Nabokow.«

Hier ist zu ergänzen, dass das unvollendete Manuskript, d. h. der

III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur der

»Vaterländischen Annalen« übergeben worden war, wo es im Maiheft

1849 erschien; jedoch, laut Verfügung (vom 28. April) der III.

Abteilung, »ohne Unterschrift des Verfassers«. Diese Erzählung,

Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden.

Diese Berichte über die vorgefundenen Papiere sind insofern

richtig, als für die betreffenden Behörden nur solche Papiere ins

Auge gefasst worden waren, welche zugleich persönliche und

politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe des

Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er nicht im

geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war, also

nichts wegräumen konnte, verschiedene belletristische Schriften,

namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener Zeit bei ihm

gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der Zettel

Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie diese Namen

trugen. Anderes mag wohl durchgeblättert worden und als wertlos

in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei Schriftstücke

zur Ansicht mit der Bitte, übrigens recht harmlose, Stellen aus

dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir auch in

Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die Dossiers

gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im übrigen für uns

nicht von genügendem Interesse, um ihn hier zu bringen, es wäre

denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezählte Freunde,

die zu Durow kommen, »salut et fraternité« entboten wird.

Dostojewsky selbst erzählt den Vorgang dieser Verhaftung mit einem

gewissen Humor in einem Blatte, das er 1860 der Tochter seines Freundes,

des Schriftstellers A. Miliukow, widmet:

»Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich gegen 4 Uhr morgens

von Grigorjew nach Hause, legte mich zu Bette und schlief sofort ein. --

Nicht später als nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf

hindurch, dass irgendwelche ungewöhnliche und verdächtige Leute in meine

Stube getreten waren.

Es klimperte ein Säbel, der unversehens an irgend etwas gestreift hatte.

Was geht da Seltsames vor? Ich öffne mit Mühe die Augen und höre eine

weiche, sympathische Stimme: »Stehen Sie auf!« -- Ich schaue: da steht

der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders Kommandierter mit

hübschem Backenbart. Allein er hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau

gekleideter, mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmückter Herr

gesprochen.

»Was ist geschehen?« frage ich, mich aufrichtend. -- »Auf Befehl« ... --

Ich schaue: richtig »auf Befehl«. In der Thüre steht ein Soldat,

ebenfalls blau. Sein Säbel war es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha!

also das ist's ... dachte ich bei mir.

»Erlauben Sie mir doch ...« begann ich -- »Macht nichts, macht nichts!

kleiden Sie sich an. Wir werden warten,« sagt der Oberstlieutenant mit

noch sympathischerer Stimme. -- Während ich mich ankleide, verlangen sie

die Bücher und beginnen sich hinein zu wühlen -- sie fanden nicht viel,

wühlten aber alles durch. Die Bücher und Schriften banden sie ordentlich

mit einem Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser

Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen und stöberte mit

meinem Tschibuk in der kalten Asche herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier

stieg auf sein Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber

vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf die Erde. Da

überzeugten sich die umsichtigen Herren, dass sich nichts auf dem Ofen

befand. Auf dem Tische lag ein altes verbogenes Fünf-Groschenstück. Der

Pristaw betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem

Oberstlieutenant zu: »Ist's am Ende ein falsches?« fragte ich. »Hm, das

muss man doch auch untersuchen,« murmelte der Pristaw und endigte damit,

dass er auch dieses Stück dem Beweismateriale hinzufügte. Wir traten

hinaus. Uns begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der

zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art stumpfer, dem Ereignis

angemessener Feierlichkeit dreinschaute; übrigens einer nichts weniger

als feiertägigen Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche,

zuerst stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der

Oberstlieutenant. Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrücke beim

Sommergarten. Dort gab es viele Leute und ein bewegtes Kommen und Gehen.

Es begegneten mir viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam.

Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem Range, besorgte den

Empfang ...... ununterbrochen kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein

...... Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn, der eine

Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand mit Bleistift

geschrieben: »Agent der aufgedeckten Sache: Antonelli«. -- So, also

Antonelli ist es -- dachten wir. -- Man postierte uns in verschiedene

Winkel, in der Erwartung der endgiltigen Anordnung, wohin man einen

jeden unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren

unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt), der

Untersuchungs-Richter, herein -- aber hier unterbreche ich meine

Erzählung. Es wäre viel zu erzählen. Aber ich versichere Sie, dass

Leonty Wassiljewitsch ein höchst angenehmer Mensch war.«

Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich des Dichters Bruder

Andreas erzählen sehr eingehend den weiteren Verlauf der Haft, des

Verhörs, der ganzen Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir

nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den oben erwähnten

34 Verhafteten wurden jene ausgewählt, welche auch zu Petraschewsky

kamen -- es waren 23, darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer -- die

übrigen waren Studenten, Universitäts-Kandidaten, Schriftsteller und

Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky war, wie schon

oben gesagt, nur irrtümlicherweise verhaftet worden und das anstatt des

ältesten Bruders Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum

Kreise Petraschewskys gehörte, ja diesem sehr antipathisch

gegenüberstand, jedoch durch Durow einige Bücher aus dieser Gesellschaft

entliehen hatte, was offenbar unter falschem Vornamen angegeben worden

war. Andreas war also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht

worden, wo plötzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuläuft und ihn

erstaunt fragt: »Was machst denn du da, Bruder?« Allein er konnte nicht

antworten, da ein Gendarm sie trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen

warum, in Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt und

fängt allmählich zu begreifen an, um was es sich wohl handeln mag.

Das Verhör, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters, in

was für Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky stehe, ganz naiv

die Gegenfrage stellt: »Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn

der zweite?« bringt seine Unschuld an den Tag, und man hält ihn nur noch

zurück, damit er in der Stadt nicht mit Leuten zusammen komme, »die er

nicht zu treffen habe«. Es stellt sich heraus, dass man auf den

Richtigen gekommen war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den man am

5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei gibt. Eine Stelle aus

einem Briefe Theodor Michailowitschs an den Bruder Andreas drückt noch,

nach einem Zeitraum von 13 Jahren, seine Freude darüber aus, dass dieser

das Missverständnis nicht früher aufgeklärt habe. »Ich erinnere mich

daran,« sagt er, »du mein Teurer, erinnere mich, wie wir einander, es

war wohl das letzte Mal, im weissen Saale begegneten. Es kostete dich

damals nur ein Wort, das du an betreffender Stelle hättest sagen können,

und du wärst sofort, als irrtümlich statt des älteren Bruders

festgenommen, frei gelassen worden. Aber du folgtest meinen

Vorstellungen und Bitten, du gingst grossmütig in die Thatsache ein,

dass der Bruder in sehr engen Verhältnissen lebe, dass seine Frau eben

erst in den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt habe -- du

begriffst das alles und bliebst im Gefängnis, um den Bruder Zeit zu

lassen, seine Frau vorzubereiten und sie nach Möglichkeit für eine

vielleicht lange Zeit seiner Abwesenheit sicherzustellen.[4]

[Fußnote 4: Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher

zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys

besteht, worin es heisst, dass die Brüder im weissen Saale einander zwar

begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser der Begrüssung, mit einander

gewechselt hatten. Auch Orest Miller ist dieser Widerspruch während der

Bearbeitung seiner Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich

veranlasst sah, Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn über das Detail

jenes Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner »Materialien zu

einer Biographie Dostojewskys« klärt er uns denselben auf. Die Brüder

hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit einander gewechselt,

allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht, auf einem Zettel alle

diese Vorstellungen dem Bruder zukommen zu lassen, welchen Zettel dieser

aber niemals erhielt.]

»Wenn du einmal so grossmütig und ehrenhaft gehandelt hast«, fährt

Dostojewsky fort, »so konnte ich dich ja auch nicht vergessen und musste

ich ja deiner, als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.«

Zum Verlauf der Untersuchung zurückkehrend, erzählt Orest Miller, dass

der General Rostowzew Dostojewsky nahe gelegt habe, »alles zu erzählen«.

Dieser beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend. Da

wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: »Ich kann nicht glauben,

dass ein Mensch, welcher »Arme Leute« geschrieben hat, mit diesen

lasterhaften Menschen gemeinsame Sache machen könne. Das ist unmöglich.

Sie sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im Namen des

Kaisers bevollmächtigt, Sie zu begnadigen, wenn Sie die ganze Sache

erzählen.« Ich schwieg, erzählte Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte

General-Lieutenant Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen

Rostowzew gewendet lächelnd: »Ich habe es Ihnen ja gesagt«, worauf

dieser schrie: »Ich kann Dostojewsky nicht mehr sehen«, in die nächste

Stube lief und von da heraus rief: »Ist Dostojewsky schon

hinausgegangen? Sagt mir, wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen«.

Dies alles schien Dostojewsky sehr übertrieben zu sein.

Aus den Protokollen in den Archiven der dritten Abteilung entnehmen wir,

dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission unter Vorsitz des

General-Adjutanten Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prüfung dieser

Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849 neunzig Sitzungen

widmete. Die Kapitalanklage gegen Petraschewsky lautete auf:

»Verbrecherische Versuche, die bestehende Staats-Verfassung in Russland

zu stürzen, Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und

jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenkünften,

Verbreitung schädlicher Ideen über die Religion, Erweckung von Hass

gegen die Obrigkeit, und endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur

Erreichung dieser verbrecherischen Ziele zu gründen«.

Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: »dass er ebenfalls (gleich Durow)

an diesen verbrecherischen Plänen teilgenommen, dass er einen Brief

Belinskys an Gogol verbreitet habe, der voll frecher Ausdrücke gegen die

rechtgläubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und dass er den

Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von Schriften gegen die Obrigkeit

im Verein mit anderen eine geheime Lithographie herzustellen.«

Dostojewskys nervöser Zustand, der schon vor der Arretierung ihm sehr

beschwerlich gewesen war, wurde nach seiner acht Monate währenden

Untersuchungshaft bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhöre und

das eindringliche Zureden, er möge in seinen mündlichen und

schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so dass er endlich, dessen

müde, sich selbst einen bedeutend grösseren Anteil bei der Sache

vindicierte, als er in der That daran genommen hatte, und so hoffte,

dieselben Qualen des Verhörs von den Mitangeklagten abzulenken.

Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen

lassen wir hier in getreuer Übersetzung des Original-Manuskripts folgen.

Oberflächlichen Kennern Dostojewskys, welche jedoch über die Thatsachen

dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt dieser,

im August 1898 in der »N. Fr. Presse« durch uns veröffentlichten

Verteidigungsschrift lediglich ein »advokatorisches Meisterstück«. Wer

des Dichters Grundnatur und seinen inneren Entwickelungsgang näher

kennt, wird dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky

»das Zeug zum Verschwörer« haben mochte, wie man von ihm sagte, und

so oft er selbst von einer »Umkehr« spricht, lag doch der

slavisch-mystische Wesenskeim zu tief in seiner Natur, um nicht bei der

ersten Erschütterung seiner revolutionären Anwandelungen entschieden und

endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der Atheismus, welchem er

sicher um jene Zeit gehuldigt haben muss, und der sich dreissig Jahre

später im herrlichen Kapitel »Der Grossinquisitor« wiederspiegelt,

dieser Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen

Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem kühlen Indifferentismus in

Glaubenssachen, wie er das endgiltige Merkmal des echten Revolutionärs

ist. Wenn wir hier diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf

hinweisen, dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit und

berechnenden Wahrheitskühnheit auch viel wirkliche Wahrheit enthalten

ist, namentlich an jener Stelle, wo Dostojewsky die bekannte Aksakowsche

Geschichts-Anschauung entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen

Ausspruch über sich protestieren, so geschieht dies nicht, um ihn »rein

zu waschen« oder »päpstlicher als der Papst« zu sein, sondern um den

Wendungen und Windungen dieser höchst komplizierten Natur nachzugehen,

die sich oft »zur Wahrheit durchlog«, mit der Wahrheit spielte und der

es doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig bewegte Geist

nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede lautet wie folgt:

Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse

Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der

Untersuchungs-Kommission unter dem Vorsitze des

General-Adjutanten Nabokow am 20. Juni 1849.

»Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich über Petraschewsky und

über jene Leute, welche seine Freitags-Abende besuchten, weiss, aussagen

soll, das heisst, man verlangt meine Aussage über Fakten und meine

persönliche Meinung über diese Fakten.

Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhöre zusammenhalte, so

schliesse ich, dass man von mir eine genaue Antwort auf folgende Punkte

fordert:

1. Darauf, was für einen Charakter Petraschewsky als Mensch im

allgemeinen und als Politiker im besonderen hatte.

2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei Petraschewsky

vorging, sowie meine Meinung über diese Abende.

3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der Gesellschaft

Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky selbst ein für die

Gesellschaft schädlicher Mensch und in welchem Grade er es war.

Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky gestanden,

obwohl ich an Freitags-Abenden zu ihm kam und auch er mich besuchte.

Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir nicht allzu viel

gelegen war, da ich weder im Charakter noch in vielen Anschauungen mit

Petraschewsky übereinstimmte. Darum erhielt ich diese Beziehung nur

insoweit, als es die Höflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte ihn

etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener. Ihn aber vollständig

aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache; überdies war es mir manchmal

interessant, seine Freitage zu besuchen.

Mich haben immer viele Excentrizitäten und Absonderlichkeiten im

Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere Bekanntschaft begann sogar

damit, dass er bei der ersten Zusammenkunft durch seine

Absonderlichkeiten meine Neugierde erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft

zu ihm; es geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm war.

Im vorigen Winter war ich vom September angefangen nicht mehr als

achtmal bei ihm. Wir waren niemals intim mit einander, und ich glaube,

dass wir während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals mehr als

eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander gesprochen haben. Ich

habe sogar entschieden bemerkt, dass er, indem er zu mir kam, gleichsam

eine Pflicht der Höflichkeit erfüllte, dass aber zum Beispiel ein langes

Gespräch mit mir ihm lästig war. Bei mir war dasselbe der Fall, da wir,

wie ich wiederhole, weder in den Ideen noch in den Charakteren

Vereinigungspunkte hatten. Wir fürchteten beide, länger mit einander zu

sprechen, da wir vom zehnten Worte an mit einander gestritten hätten,

dies aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere

gegenseitigen Eindrücke die gleichen waren; wenigstens weiss ich, dass

ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft nicht sowohl um seiner selbst

willen und wegen der »Freitage« fuhr, als um dort manche Leute zu

treffen, die ich, obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich

selten sah und welche mir gefielen. Übrigens habe ich Petraschewsky

immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen geachtet.

Über seine Excentrizitäten und Absonderlichkeiten sprechen viele, fast

alle, welche ihn kennen oder von ihm gehört haben, und beurteilen ihn

sogar danach. Ich habe mehreremale die Meinung äussern hören, dass

Petraschewsky mehr Geist als Vernunft habe; thatsächlich wäre es sehr

schwer, sich viele seiner Sonderbarkeiten zu erklären. Es geschah nicht

selten, dass man ihn bei einer Begegnung auf der Strasse fragte, wohin

er gehe und was er vorhabe, worauf er etwas so Absonderliches

antwortete, einen so sonderbaren Plan mitteilte, den er soeben

auszuführen ginge, dass man nicht wusste, was man vom Plan und von

Petraschewsky selbst denken sollte. Um einer Sache willen, welche keinen

Deut wert ist, machte er so viel Wesens, als ob es sich um sein ganzes

Vermögen handle. Ein andermal eilt er auf eine halbe Stunde irgend

wohin, um ein ganz kleines Geschäftchen abzumachen, beendet aber dieses

»kleine Geschäftchen« ungefähr in zwei Jahren. Er ist ein Mensch, der

sich fortwährend etwas zu schaffen macht, immer in Bewegung ist, den

immer irgend etwas treibt. Er liest viel, schätzt das System Fouriers

und hat es sich bis ins Detail angeeignet. Ausserdem beschäftigt er sich

hauptsächlich mit dem Studium der Gesetzgebung. Dies ist alles, was ich

von ihm als Privatperson nach Daten weiss, welche zu unvollständig sind,

um einen Charakter solcher Art vollkommen zu beurteilen. Denn das

wiederhole ich noch einmal, ich habe niemals in all zu nahen Beziehungen

zu ihm gestanden.

Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische Person

betrachtet) irgend ein bestimmtes System in seinen Meinungen, irgend

eine bestimmte Anschauung in politischen Dingen gehabt hätte. Ich habe

bei ihm nur Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht das

seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass besonders Fourier es

ist, welcher ihn daran hindert, die Dinge selbständig anzusehen. Ich

kann übrigens unbedingt sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der

Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen Systems auf

unsere gesellschaftlichen Zustände möglich sei. Davon war ich immer

überzeugt.

Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei ihm versammelte,

bestand fast ausschliesslich aus seinen nahen Freunden oder alten

Bekannten; so denke ich wenigstens. Übrigens tauchten auch manchmal neue

Personen auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte, ziemlich

selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich nur einen sehr kleinen Teil

genauer. Andere kenne ich nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre

Gelegenheit hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gäste Petraschewskys

kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit einem oder zwei Jahren

an Freitagen mit ihnen zusammenkomme. Allein, obwohl ich nicht alle

Personen gut kenne, habe ich doch manche ihrer Meinungen gehört. Alle

diese Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die eine

widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit in der

Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei Richtung, keinerlei

gemeinschaftliches Ziel. Man kann unbedingt sagen, dass man dort nicht

drei Menschen fände, welche in irgend einem Punkte über ein beliebig

aufgegebenes Thema übereinstimmten. Daher gab es viele Debatten, daher

der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten! An einigen

dieser Streitigkeiten habe auch ich teilgenommen.

Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen Streitigkeiten

teilgenommen habe und über welches Thema ich hauptsächlich sprach, muss

ich einige Worte über das sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich

weiss ich bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man hat mir

nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen Besprechungen bei

Petraschewsky teilgenommen, dass ich wie ein Freidenker gesprochen und

zuletzt einen Artikel vorgelesen habe: »Briefwechsel Belinskys mit

Gogol«. Ich sage aus reinem Herzen, dass es für mich bis heute das

Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker, Liberaler zu

definieren. Was versteht man unter diesem Worte: Einen Menschen, welcher

ungesetzlich spricht? Ich habe aber Menschen gesehen, für die es

gesetzwidrig sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf

schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche im stande

sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen, was nur ihre Zunge

herunterzudreschen vermag. Wer hat meine Seele gesehen? Wer hat den Grad

von Treubruch, von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen

man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese Bestimmung gemacht

worden? Es kann sein, dass man nach einigen Worten urteilt, welche ich

bei Petraschewsky gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe

ich über Litteratur und einmal über einen durchaus nicht politischen

Gegenstand gesprochen: über Persönlichkeit und menschlichen Egoismus.

Ich erinnere mich nicht, dass irgend etwas Politisches oder

Freidenkerisches in meinen Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht,

dass ich mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen und

mich gezeigt hätte, wie ich in der That bin. Allein ich kenne mich, und

wenn man meine Anklage auf einige Worte gründet, die man im Fluge

erhascht und auf einen Fetzen Papier geschrieben hat, so fürchte ich

auch eine solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen

Beschuldigungen die gefährlichste ist; denn es giebt nichts

Verderblicheres, Verwirrenderes und Ungerechteres als einige in der

Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von weiss Gott wo

herausgerissen sind, sich auf weiss Gott was beziehen, im Fluge gehört

und im Fluge verstanden worden, am alleröftesten jedoch gar nicht

verstanden worden sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und fürchte

sogar eine solche Anschuldigung nicht.

Ja, wenn das Bessere wünschen Liberalismus, Freidenkerei ist, so bin ich

vielleicht in diesem Sinne ein Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem

Sinne, in welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden kann,

der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet, ein Staatsbürger zu

sein, das Recht empfindet, seines Vaterlandes Wohl zu wünschen, da er in

seinem Herzen sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein

trägt, dass er es niemals und durch nichts schädigen werde.

Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er sich auf das Mögliche

oder das Unmögliche? Mag man mich auch beschuldigen, die Veränderung,

den Umsturz auf gewaltsamem, revolutionärem Wege, durch Aufreizung zu

Erbitterung und Hass gewünscht zu haben! Ich fürchte nicht, dessen

überführt zu werden, denn keine Angeberei der Welt wird mir etwas geben

oder etwas nehmen: keine Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu

sein, als ich thatsächlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin, dass

ich laut von Dingen gesprochen habe, über welche zu schweigen andere als

ihre Pflicht erachten, nicht etwa, weil sie sich fürchten, etwas gegen

die Obrigkeit zu sagen (das kann man ja auch nicht im Gedanken!),

sondern weil nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von dem

es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut bespricht. Ist es das?

Mich aber hat sie sogar immer verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die

eher imstande ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu

sein. Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persönlichkeit nicht

genügenden Schutz gewähren, und dass man um eines leeren Wortes, um

einer unvorsichtigen Phrase willen verloren sein konnte.

Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt, dass man ein lautes,

offenes Wort, das halbwegs einer Meinung ähnlich sieht und geradaus,

ohne Hinterhalt, ausgesprochen wurde, als eine Excentricität betrachtet!

Meine Meinung ist, dass es für uns selbst bedeutend besser wäre, wenn

wir alle der Obrigkeit gegenüber aufrichtiger wären. Es hat mir immer

Kummer gemacht, dass wir alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas

fürchten, dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf öffentlichen Plätzen

zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch, finster anschaut, ihn

von der Seite misst und wir immer irgend jemanden verdächtigen. Fängt

zum Beispiel irgend wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar

flüsternd und mit geheimnisvoller Miene sprechen, läge auch die Republik

seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man wird sagen: »Es ist auch

besser, dass man bei uns nicht auf dem Markte schreit.« Ohne Zweifel

wird niemand ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein

übertriebenes Schweigen und eine übermässige Angst werfen auf unser

Alltagsleben ein düsteres Kolorit, welches alles in einem freudlosen,

unfreundlichen Lichte erscheinen lässt, und was das Beleidigendste ist,

dieses Kolorit ist ein falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos,

unnütz (ich glaube daran), alle diese Befürchtungen sind weiter nichts

als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen nur selbst

unnützerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei und unser

Misstrauen. Denn aus diesem gespannten Zustande entsteht oft viel Lärm

um nichts. Da erhält das gewöhnlichste laut ausgesprochene Wort

bedeutend mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt durch die

Excentricität, in der es da erscheint, manchmal kolossale Dimensionen an

und wird unrichtigerweise anderen (ungewöhnlichen und nicht wirklichen)

Ursachen zugeschrieben. Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine

bewusste Überzeugung besser, fester sei als eine unbewusste, die nicht

widerstandsfähig, schwankend ist und von jedem Winde umgeworfen wird,

der sich erhebt. Das Bewusstsein aber reift nicht, lebt sich nicht aus,

wenn du schweigst. Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir

zerbröckeln uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung. Wer

trägt aber an diesem Zustande die Schuld? Wir, wir selbst und kein

anderer -- ich habe immer so gedacht.

Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gespräche als Beispiel

angeführt habe, so bin ich doch selbst weit entfernt davon, ein Schreier

zu sein; dies wird jeder von mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es

nicht, viel und laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich

sehr wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo ich auch

den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen Menschen habe. Ich

habe sehr wenig Bekanntschaften; die Hälfte meiner Zeit nimmt die Arbeit

ein, welche mich ernährt, die zweite Hälfte raubt mir die Krankheit, die

in hypochondrischen Anfällen besteht, an welchen ich schon nahezu drei

Jahre leide. Es bleibt kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren,

was in der Welt vorgeht. Für Freunde und Bekannte bleibt daher äusserst

wenig Zeit übrig. Wenn ich daher jetzt gegen das System des allgemeinen,

gleichsam systematischen Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so

geschieht es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine Überzeugung

auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu verteidigen. Allein

wessen klagt man mich denn an? Man klagt mich an, dass ich über Politik,

über den Westen, über die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht

denn nicht in unserer Zeit über diese Fragen, wer denkt nicht an sie?

Wozu habe ich denn gelernt, warum ist durch das Studium Wissbegierde in

mir erweckt worden, wenn ich nicht das Recht haben soll, meine

persönliche Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer

anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine Autorität ist?

Im Westen gehen schreckliche Dinge vor, spielt sich ein ungeheures Drama

ab; es kracht und zerbröckelt sich die Jahrhunderte alte Ordnung der

Dinge. Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen jeden

Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation bei ihrem Einsturz mit

sich zu reissen. 36 Millionen Menschen stellen jeden Tag buchstäblich

ihre ganze Zukunft, ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf das

Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit,

Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die Seele zu erschüttern? Dies ist

dasselbe Land, welches uns Wissenschaft, Bildung, europäische

Zivilisation gegeben hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist

schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre von der

Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen, uns, denen man einen

gewissen Grad von Bildung gegeben, in denen man den Durst nach

Kenntnissen und Kultur geweckt hat -- kann man uns denn dafür anklagen,

dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und da über den Westen,

über die politischen Ereignisse zu sprechen, die Bücher vom Tage zu

lesen, der Bewegung des Westens zuzusehen, ja sie nach Möglichkeit zu

studieren? Kann man mich denn deswegen anklagen, dass ich mit einem

gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche das unglückliche

Frankreich in Trauer stürzt und zerreisst, dass ich vielleicht diese

historische Krisis für unumgänglich halte, als einen Übergangszustand

(wer kann es jetzt beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte,

welcher endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese Meinung,

weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei über den Westen und

die Revolution niemals erstreckt.

Wenn ich nun über den französischen Umsturz gesprochen habe, wenn ich

mir erlaubt habe, über die gegenwärtigen Ereignisse zu urteilen, folgt

daraus, dass ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen

hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass ich diese

untergrabe? -- Unmöglich! Für mich hat es niemals einen grösseren Unsinn

gegeben, als die Idee einer republikanischen Staatsform in Russland.

Allen, welche mich kennen, ist meine Meinung darüber bekannt; ja,

endlich wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen Überzeugungen,

meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es kann sein, dass ich mir noch die

Revolution des Westens und die historische Unumgänglichkeit der Krisis,

welche sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige

Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnäckiger Kampf der

Gesellschaft gegen eine Autorität hingezogen, welche sich durch

Eroberung, Gewaltsamkeit und Unterdrückung auf einer Fremdkultur

gründete. Und bei uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen

gebildet, davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das Sinken

Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der Schwächung und

Zerbröckelung der Autorität; 2. die Missstände der Nowgorodschen

Republik, einer Republik, welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf

slavischer Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die

zweimalige Rettung Russlands durch die Macht der Autorität, durch die

Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch die Vertreibung der

Tataren, das zweite Mal in der Reform Peters des Grossen, da nur der

warme kindliche Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand

setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben zu ertragen. Ja,

und wer denkt denn bei uns an Republik? Wenn auch Reformen bevorstehen,

so wird es sogar für jene, welche sie wünschen, klar sein wie der Tag,

dass diese Reformen gerade von einer für diese Zeit noch kräftigeren

Autorität ausgehen müssen, wenn sie nicht in revolutionärer Weise vor

sich gehen sollen. Ich denke nicht, dass in Russland ein Liebhaber des

russischen Aufstandes gefunden werden könnte. Es sind wohl Beispiele

davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon lange her ist,

dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe ich mich jetzt an meine

eigenen oft wiederholten Worte erinnert, dass alles Gute, das es nur

jemals in Russland gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer

von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten aber noch nichts

aufgetaucht ist als Eigensinn und Rohheit. Diese meine Meinung wissen

viele, die mich kennen.

Ich habe über die Zensur gesprochen, über ihre masslose Strenge in

unserer Zeit; ich habe darüber geklagt, denn ich habe gefühlt, dass da

ein Missverständnis sich gebildet hat, aus welchem ein für die

Litteratur schwerer und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war

mir ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren Tagen

durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird; dass die Zensur den

Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben hat, als eine Art

natürlichen Feind der Obrigkeit ansieht und sich daran macht, seine

Manuskripte mit einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es

macht mich traurig, zu hören, dass man manches Werk verbietet, nicht

weil man darin irgend etwas Liberales, Freidenkerisches, der Obrigkeit

Widerstreitendes fände, sondern zum Beispiel darum, weil die Erzählung

oder der Roman allzu traurig endet, weil ein allzu düsteres Bild darin

aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in der Gesellschaft

anklagt oder verdächtigt, und obwohl die Tragödie selbst auf eine

durchaus zufällige und äusserliche Weise vor sich gegangen. Man möge

doch alles durchsehen, was ich geschrieben, sei es gedruckt oder

ungedruckt, man möge die Handschriften meiner schon gedruckten Werke

durchlesen, da wird man sehen, wie sie vor der Übergabe an die Zensur

beschaffen waren; man suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die

Sittlichkeit und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet wäre. Und

dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot unterworfen, einzig nur

darum, weil das Bild, das ich entwarf, mit allzu düsteren Farben gemalt

war. Wenn sie aber wüssten, in welche traurige Lage der Autor dieses

verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor der

Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen, schlimmer als

das, denn die Arbeit gab mir die Mittel zu meiner Erhaltung.

Ja, überdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei allem Harm, ja fast

in Verzweiflung (denn von der Geldfrage ganz abgesehen, ist es bis zur

Verzweiflung unerträglich, das Werk, das man geliebt hat, daran man

Arbeit, Gesundheit, die besten Kräfte der Seele gewendet, aus

_Missverständnis_, aus _Misstrauen_ verboten zu sehen), ich musste also

überdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung so viele leichte,

heitere Stunden finden, um in dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit

heiteren, rosenfarbigen, angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben

musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich geredet habe, wenn

ich mich ein wenig beschwert habe (und ich habe mich so wenig beklagt!)

-- war ich darum ein Freidenker? Und über was habe ich mich beschwert?

Über ein Missverständnis! Gerade dagegen habe ich mich mit allen Kräften

gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder Schriftsteller schon von

vornherein verdächtigt wird, dass man ihn ohne Verständnis, mit

Misstrauen ansieht, und habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf

erhoben, dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses

verderbliche Missverständnis zu zerstören. Verderblich darum, weil es

für die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten Lage zu bestehen.

Ganze Kunstarten müssen auf diese Weise verschwinden. Die Satire, die

Tragödie können nicht mehr dabei aufkommen. Es können bei der Strenge

unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ja sogar keine

Puschkins bestehen. Die Satire verspottet das Laster und meistens das

Laster, das unter der Tugendmaske einhergeht. Wie kann man sich jetzt

auch nur die geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in allem

eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter sei, dass das

vielleicht vom Autor auf irgend eine Persönlichkeit, auf irgend eine

Ordnung der Dinge gemünzt sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass

ich, alles Harms vergessend, über das herzlich gelacht habe, was der

Zensor in meinen oder anderer Autoren Schriften als für die Gesellschaft

schädlich und für den Druck unzulässig erachtete. Ich lachte darum, weil

in unserer Zeit ähnliche Verdachtsgründe gar niemandem als dem Zensor in

den Kopf kommen konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert

man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor sichtlich mit der

Anstrengung aller seiner geistigen Kräfte wie einer ewigen unwandelbaren

Idee nachjagt, die sein Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen

hat, die er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst in seiner

Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen, selbst mit furchtbaren,

nie dagewesenen Farben ausgemalt hat, bis er zuletzt sein Phantom

mitsamt der unschuldigen Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen

Satz des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man das Laster

und die traurige Seite des Lebens verdeckt, damit vor dem Leser auch das

wirkliche Laster und die traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein!

Der Schriftsteller wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens

vor dem Leser systematisch verhüllt, diesem nichts verdecken, sondern

vielmehr in ihm den Verdacht erwecken, dass er nicht aufrichtig, nicht

gerecht sei. Ja, kann man denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann

denn die helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen

Hintergrund? Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht und

Schatten hätte? Wir haben vom Lichte nur darum einen Begriff, weil auch

Schatten vorhanden ist. Man sagt: man beschreibe nur Vorzüge und

Tugenden. Aber wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster; die

Begriffe selbst vom Guten und Bösen sind daraus entstanden, dass das

Gute und das Böse immer nebeneinander dagewesen sind. Wollte ich aber

nur daran denken, Rohheit, Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu

bringen, sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schöpfen, wird

denken, dass ich dies alles überhaupt auf alles ohne Ausnahme anwende.

Ich bin nicht auf die Schilderung des Lasters und der düsteren Seiten

des Lebens erpicht! Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich

spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich sah und mich

davon überzeugte, dass zwischen der Litteratur und der Zensur ein

Missverständnis bestehe (nur Missverständnis, weiter nichts), habe ich

darüber geklagt, habe inständig gebeten, dass dieses Missverständnis so

schnell als möglich gehoben werde, weil ich die Litteratur liebe und

nicht umhin kann, mich für sie zu interessieren, weil ich weiss, dass

die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens, ein Spiegel der

menschlichen Gesellschaft ist. Mit der Kultur und Zivilisation treten

neue Begriffe auf, welche eine Bestimmung, eine russische Benennung

brauchen, um dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist es,

das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermöchte, da die

Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern von oben. Nur jene

Gesellschaft vermag den neuen Begriffen einen Namen zu geben, welche die

Zivilisation vor dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der

Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen kultiviert

worden ist. Wer ist es denn, der die neuen Ideen in eine solche Form

giesst, dass das Volk sie verstehe? Wer anders als die Litteratur! Ohne

sie wird die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke

aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was man von ihm will.

Wie war die russische Sprache zur Zeit Peters des Grossen beschaffen?

Halb russisch und halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe,

deutsche Sitten die Hälfte des russischen Lebens ausmachten. Allein das

russische Volk spricht nicht deutsch, und das Erscheinen Lomonossows

sofort nach Peter dem Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die

Gesellschaft nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlöschen war, und

ich wiederhole es zum zehntenmale: das Missverständnis, das zwischen der

Litteratur und den Zensoren entstanden war, regte mich auf, quälte mich.

Da redete ich -- allein ich redete nie von Übereinstimmung, von

Vereinigung, von der Vernichtung des Missverständnisses. Ich hetzte

niemanden um mich herum auf, _da ich ein Glaubender war_. Ja, und ich

sprach davon nur mit meinen nächsten Freunden, mit meinen litterarischen

Berufsgenossen. Ist das eine schädliche Freidenkerei?

Man klagt mich an, dass ich an einem der Abende bei Petraschewsky den

Artikel »Korrespondenz Belinskys mit Gogol« vorgelesen habe. Ja, ich

habe diesen Artikel gelesen, kann aber derjenige, welcher mich angezeigt

hat, sagen, für welche der beiden korrespondierenden Personen ich Partei

genommen habe? Er möge sich nur erinnern, ob etwa in meinen Ansichten

(die ich übrigens zurückhielt), oder etwa in meiner Intonation, in

meinen Gesten etwas lag, das kundgegeben hätte, ob ich mich der einen

oder der anderen Person gegenüber parteiischer verhalten habe! Natürlich

wird er das nicht sagen. Belinskys Brief ist allzu seltsam geschrieben,

als dass er irgend welche Sympathie erwecken könnte. Schmähungen stossen

die Herzen ab, anstatt sie uns zuzuwenden, der ganze Brief aber ist von

Schmähungen und Galle erfüllt. Endlich ist der ganze Brief ein Beispiel

ohne Beweiskraft -- ein Mangel, den Belinsky in seinen kritischen

Artikeln niemals ablegen konnte und der im Verhältnisse zur Erschöpfung

seiner physischen und geistigen Kräfte durch die Krankheit immer

zunimmt. Diese Briefe sind im letzten Jahre seines Lebens zur Zeit

seines Aufenthaltes im Auslande geschrieben worden. Eine gewisse Zeit

lang war ich ziemlich nahe mit Belinsky bekannt. Er war, als Mensch

betrachtet, einer der vortrefflichsten. Allein die Krankheit, welche ihn

niederwarf, hat auch den Menschen in ihm gebrochen. Sie hat seine Seele

grausam und starr gemacht und sein Herz mit Galle erfüllt. Seine

zerrüttete, überspannte Einbildungskraft vergrösserte alles ins

Kolossale und zeigte ihm Dinge, die nur er allein zu sehen vermochte. Es

traten bei ihm Mängel und Fehler auf, von welchen im gesunden Zustande

auch keine Spur vorhanden war. Unter anderem zeigte sich eine äusserst

reizbare und empfindliche Eigenliebe. In der Zeitschrift, zu deren

Mitarbeitern er zählte und wo er seiner Krankheit wegen sehr wenig

arbeitete, hatte ihm die Redaktion die Hände gebunden und liess ihn

nicht allzu ernste Artikel schreiben. Das verletzte ihn. In dieser

Stimmung nun war es, dass er seinen Brief an Gogol schrieb. In der

Schriftstellerwelt ist sehr vielen mein Streit und meine endgiltige

Entzweiung mit Belinsky im letzten Jahre seines Lebens nicht unbekannt.

Es ist auch die Ursache dieser Auseinandersetzung bekannt: es handelte

sich um Ideen über Litteratur und um die Richtung derselben. Meine

Anschauung war derjenigen Belinskys diametral entgegengesetzt. Ich

machte ihm den Vorwurf, dass er sich bemühe, der Litteratur eine

besondere, ihrer nicht würdige Bestimmung zu geben, indem er sie nur zur

Beschreibung -- wenn man so sagen darf -- von _Zeitungsfakten_ oder

skandalösen Vorkommnissen herabzog. Ich entgegnete ihm namentlich, dass

man mit Galle niemanden an sich ziehe, sondern vielmehr alle und jeden

tödlich langweilen werde, wenn man jeden erstbesten, der uns in den Weg

läuft, anpackt, jeden Vorübergehenden am Knopfe seines Rockes festhält,

ihm gewaltsam eine Predigt halten und ihn eines Besseren belehren will.

Belinsky wurde böse auf mich, und so gingen wir endlich von Erkältung zu

förmlichem Bruch über, so dass wir uns im ganzen Verlaufe seines letzten

Lebensjahres nicht mehr sahen. Ich hatte lange den Wunsch gehabt, diese

Briefe zu lesen. In meinen Augen ist diese Korrespondenz ein ziemlich

bemerkenswertes litterarisches Gedenkblatt. Sowohl Belinsky als Gogol

sind höchst bedeutende Persönlichkeiten. Ihre Beziehungen zu einander

sind sehr interessant -- umsomehr für mich, da ich mit Belinsky bekannt

gewesen war. Petraschewsky hatte diese Briefe zufällig in meiner Hand

erblickt und gefragt: Was ist das? Da ich keine Zeit hatte, ihm sie

sogleich zu zeigen, versprach ich ihm, sie ihm am Freitag zu bringen.

Ich hatte mich selbst dazu angetragen und musste nun mein Wort halten.

Ich habe diesen Artikel wie ein litterarisches Gedenkblatt, nicht mehr,

nicht weniger, vorgelesen, fest überzeugt, dass er niemanden verlocken

könne, obwohl er eines gewissen litterarischen Wertes nicht ermangelt.

Was mich anbelangt, so bin ich buchstäblich nicht mit einer einzigen der

Übertreibungen einverstanden, die sich darin befinden. Und nun bitte

ich, folgenden Umstand in Erwägung zu ziehen: Würde ich es denn

unternehmen, den Artikel eines Menschen vorzulesen, mit welchem ich

gerade um seiner Ideen willen im Streite gelegen hatte (das ist kein

Geheimnis, es ist vielen bekannt), ja noch dazu einen im kranken

Zustande, in geistiger und seelischer Zerrüttung geschriebenen Artikel,

würde ich es unternehmen, diesen Artikel zu lesen, ihn als ein Vorbild,

eine Formel aufzustellen, der man nacheifern muss? Ich habe erst jetzt

begriffen, dass ich damit einen Irrtum begangen habe, und dass es nicht

in der Ordnung war, diesen Artikel laut vorzulesen; aber damals habe ich

mich nicht besonnen, denn ich habe auch nicht geahnt, wessen man mich

beschuldigen kann, habe keine Sünde darin vermutet. Aus Achtung für

einen schon dahingeschiedenen, in seiner Zeit bedeutenden Menschen,

dessen Urteil man um einiger litterarisch-ästhetischer Artikel willen

schätzt, die thatsächlich mit grosser Kenntnis der Litteratur

geschrieben sind; endlich aus dem heiklen Gefühl, welches gerade durch

meine Entzweiung mit ihm um dieser Ideen willen (welche vielen bekannt

sind) in mir verursacht wurde, las ich die ganze Korrespondenz, mich

jeder Bemerkung enthaltend und mit vollständiger Unparteilichkeit.

Ich habe erwähnt, dass ich über Politik, über Zensur und anderes

gesprochen habe; aber da habe ich unnütz über mich ausgesagt. Ich wollte

damit nur ein Bild meiner Ideen entwerfen. Niemals habe ich bei

Petraschewsky über diese Gegenstände gesprochen. Ich habe bei ihm nur

dreimal oder, besser gesagt, zweimal gesprochen: einmal über Litteratur

anlässlich eines Streites mit Petraschewsky über Krylow, und ein

zweitesmal über Persönlichkeit und über Egoismus. Im allgemeinen bin ich

kein redseliger Mensch und liebe nicht, an Orten laut zu sprechen, wo

mir fremde Personen gegenwärtig sind. Meine Denkungsart, sowie meine

ganze Person sind nur sehr wenigen, nur meinen Freunden bekannt. Grossen

Streitigkeiten gehe ich aus dem Wege und gebe gern nach, nur um in Ruhe

gelassen zu werden. Aber ich wurde zu diesem litterarischen Streite

herausgefordert durch ein Thema, welches von meiner Seite aus hiess,

dass die Kunst keiner Tendenzrichtung bedarf, dass die Kunst sich selbst

Zweck ist, dass der Autor sich nur um das Künstlerische zu kümmern habe;

die Idee werde schon selbst erscheinen, denn sie ist die unumgängliche

Bedingung des Künstlerischen. Mit einem Worte: es ist bekannt, dass

diese Richtung dem Zeitungswesen und der Brandstiftung diametral

entgegengesetzt ist. Ebenso ist es vielen bekannt, dass ich diese

Richtung schon durch mehrere Jahre vertrete. Endlich haben alle bei

Petraschewsky unseren Streit gehört, alle können das bezeugen, was ich

gesprochen habe. Es hat damit geendigt, dass es sich zeigte, dass

Petraschewsky dieselben Ideen über Litteratur hatte, wie ich, dass wir

einander aber nicht verstanden. Dieses Resultat unseres Streites haben

viele gehört, und ich habe bemerkt, dass der ganze Streit teilweise aus

Eigenliebe entstanden war, weil ich einmal Petraschewskys genaue

Kenntnis dieses Gegenstandes bezweifelte. Was nun das zweite Thema

anbelangt, über Persönlichkeit und Egoismus, so wollte ich darin

nachweisen, dass unter uns mehr Ehrgeiz als wirkliche menschliche Würde

vorhanden sei, dass wir in Selbstverkleinerung, in die Zerbröckelung der

Persönlichkeit verfallen, und zwar aus kleinlicher Eigenliebe, aus

Egoismus und aus der Ziellosigkeit unserer Arbeiten. Dies ist ein rein

psychologisches Thema. Ich habe gesagt, dass in der Gesellschaft, welche

bei Petraschewsky zusammenkam, nicht das geringste Zielbewusstsein,

nicht die geringste Einheit, weder in den Gedanken noch in der

Gedankenrichtung, vorhanden war. Das schien ein Streit zu sein, der

einmal begann, um niemals beendet zu werden. Um dieses Streites willen

kam auch die Gesellschaft zusammen, um sich durchzustreiten; denn fast

jedesmal ging man auseinander, um das nächstemal den Streit wieder mit

erneuerter Kraft aufzunehmen, da man fühlte, dass man auch nicht den

zehnten Teil dessen gesagt habe, was man hätte sagen mögen. Ohne

Debatten wäre es bei Petraschewsky höchst langweilig gewesen, weil nur

Streit und Widerspruch diese Leute von so verschiedenem Charakter zu

verbinden vermochten. Man sprach über alles, aber über nichts

ausschliesslich, und man sprach so, wie man in jedem Kreise spricht, der

sich zufällig zusammenfindet. Ich bin überzeugt davon. Und wenn ich

manchmal an Streitigkeiten bei Petraschewsky teilgenommen habe, wenn ich

zu ihm ging und nicht erschrak, wenn ein hitziges Wort gesprochen wurde,

so geschah dies deshalb, weil ich vollkommen überzeugt war (und das bin

ich noch heute), dass die Sache hier familienhaft, im Kreise

gemeinschaftlicher Freunde Petraschewskys, aber nicht öffentlich vor

sich ging. So war es thatsächlich, und wenn man jetzt eine so

ausschliessliche Aufmerksamkeit dem zuwendet, was bei Petraschewsky

vorging, so ist das darum der Fall, weil Petraschewsky durch seine

Sonderbarkeiten und Excentricitäten fast ganz Petersburg bekannt war und

daher auch seine Abende bekannt waren. Ich aber weiss unbedingt, dass

das Gerede ihre Bedeutung übertrieb, obwohl im Gerede der Leute mehr

Spott über Petraschewskys Abende enthalten war als Besorgnis.

Darüber, dass manchmal ziemlich offen gesprochen wurde (aber immer im

Sinne des Zweifels und so, dass Streit daraus entstand), war ich nicht

beunruhigt, weil es nach meiner Idee besser ist, dass irgend ein

hitziges Paradoxon, irgend ein Zweifel vor das Urteil der anderen tritt

(natürlich nicht auf dem Marktplatze, sondern im Freundeskreise),

anstatt im Innern des Menschen ohne Ausgang zu bleiben, sich in seiner

Seele zu verhärten und einzuwurzeln. Gemeinsamer Streit ist nützlicher

als Vereinsamung. Die Wahrheit kommt immer zu Tage, und der gesunde

Verstand wird den Sieg davontragen. So habe ich diese Versammlung

betrachtet und bin auf Grund dieser Anschauung manchmal hingegangen. Die

Erfahrung hat mir recht gegeben, da man z. B. ganz aufhörte, über den

Fourierismus zu sprechen, denn dieser wurde, auch als Lehre betrachtet,

von allen Seiten mit Spott überschüttet. Wenn aber bei Petraschewsky

irgend jemand es unternommen hätte, über eine Anwendung des Fourierschen

Systems auf unser gesellschaftliches Leben zu sprechen, so hätte man ihm

sofort ohne alle Umstände ins Gesicht gelacht. Ich spreche so, weil ich

von der Wahrheit meiner Aussage überzeugt bin.

Zur Beantwortung der Frage, ob nicht irgend ein geheimer Zweck von der

Gesellschaft Petraschewskys verfolgt wurde, kann man auf das

nachdrücklichste sagen, dass in Anbetracht dieses ganzen Durcheinanders

von Meinungen, dieser ganzen Vermischung von Begriffen, Charakteren,

Persönlichkeiten, Spezialitäten, dieser Streitigkeiten, welche fast bis

zur Feindseligkeit gingen und nichtsdestoweniger nur Debatten blieben,

in Anbetracht also alles dieses kann man auf das nachdrücklichste sagen,

dass unmöglich ein geheimer, verborgener Zweck in diesem Chaos vorhanden

sein konnte. Hier war auch nicht der Schatten einer Einheit und könnte

auch keiner bis an das Ende aller Zeiten vorhanden sein. Und obwohl ich

nicht alle Männer und Frauen der Gesellschaft Petraschewskys kannte, so

kann ich unbedingt nach dem, was ich gesehen habe, sagen, dass ich mich

nicht irre.

Jetzt komme ich zur Beantwortung der letzten Frage, zur Antwort, welche

meine Rechtfertigung abschliesst; es ist diese: Ist Petraschewsky selbst

ein gefährlicher Mensch und bis zu welchem Grade ist er der Gesellschaft

schädlich?

Als man mir diese Frage das erste Mal vorlegte, konnte ich sie nicht

geradeaus beantworten. Ich hätte vorher in mir eine ganze Reihe von

Fragen und Zweifeln entscheiden müssen, welche sofort in meinem Geiste

entstanden, welche ich aber nicht auf der Stelle beantworten konnte,

welche einen bestimmten Grad von Sammlung forderten, und darum stand ich

da, ohne zu wissen, was ich antworten sollte. Jetzt, da ich mir alles

klargemacht habe, will ich sowohl meine vorausgegangenen Erwägungen, als

auch schliesslich die Antwort auf die mir gestellte Frage als

Schlussfolgerung dieser Erwägungen hier vorlegen.

Wenn man mich gefragt hat, ob Petraschewsky der Gesellschaft schädlich

sei, so verstehe ich darunter vor allem, ob er es als Fourierist, als

Anhänger und Verbreiter der Lehre Fouriers sei. Man hat mir ein eng

beschriebenes Heft gezeigt und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich die

Schrift darin erkennen würde. Ich kenne Petraschewskys Handschrift

nicht, ich habe nie mit ihm korrespondiert und ich habe unbedingt nicht

vermutet, dass er sich mit Schriftstellerei befasst (ich spreche mit

Überzeugung); darum weiss ich unbedingt nichts von ihm, als einem

Verbreiter der Lehre Fouriers. Ich kenne nur seine theoretischen

Überzeugungen, ja und diese kaum, da wir auch ein theoretisches Gespräch

über Fourier selten, fast niemals anknüpften, da unsere Gespräche sich

sofort in Streit verwandelten. Das wusste er sehr gut. Von Plänen aber

und Anordnungen hat mir Petraschewsky niemals etwas mitgeteilt, und ich

weiss endgiltig nicht, hat er solche gehabt oder nicht. Ausserdem, wenn

er auch solche gehabt hätte, was ich durchaus nicht weiss, so würde er

sie, da er mit mir in keinerlei nahen Beziehungen stand und keine grosse

Freundschaft uns verband, sicherlich (ich bin davon überzeugt) alles vor

mir verborgen und mir kein Wort mitgeteilt haben. Ich aber meinerseits

hatte auch niemals den Wunsch, seine Geheimnisse kennen zu lernen.

Deshalb kann ich unbedingt nichts über Petraschewsky als Fourieristen

sagen, ausser in einem rein wissenschaftlichen Sinne.

Ich weiss, dass Petraschewsky das System Fouriers schätzt; als

Fourierist kann er natürlich nichts anderes wünschen, als dass man mit

ihm sympathisiere. Aber man hat mich gefragt, ob er Proselyten mache.

Zieht er nicht Lehrer verschiedener Unterrichtsanstalten an sich in der

Absicht, nachdem er sie bekehrt, durch sie die Verbreitung der

Fourierschen Lehre in der Jugend zu bewirken? Ich erwidere: ich kann

unbedingt nichts über diese Sache sagen, weil ich keine genügenden Daten

habe und die Geheimnisse Petraschewskys durchaus nicht kenne. Man hat

mir gesagt, dass unter Petraschewskys Freunden ein gewisser Lehrer Toll

sich befinde. Allein Toll ist mir vollkommen unbekannt, und dass er ein

Lehrer sei, habe ich erst kürzlich erfahren. Was aber Jastrzembski

anbelangt, so habe ich erst erfahren, dass er Lehrer ist, als er über

politische Ökonomie sprach. Sonst kenne ich keinen Lehrer. Da ich nicht

nur in keinerlei nahen, sondern in sehr lockeren Beziehungen zu Toll

stehe, so kenne ich weder die Geschichte seiner Bekanntschaft mit

Petraschewsky noch den Zeitpunkt, wann sie einander kennen lernten, noch

die Beziehungen, in welchen sie zu einander standen; mit einem Worte, es

war mir ganz uninteressant, das zu wissen. Was nun Jastrzembski

anbelangt, so habe ich keine Gelegenheit gehabt, die Art seiner

ökonomischen Ideen kennen zu lernen, da ich nur zweimal in der Lage war,

ihn zu hören. Er ist, so viel mir scheint, ein Ökonomist der neuesten

Schule und lässt den Socialismus soweit zu, als dies die strengsten

Professoren thun. Denn der Socialismus seinerseits hat durch seine

kritischen Ausarbeitungen und den statistischen Teil seiner Arbeit viel

wissenschaftlich Nützliches geleistet. Mit einem Worte, ich nehme an,

dass Jastrzembski weit davon entfernt ist, ein Fourierist zu sein, und

dass er von Petraschewsky nichts zu lernen hat. Ich muss aber bemerken,

dass ich Jastrzembski als Menschen gar nicht kenne, dass ich niemals ein

Gespräch mit ihm angeknüpft habe, und es scheint, dass auch er sich in

der gleichen Beziehung zu mir befunden hat. Ein vollkommenes Bild seiner

Ideen habe ich nicht, ebenso wie er keines von den meinen hat. Also kann

ich über Petraschewsky als Verbreiter einer Lehre nur nach Mutmassungen

und Vorstellungen urteilen.

Aber nach Mutmassungen kann ich nichts sagen. Ich weiss, dass meine

Aussage nicht als eine endgiltige, grundlegende angenommen wird;

immerhin wird sie eine Aussage bleiben. Wie nun, wenn ich mich irre? Der

Irrtum wird schwer auf meinem Gewissen lasten. Man hat mir eine

Handschrift gezeigt, von deren Vorhandensein ich früher nichts wusste.

Ich habe einen Satz dieser Handschrift gelesen. In diesem Satze ist der

heisse Wunsch ausgesprochen, dass das System Fouriers so schnell als

möglich siegen möge. Wenn die ganze Handschrift in diesem Sinne

geschrieben ist, wenn Petraschewsky sie als die seine anerkannt hat, so

hat er natürlich die Verbreitung des Fourierschen Systems gewünscht. Ob

er jedoch thatsächlich irgend welche Massnahmen dazu getroffen hat, ist

mir bis zum heutigen Tage unbekannt. Mir sind seine Geheimnisse

unbekannt. Ich denke, dass man mir endlich Glauben schenken kann.

Niemand wird aussagen können, dass ich jemals mit Petraschewsky in sehr

nahen Beziehungen gestanden hätte. Ich kam an Freitagen als Bekannter zu

ihm, doch nicht mehr. Ich kenne keinen seiner Pläne und habe zum ersten

Male diese Handschrift gesehen, deren Inhalt ich ausser einem Satze

durchaus nicht kenne. Und so vermag ich nichts darüber zu sagen, ob er

irgend etwas gethan, ob er Massnahmen getroffen habe. Allein man möge

mir erlauben, einige meiner eigenen Gedanken darzulegen, welche meine

tiefsten Überzeugungen ausmachen, über welche ich lange nachgesonnen

habe, welche mir früher ebenso erschienen sind wie jetzt, und infolge

welcher endlich ich bei der ersten Frage über die Strafbarkeit

Petraschewskys keine endgiltige Antwort geben konnte. Ich begriff, wie

wichtig in den Augen der Richter Petraschewskys solche Beweise sein

müssen, wie Bücher, Handschriften und Reden, welche abrissweise

niedergeschrieben worden sind. Da man mich aber über ihn befragt, so

möge man mir erlauben, meine Ansichten über seine ganze Angelegenheit

hier auszusprechen.

Petraschewsky glaubt an Fourier. Das System Fouriers ist ein

friedliches; es bezaubert die Seele durch seine Schönheit, es bestrickt

das Herz durch jene Menschenliebe, welche Fourier beseelte, als er sein

System schuf, versetzt den Geist in Erstaunen durch seine Harmonie und

zieht nicht durch bittere Ausfälle an sich, sondern beseelt jeden mit

der Liebe zur Menschheit. In diesem System gibt es keinen Hass.

Politische Reformen setzt sich Fourier nicht vor. Seine Reform ist eine

ökonomische. Sie greift weder die Obrigkeit noch den Besitz an, und in

einer der letzten Sitzungen der Kammer hat Victor Considérant, der

Repräsentant der Fourieristen, feierlich jeden Angriff auf die Familie

abgelehnt. Endlich ist dieses System ein theoretisches und wird niemals

populär werden.

Die Fourieristen sind während der ganzen Zeit der Februar-Revolution

nicht ein einziges Mal auf die Gasse herabgestiegen, sie sind in der

Redaktion ihres Journals geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20

Jahre mit Träumen von der zukünftigen Schönheit der Phalanstère

zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schädlich, erstens schon

darum allein, weil es ein System ist; zweitens, wie schön es auch sei,

bleibt es immer eine wesenlose Utopie, aber der Schaden, den diese

Utopie anrichtet, ist, wenn man mir erlaubt, mich so auszudrücken, eher

komisch als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das in

einem so hohen Grade unpopulär, das so belacht und ausgepfiffen worden

wäre, wie das System Fouriers im Westen. Es ist schon lange tot, und

seine Führer bemerken selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als

lebendig Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke jedes

System, jede Theorie der Gesellschaft schädlich, denn die hungrigen

Proletarier ergreifen in der Verzweiflung jedes Mittel, und aus jedem

Mittel sind sie imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem

Augenblick dort beim Äussersten angelangt; dort treibt der Hunger die

Leute auf die Gasse, den Fourierismus aber hat man aus Geringschätzung

vergessen. Und sogar der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt

ist, erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt,

Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig Schritte auf der

Strasse zu machen, um sich zu überzeugen, dass der Fourierismus auf

unserem Boden nur bestehen könnte: entweder in den unaufgeschnittenen

Blättern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmütigen,

träumerischen Seele, aber nicht anders als in der Form einer Idylle,

oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig Gesängen. Der Fourierismus kann

keinen ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein

ernstlicher Schaden wäre, so wäre seine Ausbreitung allein schon eine

Utopie, denn sie würde sich bis zur Unglaublichkeit langsam vollziehen.

Um das System Fouriers vollkommen zu begreifen, muss man es studieren;

das aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein Dutzend Bände

durchlesen. Kann denn ein solches System populär werden? Vom Katheder

herunter durch die Lehrer? Das aber ist physisch unmöglich, schon wegen

des Umfanges der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein

ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das System Fouriers

nicht entstehen, und wenn ein Fourierist Schaden bringt, so thut er es

höchstens sich selbst, in der öffentlichen Meinung, bei denen, welche

gesunden Menschenverstand besitzen; denn für mich ist die höchste Komik

-- eine niemandem nützliche Thätigkeit. Der Fourierismus aber und mit

ihm jedes System des Westens sind für unseren Boden so unbrauchbar,

unseren Umständen so entgegen, dem Charakter unserer Nation so fremd,

andererseits aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein Produkt

des dortigen abendländischen Standes der Dinge, in welchem die

proletarische Frage um jeden Preis entschieden wird, dass der

Fourierismus mit seiner eindringlichen Unvermeidlichkeit jetzt bei uns,

wo es kein Proletariat gibt, höchst lächerlich, seine Thätigkeit die

allerunnützeste, in ihren Folgen die allerkomischeste wäre. Dies ist es,

warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky für gescheiter halte und

ihm niemals ernstlich zugetraut hätte, weiter als bis zu einer

theoretischen Schätzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein. Alles

übrige war ich thatsächlich bereit, für einen Scherz zu halten. Der

Fourierist ist ein unglücklicher, kein strafbarer Mensch -- das ist

meine Meinung. Endlich hat meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon,

so viele ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen Kräften

halten können; so lehrt uns die Geschichte. Ein Beweis davon ist, dass

in Frankreich im Verlaufe eines Jahres fast alle Systeme fielen, und

zwar durch sich selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste

Bekräftigung herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss ich sagen,

dass ich, wenn ich auch wüsste (was ich nicht weiss, ich wiederhole es

noch einmal), dass Petraschewsky, vor keinerlei Spott zurückschreckend,

sich noch immer um die Verbreitung des Fourierschen Systems bemühe, mich

dennoch davon zurückhalten würde, ihn für schädlich, der Gesellschaft

Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens, in welcher Weise könnte

Petraschewsky als Verbreiter des Fourierismus schädlich sein? Das geht

über meine Begriffe; lächerlich, aber nicht schädlich. Dies ist meine

Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen auf die mir

gestellte Frage antworten kann. Endlich ist in mir noch eine Erwägung

aufgetaucht, die ich nicht verschweigen kann, eine Erwägung rein

menschlicher Natur, wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange

die Überzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von einer gewissen

Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war Eigenliebe, die ihn

veranlasste, die Freitagsabende einzurichten, es war auch Eigenliebe,

dass ihm die Freitage nicht überdrüssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte

er viele Bücher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er

besitze seltene Bücher. Übrigens ist das nicht mehr als eine persönliche

Beobachtung von mir, eine Mutmassung, denn, ich wiederhole es, alles,

was ich über Petraschewsky weiss, weiss ich unvollständig, nicht

vollkommen, sondern nur nach Vermutungen über das, was ich gesehen und

gehört habe.

Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen.

Theodor Dostojewsky.

Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember vom Kaiser

unterschrieben worden war, verlesen wurde, war keiner unter ihnen, der

Reue empfunden hätte. Sein persönliches Verhalten in dieser »längst

vergangenen Geschichte«, sagt er in seinem »Tagebuche«, änderte sich

erst viel später.

Die Zeit im Gefängnisse während der achtmonatlichen Untersuchungshaft

verlief verhältnismässig günstig, was die äusseren Umstände betrifft. Er

war im Alexejschen Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte täglich

auf eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung,

spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben und lesen. Seine

Gesundheit wurde merkwürdigerweise gerade in dieser Zeit fester. Sein

ganzes Wesen war durch das Ereignis so erschüttert und nach innen

gekehrt, dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis zum

Wahnsinn gehende Ängstlichkeit und Hypochondrie bekundete, -- derart,

dass nach den Aussagen seines Bruders Andreas fast jede Nacht auf seinem

Tischchen ein Zettel lag, worauf geschrieben stand: »heute kann ich in

lethargischen Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen

begraben!« -- jede Angst und Sorge um sein Leben und seine Gesundheit

verlor und schon dadurch widerstandsfähiger wurde. Seine innere Stimmung

war zwar wechselnd, doch siegte über alles sein aus der unerschöpflichen

Arbeitskraft quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder am 18.

Juli: »Ich bin durchaus nicht herabgestimmt .... manchmal fühlst du

sogar, als seist du an dieses Leben schon gewöhnt und es sei alles eins

... aber ... ein anderes Mal stürmt das frühere Leben mit allen seinen

Eindrücken förmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle Tage, und es

ist etwas freundlicher geworden ... auch habe ich Beschäftigung. Ich

habe die Zeit nicht vergeudet, habe drei Erzählungen und zwei Romane

ausgedacht; an einem derselben schreibe ich jetzt.«

Dieser »Roman« war nach Dostojewskys späteren Aufzeichnungen die

Erzählung »Ein kleiner Held«, welche in den »Vaterländischen Annalen«

anonym erschien, und zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der

Dichter noch nicht aus Sibirien zurückgekehrt war. Bruder Michael hatte

das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch fügt seinen

Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort konnte man nur das Unschuldigste

schreiben). Der Biograph O. Miller fügt hier hinzu, dass der Dichter bei

aller Unschuld dieser Erzählung doch eine ihm sehr antipathische Figur

aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten habe, und führt eine

sehr charakteristische Stelle aus dieser Personalbeschreibung an. Sie

lautet: »Auf alles hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz

besonders versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre tiefe Sympathie

für die Menschheit darzulegen ... endlich, um unumstösslich die Romantik

zu geisseln, d. h. zum öfteren alles Schöne und Wahre, von welchem jedes

Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.«

Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit in die Hände

einer eigenen, im Namen des Kaisers amtierenden Gerichtskommission unter

dem Vorsitz des Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle

Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die Sache ging jedoch

an das General-Auditoriat über, wo sie kriegsrechtlich behandelt wurde.

Sie wurde also kraft der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet,

dass alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm, ohne

Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung der

Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder mit revolutionären Mitteln

angestrebt hatten, ob sie überhaupt einen Umsturz der Staatsverfassung

angestrebt, oder, wie Dostojewsky, einen Brief »voll frecher Ausdrücke

gegen Kirche und Staat« vorgelesen hatten -- zum Tode durch Füsilieren

verurteilt wurden.

Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon, wann das Urteil

verlesen werden würde. Am frühen Morgen des 22. Dezember -- so erzählt

O. Miller -- bemerkten sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und

ahnten, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe. Einer der Gefangenen,

Speschnew, erzählte mit Genauigkeit, dass dies um 6 Uhr war, und um 7

Uhr setzte man sie auf die Wagen und führte sie fort. Nach den Worten

Dostojewskys hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen Gewänder

anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines Aufsehers geschickt wurden.

Speschnew, welcher nicht begreifen konnte, wohin man sie führe,

vermutete, man wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber

kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im

Ordonnanzhause geschehen.

Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew fragte unterwegs

den Soldaten: »wohin führt man uns?« Dieser antwortete: »Es ist nicht

befohlen zu sagen«. Es war starker Frost und so konnte man durch die

beeisten Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf welcher Strasse

man fahre .... Um sich davon zu überzeugen, wohin er geführt werde,

versuchte Speschnew mit dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu

machen, allein der Soldat sagte: »Thun Sie das nicht, sonst schlägt man

mich«. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche Neugierde

zu befriedigen. Es wurde schon oben gesagt, dass der Gedanke an die

Todesstrafe ihnen gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch

daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefällt und durch den

Kaiser abgeändert worden war, ihnen nichtsdestoweniger vorgelesen werden

würde, zum Zwecke, ihnen einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu

verursachen. Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt, brachte

man sie auf den Semenowskyschen Platz und führte sie in einer gewissen

Ordnung hinaus. Darauf führte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor

Michailowitsch erzählt, stellte man neun von ihnen auf eine und elf auf

die andere Seite.

Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen, den

Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung an den Bruder

schreibt. Es giebt nichts Charakteristischeres als diese knappe

Darlegung des erschütterndsten Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet:

»Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den Semenowsky-Platz

hinausgeführt, dort hat man uns allen das Todesurteil vorgelesen und das

Kreuz zu umfassen gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen

zerbrochen und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet.

Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung des Todesurteils an den

Pfahl gestellt. Ich stand als sechster in der Reihe; man rief je drei

und drei heraus, folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran

kommen, und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. Ich

dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten Augenblicke warst

du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig; da erst erkannte ich, -- wie

sehr ich dich liebe, teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew,

Durow, die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden.

Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl Gebundenen führte man

zurück und las uns vor, dass Seine kaiserliche Majestät uns das Leben

schenkt. Dann folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm

ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.«

In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene nach Jahren

verwertet hat, können wir in der Erzählung des Idioten, im Roman dieses

Namens ersehen.

Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere Kerkerstrafen

war schon früher eigenhändig vom Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an

den Rand des Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns diese

Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene Strafumwendung in

achtjährige Zwangsarbeit wurde in eine vierjährige Frist mit

nachträglicher Einreihung in den Liniendienst umgewandelt.

Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen.

No. 522.

Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie · 第 3 / 45 题