»Ja, mein Lieber, in grüne Frösche! Hast du schon einmal die Frösche
#quaken# hören? Das ist die deutsche Sprache!«
Das nahm mich nun wieder Wunder, denn ich hatte bisher die Empfindung
gehabt, daß das Froschgequake viel mehr Ähnlichkeit mit der #englischen#
Sprache habe als mit der deutschen.
Wir schwiegen eine Weile, -- ich vor Erregung, Jim, weil ihm die Zunge
von Satz zu Satz ungehorsamer wurde.
Da ich nur lüge, wenn es mir etwas einbringt, will ich die Wahrheit
sagen und eingestehen, daß an meiner Erregung nicht nur die Empörung
über die deutsche Grausamkeit die Schuld trug, sondern auch der
genossene Whisky. Der Dämon aus Jims Flasche war mir vom Magen in den
Kopf geklettert und spielte dort mit meinem Gehirn jenes Spiel, das die
Engländer Football nennen.
»Fragst du nun immer noch, was dich die Deutschen angehen?« forschte Jim
Boughsleigh und hantierte mit einem flackernden Streichholz unter seinem
rechten Ohr herum, weil er dort seine Pfeife vermutete, die ihm ins
Wasser gefallen war. Und heiser fuhr er fort:
»Man muß sie ausrotten!«
Ich nickte.
»Ja, Herr, das muß man!«
»Au verflucht!!« schrie Jim, weil sein Ohr in die Streichholzflamme
geraten war. »Ausrotten muß man sie! Und #du# mußt dabei mithelfen, wenn
du kein feiger Hund sein willst!«
»Wieso ich?« stutzte ich. Eine Ahnung stieg mir auf.
»So fragt ein Angehöriger der #Kriegerkaste#? -- Mit uns nach
Deutschland mußt du --«
»Damit sie mich dort #schlachten#?«
»Oder du sie!«
Jim wurde geradezu zärtlich. Er blickte mich liebevoll an, mit großen
runden Whiskyaugen, und schwärmte schwelgend:
»Du gehst mit nach Deutschland: o, es ist schön dort, die Sonne scheint,
der Mond lacht, die Sterne --«
»Aber es ist doch eiskalt dort?«
»Unsinn!! Brühwarm ist es! Wo ist der Halunke, der behauptet, daß es
dort kalt ist?« Er richtete sich kriegerisch auf.
»Du #selbst# hast es doch vorhin gesagt, Herr,« wagte ich einzuwenden.
»Die Deutschen fressen Hindufleisch, weil es so kalt ist!«
»Ich selbst? -- Allerdings -- tja -- jawohl -- natürlich -- in der Tat
es ist kalt dort -- scheußlich kalt -- widerwärtig kalt -- aber ...
aber ... #Ach was, trinken wir noch eins!#«
Er setzte wieder die Flasche an, ließ sie aber erschrocken fallen, denn
in diesem Augenblick kam mit lärmender Musik ein Zug Menschen um die
Ecke.
Ich will hier nicht ausführlich meine Ansicht über die europäische Musik
äußern, denn ich habe es längst aufgegeben, geschmackbildend auf die
Weißen einzuwirken. Nur das eine will ich feststellen: daß man zwar mit
einer Handtrommel und einer Flöte ganz liebliche Töne hervorbringen
kann, wenn man hundertmal hintereinander dieselbe kurze Tonreihe spielt,
daß aber natürlich nur ein ohrenbetäubender, sinnloser Lärm herauskommen
kann, wenn nach Art der Weißen zwanzig Menschen und mehr gleichzeitig in
verschiedenartige Instrumente hineinblasen.
Gar nicht erst reden will ich von dem schwarzen Musikkasten, den die
Weißen in ihren Wohnungen aufstellen, und auf dessen Tasten sie mit den
Händen hin und herfahren. Ich will nur, zum Besten der Weißen, meine
Entdeckung mitteilen, daß es bedeutend angenehmer klingt, wenn man,
statt mit den Fingern auf die Tasten zu schlagen, mit dem Popo darauf
herumrutscht.
Mögen sich dies die weißen Musiklehrer merken!
Der Zug, der mit Musik um die Ecke bog, war sehr lustig. Zuerst kam eine
Militärkapelle, dann ein von mehreren Männern getragenes großes Bild,
das einen tückisch aussehenden Kopf darstellte. Darunter stand »_Lord
Kitchener wants you!_« und noch einmal in drei indischen Sprachen die
Übersetzung: »Lord Kitchener braucht dich!« Den Schluß des Zuges
bildeten Soldaten und lachende Eingeborene.
Jim Boughsleigh salutierte, soweit es sein heiliger Zustand zuließ. Als
er sich wieder setzte, hätte er mir beinahe den Sack mit Malatri, der
Brillenschlange, in den Teich gestoßen.
»Wer ist das?« frug ich, als der Zug vorbei war.
»Wer?«
»Der Lord Kitchener, der behauptet, daß er mich braucht?«
Jim schnalzte mit der Zunge. »Das ist -- das ist der Kriegsgott der
Engländer.«
»Ist das am Ende derselbe Lord Kitchener, der den Mahdi vernichtet hat
und Chartum einnahm?«
»Unsinn! Das war ein ganz anderer -- das war sein Urenkel! Dieser Lord
Kitchener ist ein mächtiger Gott!«
Das schien mir nun wieder wenig glaublich, denn ich hatte auf dem Bild
genau bemerkt, daß Gott Kitchener nur zwei Arme hatte, -- und bei uns
haben die einfachsten Götter ihre sechs bis acht Arme.
»Wozu braucht er mich denn?« tastete ich vorsichtig.
»Um die verfluchten Deutschen zu vertilgen! Sei nicht dumm, Hindu, und
komm' mit! So gut, wie du's bei den Soldaten hast, kannst du's nirgends
haben: fast keine Arbeit, -- die Vorgesetzten tragen dich auf Händen und
lesen dir jeden Wunsch von den Augen ab, -- und Geld kriegst du jede
Woche einen Haufen!«
Jim Boughsleigh verdrehte die Augen wie ein Händler, der einem dummen
Reisenden ein aus Europa frisch importiertes Tonfigürchen als echte
altindische Götterstatue anpreist. Er redete so eindringlich auf mich
ein, daß mich Ekel vor ihm ergriff.
Was hatte er nur? Daß mich die Europäer auf Händen tragen würden, das
glaubte er wohl selbst nicht. Und daß sie mir viel Geld geben wollten,
war verdächtig. Denn #viel# Geld geben die Engländer nur her, wenn sie
etwas #Böses# wollen.
»Na?« drängte Jim Boughsleigh ungeduldig. »Lieber Freund, wie ist's?
Läuft dir das Wasser nicht im Munde zusammen? Fasse dein Glück beim
Schopf! Ich rede mit dir wie ein Vater!«
Das konnte mich schwerlich verlocken, denn wenn mein Vater mit mir
redete, so nahm er dazu meist einen Riemen in die Hand. Ich versuchte,
mit einer neuen Frage auszuweichen: »Sind denn die Engländer nicht stark
genug, um die Deutschen #allein# zu besiegen?«
»Natürlich sind sie stark genug, mein Herzchen! Es ist die reine Großmut
von uns, wenn wir euch an dem Ruhm teilnehmen lassen wollen. Habe ich
nicht auch meinen #Whisky# mit dir geteilt? -- Pah, die Deutschen!
Feige, kraftlose Hunde sind sie --«
»Aber du sagtest doch, sie seien mächtige Dämonen?«
Jim Boughsleigh wurde wild.
»Zum Teufel, höre mit deinen dummen Fragen auf! Es ist, wie ich dir
sage! Und wenn du kein Narr bist, trittst du noch heute in die
glorreiche Armee Seiner Majestät des Königs von England ein!«
»Um nach Deutschland geschickt zu werden?«
»Nein, nur nach Ägypten braucht ihr! Das ist ganz nahe von hier! Ein
wunderschönes Land -- o, wie schön ist es dort -- Mumien, Pyramiden,
Sphinxe -- na, trink noch mal!«
Ich hatte genug gehört. Ich nahm den Sack mit Malatri, der
Brillenschlange, rückte außer Prügelweite und erklärte: »Jim
Boughsleigh, die Armee des Königs von England ist die herrlichste der
Welt! Ich sehe es an dir! Aber ich bin ein Narr, ich bin ein
verblendeter Narr; ich stoße mein Glück von mir und trete nicht ein. Ich
bin nicht würdig, einer so herrlichen Armee anzugehören! -- Mögen die
Götter dich schützen!«
Mit diesen Worten sprang ich eilends auf und rannte mit dem Sack davon,
so schnell ich konnte und ohne mich umzusehen.
Jims Whiskyflasche flog mir dicht am Kopf vorbei und ich hörte ihn
einige Wünsche ausstoßen, die durchaus nicht nach »lieber Freund« und
»mein Herzchen« klangen.
Ich hatte geglaubt, daß ich mit dieser schroffen Beendigung der
Unterredung endgültig der Gefahr entronnen sei, Jim Boughsleighs
Waffenkamerad werden zu müssen und nach fernen Ländern zum Kampf gegen
die deutschen Dämonen verschickt zu werden.
Ich wußte nicht, daß es mir vom Schicksal anders bestimmt war. Und
seinem Schicksal kann keiner entgehen. Wohl vermagst du dich vor dem
Arme der Menschen zu verbergen, aber es gibt kein Winkelchen auf Erden,
wo du dich vor den Armen Schiwas verstecken könntest. Das bunte Treiben
der Menschen gleicht dem Gewimmel eines Ameisenhaufens -- aber Schiwa
kennt jede einzelne Ameise beim Namen und läßt sie keine Sekunde aus den
Augen. Du glaubst dein Leben nach deinem Willen und deinen Trieben
einzurichten und bist im Strome des Geschehens doch nichts anderes als
ein Metallfischlein, das von einem unsichtbaren Magnetstab gelenkt wird.
Als ich Jims Stimme nicht mehr hinter mir fluchen hörte, verlangsamte
ich meinen Schritt. Mein Herz war schwer, und doppelt schwer dünkte mich
daher auf meinem Rücken die Last des Sackes. Denn ein fröhliches Herz
ersetzt dir tausend Sklaven, ein trüber Sinn aber legt dich in eiserne
Fesseln.
Ich gedachte der guten Lehren, die mein Vater mir gegeben hatte, ehe ein
Hanfstrick ihm die Taille zwischen Kinn und Schultern zu eng schnürte,
und ich wünschte mir inbrünstig: O, gäbest du mir auch jetzt einen
deiner Ratschläge!
Während ich diesen frommen Gedanken nachhing, fiel mein Blick auf einen
Affen, der auf einer Palme kauerte und mich mit großen, klugen Augen so
eindringlich ansah, daß mich wie eine Eingebung die Gewißheit
durchzuckte: in diesem heiligen Tierleib wohnt deines Vaters Seele.
Tränen feuchteten meine Augen, ich warf mich zu Boden und flehte: »Gib
mir ein Zeichen, ob du mein Vater bist!«
Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie der heilige Affe eine
Palmfrucht abriß, an ihr herumnagte und sie dann nach mir warf. Und da
er genau meinen Kopf traf, so daß mir eine dicke Beule schwoll,
zweifelte ich keinen Augenblick länger, daß ich in der Tat meinen
ehrwürdigen Vater vor mir hatte.
Ich flehte also weiter: »Bei dem Brummen meines Kopfes, in dem sich ein
Bienenschwarm niedergelassen zu haben scheint, bitte ich dich, o Vater,
mir zu bedeuten, ob mein heutiger Beutezug mit Malatri, der
Brillenschlange, gesegnet sein wird?«
Dreimal wiederholte ich diese Beschwörung, aber leider schien mein
ehrwürdiger Vater seit seiner Hinrichtung etwas schwerhörig geworden zu
sein. Der Affe kümmerte sich nicht weiter um mich, er drehte mir den
Rücken und begann sich zu lausen.
Mit Andacht folgte ich seinen Bewegungen, allein ich konnte ihnen
keinerlei väterlichen Wink entnehmen, sei es, daß ich die Zeichensprache
nicht verstand, sei es, daß die zunehmende Dämmerung meinen Blick
trübte.
Denn es war inzwischen dunkel geworden, in den Häusern der Weißen
flammten die Lichter auf und drunten im Hafen hatten die großen
Dampfschiffe ihre Flammenaugen aufgeschlagen und blinzelten zum Lande
herüber.
Ich liebe die Nacht. Es gibt nichts Schöneres als eine muntere Nacht,
wenn man den Tag über gut ausgeschlafen hat. Und ich sage euch: ein
Kluger kann in einer einzigen Nacht mehr stehlen, als zehn Dumme in
zwanzig Tagen ausgeben können.
So erhob ich mich denn, um das Haus zu suchen, in dessen Zimmern ich ein
wenig aufzuräumen gedachte.
Zuvor aber eilte ich nochmals in meine eigene Lehmhütte, um mit roter
Farbe das Zeichen Schiwas auf meiner Stirne zu erneuern.
Ach, der viele Whisky, den Jim Boughsleigh in meinen Magen genötigt
hatte, trug die Schuld daran, daß dieses Zeichen zittrig und verklebt
ausfiel. Und ich zweifle heute nicht mehr daran, daß mir Schiwa darob
zürnte und nur aus dieser Ursache es fügte, daß der Abend ein so
unseliges Ende nahm.
* * * * *
Mister Galgenstrick machte eine Pause der Wehmut in seiner Erzählung. Er
zog, schmerzlich stöhnend, die indischen Landschaftsbilder, die ich ihm
mitgebracht hatte, unter dem Kopfkissen hervor, betrachtete sie, fuhr
liebkosend mit den Händen darüber hinweg.
Ich störte ihn nicht. Man darf diese seltsamen Menschen nicht in ihren
Gedankenflügen unterbrechen, sonst werden sie argwöhnisch, und dann ist
weder mit Güte noch mit Gewalt ein Wörtchen mehr aus ihnen
herauszubringen.
Wer aber zu schweigen versteht, bis ihre Gedanken aus Nebelschleiern
sich zu Gestalten der Sprache verdichtet haben, dem schenken sie ihr
Vertrauen und teilen ihm ungefragt mit, was ihren Geist beschäftigt. Sie
hüten ihre Gedanken wie ein Rosenbeet und hetzen den Hund auf jeden, der
sich ihm lüstern naht; fühlen sie aber, daß du ihr Freund bist, so
brechen sie selbst die schönste Rose, um sie dir zu schenken.
Endlich hatte Mister Galgenstrick sich wieder auf meine Anwesenheit
besonnen, er versteckte die Bilder unter das Kopfkissen und sprach mit
bitterer Erregung:
* * * * *
O könnte ich diesen Abend des Schreckens aus meinem Leben streichen!
Dann läge ich jetzt nicht bei euch verachteten Weißen mit durchlöcherter
Achsel, vergeblich schmachtend nach dem einzigen Mittel, das mir helfen
könnte: nach heiligem Kuhmist!
Statt leblose Bilder meiner Heimat zu betrachten, o Herr, weilte ich in
der Sonne Indiens, wäre vielleicht ein reicher Mann, hätte vier Frauen,
die für mich arbeiten müßten, und könnte, Betel kauend, einem
glückseligen Alter entgegenreifen.
Aber ich will nicht murren, ich bin kein Europäer, der seine Torheiten
verdoppelt, indem er sie bereut -- das Schicksal wollte es so, wie es
geschah. Und nur eine einzige Sorge hält in dieser Stunde mein Herz mit
Polypenarmen umklammert: daß, wenn ihr mich zu Tode geheilt haben werdet
und ich gestorben bin, meine Seele in eurem rauhen Lande keinen heiligen
Tierleib finden wird, in dem sie wohne. Denn ihr behandelt die Tiere
schlecht, ihr schlagt und quält sie, und -- so unfaßbar es einem
Inderohr klingen würde -- ich möchte bei euch noch lieber ein #Weib#
sein als ein #Tier#!
Aber auch dies will ich dem Schicksal überlassen, das mit verbundenen
Augen und verstopften Ohren spöttisch lächelnd waltet.
Den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, auf dem Rücken tragend
pilgerte ich aus dem Eingeborenenviertel der Stadt nach den Häusern der
Weißen.
Ich hörte Malatri rascheln, als freue sie sich, mir wieder einmal ihre
Treue beweisen zu können.
Der Dämon, der aus der Whiskyflasche in meinen Kopf gekrochen war,
schien besserer Laune zu werden: während er bisher in meinem Gehirn
grollend rumort hatte, begann er jetzt lustig mit den Beinen zu
strampeln, so daß mir mit einem Male gar fröhlich zumute ward. Es kam
hinzu, daß die Bäume und Häuser gar possierliche Knixe machten, und ein
großes Gebäude nahm sogar grüßend sein Dach wie einen Hut vor mir ab,
schwenkte es in der Luft und setzte es wieder auf.
Diese Heiterkeit erlitt nur für einen kurzen Augenblick eine
Unterbrechung, als ich am Gefängnis vorbeikam. Da sah ich hinter einem
vergitterten Fenster einen der Deutschen stehen, die ich drei Tage zuvor
unter Jim Boughsleighs Bewachung geschaut hatte: er preßte seinen Körper
ganz eng an das Gitter, richtete seine traurigen Augen gegen die Sterne,
und sein Mund sang leise ein Lied, das ich seitdem oft habe von den
Deutschen singen hören. Ich halte es für ein religiöses Lied, denn sie
scheinen besondere Kräfte aus ihm zu schöpfen, und wenn sie es singen,
tritt ein leuchtender Glanz in ihre Augen. Ich kann das Lied nicht
wiederholen, denn die deutsche Sprache ist gar schwer für einen Hindu,
aber die Anfangsworte sind mir im Gehirn haften geblieben, sie lauten:
»Deutschland, Deutschland über alles!«
Ich stand unter dem vergitterten Fenster, lauschte und ich wunderte
mich, daß ein Mensch so viel Schmerz in ein Lied legen konnte,
besonders, wenn er in einen Frosch verwandelt ist.
Denn nachts verwandeln sich ja, wie ich damals glaubte, die Deutschen in
Frösche.
Aber ich durfte mich nicht lange mit Zuhören aufhalten, ich bin gewohnt,
#vor# Mitternacht einzubrechen, und man soll seinen guten Gewohnheiten
nicht untreu werden; ich schritt also weiter und rasch stellte sich
meine Lustigkeit wieder ein.
An einer Straßenecke standen zwei Wächter. Als ich genauer hinsah, war
es nur einer. Er hielt mich fest und herrschte mich an: »Was hast du in
dem Sack, Hindu?«
»Eine giftige Schlange, Herr!« erwiderte ich. »Wenn du es nicht glaubst,
so greife hinein!«
Dazu aber hatte er keine Lust. Er drehte sich mißmutig um, und ich
hörte, wie er knurrte: »Das Schwein hat einen Schwips!«
Ich bog in einen Seitenweg ein, denn wenn ich einbreche, lege ich keinen
Wert auf die Begleitung eines Wächters. Entweder sie nehmen einen fest
oder, was noch schlimmer ist, sie verlangen die Hälfte der Beute. Wobei
sie so brüderlich teilen, daß sie am Ende sieben Achtel der Beute haben.
Ich musterte die Häuser und spähte, ob nirgends ein Fenster offen
stünde?
Die Weißen haben es nicht gerne, daß man durch das Fenster bei ihnen
einsteigt. Das ist eines der Vorurteile, von denen sie sich nicht
befreien können. Ich habe viele Menschen, die vom Reichtum zur Armut
herabsanken, gefragt, und alle haben mir bestätigt, daß sie nicht durch
Leute zugrunde gerichtet wurden, die durchs #Fenster# kamen, sondern
durch Leute, die sehr freundlich durch die Türe eintraten und die nie
vergaßen, bei ihren Besuchen ihre Visitenkarte abzugeben.
Ich halte auch den Besuch eines Hindus, der eine Brillenschlange im Sack
bei sich hat, für weit ungefährlicher als den Besuch eines Weißen, der
die Giftschlange in der Brust trägt.
Leider stand nirgends ein Fenster offen.
Das hätte mich von meinem Vorhaben abhalten sollen, allein ich war zu
gut gelaunt, um unverrichteter Dinge nach Hause zurückzukehren. Das
Schicksal hatte eben mein Verderben beschlossen.
Ein Haus, dessen unterstes Stockwerk im Dunkel lag, während im oberen
Stockwerk noch ein Licht brannte, schien mir einer näheren Bekanntschaft
würdig. Ich erinnerte mich, daß ich aus diesem Hause des öfteren hatte
eine Lady kommen sehen, eine Witwe, die reich mit Schmuck beladen war.
Wozu braucht eine Witwe Schmuck?
Bei uns Hindus war es Sitte, daß sich die Witwen auf dem Scheiterhaufen
des toten Gatten verbrennen ließen -- bei den Weißen scheint es Sitte zu
sein, daß die Witwen nach dem Tode ihres Gebieters erst richtig zu leben
beginnen. Kein Hindu wird sich einer Witwe nähern, die Weißen aber
umgirren mit Vorliebe die Witwen -- besonders die Witwen, deren Mann
noch lebt. Überhaupt ist es mir unverständlich, nach welchen Grundsätzen
eigentlich die Weißen ihre Frauen behandeln. Der Hindu prügelt das Weib,
das nichts arbeitet, -- der Weiße behängt es zum Lohn mit Schmuck. Ja,
ich habe die Beobachtung gemacht, daß just diejenigen Frauen am
üppigsten mit Schmuck behängt sind, die die meisten Prügel verdienen.
Ich schlich ein paarmal um das Haus der Witwe, wobei ich das Heulen
eines wilden Hundes so natürlich nachahmte, daß Malatri zu fauchen
begann.
Als sich im Hause nichts regte, kletterte ich zu einem Fenster des
dunklen ersten Stockwerks empor und drückte die Scheibe ein. Das Klirren
des Glases übertönte ich wieder durch Hundegebell.
Der Dämon in meinem Kopf schien kein Freund von Kletterübungen zu sein,
denn er wurde wieder ungemütlich. Aber ich hatte jetzt Besseres zu tun,
als mich mit ihm auseinanderzusetzen.
Ich war in einen finsteren Raum eingestiegen. Vorsichtig lauschend kroch
ich auf dem Boden vorwärts, wobei ich den Sack mit Malatri vor mir
herschob. Zwischen meine Zähne hatte ich ein langes Messer geklemmt.
Nichts rührte sich.
Ich gelangte auf eine finstere Treppe, huschte langsam, ganz langsam
empor und geriet auf einen Gang, auf dem ein Schrank stand. Durch einen
Türspalt drang ein Lichtschimmer: hier war also das Schlafzimmer der
Lady.
Ich hatte erwartet, vor der Schlafzimmertüre, wie es Sitte ist, als
Wache einen schlafenden Hindu zu finden -- er fehlte. Wahrscheinlich
stahl er gerade irgendwo in der Nachbarschaft.
Nun galt es zu handeln. Ich kniete am Boden nieder und begann unten an
der Türe ein Loch mit dem Messer zu schaben, breit genug, um Malatri,
die Brillenschlange, hindurchschlüpfen zu lassen. Ich glaube nicht, daß
irgendwer diese Arbeit so sicher und geräuschlos zu vollbringen imstande
ist, denn schwerlich wird jemand eine so gute Schule genossen haben, wie
ich sie bei meinem ehrwürdigen Vater genoß.
Von Zeit zu Zeit hielt ich in meiner Arbeit inne und lauschte -- niemand
beobachtete mich.
O welch ein Irrtum! Und #doch# beobachtete mich einer, und das war der
Whiskydämon in meinem Kopfe, der beschlossen hatte, mir einen
niederträchtigen Streich zu spielen.
Und das kam so:
Ich hatte das Loch in die Türe geschabt, ich hatte Malatri aus dem Sack
gelassen und beobachtete, wie das kluge Tier in das Zimmer der Lady
schlüpfte. Nun wollte ich mich in dem Schrank auf dem Gang verbergen, um
darin den Schreckensschrei der Witwe und den allgemeinen Tumult in Ruhe
abzuwarten. Ich öffnete also leise die Schranktüre, -- in dieser Sekunde
aber ließ mich der Whiskydämon schwindlig werden, ich stolperte und fiel
mit schrecklichem Gepolter in den Schrank hinein, aus dem ein Hagel von
Glasgeschirr auf mich niederging.
Hätte sich die Erde geöffnet, ich hätte nicht heftiger erschrecken
können.
Unwillkürlich stieß ich einen wilden Schrei aus, denn ich war zu allem
Unglück in einen Glasscherben getreten, und rannte die Treppe hinunter,
um zu flüchten. Ein Höllenlärm entstand. Türen öffneten sich, Männer und
Mädchen, Farbige und Weiße, stürzten brüllend heraus, ein Schuß krachte,
dazwischen kreischte die Stimme der Lady -- ich glaubte mein Ende nahe.
Instinktiv erwischte ich die Türe zu dem dunklen Zimmer des ersten
Stockwerks -- ich sprang, trotz meines blutenden Fußes, über einen Tisch
-- und zum offenen Fenster hinaus.
Draußen aber stand der Wächter, der mich auf dem Hinweg nach dem Inhalt
meines Sackes gefragt hatte, mit drei Genossen, und sie schienen mich
erwartet zu haben.
Ich rannte ihn über den Haufen und lief -- lief, so schnell mich die
Beine trugen -- keuchend, besinnungslos -- auf ein Licht zu, das ich
ferne leuchten sah.
Und -- ich weiß selbst nicht, wie es geschah -- plötzlich stand ich vor
einem jener Läden, die außen mit bunten Soldatenbildern beklebt waren
und in denen selbst zu so später Stunde noch Licht brannte -- ich
ergriff atemlos die Türklinke -- und stand drinnen.
Verwundert blickte ich mich um.
In einer Ecke hockten vier Soldaten, qualmten aus kurzen Pfeifen und
spielten fluchend Karten. Hinter einem breiten Tisch aber saß ein
Kolonel, der bei meinem hastigen Eintritt behaglich schmunzelte und mir
die Hand hinstreckte. In meiner Verwirrung legte ich #meine# Hand
hinein, die er fest drückte.
Dann griff er in die Tischschublade, nahm ein paar Silberstücke heraus
und hielt sie mir hin.
Ist heute die ganze Welt betrunken? dachte ich verdutzt, denn ich wußte
nicht, was dies bedeuten sollte.
»Was soll ich mit dem Gelde, Herr?«
»Behalten sollst du's, mein Junge!« sagte der Kolonel. »Steck's nur
ein!«
Mißtrauisch tat ich, wie er mich geheißen hatte. Ich sah von einem zum
andern -- sie grinsten vergnügt.
Mir kam der Laden unheimlich vor, und da ich mir sagte, daß meine
Verfolger wohl inzwischen meine Spur verloren haben mochten, wandte ich
mich zum Gehen.
Da aber faßte mich der Kolonel jäh an der Schulter, ließ eine
Reitpeitsche, die gleichfalls in der Tischschublade gelegen hatte, dicht
vor meiner Nase vorbeipfeifen und schrie in gänzlich verändertem Ton:
»Dageblieben! Nicht von der Stelle!«
Ich sah mich abermals verwundert um -- die andern grinsten noch
vergnüglicher als zuvor.
»Laßt mich gehen!« bat ich. »Was wollt ihr von mir?«
»Du bist witzig, mein Söhnchen!« höhnte der Kolonel. Und zu den Soldaten
gewendet, sprach er weiter: »Ihr habt es gesehen!«
Mich packte Furcht und Entsetzen. Wollten sie mich einer Freveltat
beschuldigen? Wußten sie schon von meinem Einbruch?
»#Was# habt ihr gesehen?« stieß ich hervor.
Da richtete sich der Kolonel feierlich auf, nahm den Khakihelm ab und
sagte langsam: »Wie du dich soeben durch Handschlag und Annahme des
Werbegeldes freiwillig der Armee unseres mächtigen Königs verpflichtet
hast!«
»Das ist eine Lüge!« tobte ich. »Das ist --«
Ehe ich den Satz aussprechen konnte, brannte mir schon ein Schlag der
Reitpeitsche im Gesicht. Die Soldaten packten meine Arme -- ich konnte
mich nicht rühren.
Der Whiskydämon hatte meinen Kopf verlassen, ich war plötzlich
pudelnüchtern.
Dicht vor meinem Antlitz funkelten die falschen Augen des Kolonels, und
ich hörte seine Stimme zischen: »Wirst schon mürbe werden, mein
Jungchen!«
Die Soldaten banden mir die Hände und setzten mich auf einen Stuhl.
»Aber ich schwöre euch, daß ich nicht Soldat werden wollte ...,« wimmerte
ich.
»Das hättest du dir früher überlegen sollen!«
»Ich versichere euch, daß --«
»Maul halten!! Der Soldat hat nur zu sprechen, wenn ihn seine
Vorgesetzten fragen! -- Wie heißt du?«
Der kreischende Ton schüchterte mich ein, tonlos erwiderte ich: »Ich
heiße Maharabatigolamatana -- mein Vater rief mich "Galgenstrick"!«
Die fünf wieherten vor Lachen.
»Ruhe!!« brüllte der Kolonel, worauf die anderen mäuschenstill wurden.
»Also Galgenstrick! -- Schöner Name! Bist nicht der einzige Galgenstrick
in unserer Armee!«
Er ging, die Hände in den Taschen, rauchend im Zimmer auf und ab. »Den
hätten wir!« sagte er.
Ich machte einen letzten, verzweifelten Versuch. »Aber so laßt euch doch
erklären, Herr --«
»Noch ein Wort, und ich lasse dich prügeln, daß kein Fetzen Haut an dir
heil bleibt!«
Ich senkte den Kopf. Alles Gefühl hatte meinen Körper verlassen, ich
spürte mich selbst nicht mehr. Eine stumpfe Gleichgültigkeit war über
mich gekommen, -- mochten sie mit mir machen, was sie wollten.
Nur unklar dachte ich an Malatri, die Brillenschlange, die in meine
Lehmhütte zurückkehren würde, wie sie es gewöhnt war, und mich nicht
mehr finden würde ... heute nicht ... morgen nicht ... nie wieder ...
Und wenn ich nicht meinen schändlichen Überlistern einen solchen Triumph
mißgönnt hätte, so hätte ich jämmerlich geweint.
»Führt ihn ab!« befahl der Kolonel und deutete lässig mit der
Reitpeitsche auf mich.
Und während sie mich derb vorwärts stießen, öffnete sich die Ladentüre
und herein taumelte -- Jim Boughsleigh.
Ein Freudenschrei entfuhr mir. Schiwa hat mir den Retter gesandt.
»Jim!« jauchzte ich, und neue Hoffnung wärmte mein Herz, »Jim, edler
Freund, sage du es ihnen, daß ich nie und nimmer Soldat werden wollte!«
Und nun geschah das Unfaßbare, nun sollte ich erfahren, daß ich die
Schlechtigkeit der Weißen noch weit unterschätzt hatte, und daß der Biß
der giftigsten Schlange Balsam ist, verglichen mit dem falschen Kuß
eines Weißen.
Denn Jim erhob seinen Fuß, trat nach mir Wehrlosem, spuckte aus und
grölte:
»Was sagt das braune Schwein? -- Glaubt mir, Kolonel: auf #meine#
Veranlassung hat er sich anwerben lassen -- #mein# Verdienst ist es!«
Da sah ich, daß das Schicksal beschlossen hatte, mich von der Heimat zu
trennen. Ich gab jede Hoffnung auf. Meine Glieder zitterten -- ich
verlor die Kraft, mich aufrechtzuhalten -- ich gab mir die größte Mühe,
Herr meiner selbst zu werden -- umsonst, ich fiel zu Boden, schlug mit
den zusammengeschnürten Händen um mich. Schaum trat vor meinen Mund.
Wie durch einen Nebel schaute ich, wie sich Jim Boughsleigh die
Silberstücke auszahlen ließ, die als Belohnung für die Anwerbung eines
Farbigen ausgesetzt sind -- dann schüttelten mich Krämpfe, mein Kopf
stieß wider eine harte Spitze, und -- und --
* * * * *
»Schwester! Schwester!« schrie ich erschrocken und klingelte wie
besessen.
Der Kranke war mitten im Satz bewußtlos in die Kissen zurückgesunken.
Das Klingelzeichen aber erweckte ihn, er versuchte unter wildem, mir
unverständlichem Kreischen aus dem Bett zu springen.
Unter Aufbietung aller meiner Kräfte gelang es mir, den Rasenden, der
geifernd nach meinen Händen biß, ins Bett zurückzupressen, bis die
Schwester mit einem Wärter kam.
Die Schwester warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts,
sondern wandte sich sogleich dem Kranken zu, dessen Geschrei langsam in
ein erschöpftes Wimmern überging.
Ich stopfte meine Notizen in die Rocktaschen und eilte, den Arzt vom
Tagesdienst zu holen.
»Soso,« meinte dieser, »der Inder auf Nummer achtundneunzig! Ein böser
Fall! Der wird wohl das Ende des Krieges kaum erleben! -- Scheußliche
Sache, der Krieg!«
Während der Arzt sich erhob, um nach dem Kranken zu sehen, telephonierte
ich ein Auto herbei.
Merkwürdige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich diesmal die
Reinschrift ausführte. Und öfter als einmal blieb, wenn ich aufsah, mein
Blick auf dem Plakat haften, das meine Frau kürzlich einem Hausierer
abgekauft und über meinen Schreibtisch genagelt hat, und das in dicken
Buchstaben verkündet: »Gott strafe England!«
Und ich dachte mir: das unverständliche Gekreisch, das Mister
Galgenstrick in seinem Fieberanfall ausgestoßen hatte, wird wohl nichts
anderes gewesen sein als eine etwas ausführlichere indische Umschreibung
dieses zum geflügelten Worte gewordenen Satzes.
Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an
»Galgenstricks« Worten zu ändern, denn er erzählte mit einer
überzeugenden, naiven Anschaulichkeit.
Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen
zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder
verständlich sein können, durch annähernd entsprechende Bilder aus der
deutschen Gefühlswelt ersetzt, und -- ich habe einige allzu drastische
Äußerungen »Galgenstricks« über uns Weiße schonend gemildert.
Denn ich halte es nicht für den #ausschließlichen# Daseinszweck des
Lesers, sich zu ärgern.
Ehe ich am nächsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zu _Dr._
Heßberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.
_Dr._ Heßberg war sehr böse und überschüttete mich mit Vorwürfen. »Wenn
man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinließe!! Da
schwänzeln gewisse Herrschaften in den Krankensälen herum, die nicht das
geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem
Geschwätz nur unnütz die Patienten auf -- zum Donnerwetter, ein Kranker
ist ein Kranker und keine Sehenswürdigkeit!«
Zerknirscht ließ ich die Strafpredigt über mich ergehen.
»Und worin besteht mein Verbrechen?« frug ich, als _Dr._ Heßberg beim
Amen angekommen war. »Ich habe überhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe
mir ruhig erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!«
»Das fehlte auch gerade noch, daß du einen Kranken durch Widerspruch
reizen würdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eine
#Mordsdummheit#, daß du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann
sich dem Bett nicht mehr nähern, ohne daß der Kerl aus Angst um seine
Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine
Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen müssen, jedem
Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Röntgenstrahlen zu
durchleuchten!«
Obwohl _Dr._ Heßbergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft für mich
waren, freute ich mich über sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um
das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O
möchten doch die Ärzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft
geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie
ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.
»Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste
Kleinigkeit mitzubringen!«
»Dazu würdest du auch gar keine Gelegenheit haben! Denn es kann
selbstverständlich keine Rede davon sein, daß du ihn wieder besuchst!«
»Aber erlaube, das ist denn doch --«
»Bitte, ich bin der Arzt -- da gibt es keine Widerrede!«
Wir trennten uns verbittert.
Das war ja eine nette Eröffnung, die mir _Dr._ Heßberg gemacht hatte.
Also ich sollte die Fortsetzung von Mister Galgenstricks Erlebnissen
nicht mehr erfahren. Das schmerzte mich tief. Nicht etwa weil bei mir
plumpe Neugier nach Stillung gierte, sondern ich hatte ein warmes, rein
menschliches Interesse an dem armen Teufel gewonnen, und mir war nun
zumute, als sollte ich einen freudig gewonnenen Schützling für immer aus
den Augen verlieren.
Ich schloß die Blätter, auf denen ich seine Erlebnisse aufgezeichnet
hatte, in das unterste Fach meines Schreibtisches -- in das Fach, in dem
meine unvollendeten, endgültig aufgegebenen Arbeiten ruhen, die ich
scherzhaft meinen »Nachlaß zehnter Band« zu nennen pflege.
Acht Tage später -- ich hatte mich halbwegs beruhigt -- klingelte mich
_Dr._ Heßberg telephonisch an.
»Hallo??«
»Jawohl! Schrei nicht so! Hier Heßberg.«
»Wie geht's Mister Galgenstrick?«
»Besser! Du -- er will dich sprechen!«
»Aha! Siehst du, ich bin #doch# nicht so schlecht, wie du mich
hingestellt hast!«
»Eingebildet, wie alle Schriftsteller! Wenn du mir ihn aber wieder
aufregst --«
»Weiß schon!«
»Spaß beiseite, ich bitte dich in allem Ernst --«
»Sehr richtig!«
»Ich lege den allergrößten Wert darauf, daß --«
»Und wie geht's deiner Frau?«
»Scheusal! Also sei vernünftig, und --«
»Auf Wiedersehen!«
»Adieu, -- verzeihe, das Wort darf man ja nicht mehr gebrauchen: Leb
wohl!«
Dieses Telephongespräch fand um drei Uhr mittags statt, -- um halb vier
war ich bei Mister Galgenstrick.
Ich fand ihn ruhiger, als ich gehofft hatte. Er begrüßte mich lächelnd
und schien sich zu freuen. Er »#schien#«, -- denn bei diesem Menschen,
der sein Mienenspiel eisern in der Gewalt hielt, mußte man sich aufs
#Erraten# seiner stummen Empfindungen beschränken.
»Wie fühlst du dich, Galgenstrick?«
»Der Doktor ist gut,« antwortete er ausweichend. »Aber heiliger Kuhmist
wäre besser!«
»Du hast nach mir verlangt?«
»Ja, ich will dir weiter erzählen.«
»Strengt es dich auch nicht zu sehr an?«
»Darauf kommt's nicht mehr an. Das Schicksal tut, was es will.«
Er ließ sich von mir das Kopfkissen tiefer in den Rücken schieben, so
daß er halb aufgerichtet lag, und erzählte:
* * * * *
Ich hatte unklar gesehen, wie Jim Boughsleigh sein Sündengeld einschob.
Möge er an dem Whisky, den er sich dafür kaufte, erstickt sein! Mögen
ihn die wilden Hunde gefressen haben!
Dein Gesicht, Herr, sagt mir, daß dir meine Verwünschungen mißfallen.
Ich weiß, ihr Weißen sagt, man soll seinen Feinden verzeihen, und ich
will gerne glauben, daß ihr eure Kanonen nur zu diesem Zwecke baut. Auch
wir Hindus verzeihen unseren Feinden, nur schlagen wir sie gerne vorher
tot.
Ich könnte dir nun mit Leichtigkeit vorlügen, daß es mir die erste Zeit
in der Kaserne sehr schlimm ergangen sei. Aber ich will niemanden
schlechter machen, als er ist. Bei den Engländern habe ich das auch gar
nicht nötig.
Nein, es erging mir besser, als ich es erwartet hatte. Man brachte mich
mit vielen anderen Hindus in einem großen Hause unter, das einen weiten
kahlen Hof einschloß. Des Nachts stand uns ein Zimmer zur Verfügung, in
dem ehemals zehn weiße Soldaten gewohnt hatten, und da wir nur zu
achtzig darin zu schlafen brauchten, fühlten wir uns ganz wohl, und wenn
wir unsere Beine bis an die Schultern hochzogen und den Kopf dazwischen
steckten, hatten wir bequem Platz.
Es gefiel mir auch, daß man in diesem Hause nicht, wie es sonst Sitte
bei den Weißen ist, die schuldlosen Tiere tötete, sondern die Wanzen und
Ratten durften sich nach Herzenslust vermehren.
Anfangs hatte man uns Strohsäcke zum Schlafen gegeben, aber der Hindu
schläft nur, in eine Decke gewickelt, auf dem Fußboden. Es ist dies auch
praktischer, denn die Strohsäcke muß man von Zeit zu Zeit reinigen, den
Fußboden aber nie.
Meine Befürchtung, daß ich mit Mohammedanern oder Weißen in einem Raum
weilen müsse, erwies sich als unbegründet. Schmerzlich allerdings war es
mir, einem Angehörigen der Kriegerkaste, mit Hindus #niedriger# Kasten
gemeinsam hausen zu müssen, und es dauerte eine Weile, bis ich imstande
war, diese Schmach als eine Fügung des Schicksals geduldig zu ertragen.
Das Essen war reichlich und wir durften uns die Tiere von den Brahmanen,
die unter uns waren, schlachten lassen, wie überhaupt die Engländer sich
so wenig um #unsere# Religion kümmerten wie um #ihre eigene#.
Nun, ich will es dahingestellt sein lassen: gaben sie uns so viel zu
essen, um unsere Freundschaft zu gewinnen, oder gaben sie es uns in
derselben Absicht, in der sie ihre Gänse mästen? Sonst war das Leben
nicht ganz so schön, wie es mir Jim Boughsleigh in Aussicht gestellt
hatte. Am frühen Morgen trieb man uns in den Hof, stellte uns in Reihen,
und dann mußten wir alles machen, was uns der Offizier befahl. Sonst gab
es Prügel.
Der Offizier sagte oft, daß er es gut mit uns meine, und hatte dabei die
Hand am Revolvergriff.
Manchmal drohte ich vor Erschöpfung umzusinken, dann bekam ich einige
Peitschenhiebe und war wieder munter. Ich fügte mich in mein Los, und
wenn der Offizier mich anschrie, so dachte ich mir »Rutsche mir den
Buckel entlang, o Herr,« und auf diese Weise kamen wir ganz gut
miteinander aus.
Also lernte ich die Kriegskunst. Manches freilich verstanden wir Hindus
weit besser als unsere Lehrmeister, zum Beispiel, wie man lautlos auf
dem Boden schleicht. Ich lachte innerlich, wenn ich unseren Vorgesetzten
dies vormachen sah, und sagte mir: »Die englischen Soldaten gäben
schlechte Einbrecher. Nun vielleicht ist in England die Kaste der Diebe
für die höheren Diplomaten reserviert.«
Aber ich lernte vielerlei Neues. Um nur eines zu erwähnen: ich wußte
noch nicht, daß man den Patronen, ehe man sie in die Gewehrläufe
schiebt, die Spitze abbrechen muß. Ich wunderte mich darüber und fragte
den Offizier, warum dies geschähe, und er klärte mich auf: »Das steht so
im Völkerrecht!«
Überhaupt klärte uns der Offizier gründlich auf -- mit Vorliebe darüber,
was die Deutschen für böse Dämonen sind und daß sie ohne jeden Grund den
Krieg angefangen haben und daß sie schon seit vielen Jahren daran
arbeiten, das harmlose England einzukreisen.
Und daß deshalb alle Kulturvölker auf Englands Seite getreten seien, zum
Beispiel die Serben und die Zuaven, und auch alle freiheitsliebenden
Herrscher, zum Beispiel der Zar.
Und indem er sich an die mohammedanischen Regimenter wandte, fuhr der
Offizier fort: »Deshalb hat auch der Sultan den Heiligen Krieg gegen die
Deutschen erklärt!«
Von dem vielen Geld, das man mir als Lohn versprochen hatte, bekam ich
nichts zu sehen und ich hätte mir kaum das zum Leben notwendige Opium
für meine Pfeife kaufen können, wenn ich mir nicht manchmal kommandiert
hätte: »Hände in fremde Taschen -- marsch, marsch!«
Auch der Hindu braucht in seinen freien Stunden eine Zerstreuung, sonst
sinkt er auf die Stufe eines Weißen herab. Die Araber haben, wie man mir
erzählt hat, ihre #Märchenerzähler#, die Engländer haben ihre
#Zeitungen#. Sie zwangen auch uns, sie zu lesen, und wir erfuhren
daraus, wie die Deutschen überall besiegt werden, und wie besonders die
#Russen# zwei furchtbare Waffen haben: die Masurischen Seen und den
strategischen Rückzug.
Und daß in Deutschland furchtbare Hungersnot herrscht. Dies konnte ich
nicht begreifen. Denn da sich die Deutschen doch nachts in Frösche
verwandeln, brauchen sie bloß Fliegen zu fressen, um sich zu sättigen.
Ich befragte den Offizier über diesen Punkt, und bereitwillig klärte er
mich wieder auf: die deutschen Fliegen ziehen im Herbst nach Afrika und
kehren erst im Frühjahr zurück.
Nun war mir die Sache klar.
Ich erinnere mich auch, daß der Offizier eines Mittags eine Ansprache
hielt, die folgendermaßen lautete: »Es ist mir zu Ohren gekommen, daß
einige von euch die Spitzen ihrer Messer und Dolche vergiften. Ich mache
euch darauf aufmerksam, daß dies bei strengster Strafe verboten ist.
Auch taugt euer Gift nichts. Wirksames Gift bekommt ihr in dem Zimmer
neunzehn der Kaserne. Es kostet euch nichts und es gibt, so viel ihr
wollt. Also merkt euch das Verbot!«