Berta schwebte heran. Eine gekränkte Titania. (Aus Niederbayern.)

»O mei, sind Sie heut bös! Also was ham S' dann g'habt?«

»Vier Dunkle und -- 's ist gut, da kommt _Dr._ Heßberg, ich zahl'

später!«

Fräulein Berta wandte sich meinem Freund zu, um ihn aus seinem Mantel zu

schälen.

»Einen Kognak!« bestellte er kurz, nahm mir gegenüber Platz und ersetzte

seinen zerkauten Zigarrenstummel durch eine neue Zigarre.

»Die wievielte ist das heute?« erkundigte ich mich.

»Die zehnte!«

Wenn _Dr._ Heßberg so stark rauchte, hatte er sicherlich viel Arbeit und

viel Ärger hinter sich. Ich hatte es ihm ja auch auf den ersten Blick

angesehen, daß er übelster Laune war. Dennoch konnte ich ihm eine kleine

Moralpauke wegen seiner beispiellosen Unpünktlichkeit nicht ersparen und

ich begann vorwurfsvoll:

»Ich gestatte mir die bescheidene Bemerkung, daß es vor ur-urgrauer Zeit

einmal neun Uhr war. Zu dieser angenehmen Stunde hätte eigentlich --«

»Ich weiß!« unterbrach mich Walter nervös. »Ich weiß!« Und in einem

plötzlichen Zornausbruch schlug er auf den Tisch. »Aus der Haut fahren

kann man!«

»Das bestreite ich!«

»Laß das, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt!«

»Warum? Hat dich jemand drei Stunden warten lassen? Oder ist ein Patient

"unartig" gewesen?«

»Unartig!« rief _Dr._ Heßberg tragisch. »Sage lieber: skandalös! Das

ganze Lazarett hat mir der Kerl auf den Kopf gestellt! Da gibt man sich

die größte Mühe mit so einem braunen Burschen --«

»Braun?«

»Nun ja, es ist ein Inder! Seinen Namen soll der Kuckuck behalten, denn

er ist ungefähr so lang wie ein ausgewachsener Leitartikel. Wir nennen

ihn, seinem Wunsch gemäß, Mister Galgenstrick!«

»Das klingt doch recht vertrauenerweckend! -- Übrigens ein Inder -- das

interessiert mich mächtig!«

Fräulein Berta brachte den bestellten Kognak, den Walter auf einen Zug

austrank.

»Mir noch ein Bier, Berta!« sagte ich. »Und zwar --«

»Jetz is z' spät. Jetz is Polizeistund'!«

»Aber den angefangenen Satz wird man doch noch zu Ende sprechen dürfen?«

Sie wandte sich wieder ihrem Strickstrumpf zu, -- ich war endgültig in

Ungnade gefallen.

»Ein Inder sagtest du, Walter?«

»Ja, und was für einer! Unglaublich, so einen Kerl überhaupt in

europäisches Klima zu verschicken! Hochgradig tuberkulös. Und jetzt noch

einen Achselschuß dazu. -- Das hindert aber Herrn Galgenstrick durchaus

nicht, sich aufzuführen wie ein wildgewordener Truthahn!«

»Was hat er denn angestellt?«

»Er läßt sich einfach nicht behandeln. Gewalt muß man anwenden, um ihm

einen Verband anzulegen. Zwei Leute müssen ihn festhalten. Er behauptet

nämlich, alle unsere Medikamente seien wertlos, ihm könne nur ein

einziges Mittel helfen, und zwar -- es ist zu blöd, man könnte darüber

lachen, wenn es nicht zum Verzweifeln wäre, --«

»Und zwar?«

»Heiliger Kuhmist!«

Ich verzweifelte nicht, sondern lachte.

»Du hast leicht lachen,« fuhr mein Freund gereizt fort. »Aber mir ist

das gar nicht spaßhaft. Für mich ist ein Kranker ein Kranker, und ich

betrachte es als meine Pflicht, ihn zu retten. Gleichgültig, wer und was

er ist! Da strengt man sich an, müht sich wie ein Vater um so einen

Menschen, und zum Dank tobt und schreit er, wirft einem die

Medizinflaschen ins Gesicht, beißt einem in die Hände -- und brüllt, er

will heiligen Kuhmist haben!«

»Ein hochinteressanter Patient! Du, dem mußt du mich vorstellen!«

»Nein!«

»Wirklich im Ernst: den möchte ich kennen lernen!«

»Wozu?«

»Erstens um ihn zu beruhigen, zweitens um mit ihm zu plaudern.«

»Das wird dir schwer fallen. Mister Galgenstrick spricht ein englisches

Kauderwelsch, das kein Normalmensch verstehen kann.«

»Daher auch wahrscheinlich seine Aufgeregtheit. Der arme Kerl begreift

einfach nicht, was ihr mit ihm vorhabt! Walter, du weißt, ich spreche

Englisch wie meine Muttersprache --«

»Hm!«

»Ich danke dir! "Hm" ist eine halbe Zusage! Also wann werde ich Mister

Galgenstricks Bekanntschaft machen?«

»Morgen um drei Uhr! Aber pünktlich sein!«

»Pünktlich, als ob ich _Dr._ Heßberg hieße!«

Am nächsten Nachmittag zeigte mir Walter den indischen Patienten. Er war

wegen seiner vorgeschrittenen Tuberkulose in einem Separatzimmer

untergebracht.

Ich hatte erwartet, einen jener abgemergelten Inder zu finden, wie man

sie auf den Bildern der indischen Hungersnöte in illustrierten

Zeitschriften sieht. Zu meiner Überraschung traf ich einen jugendlichen

Mann von nicht unsympathischen Gesichtszügen, dem man seine schwere

Krankheit kaum ansah.

Er lag ruhig im Bett und betrachtete mich mit durchtriebenen Augen, die

eine drollig-naive Spitzbüberei verrieten.

Der Bursche gefiel mir. Wenn ich nach dem ersten Eindruck eine Diagnose

seines Charakters hätte stellen sollen, hätte ich gesagt: »Windhund.«

»Geh nicht zu nah an ihn ran,« flüsterte mir _Dr._ Heßberg zu. »Er

beißt, wenn er gereizt wird!«

Aber aus den Augen Mister Galgenstricks sprach keine feindliche Absicht.

Er musterte mich eine Weile schweigend und frug dann: »Bringst du mir

heiligen Kuhmist, Herr?«

Ich muß gestehen, es war das schauderhafteste Englisch, das je meine

Ohren schmerzte.

»Nein,« antwortete ich. »Aber ich werde versuchen, ihn dir zu

verschaffen.«

Mister Galgenstrick: und andere Humoresken · 第 7 / 18 题