Mein vierter Sohn ist vielleicht der umgänglichste von allen. Ein wahres

Kind seiner Zeit, ist er jedermann verständlich, er steht auf dem allen

gemeinsamen Boden und jeder ist versucht, ihm zuzunicken. Vielleicht

durch diese allgemeine Anerkennung gewinnt sein Wesen etwas Leichtes,

seine Bewegungen etwas Freies, seine Urteile etwas Unbekümmertes. Manche

seiner Aussprüche möchte man oft wiederholen, allerdings nur manche,

denn in seiner Gesamtheit krankt er doch wieder an allzu großer

Leichtigkeit. Er ist wie einer, der bewundernswert abspringt,

schwalbengleich die Luft teilt, dann aber doch trostlos im öden Staube

endet, ein Nichts. Solche Gedanken vergällen mir den Anblick dieses

Kindes.

Der fünfte Sohn ist lieb und gut; versprach viel weniger als er hielt;

war so unbedeutend, daß man sich förmlich in seiner Gegenwart allein

fühlte; hat es aber doch zu einigem Ansehen gebracht. Fragte man mich,

wie das geschehen ist, so könnte ich kaum antworten. Unschuld dringt

vielleicht doch noch am leichtesten durch das Toben der Elemente in

dieser Welt, und unschuldig ist er. Vielleicht allzu unschuldig.

Freundlich zu jedermann. Vielleicht allzu freundlich. Ich gestehe: mir

wird nicht wohl, wenn man ihn mir gegenüber lobt. Es heißt doch, sich

das Loben etwas zu leicht zu machen, wenn man einen so offensichtlich

Lobenswürdigen lobt, wie es mein Sohn ist.

Mein sechster Sohn scheint, wenigstens auf den ersten Blick, der

tiefsinnigste von allen. Ein Kopfhänger und doch ein Schwätzer. Deshalb

kommt man ihm nicht leicht bei. Ist er am Unterliegen, so verfällt er in

unbesiegbare Traurigkeit; erlangt er das Übergewicht, so wahrt er es

durch Schwätzen. Doch spreche ich ihm eine gewisse selbstvergessene

Leidenschaft nicht ab; bei hellem Tag kämpft er sich oft durch das

Denken wie im Traum. Ohne krank zu sein -- vielmehr hat er eine sehr

gute Gesundheit -- taumelt er manchmal, besonders in der Dämmerung,

braucht aber keine Hilfe, fällt nicht. Vielleicht hat an dieser

Erscheinung seine körperliche Entwicklung schuld, er ist viel zu groß

für sein Alter. Das macht ihn unschön im Ganzen, trotz auffallend

schöner Einzelheiten, zum Beispiel der Hände und Füße. Unschön ist

übrigens auch seine Stirn; sowohl in der Haut, als in der Knochenbildung

irgendwie verschrumpft.

Der siebente Sohn gehört mir vielleicht mehr als alle andern. Die Welt

versteht ihn nicht zu würdigen; seine besondere Art von Witz versteht

sie nicht. Ich überschätze ihn nicht; ich weiß, er ist geringfügig

genug; hätte die Welt keinen andern Fehler als den, daß sie ihn nicht zu

würdigen weiß, sie wäre noch immer makellos. Aber innerhalb der Familie

wollte ich diesen Sohn nicht missen. Sowohl Unruhe bringt er, als auch

Ehrfurcht vor der Überlieferung, und beides fügt er, wenigstens für mein

Gefühl, zu einem unanfechtbaren Ganzen. Mit diesem Ganzen weiß er

allerdings selbst am wenigsten etwas anzufangen; das Rad der Zukunft

wird er nicht ins Rollen bringen; aber diese seine Anlage ist so

aufmunternd, so hoffnungsreich; ich wollte, er hätte Kinder und diese

wieder Kinder. Leider scheint sich dieser Wunsch nicht erfüllen zu

wollen. In einer mir zwar begreiflichen, aber ebenso unerwünschten

Selbstzufriedenheit, die allerdings in großartigem Gegensatz zum Urteil

seiner Umgebung steht, treibt er sich allein umher, kümmert sich nicht

um Mädchen und wird trotzdem niemals seine gute Laune verlieren.

Mein achter Sohn ist mein Schmerzenskind, und ich weiß eigentlich keinen

Grund dafür. Er sieht mich fremd an, und ich fühle mich doch väterlich

eng mit ihm verbunden. Die Zeit hat vieles gut gemacht; früher aber

befiel mich manchmal ein Zittern, wenn ich nur an ihn dachte. Er geht

seinen eigenen Weg; hat alle Verbindungen mit mir abgebrochen; und wird

gewiß mit seinem harten Schädel, seinem kleinen athletischen Körper --

nur die Beine hatte er als Junge recht schwach, aber das mag sich

inzwischen schon ausgeglichen haben -- überall durchkommen, wo es ihm

beliebt. Öfters hatte ich Lust, ihn zurückzurufen, ihn zu fragen, wie es

eigentlich um ihn steht, warum er sich vom Vater so abschließt und was

er im Grunde beabsichtigt, aber nun ist er so weit und so viel Zeit ist

schon vergangen, nun mag es so bleiben wie es ist. Ich höre, daß er als

der einzige meiner Söhne einen Vollbart trägt; schön ist das bei einem

so kleinen Mann natürlich nicht.

Mein neunter Sohn ist sehr elegant und hat den für Frauen bestimmten

süßen Blick. So süß, daß er bei Gelegenheit sogar mich verführen kann,

der ich doch weiß, daß förmlich ein nasser Schwamm genügt, um allen

diesen überirdischen Glanz wegzuwischen. Das Besondere an diesem Jungen

aber ist, daß er gar nicht auf Verführung ausgeht; ihm würde es genügen,

sein Leben lang auf dem Kanapee zu liegen und seinen Blick an die

Zimmerdecke zu verschwenden oder noch viel lieber ihn unter den

Augenlidern ruhen zu lassen. Ist er in dieser von ihm bevorzugten Lage,

dann spricht er gern und nicht übel; gedrängt und anschaulich; aber doch

nur in engen Grenzen; geht er über sie hinaus, was sich bei ihrer Enge

nicht vermeiden läßt, wird sein Reden ganz leer. Man würde ihm abwinken,

wenn man Hoffnung hätte, daß dieser mit Schlaf gefüllte Blick es

bemerken könnte.

Mein zehnter Sohn gilt als unaufrichtiger Charakter. Ich will diesen

Fehler nicht ganz in Abrede stellen, nicht ganz bestätigen. Sicher ist,

daß, wer ihn in der weit über sein Alter hinausgehenden Feierlichkeit

herankommen sieht, im immer festgeschlossenen Gehrock, im alten, aber

übersorgfältig geputzten schwarzen Hut, mit dem unbewegten Gesicht, dem

etwas vorragenden Kinn, den schwer über die Augen sich wölbenden Lidern,

den manchmal an den Mund geführten zwei Fingern -- wer ihn so sieht,

denkt: das ist ein grenzenloser Heuchler. Aber, nun höre man ihn reden!

Verständig; mit Bedacht; kurz angebunden; mit boshafter Lebendigkeit

Fragen durchkreuzend; in erstaunlicher, selbstverständlicher und froher

Übereinstimmung mit dem Weltganzen; eine Übereinstimmung, die

notwendigerweise den Hals strafft und den Kopf erheben läßt. Viele, die

sich sehr klug dünken und die sich, aus diesem Grunde wie sie meinten,

von seinem Äußern abgestoßen fühlten, hat er durch sein Wort stark

angezogen. Nun gibt es aber wieder Leute, die sein Äußeres gleichgültig

läßt, denen aber sein Wort heuchlerisch erscheint. Ich, als Vater, will

hier nicht entscheiden, doch muß ich eingestehen, daß die letzteren

Beurteiler jedenfalls beachtenswerter sind als die ersteren.

Mein elfter Sohn ist zart, wohl der schwächste unter meinen Söhnen; aber

täuschend in seiner Schwäche; er kann nämlich zu Zeiten kräftig und

bestimmt sein, doch ist allerdings selbst dann die Schwäche irgendwie

grundlegend. Es ist aber keine beschämende Schwäche, sondern etwas, das

nur auf diesem unsern Erdboden als Schwäche erscheint. Ist nicht zum

Beispiel auch Flugbereitschaft Schwäche, da sie doch Schwanken und

Unbestimmtheit und Flattern ist? Etwas Derartiges zeigt mein Sohn. Den

Vater freuen natürlich solche Eigenschaften nicht; sie gehen ja offenbar

auf Zerstörung der Familie aus. Manchmal blickt er mich an, als wollte

er mir sagen: »Ich werde dich mitnehmen, Vater.« Dann denke ich: »Du

wärst der Letzte, dem ich mich vertraue.« Und sein Blick scheint wieder

zu sagen: »Mag ich also wenigstens der Letzte sein.«

Das sind die elf Söhne.

Ein Brudermord.

Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte:

Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren

Nacht an jener Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in

welcher sein Bureau lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er

wohnte.

Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes

blaues Kleid angezogen; das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte

keine Kälte; auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb

Bajonett, halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im

Griff. Betrachtete das Messer gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte

auf; nicht genug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des

Pflasters, daß es Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden

gut zu machen, strich er mit ihr violinbogenartig über seine

Stiefelsohle, während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt,

gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in

die schicksalsvolle Seitengasse lauschte.

Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der Nähe aus seinem

Fenster im zweiten Stockwerk alles beobachtete? Ergründe die

Menschennatur! Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten

Leib gegürtet, kopfschüttelnd, blickte er hinab.

Und fünf Häuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den

Fuchspelz über ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute

ungewöhnlich lange zögerte.

Endlich ertönt die Türglocke vor Weses Bureau, zu laut für eine

Türglocke, über die Stadt hin, zum Himmel auf, und Wese, der fleißige

Nachtarbeiter, tritt dort, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch

das Glockenzeichen angekündigt, aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster

seine ruhigen Schritte.

Pallas beugt sich weit hervor; er darf nichts versäumen. Frau Wese

schließt, beruhigt durch die Glocke, klirrend ihr Fenster. Schmar aber

kniet nieder; da er augenblicklich keine anderen Blößen hat, drückt er

nur Gesicht und Hände gegen die Steine; wo alles friert, glüht Schmar.

Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehen,

nur mit dem Stock stützt er sich in die jenseitige Gasse. Eine Laune.

Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene.

Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem

gelüpften Hut; nichts rückt dort oben zusammen, um ihm die allernächste

Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen

Platz. An und für sich sehr vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er

geht ins Messer des Schmar.

»Wese!« schreit Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt,

das Messer scharf gesenkt, »Wese! Vergebens wartet Julia!« Und rechts in

den Hals und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht

Schmar. Wasserratten, aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich

wie Wese.

»Getan«, sagt Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen blutigen

Ballast, gegen die nächste Hausfront. »Seligkeit des Mordes!

Erleichterung, Beflügelung durch das Fließen des fremden Blutes! Wese,

alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen

Straßengrund. Warum bist du nicht einfach eine mit Blut gefüllte Blase,

daß ich mich auf dich setzte und du verschwändest ganz und gar. Nicht

alles wird erfüllt, nicht alle Blütenträume reiften, dein schwerer Rest

liegt hier, schon unzugänglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage,

die du damit stellst?«

Pallas, alles Gift durcheinander würgend in seinem Leib, steht in

seiner zweiflügelig aufspringenden Haustür. »Schmar! Schmar! Alles

bemerkt, nichts übersehen.« Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas

befriedigt's, Schmar kommt zu keinem Ende.

Frau Wese mit einer Volksmenge zu ihren beiden Seiten eilt mit vor

Schrecken ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie

stürzt über Wese, der nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über

dem Ehepaar sich wie der Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der

Menge.

Schmar, mit Mühe die letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die

Schulter des Schutzmannes gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt.

Ein Traum.

Josef K. träumte:

Es war ein schöner Tag und K. wollte spazieren gehen. Kaum aber hatte er

zwei Schritte gemacht, war er schon auf dem Friedhof. Es waren dort sehr

künstliche, unpraktisch gewundene Wege, aber er glitt über einen

solchen Weg wie auf einem reißenden Wasser in unerschütterlich

schwebender Haltung. Schon von der Ferne faßte er einen frisch

aufgeworfenen Grabhügel ins Auge, bei dem er Halt machen wollte. Dieser

Grabhügel übte fast eine Verlockung auf ihn aus und er glaubte, gar

nicht eilig genug hinkommen zu können. Manchmal aber sah er den

Grabhügel kaum, er wurde ihm verdeckt durch Fahnen, deren Tücher sich

wanden und mit großer Kraft aneinanderschlugen; man sah die

Fahnenträger nicht, aber es war, als herrsche dort viel Jubel.

Während er den Blick noch in die Ferne gerichtet hatte, sah er plötzlich

den gleichen Grabhügel neben sich am Weg, ja fast schon hinter sich. Er

sprang eilig ins Gras. Da der Weg unter seinem abspringenden Fuß weiter

raste, schwankte er und fiel gerade vor dem Grabhügel ins Knie. Zwei

Männer standen hinter dem Grab und hielten zwischen sich einen

Grabstein in der Luft; kaum war K. erschienen, stießen sie den Stein in

die Erde und er stand wie festgemauert. Sofort trat aus einem Gebüsch

ein dritter Mann hervor, den K. gleich als einen Künstler erkannte. Er

war nur mit Hosen und einem schlecht zugeknöpften Hemd bekleidet; auf

dem Kopf hatte er eine Samtkappe; in der Hand hielt er einen

gewöhnlichen Bleistift, mit dem er schon beim Näherkommen Figuren in der

Luft beschrieb.

Mit diesem Bleistift setzte er nun oben auf dem Stein an; der Stein war

sehr hoch, er mußte sich gar nicht bücken, wohl aber mußte er sich

vorbeugen, denn der Grabhügel, auf den er nicht treten wollte, trennte

ihn von dem Stein. Er stand also auf den Fußspitzen und stützte sich mit

der linken Hand auf die Fläche des Steines. Durch eine besonders

geschickte Hantierung gelang es ihm, mit dem gewöhnlichen Bleistift

Goldbuchstaben zu erzielen; er schrieb: »Hier ruht --« Jeder Buchstabe

erschien rein und schön, tief geritzt und in vollkommenem Gold. Als er

die zwei Worte geschrieben hatte, sah er nach K. zurück; K., der sehr

begierig auf das Fortschreiten der Inschrift war, kümmerte sich kaum um

den Mann, sondern blickte nur auf den Stein. Tatsächlich setzte der Mann

wieder zum Weiterschreiben an, aber er konnte nicht, es bestand

irgendein Hindernis, er ließ den Bleistift sinken und drehte sich wieder

nach K. um. Nun sah auch K. den Künstler an und merkte, daß dieser in

großer Verlegenheit war, aber die Ursache dessen nicht sagen konnte.

Alle seine frühere Lebhaftigkeit war verschwunden. Auch K. geriet

dadurch in Verlegenheit; sie wechselten hilflose Blicke; es lag ein

häßliches Mißverständnis vor, das keiner auflösen konnte. Zur Unzeit

begann nun auch eine kleine Glocke von der Grabkapelle zu läuten, aber

der Künstler fuchtelte mit der erhobenen Hand und sie hörte auf. Nach

einem Weilchen begann sie wieder; diesmal ganz leise und, ohne besondere

Aufforderung, gleich abbrechend; es war, als wolle sie nur ihren Klang

prüfen. K. war untröstlich über die Lage des Künstlers, er begann zu

weinen und schluchzte lange in die vorgehaltenen Hände. Der Künstler

wartete, bis K. sich beruhigt hatte, und entschloß sich dann, da er

keinen andern Ausweg fand, dennoch zum Weiterschreiben. Der erste kleine

Strich, den er machte, war für K. eine Erlösung, der Künstler brachte

ihn aber offenbar nur mit dem äußersten Widerstreben zustande; die

Schrift war auch nicht mehr so schön, vor allem schien es an Gold zu

fehlen, blaß und unsicher zog sich der Strich hin, nur sehr groß wurde

der Buchstabe. Es war ein J, fast war es schon beendet, da stampfte der

Künstler wütend mit einem Fuß in den Grabhügel hinein, daß die Erde

ringsum in die Höhe flog. Endlich verstand ihn K.; ihn abzubitten war

keine Zeit mehr; mit allen Fingern grub er in die Erde, die fast keinen

Widerstand leistete; alles schien vorbereitet; nur zum Schein war eine

dünne Erdkruste aufgerichtet; gleich hinter ihr öffnete sich mit

abschüssigen Wänden ein großes Loch, in das K., von einer sanften

Strömung auf den Rücken gedreht, versank. Während er aber unten, den

Kopf im Genick noch aufgerichtet, schon von der undurchdringlichen Tiefe

aufgenommen wurde, jagte oben sein Name mit mächtigen Zieraten über den

Stein.

Entzückt von diesem Anblick erwachte er.

Ein Bericht für eine Akademie.

Hohe Herren von der Akademie!

Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht

über mein äffisches Vorleben einzureichen.

In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen.

Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht

am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich

es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen,

Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn

alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit vor der

Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig

hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten

wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das

ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch.

Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer

mehr. War mir zuerst die Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten,

freigestellt durch das ganze Tor, das der Himmel über der Erde bildet,

wurde es gleichzeitig mit meiner vorwärts gepeitschten Entwicklung

immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener fühlte ich mich

in der Menschenwelt; der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit

nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die

Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch

das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn überhaupt

die Kräfte und der Wille hinreichen würden, um bis dorthin

zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen.

Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge, offen

gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas Derartiges

hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An

der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen

Schimpansen wie den großen Achilles.

In eingeschränktestem Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage

beantworten und ich tue es sogar mit großer Freude. Das erste, was ich

lernte, war: den Handschlag geben; Handschlag bezeugt Offenheit; mag nun

heute, wo ich auf dem Höhepunkte meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten

Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird für die Akademie

nichts wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zurückbleiben,

was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen

kann -- immerhin, es soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein

gewesener Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort

festgesetzt hat. Doch dürfte ich selbst das Geringfügige, was folgt,

gewiß nicht sagen, wenn ich meiner nicht völlig sicher wäre und meine

Stellung auf allen großen Varietébühnen der zivilisierten Welt sich

nicht bis zur Unerschütterlichkeit gefestigt hätte:

Ich stamme von der Goldküste. Darüber, wie ich eingefangen wurde, bin

ich auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma

Hagenbeck -- mit dem Führer habe ich übrigens seither schon manche gute

Flasche Rotwein geleert -- lag im Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich

am Abend inmitten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß; ich war der

einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei Schüsse.

Einen in die Wange; der war leicht; hinterließ aber eine große

ausrasierte rote Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar

unzutreffenden, förmlich von einem Affen erfundenen Namen Rotpeter

eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem unlängst

krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier Peter nur durch

den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei.

Der zweite Schuß traf mich unterhalb der Hüfte. Er war schwer, er hat es

verschuldet, daß ich noch heute ein wenig hinke. Letzthin las ich in

einem Aufsatz irgendeines der zehntausend Windhunde, die sich in den

Zeitungen über mich auslassen: meine Affennatur sei noch nicht ganz

unterdrückt; Beweis dessen sei, daß ich, wenn Besucher kommen, mit

Vorliebe die Hosen ausziehe, um die Einlaufstelle jenes Schusses zu

zeigen. Dem Kerl sollte jedes Fingerchen seiner schreibenden Hand

einzeln weggeknallt werden. Ich, ich darf meine Hosen ausziehen, vor wem

es mir beliebt; man wird dort nichts finden als einen wohlgepflegten

Pelz und die Narbe nach einem -- wählen wir hier zu einem bestimmten

Zwecke ein bestimmtes Wort, das aber nicht mißverstanden werden wolle --

die Narbe nach einem frevelhaften Schuß. Alles liegt offen zutage;

nichts ist zu verbergen; kommt es auf Wahrheit an, wirft jeder

Großgesinnte die allerfeinsten Manieren ab. Würde dagegen jener

Schreiber die Hosen ausziehen, wenn Besuch kommt, so hätte dies

allerdings ein anderes Ansehen und ich will es als Zeichen der Vernunft

gelten lassen, daß er es nicht tut. Aber dann mag er mir auch mit seinem

Zartsinn vom Halse bleiben!

Nach jenen Schüssen erwachte ich -- und hier beginnt allmählich meine

eigene Erinnerung -- in einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen

Dampfers. Es war kein vierwandiger Gitterkäfig; vielmehr waren nur drei

Wände an einer Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte

Wand. Das Ganze war zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum

Niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden

Knien, und zwar, da ich zunächst wahrscheinlich niemanden sehen und

immer nur im Dunkel sein wollte, zur Kiste gewendet, während sich mir

hinten die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten. Man hält eine solche

Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit für vorteilhaft, und ich

kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, daß dies im menschlichen

Sinn tatsächlich der Fall ist.

Daran dachte ich aber damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem

Leben ohne Ausweg; zumindest geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir

war die Kiste, Brett fest an Brett gefügt. Zwar war zwischen den

Brettern eine durchlaufende Lücke, die ich, als ich sie zuerst

entdeckte, mit dem glückseligen Heulen des Unverstandes begrüßte, aber

diese Lücke reichte bei weitem nicht einmal zum Durchstecken des

Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft nicht zu verbreitern.

Ich soll, wie man mir später sagte, ungewöhnlich wenig Lärm gemacht

haben, woraus man schloß, daß ich entweder bald eingehen müsse oder daß

ich, falls es mir gelingt, die erste kritische Zeit zu überleben, sehr

dressurfähig sein werde. Ich überlebte diese Zeit. Dumpfes Schluchzen,

schmerzhaftes Flöhesuchen, müdes Lecken einer Kokosnuß, Beklopfen der

Kistenwand mit dem Schädel, Zungen-Blecken, wenn mir jemand nahekam, --

das waren die ersten Beschäftigungen in dem neuen Leben. In alledem aber

doch nur das eine Gefühl: kein Ausweg. Ich kann natürlich das damals

affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen und

verzeichne es infolgedessen, aber wenn ich auch die alte Affenwahrheit

nicht mehr erreichen kann, wenigstens in der Richtung meiner Schilderung

liegt sie, daran ist kein Zweifel.

Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich

war festgerannt. Hätte man mich angenagelt, meine Freizügigkeit wäre

dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz dir das Fleisch

zwischen den Fußzehen auf, du wirst den Grund nicht finden. Drück dich

hinten gegen die Gitterstange, bis sie dich fast zweiteilt, du wirst

den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg, mußte mir ihn aber

verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser

Kistenwand -- ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen gehören bei

Hagenbeck an die Kistenwand -- nun, so hörte ich auf, Affe zu sein. Ein

klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt

haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.

Ein Landarzt: Kleine Erzählungen · 第 2 / 3 段