Lebe wohl, mein Kind!«

So sprach mein Vater, umarmte mich, indes dicke Tränen über seine Wangen

perlten (ein Zeichen, daß ihm sehr heiter zumute war), und entließ mich.

Der Gefängniswärter, der von unserer Unterredung kein Wort verstanden

hatte, führte mich auf die Straße.

In der Nacht machte mein Vater einen mißglückten Ausbruchsversuch, und

am nächsten Tage verließ seine Seele den Leib.

Ich machte vor dem Gefängniswärter eine tiefe Verbeugung, flüsterte

»Salaam«, eine Ehrenbezeigung, bei der man sich die schlimmsten

Beleidigungen denken kann, und schritt gedankenvoll die Straße hinab.

Ich kam vorbei an dem Krankenhaus der Tiere, in dem wir die siechen

Tiere pflegen, bis der Tod ihren Leiden ein Ende setzt. Und wir pflegen

die fallsüchtige Kuh, den aussätzigen Affen, das krätzige Huhn mit

derselben Liebe und Ehrfurcht wie die leidende Ratte und den

verstümmelten Skorpion.

Und ich ging weiter, vorüber an Tempeln und heiligen Teichen, und kam in

den Stadtteil der Weißen, wo der große Bahnhof steht, der uns die

Fremden bringt, auf daß wir ihre Taschen leeren; wo ihre Kirchen ragen,

in denen sie zu einem Gott beten, den ich nicht begreife und nicht

begreifen #will#; wo ihr Regierungspalast, auf dessen breitem Bau ein

schmales Türmchen ruht, wie ein Tragsessel auf dem Rücken eines

Elefanten, hochmütig den Hindu anstarrt; wo die Stadthalle ernst

dreinblickt, die in ihrem Bauche unzählige Bücher birgt, aus denen die

Weißen allerlei Unnützes lernen, was sie für wissenswert halten.

Es sind stolze Häuser, nicht vergleichbar unseren Lehmhütten, und wenn

sie einmal zerstört sein werden, werden sie schönere Ruinen geben. Und

sie werden bewundert von allen, die sie zum ersten Male schauen.

Ich aber achtete nicht auf alle diese bekannten Herrlichkeiten, ich

beeilte mich, nach Hause zu kommen zu Malatri, der Brillenschlange, die

ich von meinem Vater geerbt hatte.

Malatri ist die durchtriebenste, heimtückischste Schlange Indiens, und

ich glaube, daß die Seele eines englischen Diplomaten in ihr wohnt. Ihr

sind die Giftzähne ausgebrochen, und Schiwa füge, daß das gleiche auch

der englischen Politik passieren möge.

Jetzt, da Malatri gestorben ist, kann ich ruhig ausplaudern, wozu sie

mir diente: Wenn die Nacht herniedersank, barg ich sie unter meinem

Kleid, schlich in das Europäerviertel der Stadt und ließ Malatri in das

Schlafgemach einer weißen Lady schlüpfen. Zischend richtete sich die

Schlange auf, die Herrin schrie, die Hausbewohner liefen zusammen, um

die Schlange zu erschlagen, -- und in dem allgemeinen Tumult fand ich

Zeit und Muße, in den vornehmen Zimmern des Hauses ein wenig Umschau zu

halten. Wenn ich dann meine Beute nach Hause brachte, pflegte Malatri,

die kluge Brillenschlange, schon an der Pforte auf mich zu warten. Ich

lobte sie, gab ihr Reis und süße Milch zu fressen, wickelte mich in

meine Decke und schlief ausgezeichnet, wie eben ein Mensch schläft, der

sich eines guten Gewissens und eines wohlgelungenen Einbruchsdiebstahls

erfreut.

Es ist merkwürdig, daß die Weißen so sehr vor einer Brillenschlange

erschrecken, und es hängt sicherlich mit der törichten Furcht zusammen,

die dieses dumme Volk vor dem Tode hat. Wir Hindus wissen, daß wir keine

Stunde früher oder später sterben werden, als es uns vom Schicksal

vorausbestimmt ist. Ist unsere Stunde noch nicht gekommen, so können uns

Tausende von giftigen Schlangen beißen, ohne daß es uns schadet, -- ist

aber unsere Zeit abgelaufen, so sterben wir an dem Stich einer Mücke, an

dem Schlag eines Strohhalmes, an dem Biß eines Mehlwurms.

Die Europäer begreifen das nicht, sie verbringen ihr ganzes Leben in

Furcht und Sorge, in Angst und Selbstquälerei, sie scheuen den Tod,

statt sich auf die Sterbestunde zu freuen, die sie von einem solchen

selbstverpfuschten Leben erlöst.

Das Schlimmste aber ist, daß diese weißen Menschen sich unterfangen, mit

ihren niedrigen Anschauungen unser abgeklärtes Leben zu stören. Nicht

nur daß sie uns die Witwenverbrennungen und das Ertränken der

neugeborenen Mädchen verbieten, sie suchen auch bei Pestepidemien durch

allerhand Vorschriften, die sie »sanitäre Maßregeln« nennen, den Gang

des Schicksals zu ändern. Ein ebenso vergebliches wie fluchwürdiges

Unternehmen.

Sie verbieten uns in solchen Jahren, von dem Wasser des heiligen Stromes

zu trinken, -- weil Aussätzige darin baden, und weil wir die Kadaver der

heiligen Tiere in diesen Strom zu werfen pflegen.

Sie glauben eben nicht an das Schicksal, nicht an die Macht Schiwas,

sondern nur an die Macht des Goldes, und deshalb ist es ein gutes Werk,

ihnen das Gold wegzunehmen.

Ich aber füge mich nur dem Schicksal. Will es das Schicksal, so habe ich

heute satt zu essen, -- will es das Schicksal, so hungere ich. Zeitweise

verdinge ich mich einem Europäer als Boy. Will es das Schicksal, so

gelingen mir meine Betrügereien gegen ihn, und er gibt mir obendrein ein

gutes Zeugnis, das ich durch einige eigenhändige Zeilen noch verbessere,

-- will es das Schicksal anders, so erwischt er mich beim ersten Betrug

und verprügelt mich, daß ich nicht mehr weiß, was hinten und vorne ist.

Beides ist mir recht.

Finde ich in der Tasche eines Fremden eine Geldbörse, und will es das

Schicksal, daß sie wohlgefüllt ist, so behalte ich sie, -- will es aber

das Schicksal, daß sie leer ist, so trage ich sie zur Wache.

Alle Hindus sind in dieser Verehrung des Schicksals einig, und nur über

#einen# Punkt herrscht zwischen mir und meinen Brüdern eine

Meinungsverschiedenheit: Jene behaupten, es sei das höchste Glück der

Erde, auf dem Rücken zu liegen und in die Sonne zu blinzeln, ich aber

sage, es ist ein noch größeres Glück, dabei auf dem #Bauch# zu liegen.

Nun, das sind eben verschiedene Weltanschauungen, über die sich nicht

streiten läßt.

Solche Gedanken ballten sich hinter meiner Stirne, als ich an jenem

denkwürdigen Tage des Abschieds von meinem ehrwürdigen Vater die Straßen

hinabeilte, um Malatri, die Brillenschlange, zu holen. Da hemmte ein

ungewohnter Aufzug meine Schritte.

Wohl zwanzig junge Europäer, in Reihen zu drei und drei aufgestellt,

kamen des Wegs daher, begleitet von einer weinenden Frau und von Jim

Boughsleigh, dem Soldaten, der sie mit geladenem Gewehr bewachte.

Ich weiß nicht, ob Ihr Jim Boughsleigh kennt? Wenn Ihr ihn #nicht#

kennt, habt Ihr jedenfalls nicht viel verloren. Er ist ein

langgeschossener dürrer Mensch mit einer Nase, die an Wochentagen sanft

rosa, Sonntags aber ins Bläuliche schillert. Wie er mir erzählte, ist er

in Southampton geboren worden, verlebte aber viele Jahre in einem

Städtchen namens Arbeitshaus und trat schließlich in die Kolonialarmee

ein, weil sich seine langen Beine so gut zum Laufen eignen.

Als ich Jim Boughsleigh kennen lernte, befand er sich gerade in heiligem

Zustand. Er lag auf der Straße, streckte alle viere von sich und gab auf

keine Frage Antwort. Seine Seele weilte auf Urlaub im Paradies.

Ich habe ihn später noch öfter in diesem heiligen Zustand angetroffen,

und ich habe beobachtet, daß er dabei stets eine leere Flasche bei sich

hatte, auf der »Whiskey« stand. Einmal war noch ein wenig heiliges

Wasser in dieser Flasche, ich zog sie ihm aus der Tasche, setzte sie an

den Mund, trank -- und warf die Flasche entsetzt fort, denn es saß ein

brennender Dämon darin.

Von dem Klirren der Flasche erwachte Jim Boughsleigh, ächzte und sprach

die heiligen Worte: »Mich is schlecht! Very hundsmiserabel is mich!«

Späterhin, als wir uns etwas angefreundet hatten, wollte Jim Boughsleigh

auch #mir# von seinem heiligen Wasser zu trinken geben. Aber ich lehnte

ab, weil in den Vorschriften unserer Religion kein Gebot enthalten ist,

Dämone zu trinken. Und weil ich der Ansicht bin, daß der Genuß des

Wassers vom heiligen Strom in Benares, obwohl Pestkranke darin baden und

Tierleichen darin schwimmen, lange nicht so viel Schaden auf der Welt

anrichtet als der Genuß des heiligen Whiskeywassers.

Jim Boughsleigh war ein Narr wie alle Europäer. Befand er sich in

unheiligem, nüchternem Zustand, so fand er nicht genug Worte des Lobes

für seinen Stand und seinen Herrscher. Er blähte sich auf wie ein

Kalkuttahahn und krähte:

»Ich bin ein Soldat Seiner Majestät des Königs von England, des Kaisers

von Indien! _God save the King!_«

»Ist dein König sehr mächtig?« frug ich ihn.

»Der mächtigste König der Welt! Von Rechts wegen sollte ihm die ganze

Erde gehören!«

»Wieviel Frauen hat er denn?« erkundigte ich mich weiter.

»Schafskopf! Eine einzige!«

Da dachte ich mir meinen Teil. -- Ein König, der sich nur eine einzige

Frau leisten kann, kann nicht gar so reich sein! Jeder indische Fürst

hat ein paar hundert.

Aber ich wollte nicht vorschnell urteilen, denn ich bin ein Hindu und

kein Europäer, und deshalb fuhr ich fort zu fragen:

»Wieviel Elefanten hat dein König in seinem Stall?«

»Gar keine! Esel!«

»Welcher Kaste gehört dein König an?«

»Bei uns gibt es nur eine Kaste, die der Gentlemen!«

Ich dachte mir: »O weh! Wer verbergen muß, welcher Kaste er angehört,

der kann nicht weit her sein! Am Ende gehört er zur Kaste der

Wasserträger?« Und ich rümpfte in Gedanken meine Nase.

Aber weil ich ein gründlicher Mensch bin, stellte ich eine letzte Frage:

»In welchem Tempel wird dein König verehrt?«

Da lachte Jim Boughsleigh herzlich und sagte:

»In einem großen Tempel, dem größten Heiligtum der Engländer: es heißt

#die Börse#!«

Das imponierte mir gewaltig, und ich habe seitdem tiefe Ehrfurcht vor

dem König von England. Und ich denke mir: wenn er auch keine heiligen

#Elefanten# besitzt, so wird er doch genug heilige #Affen# in seiner

Umgebung haben.

In solchen Tönen pflegte Jim Boughsleigh seinen Herrscher und seinen

Soldatenberuf zu lobpreisen, wenn er seine unheiligen Stunden hatte.

Befand er sich hingegen in heiligem Zustand, so schimpfte er auf seinen

King und auf seine sämtlichen Vorgesetzten mit einer Überzeugungskraft,

daß einem Angst und Bange werden konnte, und er verglich sie mit Tieren,

von denen ich noch nie etwas gehört hatte.

Dies also war Jim Boughsleigh, der an jenem Tage mit geladenem Gewehr

als Wächter der Weißen des Wegs daherkam.

Als er mich erblickte, grinste er über das ganze Gesicht, so daß ich

seine Zähne sehen konnte, soweit sie ihm seine Kameraden noch nicht

eingeschlagen hatten, und winkte mir mit den Blicken, näher zu treten.

Ich dachte mir: »Mögen sämtliche Dämonen in deine Eingeweide fahren!«,

machte eine tiefe Verbeugung und näherte mich in demütiger Haltung,

indem ich um Auskunft bat: »Wer sind diese weißen Sahibs?«

»Das sind Deutsche!« grinste Jim Boughsleigh und fügte einen greulichen

Fluch hinzu, den ich aber nicht wiederholen mag, denn ich bin ein Hindu

und kein kultivierter Europäer.

»Bringst du sie an den Dampfer?« frug ich.

»Nein, ins Gefängnis!«

»Was haben sie denn verbrochen?«

»Sie sind Deutsche!«

Da machte ich ein sehr beileidsvolles Gesicht, innerlich aber lachte ich

mir einen Ast: Haha, fangen die Weißen an, sich gegenseitig

einzusperren? Das ist recht! Schade, daß sie nicht früher damit

angefangen haben!

»Ist es denn ein Verbrechen, ein Deutscher zu sein?« frug ich weiter.

Da hob einer der Gefangenen, der unser englisch geführtes Gespräch

verstanden hatte, den Kopf, betrachtete Jim unsäglich verachtungsvoll

und sagte: »Es ist ein #Glück#, ein Deutscher zu sein!«

Das gefiel mir von ihm, denn jeder Mensch soll stolz auf seine

Abstammung sein, wenn er auch nur ein Weißer ist. Dem Jim Boughsleigh

aber gefiel es gar nicht, er nahm sein Gewehr und stieß dem Gefangenen

den Kolben in den Rücken, daß sich vor Wut und Schmerz sein Gesicht

verzerrte.

Ich verstand die ganze Geschichte nicht und erkundigte mich deshalb:

»Edler Jim, seit wann sperrt man denn die Deutschen ein?«

»Seit der Krieg ausgebrochen ist! Weißt du, was das ist: "Krieg"?«

Innerlich mußte ich wieder furchtbar lächeln über diese eingebildete

Frage. Ist es nicht zum Kugeln: ein englischer Soldat fragt mich, einen

Hindu der Kriegerkaste, ob ich wüßte, was »Krieg« ist?

Aber weil mein Gesicht nicht dazu da ist, meine Gedanken

widerzuspiegeln, blieb ich äußerlich ernst und sprach: »Ein Krieg ist,

wenn zwei Männer sich in ehrlichem Kampfe gegenübertreten, um ihre

Kräfte zu messen, so daß man sehen kann, welcher von beiden der Stärkere

und Tapferere ist!«

Da wieherte Jim Boughsleigh wie eine Eselin, der etwas Spaßhaftes

eingefallen ist, und prustete: »Mensch, nein, bist du komisch! In einem

modernen Krieg sieht man den Gegner meist überhaupt nicht! Auf viele

tausend Meter schießt man auf ihn mit Kanonen, deren Geschosse den

Kuckuck danach fragen, ob du tapfer oder feig bist! Wenn dich ein

Granatsplitter auf den Kopf trifft, bist du einfach kaputt, ob du nun

ein Riese Goliath oder ein Schneidermeister Fips bist! Wen's trifft, das

ist Zufall!«

Mich ärgerte dieses dumme Gerede. Ich wußte zwar nicht, was ein Kuckuck

oder ein Granatsplitter ist, noch kenne ich den Riesen Goliath oder den

Schneidermeister Fips, aber ich weiß, daß nichts auf dieser Welt

#Zufall# ist, sondern alles vorausbestimmtes Schicksal. Wen ein

Granatsplitter (oder wie das Ding heißt) treffen soll, den kann es

mitten im Frieden treffen, wenn es das Schicksal so will.

Ich hätte das Jim Boughsleigh auseinandersetzen können, -- aber wozu mit

einem Weißen streiten? Wenn ein Weißer merkt, daß er unrecht hat, fängt

er an zu schreien, zu prügeln und irgendeine geheime Rache zu brüten.

Während ich mich freue, wenn ich einen Klügeren antreffe, der mir von

seiner Weisheit mitteilt, ärgert den Weißen nichts ingrimmiger, als wenn

er einen Klügeren findet. Der Weiße ist so maßlos eitel, daß er jede

Überlegenheit seines Nächsten wie eine persönliche Kränkung empfindet,

daß er den faulen Durchschnitt liebt und jeden, der darüber emporragt,

mit seinem Haß zu verkleinern sucht. Und daher kommt es, daß in Europa

die Dummköpfe das große Wort führen.

Ich sparte mir also die Mühe, Jim Boughsleigh aufzuklären darüber, daß

es kein alberneres Wort gäbe als das inhaltlose Wort »Zufall«, ich

machte wieder eine Verbeugung, bei der ich mir allerhand dachte, und

wollte meines Weges gehen, als mich Jim zurückhielt.

»Hast du heute abend Zeit?« meinte er. »Ich habe mit dir Wichtiges zu

sprechen!«

»Heute ist ein Festtag,« gab ich zurück. Denn ich hatte in der Tat die

Absicht, mir mit Malatri, der Brillenschlange, einen Festtag zu machen.

»Und morgen?« forschte Jim Boughsleigh.

»Morgen wird mein ehrwürdiger Vater gehenkt! Aber übermorgen stehe ich

zu deinen Diensten, Herr!«

»Also übermorgen abend nach sechs Uhr am heiligen Teich! Sei pünktlich:

es handelt sich um etwas sehr Wichtiges für dich!«

»Ich werde zur Stelle sein, edler Jim!«

Ich warf noch einen Blick auf die deutschen Gefangenen, von denen einer

eine Bemerkung in einer mir unverständlichen Sprache machte, über die

sie alle herzlich lachten, und bog in eine Nebengasse ein.

Verwunderung hatte mich erfaßt, denn ich hatte es noch niemals erlebt,

daß Weiße, auch wenn sie im Unglück sind, heiteren Gemütes bleiben.

Noch mehr aber wunderte mich die Ankündigung Jims. Was mochte er wohl so

Wichtiges mit mir zu sprechen haben? Es war das erstemal, daß er sich

förmlich mit mir verabredete, und ich folgerte daraus, daß er mich zu

irgend etwas notwendig brauchte.

Was konnte es nur sein? Ich argwöhnte Böses, -- haben doch die

Engländer, so weit ich zurückdenken kann, uns Indern nur Böses angetan.

Je länger ich in Zweifeln nachdachte, desto aufgeregter wurde ich, --

nicht vor Todesangst, denn die Todesangst ist ein Gefühl, das uns die

Engländer nicht beibringen werden, und wenn sie uns noch so lange

zivilisieren, sondern vor Betrübnis, man werde mich vielleicht zu

irgendeiner Schlechtigkeit zwingen wollen.

Als ich in meiner Lehmhütte anlangte, war ich vor Nachdenken ganz

erschöpft. Ich beschloß, meinen Beutezug mit Malatri, der

Brillenschlange, auf eine andere Nacht zu verschieben, wusch mich,

verrichtete meine Gebete und wickelte mich in eine Decke. Aber es

dauerte lange, bis mich weiche Hände in das Reich der Träume trugen,

denn mich marterte die Frage: »Was mag nur Jim Boughsleigh von dir

wollen?« ...

* * * * *

So weit war mein Freund, der Hindu, in seiner Erzählung gekommen, als

die Krankenschwester an das Bett trat und mich leise bat, meinen

heutigen Besuch zu beendigen: der Kranke müsse nun schlafen.

Ich verabschiedete mich von Mister Galgenstrick mit einem lächelnden

Kopfnicken, da ich wußte, daß ihm jede körperliche Berührung mit einem

Weißen peinlich war.

Mister Galgenstrick hob zum Abschiedsgruß seine linke Hand, um sie über

die Brust zu legen. Diese Bewegung aber löste bei ihm einen heftigen

Hustenanfall, begleitet von Blutspucken, aus, so daß die

Krankenschwester ihn stützen mußte. Sie reichte ihm Kochsalz zu

schlürfen, er lehnte es aber mit einer halb traurigen, halb trotzigen

Kopfbewegung ab.

Ich eilte nach Hause, um meine stenographischen Aufzeichnungen in

Reinschrift zu übertragen. Die ganze Nacht hindurch schrieb ich, und

wenn ich »Galgenstricks« Erzählungen vielleicht stellenweise nicht ganz

wortgetreu wiedergegeben habe, so liegt das in erster Linie an dem

närrischen englischen Kauderwelsch, das er sprach.

Als ich am nächsten Mittag das Lazarett wieder besuchte, mahnte mich auf

dem Korridor die Krankenschwester, unseren Patienten nicht zu

überanstrengen.

»Er darf nicht so viel reden. Es greift ihn zu sehr an!«

Ich versprach, nicht länger als eine Stunde zu bleiben.

Um dem Kranken eine Freude zu machen, hatte ich ihm einige Photographien

indischer Landschaften und Gebäude mitgebracht, die ich aus Büchern

meiner Bibliothek herausgerissen hatte. Er betrachtete die Bilder lange

schweigend, bat mich dann durch eine Geste, sie unter sein Kopfkissen zu

legen.

Ich glaube, ich bin durch dieses kleine Geschenk sehr in seiner Achtung

und Neigung gestiegen. Wenigstens ließ er sich diesmal nicht lange

bitten, mir zu erzählen, deutete vielmehr gleich auf meine weißen

Notizblätter und den wohlgespitzten Bleistift, gab der Krankenschwester

ein Zeichen, sich zu entfernen, und begann:

* * * * *

In den nächsten zwei Tagen nach dem Zusammentreffen mit Jim Boughsleigh

stellten sich einige Änderungen im gewöhnten Leben Bombays ein. Man sah

mehr Soldaten als sonst auf den Straßen, besonders viel mohammedanische

Truppen. Vor dem Klubgebäude der Deutschen standen bei Tag und Nacht

Wachen, und kein Deutscher konnte dieses Haus verlassen, ohne daß ihm

ein Wächter gefolgt wäre.

Es konnte sich dabei übrigens nur um ältere Männer und Frauen handeln,

denn die jungen Männer waren alle eingesperrt worden. Besonders scharf

waren die Wachen am Hafen. Niemand durfte herein oder hinaus, ohne daß

er kontrolliert worden wäre. Mein Freund Lapalogi verdiente in jenen

Tagen ein Vermögen mit dem Ausstellen falscher Pässe.

Es bekam ihm leider schlecht, denn ein Konkurrent verriet ihn den

Engländern, und diese stellten ihn als Zielscheibe an die nächste Wand,

was er so schlecht vertragen konnte, daß er umfiel und tot war. Er war

ein sehr talentvoller Mensch.

Die Europäer nannten ihn zwar einen Schuft, aber das war sehr ungerecht.

Allerdings wurde er, kaum dreißigjährig, wegen seiner Fälschungen

erschossen, -- wäre er aber ehrlich gewesen, so wäre er vermutlich schon

zehn Jahre zuvor verhungert. Seine Werke werden ihn lange überdauern,

besonders das falsche Papiergeld, das er meisterhaft herzustellen

verstand.

Auch ich hatte in diesen Tagen einen bescheidenen Nebenverdienst. Ein

junger Deutscher ersuchte mich nämlich, ihm gegen eine Belohnung von

zwölf Rupien das Gewand eines Mohammedaners zu verschaffen, in dem er

sich nach seiner Heimat durchschmuggeln wollte. Das Schicksal wollte es,

daß ich noch am selben Tag das gewünschte Kleid stehlen konnte. Ich ließ

mir vierzehn Rupien dafür bezahlen und schwor, daß ich nichts dabei

verdiente.

Ich weiß, daß es bei euch Weißen als verboten gilt, seinem Nachbar die

Kleider zu stehlen. Bei euch darf man seinem Nächsten höchstens die

Arbeitskraft, die Gesundheit, die Lebensfreude stehlen. Ich habe viel

darüber nachgedacht, aber ich bin zu keinem Resultat gekommen, wo der

erlaubte Diebstahl aufhört und der verbotene Diebstahl anfängt. Die

Frage ist mir zu schwierig, und ich unterscheide deshalb lieber zwei

#andere# Arten Diebstähle, nämlich: Diebstahl von Sachen, die man

gebrauchen kann, und Diebstahl von Sachen, die man #nicht# gebrauchen

kann.

Wenn ich ein Gesetzgeber wäre, würde ich nur die letztere Art bestrafen.

Noch eine andere Neuerung beobachtete ich in jenen Tagen in den Straßen

der Stadt. Es wurden in jedem Stadtteil einige Häuser mit englischen

Fahnen geschmückt und mit Bildern aus dem Soldatenleben geziert, auf

denen in großen Buchstaben stand: »_Come in!_«

Wir Eingeborenen lasen mit viel Interesse diese Aufforderung

hereinzukommen -- und blieben draußen.

Was ging uns dieser neue europäische Unsinn an?

Wenn die Weißen sich gegenseitig totschlagen wollen, so bin ich damit

vollkommen einverstanden, und ich will gerne dafür beten, daß jede

Partei unterliegt. Aber weiter will ich nichts damit zu tun haben. Habe

ich nicht recht?

Pünktlich zur vereinbarten Stunde machte ich mich auf den Weg, um am

heiligen Teich mit Jim Boughsleigh zusammenzutreffen. Malatri, die

Brillenschlange, nahm ich in einem Sacke mit, denn ich beabsichtigte, in

dieser Nacht wieder einmal meine Vermögenslage gründlich zu verbessern.

Ich machte einen kleinen Umweg, der mich an dem Regierungspalast

vorbeiführte. Vor diesem Gebäude drängten sich viele, viele Weiße, und

am Fenster stand ein Mann und las von einem Blatt mit hoher Fistelstimme

eine Nachricht vor: »Die Russen sind gestern in Berlin eingezogen, die

Franzosen stehen in Koblenz.«

Als die Weißen diesen Satz hörten, brachen sie in tollen Jubel aus,

umarmten sich, küßten sich und sangen »_God save the King!_«.

Ich wußte nicht, wer die Russen und Franzosen sind, ich weiß auch nicht,

was sie in Berlin und Koblenz zu suchen haben, und ob dies fremde Inseln

oder Schiffe sind, jedenfalls aber schloß ich aus der allgemeinen

Freude, daß das, was der Mann am Fenster vorgelesen hatte, ein sehr

guter Witz gewesen sein muß.

Sogar ein paar junge Deutsche, die man gerade von frisch angekommenen

Schiffen über den Platz ins Gefängnis führte, lachten hell auf und

riefen: »Reuter-Meldung!«

Ich überließ die Europäer ihrer Heiterkeit und beeilte mich, an den

heiligen Teich zu kommen.

Jim Boughsleigh wartete schon auf mich. Er saß am Rande des Teiches, und

ich bemerkte mit Mißfallen, daß sich sein Bild in dem heiligen Wasser

spiegelte.

Bei den Begrüßungsworten traf mich sein Atem, und ich fühlte sogleich,

daß er schon mehrfach aus seiner Flasche genippt hatte und daß er auf

dem besten Wege war, wieder seine heiligen Zustände zu bekommen.

Es war ein prächtiger Abend, der Himmel ein einziges blaues faltenloses

Tuch, die Palmen tauschten heimliche Zärtlichkeiten mit dem milden Wind,

Vögel lockten sich und sangen sich in ihrer zwitschernden Sprache

Liebesgedichte, Ratten huschten und spielten.

Es war einer der Abende, an denen man fühlt, daß die guten Götter doch

mächtiger sind als die bösen Dämonen.

Ich legte den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, neben mich, beugte

mich zu dem heiligen Teich nieder, grüßte mit den Blicken die Frommen,

die darin die vorgeschriebenen Waschungen vornahmen, und schöpfte eine

Handvoll Wassers. Als ich sie zum Munde führte, entdeckte ich darin -- o

günstiges Zeichen! -- eine Wasserspinne. Ich setzte sie sorgsam in das

Naß zurück und trank meine Hand leer.

Jim Boughsleigh grinste, und ich konnte mir wohl denken, warum. Er

verstand es nicht, daß man so viel Wesens mit einer Spinne machen

konnte. Die Weißen werden uns in dieser Beziehung nie verstehen, sie

begreifen nicht, daß in den Tieren menschliche Seelen wohnen, daß alles,

was lebt und webt, ihresgleichen ist, sie haben den Zusammenhang mit der

Natur verloren. Sie haben der Natur den Krieg erklärt, ohne zu ahnen,

daß sie damit sich selbst den Krieg erklärt haben, da sie doch nur ein

Teil der Natur sind. Sie gleichen einem Schilfrohr, das stärker sein

will als der Wind. Und weil sie sich selbst taub gemacht haben gegen die

Stimmen der Natur, hören sie nicht, wie es rings um sie kichert und

spöttelt. Manchmal aber schwillt das Kichern der Natur zu einem

gellenden Hohnlachen an, und dann sagen die Weißen: »Es war ein

Erdbeben!« oder: »Ein Vulkan hat Feuer gespieen!«

Sie sind wirklich verächtliche Narren, diese Weißen!

Jim Boughsleigh tat einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und reichte

sie mir dann, damit ich seinem Beispiel folge. Ich lehnte ab, aber da

hob er die Faust und schrie: »Sauf, Hindu!« Und weil er der Stärkere

war, wollte es das Schicksal, daß ich trank.

Jim steckte seine Pfeife in den Mund, zog die Streichhölzer hervor, und

weil seine Hand bereits etwas unsicher war, sah ich mit Freude, daß er

mit dem brennenden Streichholz unter seiner Nase herumfuchtelte, was ihm

einen Brüller des Schmerzes entlockte.

Endlich brannte seine Pfeife, und er hub an: »Hast du die Deutschen

gesehen, die ich ins Gefängnis brachte?«

»Ja, Herr! -- Was habt ihr Engländer mit ihnen vor? Laßt ihr sie

hungern?«

Jim grölte vergnügt. »Offiziell nicht!« versicherte er. »Nur

inoffiziell! Offiziell sind wir ein Kulturvolk! -- Wie hat dir der

Anblick gefallen, mein Lieber?«

Ich witterte eine Falle. Weshalb frug Jim nach meiner Ansicht? Haben die

Engländer uns etwa nach unserer Ansicht gefragt, als sie uns unser Land

wegnahmen und als sie unsere Brüder vor ihre Kanonen banden? Ich

beschloß also, vorsichtig zu sein, und erwiderte achselzuckend: »Was

gehen mich die Deutschen an?«

»Du bist ein Affe!« knurrte Jim und spuckte in den heiligen Teich.

Daß er mich mit einem Affen verglich, machte mich doppelt mißtrauisch.

Weshalb schmeichelte er, wenn er nicht die Absicht hatte, mich zu

betrügen?

»Du bist ein Affe!« wiederholte Jim Boughsleigh. »Was dich die

verdammten Deutschen angehen? Sehr viel gehen sie dich an! Weißt du denn

nicht, daß die Deutschen die verbissensten Feinde der Hindus sind?«

Das war mir neu. Ich habe einmal als Boy bei einem deutschen Reisenden

gedient, er hat mir ein ausgezeichnetes Zeugnis gegeben und ich habe für

seine goldene Uhr fünf Rupien bekommen; auch hat er mir im Laufe eines

Monats nur siebzehn Fußtritte gegeben, während ich durchschnittlich von

den Engländern die doppelte Portion in einer Woche erhalte, -- nein, ich

hatte damals nichts gegen die Deutschen.

»Wieso sind die Deutschen die Todfeinde des Hindus?« frug ich nach

einigem Nachdenken.

»Trink noch einmal!« gab mir Jim Boughsleigh zur Antwort und zwang mir

die Flasche in die Hand, nachdem er selbst längere Zeit daran gesogen

hatte. »Trink, Junge, aber nicht solche Säuglingsschlucke, sondern

ordentlich! -- Weshalb die Deutschen deine Feinde sind? Eine verdammt

dumme Frage!«

Ich fand, daß dies eigentlich weit mehr eine verdammt dumme #Antwort#

sei, und schwieg.

Jim Boughsleigh qualmte eine dicke Wolke aus seiner Pfeife. Seine langen

Beine baumelten in das Wasser des Teiches, aber sein Zustand war bereits

so heilig geworden, daß er es nicht bemerkte. Er spuckte noch einmal aus

und sagte:

»Die Deutschen wohnen weit, weit von hier in einem eisig kalten Land. Es

ist dort so kalt, daß sie alle erfrieren müßten, wenn sie nicht -- hm --

(Jim bohrte sich in der angebrannten Nase) -- wenn sie nicht

#Menschenfleisch# fräßen!«

Mich erfaßte ein Schauder ob solcher Freveltat.

»Bleib nur sitzen,« ermahnte mich Jim. Er griff sich mit der Rechten

krampfhaft in die Magengegend, stöhnte leise: »O, mich is very

hundsmiserabel,« und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Ja,

Menschenfleisch frißt die Bande! Und willst du wissen, #was# für

Menschenfleisch?«

#Natürlich# wollte ich das wissen. »Engländerfleisch?« schrie ich

entsetzt.

»Auch das!« belehrte mich Jim. »Aber nur am Geburtstag und bei

Hochzeitsfeiern! An Wochentagen fressen sie #Hindufleisch#! Beefsteaks

aus Hindufleisch!«

Ich war sprachlos. Wer hätte das von den Deutschen gedacht? Sie hatten

mir bisher einen für Europäer ganz anständigen Eindruck gemacht. -- Aber

traue einer den Weißen!!

Was mir Jim Boughsleigh da erzählte, war so schrecklich, daß ich es nur

langsam fassen konnte.

Nicht daß die Deutschen die Hindus schlachteten, schien mir das

Grauenvolle, denn es ist gleichgültig, welchen Tod man stirbt. Aber daß

sie die toten Körper aufaßen, statt sie nach den Geboten unserer

Religion zu #verbrennen#, das überstieg alle Grenzen der Menschlichkeit.

Ich #konnte# nicht glauben, was mir Jim erzählte. Aber er beteuerte mir:

»Ich will ein Lump sein, wenn ich nicht die Wahrheit spreche! Sogar hier

im Gefängnis haben die verdammten Deutschen Hindufleisch verlangt. Ganze

Berge Konservenbüchsen davon hat man im Deutschen Klub gefunden!«

Ich ächzte wie ein verwundetes Tier. Jim Boughsleigh sah es mit

Befriedigung.

»Gibt es denn in Deutschland Hindus?« frug ich.

Jim glotzte mich einen Augenblick verdutzt an, dann sagte er mit

überlegener Miene:

»Massenhaft!! Jeder Deutsche hält sich seinen Hindu! Und füttert ihn mit

Fleisch, bis --«

»Mit Fleisch?« schrie ich auf. »Mit Fleisch? Wissen sie denn nicht, daß

es nur den Hindus der #Kriegerkaste# erlaubt ist, Fleisch zu essen?«

»Natürlich wissen sie das! Aber das ist den Schuften ganz gleichgültig!

Krokodilfleisch geben sie den Hindus zu essen, deutsches

Krokodilfleisch, weil das am billigsten ist! Na, trinken wir noch eins!«

Er zog wieder einen langen Schluck und reichte mir die Flasche.

Ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen so ingrimmig gehaßt, wie

ich in diesem Augenblick die Deutschen haßte.

»Es ist nicht anders möglich,« murmelte ich dumpf, »die Deutschen sind

keine Menschen, sondern böse Dämonen!«

Jim Boughsleigh dämpfte seine Stimme zum Flüsterton:

»Ich wollte es dir nicht sagen, aber da du es von selbst erraten hast:

ja, sie sind böse Dämonen!«

»So nehmen sie auch des Nachts Tiergestalt an?«

»Mit Vorliebe! Das ist eine Spezialität von ihnen! Sie verwandeln sich

des Nachts in -- in -- ja, wie gesagt -- sie verwandeln sich -- in

#Frösche#!«

Mister Galgenstrick: und andere Humoresken · 第 9 / 18 题