Ich habe Angst, daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg

verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten

Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große

Gefühl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht

und ich habe Menschen kennen gelernt, die sich danach sehnen. Was mich

aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei:

mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die

Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende

Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Varietés vor meinem

Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren

sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten

einander in die Arme, einer trug den anderen an den Haaren mit dem

Gebiß. »Auch das ist Menschenfreiheit«, dachte ich, »selbstherrliche

Bewegung«. Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde

standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick.

Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin

immer; ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur

eine Täuschung sein; die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht

größer sein. Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen

Armen stillestehn, angedrückt an eine Kistenwand.

Heute sehe ich klar: ohne größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen

können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden

bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff überkam.

Die Ruhe wiederum aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff.

Es sind gute Menschen, trotz allem. Gerne erinnere ich mich noch heute

an den Klang ihrer schweren Schritte, der damals in meinem Halbschlaf

widerhallte. Sie hatten die Gewohnheit, alles äußerst langsam in

Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben, so hob er die

Hand wie ein Hängegewicht. Ihre Scherze waren grob, aber herzlich. Ihr

Lachen war immer mit einem gefährlich klingenden aber nichts bedeutenden

Husten gemischt. Immer hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien und wohin

sie ausspieen war ihnen gleichgültig. Immer klagten sie, daß meine Flöhe

auf sie überspringen; aber doch waren sie mir deshalb niemals ernstlich

böse; sie wußten eben, daß in meinem Fell Flöhe gedeihen und daß Flöhe

Springer sind; damit fanden sie sich ab. Wenn sie dienstfrei waren,

setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder; sprachen kaum,

sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten ausgestreckt, die

Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung

machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort,

wo es mir angenehm war. Sollte ich heute eingeladen werden, eine Fahrt

auf diesem Schiffe mitzumachen, ich würde die Einladung gewiß ablehnen,

aber ebenso gewiß ist, daß es nicht nur häßliche Erinnerungen sind,

denen ich dort im Zwischendeck nachhängen könnte.

Die Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor

allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir,

als hätte ich zumindest geahnt, daß ich einen Ausweg finden müsse, wenn

ich leben wolle, daß dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen

sei. Ich weiß nicht mehr, ob Flucht möglich war, aber ich glaube es;

einem Affen sollte Flucht immer möglich sein. Mit meinen heutigen Zähnen

muß ich schon beim gewöhnlichen Nüsseknacken vorsichtig sein, damals

aber hätte es mir wohl im Lauf der Zeit gelingen müssen, das Türschloß

durchzubeißen. Ich tat es nicht. Was wäre damit auch gewonnen gewesen?

Man hätte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und

in einen noch schlimmeren Käfig gesperrt; oder ich hätte mich unbemerkt

zu anderen Tieren, etwa zu den Riesenschlangen mir gegenüber flüchten

können und mich in ihren Umarmungen ausgehaucht; oder es wäre mir gar

gelungen, mich bis aufs Deck zu stehlen und über Bord zu springen, dann

hätte ich ein Weilchen auf dem Weltmeer geschaukelt und wäre ersoffen.

Verzweiflungstaten. Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem

Einfluß meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet

hätte.

Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah

diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die

gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als wäre es nur einer. Dieser

Mensch oder diese Menschen gingen also unbehelligt. Ein hohes Ziel

dämmerte mir auf. Niemand versprach mir, daß, wenn ich so wie sie werden

würde, das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen für scheinbar

unmögliche Erfüllungen werden nicht gegeben. Löst man aber die

Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich auch die Versprechungen genau

dort, wo man sie früher vergeblich gesucht hat. Nun war an diesen

Menschen an sich nichts, was mich sehr verlockte. Wäre ich ein Anhänger

jener erwähnten Freiheit, ich hätte gewiß das Weltmeer dem Ausweg

vorgezogen, der sich mir im trüben Blick dieser Menschen zeigte.

Jedenfalls aber beobachtete ich sie schon lange vorher, ehe ich an

solche Dinge dachte, ja die angehäuften Beobachtungen drängten mich erst

in die bestimmte Richtung.

Es war so leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den

ersten Tagen. Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht; der

Unterschied war nur, daß ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres

nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; drückte ich dann auch

noch den Daumen in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur

den Unterschied zwischen der leeren und der gestopften Pfeife verstand

ich lange nicht.

Die meiste Mühe machte mir die Schnapsflasche. Der Geruch peinigte mich;

ich zwang mich mit allen Kräften; aber es vergingen Wochen, ehe ich mich

überwand. Diese inneren Kämpfe nahmen die Leute merkwürdigerweise

ernster als irgend etwas sonst an mir. Ich unterscheide die Leute auch

in meiner Erinnerung nicht, aber da war einer, der kam immer wieder,

allein oder mit Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den verschiedensten

Stunden; stellte sich mit der Flasche vor mich hin und gab mir

Unterricht. Er begriff mich nicht, er wollte das Rätsel meines Seins

lösen. Er entkorkte langsam die Flasche und blickte mich dann an, um zu

prüfen, ob ich verstanden habe; ich gestehe, ich sah ihm immer mit

wilder, mit überstürzter Aufmerksamkeit zu; einen solchen

Menschenschüler findet kein Menschenlehrer auf dem ganzen Erdenrund;

nachdem die Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund; ich mit meinen

Blicken ihm nach bis in die Gurgel; er nickt, zufrieden mit mir, und

setzt die Flasche an die Lippen; ich, entzückt von allmählicher

Erkenntnis, kratze mich quietschend der Länge und Breite nach, wo es

sich trifft; er freut sich, setzt die Flasche an und macht einen

Schluck; ich, ungeduldig und verzweifelt, ihm nachzueifern, verunreinige

mich in meinem Käfig, was wieder ihm große Genugtuung macht; und nun

weit die Flasche von sich streckend und im Schwung sie wieder

hinaufführend, trinkt er sie, übertrieben lehrhaft zurückgebeugt, mit

einem Zuge leer. Ich, ermattet von allzugroßem Verlangen, kann nicht

mehr folgen und hänge schwach am Gitter, während er den theoretischen

Unterricht damit beendet, daß er sich den Bauch streicht und grinst.

Nun erst beginnt die praktische Übung. Bin ich nicht schon allzu

erschöpft durch das Theoretische? Wohl, allzu erschöpft. Das gehört zu

meinem Schicksal. Trotzdem greife ich, so gut ich kann, nach der

hingereichten Flasche; entkorke sie zitternd; mit dem Gelingen stellen

sich allmählich neue Kräfte ein; ich hebe die Flasche, vom Original

schon kaum zu unterscheiden; setze sie an und -- und werfe sie mit

Abscheu, mit Abscheu, trotzdem sie leer ist und nur noch der Geruch sie

füllt, werfe sie mit Abscheu auf den Boden. Zur Trauer meines Lehrers,

zur größeren Trauer meiner selbst; weder ihn, noch mich versöhne ich

dadurch, daß ich auch nach dem Wegwerfen der Flasche nicht vergesse,

ausgezeichnet meinen Bauch zu streichen und dabei zu grinsen.

Allzuoft nur verlief so der Unterricht. Und zur Ehre meines Lehrers: er

war mir nicht böse; wohl hielt er mir manchmal die brennende Pfeife ans

Fell, bis es irgendwo, wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen anfing,

aber dann löschte er es selbst wieder mit seiner riesigen guten Hand; er

war mir nicht böse, er sah ein, daß wir auf der gleichen Seite gegen die

Affennatur kämpften und daß ich den schwereren Teil hatte.

Was für ein Sieg dann allerdings für ihn wie für mich, als ich eines

Abends vor großem Zuschauerkreis -- vielleicht war ein Fest, ein

Grammophon spielte, ein Offizier erging sich zwischen den Leuten -- als

ich an diesem Abend, gerade unbeachtet, eine vor meinem Käfig

versehentlich stehen gelassene Schnapsflasche ergriff, unter steigender

Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie schulgerecht entkorkte, an den Mund

setzte und ohne Zögern, ohne Mundverziehen, als Trinker von Fach, mit

rund gewälzten Augen, schwappender Kehle, wirklich und wahrhaftig leer

trank; nicht mehr als Verzweifelter, sondern als Künstler die Flasche

hinwarf; zwar vergaß den Bauch zu streichen; dafür aber, weil ich nicht

anders konnte, weil es mich drängte, weil mir die Sinne rauschten, kurz

und gut »Hallo!« ausrief, in Menschenlaut ausbrach, mit diesem Ruf in

die Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo: »Hört nur, er spricht!«

wie einen Kuß auf meinem ganzen schweißtriefenden Körper fühlte.

Ich wiederhole: es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich

ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund. Auch

war mit jenem Sieg noch wenig getan. Die Stimme versagte mir sofort

wieder; stellte sich erst nach Monaten ein; der Widerwille gegen die

Schnapsflasche kam sogar noch verstärkter. Aber meine Richtung

allerdings war mir ein für allemal gegeben.

Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich

bald die zwei Möglichkeiten, die mir offen standen: Zoologischer Garten

oder Varieté. Ich zögerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um

ins Varieté zu kommen; das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur

ein neuer Gitterkäfig; kommst du in ihn, bist du verloren.

Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt,

wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt

sich selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten

Widerstand. Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und

weg, so daß mein erster Lehrer selbst davon fast äffisch wurde, bald den

Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mußte.

Glücklicherweise kam er wieder bald hervor.

Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig.

Als ich meiner Fähigkeiten schon sicherer geworden war, die Öffentlichkeit

meinen Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich

selbst Lehrer auf, ließ sie in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern

niedersetzen und lernte bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus

einem Zimmer ins andere sprang.

Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen

Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es beglückte mich. Ich

gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht,

wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der

Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines

Europäers erreicht. Das wäre an sich vielleicht gar nichts, ist aber

insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir diesen

besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine

ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe

ich getan, ich habe mich in die Büsche geschlagen. Ich hatte keinen

anderen Weg, immer vorausgesetzt, daß nicht die Freiheit zu wählen war.

Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich

weder, noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die

Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im

Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich

ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario sitzt im Vorzimmer; läute ich,

kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast immer

Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme

ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften,

aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine

halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr

wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn

des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich und ich

kann es nicht ertragen.

Im Ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man

sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im übrigen will ich

keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte

nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.

GEDRUCKT BEI

POESCHEL & TREPTE

IN LEIPZIG

Ein Landarzt: Kleine Erzählungen · 第 3 / 3 段