Auf meine Frage, warum denn das Dorf so weit vom Fluß läge, wurde mir

erklärt, daß der Mkodje die Steppe in der Regenzeit bis kurz an die

Hütten überschwemmte. Verpflegung konnte ich für meine Leute auch nicht

erhalten, die Vorräte der Leute waren so gering, daß ich fragte, wie

die Leute denn überhaupt ihr Leben fristen könnten und warum sie mit

ihrem Vieh in solch elender Gegend wohnten und nicht mehr Getreide

anbauten. Ich erfuhr darauf, daß die Rinder dem Sultan Merere gehörten

und nur hier gehütet wurden, weil das Wild gut gediehe, von was, war

mir allerdings fraglich, denn ich hatte auf meinem Marsche nur bis

auf 3 cm abgeweidete Grasstummel gesehen. Von Getreidearten wüchse

nur recht spärliche Sandhirse. Zwei kleine Fleckchen bebautes Land

von zusammen etwa 200 Quadratmeter mußten für die 18 Kopf starke

Einwohnerschaft genügen. Die Ernährungsfrage der Leute wurde mir

immer rätselhafter. Endlich rückten sie mit der Sprache heraus. In der

Regenzeit gebe es durch die Überschwemmung so viel Welse, daß sie im

seichten Wasser bloß aufgelesen zu werden brauchten. Und jetzt? Nun,

in der Trockenzeit paßten die Viehhüter immer auf, wo früh die Geier

kreisten, dort hätten Löwen Wild geschlagen, und es wäre häufig so viel

übrig, daß sie Vorrat dörren könnten. Manchmal allerdings, wenn mehr

Löwen dagewesen wären, oder wenn die Löwen schon am Abend Beute gemacht

und den Riß nach der Sättigung verlassen hätten, um zur Tränke zu

gehen, so daß das gerissene Wild für die Hyänen frei werde, seien nur

ein paar Knochen übrig.

[Illustration: Abb. 8. Wild- oder Hyänenhund.]

Meine Bemerkung: »Na, ihr helft wohl manchmal den Löwen etwas nach und

holt euch selber ein Zebra,« löste verlegenes Grinsen aus, das mir

genug Bestätigung war. Vorderlader waren ja reichlich vorhanden und

Pulver auch -- »zur Abwehr der Löwen vom Vieh« -- wie mir eifrigst

versichert wurde.

Am nächsten Morgen, als es eben dämmerte und ich mich gerade mit dem

Viertelliter Wasser wusch, den ich für diesen Zweck aufhob, ehe ich ihn

meinen Hunden geben wollte, verstummte plötzlich das Murmeln der sich

für die Reise zurechtmachenden Träger.

Etwas blöde, weil ich gerade mein Gesicht mit dem Handtuche bearbeite,

spähe ich nach der Ursache. Da kommt auch schon eine Schwarzfersenricke

(+Aepyceros suara Mtsch.+) direkt auf mich zu, mitten durch die

Träger durch, stolpert über meine Zeltstricke, rennt ins Dorf und

bleibt darin stehen. Während ich noch diesem Tier zusehe und nicht

weiß, was ich aus dem Vorfall machen soll, kommt eine zweite Antilope

fast durchs Zelt und stellt sich zur ersten.

Nun machten mich die Leute aufmerksam auf zwei wilde Hunde (Abb.

8), die sich außerhalb der Träger hingesetzt hatten. Ich zeige die

Wildhunde meinen vier Doggen und hetze diese. Kein Gedanke, daß sie

die Wildhunde einholten. Als meine Hunde auf einen Pfiff mutlos

zurückkehren, folgen ihnen die beiden Wildhunde. Eine abermalige Hetze

war so erfolglos wie die erste. Nun nehme ich mein Gewehr zur Hand,

schieße aber zu kurz, wie ich am Hochsprung des Hundes auf allen Vieren

sehe, ein zweiter Schuß hat dasselbe Ergebnis. Nun trollen sich die

Wildhunde hinter Dornengebüsch und sind für mich unsichtbar.

Ich gehe dann zu den Antilopen, die mit zitternden, weitgeöffneten

Nüstern und schlagenden Flanken im Dorf stehen und sich anfassen

lassen. Die Leute erzählten mir, sie hätten die Hetzjagd der

Wildhunde schon eine ganze Weile beobachtet, in der Steppe wäre es

immer im Kreise herum gegangen. Sehr scharf sei das Tempo der Hunde

nicht gewesen. Durchaus wollten die Leute die Antilopen töten und

verspeisen. Mir taten diese geängstigten Tiere leid, und ich ließ alle

Leute zurücktreten, damit sich die Antilopen -- Muttertier und fast

ausgewachsenes Kitz -- erholen und nach Belieben entfernen konnten.

Dies war meine erste Begegnung mit wilden Hunden. Noch häufig traf ich

diesen Schrecken des armen Wildes an. Einmal, als ich gerade Wildbret

für meine Tafel brauchte und bei Morgenlicht im Wildgebiet eintraf,

galoppierte ein Wasserbock (+Cobus ellipsiprymnus Ogilb.+) auf

mich zu. Ich nahm an, daß er mich früher wahrgenommen hatte und mir auf

seiner Flucht wieder in den Weg lief, weil ich durch Gebüsch gedeckt

war. In hohen Fluchten quittierte er auf meinen Blattschuß. Der erst

spärlichen, dann reicher werdenden Schweißfährte folgend, fanden wir

ihn, nach etwa 1000 Meter Suche, verendet in einem Dickicht.

Einen Augenblick bei dem zur Strecke gebrachten Bock ausruhend,

hörte ich plötzlich den Schreckton eines Buschbockes (+Tragelaphus

roualeyini Gord. Cumm.+). Da das Fleischbedürfnis meiner

europäischen Nachbarn groß war, wollte ich auch diesen strecken.

Vorsichtig schiebe ich mich aus der Dickung heraus und habe vor mir:

sechs Wildhunde. Auf vier Meter Entfernung bleiben sie ruhig vor mir

sitzen, indem sie mich anäugen. Sie müssen meine Anwesenheit schon

vorher bemerkt haben und waren höchstwahrscheinlich auch schon vorher

hinter meiner Beute her. Den Vordersten schoß ich spitz von vorn.

Er fiel ohne einen Laut. Die anderen machten nun einen Luftsprung,

dann saßen sie wieder. Einer steht auf und nimmt Witterung an seinem

toten Kameraden, aber nur einen Augenblick. Hastig faßt er ihn dann

mit den Zähnen, und im Nu bilden die übrigen vier mit ihm einen

Knäuel. Sie reißen große Fetzen aus dem Geschossenen und würgen die

Bissen ohne Kauen hinunter. In kurzer Zeit ist auch kein Knochen oder

Haarbüschel von ihm übrig. Als ich den zweiten schoß und nach seinem

Fall gleich auf die Wildhunde zuging, zogen sie sich knurrend zurück

und verschwanden dann. Eine halbe Stunde danach hörte ich, wie sie mit

einem Löwen stritten. Als ich mir durch das Dickicht einen Weg nach dem

Kampfgetöse zu gebahnt hatte, waren alle Beteiligten verschwunden. Nur

das niedergetretene Gras gab Zeugnis von einer Balgerei.

Wer den kürzern gezogen hatte, ließ sich nicht ermitteln. Ich glaube

aber der Löwe. Selbst habe ich es zwar noch nicht mit angesehen, aber

mir bei verschiedenen eingeborenen Jägerstämmen erzählen lassen, daß

der Löwe deshalb eine so große Furcht vor meinen Doggen hätte, weil er

sie für wilde Hunde hielte, die ihm stets so arg zusetzten, daß er das

Weite suchte. Käme es zu einem Kampf, so stürzten alle zugleich auf den

Löwen und bissen ihn überall, wobei immer ein Stück Fell und Fleisch

in ihrem Fang bliebe. Der Löwe selbst wäre nicht flink genug, sich so

vieler Angreifer zu erwehren. Etwas Wahres muß daran sein, denn stets

brachten meine Hunde den Löwen zur Flucht und konnten ihn nur dann

stellen, wenn ich mehr als zwei bei mir hatte.

Wie das Wild die Wildhunde fürchtet, sah ich häufig daran, daß Gebiete,

die dicht mit Wild bevölkert waren, plötzlich wie ausgestorben dalagen

und nur einige Buschböcke und Ducker (+Sylvicapra grimmia L.+)

(kleine Antilopen, die durch Ducken sich vorzüglich verbergen), die

ihren Standort schwer wechseln, übrig waren. Wasser- oder Futtermangel

war nicht eingetreten. Stets ergab es sich dann, daß Wildhunde dort

gehetzt hatten. Rudel bis zu dreißig Stück waren keine Seltenheit.

Eine solche Panik unter dem Wild ruft kein Löwe hervor. Wohl zeigt

das Wild bei Löwenanwesenheit Unruhe, ich sah aber mehrfach weit

auseinandergezogen äsende Wasserböcke und Hartebeeste, die von einem

Löwen, der mitten durch die Herde lief, kaum Notiz nehmen.

Strichweise bewegen sich die Wildhunde durchs Land und steigen auch

in hügeliges Gelände auf. 1910 traf ich sie auf 1200 Meter Höhe nahe

Langenburg, wo sie die weidenden Viehbestände schwer schädigten.

Nach meinen Erfahrungen bevorzugen sie alles Hornwild mit Ausnahme

des Büffels, der ihnen wohl zu wehrhaft ist. Warzen- und Wildschweine

verschmähen sie nach meinen Beobachtungen gänzlich. Übrigens nahmen

auch meine Hunde (Doggen und deutsche Schäferhunde) Schweinefleisch nur

ungern auf. Bei Zebras und Giraffen fürchten sie Schläge mit dem harten

Huf. Überall bestätigten mir die Eingeborenen, daß diese beiden Tiere

von Wildhunden verschont würden, wenn es sich nicht um ein junges Stück

handelte, das sich von der Herde entfernt hatte und den Anschluß nicht

mehr erreichen konnte.

Erstaunlich ist die Muskelkraft der Kieferpartie der Wildhunde. Einer

meiner Bekannten in Langenburg zog zwei junge Hyänenhunde auf. Sie

liefen frei herum und kamen auf Ruf zum Futter. Als sie ein Vierteljahr

alt waren, hatten sie das Bestreben, nicht unter Beobachtung zu

fressen. Sie nahmen deshalb die Blechbüchse, die ihr Futter -- Reis

und gekochtes Fleisch -- enthielt, in den Fang, und einer trug den

für beide bestimmten Teil, der mit Büchse mehr als sein Körpergewicht

betrug, wagrecht davon, ohne daß dem Tier eine Anstrengung anzumerken

war.

Übrigens waren die Tiere trotz ihrer Gefräßigkeit äußerst mager. Nur

der dicke Kopf, der durch die sehr großen, aufrechten Lauscher (Ohren)

noch größer erschien, fiel auf, so daß der übrige Körper dagegen ganz

zurücktrat.

Im Gegensatz zu anderen vierfüßigen Raubtieren sind Wildhunde

ausgesprochene Tagestiere. Nase, Gehör und Gesicht sind außerordentlich

scharf.

Deutsche Schäferhunde, die nach meinem Dafürhalten unter allen

Hunderassen das beste Gesicht haben, erkannten auf 200 Meter Entfernung

sich schwer vom Gelände abhebende, sehr ruhig weidende Esel nicht, d.

h. sie nahmen sie nicht wahr. Die beiden jungen Wildhunde verfolgten

die Esel aber ständig mit dem Auge. Keine laufende Ratte entging ihrer

Aufmerksamkeit, und zwar auf viel größere Entfernung, als wie ich dies

bei meinen sonst sehr regen Hunden beobachtete.

Die Farbe der von mir erlegten Wildhunde war verschieden. Niemals fand

ich sie rein einfarbig, sondern immer in zwei Farben unregelmäßig

gefleckt. Im Südosten der Kolonie fand ich vorwiegend Dunkelbraun bis

Schwarz als Grundfarbe mit weißen oder gelben Flecken. Im Westen war

die Grundfarbe heller. Mehrmals schoß ich ganz fahlgelbe Exemplare

mit weißen Flecken. Einmal brachte ich einen Wildhund zur Strecke von

schmutziggelber Grundfarbe und schwarzen Flecken.

Meist beherbergt das Fell zahlreiches Ungeziefer, vorwiegend Flöhe,

Zecken und Sarcoptes-Milben. Auch den Eingeborenen ist die Vorliebe

des Ungeziefers für den Wildhund als Wirtstier bekannt, und gerade aus

diesem Grunde ist das Fell eines Wildhundes den Eingeborenenärzten oder

Medizinmännern eine begehrte Sache, aus der sich Kapital schlagen läßt.

Sehr stark ist nämlich die Nachfrage nach Amuletten, die Liebe

und Zuneigung erwecken sollen. Ein alter Medizinmann, mit dem ich

Freundschaft unterhielt, um mich über die Art seines Wirkens zu

unterrichten, gab mir im Laufe der Jahre interessante Aufschlüsse über

seine Praxis.

Vieles ist Hokuspokus, ohne jeden Wert, einem großen Teil der

angewandten Mittel liegt aber eine gute Kenntnis heilkräftiger

Kräuter zugrunde. Es ist dieselbe Art des Wirkens, wie sie bei uns im

Mittelalter üblich war und heute noch von Schäfern und Wunderdoktoren

ausgeübt wird. Früher standen diese Leute im höchsten Ansehen, es

schwindet aber immer mehr, je mehr europäische Ärzte ins Land kommen.

Es bricht sich allmählich Bahn, daß diese denn doch etwas mehr vom

Heilen verstehen, als die eigenen Ärzte. Außerdem sind sie billiger,

d. h. der Eingeborene wird vorwiegend kostenlos behandelt, während der

eingeborene Arzt seine Kranken gehörig schröpft und diese bis auf wenig

Ausnahmen, wenn überhaupt, so aus Autosuggestion, ihre Gesundheit

wiedererlangen. Der europäische Arzt ist diejenige Person, die am

leichtesten den Weg zum Herzen der Neger findet, sofern er einigermaßen

umgänglich ist. Das Gefühl der Dankbarkeit geht zwar dem Neger völlig

ab, dafür erkennt er aber den Vorteil einer mit Erfolg geführten

ärztlichen Behandlung voll an. Für ihn sind ja die Wirkungen der

Schutzimpfung gegen Pocken und die Salvarsanbehandlung bei Frambösie[4]

die reinen Wunder.

Doch ich sprach von der Verwendung des Felles der Wildhunde durch

Medizinmänner. Mein alter Freund verwendete deshalb bei der Herstellung

von Liebesamuletten stets einige Haare vom Wildhund, weil diese starke

Anziehungskraft ausübten, wie ja schon daraus zu ersehen wäre, daß sich

alles Ungeziefer zum Wildhund hingezogen fühlte.

Von Eingeborenen wird der Wildhund nur selten erlegt. Einesteils ist

es nicht häufig, daß Wildhunde sich weidendes Vieh holen; es fehlt

der Anreiz der notwendigen Abwehr. Andernteils flößt der in Herden

jagende Wildhund den Negern Achtung ein. Ob diese berechtigt ist oder

nicht, hatte ich nie Gelegenheit festzustellen. Es wird zwar vielfach

behauptet, daß ab und zu Menschen von Wildhunden angegriffen würden,

etwas Bestimmtes scheint aber nicht dahinter zu stecken. Wenigstens

konnte ich nicht einen einzigen Fall dieser Art ermitteln.

So wie ich den Neger kenne, wirkt schon das dreiste Verhalten der

Wildhunde, die nicht sofort die Flucht ergreifen, wenn einer oder

mehrere ihrer Genossen getötet werden, auf sie abschreckend.

Fußnoten:

[1] Die in diesem Bändchen mehrfach vorkommenden weidmännischen

Ausdrücke bedürfen wohl meistens keiner besonderen Erklärung, da

sich ihr Sinn aus dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht werden, von

selbst ergibt. Wo es uns aber dennoch nötig schien, haben wir eine

entsprechende Erklärung als Fußnote gebracht.

[2] D. h. in den Bewegungen innezuhalten (beim Wahrnehmen einer Gefahr

oder eines Feindes).

[3] D. h. bei Raubwild eine »Spur« (Tritt) vor die andere setzen.

[4] Die Frambösie ist eine eigenartige Hautkrankheit, die sich nur in

den Tropenländern vorfindet und durch das Auftreten kleiner weißer

Pusteln auf geröteter und entzündeter Haut, sowie daraus entstehender

Geschwüre und schwammiger Auswüchse von Form und Größe einer Himbeere

(franz. +framboise+) zu erkennen gibt.

[Illustration]

Dickhäuter.

Gewaltig ist der Reichtum an Dickhäutern in Deutsch-Ostafrika, die

allerdings die großen Heerstraßen, auf denen Europäer oder ihre

Karawanen entlang ziehen, verlassen haben. Bedingung für alle ist das

Vorhandensein reichlichen Wassers. Frisches Gras, Schilf und Laubwerk

ist ihre Hauptnahrung, und namentlich in der Trockenzeit sind diese

Genüsse an fließendes oder stehendes Wasser gebunden. Allerdings

treten die Dickhäuter zeitweise auch große Wanderungen an, so daß man

sie in Gebieten antrifft, in denen sie ihre Lebensbedingungen auf die

Dauer nicht finden. Stets halten sie sich aber dort nur vorübergehend

auf, seien es Nashörner und Flußpferde, z. B. wenn sie nach einem

anderen Weidegrund Umschau halten, oder Elefanten, wenn ihre Naschlust

sie treibt, Borassuspalmen oder Bäume in der Zeit der Fruchtreife

abzuernten.

Plump und unbeholfen scheint uns ihr massiger Körper, der in der Natur

eine ganz andere Größe erreicht als bei noch so sorgfältigster Pflege

und reichlichster Nahrung in der Gefangenschaft.

Jedoch mit welcher Behendigkeit entgegen dem täuschenden Anblick

durchqueren sie die für kleineres Wild und Mensch kaum gangbaren

Dickichte, die diesen nur auf ihren Pfaden ein Vorwärtskommen

gestatten! Dornendickichte und üppig wuchernde Schlingpflanzen, die

die Gebüsche förmlich verfilzen mit ihren frischen und abgestorbenen

Ranken, durchschreiten sie wie weiches Gras. Wenn auch lautes Gekrach

und Geprassel damit verbunden ist, den Kolossen selbst ist eine

Anstrengung nicht anzumerken.

Durch ein Dickhäuter-Eldorado.

Im Oktober 1912 reiste ich im Morogoro-Bezirk in Deutsch-Ostafrika. Am

Schnittpunkt der Morogoro-Mahengestraße mit dem Ruahafluß angekommen,

sagte ich mir, daß es für mich wenig Zweck hätte, auf den bisher

bekannten Wegen mein Reiseziel Kissaki zu erreichen, und ich beschloß,

den Ruahafluß abwärts zu gehen bis zum Zusammenfluß mit dem Rufidji.

Auf der Karte war der Ruaha auf dieser Strecke nur durch punktierte

Linien angedeutet, eine Routenaufnahme längs des Flusses war mir also

vorbehalten.

In den Ortschaften Kidatu und Kidoti versuchte ich, Eingeborene zu

finden, die vielleicht die in Luftlinie etwa 180 km lange Strecke schon

zurückgelegt hätten. Keiner war beim Fischen nach den im Ruaha lebenden

enorm großen Welsen weiter als 40 km gekommen. Europäer hatten den Weg

noch nicht gemacht. Nur der mit Schomburgk Elefanten jagende Engländer

Kapitän Hemming war im Oktober 1908 dreißig Kilometer weit flußabwärts

gelangt.

Auf der Missionsstation Widunda, die von meinem Lager nur zwei Stunden

entfernt lag, und wo ich bei Mönch Lamberti gastfreieste Aufnahme fand,

suchte ich mich weiter zu orientieren. Andere Auskunft als die, daß

weder Europäer noch Eingeborene diese menschenleere Gegend durchquert

hätten, bekam ich auch hier nicht. In gemeinsamer Beratung nahmen wir

an, daß der Weg bis zu den ersten Ortschaften vor dem Rufidji in vier

Tagen zu machen sei.

Da man beim Reisen in Afrika mit allen möglichen Zufällen rechnen muß,

nahm ich für meine zwanzig Träger Verpflegung für sechs Tage mit, in

der Voraussicht, unterwegs die Nahrungsmittel noch durch erlegtes Wild

und gefangene Fische zu ergänzen. Ich warb in Kidoti noch vier Mann an,

die die erste vierzig Kilometer lange Strecke kannten, zum Tragen des

Mehlvorrates, den meine Träger nicht mehr auf ihre Traglasten schnüren

konnten. Am ersten Tage legten wir fünfunddreißig Kilometer zurück.

Der Weg war prächtig, da die Grasbrände von den von uns verlassenen

Ortschaften sich bis hierher ausgedehnt und die ersten leichten

Niederschläge der kleinen Regenzeit einen üppigen niedrigen Grasteppich

hervorgezaubert hatten. Das Schweifen des Auges ins Grüne weiß nur

der richtig zu würdigen, der den trostlosen afrikanischen Winter, die

Trockenzeit, kennt, in der alles gelb, starr und tot ist, und wo das

Auge nur zwei bis drei Meter vor sich Ausblick auf den schmalen Fußweg

hat, den die eigenen Träger oder eine frühere Karawane getreten haben.

Wunderbare Flußszenerien boten sich dem Auge dar. Das Flußbett war

stellenweise dreihundert Meter und mehr breit, und da wenig Wasser

floß, bildete der Fluß nur Rinnsale innerhalb eines Gewirrs von

Sandbänken, die dicht mit aller Art Enten und Nilgänsen bedeckt waren.

Im Schlick wateten fischende Marabus (+Leptoptilus crumeniferus

Less.+) und Löffelgänse (+Platalea leucerodia Linn.+). Ibisse

steckten ihre gebogenen Schnäbel in den Schlamm, und wo im Fluß ein

abgestorbener Baumstamm lag, dort wimmelten unter seinen in die Luft

starrenden Ästen Madenhacker (+Buphaga+), Kuhreiher (+Bubulcus

lucidus Rafin.+), unter denen einzelne Edelreiher (+Herodias alba

Linn.+) saßen und sich in der Reichsadlerstellung sonnende Kormorane

(+Phalacrocorax carbo Linn.+).

Hoch in der Luft zogen Seeschreiadler ihre Kreise und erfüllten sie mit

ihrem hellen, klaren Schrei. Einzeln oder zu mehreren hielten Krokodile

auf den Sandbänken Siesta in der Sonne, um beim langsamen Näherkommen

behäbig ins Wasser zu rutschen, oder, falls sie überrascht wurden,

in eilig grotesker Stellung dem Wasser zuzuwatscheln und mit starkem

Schwanzschlag Wassergarben aufzuwerfen, so daß auf der Stelle, wo sie

eingetaucht waren, noch einen Augenblick die Regenbogenfarben standen.

Von Haarwild waren mir nur Wasserböcke (+Cobus ellipsiprymnus Ogilb.+

und +Cobus defassa Rüpp.+) zu Gesicht gekommen. Da niemand in dieser

Gegend jagte, waren sie recht wenig scheu und trotteten mir nur

gemächlich aus dem Winde. Dabei fiel mir auf, daß sie wohl unter einer

Seuche leiden mußten, denn ihre Behaarung war ruppig und glanzlos,

und die Rippen traten deutlich hervor. Später gemachte Blutpräparate

kamen mir leider abhanden, so daß ich nach meiner Heimkehr nicht

mehr feststellen konnte, ob es sich um Tsetse (+Nagana+) oder einen

anderen Erreger handelte. Obwohl Tsetsefliegen (+Glossina fusca+ und

+morsitans+) in übergroßer Menge uns belästigten, möchte ich doch nicht

auf Nagana schließen, da mein mitgeführter Reitesel gesund blieb und

erst ein Jahr später sich an Nagana infizierte und einging, die Fliegen

am Ruaha also wohl nicht infiziert waren.

Schießen wollte ich erst kurz vor dem Lager, um keine Schwierigkeit mit

dem Fleischtransport zu haben.

Die linke Flußseite war bisher ziemlich frei von Wald, die

gegenüberliegende trug abwechselnd dichtesten Uferbusch und Hochwald,

aus dem ab und zu einige Borassuspalmen lugten, die sich hier und da in

kleinen Inseln als Palmenbusch vereinigten (Abb. 9).

Die rechte Seite des Ruaha bildete von meinem Ausgangspunkt bis

hinunter zum Rufidji die Grenze des großen Jagdreservates des Bezirkes

Mahenge und war bekannt wegen ihres Reichtums an Dickhäutern. In

allen wildreichen Bezirken Deutsch-Ostafrikas finden sich nämlich ein

oder mehrere Reservate, die von der Regierung geschaffen werden, um

dem Wilde Schutz und Schonung angedeihen zu lassen. Es herrscht eine

scharfe Kontrolle, daß von Durchreisenden kein Schuß, und sei es auf

Raubtiere, darin abgegeben wird.

Gegen zwei Uhr fing auch auf meiner Seite ein zunächst lichter Uferwald

an, der den Fluß in zweihundert bis dreihundert Meter Breite begleitete

und sich bis an die das Flußtal umsäumenden Hügel erstreckte. Das

sonst aus abgebrannten Wiesenflächen wieder frisch gesprossene Gras

hatte hier aufgehört, und wir mußten von nun alte Elefantenwechsel

benutzen, die überall längs des Flusses kreuz und quer führten. Da

meine Leute erschöpft waren, machte ich gegen halb vier Uhr Lager. Ich

machte mir eine Stelle aus, wo ich freien Überblick nach dem Fluß und

auch nach der Landseite zu eine Lichtung hatte, und baute das Zelt in

niedrigem Busch ein, um nach Möglichkeit die Tierwelt beobachten zu

können. Meine Leute plagten mich um Fleisch, und nach vier Uhr machte

ich einen kleinen Gang ums Lager, mehr um mich zu orientieren, als mit

der Absicht, Wild zu erlegen. Nur für alle Fälle nahm ich einen Mann

mit, der, wenn nötig, das rituelle Schächten besorgen sollte, da alle

meine Leute Mohammedaner waren, die nicht durch Kehlschnitt getötetes

Wildbret verschmähen. Unmittelbar nachdem das Wild durch den Schuß

auf der Decke liegt, muß der Schnitt unter Gebeten ausgeführt werden,

solange das Blut der Halsschlagader noch fließt.

Wir schlenderten also zunächst fünfhundert Meter am Flußufer hin. Man

kann da im weichen, feuchten Ufersand am besten lesen, was alles zur

Tränke kommt. Besonders zahlreich waren die Fährten von Wasserböcken,

daneben lag Losung (Exkremente), die noch nicht ganz erkaltet war; die

Tiere mußten also vom Zeltaufschlagen flüchtig geworden sein. Einige

Warzenschweine waren auch zur Tränke gegangen.

[Illustration: Abb. 9. Landschaftsbild vom unteren großen Ruaha während

der Trockenzeit. Besser phot.]

Ein kleines Bachbett, das zurzeit trocken war, hatte Flußpferden zum

Ausstieg an das höhere Flußufer gedient; der Wechsel war aber schon

älteren Datums und die Losung prasseldürr. Wir folgten dem Bachbett

aufwärts und sahen etwa dreißig Stück nur männliche Wasserböcke. Um

sie dem Lager noch näher zu treiben, gingen wir, bis sie Wind bekamen.

Es war mehr eine Spielerei von mir, aber der Versuch glückte. Durch

langsames Nachgehen trieben wir sie bis auf hundert Meter aufs Lager

zu. Plötzlich stutzten sie vor den Brennholz holenden Negern, und ich

nahm auf neunzig Meter den stärksten Bock aufs Korn und ließ fliegen.

Mit gesenktem Äser (Maul) ging er noch einige taumelnde Schritte näher

zum Zelt und lag dann mit gutem Lungenschuß. Leider war er genau so

mager, als die tagsüber gesichteten. Den Negern ist das ja ganz

gleichgültig, meinen Appetit schärfte das kränkliche Aussehen jedoch

nicht, und ich verzichtete auf den Genuß.

Nun, da die Leute ihren Willen, d. h. Fleisch zu ihrer Polenta hatten,

gab ich mich der Ruhe hin. Schöner lockerer Sand am Ufer lockte

zum Niederlegen, und die am Uferrand stehenden wilden Feigenbäume

dämpften das noch immer grelle Sonnenlicht. Einige meiner Leute kamen

zum Wasser, das einen klaren Tümpel von etwa Hektargröße bildete,

und spülten die Därme des Wasserbockes, um sich diese Delikatesse

mundgerecht zu machen. Wäre kein Wasser in der Nähe gewesen, so wäre

es auch gegangen, indem die Därme einfach umgedreht und mit der Hand

abgestreift worden wären.

Während ich den Leuten so zusehe, fällt mir auf dem Wasserspiegel in

der Nähe der Spülstelle auf, daß kleine, aus dem Wasser ragende Zweige

hin und her schwimmen, untertauchen und wiederkommen, so daß ein

mechanisches Bewegen durchs Wasser ausgeschlossen erscheint. Ich rufe

die Leute an, was das wäre, und erhalte die Antwort: +cambale mingi

sana+ -- sehr viele Welse.

Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika · 第 3 / 7 段