Deinen Th. Dostojewsky.«

Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume von 1854-1859

geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie wir sahen, durch das

Corps-Kommando und die Generaladjutantur ihren Weg an die Adressaten

nahmen, geben uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung,

über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne. Der nächste Brief

an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 datiert. Er entschuldigt sich über

sein langes Schweigen in folgender Weise: »Ich versichere Dir, mein

Teurer, dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit zum

Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige freiere Minuten

gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich auf eine günstigere Zeit,

immer hoffend, dass diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht

in Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder kannst es ja

erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin. Exerzieren, Musterungen der

Brigade- und Divisions-Kommandanten und Vorbereitungen dazu. Ich bin im

März hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst hatte ich

so gut wie gar nichts gewusst, bin aber doch im Juli bei der Musterung

in Reih und Glied gestanden und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht

als die anderen.«

Weiter schreibt er: »Wie fremd Dir auch all dieses sein möge, so denke

ich doch, Du wirst begreifen, dass das Soldatenleben kein Spass ist,

dass es mit all seinen Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen

Menschen mit meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt

ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient«.

Im weiteren Verlauf des Briefes spricht er liebevoll von den Schwestern

(beide hatten sich inzwischen vermählt), beschwört den Bruder, doch

nicht auf Antwort zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere,

ehe einer vom anderen Nachricht habe. »Jetzt kennst Du ja meine

Beschäftigungen«, führt er fort, »andere Erlebnisse hat es nicht

gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen, besondere Vorfälle

ebenfalls nicht. Die Seele aber, das Herz, den Geist -- was gewachsen,

was herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen worden, das

kann man nicht auf einem Stückchen Papier sagen und wiedergeben« ....

Weiter berührt er seine Krankheit, über welche er, wie oben gesagt

worden, noch immer nicht im klaren ist, und fährt fort: »Übrigens sei so

freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch und voller

Bedenken bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg gewesen

bin. Dies alles ist vollkommen vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen

ist alles von Gott und in Gottes Hand.« Zum Schluss meint er, der

Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, sei seine einzige

Rettung, er solle aber nur dann schicken, wann er etwas habe; er

beschwört ihn, bald zu schreiben, obwohl es traurig genug sei, nur

brieflich mit einander zu leben, wenn man einander fünf Jahre nicht

gesehen habe.

Der zweite der, von der Witwe des Dichters im März 1898 dem Redakteur

der Monatsschrift »Niva«, Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung

übergebenen drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte desselben

Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 datiert. Auch in diesem

spricht sich das furchtbare Heimweh und Gefühl der Vereinsamung aus, das

uns in den vorhergehenden Briefen entgegentritt.

»Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!« -- heisst es darin --

»da ist nun schon eine sehr lange Zeit vergangen, und es ist auch nicht

ein Zeilchen von Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich

zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so werden, wie im vorigen

Sommer. Mein Lieber, wenn Du nur wüsstest, in welcher bitteren

Einsamkeit ich mich hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so

lange schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen, mir

wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du was? Mir kommt manchmal

ein schwerer Gedanke. Mir scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das

ihre; eine alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen

und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst, mich zu

vergessen. Wie könnte man anders so lange Pausen zwischen Deinen Briefen

erklären? Auf mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange

Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter, zweitens

aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere Arbeiten zu leisten

sind; da ermüde ich und -- versäume die Post, welche hier nur einmal

wöchentlich abgeht. Bei Dir ist's etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel

thatsächlich nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens was immer,

seien's auch zwei Zeilen. Mir käme dann nicht der Gedanke, dass Du mich

verlässest. Lieber Freund, als ich im Oktober des vorigen Jahres[9]

ähnliche Klagen an Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr

peinlich, sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei mir

um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam bin, wie ein

dahingeworfener Stein, -- dass mein Charakter immer schwermütig,

krankhaft, empfindlich war. Bedenke das alles und verzeihe mir, wenn

meine Klagen ungerecht, meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja

selbst überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch ein

Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer zu ertragen, und

ich habe ja niemand, der mich eines besseren belehren könnte, als Dich

selbst.«

Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen Zuständen, nach

der Familie, spricht er die Sorge aus, ob denn der Erfolg des

kaufmännischen Unternehmens Michaels durch genügenden Unterhalt der

Familie das Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich von

der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen lossagte,

die seinem Charakter angemessener waren. »Was soll ich Dir über mein

Leben sagen?« heisst es weiter. »Bei mir ist alles im alten, alles im

gleichen und es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts

verändert. Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst schwerer, sind

Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann ich mich nicht brüsten, lieber

Freund; sie ist nicht ganz gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird

es. Wenn Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, so

viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, wie in Petersburg, so

rede Dir das gefälligst aus; auch nicht eine Mahnung davon ist

vorhanden, wie von vielem anderen, Gewesenen.« Der Brief schliesst mit

hundert Fragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt unseren

Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, ganz abgesehen von seinem

durch die Einsamkeit gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem

seinem Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt, als ihm

erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen ihn während der Jahre der

Haft und der Abwesenheit, der Umstand, dass er, als die Geschäfte der

Fabrik schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der

Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das alles bestärkt

uns mindestens in der Annahme, dass Theodor nicht der Empfangende von

beiden sein mochte, eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse

nur bestätigt wird.

[Fußnote 9: Dieser Brief dürfte jenes vom 23. Oktober in den Archiven

angeführte Schreiben sein, das sich noch nicht gefunden hat.]

In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des Dichters Leben ein,

Personen, welchen es bestimmt war, ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind

erstens ein Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge

Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn auch oft

stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser Personen ist Marja

Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien lebende Witwe eines dort an

Lungentuberkulose verstorbenen Beamten.

Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an Apollon Maikow

gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 folgendermassen aus: »Diesen

Brief wird Ihnen Alexander Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr

junger Mensch (Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit

vortrefflichen Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt aus

dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem edeln Vorsatze, das Land

kennen zu lernen, nützlich zu sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient,

wir haben einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Da ich

Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit zu schenken und

womöglich näher mit ihm bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte

über seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein sanftes

Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein von Unnahbarkeit

trägt. Ich wünschte sehr, um seines Vorteils willen, dass Sie näher mit

ihm bekannt würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische,

freiherrliche Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt mir nicht

ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt vortreffliche

Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm ersichtlich, was von alten

Einflüssen zeugt. Wirken Sie auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es

wert. Er hat mir sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur

für das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas

argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und etwas ungleich

in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm zusammen kommen, sprechen Sie mit

ihm offen, gerade heraus, und holen Sie nicht weit aus.«

Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu urteilen, sehr viel

Gelegenheit gehabt zu haben, dem Dichter sowohl in Sibirien als in

Russland nützlich zu werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem

Gesuch Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten Eingang

verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, welche dem

Dichter mit der Zeit geworden sind. Auch scheint er diesem in eigenen

intimen Angelegenheiten volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen,

wie man leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und

Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. Eine der ersten

gemeinsamen Angelegenheiten beider scheint die gewesen zu sein, eben

jenem sterbenden Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln

auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. In einem

Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet ihm der Dichter vom Tode

des »unglücklichen Issajew«, spricht über die traurige Lage seiner Witwe

Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen verabredete

Summe zu senden. An der Wärme im Ton dieses Briefes ist leicht

ersichtlich, wie nahe diese Menschen seinem Herzen stehen. So schreibt

er: »Er starb unter entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott

geben möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, seine Gattin

und sein Kind segnend und nur um ihr Los besorgt. Die unglückliche Marja

Dmitrjewna erzählt mir seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie

schreibt, diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. In

den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit dem Tode) rief er sie

zu sich, umarmte sie und wiederholte unaufhörlich: »Was wird mit Dir

geschehen, was wird mit Dir geschehen?« Erinnern Sie sich an ihren

kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von der Verzweiflung

ganz von Sinnen gekommen. Mitten in der Nacht springt er aus dem Bette,

läuft zum Bilde, mit welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode

gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren Worten um die

ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. ... Man hat ihn ärmlich

begraben, auf fremde Kosten (es fanden sich gute Leute), sie aber war

ganz besinnungslos .... Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den

Schlaf verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie hat gar

nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend jemand hat ihr drei

Silberrubel geschickt. »Die Not hat mir die Hand hingestossen, es

anzunehmen,« schreibt sie, »und ich habe ... das Almosen angenommen!« --

Nun folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher Weise dieser

der Witwe Issajew die verabredete Summe schicken solle, mit den feinsten

Details einer ausgesuchten Delikatesse eingeleitet und motiviert.

In seinem nächsten Brief an Wrangel vom 23. August 1855 erwähnt er noch

einmal diese Geldangelegenheit, erzählt Marja Dmitrjewna habe ihm

schwere Vorwürfe gemacht, dass eigentlich doch er, der selbst nichts

habe, der Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt zu

haben. »Wenn Sie hierher kommen,« fährt er fort, »werde ich Ihnen ihren

Brief zeigen. Mein Gott! was ist das für eine Frau! wie schade, dass Sie

sie so wenig kennen!« Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache

zurückkommend schliesst er: »Werden Sie ihr ein paar Worte schreiben?«

Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs Jahre von jedem

ebenbürtigen Verkehr, von jeder Annäherung an edle Frauen abgetrennten

Staatsgefangenen (zu Annäherungen banaler Natur scheint, nach den

»Memoiren aus dem Totenhause«, auch das strenge Sträflingsleben für

untergeordnete Kostgänger des Staates nicht ohne Möglichkeit gewesen zu

sein), eine tiefe Sympathie, eine überschwängliche Bewunderung für das

erste weibliche Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden ein

Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine seltene Begabung

und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen musste. Einen

Anhaltspunkt für die Vorstellung vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir

in dem Umstande, dass der Herausgeber der »Biographischen Materiale«,

Orest Miller, den Roman des Dichters »Erniedrigte und Beleidigte« als

jenen bezeichnet, in welchem wir, den äussern Thatsachen nach, neben den

»Memoiren aus dem Totenhause« die deutlichsten Spuren einer

Autobiographie verfolgen können. Es ist thatsächlich geschehen, dass,

als eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna eingetreten

war, diese, gerade so wie Natascha im Roman, eine plötzliche

Leidenschaft zu einem anderen fasste und Dostojewsky, aus innigstem

Mitgefühl für ihre Leiden, sich eifrig bemühte, diesem anderen zu einer

Stelle und einem Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der

Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefühlen und Entschlüssen vollzog, das

erfahren wir aus den diskreten Notizen O. Millers nicht.

Um unser Urteil über Marja Dmitrjewna zu vervollständigen, werden wir

gewiss nicht fehl gehen, wenn wir die Zeichnung Nataschas als nach ihrem

Vorbilde entworfen annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes

von ungefähr zwei Jahren nach des Dichters Vermählung geschrieben, also

genug nahe, um jene Eindrücke noch ganz frisch in sich zu tragen, und

genug ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu können. Er hatte früher

eine längere Erzählung, die er anfangs Roman nennt, geschrieben, welche

er über zwei Jahre mit sich herumgetragen hatte; dies war die uns unter

dem Namen »Tollhaus und Herrenhaus« bekannte Erzählung »Das Dorf

Stepantschikowo und seine Bewohner«. Dazwischen schrieb er aus Not eine

kleine Erzählung nieder, die ihn auch schon lange beschäftigt hatte:

»Onkelchens Traum«.

In der Gestalt der Natascha[10] nun sind, ganz abgesehen von den

äusseren Umständen, Züge, welche uns an Marja Dmitrjewna erinnern. Ja,

der Dichter, welcher sich in seiner grandiosen Unbekümmertheit um

Wiederholungen wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an

Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben einfachen

Worte, die er dann an der betreffenden Stelle im Roman ausspricht: »Sie

sagte mir selbst: >ja<. Das, was ich Ihnen über sie im vergangenen

Sommer schrieb« -- fährt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort

--, »hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ... sie hat

sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung überzeugt .... o wenn Sie

wüssten, was diese Frau ist!« ... Am 6. März 1857 giebt er dem Freunde

in einem uns nur bruchstückweise mitgeteilten Briefe von seiner in

Kuznezk vollzogenen Vermählung mit wenigen Worten Nachricht. Dieser

Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit den Zuständen Wrangels, dessen

komplizierten Beziehungen zum Vater usw. und enthält Ermahnungen, sich

vor zu grosser argwöhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse

sagt er: »..... grosse Umwandlungen in unserem Leben helfen da immer.

Ich war im höchsten Grade hypochondrisch, wurde aber durch die scharfe

Umwälzung, welche in meinem Schicksal eintrat, gründlich davon geheilt.«

[Fußnote 10: Der Roman »Erniedrigte und Beleidigte« ist allen Lesern

Dostojewskys zu gut bekannt, als dass hier eine eingehende Besprechung

desselben nötig wäre. Auch gehört es nicht in den Rahmen dieses Buches,

ästhetisch-kritische Besprechungen der Werke des Dichters aufzunehmen.

Indessen hat dieser Roman gerade von russischen Kritikern die schärfste

Verurteilung erfahren. Einer der bedeutendsten von ihnen sagt, er stehe

unter der Linie der ästhetischen Kritik. Inwieweit die vielen Fehler

dieses Werkes dies Urteil berechtigen, wollen wir nun, nach dem oben

Gesagten, nicht untersuchen. Die meisten Kritiker aber werfen sich auf

die Schilderung eines Mannes, der die Selbstverleugnung hat, dem Mädchen

seiner Liebe zu einem andern Glück zu verhelfen, als auf ein

ästhetisches Unding, weil es gegen die Wahrheit und Möglichkeit grob

sündige. Hier sind sie ihren rein subjektiven Anschauungen gefolgt. Es

kann ja ein solches Vorgehen wirklich nur »einer Kopfliebe entspringen«,

wie sie sagen, und jedem gesunden Menschen unsympathisch sein. -- Dass

es aber vollkommen wahr ist, weil es möglich war, das beweist

Dostojewskys Geschichte unwiderleglich. Der künstlerische Fehler in der

Zeichnung dieser Figur liegt wohl, wie Dobroljubow auch sagt, darin,

dass dieser selbstlose Held der Erzähler ist und wir aus seinem Vortrag

nicht gewahr werden, dass er mehr als ein Zuschauer sein könnte.]

Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichters übergehen, die von

Wichtigkeit für seine Thätigkeit waren, möchten wir jenen Brief

Dostojewskys hier einschalten, der über die letzten Augenblicke Marja

Dmitrjewnas berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe zu

gewinnen, welche ihm grosses Glück und grosse Leiden gebracht zu haben

scheint.

Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen intimer Beziehungen.

So finden wir nur sehr spärliche Äusserungen in einigen derselben

zerstreut. Viel reichlicher sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den

Stiefsohn Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges und der dazu

kaum ausreichenden materiellen Mittel, als auch später seines

unzuverlässigen Charakters wegen manche Prüfung auferlegt. Das

Zusammenleben des Dichters nun mit seiner Gattin scheint zu

Schwierigkeiten geführt zu haben, welche wohl in gewissen

Charakterähnlichkeiten zu suchen sein dürften. Schon das Faktum allein,

dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester Arbeit

und später auch erzielter grosser Honorare nie dazu gebracht hat, einen

sorgenfreien Augenblick, ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu

geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich unfähig waren,

sich das äussere Leben erträglich einzurichten.

Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer dieselbe Bewunderung

und Liebe für Marja Dmitrjewna ausgedrückt, obgleich er auf eine

örtliche Trennung eingehen musste, welche auf Anraten der Ärzte um der

Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb denn Theodor

Michailowitsch in Petersburg, während Marja Dmitrjewna nach dem milderen

Moskau übersiedelte.

Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch entwickelt zu haben

scheint, eilt der Dichter an das Krankenbett der Gattin und bringt dort,

selbst sehr leidend, unter »allseitigen« Qualen, wie er sagt, und unter

dem Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu.

Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an ihrer Seite, schreibt

während des dringende Geschäftsbriefe an den Bruder, denen wir eben nur

die wenigen Andeutungen über seinen Seelenzustand entnehmen, während das

unaufhörliche Sprudeln und Gähren seiner Schöpferkraft ihn auch hier

nicht verlässt.

Voll von Plänen für seine damals erscheinende Zeitschrift »Wremja«,

Entwürfen, kritisch-ästhetischen Artikeln über »Theoretismus und

Phantasterei«, die, wie er sagt, »nicht eine Polemik sein wird, sondern

eine That,« wird er doch endlich von der Macht der Verhältnisse, nämlich

eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, für eine Zeit überwältigt,

so dass er gar nicht schreiben kann, obwohl er noch kurz vorher schrieb:

»Meine Frau ist sterbend, buchstäblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick,

da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind furchtbar und finden ihren

Widerhall in mir, weil ja ... das Schreiben aber ist keine mechanische

Arbeit, dennoch aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen -- doch

fängt die Handlung erst an. Die Erzählung zieht sich in die Länge.

Manchmal denke ich, es wird ein Quark, dennoch schreibe ich mit Feuer,

ich weiss nicht, was daraus wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum

Schreiben, obgleich es scheint, dass ich alle Zeit für mich habe --

dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit für mich

und ich habe manchmal ganz anderes im Kopfe; dann noch eins: ich

fürchte, der Tod meiner Frau wird bald eintreten, dann wird aber eine

Unterbrechung der Arbeit unvermeidlich sein -- wenn diese Unterbrechung

nicht wäre, würde ich wahrscheinlich fertig.«

Diese Stelle des Briefes müsste uns geradezu durch ihre kühle

Geschäftsmässigkeit verblüffen, wenn wir es nicht schon an vielen

anderen Beispielen aus dem Leben grosser Dichter und Künstler erfahren

hätten, dass sie, während des Schaffens gleich der pythischen Priesterin

vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrückt sind. Dieses

absorbierende, despotische Etwas, das sie hat, lässt zu Zeiten nichts

übrig für die Erdengenossen, die sich ihnen angelobt.

Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den Bruder als Nachschrift:

»Gestern um 2 Uhr nachts habe ich diesen Brief geschlossen. Später wurde

Marja Dmitrjewna sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen. Ich

ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte nach dem Priester. Die

ganze Nacht sassen sie bei ihr; die Sakramente empfing sie um 4 Uhr

morgens. Um 8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um 10 Uhr

wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in diesem Augenblicke

besser.«

Unter dem 15. schreibt er: »Gestern hatte Marja Dmitrjewna einen

entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung trat ein, die einen Druck auf

die Brust und Würganfälle hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir

waren alle an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, versöhnte sich

mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen Familie sendete sie

Grüsse und Wünsche langen Lebens, ganz besonders an Emilie Fjodorowna.

Auch sprach sie das Verlangen aus, sich mit Dir zu versöhnen. (Du

weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon überzeugt war, Du

seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht brachte sie schlecht zu. Heute

aber, soeben sagt Alexander Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute --

sterben wird. Und das ist unzweifelhaft.

Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann es aber verweigern, weil

sie vielleicht keines bei der Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen

werde. Dich aber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse

Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles! Um Gotteswillen --

ich werde es abdienen.« --

Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um das Tragische dieses

Lakonismus der Not hervorzuheben. Ein Dichtergenius, der ganz wie das

arme Volk erlebt: dem die Sorge um den nächsten Augenblick eines tiefen

und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund legt, als: Geld!

Als Nachschrift heisst es: »Marja Dmitrjewna stirbt sanft bei vollem

Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie im Geiste gesegnet.«

Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir Einblick haben, in

welchem Dostojewsky über Marja Dmitrjewna und sein Verhältnis zu ihr

spricht, ist vom 31. März 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende

Stelle lautet: »Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschätzbarer

Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir über meinen

verhängnisvollen Verlust, den Tod meines Schutzengels, Bruder Mischas

(der Bruder war bald nach Marja Dmitrjewna plötzlich gestorben), aber

Sie wissen nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrückt hat. Ein

zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos liebte, meine

Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr vorher übersiedelt war, an

Tuberkulose gestorben. Ich bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen

Winter 1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April des vorigen

Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein; und da sie von allen

Abschied nahm, und aller gedachte, denen sie noch letzte Grüsse senden

wollte, gedachte sie auch Ihrer. Ich übergebe Ihnen hier diesen Gruss,

lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein gutes und freundliches

Erinnern. O, mein Freund, sie hat mich grenzenlos geliebt, und auch ich

liebte sie über die Massen, doch lebten wir nicht glücklich miteinander.

Ich werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzählen -- jetzt sage ich

nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass wir mit einander

unbedingt unglücklich waren (ihres seltsamen, argwöhnischen und

krankhaft-phantastischen Charakters wegen) -- nicht aufhören konnten,

einander zu lieben. Ja sogar, je unglücklicher wir waren, desto mehr

liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen möge, dennoch war es

so. Sie war die ehrlichste, die edelste und grossherzigste aller Frauen,

welche ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb -- habe

ich, obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick ihres

Hinsterbens gequält hatte, obwohl ich wusste und mit tiefem Schmerze

empfand, was ich mit ihr begraben würde -- da habe ich in keiner Weise

die Vorstellung davon gehabt, wie leer und öde mein Leben von dem

Augenblicke an sein würde, da man die Erde über sie schüttete. Und nun

ist schon ein Jahr vergangen, und dieses Gefühl schwächt sich nicht ab

.... Da eilte ich, nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder

-- nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch er, nachdem

er im ganzen einen Monat, und das ganz leicht, krank gewesen war, so

dass die Krisis, welche dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei

Tagen eintrat.

Und nun bin ich plötzlich allein geblieben und es war mir geradezu

furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben war in zwei Teile zerbrochen. In

der einen Hälfte, die ich hinter mir hatte, war alles wofür ich gelebt

hatte, und in der zweiten, mir noch unbekannten Hälfte, alles fremd,

alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden ersetzen könnte. Es

war mir buchstäblich nichts geblieben, wofür ich leben sollte. Neue

Bande knüpfen, ein neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran war

mir widerwärtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass ich sie durch

niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der Welt geliebt, und dass eine

neue Liebe zu fassen ganz unmöglich, ja nicht nötig sei. Alles um mich

herum wurde kalt und öde. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten, so

warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da wurde mir so traurig

zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrücken kann. Aber nun hören Sie

weiter.«

Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun Tagen wieder

fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters unzerstörbare Lebenskraft

wieder an der Arbeit, diesmal an der Ordnung der trostlosen

Verhältnisse, in welchen der Bruder seine Familie zurückgelassen.

Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters zurück, die noch vor

seiner gänzlichen Befreiung aus Sibirien (1859) von Bedeutung waren.

Das, was den Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten

beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die Erlaubnis zu

drucken, die Befreiung vom Militärdienst und endlich die Rückkehr nach

Russland zu betreiben. Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach

Petersburg gereist war, hofft er auf den General Totleben, den

dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. Er schreibt

Wrangel eingehend und dringlich darüber und fügt hinzu: »Sollte man

nicht etwa das Gedicht beischliessen?« Unter dem »Gedicht« ist eine Art

Hymnus gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für die Sache

der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges 1854 verfasst hatte

und welcher in den Archiven der »Dritten Abteilung« aufbewahrt worden

war. Das Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben)

erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin 1883 im Druck. Es

ist künstlerisch ganz unbedeutend und nur durch die Wärme und den

Schwung bemerkenswert, mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen

Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute durch den Spott

interessant, den er über jene christlichen Nationen, namentlich die

Franzosen ausgiesst, welche auf der Seite der Ungläubigen stehen. Die

Hoffnung auf die Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in

einer Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor die Thore

Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom April 1856 erwähnt der

Dichter eines Gedichtes zur Feier der Krönung Alexanders des Zweiten,

des von ihm »vergötterten Kaisers«. Orest Miller berichtet, dass dieses

Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter sei, als es

die Gefühle nicht nur aller patriotischen Russen, sondern auch eines

Teils der Gefährten Dostojewskys in der Affaire Petraschewskys

ausdrücke. So viel Platz man nun den überschwänglichen Hoffnungen

einräumen muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge

Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft auf dem Throne

nachfolgt, in den Herzen eines Volkes hervorruft, so viel neue

Schwungkraft namentlich in Russland bei diesen Gelegenheiten in der

Gesellschaft ausgelöst wird, so dürften doch diese Worte des allzu

eifrigen Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht

anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, auch nur

ein Teil von ihnen so hoch über dem Niveau von Verbitterung und

Misstrauen gestanden und so gross und so frei, so liebe- und

hoffnungsvoll auf die Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie

Dostojewsky. Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die uns noch

begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, weil sie gerade jenem

in unseren Augen schaden, den sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und

mit einem Nimbus umgeben wollen, den er gar nicht braucht.

Einen längeren politischen Aufsatz, den der Dichter um diese Zeit

schrieb, nennt er ein Pamphlet und fügt hinzu: »ich möchte nicht ein

Wort aus diesem Artikel hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen

Patriotismus würde man mir kaum gestatten, das Drucken mit einem

Pamphlet zu beginnen«. Er vernichtet also diesen Artikel, nimmt aber

vieles davon in eine Schrift über die Kunst hinüber, die er, wie er

sagt, zehn Jahre mit sich herumgetragen hat, nun niederschreibt und der

Grossfürstin Marja Nikolajewna als Präsidentin der Kunst-Akademie

widmet, da er meint, dadurch schneller die Druckerlaubnis zu erlangen.

»In manchen Kapiteln,« sagt er, »werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet

enthalten sein, namentlich jene über die Bedeutung des Christentums in

der Kunst.« Über die weiteren Schicksale dieses Artikels wissen die

Herausgeber der Materialien nichts näheres, vermuten jedoch, dass vieles

daraus in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky

seinerzeit in seiner Zeitschrift »Wremja« als Polemik gegen den Kritiker

Dobroljubow veröffentlicht hat. Wir werden weiter unten bei der

Besprechung seiner publizistischen Thätigkeit näher auf diese

Kunstanschauungen eingehen.

Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschäftigt ihn vor allem sein

ganz persönliches Schicksal. Die Liebe zu Marja Dmitrjewna, welche durch

gegenseitige Eifersucht seine Qualen und durch diese seine Krankheit

steigert; die übermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem

Rivalen zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen Gnadengabe,

sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz in einem Gymnasium zu

verhelfen, »ehe sie heiratet, weil sie nach der Vermählung (mit dem

anderen natürlich) nichts bekommt;« der heftige Wunsch, den Abschied zu

erlangen und drucken zu dürfen, wenn er auch in Sibirien bleiben müsste

-- dies alles steigerte seine seelischen und physischen Leiden auf das

höchste. Am Schlusse seines Briefes vom 21. Juli sagt er: ... »ich aber

-- bei Gott -- ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen« .... Dabei

ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser, erwartet von da

ausgehend (wie er denn immer ganz im Sinne der historischen Entwickelung

seiner Heimat Reformen von oben für segensreicher und dauerhafter hält,

als Revolutionen von unten) eine völlige Wiedergeburt Russlands. Der

Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung für ihn berichtet,

bringt ihn in Entzücken über diesen letzteren, er vergisst der eigenen

Leiden und schwingt sich mit der ihm eigentümlichen sanguinischen, rasch

wechselnden Begeisterung, wie beflügelt in die Hoffnung einer nahen,

schöneren Zukunft. »Mehr Glauben« -- ruft er aus -- »mehr Einigkeit ...

und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan. Wie könnte irgend

einer zurückbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen,

sein Schärflein nicht hinzutragen? O, wäre mein Schicksal doch schon

entschieden!« Ein Handbillet ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober

1856 zum Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied näher rückt.

Inzwischen bittet er aber, man möge für ihn bei in Moskau lebenden

Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden hatten, leihweise 600

Rubel aufnehmen, da er schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe,

das er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten könne.

»Noch ein Jahr nicht drucken dürfen,« ruft er aus, »und ich bin

verloren, dann ist es besser, nicht zu leben!« An anderer Stelle sagt

er: »Ich bin bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu schreiben,

wenn auch _für immer_.«

Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im

Gefängnis _vor_ Sibirien geschriebene Erzählung »Ein kleiner Held«,

welche der Dichter damals »eine Kindergeschichte« genannt hatte.

Diese »Kindergeschichte« hat der Dichter, wie wir wissen, in den

Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, »wo man nur

das Unschuldigste schreiben konnte«. Dass er aber in der Zeit

zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem Urteilsspruch --

erst nach Schluss der Untersuchung wurden ihm nämlich Bücher und

Schreibmaterialien zugesprochen -- imstande war, nicht nur etwas

so »Unschuldiges« zu schreiben, sondern ein Kunstwerk von so

entzückender Anmut zu schaffen, dies ist, scheint uns, das

allergrösste Zeugnis seiner Kraft und Seelengrösse. Aber auch

noch etwas anderes finden wir in diesem Werke bekräftigt:

Dostojewskys hohes künstlerisches Können, da wo ihn weder eine

innere Ungeduld, noch eine äussere Not daran hinderte, an der

feinen Ausführung des Kunstwerks so recht nach seinem Sinne zu

meistern. Ganz und gar einheitlich ist die Schilderung des

Erlebnisses durchgeführt.

Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der

Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem

Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen Dame

bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll ahnende

Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die er halb

unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal von

der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren Cavaliere

servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung gefasst

hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen Blondine

eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge der Freundin

vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten decken will. In

innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass etwas

Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen, flieht

der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst.

Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner Thüre. Er

schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich entfernen.

Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und seinen

Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt ihn ein

ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner verzweifelten

Betäubung. »Ich erhob mich und trat ans Fenster. Der ganze

Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen Dienern

angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einige Reiter sassen

schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den Equipagen Platz ....

Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt geplant worden war und

nun, nach und nach, drang eine Unruhe in mein Herz -- ich spähte

intensiv, ob mein Klepper auch im Hofe sei. Aber der Klepper war

nicht da, also hatte man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus

und im Nu war ich unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie

meine jüngste Schmach vergessend ....«

Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und

vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung,

Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: was wohl da

unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche Unruhe,

vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen! Wer erinnert sich

nicht aus seinen Kindertagen, dass diese Schmerzen intensiver,

leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle Schmerzen der

reiferen Jahre?

Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass »alles seinen Herrn

hat« und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das niemand zu

besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, dem es

vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu besteigen,

und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige

Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen

Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. Allein

der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses eben in

seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben erblickt und

den »weinerlichen« Helden mit der Aufforderung neckt, doch sein

Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl auch um vor den Augen

seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück zu vollbringen, schwingt

er sich, bleich und bebend, auf das Pferd, das nun mit ihm aus

dem Hofthor jagt, ehe er noch im zweiten Steigbügel Fuss fassen

konnte. Zum Glück für den kleinen Reiter stolpert das Tier an

einem grossen Stein, macht Kehrt und wird endlich, von den

Pferden der zu Hilfe eilenden übrigen Reiter bedrängt, die seine

Zügel fassen, vor der Freitreppe zum Stehen gebracht. Man umringt

den kleinen Helden, der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben

wird, und bringt ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine

erweist sich in ihrer Zerknirschung als treue, zärtliche

Pflegerin, und die traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen

Blick herzlicher Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet.

Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und streicht im

Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle der Dichtung.

Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene Zeuge eines

schweren Abschiedes zwischen »seiner« Dame und einem Gaste,

welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern verlassen hatte

und nun mit ihr in einem stillen Boskett des Parkes

zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann sich vom

Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst, endlich

seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss auf ihre

Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes Päckchen

ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen

Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und

verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht,

findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine

sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren,

dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet wird,

dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten Ausfahrt

und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über ihr Befinden, da

man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat sich indessen in

einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das Päckchen, das er

in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft in der Hand und ist

in der peinlichsten Verlegenheit, da er es ihr übermitteln und

doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem Geheimnisse zeigen

will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt nur, dass sie an der

Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen kleinen Gang durch

den Park machen werde -- in Begleitung ihres kleinen Ritters.

Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, und die Schöne

tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre Wanderung an, des

kleinen Ritters vergessend, der erfreut und gequält zugleich an

ihrer Seite wandelt.

Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen

Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen könne. Sie

nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer Gartenbank

Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen eines Buches,

während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen. Endlich hat

der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft er ihr zu, er werde

einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die Mäher den letzten

Wiesenschmuck niedermähen. Er springt davon, um den Strauss zu

pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs erscheint uns

psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt der Erzählung zu

sein, der nur durch den feinen und sinnreichen Schluss gekrönt

wird. Der Knabe läuft vom Strauch zur Wiese, von der Wiese aufs

Feld, vom Feld in den schattigen Hain, von der Freude am

Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden echt kindhaft

hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand vereinigt, ist an

Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um den ihn jeder Gärtner

beneiden könnte. Immer voller und dichter lässt er ihn werden,

bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst und mit feinen

Gräsern bindet und jetzt -- lässt er klopfenden Herzens das

Briefpäckchen in seine Mitte gleiten. Anfangs bleibt der Brief

ganz sichtbar, mit jedem Stückchen Weges aber, um das sich der

Knabe der Trauernden nähert, wird ihm ängstlicher zu Mute und

stösst er das Päckchen tiefer in die bunte Hülle hinein, bis er

-- am Ziele angelangt -- es ganz und gar darin vergraben hat. Nun

überreicht er mit flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur

zerstreut auf, dankt und legt den Strauss neben sich auf die

Bank. Betrübt und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf

das Gras, stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die

Augen. Da kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt

summend die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst

endlich den Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene.

Der Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen,

auf und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald

auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach dem

Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. Da

fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden

Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre

Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst, und

zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er

»erwacht« mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchlein

über sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne zu decken und

-- er ist allein.

Nach dem zuletzt angeführten Schreiben des Dichters folgt eine Pause in

seinem Briefwechsel mit Wrangel, während welcher ein häufigerer

Gedankenaustausch mit dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht

unterbrochen war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen[11], Briefe

entweder gänzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden worden

sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858 finden wir die Beziehung auf

einen schweren Geldverlust des Bruders, wodurch es Theodor

Michailowitsch doppelt peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an

den Bruder wenden zu müssen. Er teilt diesem mit, dass er Beziehungen zu

Katkow, dem Redakteur des »Russkij Wjestnik«, angeknüpft habe, welcher

ihm einen Vorschuss von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem »sehr

gescheiten und liebenswürdigen Briefe« gebeten habe, »sich mit der

Arbeit ja nicht zu drängen und nicht auf eine Frist hin zu arbeiten.«

Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich trägt, verschiebt er für

seine Rückkehr nach Russland. In diesem Roman, sagt er, »liegt eine

ziemlich glückliche Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter

Charakter. Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich

in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, nach der

Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen alle erfüllt sind, so

bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen

bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.«

O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter könne nur Raskolnikow

gemeint sein, das Produkt jener Betrachtungen, welche der eben durch

russische Nachrichten und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene

Einblick in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt hätten.

Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen -- so findet Miller und wir

müssen ihm vollkommen beistimmen -- ist der Grundtypus dieses neuen

russischen Charakters in den »Memoiren eines Totenhauses« an jener

Stelle bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: »Die Eigenschaften eines

Scharfrichters finden sich im Keime fast bei jedem jungen Menschen

unsrer Tage vor.[12] Indessen«, sagt der Dichter, »schreibe ich zwei

Erzählungen, welche eben nur erträglich sein werden.« Weiter spricht

sich Dostojewsky über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten erstaunt

sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was sich uns beim Lesen

aller seiner Werke aufdrängt, nämlich der Raschheit, Achtlosigkeit auf

Detail, der Spontaneität, die sich überall darin fühlbar macht. Es ist

eben immer wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl

zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen 3 und 4 Druckbogen

anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht er dem Bruder, bekämpft dessen

Ansicht, dass eine Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse.

»Ich schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir

anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber bearbeite ich

sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere mich zu mehreren Malen

daran, nicht nur einmal (weil ich diese Scene liebe), und füge ihr

mehrere Male etwas zu oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt

alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. Ohne sie,

freilich, wird nichts daraus.«

[Fußnote 11: Unsere Nachforschungen in der »Dritten Abteilung« haben zur

Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an Verwandte

geführt.]

Inzwischen hat der Dichter die Erzählung »Onkelchens Traum« für das

Journal »Russkoje Slowo« geschrieben, »per Eilpost«, wie er sagt, rein

nur, um Geld zu bekommen, da er gelegentlich seiner Vermählung durch den

Bruder 500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen lassen.

Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals erwähnte »Dorf

Stepantschikowo«, für den Herbst. Diese beiden Erzählungen scheinen uns

eine Art Interimsepoche in des Dichters Thätigkeit darzustellen.

Zwischen das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens

gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb beschleunigt,

innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang mit der in Sibirien

gewonnenen Vertiefung des Dichters, welche zu ihrer äusseren Gestaltung

eben seine Gegenwart in Russland forderte, stehen sie eigentlich

vereinzelt da; und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische

Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys

künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch weder zu jenen Werken

des Dichters, welche in die Zeit des litterarischen Tastens und Spielens

mit Humor und Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein

Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln seiner

Glutnatur verkünden und besiegeln.

[Fußnote 12: Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel.]

In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder einen Plan vor, wie

seine bis dahin geschriebenen Werke in eine Ausgabe vereinigt werden

könnten, um wieder einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem

anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky 100 Rubel für

den Druckbogen erhielt, während Turgenjew damals schon 400 Rubel per

Bogen gezahlt wurden. Uns interessiert hier nur seine Einreihung der

Werke in zwei Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche uns

zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber doch immer etwas

sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren und Verlegern zu geben

vermag. Bezeichnend ist dabei die häufige Wiederkehr der absoluten

Mutlosigkeit, die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich

der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, -- höchstens ins Wasser --

oder -- ich bin verloren usw. In diesem Briefe also heisst es: »Höre,

Mischa! Dieser Roman hat unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl

den, dass er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin, ist,

dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein bestes Werk

ist.« Dies meint der Dichter bei jedem eben vollendeten Werke und kommt

erst spät von dieser Meinung zurück. »Ich habe ihn zwei Jahre hindurch

geschrieben (mit der Unterbrechung »Onkelchens Traum«), Anfang und Mitte

sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. Aber ich habe meine

Seele, mein Fleisch und Blut da hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass

ich mich darin ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird noch

vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem Roman wenig

Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches Element, wie z.

B. im »Adeligen Nest«) -- aber er enthält zwei ungemein typische

Charaktere, die ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos

(nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe -- Charaktere, welche

durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur noch schlecht

dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, ob Katkow das würdigen wird,

aber wenn das Publikum meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich

bekenne es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen

und vor allem die Befestigung meines litterarischen Rufes gegründet. --

Jetzt bedenke: der Roman erscheint heuer, vielleicht im September. Ich

denke, dass, wenn man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von

Kuschelew schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können. Es

wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu thun haben, der nur

»Onkelchens Traum« geschrieben hat. Freilich kann ich mich sehr über

meinen Roman und seinen Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine

Hoffnungen. Nun: wenn der Roman im »Russkij Wjestnik« (Katkow) Erfolg

hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, anstatt die »armen

Leute« gesondert herauszugeben, eine neue Idee: Wenn ich werde nach Twer

gekommen sein (dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort

angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht sich, mein

Täubchen, du mein ewiger Helfer -- zum Januar oder Februar des kommenden

Jahres zwei Bändchen meiner Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1)

erster Band: »Arme Leute«, »Njetoschka Njezwanowa« (die ersten 6 Kapitel

sind überarbeitet und haben allen gefallen), »Helle Nächte«,

»Kindergeschichte« (die Erzählung, welche Dostojewsky im Gefängnis

schrieb und später »Ein kleiner Held« nannte) und »Christbaum und

Hochzeit«; alles in allem 18 Druckbogen. Im zweiten Band: »Das Dorf

Stepantschikowo« und »Onkelchens Traum«. Der zweite Band hat 24

Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten oder, besser gesagt,

neugeschriebenen »Doppelgänger« und andre gesondert herausgeben. Das

wäre der dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)«

»Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel kosten, nicht mehr. Man

kann das Exemplar zu 3 Rubeln verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch

1½ Jahre einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf

der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man kann es auch so machen:

die Ausgabe an Kuschelew um 3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber

natürlich sich jetzt in keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den

Erfolg des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung enthalten

und dieser Erfolg wird alle Abmachungen erleichtern.«

»NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu 100 Rubeln, macht 1500

Rubel. Genommen habe ich von ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel

des Romans eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten,

also sind 700 Rubel herausgenommen.«

»Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür aber erhalte ich dann in

der allernächsten Zeit von Katkow 700 oder 800 Rubel. Das geht noch an,

man kann sich wenigstens umdrehen.«

Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext von Dostojewskys

Briefen durch eine lange Reihe von Jahren und sind, so monoton diese

Briefe dadurch auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für

des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis, Klugheit und

Optimismus, sowie die Umschläge seiner Stimmung von überschwänglichem

Selbstgefühl zu vollständiger, kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit.

Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel aus Twer datiert.

Nach einer langen Pause, welche nicht verfehlt hat, im Dichter allerlei

argwöhnische Vermutungen über die Treue des Freundes zu nähren, greift

er mit alter Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über sein

neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen durchaus nicht

erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht an Semipalatinsk zurück

denkt: »Wenn Sie nach mir fragen« -- sagt er -- »was soll ich da

antworten? Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe sie

nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist, und ich

will nicht sterben. Meine Krankheit ist beim alten -- nicht schlechter.

Ich würde mich gerne mit Ärzten beraten -- aber solange ich nicht nach

Petersburg kann -- werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit Dummköpfen

herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, und das ist schlimmer

als Semipalatinsk -- -- düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei

Bewegung, keinerlei Interessen -- nicht einmal eine ordentliche

Bibliothek ist da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich von

hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst sonderbar: ich betrachte

mich schon seit langem als vollkommen begnadigt; man hat mir auf

persönlichen Befehl schon vor zwei Jahren den erblichen Adel

zurückerstattet; bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles

Gesuch (in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach Moskau

hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich hätte vor zwei Monaten

einreichen müssen, jetzt aber ist Fürst Dolgorukow abwesend.« -- -- So

plagt sich der Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum,

fürchtet, wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, den

anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in Twer bleiben zu

müssen, wo er in allem gelähmt ist. Endlich führt er die Idee aus, die

er schon eine Zeit bei sich herumträgt, einen offenen Brief an den

jungen Kaiser zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage

darzulegen.

Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung des Grafen N. P.

Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen III. Abteilung, samt dem oben

erwähnten Gedicht den Herausgebern der »Materialien« mitgeteilt, sowie

auch uns das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky, Gehilfen

des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen Chef der ehemaligen

III. Abteilung, Herrn von Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus

diesem Schreiben die hervorragendsten Stellen.

Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich Dostojewsky als

»ehemaliger Staatsverbrecher« einführt, erzählt er in Kürze:

»Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in Petersburg

verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte entkleidet und nach

Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten Grades in die Festung auf vier

Jahre mit der Bestimmung verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als

Gemeiner in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 trat

ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis von Omsk als

Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; im Jahre 1855

wurde ich zum Unteroffizier befördert und im darauf folgenden Jahre 1856

wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät beglückt und zum

Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben mir Euer Majestät den erblichen

Adel zu erstatten geruht. Im selben Jahre habe ich infolge der

Epilepsie, welche sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit

eingestellt hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, nach

Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt nach Twer übersiedelt.

Meine Krankheit nimmt fortwährend zu. Nach jedem Anfalle verliere ich

sichtlich an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen

Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist -- Lähmung, Tod oder Wahnsinn.

Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das ich zu sorgen habe.

Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe mir den Lebensunterhalt einzig und

allein durch litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen

Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei aber geben mir die

Ärzte Hoffnung auf Genesung, die sie auf den Umstand gründen, dass meine

Krankheit keine ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich

ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg erlangen, wo

sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit der Erforschung der

Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer Majestät! In Ihrer Hand liegt mein

ganzes Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach

Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen. Erlösen Sie mich

und schenken Sie mir die Möglichkeit, mit der Herstellung meiner

Gesundheit meiner Familie, vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem

Vaterlande nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder

ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über zehn Jahre getrennt

bin; ihre brüderlichen Bemühungen um mich könnten dazu beitragen, meine

schwere Lage zu erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen,

kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein Tod meine Gattin

und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche Hilfe zurücklassen. So lange noch

ein Tropfen Gesundheit und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten,

um sie zu sichern -- allein über die Zukunft waltet Gott, und

menschliche Hoffnungen sind unzuverlässig.

Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche Majestät mir auch die

zweite Bitte und geruhen Sie, mir eine ausserordentliche Gnade zu

gewähren, indem Sie anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn

Paul Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium aufnehme. Er

ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs Alexander Issajew,

welcher in Sibirien in der Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im

Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestät gestorben ist -- einzig und allein

darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden Lande

unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und Sohn ohne jegliche

Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber die Aufnahme Paul Issajews in ein

Gymnasium unmöglich sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in

eines der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. Sie werden

seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn täglich lehrt, um das Glück

Euer Kaiserlichen Majestät und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie,

Herr, sind wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte scheint.

Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt, beglücken Sie auch eine

arme Waise, seine Mutter und einen unglücklichen Kranken, von dem der

Bann bis heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, sofort

sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines Volkes, hinzugeben.«

Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die Hoffnung aller nach dem

Regierungsantritte des Zaren Alexander II. genommen hatte, von der

Zuversicht auf die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die ihm

das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben überschwänglicher

Unterwürfigkeit, die im Munde eines Europäers nur servil wäre, im Munde

eines echten Russen aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das

vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche und Leiden dem

»Väterchen« zu Füssen legt. Der einfach sachliche Ton, der in der

Erzählung der Geschichte dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern

und Begründen der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief als eine

intime Mitteilung erscheinen, an die sich die Unterwürfigkeit des

Schlusses und mancher Wendung ganz anders anschliesst, als dies etwa in

einem europäischen Majestätsgesuch der Fall sein könnte.

Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit durch des

Dichters Ungeduld geworden ist, davon giebt ein Brief, der letzte, den

er aus Twer an Wrangel richtet, ein deutliches Bild.

»Sie schreiben,« -- heisst es darin -- »warum ich, da ich die

Einwilligung Dolgorukows und Timaschews (des General-Adjutanten) zur

Niederlassung in Petersburg habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das

Elend, lieber Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt

beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und jetzt wird schon Er

entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur auf einige Zeit hinzufahren, da,

wenn Dolgorukow damit einverstanden ist, dass ich endgiltig nach

Petersburg übersiedle, er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in

Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin komme. Ich

hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, und sprach davon mit dem

Grafen Baranow (dem damaligen Gouverneur). Allein der hat mir davon

abgeraten, da er fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir

eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst gebeten,

und ohne noch eine Antwort darauf erhalten zu haben. Sie müssen selbst

zugeben, lieber Freund, dass ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es

nicht gerne sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht

abreisen. Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt (durch Adlerberg)

und hat dabei gebeten, es in seinem Namen zu übergeben, folglich hat er

als Gouverneur für mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits

unzart, in aller Stille fortzufahren. -- Und darum habe ich folgendes

ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten« usw.

Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die Sache, ohne hier und

dort anzustossen, schnell durchgeführt werden könne.

Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe

Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur

Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier

nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben.

Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der Dokumente,

welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren

Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. Dazu gehören:

ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April

1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut

gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht

gelegentlich des Orientkrieges in den »Petersburger Nachrichten«

veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), die auf die

besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des

General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung

Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335), die

Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel

wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats

(Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der

Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge

aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane

Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender

geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde (20. Oktober

1856 Nr. 6118).

Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens noch sehr lange über

Dostojewsky gewaltet zu haben, da sich seine Witwe erinnert, wie in

seinen späten Lebensjahren irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer

kleinen Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts davon

gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin sein, dass ein

dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es deren in Russland nur

allzuviele giebt, diesen geheimen Schutz auf eigene Faust zum Besten

Dostojewskys und des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte

der in der »Niva« veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar an jene

an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis zur Heimkehr besprechen. Er ist

vom 12. November 1859 datiert und wiederholt die Reihe seiner

Bemühungen, die bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert

ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich darin kundgiebt.

Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine bis in das Detail des Lebens

praktische Natur gewesen, allein er besass, wie die meisten genialen

Menschen, eine Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse,

der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die er allerdings in

der Wirklichkeit nicht festzuhalten und auszuführen vermochte. Darüber

spricht sich N. Strachow, der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe

kannte, in seinem Beitrage zu den »Materialien« eingehend aus. »Ich muss

hauptsächlich darum in Petersburg sein, um den Verkauf meiner Werke zu

betreiben. Übrigens habe ich einen Plan im Kopfe -- nämlich: die Sachen

nicht um Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn das nötig

sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in Moskau zu drucken. Sie

geben kein Geld, sondern drucken die Werke und machen sich zuerst beim

Verkauf bezahlt, mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies

scheint mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu

weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.) Ich

würde es unbedingt so machen, wenn ich sofort nach meiner Ankunft in

Petersburg Geld zum Leben hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky

bekomme).[13] Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da

ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte nicht à la lettre und

verkaufe die Sachen für Geld, wenn sich nur immer eine Gelegenheit dazu

bietet. Diese Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg

zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es wäre schon Zeit, zu

drucken -- sie vergeht und dabei gehen auch die Chancen des Gewinns

verloren ....

Aber -- der Teufel hole das Geld! Dich möcht' ich umarmen -- das ist's!

Könnt' ich mich nur schon bald neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise

sein. Es ist mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so

sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht ... Du

ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas erwarten! Ein Monat! Ja, wird

es nach einem Monat damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja

vier Monate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung man für

den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. Mich regt das alles sehr auf,

Bruder. Es ist, als wären gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht

andre: weder Talent, noch Fähigkeiten -- es werden aber Leute aus ihnen,

sie hinterlassen ein Kapital. -- Wir aber kämpfen, kämpfen, schlagen uns

herum .... Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr

Geschick und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... Das ist

ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden sie reich und wir sitzen

auf dem Sande. Du, zum Beispiel, hast Dein Geschäft angefangen. Wie

viele Mühe und was für Resultate?[14] Was hast Du verdient? Du musst

noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon Du leben und Deine Kinder

erziehen konntest. Dein Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in

die Höhe, dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von Deinen

Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken und das recht

ernstlich. Wir müssen etwas wagen und irgend ein litterarisches

Unternehmen ins Werk setzen -- eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens

werden wir darüber nachdenken und miteinander darüber reden. -- -- --

[Fußnote 13: Der Dichter hat später in der Person seiner zweiten Gattin

Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese praktische Idee bis

in das kleinste geschäftliche Detail auszuführen verstand. Er hat

jedoch, wie wir später sehen werden, erst in seinen letzten Lebensjahren

die Früchte dieses Geschäftsfleisses zu geniessen begonnen.]

Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen: 13-14 Druckbogen

ist sehr wenig, und ich erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber

wie brauch' ich's! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar

noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr mich dies alles

interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen 1050 Rubel, folglich gebühren mir nach

Abtragung meiner Schuld an Dich (von 375 Rubel) -- 175 Rubel, nicht 125

Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als möglich zu

erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. Wer weiss, vielleicht

entscheidet sich mein Schicksal; dann werde ich Geld brauchen, um von

hier fortzukommen. Darum schicke es so schnell als möglich.

[Fußnote 14: Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik bessere

Geschäfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden jeder Schachtel eine

kleine Überraschung beilegte. Da er aber damit nicht wechselte, so bekam

jeder Käufer so und so viele Messerchen zusammen und hörte auf, dort

seinen Bedarf zu decken.]

Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und so bald als möglich.

Dein

Dostojewsky.

Wenn der Roman erscheint -- teile mir sofort und bis ins Kleinste alles

mit, was Du über ihn hören wirst, was für Meinungen geäussert werden,

wenn überhaupt Meinungen da sein werden.«

Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch erledigt. Das Original

trägt in der Handschrift des Chefs der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow,

den Bescheid:

»Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs Issajews die

nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky anbelangt, so ist seine Bitte

schon nach dem Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.«

V.

Petersburg.

Der Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier erleidet die

Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere Unterbrechungen.

Über den Empfang des Dichters in Petersburg und den Eindruck, den er auf

die Freunde hervorgerufen, citiert O. Miller den Bericht A. P.

Miljukows, den wir hier nachcitieren. »Einmal«, sagt Miljukow, »kam

Michael Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaft zu

mir, dass man entschieden habe, der Bruder dürfe in Petersburg leben,

und dass er am nämlichen Tage ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof

der Nikolaewsker Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren

Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. Den Abend

brachten wir alle miteinander zu. Theodor Michailowitsch, so schien es

mir, war physisch gar nicht verändert; sein Blick war sogar kühner als

früher, und sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner

gewöhnlichen Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, wer von

den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend zugegen gewesen ist, allein es

ist mir im Gedächtnis geblieben, dass wir bei diesem ersten

Beisammensein nur Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer

Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir einander nahezu

jede Woche.«

In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu den Erlebnissen in

Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow, dass er »sich niemals über sein

eigenes Schicksal beklagte ... freilich« -- sagt er -- »auch von anderen

zurückgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit gehabt, heftige

Klagen zu hören, allein bei diesen kam das von der, dem Russen

angebornen, Eigenschaft, das Böse zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch

vereinigte sich diese Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefühl von

Dankbarkeit gegen das Schicksal, welches ihm die Möglichkeit gegeben

hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen Menschen, sondern

auch zugleich sich selbst besser verstehen zu lernen«.

Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch später durch den Mund des

»Idioten«, den er mit vielem Eigenen ausgestattet hat, ausgesprochen:

»es schien mir, dass man auch im Gefängnis ein ungeheures Leben finden

kann«. »Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise« -- fährt Miljukow

fort -- »glichen jenen, die im Durowschen Kreise stattgefunden hatten,

in vielem nicht mehr. Und konnte das anders sein? Es war, als hätten das

westliche Europa und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die

Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich fortreissenden

humanitären Utopien in Rauch aufgegangen, und die Reaktion hatte überall

den Sieg errungen; hier aber begann vieles zur Thatsache zu werden,

wovon wir geträumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich

Reformen, welche das russische Leben erneuerten und neue Hoffnungen

keimen machten. Es ist natürlich, dass der ehemalige Pessimismus in

unseren Unterhaltungen keinen Raum mehr fand.«

Diese Äusserungen, so wertvoll sie uns für das Zeitbild der jungen, auf

Alexander und seine Reformen gesetzten Hoffnungen sein mögen, scheinen

als eine Reminiscenz an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der

»Russkaja Starina« (Maiheft p. 35-36-40) publiziert worden zu sein und

werden wohl von uns Westeuropäern trotz allen Beklagens der bei uns in

Rauch aufgegangenen Utopien doch mit einem gewissen Lächeln der Rührung

über die russische Genügsamkeit aufgenommen werden, die in irgend einer

Epoche der russischen Zeitgeschichte für den »Pessimismus keinen Raum

mehr fand.«

Nach diesen freudigen Anläufen finden wir den Dichter bald genug von den

Beschwerden des Petersburger Lebens angewidert und schon anfangs 1860

ersehen wir aus kleinen Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass

Petersburg im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glückliche

Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem Fragment eines

Briefes vom 14. März 1860 an eine Frau Sch., das nach des Dichters Tode

ebenfalls in der »Russkaja Starina« (wohl auch durch Miljukow)

mitgeteilt wurde: »Wenn man nur auf acht Tage dieses hässliche

Petersburg hinter sich lassen könnte! ... vielleicht kommt unser Ausflug

nach Moskau doch zustande.« Nach seiner Rückkunft aus Moskau schreibt

er: »Da bin ich nun wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins

Ladoga-Eis, in die Langweile zurückgekommen.« .... Weiter heisst es:

»Ich bin zurückgekehrt und befinde mich in einem förmlichen

Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld. Ich will was gutes

schreiben, ich fühle, dass Poesie darin ist, ich weiss, dass von seinem

Gelingen meine ganze schriftstellerische Karriere abhängt ... Drei

Monate lang wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen -- (es

handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller, um den

grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman). Im selben Briefe treten die

warmen Beziehungen zu Tage, welche Dostojewsky zu den litterarischen

Versuchen der jungen Generation unterhält. »Ich habe Krestowsky

gesehen,« schreibt er einmal, »ich habe ihn sehr lieb. Er hat ein

Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen. Wir haben ihm alle

gesagt, dass dieses Gedicht etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir

unter uns übereingekommen sind, die Wahrheit zu reden). Und nun? nicht

im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler Junge. Er gefällt mir

so sehr (immer mehr und mehr), dass ich ihm nächstens einmal beim

Trinken das Du anbieten werde.« -- --

Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und Wirken Dostojewskys,

welcher mit der wichtigsten Wandlung in der Geschichte Russlands

zusammenfällt, nämlich zum Heraustreten des Dichters in die Arena des

politischen Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er sich seiner

Mission nach gedrungen fühlt. Es ist dies gegen Ende des Jahres 1861, da

er die Monatsschrift »Wremja« gründet, um darin seine Gedanken über die

grosse Umwälzung auszusprechen, welche die am 19. Februar erfolgte

Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete. Diese Epoche ist uns

Westländern nicht genug bekannt, um uns einen klaren Überblick der

damaligen politisch-litterarischen Situation des Landes zu gewähren, ist

aber so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil der

Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir hier weiter

ausholen müssen, indem wir den beiden Herausgebern der »Materialien« das

Wort lassen.

N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die Besprechung der

damaligen politischen Lage mit einer Präzisierung des Wortes

»Liberalismus«, »des russischen Liberalismus«, der von den Westländern

nicht richtig verstanden werde. Am Schlusse dieser Erörterung heisst es:

»Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen,

ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen Erläuterungen ein sehr

grosser Wirrwarr in den Begriffen, welcher natürlich durch unsere

Lehrmeisterin Europa unterhalten wird, und der wahre Sinn des

Liberalismus ist fast gänzlich darüber verloren gegangen. Dass der

Liberale im wesentlichen in den meisten Fälle konservativ sein muss,

aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionär, das wissen und

begreifen wohl sehr wenige.« -- »Einen solchen wirklichen Liberalismus,«

fährt Strachow fort »bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein

Lebensende, sowie ihn jeder aufgeklärte und nicht verblendete Mensch

bewahren soll.«

Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erläuterung, als nach Strachows

Meinung der russische Liberalismus. Strachow versteht unter

»Progressist« nicht einen für den Fortschritt im allgemeinen

Eintretenden, sondern vielmehr jene Gattung von Politikern, welche den

Fortschritt der russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen

Fortentwickelung auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten

Anwendung der Lehren des Westens sahen und anstrebten. Auch Dostojewsky

hat sich, ohne ein »Progressist« zu sein, immer und überall für den

Fortschritt eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er den

müssigen Byrons der jungen Generation zuruft: »Ich wüsste wohl eine

Arbeit für Euch, aber Ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering

achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch

nur einen kleinen Bauernjungen lesen.« »Ich will hier« -- setzt der

Berichterstatter fort -- »eines der wichtigsten Vorkommnisse jener Zeit

erzählen, die sogenannte Studentengeschichte, welche sich zu Ende des

Jahres 1861 abspielte und den damaligen Zustand der Gesellschaft am

vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten sicherlich

verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich werde sie nicht

berühren, sondern ihre äussere öffentliche Erscheinung schildern, welche

sowohl für die Mehrzahl der Agierenden als auch der Zusehenden von der

grössten Bedeutung war.

Infolge des Zuströmens des Liberalismus schäumte die Universität immer

mehr und mehr von Leben und von Bewegung über, leider aber von einem

solchen Leben, das die Beschäftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die

Studenten hielten häufige Zusammenkünfte, gründeten eine Kasse, eine

Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, übten ein Richteramt über ihre

Kameraden aus usw., aber alles dieses zerstreute sie und regte sie so

sehr auf, dass die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und

Gescheitesten unter ihnen aufhörten zu studieren. Es gab auch nicht

wenige Unzulässigkeiten, d. h. Überschreitung der Grenzen aller

möglichen Dispense, und so entschloss sich die Studien-Obrigkeit endlich

Massregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um

sich eine widerspruchslose Autorität zu sichern, verschaffte sie sich

einen Allerhöchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenkünfte, Kassen,

Deputationen und Ähnliches verboten wurde. Der Befehl wurde im Sommer

ausgegeben, und als im Herbste die Studenten sich auf der Universität

zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten dachten,

sich zu widersetzen, beschlossen jedoch, es einzig und allein durch

einen Widerstand zu thun, welchen die liberalen Grundsätze

sanktionieren, d. h. durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie

hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den Behörden soviel

Arbeit und der Sache soviel Publicität als möglich zu schaffen. Sie

brachten höchst künstlich den ausgiebigsten Skandal zustande, den man

nur in Scene setzen kann.

Die Behörden waren so gezwungen, sie zwei- oder dreimal bei Tage, auf

offener Strasse in grossen Haufen fortzuführen. Zur grösseren Freude der

Studenten setzte man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie

unterwarfen sich ohne Widerrede diesem Arrest, später dem Urteilsspruch

der Verschickung, welche für viele eine sehr schwere und langwährende

wurde. Nachdem sie das gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu

haben, was nötig war, nämlich: sie hatten laut über die Verletzung ihrer

Rechte gesprochen, waren selbst nicht über die Grenzen der

Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe über sich

ergehen lassen, gleichsam rein nur darum, weil sie von ihren Forderungen

nicht abgewichen waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe in

Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so führten die

Studenten dieses liberal-juridische Drama zum Nutz und Frommen der

übrigen Staatsbürger tadellos und mit wahrer Begeisterung durch. Es war

durchaus kein Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse.

Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist, dass sich damals

Leute fanden, welche sehr wünschten, diese Geschichte in einen Aufruhr

umzuwandeln, dass man Beratungen darüber abhielt, ihnen z. B. vorschlug,

irgend eine Unthat zu begehen, welche die Behörden in eine fatale Lage

brächte usw. Revolutionäre Elemente waren in der Gesellschaft

herangereift, allein diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit,

und es war nur eine grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam

eine Anklage vor dem Forum der öffentlichen Meinung.

Natürlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten. Man hatte

gestattet, dass die Eingeschlossenen besucht würden, und so kamen

täglich sehr viele Besucher in die Festung. Auch von der Redaktion der

»Wremja« ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael

Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten und mit

Hinzufügung einer Flasche Cognac und einer Flasche roten Weines in die

Festung gesandt. Als man endlich begann, jene Studenten, welche man als

die Schuldigsten befunden hatte, fortzuführen, begleiteten Freunde und

Bekannte sie weit über das Weichbild der Stadt hinaus. Die

Abschiedsgrüsse waren vielseitig und laut und die Verschickten schauten

zum grossen Teil wie Helden drein.«

Hier wird der Westeuropäer unwillkürlich im Lesen innehalten und über

die Selbstverständlichkeit und Einfachheit staunen, mit welcher ein

»russischer Liberaler« von Festungsstrafen und Verschickung junger

Schwärmer spricht. Es tritt uns da förmlich eine »erbliche Belastung«

mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch der liberalste

Russe heute nicht frei sein kann.

»Diese Geschichte« -- fährt Strachow fort -- »wickelte sich im selben

Geiste weiter ab. Man schloss die Universität, um sie einer

vollständigen Umgestaltung zu unterwerfen. Da baten die Professoren um

die Erlaubnis, öffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese

Erlaubnis ohne Mühe. Die Duma (der Stadtrat) überliess ihnen ihre Säle

zu diesem Zwecke, und so wurden die Universitätskurse eröffnet. Alle

Schritte für das Arrangement der Vorlesungen sowie die Sorge für die

Aufrechthaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit

dieser neuen, freien Universität sehr zufrieden und sehr stolz darauf.

Allein ihre Gedanken waren nicht mit der Wissenschaft beschäftigt, um

welche sie sich augenscheinlich so bemüht hatten, sondern mit etwas

anderem, und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung dieser

Rathaus-Universität war der bekannte »litterarisch-musikalische« Abend

des 2. März 1862. Dieser Abend war mit der Absicht veranstaltet worden,

gleichsam eine Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen

Kräfte vorzuführen. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne war auf

das Sorgfältigste vorgenommen worden, und das Publikum war im selben

Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewählteste. Sogar die Musikstücke, mit

welchen die litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den

Frauen und Töchtern von Schriftstellern »der guten Richtung« ausgeführt.

Theodor Michailowitsch war in der Zahl der Lesenden und seine Nichte in

jener der Mitwirkenden.

Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt wurde,

sondern um die Ovationen, welche man den Vertretern fortschrittlicher

Ideen brachte. Der Lärm und Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat

mir später immer geschienen, dass dieser Abend der höchste Punkt war,

den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht hatte, und

zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution. Eine

Episode dieses Abends bildete den Beginn des Verfalls und der

Entzauberung unserer damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P....

las an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere das

vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitet worden war. Er las ihn

ohne jede Abänderung, aber mit so ausdrucksvollen Intonationen und

Gesten, dass ein durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es

entstand ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. --

Und nun: am nächsten Tage verbreitet sich plötzlich die Nachricht, dass

der Professor arretiert und aus Petersburg fortgeschickt worden sei. Was

war nun zu thun? In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel

protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass die Entfernung

eines Professors eine Bedrohung der übrigen Professoren in sich

schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen nicht fortsetzen könnten,

wenn sie nicht dadurch zu zeigen wünschten, dass sie ihren Kollegen für

schuldig erachten und vor der Behörde selbst als Unschuldige dastehen

wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universität zu schliessen und

dadurch gegen jeglichen Zwang zu protestieren -- ein bekanntlich sich

fortwährend wiederholender Vorgang an den russischen Universitäten,

etwas das Ähnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die Studenten

setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von Betrübnis und Zorn

erfüllt sein werde, wenn so plötzlich die Hauptquelle ihrer Aufklärung

verstopft würde. Die Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten

und sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder zweier von

ihnen, welchen dafür die Hörer Skandale machten. Endlich mischte sich

die Obrigkeit hinein und machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den

Professoren überhaupt verbot, öffentliche Vorlesungen zu halten.«

»Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es zeigte sich gleich,

dass der schlimme Plan die Gesellschaft aufzuregen und sie gegen die

Obrigkeit aufzureizen vollkommen misslang. Die Gesellschaft rührte sich

nicht, und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollständig. Die

Führer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung, dass der

Lärm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen wurde, der Ausdruck der

allgemeinen Stimmung sei und dass es so leicht sein werde, das Publikum

zu täuschen. In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben,

dass die Obrigkeit der Feind und Bedrücker der Aufklärung sei. Die

Unterlage der Sache war allen gar zu durchsichtig, namentlich als zu

gleicher Zeit eine Proklamation nach der andern auftauchte, deren erste

hunderttausend Menschen in Russland als der öffentlichen Wohlfahrt

hinderlich erklärte, deren letzte schon direkt drohte, »die Strassen mit

Blutströmen zu begiessen und keinen Stein auf dem andern stehen zu

lassen.«

»Wie immer das nun gewesen sein möge, war die Obrigkeit, welche

beständig bemüht gewesen war, den liberalen Charakter der Ereignisse zu

wahren, in eine sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede

liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung hervorruft,

welche sich dieser Massregel zu ihren eigenen Zwecken bedient, welche

durchaus nicht liberal, sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten

fanden nun ihr Ende durch die Petersburger Brände und den polnischen

Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man das Böse nicht dulden und

seinem natürlichen Lauf nicht überlassen darf, wenn es so erschreckende

Dimensionen angenommen hat.«

Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden Ausdruck des russischen

ehrlichen Liberalkonservativen reinsten Wassers, nämlich jener Richtung

des Liberalismus, der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern

die Förderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln für

gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten einschränkt --

eine Anschauung, über die sich streiten lässt, die aber gerade in den

Konstellationen der russischen Parteistandpunkte besondere Beachtung

verdient. Dass diese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und

berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus seinem ganzen

Leben und Wirken klar geworden. Wie er sich speziell zur

Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren wir aus den Mitteilungen

O. Millers, welcher uns jene Vorgänge in einer lebendigeren, intimeren

und weniger doktrinären Form erzählt und speziell diese Sache anders

beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei Berichte so recht

in die Stimmung und das Milieu der grossen Befreiungsepoche

hineinversetzt. Natürlich haben wir es auch hier mit einem Vertreter der

konservativ-liberalen Richtung zu thun.

Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der Parteien besprochen,

welche aus sehr verschiedenen Gründen gegenüber der Aufhebung der

Leibeigenschaft und ihren Folgen Stellung nahmen, und meint: »man begann

uns eindringlich das >Sterben< zu lehren -- gerade dann, als man uns

hätte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd, fest zu leben,« --

fährt er fort: »das ist's, was ein Mensch bei uns antreffen musste, der

aus Sibirien geschrieben hatte: »Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn

noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan.« »Das alles war den

Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem revolutionären

Radikalismus -- sei es auch vom entgegengesetzten Ende -- ging der

Konservatismus sehr wohl zusammen, der -- ganz ebenso revolutionär war,

wie ihn J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt, dass

jenem >Nihilismus<, dessen erste Formation sozusagen Turgenjew in der

Person des Studenten mit burschikosem Unterfutter Bazarow aufgestellt

hatte, derselbe Samarin ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen

gestellt hatte. Das französische Sprichwort »les extrêmes se touchent«

ist bei uns auf die glänzendste Weise zur Wahrheit geworden.

Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufällig an jenem denkwürdigen

litterarischen Lese-Abend gegenwärtig war, da der zur 1862

stattfindenden Feier des tausendjährigen Bestandes Russlands verfasste

Artikel vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der

Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des Millenniums

vollzogen und man hätte nun dieses, sollte man meinen, mit beruhigtem

Gewissen und einem furchtlosen Blick in die Zukunft feiern können. Als

der Lesende zum »Wermutsbecher« gekommen war, »den das russische Volk im

Laufe seines tausendjährigen Lebens hatte leeren müssen,« sagte er: »Zur

Zeit der Thronbesteigung des heute glücklich regierenden Kaisers und

Imperators lief der Becher über ...« Man liess ihn nicht vollenden:

»dass der Zar jenen Überschuss von Bitternis daraus weggegossen, welcher

sich durch die Leibeigenschaft darin angehäuft hatten -- man fasste

seine Worte in einem durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie

gesagt worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von Applaus und

Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran, als wäre es heute, mit welchem

wollüstigen Entzücken damals gerade die Repräsentanten des nicht

verpönten Nihilismus applaudierten -- dies war an den Dekorationen

ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie sich in ihren

»heiligsten Gefühlen« verletzt fühlten. Als nun der Vortragende zum

Satze kam: »Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes,« da

floss der Enthusiasmus dieser Nihilisten thatsächlich mit dem

Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen -- obwohl, natürlich, jede der

extremen Richtungen das Wort >Administratoren< in ihrer Weise verstand.«

O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an jenem Abende

teilgenommen habe, findet aber den zehn Jahre später im Roman »Die

Besessenen« beschriebenen Leseabend den getreuen Spiegel der hier

vorgefallenen Affäre und fügt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem

anderen Leseabend Teile aus den »Memoiren aus einem Totenhause«

vorgelesen und das mit Absicht in einem Sinne und Geiste, welcher jenem

der Einberufer entgegengesetzt war. Es scheint hier ein Gedächtnisfehler

obzuwalten, der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem Berichte

dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum betreffs der

Grundtendenz Dostojewskys vorkommen könnte. Die Erzählungen jener

lärmenden Begebenheit selbst jedoch weichen, wie wir sehen, ziemlich von

einander ab, und was wir Westländer daraus gewinnen können, ist

vornehmlich der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte, wie sie

in dem von politisch-litterarischem Leben so heftig pulsierenden

Russland sogar innerhalb einer und derselben Partei möglich sind. Die

Herausgeber der Materialien gehören beide der konservativ-liberalen

Richtung an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei aller

Objektivität der Erzählung gleichsam nach der streng-konservativen, fast

möchte man sagen offiziellen Seite umgebogen, während O. Miller mit der

feinen Anführung des »Generals-Nihilismus« dem eigenen Konservatismus

gleichsam die Spitze abbricht.

Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr grosse Rolle in der

Geschichte der russischen Reformjahre spielt, ist wohl oft genug auch

von der gegnerischen Seite aus besprochen worden. Einen längeren Artikel

widmet ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen Jahren

von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel zwischen Turgenjew, Kavelin

und Herzen. Wir haben es aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und

seinem Standpunkt zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe

seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch die uns bekannten

Ereignisse erfolgten, Enthebung des Professors von seinem Lehramte und

der vorhergegangenen Einschliessung der Studenten waren im Publikum und

namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen darüber

entstanden; »die Gefängnishaft« -- fährt Miller fort -- »hatte

bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend nur erhöht, das sie antrieb,

neue Vorschriften abzulehnen, indem sie sich von einem übrigens durchaus

ernsten und edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener

Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet waren, ein

Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene jungen Leute des Zutritts

zu höherer Bildung verlustig wurden, welchen die Mittel fehlten, diese

Forderung zu erfüllen.« Wer das nicht wusste, dem musste diese

Auflehnung »um irgend welcher Matrikel willen« in der grossen Stunde der

Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. -- Das Volk wusste natürlich

nicht, um was es sich handle -- und urteilte: »Die jungen Herrlein

rebellieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.« Zu Dostojewsky und

seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse

übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem »Tagebuch eines

Schriftstellers« aus dem Jahre 1873 an, welche sich darauf bezieht und

eine Antwort auf die Zumutung ist, als sei Dostojewskys phantastische

Satire »das Krokodil«[15] ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor

des Romans »Was thun?«

»Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky« -- sagt Dostojewsky --

»bin ich im Jahre 1859, im ersten Jahre nach meiner Rückkunft aus

Sibirien, zusammengetroffen; ich weiss nicht mehr, wo und wieso es

geschah.

Später begegneten wir einander manchmal, aber sehr selten, sprachen

miteinander, aber sehr wenig. Übrigens reichten wir einander jedesmal

die Hand. Herzen hat mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen

unangenehmen Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine

Manieren. Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine Manier

ganz wohl.

[Fußnote 15: Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in

Russland »Krokodile« genannt, ob dies infolge Dostojewskys Satire

geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist, haben wir nicht

ermitteln können.]

Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre, auf der Klinke des

Schlosses, eine der bemerkenswertesten Proklamationen, welche damals

auftauchten; und es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die

Aufschrift: »An die junge Generation.« Man kann sich nichts

Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der Inhalt aufreizend in der

lächerlichsten Form, welche nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen

können, um sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu Mute

und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. Das war damals

alles noch so neu und so nahe, dass es sogar noch schwer war, sich diese

Leute gründlich anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht

recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr ein so

leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht von der damaligen Bewegung als

einem Ganzen, sondern bloss von den Menschen. Was die Bewegung

anbelangt, so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre

historischen Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche ein

ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer Geschichte ausfüllen

wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende

geschrieben.

Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner Seele und meinem

Herzen heraus weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung

einverstanden war, -- mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als

schämte ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich schon drei

Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen Erscheinungen zugesehen

hatte -- verblüffte mich doch diese Proklamation geradezu, erschien sie

mir wie eine neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem Tage

hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. Plötzlich, noch ehe es

Abend wurde, fiel es mir ein, Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals

bis auf diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu ihm zu

gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall gewesen« ....

»Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?« und ich zog die Proklamation aus

der Tasche.

Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte Sache, und las

sie durch. Es waren im Ganzen zehn Zeilen.

-- »Nun, was denn?« fragte er mit einem leichten Lächeln.

-- »Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein? Sollte es denn nicht

möglich sein, ihnen Einhalt zu thun und dieser Abscheulichkeit ein Ende

zu machen?«

Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: -- »Glauben

Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch bin, und meinen Sie, dass ich

imstande gewesen wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?«

-- »Das ist's eben, dass ich das nicht voraussetzte,« -- antwortete ich

-- »und ich finde es sogar überflüssig, Ihnen das zu versichern. Allein

auf jeden Fall ist es nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr

Wort ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass sie Ihre

Meinung fürchten.«

-- »Ich kenne keinen von ihnen.«

-- »Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist durchaus nicht nötig,

sie zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur

laut, wo immer, Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen

gelangen.«

-- »Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. Ja, und diese

Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.«

-- »Dennoch aber schaden sie allen und allem« ....

.... »Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, dass ich

vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky sprach und durchaus daran

glaubte, wie ich auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern

nicht >solidarisch< gewesen ist.«

Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin enthaltene treffende

Beurteilung der Kluft zwischen den russischen und polnischen

Anschauungen, welche an die Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu

bedeutungsvoll für die Beleuchtung der damaligen Situation und mit

einigen Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen

dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen.

»Wenn aber nun eine solche Erscheinung« -- fährt Miller fort -- »zur

Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre »Nichtigkeit« in ihrer Art komisch

war, so kann man das natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von

1863 sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass ich, als ich

damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen Zeitungen Glauben

schenkte, in dem, was sie über die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen

verbreiteten. Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine

vorurteilslose, -- mehr als das, eine feierliche Stimme, wie man

thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte, über unsere

Bauern-Reform. Es war die Stimme eines Greises mit junger Seele -- Jacob

Grimms. Er erkannte vollkommen und begrüsste freudig mit seinem

allumfassenden, menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte,

»riesenhafte Bewegung nach vorwärts«. Und da musste diese Bewegung

aufgehalten werden! -- Und zur Befriedigung jener europäischen

Majorität, welche nicht über den edlen Geist eines Grimm verfügte,

entspann sich gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen

Terrorismus.

Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr geringschätzig über die

»Nichtigkeit« der Erscheinung aussprechen, hier konnte er nicht anders,

als von einem entrüsteten Entsetzen erfüllt werden. Viele halten

Dostojewsky bekanntlich für einen offenen Feind Polens, und die Edelsten

unter den Polen können ihm diesen Ausfall nicht verzeihen. Wenn wir

indes uns jenes Kapitels aus den »Memoiren aus einem Totenhause«

erinnern, wo von den politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir,

dass der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern mit voller

Wertschätzung darin gedacht wird. Theodor Michailowitsch verletzte nur

ihr hochmütiges »je hais ces brigands« im Verkehr mit den Sträflingen,

in denen er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte. --

Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung Dostojewsky erscheinen, ein

Hohn auf die ganze russische Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier

erharrt hatte, die polnische Rebellion, und das gerade in diesem

gesegneten Augenblick, -- eine Rebellion, der als armseliges, aber doch

immer trauriges Präludium die Studenten-Unruhen mit den darauffolgenden

»dummen«, aber immerhin »unheilverkündenden« Proklamationen dienten.

Während unsre »Herrlein« gleichsam nur zufällig in den Augen des Volkes

zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte man im polnischen Aufstand

schon ganz ernsthaft den alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der

von Verachtung gegen das Bauernvolk erfüllt ist. Nicht Polen war es, und

nicht das polnische Volk, das endlich vom selben russischen Kaiser mit

Grund und Boden beteilt worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er

hasste jenen traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes

Volk bedrückt worden war und welcher Polen verloren hatte. Diesen alten

Geist Polens musste er hassen, wie ihn Proud'hon hasste und viele von

den Polen selbst hassten, viele der echten, uneigennützig-ehrenhaften

polnischen Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky verhasst

als einem Socialisten -- und ein Socialist im weiten, menschlichen Sinne

dieses Wortes zu sein hat er niemals aufgehört.

Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie · 第 5 / 45 题