man vielleicht die Wahrheit über ihn, dass er .... _so_

ist. Wovon wirst du denn leben, wenn du so verliebt bist, die

Rogoschinskaia zu nehmen, für dich, als -- Fürstin?«

»Ich nehme Euch als eine Ehrenhafte, Nastassja Philippowna, nicht

als eine Rogoschinskaia«, sagte der Fürst.

»Ich, ehrenhaft?«

»Ja, Ihr,« usw.

Nun wird die Frage des Unterhalts erörtert und es stellt sich aus

einem Briefe, den Myschkin bei sich trägt, heraus, dass er der

Erbe einer steinreichen Verwandten ist und es eben diese

Angelegenheit war, um deren willen man ihn nach Russland gesandt

hatte.

Er will nun ernstlich Nastassja heiraten, sie vor sich selbst

retten. Sie entflieht ihm mit Rogoschin, da sie dieses Opfer des

Erbarmens nicht annehmen will. Nach vielen höchst aufregenden und

den Leser in quälende Spannung versetzenden Episoden setzt

Myschkin, dessen Gesundheit allen diesen Erregungen nicht mehr

stand hält, doch endlich die Vermählung durch. Schon im

Brautgewande und vor dem Altar -- entflieht die Braut. Spät in

der Nacht, es ist eine helle Petersburger Nacht, erscheint

Myschkin vor Rogoschins finsterem, versperrtem Hause. Man lässt

ihn nicht ein. Er stellt sich gegenüber Rogoschins Fenster auf,

dieser erblickt ihn und holt ihn in die dunkle, durch einen

schweren Vorhang abgeteilte Stube. Der Fürst, den schon wiederholte

Anfälle seiner Krankheit des klaren, folgerichtigen Denkens zu

berauben anfangen, sammelt sich mit schwerer Mühe, um zu

begreifen, was hier vorgegangen. Rogoschin führt ihn hinter den

Vorhang. Hier liegt auf dem Bette, mit dem Leintuch bis über den

Kopf zugedeckt, ein unbeweglicher Körper. Ein nackter Fuss, wie

aus Marmor gemeisselt, ist beim unteren Bettende sichtbar und

ringsum weisse Gewänder, Spitzen, Brillanten -- -- -- Sie war mit

Rogoschin leise in das unbewohnte Haus hinaufgeschlichen, »damit

Myschkin sie nicht finde«. Hier hatte sie die Nacht auf seinem

Bette zugebracht, hier hat er ihr sein Messer ins Herz gestossen.

Darauf hat er sich zu Füssen des Bettes vor den Vorhang

hingesetzt und gewartet. Nun erzählt er das alles, vom Fieber

geschüttelt, dem Fürsten. »Du sollst aber keinen Anfall hier

bekommen und schreien, sonst musst du fort.« -- -- Allmählich

verlässt beide das Bewusstsein. -- Am andern Morgen findet man

Rogoschin im Fieber schreiend und rasend, Myschkin neben ihm auf

dem Boden sitzend, nun vollständig blödsinnig -- und dem Kranken

bei jedem Schrei zärtlich Haar und Antlitz streichelnd .....

Es ist wohl hier der Platz für einen Brief, welchen der Dichter neun

Jahre später an einen jener Korrespondenten richtete, die ihn in seinen

letzten Lebensjahren so oft um Rat in schweren Gewissensfragen angingen.

Dieser Brief ist in mehr als einem Sinne und in mehr als einer Richtung

bedeutsam und interessant.

Er lautet:

»Petersburg, 14. Februar 1877.

Geehrter Herr Kowner!

»Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich ein kranker Mensch bin

und sehr schwer an meiner Monatsschrift arbeite. Auch muss ich jeden

Monat einige Dutzende von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine

Familie und noch andere Geschäfte und Verpflichtungen. Ich habe

thatsächlich keine Musse zum Leben, und mich in eine längere

Korrespondenz einzulassen, ist mir unmöglich. Besonders mit Ihnen.

Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben wäre, als Ihr

erster Brief an mich (Ihr zweiter Brief ist etwas für sich).

Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin über sich selbst

sagen. -- Über Ihr einstmals begangenes Verbrechen haben Sie sich so

klar und (wenigstens was mich anbelangt) so verständlich ausgedrückt,

dass ich, ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese jetzt

mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst.

Sie beurteilen meine Romane. Darüber kann ich natürlich nicht mit Ihnen

reden; doch hat es mir gefallen, dass Sie den »Idiot« als den besten

darunter hervorheben. Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon

fünfzig Mal, wenn nicht öfter, gehört habe. Das Buch wird auch

alljährlich verkauft und jedes Jahr in einer grösseren Anzahl von

Exemplaren. Ich habe den »Idioten« darum jetzt genannt, weil alle, die

mit mir darüber als von meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes

in der Zusammensetzung ihrer Geistesfähigkeiten haben, das mich sehr

berührt und mir sehr gefällt. Wenn sich diese Geistesrichtung nun auch

bei Ihnen findet, so ist das für mich nur um so besser, natürlich wenn

Sie aufrichtig sind. Aber wenn es auch nicht so wäre ....

NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen, dass Sie keinerlei

Reue über das von Ihnen begangene Verbrechen in der Bank empfinden, sind

nicht recht nach meinem Sinne. Es giebt etwas, das höher ist, als die

Beweisführung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen

Umstände, etwas, dem sich zu unterwerfen ein jeder sich verpflichtet

fühlen muss (das heisst, wieder als einem Symbol). Sie sind vielleicht

so gescheit, dass Sie sich über diese unerbetene Offenheit meiner

Bemerkung nicht beleidigt fühlen; denn, erstens bin ich nicht besser,

als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine falsche Demut,

wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie auch in meinem Herzen

freispreche (so wie ich auch Sie auffordere, mich freizusprechen), so

ist es immer besser, wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun.

Scheint Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erläuterung eine kleine

Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der höhere, ideale Christ

sagt: »Ich habe meinen Besitz mit den armen und niederen Brüdern zu

teilen, ich habe ihnen allen zu dienen.« Der Kommunard aber sagt: »Du

hast mit mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu dienen.«

Der Christ wird recht, der Kommunard wird unrecht haben.) Übrigens ist

Ihnen vielleicht jetzt noch unverständlicher, was ich Ihnen sagen

wollte.

Nun zu den Juden. Über ein solches Thema kann man sich in einem Briefe

nicht aussprechen, besonders mit Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit,

dass wir einen solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht

erledigen und uns dabei nur abquälen würden. Ich will Ihnen nur sagen,

dass ich auch von anderen Israeliten Briefe mit ähnlichen Bemerkungen

bekommen habe. So habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen

Brief von einer Jüdin erhalten, welcher ebenfalls mit bitteren Vorwürfen

schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst durch diese mir von Israeliten

gemachten Vorwürfe, einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches

schreiben (das ich übrigens noch nicht zu schreiben begonnen habe, da

ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen Anfalles leidend

bin). Jetzt sage ich Ihnen nur, dass ich durchaus kein Feind der Juden

bin, niemals ein solcher war. Allein -- schon ihr, vierzig Jahrhunderte

währender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass dieses

Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt, welche im Laufe

seiner ganzen Geschichte nicht anders konnte, als sich als verschiedene

status in statu formulieren. Ein sehr kräftiger status in statu ist

unbestreitbar auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es aber

so ist, wie ist es dann anders möglich, als dass sie, wenigstens

teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen Volksfamilie eine

Dissonanz bilden? Sie weisen auf die Intelligenz der Juden hin -- nun,

Sie selbst sind ja auch eine Intelligenz und -- sehen Sie nur ...

Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes. Ich habe viele

Bekannte, die Juden sind, auch Jüdinnen, die mich auch jetzt oft um Rat

angehen. Doch lesen sie das »Tagebuch eines Schriftstellers«; und obwohl

sie, wie alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich sind,

so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch zu mir.

Was die Sache der Kornilowa[24] anlangt, bemerke ich nur, dass Sie

nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind. Aber was sind Sie doch

für ein Lehrling. Mit einem solchen Blick auf das Herz des Menschen und

seine Handlungen bleibt ja nichts übrig, als im Kot materieller Genüsse

zu versinken ...

... Übrigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres Briefes, gar nicht. Ihr

Brief (der erste) ist hinreissend schön und gut. Ich will mit voller

Seele glauben, dass Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie

nicht aufrichtig wären ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit

in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art höchst komplizierte und

sehr tiefe Sache. --

[Fußnote 24: Eine Person, welche in einem Anfall von Irrsinn in der

Schwangerschaft ihr Stieftöchterchen aus dem Fenster geworfen hatte und

für die Dostojewsky öffentlich eintrat.]

Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir

dargereichte Hand drücke; erheben Sie sich aber im Geiste und

formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es ja bis zum heutigen Tage

gesucht, oder nicht?

Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie · 第 7 / 45 题