den Fettschwanzschafen hatte ich nur noch eins, dessen »Fettschwanz«
leider seine Rasse Lügen strafte und nur als schlaffer Hautlappen
herunterhing. Meine Mahlzeiten wurden täglich miserabler. Der Koch
gestand sein Unvermögen, ohne Fettstoffe Abwechslung in die Küche
zu bringen, und ich mußte ihm in dieser Beziehung recht geben. Ein
Pumpversuch bei den Mönchen der »Weißen Väter« in Galula zeitigte eine
Flasche Erdnußöl, mehr konnten sie wegen eigener Ebbe nicht entbehren.
Was sollte ich mit diesem »Tropfen auf den heißen Stein« anfangen? Da
fiel mir ein, daß ich im Kolonialkochbuch gelesen hatte, »der Speck
des Flußpferdes ist sehr wohlschmeckend und in den Tropen bekömmlicher
als Schweinespeck,« es standen da allerdings auch noch andere Sachen
drin, wie »Affenrücken zuzubereiten« -- brrr, mich schüttelte es, --
aber versuchen konnte man es immerhin. Ich lagerte in Kadabula und
hatte sowohl an die Süd- wie an die Ostseite zwei gute Wegstunden bis
zum See. Rasch ließ ich Pferd und Maskatesel satteln und machte mich in
Begleitung meines Pferdejungen auf den Weg. Die Südseite, die ich für
die aussichtsloseste hielt, entsprach meinen Erwartungen. Mit dem Glas
sah ich im Osten des Sees mehrere Flußpferde im Wasser spielen. Also
gut, nach Osten. Zwei Kilometer vor dem See mußte ich Pferd und Esel
zurücklassen, da das Gelände sumpfig [Illustration: Abb. 15. Sultan
Mwen Iwunga rechts, daneben sein Minister. Besser phot.]
wurde. Zahlreiche Moorantilopen, die Ricken in Sprüngen, die älteren
Böcke einzeln, sprangen knätschend im Sumpfboden ab. An Wildbret lag
mir nichts, meine Trophäen wiesen gute Stücke auf, und aus diesem
Grunde schoß ich nicht; sodann wollte ich mir auch die Flußpferde nicht
vergrämen.
Eine filzige Rasendecke bedeckte den Sumpf. Wie auf Eiern lief ich
vorwärts. Bei jedem Stehenbleiben spülte Wasser um meine Schuhe,
und die Rasendecke zitterte bei jedem Schritt mehrere Meter im
Umkreis. Einigemal trat ich durch und zog den Fuß bis übers Knie mit
grauem Schlamm bekleistert wieder heraus. Als ich erst ordentlich
eingeschlammt war, kam ein Gefühl der Gleichgültigkeit dagegen auf.
Eine dünne Binsenlinie versperrte mir noch den Ausblick auf den See.
Endlich hatte ich sie überschritten, aber wo waren die Flußpferde? Mehr
als sechshundert Meter draußen im See. Überall standen Krokodilköpfe
auf dem Wasser, und ab und zu schwamm ein Krokodil vorbei, den
zackigen Rücken und Schwanz außer Wasser. Sollte ich weiter ins Wasser
hineingehen? Die Krokodile sind hier sehr friedlich, da sie überreich
Fischnahrung haben und von Menschen wenig belästigt werden. Ich
versuchte es, aber nach dreißig Metern ging mir das Wasser schon bis an
die Hüfte, und ganz vertrauenerweckend war mir die Nähe der Krokodile
doch nicht. Unverrichteter Sache kehrte ich wieder um, denn ich sagte
mir: Schieße ich wirklich ein Flußpferd, wer holt es mir heraus? Da ich
das Fett für den Tisch verwerten wollte, mußte es wenigstens frisch
geborgen werden, ehe Zersetzungsgase den Auftrieb besorgten.
Zu Haus fragte ich den Sultan Mwen Iwunga (Abb. 15), ob er mir nicht
sein großes Kanu zur Verfügung stellen könnte. Er behauptete aber, das
Befahren des Sees wäre nur in der Regenzeit möglich, wenn der Songwe
hoch sei, jetzt wäre durch die verschilfte Mündung nicht durchzukommen.
Wenn ich Flußpferde schießen wollte, müßte ich abends gehen oder zeitig
vor Tagesanbruch, da wären sie an Land. Früher, wo er noch rüstig
gewesen sei, hätte er es immer so gemacht und Erfolg gehabt. Also ritt
ich abends wieder hin und fand die Flußpferde genau so weit draußen,
wie am folgenden Morgen. Sie mußten erst spät in der Nacht aussteigen
und nicht sehr lange äsen. Der Mond war aber noch zu klein, um nachts
schießen zu können.
Gekochtes Wildfleisch und Reis, das ich früh, mittags und abends
vorgesetzt bekam, konnte ich aber kaum mehr sehen und riechen.
Nach fünf Tagen hatten wir endlich Vollmond. Elf Uhr nachts war ich
wieder an Ort und Stelle und zitterte förmlich vor Aufregung, daß
die Flußpferde vielleicht an einer entfernteren Stelle aussteigen
könnten. Ich nahm meinen Fährtensucher mit, um jemand bei mir zu haben.
Kaum waren wir am Wasser angekommen, so hörten wir ein Rauschen; es
wurde still, dann rauschte es wieder. Nun können wir auch sehen. Drei
Flußpferde kommen aufs Land zu. Sie haben schon Grund und den halben
Leib außer Wasser. Alle paar Schritt bleiben sie stehen. Jetzt sind sie
nur noch hundert Meter entfernt, jetzt noch vierzig. Wir wollen sie
erst aussteigen lassen, und ich will dann möglichst nahe herankriechen,
da ich trotz des hellen Mondes schlecht zielen kann.
[Illustration: Abb. 16. Hart am Ufer des Sees tat sich das Flußpferd
nieder. Besser phot.]
Kaum liegen wir hinter einem ausgesuchten Grasbüschel, so legen die
Flußpferde die letzten vierzig Meter in ziemlichem Eiltempo, das Wasser
aufrauschen lassend, zurück und sind am Land. Sie sinken bis an den
Bauch im Sumpf ein und fangen sofort lebhaft, fast gierig an zu äsen.
Silbern glänzen die feuchten Leiber im Mondlicht. Vorsichtig schiebe
ich mich zwischen den Binsen entlang. Ich war schon zu weit gekrochen,
nur ein Meter trennte mich vom mittleren Tier. Indem ich mich seitlich
zurückschob, hoffte ich, daß das Flußpferd bald durch eine kleine
Lichtung in den Binsen hindurchkommen würde. Nun erschien der Schädel,
und nun der Körper. Zwei Meter war ich von ihm entfernt und ließ
fliegen, aufs Blatt abkommend. Im Augenblick war ich auch aufgesprungen
und von dem an mir vorbeirasenden Tier wieder hingeworfen worden. Als
ich hoch kam, sah ich es bereits zusammenbrechen. Da pustete das letzte
Flußpferd heran. Ich trug ihm einen Schuß an und lief dann in vier
Meter Abstand neben ihm her und feuerte im Laufen noch dreimal. Es hat
das Wasser erreicht; nun taumelt es und tut sich noch hart am Ufer
nieder (Abb. 16). Das Nebenherlaufen war übrigens gar nicht so einfach.
Bei jedem Schritt trat ich tief in den Sumpf, und es muß ein komisches
Bild gewesen sein, wie ich meine Sätze machte und immer den hinteren
Fuß aus dem Sumpf ziehen mußte. Dem Flußpferd ging es aber auch nicht
besser. Am nächsten Morgen bezeichnete eine tiefe Rinne die Schleifspur
seines Bauches; zu beiden Seiten standen die Löcher voll Wasser, wo es
tief eingetreten war.
Die Moskitos hatten mich ganz eklig zugerichtet, und meine Augenlider
waren von den Stichen dick verschwollen. Einen jungen Bullen und eine
sehr alte Kuh hatte ich zur Strecke gebracht. Speck hatte der Bulle gar
keinen und die Kuh nur ganz wenig. Mit dem Bauchfett zusammen schmolz
mein Koch nur etwa vierzig Pfund daraus. Geschmeckt hat's übrigens ganz
leidlich, ich war aber auch lange genug für den Genuß vorbereitet und
hätte auch übleren Sachen einen guten Geschmack abgewonnen.
+c.+ ~Der alte Gomerobulle.~
Ich hatte durch nächtliches Arbeiten meine Nerven etwas überanstrengt
und konnte wieder einmal nicht einschlafen. Um nicht schlaflos im
Bett liegen und naß zu schwitzen, lief ich auf meiner Veranda auf
und ab und rauchte dann im Dunkeln im Klubsessel liegend noch eine
Zigarette. Fortwährend hörte ich vom Gomeroflusse her das Schrecken von
Buschböcken, und ich beschloß, mich am künftigen Tage, da ich gerade
den Strich unter eine größere Arbeit gemacht hatte, selbst zu belohnen
und auf einer kleinen Streife am Gomero, der nur zwei Kilometer
entfernt war, durch körperliche Anstrengung die Nerven wieder in das
richtige Gleichgewicht zu bringen. Buschböcke sah ich zwar keine, dafür
aber eine außerordentlich starke Flußpferdfährte. Nach zwei Stunden
Folge durch übles Dickicht verlor ich die Fährte und kehrte mit
zerrissenem Anzug und auch nicht ganz heiler Haut heim.
[Illustration: Abb. 17. Die heißen Quellen bei Kissaki (Kalksinter).
Besser phot.]
Öfter, wenn ich in der Richtung auf die heißen Quellen (Abb. 17) den
Gomero überschritt, um für meine Küche einen Wasserbock oder ein
Hartebeest zu holen, traf ich diese alte Fährte wieder, so daß ich zu
der Überzeugung kam, der alte Einzelgänger hat dort sein Standquartier.
Ideal genug dazu war ja die Gegend. Dichtestes Phönixpalmengebüsch und
schwerer Busch, der dicht mit Lianen bewachsen war, gab selbst bei
heißester Sonne kühle Verstecke. Grünes Gras war am und im Gomero das
ganze Jahr hindurch vorhanden. So zog ich denn eines Tages aus, um
ausschließlich auf den alten Burschen zu pirschen. Leicht stieß ich auf
die Morgenfährte, folgte ihr zum Flußbett und fand, daß mein Freund
nur Wasser eingenommen hatte, indem er sich nur einen halben Meter
ins Wasser begab. Schon früher hatte ich festgestellt, daß er seinem
Namen wenig Ehre machte und das feste Land gegen das feuchte Element
bevorzugte. Bald begann eine üble Kriecherei im dichtesten Gebüsch.
Zahlreiche Phönixstacheln waren schon in meiner Haut abgebrochen, und
der Schweiß badete mich förmlich. Ich trug mein Gewehr selbst, da mir
mein Boy Raschid, den ich an Stelle des erprobten Saleh mitgenommen
hatte, nicht zuverlässig genug war. Immer mußte ich auf diesen Rangen
von Boy warten, da er wegen der Dornen für seine Haut überängstlich
besorgt war. Jetzt finde ich Urin, der noch im Schaum steht, etwas
weiter Losung, die noch tropft; da geht auch schon ein Getöse los,
das mich schleunigst das Gewehr entsichern läßt. Ehe ich es aber noch
auf den für einen Augenblick sichtbaren Hautfleck in Anschlag bringen
kann, bricht der Bulle durchs Dickicht und reißt ganze Wände Lianen mit
sich, die mir das Gesichtsfeld versperren und mir Arme und Gewehr nach
unten drücken. So schnell wie möglich ging ich ihm nach; das Brechen
entfernte sich immer weiter von mir.
Es wird freier, und ich hoffe, bei besserem Ausblick den Bullen
irgendwo verhoffend zu sehen. Statt dessen wechselt er im Gelände mit
grobem Kies, wo er auch nicht die geringste Fährte hinterläßt. Einen
Bogen schlage ich noch, als ich auch dann nichts finde, gehe ich
mißmutig heim.
Häufig wiederholen sich die Pirschen, die ich auf den alten Bullen
unternahm, aber stets mit gleichem Erfolg. Niemals traf ich ihn
noch äsend, und stets hatte er sich in undurchdringlichem Dickicht
niedergelassen und nach Art alter schlauer Büffel vor dem Niedertun
einen Haken geschlagen, war parallel neben dem Wechsel zurückgekehrt
und hatte sich ganz knapp an der Fährte in guter Deckung niedergetan.
Er mußte also stets rechtzeitig durch Wind und Geräusch gewarnt werden.
So oft ich es auch versuchte, ich kam nie zum Schuß. Weidlich wurde ich
mit »meinem« schlauen Bullen geneckt, ein ganzes Jahr lang konnte ich
seiner nicht habhaft werden.
Doch auch ihn ereilte schließlich sein Schicksal. Von Hobola kommend,
nahm ich eines Tages im Januar 1914 meinen Weg durch Busch und
Steppe, da ich einesteils den Fußweg so oft gegangen war, daß ich ihn
langweilig fand. Andernteils macht frisches niederes Gras und ein in
der Nacht gefallener Regen den Boden so geeignet zum Fährtenlesen
wie ein Neuschnee in Europa. Ich wurde auch reichlich belohnt und
wußte bald, welche Wildarten und in welcher Zahl sie sich in diesem
Gebiet aufhielten. Beim Durchschreiten des trockenen Oberlaufes des
Gomeroflusses flogen seitlich erst zwei Schattenvögel (+Scopus
umbretta Gmel.+) und dann einige Ibisse auf. Wie! Jetzt hier Wasser!
denke ich und folge dem Flußbett. Richtig, eine ganze Strecke lang
steht Wasser in dem lehmigen Bett. Fährten von Elefanten mit Kälbern
und Rhinozerossen zeugten von häufigem Besuch der Wasserstelle,
und da, was sehe ich, auch die unverkennbaren Fußabdrücke meines
langgesuchten Flußpferdbullen.
Da das Flußbett einen Bogen macht, den ich im Bett stehend nicht
übersehen kann, klettere ich am Ufer hoch und komme auf einen mit dem
Fluß parallel laufenden Elefantenwechsel, dem ich folge. Als sich
mir der nächste Ausblick auf das Wasser bietet, sehe ich endlich
den Langgesuchten im seichten Wasser ruhen. Kreuz und quer ist sein
mächtiger Rücken von vielen tiefen Narben bedeckt, die davon Zeugnis
ablegen, daß er zahlreiche Kämpfe mit seinesgleichen im Werben um das
Weibchen bestanden hat. Leichtere Narben deuten darauf hin, daß bei
seiner Vorliebe für das Leben auf dem Land in kaum durchdringbaren
Dickichten beim Eindringen in diese mit ungestümer, machtvoller Kraft
seine Haut von zersplitternden Ästen ganz durchpflügt wurde. Ganz
versunken in seinen Anblick stehe ich da und sehe vom hohen Ufer in
sechs Meter Entfernung auf ihn herab. Das Wasser muß ziemlich seicht
sein, denn er scheint zu liegen, und der Rücken ist mehr als einen
Meter außerhalb sichtbar. Nun fangen seine Lauscher an zu spielen,
und das blutunterlaufene Weiße in den Lichtern wird sichtbar. Langsam
erst schiebt er sich vorwärts, nun springt er auf und rast davon, daß
das Wasser hoch aufwirbelt. In seine Fluchtrichtung kann ich nicht
schießen, da dichtes Zweiggewirr hinderlich ist. Also zurück auf den
Elefantenwechsel, auf dem ich in eiligem Lauf vorwärts stürme, um ihm
weiter oberhalb den Weg abschneiden zu können. Mein Boy Saleh, der
zehn Meter vor mir lief, ruft mir zu: »Hierher, Herr -- ein Ausstieg,
er muß gleich da sein.« In ein paar Sätzen bin ich dort, springe auf
den alten, tiefausgetretenen Wechsel, der von zur Tränke ziehenden
Elefanten getreten war, hinab, schlage an, für einen Augenblick den
Atem aussetzend wegen der Bewegung der hastig arbeitenden Lungen, die
sich dem Körper mitteilt, und trage dem Bullen einen Schuß in den
Nacken an. Für Sekunden ist er vom Anprall des 11,2-Geschosses betäubt;
ich stehe jetzt einen Meter vom Wasser entfernt. Da faßt er auch schon
am Ufer Fuß; eine Gewehrlänge trennt uns. Gerade als er den Körper
krümmt, um sich hinten kräftig abzustoßen, damit er ganz aufs Land
kommt, wobei er den Schädel tief senkt, gebe ich ihm, fast mit dem
Gewehr sein Auge berührend, den zweiten Schuß. Ich taumle einen Schritt
rückwärts, da ich schlecht Fuß gefaßt hatte und der Rückstoß von 5,5
Gramm Blättchenpulver ziemlich bedeutend ist, und sehe meinen Bullen
langsam ins Wasser zurücksinken. Kurz ist sein Todeskampf, und die
Beine rudern langsam im Schlamm.
Zur Erinnerung mache ich eine photographische Aufnahme. Mein Boy Saleh
plagt mich, auch mit dem Flußpferd photographiert zu werden, da er so
oft vergeblich auf seiner Fährte mitgelaufen sei, und ich willfahre ihm.
Den Schädel nehme ich als Trophäe mit, um ihn später in meinem
Jagdzimmer in Deutschland aufstellen zu können. Rasch lasse ich die
Fleischteile zur Erleichterung des Transportes herunterschneiden.
Leider essen meine Leute als Mohammedaner das Fleisch nicht; ich
schicke deshalb Nachricht auf eine Pflanzung, wo Wangonis aus dem
Ssongeabezirk arbeiten; bald kommen sie auch in Scharen an, um sich
diesen seltenen Leckerbissen zu holen.
Doppelt freute ich mich über meinen Erfolg, da ich häufig vorher mit
meinem sagenhaften Bullen geneckt worden war, und nun den Beweis
erbrachte, daß Ausdauer und Festhalten am erstrebten Ziel auch auf der
Jagd zum Schluß reichlich für die gehabte Mühe entschädigt.
Auf Elefantenfährte.
In früheren Jahren, als das berufsmäßige Elefantenjagen in
Deutsch-Ostafrika noch gestattet war, hielten sich stets mehrere Jäger
im Kissakigebiet auf, da dort besonders starke Bullen aus den früher
errichteten Jagdschutzreservaten Mohorro und Mahenge herüberwechselten.
Durch das Jagdgesetz von 1911, nach dem die Erlaubnis zur Elefantenjagd
an den Besitz eines großen Jagdscheines gebunden war, mit dem nur zwei
Bullen mit einem Einzelzahngewicht von über fünfzehn Kilogramm erlegt
werden durften, hörte das unsinnige gewerbsmäßige Schießen auf diese
Denkmäler der Urzeit auf. Nur Leute, die aus Lust an der Jagd und nicht
aus schnöder Geldgier diesen gewaltigen Dickhäutern zuleibe rückten,
kamen zu ihrem Recht.
Zeitweilig kamen die Elefanten (Abb. 18) so zahlreich, daß sie ernsten
Schaden in den Feldern der Eingeborenen anrichteten. Namentlich wenn
die Hirse zu reifen begann, weideten sie so viel ab und zertraten noch
mehr, daß die Eingeborenen die ganze Nacht in den Feldern saßen, Feuer
unterhielten und auf Blechen rasselten; aber auch der Elefant gewöhnt
sich schließlich an alles. Ich versprach dann den Eingeborenen, ihnen
beizustehen; sie möchten mich nachts wecken, wenn Elefanten aus ihren
Feldern nicht zu vertreiben wären.
[Illustration: Abb. 18. Der deutsch-ostafrikanische Elefant. Nach einer
Zeichnung von M. Zimmer.]
Schon in der folgenden Nacht ließ mich der alte Häuptling Nderange
rufen. Ich setzte mich bei klarem Mondschein mit der Elefantenbüchse
aufs Rad und fuhr bis an das heimgesuchte Feld. Nderange empfing mich
an seinem Felde, und beim Stillstehen hörten wir die Elefanten deutlich
an verschiedenen Stellen in der Hirse brechen. Klarer Vollmondschein
überflutete die Landschaft, so daß man dabei lesen konnte. Probeweise
zielte ich und konnte bei bestimmter Beleuchtung des Silberkorns
gut Ziel nehmen. Nun kam auch mein Boy Saleh nach, der es sich als
»Hans Dampf in allen Gassen« nicht nehmen lassen wollte, mit dabei
zu sein; auch einer meiner Aufseher, »Kofia mbaya«, ein Soldat a.
D. der Schutztruppe, fand sich noch ein. Nderange trug einen alten
Vorderlader, den er, wie er mir versicherte, mit Elefantenladung
versehen hatte, d. h. er hatte so viel Schwarzpulver eingestopft, daß
der sonst mit der Mündung gleich lange Ladestock um vier gespreizte
Finger herausstand. Ich bat ihn, wenigstens nicht in meiner allzugroßen
Nähe seine Donnerbüchse loszulassen. Gern war er damit einverstanden,
seinen Schuß aufzuheben für den Fall, daß ich einmal nicht kommen
könnte.
Nderange führte, dann folgte ich, dann Saleh, und den Schluß machte
Kofia mbaya, dem ich zu meiner eventuellen Unterstützung meine
9,3-Büchse anvertraut hatte. Kaum ein paar Schritt in der Hirse war es
so dunkel, daß man nicht weiter als drei Meter sehen konnte. Vorsichtig
gingen wir weiter auf die Brechgeräusche zu und vermieden ängstlich,
die 5½-6 Meter hohen, über daumenstarken Hirsehalme zu knicken, da sie
laut prasseln, etwa wie trockenes Schilf beim Brechen.
Bald konnten wir drei getrennt brechende Elefantengruppen
unterscheiden und gingen, jetzt ich mit der Büchse vornweg, auf
das uns zunächstliegende Geräusch zu. Ich hatte die Absicht, einen
Elefanten zur Strecke zu bringen, um dadurch die anderen bis zur
Hirseernte zu vergrämen. Ich mußte mein Vorhaben nachts ausführen,
da die Elefanten tagsüber nicht in die Felder kamen und sie nur auf
diesen vom Eigentümer des Feldes oder von ihm beauftragten Dritten
zur Schadenverhütung erlegt werden durften. Das Elfenbein fiel dabei
dem Fiskus zu, falls der Schütze nicht über einen großen Jagdschein
verfügte oder die beiden erlaubten Elefanten schon erlegt hatte. Nun
waren wir nur noch etwa dreißig Meter entfernt und hörten deutlich
nach jedem Rupfen die Kaugeräusche und dann wieder ein kurzes Brechen,
das besagte, daß der Elefant -- wir hatten vermutet, daß uns nur einer
gegenüberstand -- den Körper wendete oder einen Schritt vorwärts ging.
Durch Zeichen bedeutete ich meinen Begleitern, mehrere Schritt Abstand
zu nehmen, um uns beim Ausweichen, wenn der Elefant nach dem Schusse
die Richtung auf uns zu nehmen sollte, nicht gegenseitig anzurempeln
und zu hindern. Ich vermied jedes Geräusch und pirschte mich auf etwa
zehn Meter heran. Vom Elefanten war nichts zu sehen. Deutlich hörte
ich, wie er sich löste und kaute. Eine halbe Stunde verharrte ich in
dieser Stellung, ohne daß eine Änderung eintrat, die mir einen Schuß
gestattet hätte. Es wäre leichtsinnig gewesen, näher heranzugehen, da
ich im Halmgewirr der Hirse nicht hätte ausweichen können. Nderange
schlich sich an mich heran und sagte mit Tränen im Auge: »Meine Hirse,
meine Hirse, schieß doch, Herr!«
Ich winkte Kofia mbaya und ließ mich von ihm hochheben, indem er
seinen Kopf zwischen meine Beine steckte. Auch jetzt sah ich nur hin
und wieder vom Elefanten bewegte Halme, von ihm selbst nichts. Als
ich wieder stand und mir sagte: »Bäume, die einen Überblick gewähren,
sind nicht in der Nähe,« blieben mir nur zwei Möglichkeiten --
unverrichteter Sache umzukehren oder aufs Geratewohl zu schießen.
Mit Rücksicht auf Nderange tat ich das letztere. In der Richtung
der Kaugeräusche schlug ich an und rechnete dabei auf 3-1/2 bis 4
Meter Höhe. Das Silberkorn konnte ich nicht von der Laufschiene,
die schwach glänzte, unterscheiden. Deutlich hörte ich einen harten
Kugelaufschlag und dann ein prasselndes Getöse des gegen den Wind
losbrechenden Tieres, dem sich die uns entfernt stehenden Elefanten
schrill trompetend anschlossen. Die Fährte belehrte uns nach ihrer
Größe von sechsundvierzig Zentimetern Durchmesser der Vordersäulen, daß
wir einen mittleren Bullen vor uns gehabt hatten. Wie aber sah der Teil
des Feldes aus, auf den wir jetzt hinaustraten? Auf fünfzig Meter im
Geviert war alles niedergetrampelt. Wir folgten der Fährte des Bullen,
bis er sich mit den anderen vereinigt hatte. Aus der Ferne hörten
wir die Flüchtlinge noch zweimal trompeten. Im Mondlicht war jedoch
nirgends Schweiß zu entdecken. Daß er bei dem von mir verwendeten
11,2-Geschoß mit Antrieb von 5,5 Gramm rauchlosem Pulver nur gering
sein konnte, wußte ich, da sich die fettunterlegte Schwarte wie Gummi
wieder zusammenschiebt und nur knappen Schweiß austreten läßt. Es
machte sich bei mir die Überzeugung geltend, daß der von uns gehörte
Kugelaufschlag ebensogut durch Hirsehalme hervorgerufen worden sein
könnte. Eine weitere nächtliche Folge war zwecklos, und so befahl ich
Kofia mbaya, am nächsten Morgen einmal nach Schweiß zu sehen und zwei
bis drei Stunden der Fährte zu folgen, wenn er aus den sich ergebenden
Umständen ein Krankschießen vermutete. Als Mhehe-Neger (Wahehe)
verfügte er über gute Jägerinstinkte, hatte auch als Kind seinen Vater
häufig auf Elefantenjagd begleitet.
Die Löwen machten ein recht lautes Konzert. Ich wollte Saleh nicht
allein gehen lassen und ließ ihn deshalb mein Rad schieben. Wir machten
uns zu Fuß auf den Heimweg. Gegen 1 Uhr waren wir wieder daheim.
Als wir am nächsten Morgen wegen des nächtlichen Intermezzos etwas
später beim Frühstückstisch saßen, kommt schon von weitem rufend Kofia
Mbaya und bringt -- einen Zahn des beschossenen Elefanten. Umringt von
einer großen Schar Neugieriger, teilt er mir mit, daß er der Fährte
kaum hundert Schritt gefolgt sei. Vom Tau noch feucht habe er ganz
kleine Schweißspritzer gesichtet und plötzlich den Zahn gefunden. Der
Zahn war in der Hälfte des Nervs durchschossen und wohl vom Elefanten
im Schmerz mit dem Rüssel aus dem Zahnfleisch herausgerissen worden.
Ich lieferte ihn mit Bericht an das Bezirksamt Morogoro als dem Fiskus
gehörig ab und wurde viel wegen dieser merkwürdigen Sache angeulkt,
wobei erörtert wurde, ob ich nicht berechtigt gewesen wäre, den Zahn zu
behalten, da der Elefant ja noch lebe. Ich erzähle dieses nächtliche
Ereignis, das ich Ende Juni 1913 erlebte, weil es später noch ein
Nachspiel fand.
Im Oktober des gleichen Jahres teilt mir Stabsarzt J. mit, daß er nach
Kissaki käme. Er hätte nur noch einige Tage auf seinen Jagdschein
Zeit und würde gern den ihm darauf noch zustehenden Elefanten auf die
Schwarte legen, ob ich ihm einen ausmachen könnte. Da ich außer dem
persönlichen Interesse an der Jagd noch den Doppelzweck verfolgte,
die immer dreister werdenden Elefanten durch gelegentlichen Abschuß
zu vergrämen und zum Rückzug aus dem Kulturgebiet mehr in die
Jagdreservate zu zwingen, war ich äußerst gern bereit, seinem Wunsche
zu entsprechen.
Im Laufe der Zeit hatte ich mir die Neigung der sonst sich Europäern
gegenüber recht passiv verhaltenden Eingeborenen des Kreises Kissaki
erworben. Ich machte nun bekannt, daß ich am soundsovielten früh einen
frischen Elefantenwechsel in der Nähe Kissakis wissen und zum Beleg der
Botschaft frische Losung und durch Kerbschnitt in einem Stäbchen das
Ausmaß der Fährte haben möchte. Am Morgen des bestimmten Tages, es war
gegen 5 Uhr und eben der Himmel am Horizont im Osten mit einem helleren
Strich versehen, weckte mich die Wache und führt mir meinen ehemaligen
Arbeiter Bilingi zu, der frische Losung bringt. Er wollte gerade wieder
Arbeit bei mir nehmen und hatte auf dem Wege von Mafumbo nach Kissaki
eine halbe Stunde von hier die Elefanten gesehen, die auf dem Wege
standen. Die Fährte konnte er der Dunkelheit wegen nicht messen.