Die Sorge aber, die mich am schwersten in dieser Zeit bedrückte und mit
dem Gewicht einer Kanone auf mir lastete, war diese: Der Hindu, der über
das Meer fährt und aus seiner Heimat auswandert, verliert seine Kaste.
Und dieser Verlust ist schlimmer als der Verlust des Lebens.
Denn wenn du stirbst, so verläßt du nur den Leib, der nicht viel wert
ist und nur dazu dient, dir Schmerzen zu bereiten und dich in Versuchung
zu führen. Deine Seele aber zieht in einen neuen Leib ein, und nach
dessen Verfall abermals in einen neuen.
Es ist mit der Seele wie mit euch Weißen, wenn ihr eine Wohnung kündigt.
Nur lassen wir unseren alten Leib gerne in einer besseren Verfassung
zurück als ihr eure alten Wohnungen. Unsere Seele »zieht um« -- und auch
so ein #Seelenumzug# ist mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft,
zum Beispiel dem Todeskampf.
Die Seele kann nicht verloren gehen, wohl aber die Kaste. Und wenn du
sie nach der Rückkehr in die Heimat wiedergewinnen willst, so mußt du
dich schweren Gebräuchen unterziehen, den Göttern große Opfer darbringen
-- und noch größere den Priestern. Aber das versteht ihr Weißen nicht.
Doch auch diese Sorge nahm uns unser Offizier vom Rücken, der uns
beinahe so viel vom Rücken #nahm#, wie er uns darauf #gab#.
Denn er versicherte uns: »Ihr braucht ja gar nicht über das Meer zu
fahren! Die Deutschen sind schon so gut wie vernichtet, und ihr werdet
deshalb nur zum Schutze des inneren Indiens verwendet.«
Diese Auskunft erfreute uns doppelt, weil ein seltsames Gerücht in
Bombay die Runde machte. Einer erzählte es dem andern, und als die
englische Regierung es gar dementierte, wußte jeder, daß es wahr sei.
Es hieß nämlich, draußen auf dem Meere huschten Schiffe der deutschen
Dämonen, kleine Kreuzer, und sie führten spitze, eiserne Fische mit sich
an Bord, die sie unter Blitz und Donner gegen die feindlichen Schiffe
anschwimmen ließen. Die Fische aber fräßen sich mit der Schnelligkeit
eines Wetterleuchtens durch die dicksten Schiffswände hindurch und
platzten von diesem Fraße. Und rissen bei diesem Platzen alles mit sich
in die Luft.
Die Ahnung eines solchen Schicksals aber muß einen jeden frommen Hindu
mit Grauen erfüllen, denn wie kannst du einen Leichnam verbrennen, der
auf dem Meeresgrund liegt?
Wir dankten deshalb den Göttern, als wir erfuhren, daß wir nicht über
das Meer zu fahren brauchten.
Während der ersten Wochen unserer Übungen in der europäischen
Kriegskunst durften wir die Kaserne nicht verlassen. Vielleicht
fürchteten die Engländer, daß wir ebenso freiwillig, wie wir in ihr Heer
eingetreten waren, auf unseren Spaziergängen wieder aus dem Heer
austreten würden. Als sie aber glauben mochten, unseres Gehorsams
sicher zu sein, ließen sie uns für die Dauer etlicher Abendstunden
in die Stadt hinab.
Zuvor aber ließen sie uns auf die Treue gegen ihren König vereidigen.
Wir mußten uns auf dem Hofe aufstellen, ein Brahmane sprach in unseren
Dialekten die Eidesformel vor, die wir unter unseren Zeremonien
bekräftigten. Und ich glaube, wenn die Engländer die Eidesformel
verstanden hätten, die uns der Brahmane vorsagte, hätten sie ihn am
höchsten Galgen aufgeknüpft.
Wir aber befolgten die goldene Regel, feierlich ernst zu bleiben, wenn
uns das Lachen kitzelt, und so ging die Vereidigung ohne Zwischenfall
vorüber.
Die Engländer waren sogar sehr zufrieden mit unserer Eidesleistung.
Wenigstens hörte ich beim Wegtreten, wie ein Kolonel zum andern sagte:
»Der Eid war das reinste russische Ehrenwort!«
Nach uns wurden die mohammedanischen Truppen vereidigt, aber ich
ersparte mir den Anblick, denn in meinen Augen gelten die Bekenner
Mohammeds als ebenso unreine Rasse wie die Weißen.
Zunächst verschmähte ich es, von der Erlaubnis des Ausgangs Gebrauch zu
machen. Ich war des Abends müde, auch fühlte ich keine Sehnsucht,
Menschen vom Schlage Jim Boughsleighs zu begegnen. Ich brachte meine
freie Zeit mit Beten und Nachdenken zu.
Ihr Europäer mögt uns in mancher Fertigkeit überlegen sein -- in der
Kunst, einsam zu sein, seid ihr nur Stümper, wir die Meister. Ein
Mensch, der nicht spricht, ist euch unheimlich, und wo ihr nur könnt,
sucht ihr die Gesellschaft von Menschen auf, die schwatzen und lärmen.
Dies kommt daher, weil ihr euch nicht nur vor euren #Mitmenschen#
fürchtet, sondern noch weit zitternder vor euch selbst! Und ihr habt
alle Ursache dazu. Denn wie es giftige Tiere gibt, die am Tage sich in
ihre Nester und Höhlen verkriechen und nur des Nachts zu ihrem listigen
Treiben erwachen, so schlafen auch eure bösen Triebe in dem Tageslicht
des Beobachtetwerdens, -- in der Einsamkeit aber erwachen sie und fallen
euch selbst an.
Ihr bestaunt den Fakir, der, um seine Seele zu vervollkommnen, auf einem
Bett von aufrechtstehenden spitzen Nägeln ruht, -- ihr selbst aber
zerfleischt euch tagein, tagaus mit Reden, die spitziger und rostiger
sind als die Nägel des Fakirbettes. Und glaubt ihr, daß sich eure Seele
dabei vervollkommne? -- Euer Mund ist ruhelos, weil es euer Herz ist!
Und darum habt ihr es immer eilig. Ich aber, ein Hindu der Kriegerkaste,
habe immer Zeit, weil ich weiß, daß ich eine endlose Kette von Leben zu
leben habe, und was ich heut nicht kann besorgen, besorge ich vielleicht
in fünfhundert Jahren. Wenn es das Schicksal will.
Aber weshalb erkläre ich das alles? Du bist nur ein Weißer und kannst
niemals ein Hindu werden. Ich sage es dir auch nur, damit du besser
meine Handlungen verstehst, -- soweit ein Nichthindu überhaupt einen
Hindu verstehen kann.
Ich erzählte dir, Herr, daß ich es anfangs verschmähte, abends
auszugehen. Aber mich kam die Sehnsucht an, wieder einmal meine Glieder
in einen der heiligen Teiche zu tauchen, wieder einmal in einem Tempel
zu beten und das Glück zu genießen, daß eine heilige Kuh aus meinen
Händen fresse.
Also verließ ich eines Abends die Kaserne. Als ich durch die Straßen
schritt, sah ich, daß die Engländer nicht zu sorgen brauchten, ein Hindu
könne freiwillig aus dem Heer austreten, denn an allen Ecken standen
Wachen, und zumal zum Hafen konnte kein Lebender gelangen.
Ist es dir schon einmal begegnet, daß dir eine Stadt, die du liebtest
und zu kennen glaubtest, plötzlich über Nacht fremd geworden war? Als
ich durch die Straßen wandelte, rieb ich mir immer und immer wieder die
Augen: war das noch Bombay? Wohl standen die Häuser, die Hütten, die
Bäume noch an ihren Plätzen und ich hätte jeden im Traum zu finden
vermocht --, aber mir war, als sei eine unerklärliche Veränderung mit
ihnen vorgegangen. Eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen mir und
meiner Vaterstadt getürmt, und ich empfand ein Frösteln, als sei ein
Freund, dem ich mich ganz zu eigen gab, unerwartet einer Frage meiner
Seele die Antwort schuldig geblieben, so daß ich den breiten Strom sah,
der alle Menschen trennt und über den es keine Brücke gibt.
Am Ufer des heiligen Teiches, an dem Jim Boughsleigh seine Angel nach
mir ausgeworfen hatte, machte ich halt. Ich wusch mich nach der heiligen
Sitte, und ich sah mit Betrübnis, daß die andern Hindus ihre Augen von
mir abwandten. Auf den Bäumen saßen wohl die Affen, aber sie würdigten
mich nicht, mit Früchten nach mir zu werfen -- als ob auch sie dächten:
»Verräter!«
Ich schlich in einen Tempel, warf mich nieder und klagte den Göttern
mein Leid. Die Bilder der Götter hörten mich ernst an: schon so viel
Elend und Schmerz ist an ihr Ohr geklungen, daß du keine Wunde ihnen
enthüllen kannst, die sie nicht schon tausendfach brennender gesehen
hätten. Aber sie sind nicht wie die Menschen, deren Herz sich an die
Klagen gewöhnt und sich verhärtet, nein, die #guten# Götter haben für
jeden neuen Aufschrei neues Mitleid bereit, wie die Dämonen für jedes
neue Unglück neuen Hohn.
So verließ ich gestärkt den Tempel, und freundlich blickten die
Götterbilder mir nach, freundlicher als die Augen der Brahmanen und
Tempeltänzerinnen, denn ich war mit leeren Händen gekommen.
»Pst! Freund!« klang es zu mir, als ich die Stufen hinabeilte. Ein
Mohammedaner, den ich ungern so nahe dem Heiligtum sah, hatte mich
angerufen. Er schien mich erwartet zu haben, aber ich kannte ihn nicht.
Was kümmern mich die verblendeten Bekenner Allahs? Ich verachte sie, und
deshalb überhörte ich des Fremden Ruf und wollte meines Wegs gehen.
Allein der Fremde ließ mich nicht so leichten Kaufs los, er sperrte mir
den Weg und, ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihm ins Antlitz
blicken, und ich sah, daß in seinen Augen Klugheit und Güte wohnten. Er
war ein sehniger, schlank gewachsener Mann, und wenn er ein Hindu
gewesen wäre, hätte ich ihn nach seinem Begehr gefragt. Da er aber nur
ein Mohammedaner war, suchte ich ihm auszuweichen.
»Wischnu und Schiwa mögen dir gnädig sein!« grüßte mich der
Mohammedaner.
Einen so frommen Gruß durfte ich nicht unerwidert lassen. »Und dir deine
Götter!« entgegnete ich.
Er lächelte und mir fiel ein, daß die Bekenner Allahs ja nur an #einen#
Gott glauben. Und da man sich immer ärgert, wenn man eine Dummheit
gemacht hat, und ich niemand anderen zur Verfügung hatte, meinen Ärger
an ihm auszulassen, so fuhr ich ihn an: »Erlöse mich von deinem Anblick,
damit ich mich nicht verunreinige!«
Ich hatte erwartet, daß er nun seinen Dolch ziehen werde, denn diese
Menschen fühlen sich sehr leicht beleidigt, und ich hatte schon mein
linkes Bein vorgeschoben, um ihn darüber stolpern zu lassen und ihn dann
von hinten zu besiegen. Der Fremde jedoch sprach ruhig: »Du bist ein
mutiger Mann und deshalb zu meinem Vorhaben geeignet. Und da du so
leuchtenden Auges aus dem Tempel tratst, bist du auch ein #gläubiger#
Mann und wirst die Beteiligung an einem frommen Werke nicht abschlagen.«
Mich kniff die Neugier. Ich dachte nur: »Juckt er dich mit seinen
rätselhaften Andeutungen, soll er dich auch mit einer deutlichen
Aufklärung kratzen!«
Auch war es mir so ungewöhnlich, daß ein Mohammedaner mich ansprach
(denn sie lassen außer sich selbst nur noch die Christen und die Juden
gelten), daß ich mich zu der Frage hinreißen ließ: »Ein frommes Werk?
Sprich, was es sein soll!«
Da schaute sich der seltsame Fremde vorsichtig nach allen Seiten um und
flüsterte: »Nicht so laut! Wir wollen nicht stehenbleiben! Schreite
neben mir einher, als ob wir Gleichgültiges sprächen!«
Wir setzten uns in Bewegung. Ich konnte mir des Mohammedaners Benehmen
und Absicht immer weniger deuten.
»Bist du durstig?« frug er und zog eine Whiskyflasche aus dem Gewand.
Da erinnerte ich mich daran, wie Jim Boughsleigh mich mittels dieses
flüssigen Dämons zu umgarnen versucht hatte, und Empörung peitschte
mich: »Wie? Du, dem seine Lehre den Wein verbietet, reichst mir solches
Getränk? Lasse mich allein, denn wie könnte das Werk ein frommes sein,
das du mit Hilfe eines Dämons beginnen willst?«
Er lächelte wieder. »Hättest du getrunken, so wäre kein Wort mehr über
meine Lippen gekommen, denn ich brauche einen nüchternen Mann!«
Ich bewunderte die Schlauheit des Mohammedaners. Vielleicht handelt es
sich um einen Einbruch? dachte ich. In diesem Falle hätte ich allerdings
schweren Herzens absagen müssen. Denn nur noch eine Stunde durfte ich
der Kaserne fernbleiben.
»Sprich!« heischte ich kurz.
Da trat der Fremde in den Schatten eines Baumes, und seine Lippen
sprudelten: »Merke dieses Zeichen!« Er legte die drei mittleren Finger
der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie bis zur
Stirn. »Hast du es gesehen?«
»Ja!« Und ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: »Wie oft hast du
heute schon aus deiner Flasche getrunken?«
Er lachte. »Ich trinke nicht, aber es ist mitunter nötig, sich betrunken
zu stellen, ... solange die Engländer die Herren dieses Landes sind!«
Bei den letzten Worten sprühten seine Augen so leidenschaftlichen Haß,
daß ich mich ihm gesinnungsverwandt fühlte. Von diesem Augenblick an
vertraute ich ihm, als hätte ich schon zwanzig Diebstähle mit ihm
gemeinsam ausgeführt.
»Wirst du das Zeichen nachahmen können?«
Ich tat es.
Wir traten wieder aus dem Schatten des Baumes und wanderten weiter.
»So höre mich: Versuche, wenn mohammedanische Soldaten in deiner Nähe
sind, unauffällig dieses Zeichen zu machen! Aber lasse es nie die
Engländer sehen! Erwidert keiner meiner Brüder das Zeichen, so tue, als
habest du nur eine unwillkürliche, spielerische Handbewegung gemacht. --
Wenn dich aber einer mit demselben Zeichen wiedergrüßt, so gib ihm
dieses!«
Blitzschnell hatte er aus seinem Kleid ein versiegeltes Schreiben
gezogen und es mir in eine Falte des Gewandes geschoben. Ich trat einen
Schritt zurück, denn noch konnte ich mich nicht an die körperliche
Berührung eines Nichthindus gewöhnen.
»Lasse es nicht in die Hände der Engländer fallen!« zischelte er.
Ich sperrte Nase und Mund auf. War das alles? Ein versiegeltes
Schreiben? Und deshalb so viel Geheimtuerei?
»Was bedeutet das Ganze?«
»Ein frommes Werk! Die Götter werden es dir lohnen! Und die Engländer
dich dafür verwünschen!«
Ich wußte nicht, welche von beiden Belohnungen mir die begehrenswerteste
dünkte.
»Und ich soll es irgendeinem Mohammedaner geben?«
»Irgendeinem, der das Zeichen kennt!«
»Und wann soll ich zum ersten Male das Zeichen erproben?«
»Sobald ihr auf hoher See seid!«
Ich zuckte zusammen, -- aber schon im gleichen Augenblick kam mir mein
Schreck töricht vor.
Diesmal war ich es, der lächelte, und ich sprach: »Auf hoher See? Wir
kommen nicht übers Meer, wir werden nur in der Heimat verwendet!«
Da schaute mich der Mohammedaner so tieftraurig an, daß mein Lächeln
erstarb und Unruhe mir ins Herz zog.
»Armer Freund!« klagte er und wischte sich mit der Hand eine voreilige
Träne von der Wimper. »Armer Freund!«
Als ich ihn so bewegt sah, geriet ich in solche Aufregung, daß ich
hastig einen Zipfel seines Kleides ergriff und ihn bestürmte:
»Was willst du damit sagen? Weshalb weinst du? Bei allem, was du
verehrst, sprich, sprich!«