Der Kranke hingegen nickte befriedigt. Ich hatte ihm eine Hoffnung
gegeben, und er war mir dankbar dafür.
»Wann kommst du wieder, Sahib?«
»Morgen!« sagte ich. Und bekam für diese Antwort den zweiten Rippenstoß.
Und ich kam morgen wieder, und übermorgen, und beinahe täglich.
Freilich, das gewünschte Heilmittel durfte ich ihm nicht verschaffen,
aber ich brachte ihm ein anderes, wohltuendes Heilmittel: Ablenkung. Ich
hatte mich nach wenigen Tagen an sein Kauderwelsch gewöhnt, verstand ihn
fließend und gewann mir dadurch sein Vertrauen.
Ja, ich brachte ihn im Laufe einer Woche so weit, daß er sich willig
behandeln ließ, obwohl er für des Arztes Bemühungen nur ein
verächtliches Lächeln übrig hatte.
»Es ist alles sinnlos,« behauptete er, »aber macht mit mir, was ihr
wollt!«
Mitunter hatte er Stunden der tiefsten Niedergeschlagenheit. Dann
flackerte ein wilder Haß gegen alle Weißen in ihm auf, -- besonders
gegen die Engländer.
Aber er hatte auch Stunden, in denen er lenksam war wie ein Kind.
Und eine solche Stunde benutzte ich zu der Bitte, mir seine
Lebensgeschichte zu erzählen. Ich versprach ihm, sie wörtlich
aufzuschreiben.
Wider alles Erwarten sagte er nach kurzem Besinnen zu.
Und da auch _Dr._ Heßberg keine Einwendung dagegen hatte, so brachte ich
schon zum nächsten Besuche Bleistift und Papier mit, und Mister
Galgenstrick begann zu diktieren.
Hier ist die Geschichte seiner Erlebnisse.
Ich schrieb sie nieder, wie er sie erzählte, und ich enthalte mich jeden
Kommentars.
Möge sie für sich selbst sprechen.
* * * * *
Ich bin geboren in Bombay, bin der dritte Sohn meines Vaters und heiße
Maharabatigolamatana.
Weil aber dieser Name meinem Vater zu lang war und auf die Dauer zu
einsilbig schien, kürzte er ihn ab und rief mich »Galgenstrick«.
Ich bin Hindu, und unsere Familie gehört der Kriegerkaste an. Mein Vater
war denn auch ein sehr tapferer Mann und lag in beständigem Krieg mit
den englischen Wächtern; die Engländer nämlich sind ein merkwürdiges
Volk: sie selbst stecken mein ganzes Vaterland ein, sie wollen aber
nicht erlauben, daß ein armer Hindu nur eine einzige fremde goldene Uhr
einsteckt, und so kam es öfter zu lebhaften Meinungsverschiedenheiten
zwischen meinem Vater und England.
Bei solchen Meinungsverschiedenheiten pflegte mein Vater sehr heftig
schreiend aufzutreten, weil man ihm den Rücken mit einer Peitsche
bearbeitete, wobei meist der Rücken, seltener die Peitsche entzweiging.
Die dummen Engländer glaubten, durch dieses Peitschen meinen Vater zu
entehren, -- als ob ein Nichthindu überhaupt einen Hindu entehren
könnte. Es ist dies ein Pröbchen des Größenwahnes der Weißen, dieser
unreinen Menschenrasse, die glaubt, weil sie uns Steuern abnimmt, sei
sie uns ebenbürtig. Sie wissen nicht, daß ein Hindu lieber Hungers
stürbe als mit einem Weißen an einem Tisch äße, und daß uns eine Speise
schon als unrein und ungenießbar gilt, wenn nur der Schatten eines
Weißen auf sie fiel.
Wollte ich alle die Kriegstaten meines Vaters aufzählen, so würde es ein
Buch werden, länger als meines Vaters Strafliste.
So will ich nur erzählen, daß er im vierzigsten Jahre seines gesegneten
Lebens einen ehrenvollen Tod starb, unterhalb eines Querbalkens, mit dem
ihn ein Seil verband, das man zweckmäßig um seinen Hals gelegt hatte.
Ich schnitt den Leichnam ab, verbrannte ihn, nachdem ich aus den Taschen
seiner Kleidung die Uhr des Henkers und den goldenen Bleistift des
Staatsanwaltes entfernt hatte, streute die Asche ins Meer und betete,
daß die Seele meines Vaters in den Leib eines heiligen Affen fahren
möge.
Denn ich bin ein frommer Hindu und befolge alle Bräuche meiner Religion,
solange sie nicht mit Unkosten verknüpft sind oder mich in meinen
Lebensgewohnheiten stören.
Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich der letzten Worte gedenke,
die mein Vater zu mir sprach: »Liebes Kind,« sagte er (das heißt, er
drückte sich etwas unhöflicher aus), »liebes Kind, ich steige morgen die
Leiter hinauf, die auch du eines Tages besteigen wirst. Denn dies ist
Überlieferung in unserer Familie. Ich habe mein Leben mit nichts
begonnen, aber ich habe mich zu ansehnlichen Schulden emporgearbeitet.
Wenn du jemanden bei der Nennung meines Namens weinen siehst, so tritt
auf ihn zu und tröste ihn: "Du bist nicht der einzige, dem er etwas
schuldig geblieben ist."
Ich habe dich in meinem Geiste erzogen, mein Kind: du hassest, was das
Leben häßlich macht, nämlich die #Arbeit#, und liebst die Beschäftigung
des Weisen, das #Nichtstun#! Ich bin stolz auf dich: wer vermöchte ein
Geldstück mit so viel heimlichem Nutzen zu wechseln wie du? Ich glaube,
ein Weißer könnte seine Ringe durch die Nase tragen statt an den
Fingern, du würdest sie entfernen, ohne daß er es bemerkte. Ich sterbe
beruhigt. Wenn du von mir sprichst, mein Kind, so tue es in einem Tone,
als stünde ich hinter dir und könnte dich noch verprügeln, wie ich es so
oft und ausgiebig getan habe!«
Bei diesen Worten lächelte ich, mein Vater sah es, versetzte mir einen
Fußtritt, daß ich dachte, das Gefängnis stürze ein, und er fuhr fort:
»Du stehst nun allein in der Welt, allein in der großen
Gaunergemeinschaft, die sich Menschheit nennt. Lerne lachen, wenn es dir
weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen
möchtest! Es gibt keine Schlechtigkeit, die sich nicht als Tugend
maskieren ließe! Alles auf dieser Welt ist Schein, und ob du Gutes tust
oder Schlechtes, es wird dir so ergehen, wie es vom #Schicksal#
vorausbestimmt ist. Glaube nicht, daß sich die Götter, die das Schicksal
lenken, durch die Handlungen der Menschen in ihren Entschlüssen
beeinflussen ließen: der Menschen Schicksal ist ihnen nur ein
Würfelspiel!
Verachte die Menschen, wie es das Schicksal selbst tut. Denn was hast du
von ihnen zu erwarten? Wenn du große #Wohltaten# übst, werden sie dich
#beneiden#, -- wenn du aber große #Schelmenstreiche# ausführst, werden
sie dich #bewundern#. Ich habe dich derartig erzogen, daß du die höchste
Bewunderung finden wirst!
Das Erbteil, das ich dir hinterlasse, ist ungeheuer. Denn nicht nur
hinterlasse ich dir Malatri, die Brillenschlange, sondern auch den
Inhalt sämtlicher Westentaschen, Hosentaschen und Brusttaschen
sämtlicher Weißen, die unser Land besuchen!