auch »Socialisten« bereit gewesen wären, den polnischen »Pany« die
brüderliche Hand zu reichen -- weil sie bei ihnen einen reichlichen
Vorrat von Unzufriedenheit wahrnahmen --, und bei uns hatte sich damals
schon jener Opportunismus entwickelt, welcher keinerlei unzufriedene
Elemente verschmäht, worauf die Briefe Samarins an Herzen so deutlich
hinweisen.
Dostojewsky war niemals ein »getreuer Unterthan« der Revolution (wie
sich Samarin in diesen Briefen an Herzen ausdrückt), darum aber war er
auch niemals »Opportunist«.
Von Sibirien mit einem überreichen Schatz von Glauben und Liebe
zurückgekehrt, sowie mit dem heissen Verlangen nach Einigkeit bei der
schöpferischen Thätigkeit zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit
wachsender Entrüstung rund um sich die immer mehr und mehr
hervortretenden Anzeichen einer negativen Thätigkeit im Dienste der
Zerstörung wahrnehmen. Es ist begreiflich, dass er sich bei seiner
Geradheit mehr und mehr Feinde machte. -- In dieser Situation und unter
diesen Umständen war es, dass Dostojewskys litterarische Thätigkeit
wieder neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft aufgehoben
wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder Michael Michailowitsch die
Herausgabe der Zeitschrift >Wremja<.«
VI.
Publizistik.
Mit der Gründung der Zeitschrift »Wremja« wird Dostojewskys tiefster
Herzenswunsch erfüllt. Ihm, dem das Verkünden des »wahren Christus« vor
allem andern als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem
Umwege der Kunst (was für einer Kunst allerdings!) hatte erfüllen
können, ihm musste es wie eine Erlösung erscheinen, endlich direkt und
unzweideutig und, wie er schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur
Gewaltsamkeit »seine Wahrheit« verkünden zu können. Diese Epoche ist zu
wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck in seinem ersten Exposé des
Unternehmens zu bezeichnend, als dass wir es uns versagen dürften, jenen
Aushängebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden später jede
der drei Ankündigungen neuer Journalgründung, welche dieser ersten
folgten, ins Auge fassen müssen, um uns daraus den Beweis zu holen, wie
geschlossen und unerschütterlich einheitlich sein Streben, sich in einer
Zeitschrift auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn auch oft
genug wiederholt: »ein Journal ist eine grosse Sache«. -- Zugleich holen
wir uns, als Fremde, ein Bild jener Epoche der russischen Geschichte.
N. N. Strachow, der thätigste Mitarbeiter an jener Zeitschrift, teilt
uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den Brüdern Dostojewsky die
Herausgabe einer voluminösen Monatsschrift geplant gewesen war, zu
welcher sie eifrig nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th.
Michailowitsch war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts,
welche Strachow früher publiziert hatte, sehr entzückt gewesen (weit
über deren Verdienst, wie dieser hinzufügt) und forderte ihn
infolgedessen zur Mitarbeit an der Monatsschrift auf. Auch Strachow
findet die Ankündigung so bezeichnend für Dostojewskys damaligen
Ideengang, dass er sie wörtlich wiedergiebt.
Sie lautet:
»Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen
»_Wremja_« (Die Zeit),
eine litterarische und politische Monatsschrift in Bänden
von 25-30 Bogen grossen Formats.
»Ehe wir daran gehen, zu erklären, warum wir es eigentlich für nötig
erachten, ein neues, öffentliches Organ unserer Litteratur zu gründen,
wollen wir einige Worte darüber sagen, wie wir unsere Zeit und
namentlich den gegenwärtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens
verstehen. Dies wird auch zur Aufklärung über den Geist und die Richtung
unserer Zeitschrift dienen.
Wir leben in einer im höchsten Grade bemerkenswerten und kritischen
Zeitepoche. Wir werden jedoch zur Darlegung unserer Anschauung
ausschliesslich auf jene neuen Ideen und Forderungen der russischen
Gesellschaft hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben
während der letzten Jahre so übereinstimmend erfüllt hat. Wir werden
nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen, welche in unserer Zeit
ihren Anfang genommen hat ... Alles dies sind nur Äusserungen und
Anzeichen jener ungeheuren Umwälzung, der es bestimmt ist, sich
friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu vollziehen,
obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mächtigkeit allen wichtigsten
Ereignissen, ja sogar der Reform Peters gleich ist. Diese Umwälzung ist
das Ineinanderfliessen der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen
des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen russischen Nation mit
allen Elementen unseres gegenwärtigen Lebens -- einer Nation, welche
sich schon vor 170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und seit
jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit hat, welcher
abgesondert sein eigenes, selbständiges, individuelles Leben lebte.
Wir sprachen von Äusserungen und Symptomen. Unbestreitbar ist deren
Wichtigstes die Verbesserung der Lage unserer Bauern. Jetzt sind es
nicht mehr tausende, jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche
in das russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten Kräfte
hineintragen und ihr neues Wort sagen werden. Kein Klassenhass zwischen
Siegern und Besiegten, wie in Europa, darf der Entwickelung der
künftigen Urelemente unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht
Europa, und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte geben.
Die Reform Peters des Grossen hat uns auch ohne das allzuviel gekostet:
sie hat uns mit dem Volke entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie
abgelehnt. Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung
mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch mit seinen
Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach seinem Mass berechnet und
ihm nicht zeitgemäss. Es nannte sie »deutsch«, nannte die Nachfolger des
grossen Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des Volkes
von seinen höheren Ständen mit ihren Befehlshabern und Anführern zeigt,
wie teuer uns das damalige neue Leben zu stehen kam. Allein -- obwohl
mit der Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr als einmal
hat es seine Unabhängigkeit geäussert, hat sie mit ausserordentlichen,
krampfhaften Bemühungen geäussert, weil es allein war und ihm das schwer
wurde. Es wandelte im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem
gesonderten Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine Lage hinein,
versuchte es, sich selbst seine Anschauung zu verdeutlichen, zerfiel in
geheime, schädliche Sekten, suchte neue Ausgangspunkte für sein Leben,
neue Formen. Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen, nicht
kühner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk beim Betreten jener
neuen Bahnen gethan, welche es sich mit so vielen Beschwernissen
aufgefunden hatte. Bei alledem aber nannte man es den Bewahrer der alten
vorpeterschen Formen, des stumpfen Altgläubertums.
Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne Führer und auf seine
eigenen Kräfte allein angewiesen blieb, manchmal absonderlich, seine
Versuche einer neuen Lebensform oft nicht gestaltungsfähig. Aber in
ihnen war eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschütterlicher
Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft. Nach der Reform hat es
zwischen ihm und uns, den gebildeten Ständen, nur einen Augenblick der
Einigung gegeben -- das Jahr 1812 -- und wir haben gesehen, wie sich das
Volk da geäussert hat. Wir erkannten damals, _was_ das Volk eigentlich
sei. Das Elend liegt darin, dass es _uns_ nicht kennt und nicht
versteht.
Allein jetzt hört der Zwiespalt auf. Die Petersche Reform, welche sich
ununterbrochen bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat, ist endlich an ihre
letzte Grenze angelangt. Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch? Es
giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle, welche Peter den
Grossen nachgeahmt haben, haben Europa kennen gelernt, sich europäischem
Leben angeschlossen und sind nicht Europäer geworden. Ehemals machten
wir uns selbst Vorwürfe über unsere Unfähigkeit zum Europäismus; heute
denken wir anders. Wir wissen heute, dass wir nicht Europäer sein
können, dass wir nicht im stande sind, uns in eine der westländischen
Formen hineinzuzwängen, welche Europa aus seinen eigenen nationalen, uns
fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet und ausgelebt
hat -- geradeso wie wir etwa ein fremdes Kleid nicht tragen könnten, das
nicht nach unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich
überzeugt, dass auch wir eine Nationalität für uns sind, eine im
höchsten Grade selbständige Nationalität, und dass unsere Aufgabe ist --
uns eine neue, uns eigene, heimische Form aufzubauen, eine Form, die wir
unserer eigenen Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen
entnehmen müssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen Boden zurückgekehrt.
Wir leugnen unsere Vergangenheit nicht ab, wir anerkennen auch das
Vernünftige darin. Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont
erweitert, dass wir durch sie unsere künftige Bedeutung in der grossen
Familie aller Völker kennen gelernt haben.
Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer chinesischen Mauer
von der Menschheit absondern werden. Wir ahnen, und ahnen mit
ehrfürchtigem Sinn, dass der Charakter unserer künftigen Thätigkeit im
höchsten Grade allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee
vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche Europa mit
solcher Hartnäckigkeit, mit solcher Männlichkeit in seinen
verschiedenartigen Nationalitäten entwickelt; dass vielleicht alles
Feindselige in diesen Ideen seine Versöhnung und fernere Entwickelung im
russischen Volkstum finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle
Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den Interessen
eines jeden europäischen Volkes teilgenommen, den Sinn und die Vernunft
von Erscheinungen verstanden, welche uns vollständig fremd waren; nicht
vergebens haben wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die
alle Fremdländer in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns darob
gescholten, haben uns Leute ohne Persönlichkeit, ohne Vaterland
geheissen, ohne zu bemerken, dass die Fähigkeit, sich auf eine Zeit lang
von seinem Boden loszureissen, um nüchterner und unparteiischer auf sich
selbst zu schauen, schon an und für sich eine sehr starke
Eigentümlichkeit ist; die Fähigkeit endlich, das Fremde mit dem Auge des
Versöhners anzusehen, ist die höchste und edelste Gabe der Natur, welche
nur sehr wenigen Nationalitäten verliehen ist. Die Angehörigen anderer
Nationen haben unsere unermesslichen Kräfte noch nicht einmal versucht
... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein neues Leben ein.
Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue Leben ist die Versöhnung
der Anhänger der Peterschen Reform mit jenen der Volksgrundlage
unvermeidlich geworden. Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und
nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenüber verhält sich
unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir sprechen von der Aussöhnung der
Zivilisation mit dem Volkstum. Wir fühlen, dass beide Parteien einander
endlich verstehen müssen, alle Missverständnisse, die sich zwischen
ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehäuft haben, aufklären und dann in
Harmonie und Eintracht mit vereinten Kräften einen neuen breiten und
ruhmvollen Weg betreten müssen. Die Vereinigung, was immer sie kosten
möge, ohne Rücksicht auf was immer für Opfer, und das so schnell als
möglich -- das ist unser leitender Gedanke, das ist unsere Devise.
Allein, wo ist denn der Berührungspunkt mit dem Volke? Wie macht man den
ersten Schritt, um sich ihm zu nähern? Das ist die Frage, das die Sorge,
die alle teilen sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die
das Volk lieben und denen sein Glück teuer ist. Sein Glück aber -- ist
unser Glück. Es versteht sich, dass der erste Schritt zur Erreichung
jeglicher Übereinstimmung das Alphabet und die Bildung ist. Das Volk
wird uns niemals verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden. Es
giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem wir dies
aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so lange es an den
gebildeten Ständen ist, den ersten Schritt zu thun, haben sie ihre
Situation auszunützen, mit allen Kräften auszunützen. Kräftige,
schleunige Verbreitung von Bildung, koste es was es wolle, das ist die
Hauptaufgabe unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thätigkeit.
Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer Zeitschrift
ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist ihrer künftigen Thätigkeit
angedeutet. -- Allein wir haben noch einen zweiten Grund, der uns
veranlasst, ein neues, unabhängiges litterarisches Organ zu gründen. Wir
haben schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter unserer
Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige Abhängigkeit und
Unterordnung gegenüber den litterarischen Autoritäten entwickelt hat. Es
versteht sich, dass wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der
Käuflichkeit anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu überall in dem
europäischen Schriftwesen, Zeitschriften und Tagesblätter, welche ihre
Überzeugungen um Geld veräussern und ihre niederen Dienste, sowie ihre
Herren mit anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die
anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl, dass man seine
Überzeugung verkaufen kann, wenn auch nicht um Geldeswert. Man kann sich
zum Beispiel aus einem Übermass von angeborener Wohldienerei verkaufen,
oder aus Furcht, um seines Mangels an Übereinstimmung mit den
litterarischen Autoritäten willen, als Dummkopf ausgerufen zu werden.
Die goldene Mittelmässigkeit zittert manchmal sogar ganz uneigennützig
vor den Meinungen, welche von den Stützpfeilern der Litteratur
festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen kühn, keck und frech
ausgesprochen wurden. Manchmal verschafft nur diese Keckheit und
Frechheit einem nicht dummen Schriftsteller, welcher die Umstände zu
benutzen versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer
Autorität, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen
ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss auf die Massen.
Die Mittelmässigkeit ihrerseits ist fast immer äusserst furchtsam,
ungeachtet ihres augenscheinlichen Dünkels, und unterordnet sich willig:
die Furchtsamkeit aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein in
der Litteratur darf es keine Sklaverei geben.
In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht, nach litterarischer
Überlegenheit, nach einem litterarischen Range ist mancher sogar alte
und angesehene Schriftsteller oftmals imstande, sich zu einer so
unerwarteten und seltsamen Thätigkeit zu entschliessen, dass sie
unwillkürlich Verwunderung und Ärgernis unter den Zeitgenossen
hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalösen Anekdoten über
die russische Litteratur der Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die
Nachkommenden übergehen wird. Und solche Vorkommnisse ereignen sich
immer öfter und öfter, und solche Leute üben einen fortgesetzten
Einfluss aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht, daran zu
rühren. Es giebt in unserer Litteratur noch heute einige festgesetzte
Ideen und Meinungen, welche nicht die geringste Selbständigkeit besitzen
und doch als unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum, weil
es irgend einmal litterarische Anführer so festgestellt haben. Die
Kritik wird immer flacher und unbedeutender; in manchen Publikationen
werden gewisse Schriftsteller ganz umgangen, weil man fürchtet, sich,
über sie sprechend, zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens
und nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus, welcher
durch seinen Einfluss auf die Majorität schädlich ist, deckt mit Erfolg
die Talentlosigkeit und wird in Pflicht genommen, um Subskribenten
heranzulocken. Ein strenges Wort aufrichtiger, tiefer Überzeugung wird
immer seltener gehört. Endlich wandelt der Spekulationsgeist, der sich
in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische Zeitschriften in
vornehmlich kommerzielle Unternehmungen um, die Litteratur aber und ihr
Nutzen treten in den Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal
gedacht.
Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, welche,
ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen Autoritäten, doch
vollkommen unabhängig von ihnen sein, in freiester und aufrichtiger
Weise auf alle litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen
wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung für die russische
Litteratur.
Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien oder
Voreingenommenheiten hegen. Wir werden sogar bereit sein, unsere eigenen
Irrtümer und Fehlschüsse einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden
uns aber gar nicht lächerlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu rühmen.
Wir werden auch der Polemik nicht aus dem Wege gehen und wir werden auch
davor nicht zurückschrecken, die litterarischen Gänse manchmal zu
reizen. Gänsegeschnatter ist manchmal ganz nützlich; es zeigt das Wetter
an, wenn es auch nicht immer das Kapitol rettet. Eine besondere
Aufmerksamkeit werden wir dem kritischen Teile unseres Blattes widmen.
Nicht nur jedes bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte
litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint, wird
unbedingt in der unseren analysiert werden. Die Kritik darf also nicht
verschwinden, rein nur, weil man beginnt die Bücher nicht separat, wie
ehedem, sondern in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal »Wremja«
alles Persönliche beiseite lassen, alles Mittelmässige durch Schweigen
umgehen wird, wenn es nicht geradezu schädlich ist, wird es alle
halbwegs wichtigen litterarischen Kundgebungen verfolgen, die
Aufmerksamkeit auf alle scharf ausgeprägten Fakten, seien sie nun
positiver oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich
Talentlosigkeit, Übelwollen, falsche Bestrebungen, übelangebrachten
Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen, wo immer sie sich
zeigen mögen. Erscheinungen des Lebens, umlaufende Meinungen,
festgestellte Principien, welche aus allgemeinen und allzu persönlich
passenden oder unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und
ärgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der Kritik genau
wie ein eben erschienenes Buch oder ein Zeitungsartikel. Unsere
Zeitschrift spricht sich das unabänderliche Reckt zu, offen über jede
litterarische und ehrenhafte, ehrliche Arbeit ihre Meinung
auszusprechen. Der weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt
ist, verpflichtet das öffentliche Urteil, sich nur um so strenger
dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals zu dem jetzt
allgemein gebrauchten Kniff herablassen -- einem bekannten
Schriftsteller zehn schwülstige Komplimente vorzureden, um das Recht zu
haben, eine nicht ganz schmeichelhafte Bemerkung über ihn einzustreuen.
Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht nach der
Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen Ankündigung an Raum
gebricht, auf alle Details unserer Publikation einzugehen, wollen wir
nur sagen, dass unser, von der Obrigkeit bestätigtes, Programm
ausserordentlich reichhaltig ist.«
Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen, sowie die
Ankündigung, dass die Mitarbeiter, entgegen dem alten Brauch, nicht
genannt werden, und endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch
Dostojewskys, da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873) unter
polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur nicht officiell
bestätigt werden konnte.
Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich nur in ihrer
äusseren Umgrenzung zeichnenden Exposé finden wir schon die ganze, klare
Richtung nach dem Volkstum und der von da erwarteten Erlösung nicht nur
Russlands, sondern aller übrigen im Streit befindlichen Partikularismen,
und die ganze Hartnäckigkeit, diese Richtung einzuhalten und andere
hineinzubringen.
Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke Dostojewskys finden wir nun
»eine Reihe von Artikeln über die russische Litteratur«, welche aus den
Heften der »Wremja« und zwar vom Januar, Februar, Juli, August und
November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft von Theodor
Michailowitsch stammen, obgleich sie damals ohne Unterschrift erschienen
waren. Die ersten derselben haben, nach Millers Meinung, einen grossen
Teil jenes Aufsatzes über die Kunst in sich aufgenommen, der, wie wir
wissen, anfangs der Grossfürstin Marja Nikolajewna gewidmet gewesen und
später verschwunden ist.
Diese Artikel »über die russische Litteratur« sind durch zwei Momente
für uns besonders interessant. Erstens und vor allem durch das
Persönliche, das Verlebendigende, wenn man so sagen darf, das
Dostojewsky hier wie überall, wo er es mit einer Sache ernst meint (und
wo thut er das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick, welchen
wir da in die Anschauungen der Russen über die Litteratur und ihre
Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen sind uns durch die Jugendlichkeit
ihres Ernstes zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lächeln zieht
unsere müden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung, in die sich die
Russen über litterarische Streitfragen stürzen. Allein es will uns
bedünken, dass gerade in diesem jugendlichen Ernst, der heute, im
neunzehnten Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens beste
Güter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet, eine Mahnung liegt,
von der litterarischen Spielerei zum Leben und zu seinen ernsten
Forderungen zurückzukehren.
Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden
Betrachtung über die Art, wie die nach Russland kommenden Fremden
Russland verstehen; der Deutsche, der Franzose, der Engländer, jeder in
seiner Weise und jeder -- falsch. »Für Europa,« heisst es da, »ist
Russland das Rätsel der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder
das Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit, der
russische Geist, sein Charakter und seine Richtung vom Westen erfasst
werden wird. In dieser Beziehung ist sogar der Mond jetzt weit
ausführlicher erforscht als Russland. Wenigstens weiss man entschieden,
dass dort niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort Menschen
leben und sogar russische Menschen --, aber was für Menschen, das ist
bis heute noch ein Rätsel, obwohl die Europäer überzeugt sind, dass sie
uns schon lange begriffen haben.«
Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche nach Russland kommen. Er
geht der Reihe nach die Gutsverwalter, die Semmelbäcker, Wursterzeuger
und Raritätenschausteller durch und langt bei dem gebildeten und
ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich ernstlich mit
der russischen Litteratur beschäftigt, um schliesslich Cheraskows
Russiade in das -- Sanskrit zu übersetzen. Ganz anders der Franzose. Der
Franzose hat über Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss alles,
er versteht alles -- auch ohne etwas zu lernen. Er hat sein Buch über
Russland schon in Paris um gutes Geld verkauft und gönnt sich dafür die
Reise von 28 Tagen, um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu
beglücken und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt auch
sofort eine echt russische Erzählung unter dem Titel »Petroucha«,
»welche zwei Vorzüge hat: 1. dass sie das russische Leben getreu
charakterisiert und 2. dass sie gleichzeitig auch das Leben auf den
Sandwichinseln schildert Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man
schon, dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken hat,
welcher eine grosse Wendung in den Geschicken Russlands herbeigeführt
hat, und jede Portiersfrau, der du in später Nachtstunde zurufst: »Le
cordon s'il vous plaît«, brummt schlaftrunken in sich hinein: »Sieh mal,
wäre in Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so wärest du
heute noch ein Barbar, kämest nicht nach Paris, au centre de la
civilisation, würdest mich nicht jetzt mitten in der Nacht aufwecken und
aus vollem Halse »le cordon s'il vous plaît« schreien.«
Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt Dostojewsky auf den
Standpunkt zu sprechen, den die Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache
gegenüber einnehmen. Da ist es namentlich der vornehme, der an
ausländische Kultur gewöhnte Russe, welcher sich dem »dunklen Volke«
gegenüber verächtlich verhält, welcher seinen Tischnachbar bittet, ihm
Wasser geben zu lassen, nur um nicht selbst ein russisches Wort an den
Lakaien zu richten, welcher die Geistesbildung so hoch schätzt, dass er
hundertmal lieber ein Schuft genannt würde als ein Dummkopf und daraus
allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und Würden macht, das ihn
ein- für allemal vom Volke trennt.
Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande nichts zu thun finden,
nach grossen Thaten ächzen, sich gegenseitig ihren Weltschmerz klagen
und sich ihrer Nichtswürdigkeit anklagen: »ach, Bruder, sieh, ein so
gemeiner Schuft bin ich!«, so wird jene Art Byrons daraus, welche sich
wundern, dass der wirkliche Byron über eine solche Welt hat klagen und
weinen können, was eines Lords ganz unwürdig ist, während sie zum
höheren Byronismus übergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet
hatte: ein gutes Mittagessen zu schätzen, gelegentlich falsch zu spielen
und den Leuten die Taschentücher aus den Säcken zu ziehen. Diesen Byrons
ruft er zu: »Ich habe eine Arbeit für euch, allein ihr werdet sie nicht
leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die
uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.«
Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt Dostojewsky
allmählich auf das Gebiet der Forderungen, die aus den Bedürfnissen oder
vielmehr der Bedürftigkeit des Volks entstehen und für das Volk
eintreten. Er tritt leidenschaftlich für die Volksbildung ein und
widerlegt den Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz
alle Bauern, die lesen können, es sind, welche die Gefängnisse füllen.
Jawohl, antwortet er -- weil diese Bildung oder eigentlich Halbbildung
noch ein Privileg ist und Privilegien immer Übergriffe und Unredlichkeit
im Gefolge haben.
So sind es, wie wir sehen, die primären Probleme, ganz einfache
Konflikte, die aufrichtige Bemühung jedes Russen, für sich und »unsern
Bruder«, wie das hübsche Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch
den Dichter so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach dem,
was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort in den Mund gelegt,
das nun eine stereotype Redensart ist, und das er bei den kleinsten
Zwischenfällen unwillkürlich anwendet. Er sagt da nicht: »was soll ich
thun«, sondern: »wie habe ich zu sein?«
Aus der »verfluchten Frage« heraus: »Wie soll mein Leben sein?« ist eben
das russische Leben, seine Kunst und Kritik einzig zu verstehen. Nun
begreifen wir auch, warum die Russen Turgenjew trotz seiner hohen
Künstlerschaft nicht zu den Ihren zählen. Wer die russische Litteratur
und ihre mühevolle Pflügearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten.
Das, was Schilderung, getreues Nachbilden russischen Lebens ist, was mit
allen Künsten der Farbengebung, der Licht- und Schattenverteilung, der
»Lasur«, wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europäer
entzückend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend, so fein
zubereitet, gerade genug, um »anzuregen«, ohne allzusehr wehe zu thun,
das wird den Russen beleidigen, der von seinem Dichter vor allem
Mitarbeit an seinem schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel
deutlicher in Tolstojs, des grössten russischen Künstlers, Wandlung zum
Volkserzähler aus. Heute erst, nachdem er der hohen Kunst abgeschworen,
die im Roman »Krieg und Frieden« ihren vollendetsten Ausdruck gefunden,
heute, da seine kleinen Volkserzählungen, zu 1 Kopeke verkauft, in
Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehören, heute erst rechnet
er sich selbst zu den führenden Geistern seines Volks und wird von ihm
dazu gezählt. Andere Beispiele für diese Auffassung der Dinge finden wir
in direkten Aussprüchen Dostojewskys und endlich im weiteren Verlauf der
»litterarischen Artikel«, da, wo der Dichter den Parteihader schlichten
will, welcher zwischen Utilitaristen und Vertretern der »Kunst als
Selbstzweck« entbrannt ist.
Zu den deutlichsten Äusserungen Dostojewskys über belletristische Werke
gehört wohl seine an Strachow gerichtete Kritik Tolstojs. Strachow hatte
gesagt, dass Tolstojs »Krieg und Frieden« zu den vortrefflichsten Werken
der gesamten russischen Litteratur gerechnet werden müsse, darauf
Dostojewsky:
»... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin, Lomonossow -- das
sind Genies. Mit dem »Mohr Peters des Grossen« und mit »Bjelkin«
hervortreten, das heisst unbedingt mit einem genialen, neuen Wort
auftauchen, das bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war.
Allein mit »Krieg und Frieden« auftreten, das heisst nach diesem Worte
kommen, das schon von Puschkin gesagt worden war; und das in jedem
Falle, wie hoch und weit auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor
ihm schon durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen möge.
Ich denke, das ist sehr wichtig usw.«
An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs »neues Wort« das
»Gutsbesitzer-Wort«[16], das allerdings bei Tolstoj unendlich
bedeutender zum Ausdruck komme.
Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky an vielen Orten
gesagt, am feurigsten aber in seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen
grossen Puschkinrede. Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrücken:
»Nur der Russe ist, vermöge seiner unendlichen Assimilationsfähigkeit,
»Allmensch« und nur dieser Allmensch vermag die Idee des lebendigen
Christentums in sich zu tragen und sie zu verbreiten.«
Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky die unvollendete
Erzählung Puschkins »Der Mohr Peters des Grossen« und die »Novellen
Bjelkins«, zwei Werke, die wir kaum dem Namen nach kennen, doch höher
stellt, als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstücke.
In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten Ausdruck der
russischen Eigenart, wie sie in Peter dem Grossen, »dessen
Persönlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklärt ist,« ihren elementaren
Ausbruch findet. Jene Assimilationsfähigkeit des Russen, sich alle
Sprachen eigen zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen
Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es seine bessere
Überzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft, sich schuldig zu bekennen,
alles dies, was ihn dem Europäer unverständlich macht, was dieser als
Unpersönlichkeit an ihm rügt, das befähige eben den Russen zu jener
Allversöhnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die Einigung der
Menschen herbeiführt -- im Gegensatz zu den immer komplizierteren
Trennungen der europäischen Nationen, die wohl nicht »in der Jeanne
d'Arc und den Kreuzzügen ihren Ursprung« haben dürften und auch nicht
durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift hiermit wieder
die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts: Glauben oder Wissen, Gott
oder Ich, die er ja in allen seinen Werken in tiefsinnige Probleme
aufblättert. In einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit
seinem letzten Romane nichts anderes will, als »das Dasein Gottes
beweisen«.
[Fußnote 16: Ein Ausspruch, den Dostojewsky _heute_, was Tolstoj
anlangt, sicher zurücknehmen würde.]
Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an, der dies synthetische
Wesen des Russen erkannt und in sich gerade aus seiner westlichen und
künstlerischen Kultur heraus verkörpert habe. »Die kolossale Bedeutung
Puschkins,« sagt er, »ersteht vor uns immer mehr und mehr ... Für alle
Russen ist er der vollendetste künstlerische Ausdruck dessen, was
eigentlich der russische Geist ist, wohin alle seine Kräfte streben und
wie namentlich das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt
Puschkins ist der Beweis dafür, dass der Baum der Zivilisation schon
früh reif geworden ist, und dass seine Früchte nicht faule, sondern
herrliche, goldene Früchte sind. Alles, was wir aus der Bekanntschaft
mit den Europäern über uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt --
alles, worüber uns die Zivilisation nur aufklären konnte, haben wir uns
erklärt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten und harmonischsten
Weise in Puschkin geoffenbart. Wir haben aus ihm herausverstanden, dass
das russische Ideal All-Einheit. All-Versöhnlichkeit, All-Menschlichkeit
ist usw.«
Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage über, welche seit Jahren
die russischen Schriftsteller in streitende Parteien geschieden hatte,
nämlich dem Kampf der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die
Vertreter der reinen Kunst.
Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur. In zwei
prächtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausführungen beweist er beiden
Teilen ihre Berechtigung, sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die
Blindheit, in der sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Er, der selbst
ein Feind der Utilitätslitteratur ist, wie sie von der Hand in den Mund
lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser Gattung verwerfen, selbst wenn
es, wie bei Schtschedrin, durchaus künstlerisch hingestellt ist, und
hält den Utilitaristen vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort
verlangen, wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter verlangt. Es sind
also die Menschen, welche Litteratur und Kunst treiben, nicht aber diese
für ihre Wirkungen verantwortlich zu machen.
»Die Kunst ist immer real und immer zeitgemäss, ist es immer gewesen
und, was die Hauptsache ist, wird es immer bleiben,« sagt Dostojewsky
da. »Die Gesellschaft leidet oft an schweren Übeln und greift nach den
Mitteln, die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr eine
Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat sie es geleistet,
so war es gewiss künstlerisch.« Braucht aber die Zeit noch Anthologien,
so möge sie nur noch danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die
Freiheit der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw.
Hier ist nicht nur Äusseres als Hemmnis der »freien Eingebung«
aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit der Tendenz,
Einseitigkeit eines ästhetischen Steckenpferdes, antikisierende oder
mittelalterliche Schrullen, wie auch Abwendung von der Gegenwart im
allgemeinen, Mangel an Gefühl der Bürgerpflicht und an Gemeinsinn.
Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels führt Dostojewsky folgendes
drastische Beispiel an:
»Versetzen wir uns,« sagt er da, »in das 18. Jahrhundert, gerade an den
Tag des Erdbebens von Lissabon. Die Hälfte der Einwohner geht zu Grunde,
Häuser stürzen ein, aller Besitz ist zerstört, jeder der
Zurückbleibenden hat einen schweren Verlust erlitten -- entweder Hab und
Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute taumeln
verzweifelnd in den Strassen umher, durch das Entsetzen ihrer Sinne
beraubt. Zu dieser Zeit lebt in Lissabon irgend ein berühmter
portugiesischer Dichter. Am nächsten Tage erscheint irgend eine Nummer
des Lissabonschen Merkur (damals erschienen überall Merkure). Das Blatt,
das in einem solchen Augenblicke erscheint, erregt sogar einiges
Interesse in den Gemütern der unglücklichen Stadtbewohner, ungeachtet
dessen, dass sie nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen;
sie hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde, welches
ausgegeben worden sei, um über die Verlorenen, die spurlos zu Grunde
Gegangenen Nachricht zu geben usw. Da -- an irgend einer in die Augen
springenden Stelle -- erblicken sie etwas in folgender Art:[17]
»Leises Flüstern, lindes Fächeln,
Nachtigallen-Trillersang,
Silberleuchten, träumend Wiegen
All den klaren Bach entlang,
Nächt'ge Helle, nächt'ge Schatten,
Unbegrenztes Dämmerlicht,
Zaub'risch wechselnde Bewegung
In der Liebsten Angesicht;
Rosenglut im Wolkenschleier,
Wiederschein wie Bernsteinlicht,
Küsse, Thränen, sanftes Feuer
Und -- Morgenröte, Morgenlicht!«
[Fußnote 17: Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch
Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter lyrischer
Gedichte, worunter »Abende und Nächte« das bedeutendste ist, welchem
auch wohl die herangezogene Strophe entnommen ist. Seine Übersetzungen
des ganzen Horaz, Juvenal, des Faust, sollen meisterhaft sein.
Dostojewsky mochte ihn wegen eben dieser Abwendung von der brennenden
Frage der Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir
sehen hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn
»justifiziert«.]
»Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons ihren Merkur
aufnehmen würden, aber mir scheint, ihren Poeten würden sie öffentlich
auf dem Marktplatze justifizieren. Durchaus nicht darum, weil er ein
Gedicht ohne Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt
der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehört hatte, und
das »Wiegen« des Baches in einem Augenblicke solchen Wiegens der ganzen
Stadt auftrat, dass die armen Leute nicht nur durchaus keine Lust
verspürten, die »Rosenglut im Wolkenschleier« oder das »Bernsteinlicht«
zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des Dichters allzu
beleidigend und unbrüderlich erscheinen musste, der in einem solchen
Augenblicke ihres Lebens so amüsante Dinge zu singen wusste. -- Bemerken
wir übrigens folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons hätten
ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle so erzürnte
(sei's auch von Rosenglut und Bernsteinlicht), konnte doch seiner
künstlerischen Vollendung nach herrlich sein. Ja noch mehr, den Dichter
haben sie hingerichtet, aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm
auf dem Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswürdigen
Verse im allgemeinen und der »Rosenglut« im besonderen. Es zeigt sich,
dass nicht die Kunst schuldig geworden ist an dem Tage des Erdbebens.
Das Gedicht, für das sie den Dichter justifizierten, hatte
möglicherweise als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern
sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen später
Entzücken, sowie tiefes Schönheitsgefühl hervorrief und sich als ein
erquickender Tau auf die Seele der jungen Generation niedersenkte.
Folglich war nicht die Kunst schuldig, sondern der Dichter, welcher die
Kunst in einem Augenblicke missbräuchlich anwendete, da es nicht an der
Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre -- -- das war
natürlich arg und ausserordentlich dumm seinerseits, aber immer war eben
er schuldig und nicht die Kunst ist es gewesen.«
Dass ihm aber die ästhetische Gestaltung des Kunstwerks sehr am Herzen
liegt, ja eigentlich sein Herzblatt ist, zeigt er uns auch auf andere
Weise als durch das auserlesene Befürworten der gegnerischen Anschauung.
Er spricht sich sehr entschieden darüber aus, in welcher Weise der
Mangel an Kunst der besten Idee schaden könne, und dass die hohe
künstlerische Vollendung, etwa der Iliade, auch nach Jahrtausenden
niemals die Wirkung versage.
Für die Beweisführung gegen die grobe Tendenzaufbauschung holt er sich
ein sehr angesehenes Opfer, den bekannten und in jenen Tagen
vielbewunderten Kritiker N. A. Dobroljubow, herbei und füllt mehrere
Bogen seiner Tagebücher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik.
Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa den Leser in einen
Raum führen, wo gegenüberstehende Spiegel eine endlose Reihe von
Reflexen erzeugen. Wir halten uns aber an das, worauf es hier ankommt --
das Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums zu fördern.
Es handelt sich um die Erzählung »Mascha« der kleinrussischen
Schriftstellerin Markowitsch, welche unter dem Pseudonym Marko Wowtschók
zwei Bände Volkserzählungen im kleinrussischen und im grossrussischen
Dialekt geschrieben hat; Turgenjew hat die ersteren in das
Grossrussische übersetzt. Die Dichterin behandelt in den Erzählungen
hauptsächlich das so oft erörterte Verhältnis der Leibeigenen zu ihrer
Herrschaft. »Mascha« ist ein junges Bauernmädchen, das sich auf alle
Weise der ihr von der Gutsherrin auferlegten Arbeit widersetzt und nur
»frei« arbeiten will. Schon in ihrer frühesten Kindheit hat sie immer
nach den Gründen jedes Befehls gefragt, hat die Gutsfrau nicht grüssen
wollen und sich bei ihrem Erscheinen versteckt. Später hat sie allen
Vorstellungen ihrer Muhme, die sie und ihren Bruder als Waisen
aufgezogen hatte, immer die Frage entgegengesetzt: und wer steht für uns
ein, wo ist unser Recht? Später will sie weder spinnen, noch im Garten
jäten, und als ihr die Herrin einmal selbst die Sichel in die Hand
drückt und sagt: »Da, schneide das Gras hier« -- schneidet sie sich
sofort in die Hand; die Gutsherrin, »die noch obendrein nicht von der
schlimmen Gattung, sondern liberal ist«, verbindet dem Mädchen die
blutende Hand mit dem eigenen Taschentuche, das dieses aber zu Hause
sofort zornig von der Wunde reisst und in den fernsten Winkel der Stube
wirft. Endlich geht das Mädchen nicht mehr am Tage aus der Hütte, damit
man ihrer »Krankheit« Glauben schenke -- wandert nur Nächte lang im
Hausgärtchen umher, isst nicht, spricht nicht und »schmilzt vor den
Augen der Muhme zusammen«. Da kommt eines Tages der Bruder heim und
verkündet die Nachricht, dass die Gutsfrau ihnen gestattet habe, sich
freizukaufen. Das Mädchen stürzt sich mit einem Schrei dem Bruder zu
Füssen: »Kaufe uns los,« schreit sie, »verkaufe alles und kaufe uns los,
ich will alles durch freie Arbeit heimzahlen!« Er verkauft alles, und
die Heroine ist gerettet.
Hier stellt Dostojewsky das Falsche einer Kritik ans Licht, welche ein
Kunstwerk darum preist, weil man darin ganz gescheit über
Selbstverständliches spreche, während es doch nichts unwahreres,
puppenhafteres und weniger russisches geben könne, als dieses
Bauernmädchen, das da über Freiheit und Menschenrechte deklamiere und
»unbewusst heroisch« werde. Der Dichter greift nun diese unkünstlerische
Art der polemischen Litteratur -- »womit Ihr Euch nur selbst schadet,
meine Herren« -- auf das heftigste an und stellt dem vermeintlichen
Nutzen eines solchen Eintagsmachwerks bei allem Talent, das er dem Autor
(man wusste damals offenbar noch nicht, dass dies eine Frau sei) und dem
Kritiker zuspricht, die unsterbliche Wirkung der Antike entgegen.
Hier kehrt Dostojewsky zu seinem früheren Ausspruch zurück, den er als
Argument der Künstler gegen die Utilitaristen ins Feld geführt hatte.
»In der That,« heisst es da, »wenn man auch die Kunst nur von einem
Standpunkte, dem des Nutzens, betrachten wollte, so ist uns ja der
normale, historische Gang des Nutzens, den die Kunst der Menschheit
gebracht hat, noch gar nicht bekannt. Es wäre schwer, die ganze Masse
von Nutzen zu berechnen, welche z. B. die Ilias oder der Apollo von
Belvedere der Menschheit gebracht hat und heute noch bringt, Dinge, die
unserer Zeit offenbar durchaus nicht nötig sind. Seht, es hätte z. B.
irgend einer, als er noch ein Jüngling war, in jenen Tagen, da noch »des
Daseins Bilder frisch und neu«, einmal den Apollo von Belvedere
angesehen, und das erhabene und unendlich schöne Bild des Gottes hätte
sich unwiderstehlich seiner Seele eingeprägt. Dies scheint ein leeres
Faktum zu sein: er hat sich zwei Minuten an der Statue erfreut und ist
darauf fortgegangen. Allein dieses Sicherfreuen hat ja keine Ähnlichkeit
mit der Bewunderung z. B. einer schönen Damentoilette! »Dieser Marmor
ist ja ein Gott« -- Ihr möget so viel Ihr wollt die Nase rümpfen, seine
Gottheit nehmt Ihr ihm nicht. Man hat versucht, sie ihm zu nehmen, doch
ist nichts dabei herausgekommen. Und darum war wohl der Eindruck, den
der Jüngling empfing, ein heisser, einer, der die Nerven erschütterte,
der die Haut kalt überrieselte; ja -- wer weiss es denn! vielleicht geht
im Menschen bei solchem Empfinden einer hohen Schönheit, bei solcher
Nervenerschütterung irgend eine innere Veränderung, irgend ein Umsatz
der Moleküle, irgend eine galvanische Strömung vor sich, welche in einer
Sekunde das Vorhandene zu einem anderen, ein Stück Eisen zum Magnete
macht. Es giebt freilich eine grosse Menge von Eindrücken auf der Welt,
allein dieser besondere Eindruck eines Gottes, der geht wohl nicht
spurlos vorüber. Nicht vergebens bleiben denn auch solche Eindrücke fürs
Leben. Und, wer weiss: als dieser Jüngling etwa zwanzig, dreissig Jahre
nachher, bei irgend einem grossen Ereignisse des öffentlichen Lebens,
sich als einer von dessen Hauptfaktoren nach der einen und nicht nach
der anderen Richtung hervorthat, kann es leicht sein, dass in der Masse
der Ursachen, welche ihn veranlassten, so und nicht anders zu handeln,
ihm ganz unbewusst auch der Eindruck enthalten war, den er zwanzig Jahre
vorher vom Bildnis des Apoll von Belvedere empfangen hatte usw.«
Die weiteren Aufsätze in der »Wremja« enthalten, wie gesagt, schon
deutlicher die ersten Anklänge jenes Glaubensbekenntnisses, das
Dostojewsky sein Leben lang erfüllte und das, wie wir wissen, in der
Puschkin-Rede seinen scharf umschriebenen und klarsten Ausdruck fand.
Den belletristischen Teil des Blattes suchten die Brüder so leicht und
so amüsant als möglich zu gestalten. Es lag ihnen, wie Strachow
erläutert, damals ganz besonders daran, ihren national-politischen
Überzeugungen, welche sich damals noch vom reinen Slavophilentum
abtrennten, so rasch als möglich einen grossen Leserkreis zu
verschaffen, um allen etwaigen Missverständnissen in dieser Richtung von
vornherein entgegenzutreten oder da, wo sich noch keine Meinung gebildet
hatte, die ihrige einzusetzen. Einen breiten Boden aber konnten sie nur
gewinnen, indem sie in ihrem Unterhaltungsblatt die weitesten
Konzessionen dem leichten Geschmack des Romane lesenden Publikums
machten und Erzählungen brachten, wie: »Johann Casanovas Flucht aus den
Bleidächern Venedigs«, »Der Prozess Lassenare« usw. Einer ihrer
bedeutendsten Mitarbeiter, Apollon Grigorjew, der sich namentlich durch
die Schärfe und Tiefe seiner kritischen Studien einen Namen gemacht
hatte, der aber nur von wenigen ernsten Lesern gelesen wurde, war mit
dieser Führung nicht zufrieden und warf, als in der Folge auch Theodor
Michailowitsch Feuilleton-Romane für die »Wremja« schrieb, dem
Hauptredakteur Michail Dostojewsky vor, er lasse den Bruder wie ein
Postpferd für das Blatt arbeiten, was diesen sicherlich an seiner
Gesundheit und an seinem Talent schädigen müsse.
Einige Jahre später, im Jahre 1864, nimmt Theodor M. Dostojewsky diesen
Streit auf und veröffentlicht in der später gegründeten »Epoche« eine
Entkräftung dieser Anschuldigung, die wir hier vorbringen:
»Erstens können die (angeführten) Worte Grigorjews auf keine Weise als
Vorwurf gegen meinen Bruder gekehrt werden, welcher mich liebte, mich
als Schriftsteller nur allzu parteiisch hochschätzte und sich über mir
gewordene Erfolge noch bedeutend mehr freute, als ich selbst. Dieser
edelste Mensch war nicht imstande, mich wie ein Postpferd in seinem
Journal zu verwenden. Offenbar handelt es sich in diesem Briefe
Grigorjews um meinen Roman »Erniedrigte und Beleidigte«, welcher damals
im »Wremja« gedruckt wurde. Wenn ich einen Feuilleton-Roman geschrieben
habe (was ich vollkommen zugestehe), so bin ich allein, ich ganz allein
daran schuld. So habe ich mein ganzes Leben lang geschrieben, so -- habe
ich alles geschrieben, was von mir publiziert worden ist, mit Ausnahme
der Erzählung »Arme Leute« und einiger Kapitel der »Memoiren aus einem
Totenhause«.« (Wir müssen hier den »Kleinen Held« anfügen, von dem wir
ja wissen, dass er in der Petersburger Festungshaft _vor_ dem
Todesurteil geschrieben wurde und aus diesem Umstand so »unschuldig«
ausfiel.) »Es hat sich in meinem litterarischen Leben sehr oft ereignet,
dass der Anfang eines Kapitels von einem Roman oder einer Erzählung
schon in der Druckerei und schon gesetzt war, während das Ende desselben
noch in meinem Kopfe sass, aber unbedingt bis morgen geschrieben sein
musste. Gewohnt so zu arbeiten, that ich das Gleiche mit den
»Erniedrigten und Beleidigten«, allein durchaus ohne von irgend jemand
dazu gedrängt worden zu sein, aus eigenem Willen. Die erst gegründete
Zeitschrift, deren Erfolg mir über alles teuer war, brauchte einen
Roman, und ich bot ihr einen Roman in vier Teilen an. Ich selbst
versicherte dem Bruder, dass der ganze Plan dazu schon lange in mir
fertig sei (was nicht der Fall war), dass es mir leicht sein werde, zu
schreiben, der erste Teil schon geschrieben sei usw. Hier habe ich nicht
um des Geldes willen gehandelt. Ich gestehe vollkommen ein, dass in
meinem Roman viele Gliederpuppen statt Menschen vorkommen[18], dass
wandelnde Bücher[18] finden sind und nicht Personen, welchen
künstlerische Gestaltung geworden ist (wozu allerdings Zeit und
Ausprägung der Idee im Geist und in der Seele erforderlich sind). Zur
Zeit, als ich schrieb, erkannte ich das im Arbeitsfeuereifer nicht,
ahnte es höchstens. Allein, was ich wirklich wusste, als ich zu
schreiben anfing, war dies: 1. dass, wenn der Roman auch nicht gelingt,
er Poesie haben würde, 2. dass zwei bis drei heisse, kraftvolle Stellen
darin sein werden, 3. dass die zwei ernsthaftesten Charaktere darin
vollkommen wahr und sogar künstlerisch dargestellt sein werden. Mit
dieser Überzeugung begnügte ich mich. Es kam ein rohes Produkt zu Tage,
allein es sind etwa ein halbes Hundert Seiten darin, auf welche ich
stolz bin. Gewiss, ich trage selbst die Schuld daran, dass ich mein
ganzes Leben lang so gearbeitet habe, und ich gebe zu, dass dies sehr
schlecht ist aber ... Der Leser möge mir diese schöne Rede über mich
selbst und meine »hohe Begabung« verzeihen, sei es nur mit Rücksicht
darauf, dass ich jetzt zum erstenmale im Leben selbst über meine Werke
etwas gesagt habe[19].«
[Fußnote 18: Anführung von Grigorjews Ausdrücken.]
[Fußnote 19: Der Roman »Erniedrigte und Beleidigte« ist allerdings eines
der schwächsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen will, vor
allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand gehalten und sicher
durchgeführt ist. Diese Natascha, welche zuerst den Erzählenden, Iwan
Petrowitsch, einen armen Schriftsteller, liebt und dann aus dem
Elternhause zu dem Sohn des Fürsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast
schwachsinnigen Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht
liebt, dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, später
aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern hin und
her trägt, diese Eltern, die mit dem Fürsten prozessieren und doch in
die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, -- sie alle _wollen_
offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind nicht wirkliche
Beleidigte -- denn: ein kleiner Druck am Räderwerk des Ganzen, eine
logische und vernünftige Schlussfolgerung, ein energisches Halt, und sie
sind es nicht und alles wäre anders.
Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige und Unwürdige
der Gestalt des Erzählers Iwan Petrowitsch ganz besonders übel genommen.
Ein Mann, der den Liebesroman seiner Braut mit einem Andern schildert,
der darin als helfender Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte
verrät, wie ihm dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klägliche
Figur erscheinen, ebenso unwürdig im Leben, als unbrauchbar für die
Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den äusseren
Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke, in der Entsagung
Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat; dass ferner dieses bei Hinz
und Kunz sicher unwürdige, mindestens befremdliche Vorgehen bei dem eben
aus dem Totenhause befreiten, durch das Evangelium und die dort
gewonnene Volksdemut zu »seiner Wahrheit« durchgedrungenen Dichter eine
viel kompliziertere und tiefere Deutung erheischt. Uns dünkt auch, dass
gerade dieser persönlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den
Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch nur
anzudeuten, wodurch diese Figur allein hätte künstlerisch gestaltet
werden können. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat dennoch Recht, wenn er
sagt, dass dieser Roman »zwei, drei Stellen enthält, die warm und
kraftvoll sind, und ein halbes Hundert Seiten, auf die er stolz sei«.]
In der weiteren Ausführung der Differenzen der »Wremja« mit ihrem
Haupt-Mitarbeiter Grigorjew sagt Dostojewsky: »Drittens ist es
vollkommen wahr, dass sich in der Zeitschrift in den ersten Jahren ihres
Bestandes Schwankungen bemerkbar machten, Schwankungen -- nicht in der
Richtung, sondern in der Art ihrer Wirksamkeit. Auch in manchen
Überzeugungen hat es Irrtümer gegeben. Allein die Richtung konnte sich
nur mit den Jahren formulieren. Eine Richtung haben und sie klar und für
alle verständlich formulieren können -- ist zweierlei. Das letztere
erreicht man durch Erfahrung, durch die Zeit, das Leben, und es steht in
direkter Beziehung zur Entwickelung der Gesellschaft selbst. Eine
abstrakte Formel ist nicht immer entsprechend. Wer etwas zu sagen hat,
der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige Formeln,
die man der Routine entlehnt, namentlich solche älteren Datums, d. h.
wenn schon alle einen gewissen Begriff von ihnen haben, gelingen weit
besser, gefallen der Gesellschaft weit mehr, als Überzeugungen, die ihr
noch nicht bekannt sind. Nur solche Ideen sind leicht verständlich, die
schon viel herumgetragen wurden. Wir sind aufrichtig bereit, unsere
früheren Irrtümer einzugestehen, allein wir haben sie ja damals selbst
nicht zu sehen vermocht, gerade deshalb nicht, weil wir auch damals nach
unserer festen Überzeugung handelten.«
An anderer Stelle dieser Rechtfertigungsschrift sagt der Dichter: »Ich
will noch eine letzte allgemeine Bemerkung machen. Von jenen prächtigen,
historischen Briefen (11 Briefe aus Orenburg an Strachow), in welchen
auch nicht eine falsche (unaufrichtige) Note erklingt und in welchen
sich so typisch, wenn auch immer noch nicht vollständig einer der
russischen Hamlets unserer Zeit (ein wirklicher Hamlet) zeichnet -- von
diesen herrlichen Briefen sage ich, kann auch heute nicht alles ohne
Vorbehalt von der Redaktion der »Epoche« (die nach dem Auseinanderfallen
der »Wremja« von Dostojewsky gegründete Monatsschrift, welche von Anfang
1864 bis incl. Februar 1865 bestand) angenommen werden. Ohne Zweifel,
jeder litterarische Kritiker muss zugleich auch Dichter sein, dies ist,
scheint mir, eine der unentbehrlichsten Bedingungen für einen wirklichen
Kritiker. Grigorjew war ein unbestrittener und ein leidenschaftlicher
Dichter, aber er war auch launenhaft und heftig wie ein
leidenschaftlicher Dichter -- -- -- Grigorjew war, wenn auch ein
wirklicher Hamlet, doch, wenn man bei Shakespeares Hamlet beginnt, und
bei unseren modernen russischen Hamlets und Hamletchen aufhört, einer
jener Hamlets, welche weniger doppellebig sind, als die übrigen, und
auch weniger reflektieren als die anderen. Er war unmittelbar Mensch, in
vielem sogar ihm selbst unbewusst ein urwüchsiger und knorriger Mensch.
Er war vielleicht, als Natur (nicht als Ideal genommen, das versteht
sich von selbst), der russischeste Mensch unter allen seinen
Zeitgenossen. Daher kam es auch, dass er auch seinen kleinsten Ausbruch
in einer allgemeinen Sache in so hohem Grade für organisch und
unvermeidlich für die ganze Sache, von ihr für so untrennbar hielt, dass
die geringste Nichtbeachtung dieses Ausbruches ihm manchmal schon als
ein Zusammenbrechen der ganzen Sache erschien. Und so wie er sich im
Leben weniger als andere in zwei teilte, und es nicht verstand, ebenso
bequem, wie jeder »Held unserer Tage«, mit der einen Hälfte seines
Wesens sich zu grämen und zu quälen, mit der anderen Hälfte aber den
Gram und die Qual der ersten Hälfte zu beobachten, zu erkennen und zu
beschreiben, manchmal sogar in wunderschönen Versen mit
Selbstvergötterung und einer gewissen Feinschmeckerei, so wurde er ganz
und gar, durch und durch -- in seinem ganzen Menschen, wenn ich so sagen
darf -- von seinem Gram ergriffen. In dieser Stimmung sind auch seine
Briefe geschrieben.
»Ich bin Kritiker und nicht Publizist«, hat er mir mehrere Male, sogar
kurze Zeit vor seinem Tode, als Antwort auf meine Bemerkungen, selbst
gesagt. Allein jeder Kritiker soll auch Publizist sein, in dem Sinne,
als es die Pflicht eines jeden Kritikers ist -- nicht nur feste
Überzeugungen zu haben, sondern sie auch ausführen zu können. Dieses
Vermögen aber, seine Überzeugungen auszuführen, ist die wesentlichste
Eigenheit jedes Publizisten.
Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der Welt ruhig hätte
verbleiben können; wenn er aber sein eigenes Journal gehabt hätte, so
würde er es selbst fünf Monate nach dessen Gründung zu Grunde gerichtet
haben usw.«
Alle diese Ausführungen zeigen den Dichter, wie uns scheint, von einer
Seite, welche der Leser seiner belletristischen Werke, sowie der Kenner
seiner eigenen Lebensführung nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die,
wenn auch nur theoretisch, geschäftsmännische Seite. Es ist wohl nicht
die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung Grigorjews bekundet,
die wir ja an ihm, dem »Realisten des Innern« kennen, was uns hier
frappiert, sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die Führung
einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit welchem die Thätigkeit
der Publizistik von Dostojewsky selbst, sowie von seiner Zeit und
Umgebung betrachtet wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl
seiner Mittel zu erläutern und zu entschuldigen, welche Fülle von
Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen von eines
Menschen innerster Wahrhaftigkeit. Wir begreifen danach sein Axiom: »ein
Journal ist eine grosse Sache«. -- Allein diese Anschauung und ihre
Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz nicht nur zu
Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den Slavophilen, welche sich um
Aksakow gruppierten, sowie zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst
nahmen und, durch die landläufige, journalistische Behandlung ernster
Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, »von der Hand in den
Mund-Leben« Dostojewskys weder für ihn noch für die gute Sache ein Heil
finden konnten. Sie vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es
sich hier um ganz anderes handelte, als um ein tägliches Menu für den
Hunger des Publikums. Es handelte sich darum, ein solches Publikum nicht
aus den Augen und aus der Hand zu lassen und ihm immer wieder seine
Ration Wahrheit aufzunötigen. Später allerdings, als sich Dostojewsky
immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es nicht anders sein, als
dass auch er sich etwas von der journalistisch gangbaren Litteratur
abwandte, nachdem er sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861
energisch mit folgenden Sätzen vertreten: »Man liest einen oder den
anderen Eurer Aussprüche und kommt endlich unwillkürlich zum Schluss,
dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt und auf uns schaut, wie
auf ein fremdes Geschlecht, als wäret Ihr aus dem Monde zu uns herunter
gekommen, als lebtet Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der
gleichen Zeit, nicht das nämliche Leben! -- Es ist, als machtet Ihr mit
jemand Experimente, als sähet Ihr irgendwen unter dem Mikroskop an! Aber
das ist ja Eure eigene, Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn
so von oben herab an und zerlegt sie wie ein Käferchen? Ihr seid ja
selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!«
Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs gleichfalls vornehm
vom Journalismus fernehielt, hatte Dostojewsky zu bekämpfen. N. Strachow
erzählt uns darüber folgendes: »Ich trat erst später in die
belletristische Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem
wissenschaftlichen Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit
scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen Hochmut
entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei zu entgehen
und bemühte mich, meine Artikel vollkommen auszuarbeiten. Diese
Bestrebungen riefen gewöhnlich Theodor Michailowitschs Spott hervor:
»Sie sorgen immer für eine >Vollständige Ausgabe< Ihrer Werke« -- sagte
er. -- »Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe erscheinen«,
antwortete ich. Allein ich wurde bald in die Litteratur hineingezogen
und begann ihre Interessen mit grösserer Wärme ans Herz zu schliessen.«
-- »Wie immer dies nun sein möge«, fährt N. Strachow weiter fort, »das
Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist bekannt. Am
Ende seiner Laufbahn, als er sich schon als vollständiger Slavophile
bekannte, war er imstande, sich über unsere Intelligenz und ihre
Bestrebungen fast mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als
die gewesen, die ihn in den Blättern des »Denj« (Tag) so sehr beleidigt
hatte. Was aber seine Vorliebe für die feuilletonistische Form der
Zeitschriften betrifft, so ist sie bei ihm niemals ganz verschwunden. Er
zwang sich sogar manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein
Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den Jahren jedoch
wurde seine Art zu schreiben immer strenger; ja, auch früher schon
konnte man in seinen Feuilletons nicht wenige Seiten finden, welche eine
künstlerische Kraft und strenge Ausführung zeigten, die weit über die
Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.«
Wir begegnen also hier abermals einer von jenen Wandlungen tieferer
Natur, welche so oft im Leben Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern
verurteilt, von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschönigt
werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung nicht zutreffend, die
Beschönigung überflüssig. Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es
zu oberflächlich ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt einer
ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz des Ausgangspunktes
hinzustellen. Die Beschönigung aber ist überflüssig, weil Dostojewskys
Wandlungen und Wendungen nicht in den engen Kräfte-Komplex gezwängt
werden dürfen, die man gemeinhin »Festigkeit«, »Charakter« nennt. Was
ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen um ein unsichtbares
Zentrum zu durchlaufen, war jene Kraft, die jedes Urphänomen in sich
trägt und die meist erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern
und Moralisten rückblickend begriffen wird. -- Dostojewskys Lebensweise
entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode, und es wäre schwer zu
sagen, welche von der anderen bedingt war. »Dostojewsky schrieb fast
ausschliesslich bei Nacht«, erzählt Strachow und es bestätigt dies seine
Witwe. »Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben hatte, blieb er
allein mit seinem Samovar, und während er einen kühlen, nicht
allzustarken Thee schlürfte, schrieb er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er
stand um 2, auch 3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem
Empfang von Gästen, Spaziergängen und Besuchen bei Freunden.«
Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich ein sehr unangenehmer.
Er schildert in dem Roman »Erniedrigte und Beleidigte« seinen eigenen
Zustand, wenn er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: »Es ist
mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir herumzutragen, darüber
nachzusinnen, wie ich sie schreiben werde, als sie in der That
niederzuschreiben, und doch war es nicht Faulheit. Was war es also?«
Strachow antwortet darauf sehr richtig: »Es war die Überfülle geistigen
Schaffens, die in ihm brodelte, für die das Niederschreiben eine
Unterbrechung war«. »Dennoch phantasierte Theodor Michailowitsch oft
davon« -- schliesst Strachow -- »was für wunderschöne Dinge er
ausarbeiten könnte, wenn er die nötige Musse dazu hätte. Übrigens waren,
wie er selbst erzählt, die besten Seiten seiner Werke in einem Zug ohne
Umarbeitung entstanden -- allerdings als Folge innerlich schon
ausgetragener Ideen.«
Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Kräfte intellektuell und
materiell anspannenden Doppelthätigkeit des Schriftstellers und
Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen Redakteurs andererseits,
muss man sich den Dichter einer Krankheit unterworfen denken, die sich
durch die Aufregungen seines Berufes und seines häuslichen Lebens nur
steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtägige
Gedächtnisschwäche und Arbeitsunfähigkeit zurückliess. Über die Art, wie
seine Krankheit auftrat, hat er uns im »Idiot« eine genaue Schilderung
gegeben. Sie ist sehr merkwürdig und widerspricht eigentlich dem, was
wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem epileptischen Anfalle
gehört oder gesehen haben. Strachow erzählt uns als Augenzeuge eines
solchen Anfalles darüber Folgendes:
»Die Anfälle seiner Krankheit ereigneten sich ungefähr einmal im Monat
-- das war der gewöhnliche Verlauf. Allein manchmal, obwohl sehr selten,
waren sie häufiger; es kamen sogar zwei Anfälle in einer Woche vor. Im
Ausland, das heisst bei grösserer Ruhe, aber auch infolge des
günstigeren Klimas, kam es vor, dass vier Monate ohne einen Anfall
vergingen. Er hatte immer ein Vorgefühl des Anfalles, es konnte dies
indessen auch täuschen. Im Roman »Der Idiot« ist eine ausführliche
Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in solchem Falle
durchmacht. Ich selbst war zufällig einmal Zeuge, wie ein Anfall
gewöhnlicher Stärke Theodor Michailowitsch überraschte. Es war
wahrscheinlich im Jahre 1863, gerade am Char-Samstag. Er kam spät, um 11
Uhr abends, zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gespräch. Ich
kann mich des Gesprächsthemas nicht erinnern, aber ich weiss, dass es
ein sehr wichtiges und abstraktes Thema war. Theodor Michailowitsch ging
in gehobener Stimmung in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische.
Er sprach über irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich seinem Gedanken
mit einer Bemerkung zustimmte, wendete er mir sein begeistertes Gesicht
zu, worin sich zeigte, dass seine Entzückung den höchsten Grad erreicht
hatte. Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte für seine
Gedanken suchend, und öffnete schon den Mund. Ich sah ihn mit gespannter
Aufmerksamkeit an, im Gefühle, dass er etwas Aussergewöhnliches sagen,
dass ich eine Offenbarung hören würde. Plötzlich entrang sich seinem
Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut, und er sank
bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden. Der Anfall war diesmal nicht
stark. Der ganze Körper streckte sich nur krampfhaft aus und in den
Mundwinkeln zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er zu sich,
und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es nicht weit dahin war.
Oft hatte mir Theodor Michailowitsch erzählt, dass er vor den Anfällen
Minuten eines entzückten Zustandes habe. »Für einige Augenblicke« --
sagt er -- »empfinde ich ein solches Glück, wie es in einem gewöhnlichen
Zustande nicht möglich ist und wovon andere keine Vorstellung haben
können. Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und
dieses Gefühl ist so süss und so stark, dass man für einige Sekunden
solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja meinetwegen das ganze
Leben hingeben könnte.[20]«
[Fußnote 20: Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwähnen, welche
der bekannte Psychiater Dr. M. Tschiz im Jahre 1885 unter dem Titel
»Dostojewsky als Psychopathologe« in Moskau publizierte. Es ist für uns
sehr wichtig, gerade aus dem Munde eines bedeutenden Fachmannes eine
Belehrung darüber zu empfangen, wie sehr Dostojewskys Lucidität
in pathologischen Dingen einerseits durch seine eigenen
Krankheits-Erscheinungen erhöht wurde, anderseits aber durch die Fülle
seiner psychologischen Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und
Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst.
Nachdem Tschiz den Beweis erbracht hat, dass Dostojewsky in den 25
pathologischen Wesen, welche in seinen Romanen vorkommen, die
mannichfaltigsten Nuancen mit der feinsten Beobachtung ausgestattet und
nirgends einen Strich verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und
Epileptiker vom Dichter als einem »Kompetenten« behandelt werden, fügt
er folgendes hinzu: »Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit ihm vieles
über die krankhaften Zustände der Seele erklärt, und vieles konnte er
aus der Selbstbeobachtung schöpfen, doch ist es heute dem Arzt, schon
aus Achtung vor seiner Persönlichkeit und seinen Leiden, nicht
gestattet, vieles darüber zu sagen. Hier aber trifft ganz besonders zu,
was Dostojewsky selbst sagte: »Nicht auf den Gegenstand kommt es an,
sondern auf das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der
Gegenstand. Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner
Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige Sache,
was für das eine ein Poëm, das ist fürs andere eine Wolke«.«
Diese letzte Anführung Tschiz' erhält ihre Bekräftigung an jener Stelle,
wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows definierend, das
Axiom von »Genie und Wahnsinn« mit folgenden Worten widerlegt: »Der
bekannte Satz, dass Genie und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch
nicht mehr als ein Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer
Mensch psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein
Hemmschuh für sein Genie sein. Das Genie ist der strikte Gegensatz des
Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstände tiefer, von viel mehr
Seiten als der gewöhnliche Verstand; der psychisch Kranke sieht entweder
weniger als der Gesunde oder er kann im besten Falle etwas nur einseitig
-- und darum eben falsch -- begreifen«.
Nun ist ja dem berühmten Psychiater nichts ferner gelegen, als diese
Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky selbst anzuwenden, so
klar ihm auch das Krankheitsbild des Dichters vor Augen steht. Zur Zeit,
da diese Studie geschrieben wurde und die Mitwelt noch unter dem
Eindrucke von Dostojewskys Genius stand, würde es weder einem Laien noch
einem Fachmann eingefallen sein, des Dichters schöpferische Phantasie
mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen. Heute aber
und in unserem europäischen Milieu, wo die Anschauung allmählich Platz
gegriffen hat, dass Dostojewskys Schöpfungen zum grossen Teil aus seiner
Krankhaftigkeit zu erklären seien, heute kann man es nicht genug
betonen, wie irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der
Wissenschaft betrachtet, in nichts zerrinnt.]
Eine Folge seiner epileptischen Anfälle war die, dass er manchmal
zufällig beim Fallen heftig an etwas stiess. Selten zeigte sich Röte im
Gesicht, manchmal Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke das
Gedächtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach vollkommen
zerschlagen fühlte. Seine Seelenstimmung war dann auch eine sehr
gedrückte; er konnte seiner Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden.
Der Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten darin, dass er
sich als ein Verbrecher fühlte; es schien ihm, als drücke ihn eine
unbekannte Schuld, eine grosse Missethat nieder.«
Welche Kraft mochte dazu gehören, solche Zustände zu überwinden, und
trotz des geschwächten Gedächtnisses in wenigen Nächten zwei bis drei
Druckbogen fertig zu stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft
bedürfte, so wäre es die rastlose Thätigkeit, welche der Dichter nun,
seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der Erfassung und
Beleuchtung der brennenden Tagesfragen entfaltete.
Wir lassen hier die Namen der vier, von ihm von 1861 bis 1881, seinem
Todesjahre, redigierten Zeitschriften folgen: die »Wremja« wurde, wie
oben gesagt, im Jahre 1861 gegründet und erschien vom Januar dieses
Jahres bis inkl. April 1863. Auf die Ursachen der Auflösung dieses
Redaktions-Verbandes werden wir sofort zu sprechen kommen. In dieser
Monatsschrift erschienen, wie schon erwähnt, als Feuilleton-Roman »Die
Erniedrigten und Beleidigten«, ferner eine Reihe von Artikeln über
Kunst, wovon wir oben sprachen. Zu Anfang des Jahres 1864 wurde die
Arbeit wieder aufgenommen mit einer Ankündigung, die wir weiter unten zu
bringen uns ebenfalls nicht versagen können. Diese Monatsschrift
erschien auch nur kurze Zeit, d. h. bis inkl. Februar 1865. Zwischen
1865 und 1872 fällt ein langer Aufenthalt in Deutschland und Italien,
der Tod des Bruders, Schuldenlast, böse Zeiten überhaupt, über die uns
manche seiner Briefe betrübenden Aufschluss geben. Im Jahre 1873 endlich
übernimmt Dostojewsky die Redaktion des vom Fürsten Meschtschersky
gegründeten »Grashdanin«, dessen Feuilleton er zumeist selbst unter dem
Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« besorgt. Später, im Jahre 1876,
gründet er neben dem Grashdanin eine selbständige Monatsschrift unter
dem gleichen Titel »Tagebuch eines Schriftstellers«, die zwei volle
Jahrgänge 1876 und 1877 durchlaufen hat, wovon aber, offenbar aus Mangel
an Subskribenten und Geld, später nur im August 1880 und im Januar 1881
unmittelbar nach des Dichters Tode je eine Nummer erschien. In der
Gesamtausgabe seiner Werke sind die Aufsätze aus dem Grashdanin vom
Jahre 1873, sowie die Jahrgänge von 1876 und 1877 in drei Bänden
erschienen, wobei im letzten auch die zwei Nummern aus den Jahren 1880
und 1881 Aufnahme gefunden haben. Der Erfolg der neuen Monatsschrift
scheint gleich anfangs ein sehr grosser gewesen zu sein. Sie hatte im
ersten Jahre 2300, im zweiten Jahre 4302 Abonnenten. Dieser Erfolg
dürfte dem Umstand zuzuschreiben sein, dass so vortreffliche Kräfte wie
Njekrassow, Ostrowsky, Schtschedrin ausser Grigorjew, Strachow und den
Brüdern Dostojewsky an der Arbeit teilnahmen.
Indessen scheint doch das Hauptgewicht auf der Belletristik geruht zu
haben und Theodor Michailowitschs Bestrebungen im eigentlichen Bereich
seiner volklich-religiösen Mission entweder nicht genug betont, oder vom
Publikum nicht genug herausgefühlt und von den Slavophilen reinsten
Wassers nicht anerkannt worden zu sein; sonst hätte unmöglich jenes
Missverständnis entstehen können, das schliesslich zum Verbot der
Monatsschrift und zu jenen Streitschriften führte, als deren eine ein
Brief J. S. Aksakows zu bezeichnend ist, um nicht im weiteren Verlauf
unserer Aufzeichnungen Platz zu finden. Die ganze Sache, welche so
wichtige Folgen für das Blatt und die Verhältnisse der Brüder
Dostojewsky haben sollte, entstand durch einen Artikel N. Strachows über
den polnischen Aufstand zu Beginn des Jahres 1863. Wir müssen hier
einiges über die ehrliche und freundschaftliche Beziehung
vorausschicken, welche Dostojewsky mit Strachow verband und später das
volle Eintreten des Dichters für Strachows Arbeit zur Folge hatte,
trotzdem er gleich anfangs eine gewisse litterarische Unzufriedenheit
über dessen Abstraktheit und Unverständlichkeit dem Autor gegenüber
angedeutet hatte. Was Strachow über ihre Beziehungen sagt ist
bezeichnend: »Unsere damalige Freundschaft« -- sagt er (Materialien p.
224) -- »war, obwohl sie vornehmlich einen intellektuellen Charakter
hatte, damals doch eine sehr enge. Das Einander-Nahestehen der Menschen
hängt von ihrer beiderseitigen Natur ab und überschreitet auch bei den
günstigsten Bedingungen nicht ein gewisses Mass. Jeder von uns zieht
gleichsam eine Kreislinie um sich herum, über die hinweg er niemanden
zulässt, oder besser gesagt, niemanden zulassen kann. So fand unsere
Annäherung ein Hindernis in unseren beiderseitigen seelischen
Eigenschaften, wobei ich mir durchaus nicht den geringsten Teil dieses
Hindernisses zusprechen will. Über Theodor Michailowitsch kamen manchmal
Augenblicke des Misstrauens, dann sagte er argwöhnisch: »Strachow hat
niemand, mit dem er reden könnte, darum hält er sich an mich.« Diese
vorübergehenden Zweifel bezeugen nur, wie fest wir im allgemeinen auf
unser gegenseitiges Verhältnis vertrauten. Wenn Theodor Michailowitsch
einen Anfall von Epilepsie hatte, befand er sich, wieder zur Besinnung
gekommen, in einem unerträglichen seelischen Zustande. Alles reizte und
schreckte ihn, und er litt unter der Gegenwart der allernächsten
Freunde. Dann pflegten sein Bruder oder seine Gattin nach mir zu
schicken -- in meiner Gesellschaft wurde ihm leichter, und so er erholte
sich nach und nach.« »Indem ich mich daran erinnere« -- fährt Strachow
fort -- »so erneuere ich in meinem Gedächtnisse einige meiner besten
Empfindungen und denke, dass ich damals ein besserer Mensch war, als
heute.«
Im Juni 1862 jedoch, ehe noch die Dinge Gestalt annahmen, welche dem
Blatte ein jähes Ende bereiten sollten, konnte Theodor Michailowitsch,
dem die Ärzte eine Reise ins Ausland wiederholt anrieten, das
Redaktions-Bureau für einige Zeit verlassen. So finden wir ihn auf einem
Ausfluge nach Paris, London, abermals Paris, Köln, Düsseldorf, Mainz,
Basel und Genf, wo er mit Strachow zusammentrifft. Von dort gingen sie
gemeinsam nach Luzern, dann über den Mont-Cenis nach Turin und Genua, wo
sie sich nach Livorno einschifften, um dann mittels Eisenbahn nach
Florenz zu gelangen. Spuren dieser ersten Reise finden wir nur in einem
Briefe an Strachow, wo der Dichter in heller Begeisterung für das
Bevorstehende dem Freunde zuredet, sich ihm anzuschliessen, ferner in
den Aufzeichnungen Strachows und in einem Aufsatze des Dichters, worin
er seiner Galle über Paris und die Franzosen Luft macht und der unter
dem Titel: »Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke« im
dritten Bande seiner Gesamtwerke enthalten ist. In jenem Briefe drückt
sich der Dichter, er, dessen Kenntnis europäischer Litteratur fast
ausschliesslich aus französischen Quellen geschöpft war, der begeisterte
Verehrer Balzacs und Jünger der George Sand, über die Franzosen in
natura folgendermassen aus: »Der Franzose ist still, ehrenhaft, höflich,
aber falsch; und das Geld ist bei ihm alles.« (In gallig-humoristischer
Weise finden wir diese Beobachtung im oben erwähnten Aufsatz illustriert
und müssen dabei der Romane Balzacs, dieses umfassenden Genies und
tiefen Menschenkenners denken, wo die Tugend zuletzt doch zu ihren
40-50000 Frs. Rente kommt.) »Ideale keine. Nicht nur Überzeugungen,
sondern Überlegung darf man gar nicht verlangen. Das Niveau der
allgemeinen Bildung ist äusserst niedrig. (Ich spreche hier nicht von
den beeideten Gelehrten. Aber auch diese sind nicht zahlreich, und
übrigens ist dann Gelehrtheit auch Bildung in dem Sinne, wie wir gewohnt
sind, dieses Wort zu verstehen?)« -- Weiter fährt er fort: »Noch eins,
mein Täubchen Nikolaj; Sie glauben nicht, wie hier die Seele von
Einsamkeit erfasst wird! Ein schweres, beängstigendes Gefühl.« --
»Freilich -- fährt er fort -- war mir im Auslande bis heute alles
ungünstig; schlechtes Wetter und das, dass ich noch immer im Norden
Europas herumkugelte und von den Wundern der Natur erst den Rhein
gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist wirklich ein Wunder!) Was
dann weiter sein wird, wenn ich von den Alpen in die Ebene Italiens
niedersteige? -- Ach! wären wir doch beisammen! Wir sehen Neapel,
spazieren in Rom herum -- liebkosen gar eine junge Venetianerin in der
Gondel (He? Nikolaj Nikolajewitsch?). Aber .... »nichts, nichts und
Schweigen«, wie im gleichen Fall Poprischtschin sagt.«
Was Strachow über jene Reise Dostojewskys sagt, welcher er sich von Genf
aus angeschlossen, ist nicht sehr viel. Er erwähnt Dostojewskys
Zusammenkunft mit Herzen in London, worüber der Dichter selbst im
Feuilleton des Grashdanin vom Jahre 1873 erzählt, und er meint, dieser
habe sich Herzen gegenüber sehr »weich« verhalten, so dass die
»winterlichen Betrachtungen« ein wenig unter dem Zeichen dieses
Einflusses ständen. Später aber, in den folgenden Jahren, habe
Dostojewsky oft seinen Unwillen darüber geäussert, dass Herzen nicht
imstande sei, den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die
Merkmale seines eigensten Wesens zu würdigen. »Der Aufklärungshochmut,
die verachtende Geringschätzung Herzens empörten Dostojewsky, der sie
sogar in Gribojedow, dem Verfasser des Stückes: »Wehe dem Gescheidten«,
gerade so verurteilte, wie in unseren Revolutionären und kleinlichen
Denunzianten.« Was Strachow über ihr Zusammensein in Italien erzählt,
bestätigt nur, was wir aus des Dichters späteren Dresdener Briefen
erfahren, nämlich, dass er nicht nur die gewöhnliche, »offizielle Art,
verschiedene merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen,
verachtete,« sondern sich überhaupt weder um die Natur noch um die
Kunstschätze eines Ortes kümmerte, sondern immer nur dahin ging, wo es
am lebhaftesten war und möglichst viele Menschen aller Kategorien und
Klassen zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die Uffizien
gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten Plan vorgingen,
der sie schnell zu den Meisterwerken geführt hätte, so war Theodor
Michailowitsch schon sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort
gingen, ohne bis zur medicäischen Venus gelangt zu sein. Dafür waren
ihre Spaziergänge in volkreichen Teilen der Stadt und ihrer Umgebung,
obwohl sie auch hier nicht bis zu den Cascinen kamen, sehr erfreulich,
sowie ihre Nachtgespräche bei einem Glase roten Nostranos.
Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow anfangs des Jahres
1863 im »Wremja« veröffentlichte, erschien unter dem Titel »Eine
verhängnisvolle Frage« und behandelte den polnischen Aufstand, ein
Ereignis, über welches die Meinungen noch nicht geklärt, die Parteinahme
jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt war, ohne dass
irgend ein Blatt noch das Wort darüber ergriffen hätte. Es waren
allerdings schon vor dem Aufstande Stimmen darüber laut geworden, dass
Russland Polen eingenommen habe, wie eine schädliche Medizin, und es
wohl am ratsamsten wäre, diese wieder von sich zu geben. Allein seit
Beginn des Aufstandes schwieg Alles. In diese Spannung hinein kam
Strachows Artikel, der unglücklicherweise so abstrakt gehalten war, dass
er von allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden
ihn als einen Abfall von der russischen Sache des Volkes; die Regierung
in ihrem Fühlorgan der Zensur sah eine Parteinahme für die Polen gegen
die Obrigkeit darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass die
Polen und ihre Parteigänger ihn von nun an zu den Ihren zählten, den
Artikel abdruckten, sowie ihn auch die Revue des deux mondes brachte:
das Missverständnis lag darin, dass Strachow die ältere Kultur der Polen
hervorhob, die sie über das urwüchsige russische Volkstum hinwegsehen
und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur eine ewig edelmännische,
volksfeindliche gewesen sei und es bleiben werde und müsse, hatte der
Autor so theoretisch und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es
verstanden, den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden, der darin
lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die für immer unüberbrückbar zwischen
diesem Volke ritterlicher Vergangenheit und jenem gähnt, dessen ganze
Entwickelung auf den Elementen des Volkslebens sich langsam aufbaut.
In seiner Erläuterung jenes Artikels sagt Strachow unter anderem: »Der
polnische Aristokratismus ist an und für sich sowohl, als auch im
Verhältnis zu den russischen Provinzen für jeden Russen etwas
Widerwärtiges. Ja, er ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde
gerichtet hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus entwickelt und
erhält sich noch heute durch eine alte Aneignung europäischer Kultur.
Daraus geht hervor, dass das Böse auch in einer so guten Sache enthalten
sein kann, wie die Aufklärung eine ist, dass es manchmal besser ist, in
der Kultur zurückzubleiben, aber seine seelische Gesundheit zu bewahren
und nicht in jenen hoffnungslosen Zerfall von Bestrebungen und Gefühlen
zu geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem Sinne hatte
ich meinen Artikel »Eine verhängnisvolle Frage« betitelt. Ich war bereit
gradaus zu sagen, dass für die Polen keine Rettung mehr möglich sei,
dass die Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe.
Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar ausgedrückt, es
stimmte nicht zu den geläufigen Anschauungen und wurde verkehrt
aufgefasst.«
Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr zufrieden gewesen,
was Strachow anfangs verletzte. Als aber in der Folge das Blatt von
allen Seiten angefeindet und endlich auch durch die Zensur verboten
wurde, da war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr
persönlichen Replik gegen die »Moskauer Wjedomosti« dafür eintrat. Er
sagte unter anderem: »Ja, was haben wir denn die ganzen drei Jahre her
in unserer Zeitschrift gepredigt? Eben dies, dass unsere (heutige
russische) von Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie
mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft, dem russischen
Volke nicht passt; dass dies heisst, einen Erwachsenen in ein
Kindergewand zwängen, endlich, dass wir unsere Elemente, unsere
Grundlagen, unsere nationalen Grundlagen haben, welche Selbständigkeit
und Selbstentwickelung verlangen; dass die russische Erde ihr neues Wort
sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal das neue Wort der
allgemein menschlichen Zivilisation sein und die Zivilisation der ganzen
slavischen Welt in sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen
unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale der Scholle
sehen können, während in jener Europas die Merkmale des Aristokratismus
und Exklusivismus zu sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir,
d. h. alle auf europäische Art zivilisierte Menschen, uns von unserem
Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren haben, so sehr,
dass wir an unsere eigene russische Kraft, an unsere Eigenart nicht
glauben und uns wie Sklaven vor der Peterschen Holländerei in den Staub
niederwerfen, über das Wort »nationale Grundlagen« lachen und es als
einen Rückschritt, einen Mystizismus betrachten.« »So haben wir denn in
unserem Artikel auf das hingewiesen -- was Sie (der Gegner) auch im
Traum nicht wagen würden -- auf das, was auch der Kaiser Alexander der
Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher eben aus Achtung für die
polnische Zivilisation den Polen höhere Einrichtungen gab, als den
Russen, die er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als jene
...«
Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen und Bestrebungen
vollkommen entsprechend, jedoch, wie es scheint, war er blind für das,
was das Blatt _thatsächlich_ an politisch-nationaler Mission in diesen
drei Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst sagt, der
belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzüglicher gewesen, als
der politische, der eigentlich noch nicht in dem Fahrwasser gewesen sein
muss, wie wir es bei den später von Dostojewsky redigierten
Zeitschriften sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall bestätigt,
den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow machte und
welchen dieser in kurzem Auszuge bringt: Aksakow schreibt 6. Juli 1863:
»... Sie berufen sich vergebens auf die »Richtung« der »Wremja«.
Obgleich sie fortwährend darüber schrie, dass sie eine Richtung habe,
hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die Bedeutung eines
guten belletristischen Journals gehabt, das reiner und ehrenhafter war
als andere, aber ihre Prätensionen waren allen lächerlich. Dort konnten
gute Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ..., allein dies
alles hat der »Wremja« keinerlei Farbe, keinerlei Kraft gegeben. Es
gebrach ihr an höheren sittlichen Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit
höherer Ordnung. Sie hat die Unverschämtheit gehabt, in ihrem Programm
auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das in der
russischen Litteratur die Existenz eines russischen Volkstums entdeckt
und proklamiert habe! Es giebt keinen so grossen Feind des
Slavophilentums, den dies nicht empören würde. Und dann die naive
Verkündigung, dass das Slavophilentum eine überlebte Sache sei und der
Weg zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der »Wremja« zu finden sei! Die
Slavophilen können alle, bis auf den letzten, sterben, dennoch wird die
von ihnen eingeschlagene Richtung nicht zu Grunde gehen -- und damit
verstehe ich diese Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit,
nicht für den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums
zugerichtet. -- Dieses Buhlen um die Gunst des Publikums, dieser Wunsch,
den Unseren und den Eueren zu dienen, dieses Von-oben-herab- und
verächtliche Traktieren der Slavophilen im ersten Programm der »Wremja«,
das ist's, was dieses Journal in der öffentlichen Meinung zu Falle
gebracht hat, während wir Slavophilen, wie Sie wissen, _nirgends_, nicht
mit einem einzigen Worte an die »Wremja« gerührt haben, weil unsere
Überzeugungen eben keine Frage persönlicher Eigenliebe sind ....
Übrigens kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstümlicher
Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung, um das
gebundene Volksgefühl in uns freizumachen, die ist -- Petersburg zu
hassen mit unserer ganzen Seele und allen unseren Kräften. Ja, man kann
sich überhaupt nicht zum christlichen Glauben bekennen (und das
Slavophilentum ist nichts anderes als eine höhere Verkündigung des
Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen und
loszuspucken[21].«
Strachow bringt diesen zornsprühenden Brief hauptsächlich darum, weil
einige darin befindliche Worte der Anerkennung über die Zeitschrift sich
doppelt vorteilhaft von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben.
Eine weitere Erläuterung knüpft er an den Vorwurf der Petersburgerei und
verwahrt sich dagegen, da weder er noch die Brüder Dostojewsky, noch
einer der anderen Mitarbeiter Petersburger seien, sondern echte
Moskowiten, in denen ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein
starkes Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung gegen das
kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt hatte.
Für uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und Bezeichnende die
Kluft, welche damals noch zwischen den Heisssporn-Slavophilen und
Dostojewsky bestand und welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren
immer rückhaltslosere Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings bei
Aufrechthaltung _seiner_ Eigenart, immer kleiner wurde. Die Zeitschrift
wurde also verboten, was den Herausgeber Michail Michailowitsch in
grosse Geldverlegenheiten stürzte, da die Subskriptionsgelder schon
eingelaufen und verbraucht waren, nun aber zurückgegeben werden mussten,
und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt innegehabten
Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb durch die Feder angewiesen
war und eine grössere Familie zu erhalten hatte.
[Fußnote 21: Wir haben den Ausdruck hier absichtlich ohne Umschreibung
gebracht, weil das Zeitwort spucken ein richtiges, viel und ernst
gebrauchtes Wort im Vokabularium der geringschätzenden Ausdrücke der
Russen ist. »Ich habe mich mit Europa auseinandergespuckt,« sagt
Dostojewsky ganz ernst an einer Stelle im »jungen Nachwuchs«.]
Indessen war es für Theodor Michailowitsch, auf dessen Gesundheit der
erste Aufenthalt im Auslande sehr günstig gewirkt hatte und der nun
durch die Auflösung des Journals freier wurde, notwendig geworden,
abermals Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal auf den
Weg nach Europa. Hier erzählt Strachow, Dostojewsky habe schon bei
seinem ersten Ausfluge nach Paris Bekanntschaft mit dem Roulettespiel
gemacht und sei so glücklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen
habe, was ihm für die Reise sehr zu statten gekommen sei, in ihm aber
die Erwartung zurückgelassen habe, er werde ein anderes Mal vom Glück
ebenso begünstigt werden. Es war die Lockung des Spiels gerade für ihn
eine doppelte. Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den
wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die Nahrung, deren
er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes, ohne die er nicht leben
konnte, so fand der feine und scharfe Beobachter in der ganzen Situation
eine Fülle von Details, die er in seinem Gedächtnis aufspeicherte, im
Verhalten der Mitspielenden alle jene Nüancen menschlicher
Leidenschaften und Triebe ausgedrückt, die er aus seinem eigenen Wesen
heraus so wohl verstand und zu deuten wusste.
Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja viele der
tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen des Menschwesens in
Dostojewskys Werken, und wenn irgend einer dazu berufen ist, uns die
neue Ethik des Vollmenschen in seiner grössten Kompliziertheit und
Verstricktheit von gut und böse zu verkünden und zu sagen: »Sieh', dies
ist der Mensch und so ist es gemeint, dass du ihn lieben sollst«, so ist
es Dostojewsky, der bei aller Hassenskraft, die er gegen das Laster
ausströmt, bei allem Zorn, mit dem er Irrtümer des Geistes und
namentlich des _Herzens_ verfolgt und vertilgen möchte, doch der Einzige
ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was man mit dem Leben und
Lieben eigentlich alles anfangen kann.
Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter Reise ist sein Roman:
»Der Spieler«. Hören wir in einem Briefe an Strachow, vom 30. September
1863, was er selbst darüber sagt. Natürlich spielt sich hier, wie immer,
die alte Geschichte ab -- _die Idee_ zum Roman ist da, Geld keines --
also voraus verkaufen, die Beschwörungen, die zwingenden Wiederholungen,
das Ausrechnen, bis zu welchem Tage das Geld eintreffen _müsse_, sonst
sei er verloren, kurz das ganze heftige, aufreibende Überreden und
Überzeugenwollen, wie wir es schon kennen! Er fährt also fort: »_Jetzt_
habe ich nichts fertig. Allein es hat sich ein ziemlich (wie ich selbst
urteile) günstiger Plan zu einer Erzählung in mir aufgebaut. Er ist zum
grössten Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon anfangen
wollen, ihn aufzuschreiben, allein -- es geht hier nicht. Es ist sehr
heiss und zudem bin ich an einen solchen Ort, wie Rom ist, auf _eine
Woche_ gekommen. Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben?
Auch ermüde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner Erzählung ist
folgendes: -- ein Typus des Russen im Auslande. Bemerken Sie: über die
Russen im Auslande wurde diesen Sommer in den Journalen viel
geschrieben. Das alles wird in meiner Erzählung einen Widerhall finden.
Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige Zustand unseres internen
Lebens wiederspiegeln (so weit als möglich natürlich). Ich nehme eine
Natur, die Unmittelbarkeit besitzt, dabei hochentwickelt, in allem
unfertig, dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend, nicht zu
glauben, sich gegen die Autoritäten auflehnend und sie doch fürchtend.
Er beruhigt sich damit, dass er nichts in Russland zu thun habe --
daher: strenge Kritik der Leute, welche aus Russland die im Ausland
Weilenden herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzählen. Es ist
eine lebendige Person -- (er steht förmlich leibhaft vor mir) -- man
wird es lesen müssen, wenn es geschrieben sein wird. Der Hauptwitz dabei
ist der, dass alle seine Lebenssäfte, seine Kraft, Energie, Kühnheit --
alles von der _Roulette_ verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und kein
gewöhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter Puschkins ein
gewöhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus keine Vergleichung meiner
selbst mit Puschkin, ich sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in
seiner Art ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst
dieser Poesie schämt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit
empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des _Risiko_ ihn in den eigenen
Augen hebt. Die ganze Erzählung ist eine Erzählung davon, wie er schon
das dritte Jahr in den Spielhäusern Roulette spielt.
Wenn das »Tote Haus« die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gelenkt
hat, als eine Darstellung von Sträflingen, welche niemand vorher aus
eigener Anschauung geschildert hatte, so wird diese Erzählung unbedingt
durch die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des
Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem, dass
solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem Interesse gelesen werden,
hat das Hazardspiel in den Badeörtern, besonders in Bezug auf die im
Auslande befindlichen Russen, eine gewisse Bedeutung.
Endlich glaube ich annehmen zu können, dass ich alle diese höchst
interessanten Vorwürfe mit feinem Gefühl, mit Vernunft und in einem
Fluss darstellen werde.«
Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan, wie man auf
dieses noch nicht geschriebene Buch bei Boborykin, dem damaligen
Redakteur der »Lesebibliothek«, voraus Geld nehmen könne. Michael
Michailowitsch protestierte vergebens dagegen, dass sein Bruder eine
Arbeit bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er hätte es vorgezogen,
dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis der Bruder sie in einem
neu zu gründenden Blatte herausgeben könnte. Allein die Not drängte, so
wurde man Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurück.
Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen, sondern erst
viel später, im Jahre 1867 unter Umständen, welche eine grosse Wandlung
in des Dichters Leben herbeizuführen bestimmt waren. Das vorher
genommene Geld musste endlich nach Gründung der »Epocha« auf Drängen
Boborykins wieder herausgegeben werden.
Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso, breitet sich auch
sehr über die Nebenumstände und Details jener Geldkalamität aus,
unterlässt es aber merkwürdigerweise, hier über die abermals unrichtige
Wertschätzung des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu
verlieren. Wer aber konnte darüber im Zweifel sein, dass hier wieder ein
solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten des Dichters mit unterlief,
wie damals, als er den Roman »in neun Briefen« den »Armen Leuten« an die
Seite stellte. Allerdings ist »Der Spieler« künstlerisch als Ganzes
genommen eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo der Spieler
das geliebte Mädchen am späten Abend in seinem Hotelzimmer zurücklässt
und zum Roulettetisch eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stück das Geld zu
gewinnen, das sie von dem zweideutigen Franzosen retten soll, der ihren
Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen giebt es nicht allzuviele in der
Weltlitteratur. Der Spieler hat nämlich mit dem letzten Goldstück
unerhörtes Glück gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000;
von einem Tisch zum andern ist er im Glückstaumel gewankt, ihm nach die
Rotte, die sich an die Fersen der Glücksritter hängt. Ein Spielsaal nach
dem anderen wird geschlossen, er bleibt bis zuletzt -- endlich, es ist
längst Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurück. Er tritt in sein
Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr steht eine angezündete
Kerze auf dem Tische. Sie sieht ihn verblüfft an -- er hatte sie
vergessen, ihre Situation, die Ursache seines Spiels und ihres
Hierseins. Man kann wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich
das Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von Liebe und
Gefahr durchdämmerte, in Qualen hingebrachte Warte-Nacht des Mädchens,
das ihm in sprachlosem Erstaunen zusieht, wie er den Inhalt seiner
vollen Taschen triumphierend vor sie hin auf den Tisch schüttet. Bei
aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit mancher
anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen Zeichnung der alten
Grossmutter, kann man nicht begreifen, wie Dostojewsky so nach --
Publicisten-Art die Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die
Seite stellen kann. Es möchte uns fast scheinen, als wirkten da zwei
Faktoren mit, um seine Objektivität, die ohnedies sehr gering war, zu
paralysieren. Erstens die allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, über
ihre eigenen Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens
jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis auf die
Grösse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes erstreckte. »Das Volk
hätte uns gerichtet«, und »wir haben es verdient«, sagt er wiederholt;
wie hätte er dies Buch anders taxieren sollen, als eine, auf »eigene
Anschauung gestützte Darstellung persönlicher Erlebnisse«?
Dostojewsky musste natürlich der Spieler sehr am Herzen liegen, da er ja
nicht nur den »Augenschein« schilderte, sondern den Seelenzustand, den
er selbst mehrmals in verhängnisvoller Weise durchgemacht hat.
Unwillkürlich sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen
kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern Karten spielt und
in seiner Ungeduld das »Glück korrigiert«; und doppelt verständlich wird
uns die Mission des Dichters, der selbst so viel »vom Stoff der Schuld«
in sich getragen.
Von den persönlichen Erlebnissen des Dichters in der Zeit von 1862-64
haben wir ausser den oben von Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig
Kenntnis. Seine Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl
im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin; auch die
Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel, Maikow und anderen scheint
entweder zu stocken, oder es ist nach allem, was wir vermuten dürfen,
den noch Lebenden eine Pietätverletzung, etwas von ihren Schätzen einem
weiten Kreise mitzuteilen. Wir können jedoch insofern getrost auf
gewisse intimere Details verzichten, als wir uns gerade bei Dostojewsky
nichts aus den Legenden holen könnten, die das Leben grosser Dichter
umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder weniger von den
kleinen Episoden seines Lebens in unsere Schilderung einzureihen;
Episoden, die ihn nicht erhellen, sondern vielmehr von seinem ein für
allemal feststehenden Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten.
Zudem gehörte sein Denken und Fühlen ganz der Allgemeinheit; _da_ ist es
also, bei den grossen Ereignissen der Heimat und den grossen Interessen
der Menschheit, wo wir ihn aufsuchen müssen.
Des Dichters Rückkehr nach Russland scheint durch die Verschlimmerung im
Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas ihren Grund gehabt zu haben. Wann
sie stattfand, weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja
Dmitrjewna war von den Ärzten nach Moskau geschickt worden und das wohl
bald nach den grossen Petersburger Bränden, den polnischen Unruhen und
ihres Gatten Abreise, also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere
Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurückkunft. Wir finden
ihn im November dieses Jahres in Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da
ihn geschäftliche Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem
handelt es sich um die Erlaubnis zur Gründung eines neuen Journals, dem
die Brüder den Namen »Die Wahrheit« geben wollen.
Um den Lesern darüber Klarheit zu geben, dass sich unter dem neuen Namen
das Blatt und seine Richtung kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der
ersten Zeile darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit
(Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch, welche nach dem
Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten war, wusste nicht mehr recht,
was zu gestatten, was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzüglich, und
so musste man sich für »Epocha« entscheiden. In welcher Weise Theodor
Michailowitsch über die Pflicht der Wahrheit auf breitester Basis
dachte, bezeugt die Stelle in einem Briefe an den Bruder, wo es heisst:
»Der zweite Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den
Leitartikel haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen Romans und
jenes von Pissemsky würden grossen Effekt machen und, was die Hauptsache
ist, unserem Programm gemäss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen
und beiden gerecht werden -- also: Wahrheit«.
Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse Erfolg der durch ein
Missverständnis eingegangenen »Wremja« machte die Brüder über den zu
erwartenden Erfolg der »Epocha« allzu sanguinisch sicher. Unter den
Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin, Njekrassow und der
glänzende Kritiker Apollon Grigorjew. Indessen hatte das Blatt sehr bald
gegen intellektuelle und materielle Hindernisse anzukämpfen. Zu den
tieferen Schäden gehörte die Abwendung der oben genannten berühmten
Dichter, welchen die immer stärker zu Tage tretende slavophile Richtung
der Brüder nicht zusagte, die schnell aufeinander folgenden Todesfälle,
deren Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch und
zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge davon war in erster Linie der
Irrtum im Publikum, dass der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es
bewunderte, woraus eine geringere Teilnahme und Subskription entstand,
welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten der
Redaktion nach sich zog. Die ersten Hefte waren, da der Dichter in
Moskau am Krankenbette seiner Gattin weilte, in der Petersburger
Typographie sehr schleuderhaft hergestellt worden, mit unzähligen
Druckfehlern und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das
Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor hatte sagen wollen.
Nichtsdestoweniger mühte sich Theodor Michailowitsch übermenschlich,
schrieb in wenigen Nächten 2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf
nahezu 40 Druckbogen. Ein weiteres äusseres Hindernis zum Aufschwung des
Blattes war die Gemächlichkeit, mit welcher sich die Zensur ihrer Arbeit
entledigte. Strachow bringt dafür Daten, die unglaublich klingen, doch
authentische Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten
Entscheidungen der Zensurbehörde sind. So wurde das Märzheft am 23.
April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft am 20. August, das Juliheft
am 19. September, das Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am
22. November, das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft am
24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am 25. Januar 1865 freigegeben.