niedriger, so daß das verbreiterte Flußufer Salzsteppencharakter
annahm. Gnus (+Connochaetes taurinus Burch.+), Hartebeeste
und Zebras traten in kleinen Herden auf, und Rudel von
Schwarzfersenantilopen äugten auf uns aus der Ferne. So blieb das
Bild einige Tage, die Elefantenwechsel wurden spärlicher, und nur die
Flußpferde blieben zahlreich wie zuvor. Ein heftiger Kopfschmerz hatte
sich bei mir bemerkbar gemacht, und ein Ziehen im Kreuz und in den
Beinen gab mir Gewißheit, daß sich Malaria eingestellt hatte. Unsere
Vorräte waren aufgezehrt, wir waren schon am siebenten Tage unterwegs,
statt, wie gerechnet, am fünften bis sechsten auf eine Ortschaft zu
stoßen. Mein Kaffee war auch zu Ende, ebenso der Brot- und Mehlvorrat,
und selbst das Petroleum zu meiner Reiselampe. Nur Reis war für mich
noch für eine Mahlzeit vorhanden. Nachmittags nahm ich ein Gramm
Chinin und abends ein zweites. Das Fieber ging nicht herunter und
blieb auf neununddreißig Grad stehen, ab und zu etwas über vierzig
steigend. Nachts erwache ich und nehme halb im Fieberwahn ein drittes
Gramm Chinin. Das war auch für meine Pferdenatur etwas zu viel, und am
Morgen sah ich die Bescherung, ich hatte mir ein Schwarzwasserfieber
zugezogen, das zweite in Afrika, allerdings mit einem Zwischenraum von
elf Jahren. Ich versuchte, auf dem Esel zu reiten, nach einer Stunde
ging's nicht mehr. Nun heißt zwar bei Schwarzwasserfieber die erste
Pflicht, ruhig liegen bleiben, ganz gleich, wo. Meine und meiner Leute
Nahrungsmittelverhältnisse zwangen uns aber weiter. Ein paar Schritte
machte ich, auf meinen Boy Saleh gestützt -- es ging nicht mehr. Meine
Soldaten machten aus meiner Zeltbodendecke eine Hängematte und trugen
mich persönlich. Es ging so lange gut, bis das schon mürbe Segeltuch
riß. Nun banden sie ihre Schlafdecken als Hängematte an eine Stange,
aber bald löste sich auch dort das Gewebe auf, und es blieb nichts
anderes übrig, als daß ich mehrere Strickpartien mir um Decke und
Stange in kleinen Abständen legen ließ. Fest wie ein Bündel lag ich nun
an die Stange angeschnürt. Das durch die Decke gemilderte Einschneiden
der Stricke war noch zu ertragen, aber ich konnte mich nicht bewegen
und die Tsetsefliegen nicht verjagen, die sich saugend auf Kopf und
Gesicht niedergelassen hatten. Ich verlor bei dieser Tour mehrere
Plomben aus den Vorderzähnen, wenn ich in Schmerz und Wut in die Decke
biß.
Essen mochte ich im Lager nichts. Es gab nur gedörrtes
Wasserbockfleisch und abgekochtes lauwarmes Ruahawasser. Von diesem
zwang ich so viel in mich hinein, als mir ohne Brechreiz möglich war,
um die mit Blut verstopften Nieren wieder zu spülen und arbeiten zu
lassen. Einen Mann sandte ich voraus, um mir aus der unmöglich weit
entfernten Ortschaft eine Papay (Baummelone) zu holen, koste es was es
wolle. Spät am Abend kam er ergebnislos zurück, er brachte aber einen
Fischer mit, den er mit zwei anderen Leuten getroffen hatte.
Nun konnte ich mich wenigstens über die Gegend orientieren. Die
Ortschaften flußabwärts waren mehrere Tage entfernt, die auf der Karte
angegebenen existierten nicht mehr. Ihre Bewohner waren flußabwärts
gezogen, weil sie infolge der zahlreichen Elefanten, Nashörner und
Flußpferde nie eine ordentliche Ernte einbringen konnten, sondern nur
auf Fischfang angewiesen waren, um dann mit der geräucherten Ware
spärliche Lebensmittel eintauschen zu können. Viel braucht der Neger
nicht, aber dies war ihnen doch zu primitiv, und sie verließen diese
Gegend schon lange, wie ich zu meinem Leidwesen hörte.
Die drei Fischer konnten uns keine Lebensmittel ablassen, denn sie
hatten selber nichts außer Dörrfischen. Uns war es um Mehl oder Reis
zu tun, da Fleisch und Fisch allein den Verdauungsapparat zu sehr
anstrengt und auf die Dauer Darmkrankheiten hervorruft. Einer meiner
Leute hatte einen wilden Bienenschwarm entdeckt, es war aber nur
eine kleine Honigwabe drin von halber Handgröße, die anderen Waben
enthielten Brut oder waren so wenig angefüllt, daß der Honig noch nicht
herausfloß.
Am nächsten Tage bei den Fischern angekommen, bogen wir vom Ruaha links
ab auf das Dorf Hobola zu. Nach sechsstündigem Marsche erreichten wir
drei ganz primitive Hütten. Hier erhielt ich einige Stücke Maniok, den
ich erst rösten ließ und heißhungrig verzehrte. Endlich am neunten
Tage erreichten wir Hobola. Schon von dem Anblick der hübschen Hütten,
zwischen denen zahlreiches Federvieh herumlief, kam ich wieder zu
Kräften. Bald hatten die Leute gehört, daß wir ein paar Tage gehungert
hatten und daß ich schwer krank sei. Sie schleppten in großen Mengen
Süßkartoffeln, Maniok, Kürbisse, Zuckerrohr und Eier herbei, und
es begann ein Schmausen meiner Leute bis zum nächsten Morgen. Ich
selbst leistete auch darin Erhebliches und hielt meinen Koch bis
elf Uhr nachts in Atem. Erst ließ ich mir Kürbissuppe machen, dann
Süßkartoffeln rösten, dann solche kochen. Zwei große Portionen Rührei
genoß ich in den Pausen und kaute dann noch eine Stange Zuckerrohr.
Jedenfalls futterte ich mich in dieser einen Nacht völlig zu Kräften.
Neu gestärkt und wie zu neuem Leben erwacht ging es am nächsten Morgen
vor Tagesanbruch weiter. Gegen elf Uhr erreichten wir das Dorf Kirengwe
an der Straße Kissaki-Mahenge. Hier hatte ich mein Rad stehen lassen,
und mit dem Gefühl »nur nach Hause« ließ ich meine Leute Lager machen
und setzte mich selbst aufs Rad, um gegen einhalb ein Uhr in Kissaki zu
sein.
Jedenfalls war ich der erste Europäer, der diese gänzlich unberührte
Gegend durchquert hatte. Unser rasches Vorwärtskommen auf dieser
unbewohnten Strecke verdanke ich meinen gut eingeübten Trägern,
die mich schon monatelang auf Reisen begleiteten. Heute sind alle
Mühseligkeiten vergessen, und gern erinnere ich mich dieser Reise, die
mir so reichen Einblick in dieses Stück erhaltenen Dorados der Riesen
aus der Urzeit gewährte.
=Flußpferde= (+Hippopotamus amphibius L.+).
Viele Reisende berichten aus Afrika, daß Flußpferde harmlose Tiere
wären, die niemand etwas zuleide täten und den Menschen aus dem Wege
gingen. Sie verurteilen auch die Jagd auf Flußpferde, erklären den
Abschuß für unweidmännisch und möchten die Flußpferde von der Liste der
zur Jagd erlaubten Tiere gestrichen wissen.
Ohne Zweifel haben sie teilweise recht. Es gab Leute, die sich Jäger
nennen, sich an einen Wassertümpel setzten, in dem sich Flußpferde
befanden, und die dann auf eins schossen, worauf die übrigen
untertauchten. Vorsichtig kommt wieder ein Kopf aus dem Wasser, um
Luft zu schöpfen; puff, wird auch er beschossen, das erste könnte ja
nicht tödlich getroffen sein, und so geht's weiter. Am nächsten Morgen
schwimmen dann zwanzig und mehr Leichen auf dem Wasser, der Rest ist
ausgewandert. Ich spreche hier von häufig vorgekommenen Tatsachen.
Solche »Jäger« haben aber gewöhnlich in Afrika zum erstenmal ein Gewehr
in der Hand gehabt und halten sich nun für geübt, wenn sie eine Kugel
aus dem Lauf lösen und einigermaßen richtig ans Ziel bringen können;
Liebe und Interesse für Wild fehlt ihnen; die Natur selbst ist ihnen
fremd. Sie gleichen den Engländern, die das Tontaubenschießen von
Monaco und Ostende auf das Wild übertragen und mit ihrer Rekordwut die
Kreatur zugrunde richten. Durch das neue Jagdgesetz, das für einzelne
Bezirke eine Einschränkung vorsah, ist ihnen das Handwerk gelegt
worden. --
Die Erlegung von Flußpferden kann dem Jäger aber auch reine
weidmännische Freuden bescheren. In den Gebieten, wo sich dieses
riesige Wasserschwein mit der Kultur trifft und seines Feldschadens
wegen häufig verfolgt wird, werden auch namentlich die älteren Bullen
äußerst angriffslustig. Wer an der Wehrhaftigkeit zweifelt, braucht
sich nur einmal einen alten Bullenschädel mit seinen gewaltigen
Stoßzähnen und Hauern im Unterkiefer genau anzusehen (s. Abb. 11).
Wie mancher Neger hat im Rufidji schon seinen Tod gefunden, weil ein
bösartiger Bulle ein harmloses Kanu umstieß oder zerbiß. Mancher mir
bekannte Europäer geriet durch Flußpferde, ohne daß er sie beschoß,
infolge Kenterns seines Bootes in die Gefahr des Ertrinkens oder des
Todes durch den Angriff eines Krokodils und wurde nur mit Mühe gerettet.
Aber nicht nur im Wasser können Flußpferde unangenehm werden, wie aus
folgendem hervorgeht. Im März 1912 kehrten in Kissaki eines Abends
zwei Neger von der Arbeit zurück. Es war gegen neun Uhr und ziemlich
dunkel, wie meist in der Regenzeit. Kurz vor ihrem Dorfe sahen sie
ein großes schwarzes Tier an der Straße stehen. Der eine der Männer
klopft mit dem Stiele seiner Hacke an einen Baum, und im Augenblick
werden beide angegriffen. Der eine entkommt, der zweite fällt auf dem
schlüpfrigen Boden hin und streckt die Beine in die Luft. Schon hat ihn
das Flußpferd erreicht und zermalmt ihm gänzlich den Unterschenkel. Es
wurde erst durch das Geschrei der Dorfbewohner vertrieben. Da alle Wege
tief voll Wasser standen, war eine Verfolgung durch Aufnahme der Fährte
am nächsten Morgen ausgeschlossen.
Beim zweiten Falle erschien im Juli desselben Jahres ein alter Bulle
mittags um 12 Uhr in einem Dorfe. Die Leute hörten das Laufen und
glaubten, ein Europäer sei geritten gekommen. Als sie zu seiner
Begrüßung aus ihren Hütten heraustraten, sahen sie ein Flußpferd
laufen. Eine alte, schwerfällige Frau lief ihm in den Weg und erhielt
einen solchen Hieb mit den Hauern, daß die Rippenpartie der linken
Seite samt den Rippenknochen aufgerissen wurde.
Da ich dringend verreisen mußte, hatte ich selbst keine Zeit, die
Verfolgung aufzunehmen, und schickte deshalb fünf Leute mit Gewehren
ab, um das bösartige Tier, das sich seit längerem eine halbe Stunde
abseits des Flusses in den Maisfeldern aufhielt, deren Hüter angriff
und nur schwer zu verjagen war, unschädlich machen zu lassen.
Angeblich hatten es die Leute beschossen. Es habe auch schwer vom
Blatt geschweißt, trotzdem sei es entkommen. Den Mgetafluß habe es
durchschwommen und sich stets auf dem trocknen Lande in Sicherheit
zu bringen gesucht. Ich konnte diese Behauptungen wegen meiner
dazwischenliegenden Abwesenheit nicht nachprüfen. Einige Zeit später,
als das Flußpferd wieder gemeldet wurde, brachte es der Baumeister S.,
der die Station Kissaki baute, zur Strecke.
+a.+ ~Die Jagd der Eingeborenen auf Flußpferde auf dem Njassasee.~
Häufig hatte ich am Njassastrand in den frühen Morgenstunden oder auch
am Tage, wenn der See wellenlos lag, die Umrisse der der Flußpferdjagd
obliegenden Wakissi beobachtet. In Kanus, die sechs bis acht Leute
fassen, stand am Bug der Harpunier mit der Harpune, die stets auf dem
nach oben ausgestreckten Arm wagerecht gehalten wird. Immer folgte
ein Kanu ohne Harpunier. Nie waren es aber mehr als zwei Kanus, die
gemeinsam fuhren. Vom Land aus gelang es mir nicht, den Augenblick
des Harpunierens zu erspähen, wohl aber sah ich mehrmals die Leute
mit ihrer Beute im Schlepptau heimkehren und diese im seichten Wasser
zerlegen.
Ende des Jahres 1902 konnte ich die Angst des Wakissihäuptlings
Mandemera, daß mir ein Unfall zustieße und er dann dafür verantwortlich
gemacht würde, besiegen und ihn breitschlagen, mich auf solche
eigentümliche Jagd mitzunehmen.
Zunächst will ich kurz die Ausrüstung beschreiben. Die beiden Kanus
boten Platz für vier bis sechs Personen, trugen aber im Notfall das
Doppelte. Es waren ausgehöhlte Baumstämme, deren Öffnung oben breit
genug war, daß ich, ohne mich seitwärts zu drehen, im Niedersitzen
meine Hüften hineinbrachte.
Zu jedem Boot gehörten vier Mann mit dem am Njassa gebräuchlichen
kurzstieligen Paddelruder (s. Abb. 13, rechts) mit lanzettlichem Blatt,
das, ohne am Bootsrand aufgelegt zu werden, mit beiden Armen gehandhabt
wird. Die Ruderer sitzen am Boden des Bootes mit vorgestreckten Beinen
und bewegen nur den Oberkörper beim Rudern.
Die Harpune (s. Abb. 13, links) ist ein am Blatte oval geschmiedetes
und haarscharf geschliffenes Eisen von 6 cm Länge und 4 cm Breite.
Oberhalb des Blattes steht als Widerhaken ein eiserner Dorn von der
Dicke und Länge eines kleinen Fingers, dann folgt eine mit einer Öse
versehene Lasche. In dieser ist eine aus Hanffaser festgeflochtene
Leine gut verknüpft. In die Lasche wird locker ein aus hartem, zähem
Holz gearbeiteter, fünf Meter langer Schaft gesteckt, an dem die
Harpune durch die an der Öse befestigte Leine festgezogen wird. Bei
Lockerung der Leine trennt sich die Harpune sofort vom Schaft. Der
Schaft von Handgelenkstärke wird durch monatelanges Liegen im Schlamm
mit mehrmaligem Erhitzen über Feuer besonders schwer und wuchtig
gemacht und wiegt dann gebrauchsfähig fünfunddreißig bis vierzig Pfund.
Man muß die Harpunenführer bewundern, daß sie stundenlang dieses
Gewicht auf dem erhobenen Arm balanzieren können. Die oben erwähnte
Leine ist sechzig bis siebzig Meter lang und liegt sauber aufgerollt
hinter dem Harpunenträger. Eine zweite ist zur Reserve vorhanden. Dann
kommen auf jedes Boot noch zwei Dutzend starke Speere mit 30 Zentimeter
langem, dreieinhalb bis vier Zentimeter breitem Blatt. Die Speere sind
mit Blatt etwa 1,6 m lang.
[Illustration: Abb. 13. Rechts Paddelruder, links Harpune der
Wakissi-Neger für Flußpferde (n. Skizze d. Verfassers gez. v. R.
Öffinger).]
An einem windstillen Morgen fuhren wir bei der ersten Dämmerung ab.
Östlich von uns sah und hörte man schwach einige Flußpferde, die, aus
der Lufiriomündung kommend, langsam in den offenen See zogen. Ich
befand mich im Boot beim Harpunenträger -- dem Häuptling Mandemera
selbst -- und hatte, weil ich von dieser Art Jagd noch nichts verstand
und daher sonst passiv bleiben wollte, die Beaufsichtigung der Leine
übernommen, um möglichst genau vom Bug aus beobachten zu können. Ich
hatte bis auf Hut, Hemd und Hose alles abgelegt, um gegebenenfalls im
Schwimmen nicht behindert zu sein, falls das Boot zum Kentern kam, was
häufig vorkommen sollte. Außer uns beiden trug das Boot vier Ruderer.
Das zweite Boot war ebenfalls mit vier Ruderern bemannt und trug
noch einen Mann und einen Jungen. Jener sollte speeren, der Junge ihm
Ersatzspeere reichen.
Klar grün schimmerte das Njassawasser. Es war so durchsichtig, daß man
am Bug, ohne verzerrte Bilder zu bekommen, auf dem Sandboden jedes
Steinchen schimmern und jeden Fisch schwimmen sah. Der See mochte fünf
Meter tief sein, wie ich mich belehren ließ. Mandemera bestimmte die
Tiefe nach der Farbe des Wassers. In einem Kilometer Abstand von den
Flußpferden fuhren wir zunächst zu diesen parallel. Dann wurde ein
Bogen geschlagen, der die Tiere zwischen uns und das Land brachte. Da
sich auch die Flußpferde gleichzeitig vom Ufer entfernten, waren wir
etwa 6 Kilometer weit draußen im See. Nun warteten wir mit eingezogenen
Rudern. Oft war von den Flußpferden nichts zu sehen. Sie schwammen
unter Wasser; näher und näher kamen sie. Erst sah man eine Fontäne
zerstäubten Wassers aufsteigen, dann erst hörte man den prustenden Ton,
der durch das Ausstoßen der Luft verursacht wird. Auf 150 Meter waren
sie jetzt an uns herangekommen. Es war 7 Uhr morgens. Nun suchten sie
seitlich auszubiegen, da sie wohl die feindliche Absicht witterten.
Unsere Ruderer traten in Tätigkeit, und Mandemera stellte sich in
Positur, wie ich sie so häufig vom Land aus beobachtet hatte. Das
zweite Boot fuhr in drei Meter Abstand eine halbe Bootslänge hinter
uns. Nun waren wir heran. Zehn Meter vor uns tauchte der Wassersprudel
auf. Dann hob sich das Tier mit halbem Körper aus dem Wasser und
versank lautlos. Es waren vier Flußpferde. Mandemera hatte es auf das
letzte abgesehen. Er schien es unter Wasser genau im Auge zu haben,
ich konnte nichts sehen, da ich saß. Da tauchte vor uns in fünf Meter
Entfernung die Nase auf und war auch schon wieder unter Wasser.
Jetzt sah auch ich das Tier unter Wasser. Ganz rosig durchscheinend
schimmert seine Haut, ganz verschieden von dem sonstigen bräunlichen
Ton. Nun tauchte es zwei Meter seitwärts vor uns auf, sofort wendeten
unsere Boote. Wieder schwamm es unter uns. Es schien mir greifbar nahe.
Mandemera sagte, ohne seine Stellung zu verändern, es schwimmt zu tief.
Wohl eine Stunde folgten wir dem Flußpferd und bewegten uns kreuz und
quer fahrend dem Lande zu. Wir waren nur noch etwa vier Kilometer
vom Strand entfernt und die anderen Flußpferde weit draußen im See.
Mandemera sagte mir, ich stoße nur, wenn es nach [Illustration: Abb.
14. Flußpferdjagd der Eingeborenen auf dem Njassasee. (Nach Skizze des
Verfassers gez. von M. Zimmer.)]
oben schwimmt, um Luft zu holen. Dies geschah alle drei bis fünf
Minuten. Wie mir schien, verpaßte der Häuptling gute Momente. Plötzlich
sah ich, wie Mandemera die Spitze der Harpune langsam senkte. »Gib auf
die Leine acht!« rief er mir zu. Das Flußpferd tauchte auf, wieder
hatte er nicht gestoßen, und ich fing an, ungeduldig zu werden. Jetzt
erhob er sich auf den Zehen, und die Harpune mit beiden Händen fassend
stieß er zu (Abb. 14). Ich spähte über den Rand und sah, wie sich das
Flußpferd im Wasser überschlug. Indem ich hastig die Leine abwarf,
sah ich, wie Mandemera jetzt den harpunenlosen Schaft in der Rechten
hielt und durch die Linke die Leine gleiten ließ. Halb links waren
wir über das Flußpferd hinweggefahren. Jetzt tauchte es auf, etwa 10
Meter rechts von uns, seine Wasserfontäne war hellrot vom Schweiß.
Rückwärts fahrend hatte Mandemera den Harpunenschaft abgelegt und ließ
sich von mir einen Speer reichen. Ungefähr zwei Drittel der Leine
waren abgelassen. Mandemera faßte sie jetzt straff und sagte zu mir
»festhalten«; schon merkte ich das Reißen des flüchtenden Tieres. Ich
spreizte meine Knie, um fest im Boot zu sitzen, und ließ die Leine
am Bootsschnabel aufliegen. Tief neigte sich dieser nach dem Wasser;
obwohl die Ruderer Gegengewicht gaben, nahmen wir doch Wasser über, das
ein Mann eilig mit einem halben Flaschenkürbis ausschöpfte. Vierhundert
Meter hatten wir so in schneller Fahrt, vom Flußpferd gezogen,
zurückgelegt, das zweite Kanu hielt sich an unserem Boote fest.
Mandemera und ich hatten scharf zu halten, weil wir die Last beider
Boote schleppten.
Plötzlich wird die Leine schlaff und, den ganzen Kopf außer Wasser,
kommt das Flußpferd laut brüllend auf uns zu. Mir wurde beklommen
zumute. Mandemera ging wieder an die Spitze des Bootes, und die Ruderer
ruderten mit Kraft rückwärts. Jetzt ist das Tier so nahe, daß ich im
Geiste schon unser Boot splittern sehe. Da hat es Mandemeras Speer im
Rachen, es schüttelt wütend den Kopf und beißt zu, der Speerschaft
zersplittert. Rasch reiche ich Mandemera den bereitgehaltenen zweiten
Speer. Er kommt aber nicht mehr zum Stoßen, denn das zweite Kanu kam
heran, und blitzschnell hatte sein Speerträger zweimal zugestoßen. Das
Flußpferd warf sich hintenüber, etwa wie der Stier den Kopf hochwirft,
auf den Schmerz reagierend, wenn er die erhoben gehaltenen Banderillos
in den Nacken empfängt, so daß der Torero Zeit hat, zu entfliehen.
Schon ist es wieder an der Oberfläche. Die Ruderer leisten Fabelhaftes
im schnellen Wenden und Vor- und Rückwärtsfahren. Blutiger Schaum
breitet sich auf dem Wasser. Mehrmals noch haben die Speerhalter beider
Boote Gelegenheit, zuzustechen, die Bewegungen des Tieres werden
matter, die Speerstiche bei jedem Auftauchen häufiger und tiefer. Jetzt
ist das Flußpferd wieder oben, es liegt halb auf der Seite. Mandemera
sticht so heftig zu hinters Blatt, daß er ins Wasser springen muß, der
Speer bleibt stecken. Noch einmal bäumt das Tier auf, uns mit flockigem
Schweiß übersprühend, dann sinkt es langsam weg. An der Leine wird es
bis an die Oberfläche geholt und noch ein Strick an sein Bein gebunden.
Dann werden beide Stricke am Boot festgemacht. Das andere Boot legt
sich uns vor. Mandemera und ich halten es mit den Händen fest und, das
Flußpferd im Schlepptau, geht's dem Lande zu. Gegen elf Uhr hatten
wir wieder Boden unter den Füßen. Die Beute lag drei Meter vom Strand
entfernt im See, weil wir sie im seichten Wasser nicht weiterziehen
konnten. Es war ein junger Bulle. Das ganze Dorf hatte sich schon
versammelt mit Messern und Körben, um das Fleisch abzuholen. Ich sah
mir zunächst die Speerstiche an, die zehn Zentimeter breit waren.
Vergeblich versuchte ich, einen Speer durch die Haut zu stoßen. Sie
federte wie Gummi, und zum Schluß hatte ich das Blatt ganz verbogen.
Es scheint bei der Anwendung dieser Waffe, die ich in ihrer Weichheit
mit den Händen fast wieder gerade biegen konnte, mehr Geschicklichkeit
als Kraft nötig zu sein. Dann ließ ich mir die Harpune herausschneiden,
um zu sehen, wie sie saß. Fünfzig Zentimeter weit war sie seitlich
in den Nacken gedrungen und hing mit dem Widerhaken am Kehlkopf. Vor
dem Zerlegen ging ich nach Hause. Meine Nerven erschlafften stark
nach der aufregenden Anspannung, und ich habe auch keine weitere
Mitwirkung an derartiger Jagd angestrebt, obwohl sich mir späterhin
mehrfach Gelegenheit bot, d. h. die Leute keine Angst mehr hatten, mich
mitzunehmen, da diesmal die Sache gut abgelaufen war. Ein Gewehr hatte
ich deshalb nicht mit ins Boot genommen, weil ich zu damaliger Zeit nur
~eine~ gute Waffe besaß, die ich nicht verlieren wollte, falls das
Boot kenterte, wie mir vorher ausgemalt wurde. Sonst hätte ich dem Tier
bald den Fangschuß gegeben, nachdem es an der Harpune saß -- es hat
eben nicht jeder eine Negernatur --, Gelegenheit hätte ich dazu gehabt.
+b.+ ~Flußpferde im Rikwasee.~
Gegen Ende des Jahres 1907 hielt ich mich einige Wochen am Rikwasee
(Abb. 1) auf. Die Gegend ist recht spärlich bewohnt, wegen der
sehr geringen Regenfälle unfruchtbar und sehr, sehr heiß. Groß ist
dagegen der Wildreichtum, und in den Mittagsstunden ist stellenweise
nichts zu sehen vor dem Staub der sich wälzenden Zebras und der
herumgaloppierenden Hartebeeste, denen das Brackwasser des Sees und das
Gras der Salzsteppen so vorzüglich bekommt, daß ich nie wieder Tiere
in solchem Ernährungszustande sah wie dort. Das Wasser ist belebt von
Scharen von Watvögeln. Rosa und weißen Wolken gleich fliegen unzählige
Flamingos und Pelikane über das Wasser, das großen Fischreichtum --
allerdings vorwiegend wenig schmackhafte Welse -- beherbergt und
außerordentlich viel Schildkröten und Krokodilen zum Aufenthalt dient.
Flußpferde sind im Verhältnis zu anderem Wild nur wenige vorhanden,
Nashörner wechseln ganz selten vorbei, und Elefanten durchschreiten
den See nur alle Jubeljahre einmal. Nur einmal sah ich drei Elefanten
mitten im See stehen. Ich hielt sie erst für Flußpferde, da sie nur
etwa eineinhalb Meter über dem Wasserspiegel sichtbar waren, und dann
betrug auch die Entfernung einige Kilometer.
Nach Westen zu ist der See in der Trockenzeit für Fußgänger
durchschreitbar, südlich ist das Wasser so flach, daß man nach
sechshundert Metern vom Ufer nur bis an die Knie im Wasser steht. Im
Osten sind die Ufer versumpft durch den einmündenden Songwefluß, und
nur im Norden fallen die Ufer steil ab.