24. Dezember 1849.

An den Herrn General-Adjutanten

Graf Orloff.

Rapport.

Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher

wurden: laut der von Seiner Majestät beschlossenen

Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der

Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow,

Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten geschmiedet nach

Tobolsk[5] in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom

Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg

in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und

Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im

Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die

Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.

Der Festungs-Kommandant,

General-Adjutant Nabokow,

der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch.

[Fußnote 5: Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie auch

ihre ganze Strafzeit abbüssten.]

Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung Dostojewskys

und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt, befindet sich in den

Moskauer Adelsarchiven und lautet:

Archiv des Moskauer Adels.

Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II

(September 1850).

Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der

dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des

Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres --

enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten

Bericht über die, durch das Kriegsgericht als

Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die

Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres

verurteilten Verbrecher -- hiermit an: dass, unbeschadet der

erflossenen Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten

Allerhöchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich

wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) jener

Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten

Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser Personen wurden

verurteilt: der nicht gedient habende Edelmann (dworjanin) Alexei

Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor

Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch

Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser

(Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten

Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe

Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als

Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon

eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte,

auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach

als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde.

Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem »Tagebuche eines

Schriftstellers« aus dem Jahre 1873, wo er, auf diesen Tag

zurückkommend, sagt: »Wir Petraschewzen standen auf dem Schaffot und

hörten unser Todesurteil an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich

nicht für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin zu

irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, so doch mindestens

die grosse Mehrzahl der Unseren es als eine Ehrlosigkeit betrachtet

hätte, seine Überzeugung zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode

durch Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum Scherz

vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest überzeugt, dass es

vollstreckt werden würde, und verlebten mindestens zehn furchtbare

Minuten der Todeserwartung. In diesen letzten Minuten stiegen manche von

uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich weiss das bestimmt),

und indem sie ihr noch so junges Leben in einem Augenblicke prüften,

mochten sie wohl manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche

bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den Tiefen des

Gewissens ruhen); aber die Sache, um derentwillen wir verurteilt wurden,

die Gedanken, die Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten -- sie

stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, sondern

sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum, um dessentwillen uns

vieles verziehen würde.« Uns scheint diese klare Bezugnahme auf die

»längstvergangene Geschichte« ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit

und Reinheit seiner »Umkehr«; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität oder

irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten Umsattelung, die ihm die

ehemaligen Parteigenossen und jüngeren Propagandisten vorwarfen,

veranlasst, so würde er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines

überzeugten Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht er sich direkt

und später in allen seinen Werken in unzweideutiger Weise über seine

Umkehr aus, am prägnantesten, wo er sagt: »Es ist uns recht geschehen

mit dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.«

Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von europäischen Lesern

richtig aufgefasst zu werden, eines längeren und eingehenderen

Kommentars, als unser Versuch einer Lebens-Erzählung rechtfertigen

könnte, ja als er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit

Russland so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, um jene

Beobachtungen historisch und psychologisch zu erhärten, welche auch dem

»Gast auf eine Weile« nicht entgehen und geeignet sind, dies Wort

Dostojewskys zu erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen

Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen des Westens in

die Beurteilung des russischen Volkes, in seine Wünsche für dasselbe

hineintragen. Das Volk »mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker

der Zukunft wird zu rechnen haben«, dieses Volk im Namen unserer

verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale revolutionieren zu wollen,

ist wirklich mehr als ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch

Reformen, einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende,

Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke die heiligste

ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht verstehen, und einem Kaiser

Josef auf dem Throne würde es einen passiven Widerstand leisten, der

dräuender und gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in

Jahrhunderten vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen zum

Bewusstsein dieser »Kraft zu wollen« kommen werden, nach einem

Kulturwege, der ausser unserer Berechnung liegt (denn es ist höchst

intelligent und beharrlich, ja hartnäckig daneben), da wird es seine

eigene Revolution machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und

dem staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht seiner Kultur

in den Schoss werfen. Das Volk, von dem ein grosser Teil, bei aller

kindlichen Liebe für sein Väterchen, den Zar für den Antichrist hält,

und die vom Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht[6], ein solches

Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden missverstandener

Historien, und es bedarf heute und für alle Zeiten (das bedingt seine

Lage) anderer Lebensquellen, als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei

uns finden könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird

selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz selbstverständlicher

Weise in das Staatsleben eintreten und ein Wort mitsprechen bei der

Entscheidung seines eigenen Geschickes.

Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische Volk heute

revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet, beleuchtet unter

anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs in Moskau im Jahre 1877, als

man eine Partie Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da

weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer Studenten

vereinigten sich zu einer grossen Demonstration zu Gunsten der

Gefangenen. Sie holten diese auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das

Geleite durch die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den

Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich das Marktvolk

zusammen und fiel über die Studenten her. Es entstand ein blutiger

Kampf, ein Gemetzel, das zwei Stunden währte, sich bis an den

Abfahrts-Bahnhof hinzog und nur durch das Einschreiten der Polizei

niedergeschlagen werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche

Dostojewskys »Tagebuch eines Schriftstellers« kannten, wohl wussten,

dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger Student und

»abgestrafter Staatsverbrecher« sei, und volles Vertrauen in sein Urteil

setzten, wandten sich mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine

Anschauung über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen.

[Fußnote 6: Vergl. Leroy-Beaulieu: L'empire des tsars et les Russes Bd.

III.]

Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe aus Petersburg

antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht hier seine Stelle zu

finden. Der Brief lautet:

»Petersburg, am 18. April 1878.

Sehr geehrte Herren Studenten.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht antwortete; ausser

meinem thatsächlichen Unwohlsein haben auch andere Umstände meine

Antwort verzögert. Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den

Tagesblättern antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das aus

Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich sei, wenigstens dass

es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich zu beantworten. Zweitens

dachte ich: wenn ich Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da

beantworten? Eure Fragen umfassen alles -- unbedingt das ganze interne

Leben Russlands. Also ein ganzes Buch schreiben? -- eine profession de

foi?

Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine Briefchen zu

schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im höchsten Grade unverständlich zu

sein. Das aber wäre mir sehr unangenehm.

Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns, die Frage zu lösen,

inwieweit wir selbst, die Studenten, schuldig sind, was für Schlüsse

sowohl die Gesellschaft, als auch wir selbst aus diesem Geschehnis

ziehen sollen?

Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in den Beziehungen der

heutigen russischen Presse zur Jugend sehr richtig und genau

gekennzeichnet. In unserer Presse herrscht ersichtlich ein Ton

»_vorbeugender_ herablassender Entschuldigung« (Euch gegenüber, heisst

das). Das ist sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle

nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, schon sehr

abgegriffener Occasionston.

Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von diesen Leuten nichts

zu erwarten, welche von uns nichts erwarten, sondern sich abwenden, um

ihr unwiderrufliches Urteil den »wilden Völkern« zu künden (dikim

narotam).

Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden sich ab, ja und sie

haben (die Mehrzahl wenigstens) gar nichts mit Euch zu schaffen. Allein

es giebt Leute, und derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der

Gesellschaft, welche der Gedanke niederdrückt, dass die Jugend sich _vom

Volk_ entfernt hat (das ist die Hauptsache und das erste) und dann, d.

h. jetzt, auch von der Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in

Träumereien und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in

Russland wissen und bemüht sich, ihrerseits Russland zu lehren. Zuletzt

aber, jetzt, ist sie _unzweifelhaft_ irgend einer ganz aussen stehenden

(wnjeschnej) führenden, politischen Partei in die Hände geraten, die mit

der Jugend schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nur als

Material und panurgische Herde für ihre äusserlichen und besonderen

Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen, meine Herren; es ist so.

Ihr fraget, meine geehrten Herren: »inwiefern Ihr selbst, die Studenten,

schuldig seid?« Hier meine Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in

gar nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft, die Ihr

jetzt hinter Euch lasset und welche »eine Lüge nach allen Seiten« ist.

Aber indem er sich von ihr losreisst und sie hinter sich lässt, wendet

sich unser Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland, in

den »Europäismus«, in das abstrakteste Reich eines niemals dagewesenen

Kosmopoliten, und bricht auf diese Weise auch mit dem Volke, indem er es

verachtet und verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der

er sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im Volke unser

ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges Thema) ... die Losreissung

aber vom Volke kann ebenfalls nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend

gesetzt werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte, _das Volk erdenken_

(dodumatsoja do nawka)?

Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk die Losreissung der

intelligenten russischen Jugend gesehen und bemerkt hat; und das

schlimmere dabei ist, dass es die von ihm bemerkten jungen Leute

Studenten nennt. Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu

Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen beim Volke

selbst nur Widerwillen erweckt.

»Junge Herrchen«, sagt das Volk (diese Benennung kenne ich; ich

garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei aber besteht im

wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite des Volkes, weil es noch

niemals bei uns, in unserem russischen Leben eine solche Epoche gegeben

hat, da die Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einem

Wendepunkt, über einem Abgrund schwankend stehe) in ihrer ungeheueren

Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig, reinen Herzens, mehr nach Wahrheit

dürstend, mehr als jetzt bereit war, alles, sogar das Leben für die

Wahrheit und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche, die echte

grosse Hoffnung Russlands. Dies fühle ich schon lange und habe schon

seit langem begonnen darüber zu schreiben. Da, plötzlich, was kommt

heraus? Dieses Wort der Wahrheit, wonach die Jugend dürstet, das sucht

sie weiss Gott wo, auf seltsamen Stätten (darin ebenfalls mit der

angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte, zusammentreffend), aber

nicht im Volke, nicht im Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem

gegebenen Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das Volk

kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu leben, gehen die jungen

Leute, nichts im Volke kennend, sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen

tief verachtend, zum Beispiel den Glauben, in das Volk -- nicht um es zu

studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit Geringschätzung

-- ein rein aristokratischer Herrenstreich! »Junge Herrchen«, sagt das

Volk und es hat recht. Seltsam: überall und immer sind die Demokraten

fürs Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter russischer

Demokratismus mit den Aristokraten gegen das Volk verbündet; sie gehen

ins Volk, »um ihnen Gutes zu thun«, und verachten dabei seine Sitten und

seine Grundlagen. Geringschätzung führt nicht zur Liebe!

Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen junger Leute den

Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten, macht Skandal. »Höret,

würde ich diesen Kasanern sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht

gesagt), Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum aber

kränkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft? Und das Volk

nannte sie noch einmal »Jungherrchen« (Bartschenki) und, schlimmer als

das, gab ihnen den Namen »Studenty«, obwohl viele Hebräer und Armenier

darunter waren (die Demonstration war, wie es sich erwies, eine

politische, von aussen hineingetragene). So hat, nach der That der

Sassúlitsch, unser Volk abermals die Revolvermänner der Strasse

»Studenten« genannt. Das ist hässlich, wenn auch ohne Zweifel Studenten

dabei waren. Hässlich ist es, dass das Volk sich schon merkt, dass Hass

und Zwietracht begonnen haben. Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine

Herren, das Moskauer Volk »Fleischer«, sowie die ganze intelligente

Presse sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehören Fleischer nicht zum

Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch Minin war ein Fleischer.[7]

Die Entrüstung lodert nur über die Art auf, wie sich das Volk geäussert

hat. Aber wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekränkt wird, es

sich immer so äussert. Es ist ungehobelt, es ist ein Bauer. Gerade hier

lag die Lösung des Missverständnisses, allerdings eines alten,

angehäuften Missverständnisses (was sie nicht merkten) zwischen dem

Volke und der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der am

hitzigsten und flinksten zu seiner Lösung ginge -- der Jugend. Die Sache

ging allzu hässlich und durchaus nicht so regelrecht, wie sie hätte

ausgehen sollen; denn mit den Fäusten kann man nie und nirgends etwas

beweisen. So aber war es immer und überall, in der ganzen Welt beim

Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings gar oft die Fäuste

gegen seine Gegner in Aktion, und in der französischen Revolution

brüllte das Volk vor Freude und tanzte vor der Guillotine, während sie

thätig war. Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein das

Faktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur die Fleischer;

da giebt es kein Sichtrösten mit einem oder dem anderen Wörtchen) gegen

die Jugend aufgestanden ist und sich die Studenten angemerkt hatte;

andererseits aber ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die

Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt haben, das

Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda): »das ist ja nicht Volk, das

ist Pöbel!«

[Fußnote 7: Anspielung an den Fleischer Minin aus Nischnij-Novgorod, mit

dessen Hülfe der Fürst Pozarsky die Angriffe der Polen siegreich

zurückschlagen konnte.]

Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist, das nicht mit Euch

übereinstimmt, so werdet Ihr besser daran thun, nicht böse zu werden. Es

giebt ohnedies des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist

Lüge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten. Fest und

mächtig ist nur das Volk; allein im Volk hat sich seit den letzten zwei

Jahren eine Dissonanz mit uns (raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen

haben, indem sie das Volk vom Zustande der Hörigkeit befreiten, mit

Rührung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre europäische Lüge

eintreten werde, in die Aufklärung, wie sie es nannten. Aber das Volk

hat sich selbständig gezeigt und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit

Bewusstsein die Lüge der oberen Schichten des russischen Lebens zu

begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben es erleuchtet und

neu gestärkt. Aber es macht einen Unterschied nicht nur unter seinen

Feinden, sondern auch unter seinen Freunden. Es kamen traurige, quälende

Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit strebend, ins

Volk, um seine Leiden zu erleichtern. Aber was geschieht? Das Volk

treibt sie fort und anerkennt ihre redlichen Bemühungen nicht, weil

diese Jugend das Volk nicht für das nimmt was es ist, seine Grundlagen

hasst und geringschätzt und ihm Arzneien reicht, die in seinen Augen roh

und sinnlos sind.

Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufel weiss wie. Unter der

Jugend wird der Revolver gepredigt und herrscht die Überzeugung, dass

die Obrigkeit sie fürchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor gering

schätzen, halten sie es für gar nichts und merken nicht, dass dieses sie

wenigstens nicht fürchtet und niemals den Kopf verlieren wird. Was dann,

wenn weitere Zusammenstösse erfolgen? Wir leben in einer schweren Zeit,

meine Herren!

Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich konnte. Wenigstens

antworte ich offen, wenn auch nicht vollständig auf Euere Frage: nach

meiner Meinung sind nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals

ist unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was kein kleines

Faktum, sondern ein wunderbares, grosses, ein historisches ist). Allein

das Übel liegt darin, dass unsere Jugend die Lüge der ganzen zwei

Jahrhunderte unserer Geschichte auf sich trägt. Es fehlt ihr folglich

die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen, und man kann ihr

keine Schuld beimessen; um so weniger, wenn sie plötzlich selbst als

parteiische (und schon beleidigte) Teilnehmerin der Sache aufgetaucht

ist. Allein, wenn auch die Kraft fehlt, glücklich sei derjenige,

glücklich diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den rechten Weg

zu finden! Die Losreissung vom Milieu muss bei weitem stärker sein, als

z. B. nach der socialistischen Lehre die Trennung der künftigen

Gesellschaft von der heutigen. Stärker, denn um in das Volk zu gehen und

mit ihm zu bleiben, dazu gehört vor allem, dass man verlerne es zu

verachten, und das ist unserer oberen Gesellschaftsschicht bei ihren

Beziehungen zum Volke fast unmöglich. Zweitens muss man zum Beispiel

auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun schon endgiltig

unserem Europäismus nicht möglich (obgleich man in Europa an Gott

glaubt).

Ich grüsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es gestattet, so schüttele

ich Euch die Hand. Wenn Ihr mir ein grosses Vergnügen machen wollt, so

haltet mich um Gotteswillen nicht für irgend einen Lehrer oder Prediger

von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert, die Wahrheit nach meinem

Herzen und Gewissen zu sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie

dachte, wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr thun, als

seine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben.

Ganz der Ihre

Theodor Dostojewsky.

Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit muss für Dostojewsky

anfangs etwas Furchtbares gehabt haben. Eine andere Stelle des oben

zitierten ersten Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust

geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881 in einer

Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: »Besser wär's, 15 Jahre mit der

Feder in der Hand in den Kasematten; der Kopf, welcher geschaffen hat,

welcher ein höheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich an

die erhöhten Bedürfnisse des Geistes gewöhnt hatte, er ist mir jetzt

schon von den Schultern geschlagen.« Beim Abschied vom Bruder, wozu man

ihnen eine halbe Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden,

wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: »Auch im Strafhaus sind

nicht wilde Tiere, sondern Menschen, vielleicht bessere als ich,

vielleicht würdigere als ich ... Ja, wir werden uns noch sehen, ich

hoffe es, ich zweifle nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt

mir Bücher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird ja lesen

können. (Dies war wohl eine fromme Lüge, um den Bruder zu trösten.) Wenn

ich aber heraus komme, so fange ich zu schreiben an ... in diesen

Monaten habe ich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit, die

vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff zum schreiben

geben«.

Über die Beschwerden des langwierigen Transports nach Sibirien bei

vierziggradigem Frost, über erfrorene Hände und Füsse, einen bösen

Ausschlag, welcher infolge der verpesteten Luft im Kasematten-Gefängnis

auf des Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten war, über

die Unmöglichkeit, auf diesem langen Leidenswege einen Schluck Thee zur

Erwärmung zu beschaffen, über das Benehmen der Aufseher und Zugführer,

die schmutzigen, finsteren, engen Räume, in denen sie mit allerlei

schimpfenden und fluchenden Verbrechern auf den Etappen

zusammengepfercht waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst --

erst viele Jahre später bezieht er sich auf diese Zeit in seinem

»Tagebuch eines Schriftstellers«, und nur in seinem Buche »Memoiren aus

einem Totenhause« hat er diese Leidensgeschichte mit künstlerischer

Vollendung, als die Erzählung einer dritten Person herausgearbeitet.

Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch »das beste, das bis nun in

Russland geschrieben worden, Gogol nicht ausgenommen.« Der Dichter wurde

später in Russland oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche

in Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern und lehnte es

ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich war, dass man dies »als eine

Anklage betrachten könnte«.

Von den oben erwähnten Mühsalen haben wir durch einen Leidensgenossen

Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher sehr eingehend über diese Erlebnisse

berichtet hat. Er fügt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg

gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende zu machen, und

sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben auszuführen. Die nähere

Bekanntschaft mit Dostojewsky aber, sein sanftes Wesen, der stille,

eindringliche Ton seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass er

seine selbstmörderischen Gedanken von da an für immer von sich gewiesen

habe.

Eine Episode vom Etappenwege erwähnt Dostojewsky ausser in den »Memoiren

aus einem Totenhause« in seinem »Tagebuch eines Schriftstellers« aus dem

Jahre 1873 eingehender, weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf

ihn ausgeübt hat. Es heisst da: »Als wir in Tobolsk in Erwartung einer

nachkommenden Partie im Festungshofe sassen, erbaten sich die Frauen der

Dezembristen (der Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten

Verschwörung) beim Gefängnis-Direktor die Erlaubnis, in seiner Wohnung

eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten. (Es waren dies, nach den

Worten Jastrzembskis, die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter

und von Wisin, welche den Sträflingen auch ein ausgesuchtes Mittagessen

mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also diese grossen Dulderinnen,

welche ihren Gatten freiwillig nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in

gar keine Schuld verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles

ertragen, was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen müssen. Unser

Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten uns zu unserem weiteren

Weg, machten das Zeichen des Kreuzes über uns und beschenkten jeden von

uns mit einem Evangelium -- dem einzigen Buche, welches im Gefängnis

erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem Kopfkissen im Strafhaus

gelegen. Ich habe darin gelesen, manchmal auch anderen daraus

vorgelesen. Ich habe auch einen Sträfling aus diesem Buche lesen

gelehrt.«

Wenn wir uns ein genaues Bild von dem äusseren Leben des Dichters

während der vier Jahre der Zwangsarbeit machen wollen, müssen wir uns

eben an die detaillierten Schilderungen halten, welche in den »Memoiren

aus einem Totenhause« niedergelegt sind. Sie sind bis in alle

Einzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir sofort wissen:

all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie so vollendet künstlerisch

und objektiv, ja fast feindesliebevoll herausgearbeitet, dass wir sofort

empfinden, das ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier

drängt sich uns Deutschen unwillkürlich eine Parallele auf, die sich wie

ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz Reuters Schilderungen seiner

siebenjährigen Festungszeit, eine Schilderung, die sich zum Humor

erhebt, und sind geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren

persönlichen Erlebnissen künstlerisch, ja ethisch höher zu stellen. Bei

tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache jedoch durchaus

anders dar. Ganz abgesehen davon, dass Fritz Reuter nur mit

Seinesgleichen eingeschlossen war, Stunden des Alleinseins und wieder

solche des Gedankenaustausches mit Gleichgesinnten hatte, während

Dostojewsky mit ungefähr 200 Verbrechern aller Kategorien vom

Falschspieler und Falschmünzer angefangen bis zum achtfachen Mörder in

ununterbrochener Gemeinschaft lebte und während seiner vierjährigen Haft

auch nicht eine Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren

Erleben des ähnlichen äusseren Schicksals ein grosser Unterschied.

Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz subjektiv, aber doch eigentlich

gleichsam unpersönlich; für die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war

sich selbst ein Gefäss für die grosse Wahrheit, die ihm das Leben

offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhörlich hervorsprudeln

musste. Da ihm aber nun, wie wir in seinen Aufzeichnungen sehen, gerade

in dieser schwersten Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und »seines

Volkes Wahrheit« durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war, sich erst

da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung von Anbeginn in ihm gelegen

und sich in den »Armen Leuten« ausgesprochen hatte, so handelte es sich

für ihn gerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats, und

wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische Ader versiegen

lassen, im Vollgefühl dessen, dass der Humor für die grössten Aufgaben

und Probleme nicht ausreicht. Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie

sich diese reiche Ader jedesmal zu Tage drängt, wo der schweren

Nötigung, seinen Hörern in Wort und Bild die Wahrheit aufzuzwingen,

gleichsam Genüge geschehen ist, und sich der alte Schalk kichernd

zwischen den schweren Falten der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben

die unbesiegbare Kraft und Macht seines künstlerischen Reichtums, der

immer wieder hervorbricht.

Die Herausgeber der »Materialien«, namentlich O. Miller, schöpften bei

der Schilderung dieses Lebensabschnittes des Dichters aus der einzig

authentischen Quelle, die wir oben anführten: den »Memoiren aus einem

Totenhause«. Sie schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung,

Ehrlichkeit und -- Geschick. Denn es ist wohl nicht leicht, heute als

Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, das die krasse Barbarei

russischer Zustände hervorhebt, das dem Dulder zugleich und dem Peiniger

»gerecht« wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie er

sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes hält,

welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht an dem Gepeinigten

versündigt, in dessen Ton er nicht einfallen, dessen Objektivität er

nicht zur seinen machen kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn

seiner Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der Schwierigkeit

gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein, welche gleichsam als

Passepartout für alles Gräuliche und Qualvolle gelten kann, dem er in

derselben doch Eingang verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe

auf eine Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, wo es

unter anderem heisst: »Die »Memoiren aus einem Totenhause« sind von ganz

Russland gelesen worden und werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch

geschätzt, obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen

Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange abgeändert sind.«

»Theodor Michailowitsch« -- fährt O. Miller fort -- »fand es für nötig,

im Auslande auf diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen

jenen mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen, die wir dem

Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. Schon allein die Drucklegung

der »Memoiren aus einem Totenhause« wäre vor der Regierung Alexanders

II. undenkbar gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte

Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen hervorgekommenen

Menschenrückens, wie ihn Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte

man nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge abgeschafft

hatte.« Nach diesem Eingange, welcher für uns die Konjektur offen lässt,

wie weit die Gepflogenheiten einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung

und die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe Subalterne

heute noch diesem thatsächlich entspricht,[8] ist es dem Biographen

möglich geworden, die furchtbaren Episoden dieses Gefängnislebens aus

den Schilderungen der Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden

schärfer, brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als dieser

selbst es je gethan hätte.

[Fußnote 8: Wer auch nur kurze Zeit in Russland gelebt hat, den wird es

geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler Übel thatsächlich darin

liegt, dass ein ungeheuerer bureaukratischer Apparat das Staatsleben

bedient und auch das Einzelleben in sein Räderwerk reisst; dass oft

gute, meist kluge Absichten für das Gemeinwohl diesen Apparat in Gang

setzen und durch den Unverstand, durch den blinden Buchstabengehorsam

einerseits, oder durch Habgier und Bestechlichkeit schlecht bezahlter

Unterbeamten und Handlanger bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte

Vollstreckungen zum Schaden der Gesamtheit oder Einzelner aus dieser

Maschine herauskommen.]

Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers folgen, der zumeist

des Dichters eigene Worte anführt.

»Ich erinnere mich deutlich daran -- sagt Dostojewsky -- dass mir vom

ersten Schritte in diesem Leben das auffiel, dass ich darin gleichsam

nichts Auffallendes, nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt,

nichts Unerwartetes finden konnte .... es schien mir, als sei es viel

leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir dies auf dem Wege dahin

vorgestellt hatte. Selbst die Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht

so zwangsarbeitsmässig, und erst ziemlich viel später kam ich darauf,

dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit dieser Arbeit nicht so sehr

in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit liege, als darin, dass sie eine

gezwungene, aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.«

»Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher sich Dostojewsky

befand, gehörten Arrestanten« -- fährt O. Miller fort --, »welche unter

kriegsrechtlicher Aufsicht standen, und diese Kategorie war, nach seinen

eigenen Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als die

anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte, die beim Bau, und

die erste, die in den Bergwerken arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur

für die Edelleute schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum,

weil Kommando und Organisation ganz militärisch und denjenigen der

Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich waren ... immer in Ketten,

immer unter Bedeckung, immer unter Schloss und Riegel. In den zwei

anderen Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt ...

die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen noch nicht an die

Arbeit; später aber hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden -- und

das nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass sie diesen

nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie nicht so viel Kraft

besassen als sie.« »Was mich anbelangt, erwähnt Theodor Michailowitsch,

so habe ich einen besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff,

um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen im Wege,

überall störte ich sie, überall jagten sie mich mit Thätlichkeiten

davon.« Nichtsdestoweniger fühlte er, dass die Arbeit ihn retten, seine

Gesundheit, seinen Körper stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher

Dostojewsky verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters,

was ihm eigentlich leicht erschien. »Eine andere Arbeit, zu der man mich

beorderte,« sagt er weiter, »war in der Werkstätte das Drehen des

Schleifsteines; das war schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte

eine vortreffliche Motion.« Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten

liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt die

Winterbeschäftigungen leichter waren als jene, die man im Sommer

vornahm. Im Sommer musste man durch ungefähr zwei Monate täglich von dem

Ufer des Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten Bau

einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber Ziegel tragen. »Diese

Arbeit,« sagt Dostojewsky, »gefiel mir sogar, obwohl der Strick, an dem

man die Ziegel tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber

mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich

entwickelte.« Anfangs war er nur imstande, acht Ziegel zu zwölf Pfund

ein jeder, zu tragen, später aber brachte er es zu zwölf und fünfzehn.

»Physische Kraft«, fährt er fort, »ist im Gefängnis nicht weniger nötig,

als moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten

Lebens zu ertragen.«

Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, das Brot sogar in der Stadt

geschätzt; dafür war die Kohlsuppe sehr dünn und wimmelte von

Küchenschaben. Wer ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor

Diebereien der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch die Aufseher

schützen konnte, war in der Lage, sich seine Kost durch kleine Beigaben

von Thee usw. aufzubessern.

Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten unter den Sträflingen,

da sie von Haus aus von zarter Konstitution und verwöhnter waren,

gewisse Erleichterungen verschaffen wollten, sie zum Beispiel als

Schreiber in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele Kabalen,

Intriguen und Angebereien ringsherum, dass eine solche Besserung ihres

Loses niemals länger als Tage anhielt.

Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war nach den Worten des

Dichters das furchtbarste Jahr seines Lebens. Jene Wandlung, welche sich

in ihm der Anlage seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte,

nämlich das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne bittere

Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen gerade von Seiten jener vor

sich, die er ans Herz drücken wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten

ihn, den Edelmann, wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr er

aller Lasten dieses »verfluchten Lebens« mit ihnen gleich teilhaftig

war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm mit Widerwillen,

Misstrauen. Als er mit einigen anderen »Politischen« sich ihnen einmal

anlässlich einer allgemeinen Pretensija, das heisst Generalklage, wegen

der schlechten Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas

geneigter war: »ja warum schliesst Ihr Euch denn der Klage an? Ihr esst

ja doch vom Eigenen?« -- »Ach mein Gott! auch unter Euch giebt es ja

solche, die vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen -- nun

und da mussten wir doch auch -- aus Kameradschaft.«

»Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?« fragte er erstaunt.

»Ich dachte«, fährt der Dichter fort, »ob nicht irgend eine Ironie, ein

Zorn, ein Spott in diesen Worten liege -- aber nein, einfach: keine

Kameradschaft, weiter nichts.«

Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen Verbrechern

angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, wenn wir seine sich immer

vertiefende Überzeugung von der Generalschuld der Menschheit bedenken,

an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, jenes echt

russische, doch ihm allein in so hohem Masse eigene Schuldgefühl, das

jedoch mit der greisenhaften Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als

mit einem jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl

anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich und andere, oder die

schwelgerische Zerknirschung, welche sich mit dem Bekenntnis loskauft,

um aufs neue in Schuld und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys

»Schuld an allem und an allen«, wie er sich ausdrückt, ruft zum Leben,

zur Liebe und zur That auf -- das ist die grosse Trennungslinie zwischen

seinem, dem russischen, Christentum und jenem aller anderen Völker, die

auf diesen Namen hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die

»Unglücklichen«, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft nicht

anerkennen wollten. Auch fand er anfangs Hindernisse in sich selbst.

»Ich schloss die Augen,« sagt er, »und wollte nicht schauen; unter den

bösen und gehässigen Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die guten

nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu fühlen, ungeachtet der

höchst widerwärtigen Rinde, die sie von aussen bedeckte. Unter den

bissigen Worten bemerkte ich manchmal gar nicht das freundliche,

entgegenkommende Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne jegliche

Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus einer Seele kam, welche

vielleicht mehr gelitten und ertragen hatte, als ich.«

Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt hatte, gewahrte

er immer mehr die anderen. »Du meinst,« sagt er an anderer Stelle, »das

sei ein Tier und kein Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine

Minute, da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen, nach

aussen offenbart, und du erblickst einen solchen Reichtum, ein solches

Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen eigener und fremder Leiden,

dass dir förmlich die Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar

deinen Augen und Ohren nicht traust.« In seinem »Tagebuch eines

Schriftstellers« des Jahrgangs 1873 bespricht er immer noch diese Epoche

seiner Wiedergeburt, seiner »Umwandlung«, wie er es nennt, seines

Fortschreitens in der in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir

es nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im unmittelbaren

Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen Vereinigung mit ihm, im

Gleichwerden mit ihm, ja mit seiner niedersten Stufe. »Dies vollzog sich

nicht so schnell,« sagte er, »sondern allmählich und nach einer sehr

langen Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner Wiedergeburt

zu erzählen.« -- Doch hat er sie uns ja ausführlich in seinen »Memoiren

aus einem Totenhause« erzählt.

Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten ist auch ein

Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, den wir in seinem Notizbuche

finden. Es heisst da: »Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch

erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.«

Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre verfocht, sondern sie

in jedem Detail gelebt hat, beweisen tausend kleine Episoden aus seinem

Gefangenenleben -- so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden

Mädchen die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, die

durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie immer, in Ketten

geschmiedet und geschoren zur Messe geführt wurden und nur gedrängt vor

der Kirchenthüre bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als

Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die allerniedersten

Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in der Kinderzeit mit den

Leibeigenen gehalten hatte, die sich auf dem väterlichen Gütchen vor die

Kirchenthüre drängten, während er als »Herrschaft« im Betstuhle sass.

Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen oder andere

ertragen sehen musste, namentlich solche, die sich mit Ekel verbanden,

waren wohl schwerer hinzunehmen: das Schlafen auf den harten Pritschen,

oft zu hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft durch die

hier angebrachten Nachtstühle verpestet war; das gräuliche Dampfbad, in

das sie auf Kommando gepfercht wurden und worin sie in erstickendem

Qualm und ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll ihrer

Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die an die Beine

geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur erinnert lebhaft an die

sogenannten Geduldspiele, wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette

herausbringen soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören.

Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher Qualen ein wenig aufatmen,

so nahmen sie ihre Zuflucht zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital

doch gewisse Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen

gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie der furchtbare

Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch Krankheit, Alter und alle

Unreinlichkeiten früherer Häftlinge besudelte und übelriechende, nie

gereinigte Krankengewand anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten

sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie im Spital ertragen:

den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, welche eben die schweren

Körperstrafen hatten erdulden müssen, 50 -- 100 -- 150 Stockschläge,

unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem Fleische

zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, welcher zu jener Zeit

im Strafhaus amtierte und bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte:

»Ich bin euer Kaiser, ich bin euer Gott,« er verhängte die schwersten

Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er einem der

Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser gesagt hatte: »Wir sind

keine Vagabunden, sondern politische Gefangene.« »Hun -- dert -- Strei

-- che, gleich diesen Augenblick!« schrie in wahnsinniger Wut der »Gott«

des Strafhauses. Der »alte Mann« (er war über fünfzig Jahre alt) legte

sich ohne Widerrede unter die Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die

Hand und ertrug die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich

zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen überaus und sie

begannen von da ab, ihn hochzuschätzen, obwohl er ein Edelmann und noch

dazu ein Pole war. Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der

Rutenstrafe zum Gebet ging.

Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders hervor, dass die

Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter Fall gewesen sei; »man

kann ja auch an einen schlechten Menschen kommen,« meint er. »Die

anderen, höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,«

erläutert er, »sind sie selbst Edelleute, zweitens war es schon früher

manchmal vorgekommen, dass einige von den Edelleuten unter den

Sträflingen sich nicht unter die Rutenhiebe legten, sondern sich auf die

Vollstrecker warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.«

Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden und das

Beiwohnen solch unmenschlicher Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die

schon vorher nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist ganz

klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche Züchtigungen

hätte müssen über sich ergehen lassen. Diese Annahme wurde von vielen

ausgesprochen, und die Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der

Epilepsie, davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und

Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen Züchtigung

unterworfen worden sei, und finden im Zusehen und inneren Erleben einen

ganz genügenden Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen

Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das hatte erkennen

wollen, was sie war.

IV.

Semipalatinsk.

(1854-59.)

Das letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er in fieberhafter

Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen erlangt, durfte Bücher

lesen, an seine Angehörigen schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer

den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da er nämlich zur

Winterzeit angekommen war, so konnte seine Freilassung auch nur zur

selben Jahreszeit stattfinden. »Mit welcher Ungeduld,« sagt er,

»erwartete ich den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des

Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und das Gras der Steppe

verbleicht!« Die allerletzte Zeit aber war wieder eine sehr ruhige für

ihn; je näher der Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er.

Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne brachte er

damit zu, noch einmal um das Gebäude herumzugehen und die Pfähle des

Pallisadenzauns zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner

Gefangenschaft an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt hatte.

Der Abschied von den Genossen war ein sehr verschiedenartiger. Die einen

drückten ihm herzlich die Hand, einige sogar freundschaftlich und

gerührt, aber doch wie einem »Herrn«, manche wendeten sich ab, um einem

Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig nach; auf dem

Antlitz aller aber lag unverhohlen der Gedanke ausgedrückt -- »von

morgen an bist du nie unter uns gewesen.«

Orest Miller setzt in seinen »Materialien« die Enthaftung Dostojewskys

auf den 2. März 1854. Indessen geht aus den Dokumenten, welche uns in

den Archiven der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor,

dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des General-Adjutanten Grafen

Orloff an das Kriegsministerium vom 17. November 1853 (No. 1920) »am

Tage ihrer Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des

sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.«

Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an seine Angehörigen

sind die »Materialien« noch nicht genügend informiert. Seit der

Abfassung derselben, 1883, also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben

sich mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden, welche

auch schon teilweise in verschiedenen Blättern durch die Witwe

veröffentlicht worden sind; so ein Brief vom 22. Februar und, da dieser

unbeantwortet blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach

Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht geschrieben, sowie

sich die ganze Familie, wohl aus Furcht »sich zu kompromittieren«, die

ersten Jahre seiner Strafzeit wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir,

gleichfalls in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür

gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September 1856 neunzehn

Briefe Theodor Michailowitschs an seinen Bruder, seine Angehörigen und

andere Personen durch das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen

Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, zur Beförderung

an ihre Adresse übermittelt worden sind. Ob die Witwe des Dichters,

welcher diese Daten mit uns zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer

unermüdlichen Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, in

diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das wird die Zeit lehren.

Der erste Brief nach der Enthaftung und Einreihung Dostojewskys (in das

7. Linien-Infanterie-Bataillon des sibirischen Corps), den wir kennen,

ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen ihm folgende

Stellen:

»Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass ich Deinen Brief

samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber erhalten habe, wofür ich Dir

herzlich danke. Ich wollte Dir auch gleich antworten, habe aber die Post

versäumt. Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein Teurer,

dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse, dass Deine Briefe mir

ein wahrer Feiertag sind; darum: sei nicht faul! Wir haben einander ja

so lange nichts geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können?

Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast Du nicht

selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind aber erlaubt, ich weiss das

sicher. Übrigens wirst Du jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?«

Nach einer warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder, deren er

jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude darüber aus, dass der

Bruder einen Erwerbszweig gefunden habe, der ihn beschäftigt. Michael

Dostojewsky hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet,

wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten hatte. »Du hast

Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich nötig, verdiene es Dir,

verstärke Deine Thätigkeit, wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht

fallen, was Du begonnen hast.«

»Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem Strafhause und es

bekümmert Dich, dass ich im Hinblick auf meine schlechte Gesundheit

nicht um die Einreihung in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine

Gesundheit würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es nicht. Aber

habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die Versetzung in die Armee ist eine

Allerhöchste Gnade und hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum

kann ich nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge!

Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und rufe mir das

Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich gut und hat sich in diesen

zwei Monaten sehr gebessert; da sieht man, was es heisst, aus der Enge,

der Stickluft und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima ist

ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische Steppe. Die Stadt

ist ziemlich gross und bevölkert, Asiaten giebt es eine Menge. Rings die

offene Steppe. Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer als

in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation keine Spur, kein

Bäumchen -- die nackte Steppe. Einige Werst von der Stadt entfernt ist

ein Fichtenwäldchen, eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da

ist immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume giebt es da

nicht. -- Wild die Menge. Es giebt einen ordentlichen Markt, aber die

europäischen Waren sind so teuer, dass man nicht an sie heran kann.

Einmal werde ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es

lohnt die Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke mir

welche, Bruder -- keine Zeitungen; aber schicke mir europäische

Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot,

Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie

sind alle ins Französische übersetzt). Endlich den Koran und ein

deutsches Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was Du eben

kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und irgend eine Physiologie

(sei's auch eine französische, wenn sie russisch zu teuer ist). Suche

die billigsten und gedrängtesten Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal,

langsam nach einander. Auch für weniges werde ich Dir dankbar sein.

Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! Übrigens brauche ich

Dir ja nichts zu sagen. Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um

Gottes willen vergiss nicht

Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie · 第 4 / 45 题