Und riß sich los und enteilte.
Ich stand da, mit blitzenden Augen und wogender Brust. In der geballten
Faust hielt ich die drei Rupien, die mir aus alter Gewohnheit in der
Hand geblieben waren, als ich das Kleid des Fremden berührt hatte.
War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein böser Dämon
gewesen?
Doch nein, er hatte geweint.
Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn
sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn würgte.
Sicher wußte er mehr, als er gesagt hatte.
Mein Kopf wirbelte, -- nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das
vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mußte es ihm
zurückgeben. »Mein Freund,« rief ich und eilte in die Straße, in der er
verschwunden war, »mein Freund ...«
Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mußte sich in irgendeinem der Häuser
verborgen haben.
Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.
»Armer Freund« hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus?
Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir
abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?
Ich fühlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir:
»Wirf ihn von dir! Zerreiße ihn, verbrenne ihn!« Zu gleicher Zeit aber
klang es in mir: »Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du
berufen bist!«
Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschöpft hatte, war in peinvolle
Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender
Gefühle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu
finden, stieß ich auf dicke Mauern.
Ich achtete nicht mehr auf die Richtung, die ich einschlug, und mein
Instinkt führte mich den Weg zu meiner Lehmhütte, vor der ich plötzlich
stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin geraten war.
Es war dunkel geworden, die Häuser standen wie ausgestorben, denn die
Engländer hatten bei Kriegsbeginn einen Erlaß verkündet, der es den
Eingeborenen verbot, des Abends Licht zu brennen. Auf diese Weise
hofften sie, alle geheimen Zusammenkünfte verhindern zu können.
An der Pforte meines kargen Heims strauchelte ich über einen plumpen
Gegenstand. Ich bückte mich -- und fuhr zurück: da lag Malatri, die
Brillenschlange, und sie war tot. Erschlagen von rohen Händen.
Ich warf mich nieder, preßte den armen Kadaver an mich, streichelte den
zerschmetterten Kopf, so daß mir das geronnene Blut an den Fingern
kleben blieb. Ich rief: »Malatri, Liebling meiner Seele, Genosse meiner
Beutezüge, hörst du mich nicht? Erwache und richte dich auf! Ich will
dir vom besten Reis bringen, ich will dir die süßeste Milch stehlen, ich
will dir ein weiches Lager bereiten! Du sollst an meinem Hals schlafen,
ich will dich bedienen wie einen Fürsten, -- so vernimm doch den Ruf
deines Freundes und gib ihm ein Zeichen!« ...
Dies waren die Worte, die der Schmerz mir eingab.
Aber die Seele, die in Malatris geschmeidigem Körper gewohnt hatte, ließ
sich nicht mehr zurückrufen. Schon hatte sie in einem anderen Leibe ihre
Stätte gefunden, vielleicht lebte sie in einer der Ratten, die über die
Schwelle huschten und meine Klagen mit leisem Pfeifen begleiteten.
Nun hatte ich nichts mehr, was mich an die Heimat fesselte. Mit der
letzten Wurzelfaser war ich losgerissen aus dem Boden -- gleichgültig,
wohin man mich verpflanzen werde.
Das Spielzeug des Schicksals ...
Ich hob Malatri von der Erde, trug sie zu einem nahen, fließenden
Gewässer und überließ sie den trägen Wellen.
Verspätet traf ich in der Kaserne ein. Zu meiner Verwunderung blieb die
erwartete Strafe aus, der Posten ließ mich passieren, ohne mich zur Rede
zu stellen. Er lachte mir nur breit ins Gesicht, als wisse er ein
spaßhaftes Geheimnis.
Kaum aber hatte der Gott des Schlafes meine Lider angehaucht, da riß ein
gellendes Trompetensignal uns alle empor. Und als wir aufblickten, stand
in der Türe unser Offizier mit fünf Soldaten, und sie hielten ihre
Revolver bereit.
Wir waren den Anblick von Revolvermündungen zu sehr gewohnt, um unruhig
zu werden, und dachten, es sei wieder einmal eine Nachtübung anberaumt.
Als wir jedoch unsere Gewehre ergreifen wollten, sahen wir mit
Erstaunen, daß sie heimlich weggeräumt worden waren.
Ich mußte doch länger geschlafen haben, als ich geglaubt hatte.
»Antreten im Hofe ohne Waffen!« befahl der Offizier und schnitt ein
Flüstern, das sich erheben wollte, durch das Kommando ab: »Ruhe! Kein
Wort!!«
Wir alle mußten vor ihm den Raum verlassen, er folgte nebst seinen fünf
Soldaten, ohne den Finger vom Revolverhahn zu nehmen, und es war nicht
anders, als treibe er eine Herde vor sich her.
Im Hofe aber sah es seltsam aus. Da standen zwei Regimenter englischer
Soldaten mit geladenen Gewehren, und sie ließen uns nicht aus den Augen.
Dem einen Regiment gegenüber standen die mohammedanischen Truppen, die
im andern Flügel der Kaserne untergebracht gewesen waren. Ihnen fehlten,
gleich uns, die Waffen.
Dem zweiten Regiment gegenüber mußten wir uns aufstellen.
Auf großen, mit Pferden bespannten Karren lagen unsere Gewehre.
Kein lautes Wort fiel, selbst die Befehle wurden halbleise erteilt, als
gälte es, sie vor unberufenen Lauschern geheimzuhalten.
Waren wirklich alle so bleich, oder sog der Schein des heiligen Mondes
die Farbe aus ihren Wangen?
Die englischen Soldaten marschierten auf uns zu, nahmen unseren Zug in
die Mitte, und nun ging es hinaus in die Nacht, -- rechts und links von
schußbereiten Wächtern behütet.
Im Zickzack führten sie uns durch die Stadt, deren Straßen von Menschen
gesäubert worden waren. Nur die Schritte hallten, und auch sie waren
gedämpft wie bei euren Leichenzügen.
Ja, es war ein Leichenbegängnis. Die Versprechungen, die sie uns und den
Mohammedanern gegeben hatten, trugen sie zu Grabe, und uns alle stießen
sie mit hinab in die Gruft.
Wir sahen den Hafen vor uns, der angefüllt war von englischen Soldaten,
und ein großes Schiff stand bereit, uns aufzunehmen.
Zuerst wurden unsere Gewehre verladen. Alles so lautlos, wie in einem
Schattenspiel.
Und ich selbst kam mir vor wie leblos -- ich sah, was geschah, aber ich
hatte die Empfindung dafür verloren. Ich sah, wie die Mohammedaner über
die Bretter schritten, die den Steinboden mit dem Schiff verbanden, ich
sah, wie ihr Zug in einer Treppenluke verschwand -- ich fühlte keinen
Schmerz. Ich setzte mich in Bewegung, als die Reihe an uns gekommen war,
willenlos wie ein Tier.
Als ich über die Bretter marschierte, versagten meine Knie den Dienst,
ich fiel. Aber ein Stoß mit dem Gewehrkolben in den Nacken brachte mich
wieder auf die Beine.
Im Aufspringen sah ich den Mond über mir stehen. Und mir war, sein
Antlitz ähnele dem fremden Mohammedaner, dessen Schreiben ich im Gewande
trug, und er weinte.
Und eine weiße Wolke schob sich vor ihn, um die Träne an seiner Wimper
zu trocknen.
* * * * *
Gerade wollte ich eine Pause des Atemholens dazu benutzen,
»Galgenstrick« mit der sanften Frage zu unterbrechen, ob ihn das
Erzählen nicht anstrenge, als er selbst hüstelnd sprach: »Wenn es dir
recht ist, o Herr, lasse mich schließen für heute!«
Natürlich war es mir recht.
Um aber Mister Galgenstrick nicht in gar so trüber Stimmung zu
verlassen, plauderte ich noch ein wenig von gleichgültigen Dingen.
Er hörte mir die ersten paar Sätze geduldig zu, dann sagte er: »Ihr
Weißen redet, ohne zu denken!« drehte sich im Bett herum, und soweit die
Bettdecke erkennen ließ, nahm er eine Körperstellung ein, die selbst der
optimistischste Optimist nicht als Ehrenbezeigung deuten konnte.
Ich mußte ob dieser Pantomime so herzlich lachen, daß Mister
Galgenstrick sich wieder zurückdrehte und, angesteckt von meiner
Heiterkeit, mir grinsend die Zähne zeigte.
Und so hatte ich doch meine Absicht erreicht, ihn vor meinem Abschied in
heitere Laune zu versetzen.
Als ich am nächsten Mittag in das Lazarett kam, sagte mir auf dem Flur
die Krankenschwester: »Mister Galgenstrick ist, seitdem Sie ihn
besuchen, braver -- aber heute nacht war er wieder sehr ungezogen!«
»Was hat er denn angestellt?«
»Er hat sich selbst das Fenster geöffnet und die ganze Nacht hindurch
die kalte Luft, die Gift für seine kranke Lunge ist, eingeatmet. Ich
habe _Dr._ Heßberg gar nichts davon gesagt, sonst hätte er den Patienten
furchtbar zusammengeschimpft!«
»Daran haben Sie recht getan, Schwester!«
Übrigens hatte die kalte Luft meinem farbigen Freunde nicht viel
geschadet -- soweit mein Laienauge es beurteilen konnte.
Er war recht vergnügt, legte bei meinem Eintritt die indischen Bilder,
die er stundenlang zu betrachten pflegte, beiseite und begann nach
einigen kurzen Begrüßungsworten lebhaft zu erzählen.
* * * * *
Das Meer ist ein heiliges Gewässer, und es übt eine unwiderstehliche
Anziehungskraft aus. Besonders auf die Speisen, die man im Magen hat.
Laß mich schweigen, Herr, von den ersten Tagen der Seefahrt. Wir glichen
weniger einer Truppe, die in den Kampf gegen die Deutschen zieht, als
einer Truppe, die aus dem Kampf mit den Deutschen kommt. Und wenn meine
Seele jemals in den Leib eines Herings ziehen sollte, so weiß sie nun
wenigstens im voraus, wie einem beim Eingepökeltsein zumute ist.
Wir Hindus waren auch zumeist #stumm# wie die Heringe. Wir sind keine
Weißen, die stets das Bedürfnis haben, ihr »Herz« auszuschütten -- wobei
ich immer lebhaft an das Ausschütten einer Kehrichttonne erinnert
werde. Und ich glaube, die meisten Europäer besitzen dieses
Mitteilungsbedürfnis, nicht weil ihr Herz übervoll, sondern weil ihr
Kopf überleer ist.
Du fragst dich, warum ich dir meine Lebensgeschichte erzähle, da ich das
Stummsein so lobpreise?
Siehe, das ist eben der Unterschied: ihr werdet wortkarg, wenn ihr krank
seid, ich werde auf dem Krankenlager gesprächig. Ihr haltet das
Mundhalten für eine Krankheitserscheinung, ich das Schwatzen.
-- Die Fahrt schien endlos. Wohl hatte ich schon gehört, daß ferne
unserer Heimat die Länder liegen, aus denen die Fremden zu uns kommen
und uns ihre Waren schicken, aber nie hätte ich geglaubt, daß diese
Länder so weit abseits lägen, daß das Meer so breit sei. Ich zermarterte
mir das Gehirn mit der Frage, wozu ist das viele Wasser da, und ich kam
zu der Lösung: die Götter haben es in ihrer Weisheit ausgeschüttet,
damit ihr Weißen nicht so leicht und gefahrlos zu uns herüberkommen
könnt. Das Meer ist der Stacheldraht des farbigen Mannes.
Wenn ein Offizier zu uns Eingepökelten hinabstieg, fragten wir ihn nach
dem Reiseziel. Der eine Offizier nannte »Ägypten«, der zweite
»Frankreich«, der dritte »Belgien«, der vierte »Deutschland«.
Ich sage: »wenn er zu uns hinabstieg«, denn wir Hindus durften nicht an
Deck. Wir wurden verschickt wie eine Ware, und ich weiß nicht:
berechneten uns die Engländer nach der Kopfzahl oder nach dem Pfund
Lebendgewicht?
Wir lagen im untersten Schiffsraum und ein Stockwerk über uns hausten
die Mohammedaner. Eine Treppe verband uns. Manchmal kamen Mohammedaner
zu uns herab und erzählten uns Neuigkeiten. Die Engländer sahen dies
nicht gerne.
»Woher weißt du diese Neuigkeiten?« stellte ich einmal einen Bekenner
Allahs zur Rede, der mir mitgeteilt hatte, die Russen hätten die
siebzehn Töchter des Deutschen Kaisers gefangengenommen. »Woher weißt du
es, da wir mitten auf dem Meere sind? Haben es dir die Möwen zugetragen?
Liest du es aus den Zickzackbewegungen der Fische?«
Er hielt mir darauf eine große Rede über ein Ding, das er »drahtlose
Telegraphie« nannte und das ein Engländer namens Marconi erfunden habe.
Ich ließ den dummen Schwätzer stehen.
Ich weiß, daß ihr Weißen viele Geheimnisse erforscht habt: Ihr habt ein
Glasinstrument, das ihr »Thermometer« nennt und mit dem ihr das Wetter
macht; ihr habt ein Blechrohr, in das ihr eure Musik eingesperrt habt
und aus dem ihr sie herauslaßt, wenn andere Menschen schlafen wollen;
und obwohl dieses Blechrohr, das ihr »Grammophon« nennt, keine Nase hat,
singt es doch durch die Nase; ihr seid pfiffig und stehlt der Natur
gewandter ihre Geheimnisse als ich euch die Taschenuhren, -- aber
solchen Unsinn wie »drahtlose Telegraphie« dürft ihr einem Hindu nicht
vorschwatzen!
Nein, ich glaube nicht an solche Taschenspielerkünste und ich bin
überzeugt, die sogenannten drahtlosen Kriegsberichte der Engländer
entstehen auf eine ganz andere Weise, nämlich indem sie einfach fern vom
Schlachtfeld erfunden werden.
Und das haben mir später meine Erfahrungen auch bestätigt.
Am dritten Tage der Seefahrt gab es einen großen Tumult auf dem Schiff.
Es war um die Mittagszeit, das Meer lag leise atmend wie ein schlafendes
Mädchen und schien sich selbst im Schlummer unbewußt zu schämen, daß wir
es durch die Fensterluken beobachteten.
Ein sanfter Wind fächelte von ihrer Stirne die Möwen, die ich die Mücken
des Meeres nennen möchte.
Da hörten wir plötzlich, wie die Engländer auf dem Verdeck des Schiffes
durcheinander schrieen, wie sie aufgeregt hin und her liefen, bis
schneidende Kommandostimmen Ordnung in den Wirrwarr brachten.
Ein Mohammedaner stürzte auf uns zu und tobte: »Ein deutscher Kreuzer
ist in Sicht! Wir sind alle verloren!«
»Hat er explodierende Metallfische bei sich?« erkundigte ich mich, aber
er ließ sich keine Zeit, mir zu antworten. Er raste wieder die Treppe
hinauf zu seinen Stammesgenossen.
Ich hörte, wie die Falltüre geschlossen wurde, die uns von dem Verdeck
absperrte: wir waren wie in einem Käfig gefangen.
Ein Murren erhob sich, wilde Gedanken jagten sich in unseren Köpfen.
Doch ein Brahmane stimmte ein Gebet an, wir ließen unsere Stimmen
mitklingen und unsere Wünsche drangen zu den Himmeln empor, hindurch
durch die Falltüre und die Planken des Schiffes.
Wir Hindus flehten zu Schiwa, die Engländer flehten zu ihrem Gott, die
Mohammedaner flehten zu Allah. Zu vielerlei Göttern, in vielerlei
Sprachen schrie Menschennot nach Errettung, aber ich glaube, im Grunde
war es ein und dasselbe Gebet.
Als ich mein Gebet verrichtet hatte, trat ich an eine der Fensterluken,
stieß die anderen, die mir den Platz streitig machen wollten, mit den
Ellenbogen kräftig zurück und schaute auf den Ozean hinaus.
Ein Rauchwölkchen stieg am Horizont auf, wuchs, kam näher, und es sah
aus, als ob ein Schiff langsam aus den Wogen emporstiege: zuerst der
Schornstein, dann das Deck, der Rumpf -- und nun war das ganze Schiff
sichtbar und lief auf uns zu mit der Schnelligkeit einer Ratte.
Man konnte es im hellen Tageslicht deutlich beobachten.
Da begannen die Maschinen unseres Schiffes laut aufzustöhnen, wir wurden
von einem Ruck durcheinandergeworfen, und ein Wettrennen auf Leben und
Tod begann zwischen den beiden Dampfern.
Und ich sprach zu mir: »Wie es das Schicksal will, wird es geschehen.
Will es das Schicksal, so bleibe ich am Leben, will es das Schicksal, so
ertrinke ich. Mir ist beides recht. Wohl ist es betrüblich, daß ich
nicht, wie meine Vorfahren, am Galgen sterben soll, daß ich die
Tradition unterbreche. Und ich wollte, ich hätte erst das hilflose
Ermatten überstanden, bei dem mir das Wasser in den Mund und Nase
dringen wird, bis sich die Wellen gurgelnd über mir schließen! Möge das
Schicksal meinen Todeskampf abkürzen!«
Und wie ich, dachten wohl alle, alle, die an Bord waren. Ausgenommen
vielleicht die Engländer, die die Rettungsboote in ihrer Nähe hatten.
Ich ließ mein Leben an mir vorübergleiten und fragte: »Was hast du mir
bisher geschenkt? Viele Prügel und manche hungrige Nacht, aber auch
manchen wohlgelungenen Beutezug. Du hast mir manches böse Wesen in den
Weg geführt, wie Jim Boughsleigh, aber auch manches gute Wesen, wie
Malatri, die Brillenschlange. Ich bin so gut und so schlecht gewesen,
wie es mir meine Vermögensverhältnisse erlaubten. Wenn ich einen
ungekannten Feind hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich sterbe, ohne
ihn umgebracht zu haben; wenn ich einen ungekannten Freund hinterlasse,
so tut es mir leid, daß ich seine Bekanntschaft nicht gemacht habe. Möge
meine Seele in einem besseren Leibe, als es mein gegenwärtiger ist, zu
neuem Leben erwachen, -- und wenn es nicht in meiner Heimat sein darf,
so möge es in einem Lande sein, wo die fremden Brieftaschen gefüllter
sind und die Wächter sich eines gesunden Schlafes erfreuen!«
Unser Schiff rannte durch die Wellen mit einer Schnelligkeit, die ich
ihm niemals zugetraut hätte. Vor der Fensterluke spritzte der Gischt
dicht empor, so daß ich nichts mehr sehen konnte. Und wenn ich nicht
gewußt hätte, daß wir an Bord eines tapferen, unbesiegbaren englischen
Schiffes wären, würde ich sagen: wir flüchteten.
Jeden Augenblick erwartete ich, jenes explodierende Metallfischlein käme
geschwommen und streckte seinen spitzen Eisenkopf durch die Schiffswand.
Jeder Atemzug war mir eine Gnadenfrist.
Wann kommst du, Tod?
»Ich glaube, wir fahren langsamer,« sprach ein Hindu neben mir.
Ich merkte auf und nun kam es auch mir so vor. Der Gischt vor dem
Lukenfenster spritzte niedriger, das Stampfen der Maschine wurde leiser.
Nun war auch der Blick über das weite Meer wieder freier -- ich spähte,
ich reckte mich hochauf: der deutsche Kreuzer war verschwunden.
Vielleicht hatte ihn Schiwas Faust in das Meer gedrückt, wie man den
Kopf eines störrischen Stieres niederdrückt.
»Wir sind gerettet!« jauchzten die Mohammedaner über uns. Und umarmten
sich.
Wir Hindus aber blieben ernst, ein unhörbares Aufatmen befreite unsere
Brust, unsere Glieder lösten sich aus dem Starrkrampf der
Todesbeklemmung.
Und wieder drangen die Gebete empor.
Die Engländer dankten: #Gott# hat uns gerettet.
Die Mohammedaner dankten: #Allah# hat geholfen.
Die Hindus dankten: #Schiwa# hat uns beigestanden.
Die Engländer feierten die Erlösung aus Todesgefahr mit Sekt und Whisky.
Die Mohammedaner feierten sie mit heiligen Gelübden.
Wir Hindus feierten sie mit einem gesunden Schlaf.
Und die Heizer an der Maschine bekamen einen Korb Wein vom Kapitän
gespendet.
Übrigens begegneten wir am nächsten Morgen abermals dem deutschen
Kreuzer und es stellte sich heraus, daß es ein englisches Handelsschiff
war, das bei unserem Anblick schleunigst davongedampft war, weil es uns
für einen deutschen Kreuzer gehalten hatte ...
So hatten wir uns gegenseitig bewiesen, daß Britannien das Meer
beherrscht ...
Schmerzlicher als unter dieser Stunde der Aufregung litt ich unter der
langen Abgeschlossenheit in dem stickigen Schiffsraum. Uns Hindus, die
wir so eng mit der Natur verwachsen sind, daß wir mit ihr eine große
Familie bilden, von Sonne, Mond abzusperren -- es war unerträglich. Ich
fühlte mich lebendig begraben.
Ich habe manchmal die Wahl gehabt zwischen einer Gefängnisstrafe und
zwanzig Peitschenhieben auf mein Rückenende, und ich habe stets die
Peitschenhiebe vorgezogen.
Das haben die Weißen nie begriffen. In ihren Augen gibt es nichts
Entehrenderes, als öffentlich geprügelt zu werden. Ich aber frage: Was
hat mein Ehrgefühl mit meinem Popo zu tun? Was ist das für ein
Ehrgefühl, das eine Peitsche mir rauben kann?
Ihr könnt mich lahm geißeln, deshalb bleibe ich doch ein Hindu der
Kriegerkaste. Aber wenn ihr auch alle Hindus ausrotten würdet, deshalb
bliebet ihr doch nur Weiße. Da kann euch kein Mensch und kein Gott
helfen.
Ihr macht ein großes Wesen von eurem Ehrgefühl, zu dessen Verherrlichung
ihr mannigfache Löcher in die Luft schießt, aber was wahrer Stolz ist,
könntet ihr von dem ärmsten Hindu lernen. Ich will dir ein Beispiel
geben: Wohl ist der Hindu euer Knecht, aber in seiner kärglichen
Lehmhütte ist er der Herr, und sein Weib würde es nie wagen, sich in
seiner Gegenwart zu setzen. Bei euch hingegen gebärden sich just
diejenigen Männer als die Herren der Welt, die zu Hause den Mund nicht
öffnen dürfen.
Unseren Stolz beugt kein Richtschwert -- euer Stolz zittert vor einem
Pantoffel.
Gerne hätte ich mir jeden Tag zehn Peitschenhiebe aufzählen lassen, wenn
man mich dafür nur eine halbe Stunde auf Deck gelassen hätte! Ach, ich
sah die Gestirne nur durch ein schmales Fenster, ich hörte nicht den
Gesang des Windes, und wenn ich den Blick hob, sah ich über mir harte
Schiffsplanken.
Ich habe einmal einen weißen Knaben in Bombay gesehen, der sammelte
Raupen. Er nahm sie von den blühenden Bäumen und sperrte sie in einen
dunklen Pappkasten, in den er ein paar erbärmliche Luftlöcher gestoßen
hatte. Mit diesen Raupen verglich ich uns.
Und eines Nachts hielt ich es nicht mehr aus, ich mußte den Mond wieder
einmal freien Auges sehen und mich überzeugen, ob er noch weinte?
Meine Brüder schliefen den festen Schlummer des Sklaven, als ich mich
erhob, unhörbar die Treppe hinaufzuschleichen. Unhörbarer noch, als ich
damals im Hause der Lady die Stufen emporgekrochen war.
Schon war ich an dem Stockwerk der Mohammedaner vorbei und schaute über
mir die offene Falltüre. Ich sah den Vollmond mir zu Häupten und hob wie
anbetend die Arme. Ich stieg höher und fühlte den Wind nach mir haschen.
Und nun konnte ich auch einige Geräte auf dem Verdeck unterscheiden und
erblickte den einen Schornstein des Schiffes.
Die Luft war voller Dämonen, die sich winselnd balgten, und der Rauch,
der dem Schornstein entqualmte, schnitt tückische Fratzen.
Noch ein paar Schritte und ich mußte droben sein. Aber als ich
vorsichtig den Kopf aus der Luke hob, spürte ich einen krachenden Schlag
auf dem Schädel und hörte eine böse Stimme: »Willst du wohl drunten
bleiben, Kanaille?«
Da zog ich meinen Kopf schleunigst zurück.
O, die Engländer hielten gute Wacht.
Ich stieg bekümmert die Treppe hinab und setzte mich in stummer Klage
auf eine Stufe.
Der Schein einer elektrischen Taschenlampe traf mich von oben, ich
schaute aufwärts und sah in der Luke der Falltreppe ein weißes Gesicht,
das herabspähte und fluchend herunterspuckte.
Dann ward es wieder dunkel.
Mit verächtlichem Achselzucken erhob ich mich und setzte mich einige
Stufen tiefer.
Das war wieder eine echt englische Heldentat gewesen, einen Wehrlosen
anzuspucken. Schule Jim Boughsleigh. Aber vielleicht verdienen es die
Völker, die für Englands Habgier ihr Blut opfern, nicht besser.
Wie lange ich auf der Treppe saß, kann ich nicht angeben. Meine Sinne
flüchteten aus der harten Gegenwart in die freundlichen Gärten der
Selbsttäuschung und ergötzten sich an dem Spielen mit eitlen Hoffnungen.
Als sie zurückkehrten und ich mir wieder meiner Lage bewußt ward, war
die Last meiner Sorgen doppelt schwer geworden. Ich stützte den Kopf in
die Hände und wünschte: o möge doch das Schiff mit uns allen auf den
Meeresboden sinken.
Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Ich sah um mich und gewahrte einen
Mohammedaner, der am Fuße der Treppe stand und wohl schon längere Zeit
meinem Mienenspiel gefolgt war.
Er starrte mich schweigend an. Soweit ich es im Dunkeln erspähen konnte,
malte ich mir sein Bild: ein kleines Männlein, mit gebeugtem Rücken.
Tiefe, ruhige Augen.
Wir musterten einander eine Weile, ohne zu sprechen. Diesem wortlosen
gegenseitigen Suchen zweier Unglücklichen haftete eine merkwürdige
Feierlichkeit an.
Wir prüften unsere Seelen mit den Blicken -- zwei Freunde, die sich in
tiefer Not begegnen und sich stumm verstehen.
Ich legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die
Mittelfinger der linken und hob sie zur Stirn.
Gespannt harrte ich, ob der Mohammedaner das Zeichen erwidere?
Er stieg gemessen die Stufen der Treppe empor, bis er dicht vor mir
stand. Kein Zucken in seinem Gesicht, keine Bewegung verriet, was in ihm
vorging.
Mir war zumute wie in einem Tempel.
Und ohne den Blick von mir zu lösen, vollführte er das geheimnisvolle
Zeichen.
Langsam ließ er die Hände sinken. Dann beugte er sich zu mir nieder und
flüsterte das eine Wort: »Leise!«
Er ahmte das Pfeifen und Rascheln einer Ratte nach -- blickte nach oben
-- die Wache rührte sich nicht.
Da setzte er sich neben mich auf die Treppe, -- und nun war er nicht
mehr der feierliche Mohammedaner mit den gemessenen Gesten, sondern ein
gesprächiges altes Männlein, das hastig lispelnd mit mir plauderte, wie
ein altvertrauter Bekannter.
Ich merkte freilich wohl, daß er bei dem scheinbar sorglosen Plaudern
mich eindringlich beobachtete, und ich glaube, er hätte bei der
kleinsten verdächtigen Schwankung meines Tonfalls sich sogleich wieder
in den unnahbaren Stummen zurückverwandelt.
»Woher kennst du das Zeichen, Freund?« forschte er.
»Einer deines Stammes hat es mich gelehrt.«
»Wo?«
»In Bombay.«
»Wann?«
»Am Tage, ehe man uns auf dieses Schiff brachte.«
»Erzähle es mir genau!«
Ich erfüllte sein Begehren. Er hörte mir ruhig zu, manchmal mit dem Kopf
beifällig nickend, manchmal leise kichernd.
Von Zeit zu Zeit gab er mir mit der Hand ein Zeichen, eine Pause zu
machen, ahmte wieder die Ratte nach, blickte nach oben, und da keine
Gefahr drohte, ließ er mich weiter sprechen.
Als ich geendet hatte, sagte er:
»Das war Abu-Kalib! Allah segne ihn! Und stärke ihn im Sterben, wenn ihn
die Engländer erwischen!«
»Wenn er dich kennt, weshalb gab er dann den Brief mir, dem Fremden, und
keinem von euch?«
»Schlauköpfchen! Weil kein mohammedanischer Soldat in Bombay auch nur
für die Zeitspanne eines Augenblinzelns unbeobachtet blieb! -- Wo hast
du den Brief?«
»Hier!«
Ich zog ihn aus meinem Gewand, fühlte, ob das Siegel noch unverletzt
sei, und reichte ihm das Schreiben.
Er küßte es.
»Ist bei euch unten eine Wache?« lispelte er.
»Nein. Wozu auch?«
»Pst! Leise, mein Freund!«
Er faßte meine Hand und zog mich die Treppe hinab. Dabei quiekte er ein
Rattenkonzert von erstaunlicher Naturtreue -- die Wache oben rührte sich
nicht. Vielleicht war sie eingeschlummert.
Als ich am Eingang zu unserem Raume stand, zögerte ich einen Augenblick.
War es nicht sündhaft, einen unreinen Mohammedaner in unser Lager zu
führen? -- Aber seufzend gestand ich mir, daß ich in den letzten Wochen
unter dem Zwange des Krieges so oft hatte gegen unsere Sittengebote
verstoßen müssen, daß mir die Götter wohl auch dieses Vergehen noch
verzeihen würden.
So traten wir denn auf den Zehenspitzen ein, stiegen über die
Schlafenden hinweg, nach einer Fensterluke, durch die der Mond seine
neugierigen Strahlen warf.
In dieser Beleuchtung sah ich zum ersten Male den Mohammedaner
deutlicher: die vielen Runzeln in seinem Gesichte zeugten von vollbewußt
erlittenen, herben Lebensschicksalen. Und nun begriff ich auch, warum er
beim Sprechen lispelte und das Pfeifen der Ratte täuschender als ein
Hindu nachahmen konnte: er pfiff durch eine breite Zahnlücke.
Ehe er das Schreiben öffnete, sah er mir scharf in die Augen.
Ich verstand sein Mißtrauen, las in seinem Blick die Frage: »Bist du
auch nicht von den Engländern bestochen?« und deutete als klarste
Antwort auf das Zeichen Schiwas an meiner Stirn.
Er nickte befriedigt und brach das Siegel auf.
Und während er las, weiteten sich seine Augen, Entsetzen verzerrte sein
Antlitz, er taumelte, ließ das Blatt sinken, als überstiege es das
Fassungsvermögen seines Hirnes, weiter zu lesen.
Ich erschrak und bereute es beinahe, ihm das Schreiben anvertraut zu
haben.
Am Ende war es doch kein heiliges Werk, wie mir Abu-Kalib beteuert
hatte?
Am Ende hatte ich mich zum Mitwisser, zum Mitschuldigen eines blutigen
Frevels gemacht?
Aber ehe ich diese Befürchtungen weiter denken konnte, fesselte mich
wieder des Mohammedaners seltsames Benehmen.
Er hatte das Schreiben dicht vor die Augen gehoben, so daß ich im
Mondschein durch das Pergament hindurch die Umrisse seines Kopfes wie
den gespenstischen Schatten eines Raubtierschädels sah. Nun senkte er
das Blatt wieder und mir starrten die Züge eines Irrsinnigen entgegen.
Er ergriff meine Hand mit seiner fiebernden Rechten, während er sich die
Linke in den Mund preßte, um nicht aufschreien zu müssen.
Ich stand erschüttert. Bis ich fühlte, wie sich der Druck seiner Hand
löste und er aus seinem Krampfe erwachte.
Und nun hing er an meinem Hals und weinte an meiner Brust -- der alte
Mann wie ein Kind.
Ich wußte mir sein Weh nicht zu erklären, aber ich wagte nicht zu
fragen. Ich legte meinen Arm um seinen gekrümmten Rücken, er zuckte
zusammen unter dieser zärtlichen Bewegung, und nun hatte er sich wieder
auf sich selbst besonnen.
»Allah wird dich lohnen und dir die Wonnen des Paradieses schenken!«
lispelte er. Und indem er auf die Reste des Siegels aus dem Fußboden
wies, warnte er: »Entferne dies, lasse es die Engländer nicht finden! Es
kann dich den Kopf kosten!«
Ich bückte mich, las die Reste zusammen -- und als ich mich wieder
aufrichtete, war der Mohammedaner entwischt. Ich hörte von der Treppe
her das Piepen einer Ratte -- vermischt mit schluchzendem Kichern.
Heute weiß ich, was in dem Schreiben stand: es war des Sultans Aufruf
zum heiligen Krieg.
Aber nicht zum heiligen Krieg gegen die deutschen Dämonen, wie die
Offiziere gelogen hatten, sondern zum heiligen Krieg gegen die
Engländer.
Ich hatte die Reste des Siegels vom Boden aufgesammelt und, um sie
sicher zu verbergen, verschluckt. Die Folge bewies mir, daß Siegellack
ein schlechtes Nahrungsmittel ist. Heftiges Bauchgrimmen lohnte mir das
fromme Werk und bestätigte die alte Erfahrung, daß uns unsere guten
Taten in der Regel die #bittersten# Schmerzen eintragen.
Bald genug sollten mich unerwartete Ereignisse belehren, daß der alte
Mohammedaner den Inhalt des Schreibens nicht geheimhielt.
Wirrer und aufgeregter dünkte mich am nächsten Morgen der Widerhall der
Schritte uns zu Häupten. Vielleicht aber kam es mir auch nur so vor, da
ich bisher nie so aufmerksam auf dieses Geräusch geachtet hatte.
In der Nacht aber erhob sich über uns ein drohendes Gemurmel, schwoll zu
gärenden Rufen, Schreie kreischten und bald war es, als ob ein Rudel
wilder Hunde losgelassen sei.
Wir wachgewordenen Hindus sahen einander verwundert an und ein Brahmane
sagte:
»Ein Narr, wer sich gegen das Schicksal auflehnt!«
Ich unterschied in dem Lärm, wie Holz zerbrochen wurde, wie Glas
klirrte, und mein Eindruck war: die da oben demolieren ihr Gefängnis.
Und nun trampelten Schritte auf der Treppe -- die Mohammedaner drängten
unter wildem Heulen nach dem Verdeck -- Schüsse fielen.
Ein Handgemenge schien zu toben.
Einen Augenblick dachte ich daran, meine Brüder zu entflammen, den
Mohammedanern zu Hilfe zu kommen. Aber ich besann mich rechtzeitig, daß
die Bekenner Allahs mir ebenso fremd und unrein gelten wie die Weißen.
Mögen die Götter sie beide vernichten!
Was hätten auch wir Unbewaffneten gegen die wohlgerüsteten Engländer
ausrichten können? Und überdies: Verdient, wer erfolgreich lügt, härtere
Strafe als der Tor, der #sich belügen läßt#?
Ich, als Hindu, habe tiefere Achtung vor dem Lügner als vor dem
Belogenen -- und ich glaube, auch ihr Weißen fühlt insgeheim gleich mir,
denn weshalb löget ihr sonst so oft?
Da der Lärm über uns und auf der Treppe kein Ende nehmen wollte, so
beschloß ich, mich persönlich von dem Stand der Dinge zu überzeugen.
Vielleicht siegten die Mohammedaner und wir konnten aus der fremden
Tapferkeit Nutzen ziehen?
Du siehst, ich fühlte schon ganz englisch.
Ich öffnete also die Türe -- prallte aber sogleich zurück. Zwei
englische Soldaten hielten mit gezücktem Revolver Wache vor der Tür.
Dieser Posten stand fortan bei Tag und bei Nacht vor unserem Raum und
hinderte jeden Verkehr zwischen uns und den Mohammedanern.
Seit der Meuterei der Mohammedaner glich das Schiff einem schwimmenden
Zuchthaus.
Nur ein einziges Mal durften wir Hindus an Deck und das war am Tage nach
jener Revolte. Unsere Offiziere ließen uns in Reihen von zwei und zwei
antreten und trieben uns die Treppe hinauf.
Oben standen wieder die bewaffneten Engländer uns Unbewaffneten
gegenüber -- ganz wie damals auf dem Kasernenhof, als man uns zur
»Nachtübung« auf das Schiff gebracht hatte.
Wie lange hatte ich den Himmel nicht mehr gesehen! Und wie hatte er sich
verändert! Es war nicht mehr der liebe blaue Himmel Indiens, der luftige
Wohnsitz der Götter, nicht mehr der süße Himmel, der wie der
durchsichtige, zarte Schleier vor einem klugen Frauenantlitz ist --
nein, es war ein schmutziges Tuch, das sich ein altes Weib vor das
verrunzelte Gesicht gebunden hatte, ein trüber, dunstiger, mißgelaunter
Himmel.
Ein Himmel, der nicht hören und nicht sehen wollte, was nun geschah.
Denn nun trat ein Offizier vor und hielt eine jener Reden, in denen die
Engländer Meister sind. Kein Volk der Erde versteht es so vortrefflich,
gleichzeitig zu sündigen und sich moralisch zu entrüsten. Es gleicht
einer Hure, die über den Kuß eines reinen Mädchens Zeter schreit. Einem
bestochenen Richter, der einen hungrigen Brotdieb zum Pranger
verurteilt. Und wenn die Engländer jemals der Göttin der Wahrheit einen
Tempel bauen, so müßten sie ihr Standbild auf den Kopf stellen und ihr
eine Schnapsflasche in die Hand geben.
Der Offizier sprach davon, daß die Mohammedaner den heiligen Eid, den
sie dem König geleistet hätten, schmählich gebrochen hätten. Davon, daß
ihnen dieser Eid unter lügnerischen Vorspiegelungen erpreßt worden war,
sprach er nicht.
Er sprach davon, daß die Engländer die väterlichen Freunde der
Mohammedaner seien, und wie schändlich es sei, solche väterliche Liebe
durch Meuterei zu lohnen. Davon, daß die Engländer gleichzeitig dem
Sultan sein Land nehmen und es mit ihren Spießgesellen teilen wollten,
sprach er nicht.
Er sprach davon, daß die Engländer blutenden Herzens die Mohammedaner
für den gebrochenen Soldateneid strafen müßten, denn England sei der
berufene Schützer des Rechts auf dieser Welt. Davon, daß sie, wie ich
später hörte, verbündet sind mit den Meuchelmördern von Serbien und dem
ehrenwortbrüchigen Zaren von Rußland, sprach er nicht.
Es war eine lange Rede und sie enthielt fast mehr Lügen als Worte. Wir
hörten sie an, wie man eben eine Rede anhört, wenn einem geladene
Gewehre nach der Brust schielen, und beneideten die Möwen, die
davonfliegen konnten.
Dann begann das Strafgericht. Die Engländer zählten aus den Reihen der
Mohammedaner jeden zehnten Mann aus, zwangen ihn vor die Front zu treten
und banden ihm die Hände auf den Rücken.
Auch den Alten, dem ich das Schreiben Abu-Kalibs ausgehändigt hatte,
traf das Los. Wir suchten uns mit den Blicken, und wenn er die
Augensprache verstand, las er von meinem Antlitz Worte, die -- hätten
die Engländer sie vernommen -- unsere Familientradition wieder zu Ehren
gebracht und mich am Galgen baumeln gemacht hätten.
Der Alte hob, als die Reihe an ihn kam, feierlich seine Hände den
Stricken entgegen, und es sah beinahe aus, als segne er die Ketten, ehe
sie ihn fesselten. Sie banden ihn so fest, daß sein Rücken noch
gekrümmter war als sonst.
Und obgleich ich nicht gerne einen Menschen lobe, außer mich selbst, muß
ich sagen: dieses greisenhafte Männchen ging dem Tode mit einem
Gleichmut entgegen, der jedem Hindu zur Ehre gereicht hätte.
Möge seine Seele sich auf ihren weiteren Wanderungen so weit
vervollkommnen, daß die Götter sie in einigen Jahrtausenden würdig
finden, in dem Leib eines Hindus, und sei es auch nur der untersten
Kaste, zu wohnen.
Die Gefesselten wurden weggeführt, und uns trieb man wieder in unseren
Stall zurück.
Kaum waren wir unten, da erschienen die Engländer bei uns, um unsere
Habseligkeiten zu durchstöbern. Ja, wir mußten uns sogar nackt vor ihnen
ausziehen, damit sie erführen, ob wir nichts Verdächtiges unter unseren
Kleidern verborgen trügen.
Wie klug war der Rat des Alten gewesen, die Spuren des Siegels zu
tilgen!
Die Engländer fanden nichts bei mir, außer zwei fremden Geldtäschchen.
Und auch bei den anderen fanden sie nichts.
Wir lauschten, ob wir die Schüsse vernähmen, die die Seelen der
gefesselten Mohammedaner wie Peitschenhiebe aus ihren Körpern treiben
sollten -- aber kein Schuß gellte.
Wahrscheinlich haben sie sie #gehenkt#, dachten wir.
Doch auch diese Vermutung war irrig. Die Todesstrafe wurde erst
vollzogen, als wir an Land waren, als wir an einer Küste ausgeladen
wurden, die sie Ägypten nannten.
»Wem gehört dieses Land?« frugen wir.
»Es gehört uns Engländern.«
»Wieso?«
»Wir haben es uns genommen.«
»Mit welchem Recht?«
Da lachten sie und sagten, wir hätten keine Kultur.
Ich habe das Wort »Kultur« noch gar oft gehört und gelesen, aber ich bin
mir trotz angestrengten Grübelns nicht klar geworden, was Kultur
eigentlich ist? Kultur ist, wenn man Schulen baut, und Kultur ist, wenn
man Kanonen baut. Kultur ist, wenn man den Frieden preist, und Kultur
ist, wenn man den Krieg besingt. Kultur ist, wenn man die Armen speist,
und Kultur ist, wenn man den noch Ärmeren ganze Länder raubt. Kultur
ist, wenn man seine Religion ehrt, und Kultur ist, wenn man andere ihrer
Religion abtrünnig macht.
Ich weiß nicht, was Kultur ist, aber ich bin stolz, wenn man mir sagt,
ich hätte keine. Obwohl ich andererseits sage: wenn die Engländer Kultur
haben, dann haben auch wir Hindus welche!
Ich glaube, Kultur ist im Grunde nur eine der Ausreden, um welche die
Weißen nie verlegen sind, wenn es gilt, für häßliche Dinge einen schönen
Namen zu finden.
Jim Boughsleigh hatte mir versichert, Ägypten sei ein wunderschönes
Land, aber ich merkte nichts davon. Ich fand, es sei eine sandige Wüste,
in der es nachts so kalt war, daß ich bitterlich fror.
Und auch das erste Erlebnis, das wir dort hatten, war alles andere eher
als wunderschön.
Wir wurden nämlich aus den Zelten, in denen man uns untergebracht hatte,
herausgeholt, um der Hinrichtung der gefesselten Mohammedaner
beizuwohnen. Man stellte sie auf einen Sandhügel und die Engländer
schossen auf sie, bis keiner mehr lebte.
Der Alte war einer der ersten, die umfielen. Er krümmte sich zusammen,
wie eine ersaufende Ratte, dann streckte er sich in einem kurzen Krampf
und blieb so liegen.
Die Mohammedaner murmelten Gebete, während man ihre Brüder erschoß.
Vielleicht war es auch etwas anderes, was sie murmelten.
»Bleiben wir in Ägypten?« frug ich den Offizier, der uns in unsere Zelte
zurückführte.
»Vielleicht!«
»Gibt es in Ägypten deutsche Dämonen?«
»Nein! Aber es nahen türkische Feinde!«
»Sind die Türken auch Dämonen?«
»Ja!«
»Verwandeln sie sich des Nachts auch in Frösche?«
Der Offizier sah mich groß an und gab mir keine Antwort mehr.
Vier Tage blieben wir in diesem Land. Und auf alle Fragen, die wir
stellten, bekamen wir die Antwort »vielleicht«.
Eine bange Unruhe bemächtigte sich wieder unserer. Was hatten die
Engländer mit uns vor? Würden sie auch unter uns ein Blutbad anrichten?
Ich konnte die Zukunft nicht erraten, aber jedenfalls war ich froh, daß
ich in unserer Kompagnie der #neunte# Mann war, und nicht der #zehnte#.
Um die Mittagsstunde des vierten Tages befahl mich der Kolonel zu sich.
Ich grüßte ihn ehrerbietig und dachte mir das Gegenteil.
»Höre, Galgenstrick,« begann er, »du bist ein intelligenter Bursche! Du
hast dich bisher als tapferer Soldat gezeigt!«
Das war mir neu. Aber ich dachte mir: vielleicht hat es den Engländern
imponiert, daß man bei mir zwei fremde Geldtäschchen gefunden hatte. Ich
schwieg, denn man darf einem Vorgesetzten nicht ungefragt antworten, und
wenn er noch so greulichen Unsinn redet.
»Du bist tapfer, mein Junge,« wiederholte der Kolonel, »und du sollst
sehen, daß wir Engländer die Tapferkeit belohnen!«
Mich durchzuckte die Hoffnung: vielleicht läßt er dich zur Belohnung
nach Indien zurückkehren?