Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt

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FRANZ KAFKA

EIN LANDARZT

KLEINE ERZÄHLUNGEN

KURT WOLFF VERLAG

Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag - München und Leipzig

INHALT

Der neue Advokat 1

Ein Landarzt 6

Auf der Galerie 34

Ein altes Blatt 39

Vor dem Gesetz 49

Schakale und Araber 57

Ein Besuch im Bergwerk 75

Das nächste Dorf 88

Eine kaiserliche Botschaft 90

Die Sorge des Hausvaters 95

Elf Söhne 102

Ein Brudermord 125

Ein Traum 135

Ein Bericht für eine Akademie 145

Meinem Vater

Der neue Advokat.

Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußern

erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von

Macedonien war. Wer allerdings mit den Umständen vertraut ist, bemerkt

einiges. Doch sah ich letzthin auf der Freitreppe selbst einen ganz

einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der

Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel

hebend, mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt von Stufe zu Stufe

stieg.

Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalus. Mit

erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephalus bei der heutigen

Gesellschaftsordnung in einer schwierigen Lage ist und daß er deshalb,

sowie auch wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, jedenfalls

Entgegenkommen verdient. Heute -- das kann niemand leugnen -- gibt es

keinen großen Alexander. Zu morden verstehen zwar manche; auch an der

Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund

zu treffen, fehlt es nicht; und vielen ist Macedonien zu eng, so daß sie

Philipp, den Vater, verfluchen -- aber niemand, niemand kann nach

Indien führen. Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar, aber ihre

Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute sind die Tore

ganz anderswohin und weiter und höher vertragen; niemand zeigt die

Richtung; viele halten Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln;

und der Blick, der ihnen folgen will, verwirrt sich.

Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste, sich, wie es Bucephalus

getan hat, in die Gesetzbücher zu versenken. Frei, unbedrückt die

Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern dem Getöse

der Alexanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten

Bücher.

Ein Landarzt.

Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor;

ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten

Dorfe; starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und

ihm; einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere

Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in der

Hand, stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte,

das Pferd. Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der

Überanstrengung in diesem eisigen Winter, verendet; mein Dienstmädchen

lief jetzt im Dorf umher, um ein Pferd geliehen zu bekommen; aber es war

aussichtslos, ich wußte es, und immer mehr vom Schnee überhäuft, immer

unbeweglicher werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor erschien das

Mädchen, allein, schwenkte die Laterne; natürlich, wer leiht jetzt sein

Pferd her zu solcher Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand

keine Möglichkeit; zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die

brüchige Tür des schon seit Jahren unbenützten Schweinestalles. Sie

öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch wie

von Pferden kam hervor. Eine trübe Stallaterne schwankte drin an einem

Seil. Ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag, zeigte sein

offenes blauäugiges Gesicht. »Soll ich anspannen?« fragte er, auf allen

Vieren hervorkriechend. Ich wußte nichts zu sagen und beugte mich nur,

um zu sehen, was es noch in dem Stalle gab. Das Dienstmädchen stand

neben mir. »Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig

hat,« sagte es, und wir beide lachten. »Hollah, Bruder, hollah,

Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde, mächtige

flankenstarke Tiere schoben sich hintereinander, die Beine eng am Leib,

die wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der

Wendungen ihres Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos ausfüllten.

Aber gleich standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem

Körper. »Hilf ihm,« sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht

das Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es

der Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es schreit auf und

flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen in des

Mädchens Wange. »Du Vieh,« schreie ich wütend, »willst du die

Peitsche?«, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder ist; daß ich

nicht weiß, woher er kommt, und daß er mir freiwillig aushilft, wo alle

andern versagen. Als wisse er von meinen Gedanken, nimmt er meine

Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur einmal, immer mit den

Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein,« sagt er dann, und

tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann, das merke ich,

bin ich noch nie gefahren und ich steige fröhlich ein. »Kutschieren

werde aber ich, du kennst nicht den Weg,« sage ich. »Gewiß,« sagt er,

»ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.« »Nein,« schreit Rosa und

läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals ins

Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich höre das

Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und weiterjagend

durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar zu machen.

»Du fährst mit,« sage ich zu dem Knecht, »oder ich verzichte auf die

Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die

Fahrt das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht

in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung;

noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechtes

birst und splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen

Sinnen gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen

Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof

meines Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der

Schneefall hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken

eilen aus dem Haus; seine Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus

dem Wagen; den verwirrten Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer

ist die Luft kaum atembar; der vernachlässigte Herdofen raucht; ich

werde das Fenster aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen.

Mager, ohne Fieber, nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd

hebt sich der Junge unter dem Federbett, hängt sich an meinen Hals,

flüstert mir ins Ohr: »Doktor, laß mich sterben.« Ich sehe mich um;

niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten

mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl für meine Handtasche

gebracht. Ich öffne die Tasche und suche unter meinen Instrumenten; der

Junge tastet immerfort aus dem Bett nach mir hin, um mich an seine Bitte

zu erinnern; ich fasse eine Pinzette, prüfe sie im Kerzenlicht und lege

sie wieder hin. »Ja,« denke ich lästernd, »in solchen Fällen helfen die

Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der Eile wegen noch ein

zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den Pferdeknecht --« Jetzt erst

fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe ich

sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt,

unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die

Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von

außen aufstoßen; jedes durch ein Fenster den Kopf stecken und, unbeirrt

durch den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. »Ich fahre

gleich wieder zurück,« denke ich, als forderten mich die Pferde zur

Reise auf, aber ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die

Hitze betäubt glaubt, den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir

bereitgestellt, der Alte klopft mir auf die Schulter, die Hingabe seines

Schatzes rechtfertigt diese Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in

dem engen Denkkreis des Alten würde mir übel; nur aus diesem Grunde

lehne ich es ab zu trinken. Die Mutter steht am Bett und lockt mich hin;

ich folge und lege, während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den

Kopf an die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert.

Es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig

schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt,

aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben. Ich

bin kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen. Ich bin vom Bezirk

angestellt und tue meine Pflicht bis zum Rand, bis dorthin, wo es fast

zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und hilfsbereit

gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag der Junge

recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem

endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf,

der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein Gespann ziehen;

wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren. So ist es.

Und ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie es

wüßten, würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber

im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre

also mein Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht,

daran bin ich gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der

ganze Bezirk, aber daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses

schöne Mädchen, das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause

lebte -- dieses Opfer ist zu groß, und ich muß es mir mit

Spitzfindigkeiten aushilfsweise in meinem Kopf irgendwie zurechtlegen,

um nicht auf diese Familie loszufahren, die mir ja beim besten Willen

Rosa nicht zurückgeben kann. Als ich aber meine Handtasche schließe und

nach meinem Pelz winke, die Familie beisammensteht, der Vater

schnuppernd über dem Rumglas in seiner Hand, die Mutter, von mir

wahrscheinlich enttäuscht -- ja, was erwartet denn das Volk? --

tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein schwer blutiges

Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter Umständen

zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist. Ich gehe zu ihm, er

lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm etwa die allerstärkste Suppe

-- ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll wohl, höhern Orts

angeordnet, die Untersuchung erleichtern -- und nun finde ich: ja, der

Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich

eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen,

dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit

ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags.

So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung.

Wer kann das ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge

meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem

blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen

Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu

helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in

deiner Seite gehst du zugrunde. Die Familie ist glücklich, sie sieht

mich in Tätigkeit; die Schwester sagt's der Mutter, die Mutter dem

Vater, der Vater einigen Gästen, die auf den Fußspitzen, mit

ausgestreckten Armen balancierend, durch den Mondschein der offenen Tür

hereinkommen. »Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge,

ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in

meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten

Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die

Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten

mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich

nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch

das mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines

Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die

Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der

Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf

den Text:

»Entkleidet ihn, dann wird er heilen,

Und heilt er nicht, so tötet ihn!

'Sist nur ein Arzt, 'sist nur ein Arzt.«

Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem

Kopf die Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen und

bleibe es auch, trotzdem es mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich

beim Kopf und bei den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die

Seite der Wunde legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür

wird zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm

liegt das Bettzeug um mich; schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in

den Fensterlöchern. »Weißt du,« höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein

Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo

abgeschüttelt, kommst nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen, engst du

mir mein Sterbebett ein. Am liebsten kratzte ich dir die Augen aus.«

»Richtig,« sage ich, »es ist eine Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was

soll ich tun? Glaube mir, es wird auch mir nicht leicht.« »Mit dieser

Entschuldigung soll ich mich begnügen? Ach, ich muß wohl. Immer muß ich

mich begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war

meine ganze Ausstattung.« »Junger Freund,« sage ich, »dein Fehler ist:

du hast keinen Überblick. Ich, der ich schon in allen Krankenstuben,

weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine Wunde ist so übel nicht. Im

spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen. Viele bieten ihre

Seite an und hören kaum die Hacke im Forst, geschweige denn, daß sie

ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so oder täuschest du mich im

Fieber?« »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort eines Amtsarztes mit

hinüber.« Und er nahm's und wurde still. Aber jetzt war es Zeit, an

meine Rettung zu denken. Noch standen treu die Pferde an ihren Plätzen.

Kleider, Pelz und Tasche waren schnell zusammengerafft; mit dem

Ankleiden wollte ich mich nicht aufhalten; beeilten sich die Pferde wie

auf der Herfahrt, sprang ich ja gewissermaßen aus diesem Bett in meines.

Gehorsam zog sich ein Pferd vom Fenster zurück; ich warf den Ballen in

den Wagen; der Pelz flog zu weit, nur mit einem Ärmel hielt er sich an

einem Haken fest. Gut genug. Ich schwang mich aufs Pferd. Die Riemen

lose schleifend, ein Pferd kaum mit dem andern verbunden, der Wagen

irrend hinterher, der Pelz als letzter im Schnee. »Munter!« sagte ich,

aber munter ging's nicht; langsam wie alte Männer zogen wir durch die

Schneewüste; lange klang hinter uns der neue, aber irrtümliche Gesang

der Kinder:

»Freuet Euch, Ihr Patienten,

Der Arzt ist Euch ins Bett gelegt!«

Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein

Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich nicht

ersetzen; in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein

Opfer; ich will es nicht ausdenken. Nackt, dem Froste dieses

unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen

Pferden, treibe ich mich alter Mann umher. Mein Pelz hängt hinten am

Wagen, ich kann ihn aber nicht erreichen, und keiner aus dem beweglichen

Gesindel der Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betrogen! Einmal dem

Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt -- es ist niemals gutzumachen.

Auf der Galerie.

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege

auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom

peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne

Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde

schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses

Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der

Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich

fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden

Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind --

vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch

alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das: Halt! durch die

Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt,

zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen;

der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr

entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie

seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt

begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben;

schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit

offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes

verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen

Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu

peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Saltomortale das

Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen;

schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen

küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während

sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht,

mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem

ganzen Zirkus teilen will -- da dies so ist, legt der Galeriebesucher

das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren

Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Ein altes Blatt.

Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres

Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer

Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber

Sorgen.

Ich habe eine Schusterwerkstatt auf dem Platz vor dem kaiserlichen

Palast. Kaum öffne ich in der Morgendämmerung meinen Laden, sehe ich

schon die Eingänge aller hier einlaufenden Gassen von Bewaffneten

besetzt. Es sind aber nicht unsere Soldaten, sondern offenbar Nomaden

aus dem Norden. Auf eine mir unbegreifliche Weise sind sie bis in die

Hauptstadt gedrungen, die doch sehr weit von der Grenze entfernt ist.

Jedenfalls sind sie also da; es scheint, daß jeden Morgen mehr werden.

Ihrer Natur entsprechend lagern sie unter freiem Himmel, denn Wohnhäuser

verabscheuen sie. Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter,

dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Aus diesem stillen,

immer ängstlich rein gehaltenen Platz haben sie einen wahren Stall

gemacht. Wir versuchen zwar manchmal aus unseren Geschäften

hervorzulaufen und wenigstens den ärgsten Unrat wegzuschaffen, aber es

geschieht immer seltener, denn die Anstrengung ist nutzlos und bringt

uns überdies in die Gefahr, unter die wilden Pferde zu kommen oder von

den Peitschen verletzt zu werden.

Sprechen kann man mit den Nomaden nicht. Unsere Sprache kennen sie

nicht, ja sie haben kaum eine eigene. Unter einander verständigen sie

sich ähnlich wie Dohlen. Immer wieder hört man diesen Schrei der Dohlen.

Unsere Lebensweise, unsere Einrichtungen sind ihnen ebenso

unbegreiflich wie gleichgültig. Infolgedessen zeigen sie sich auch gegen

jede Zeichensprache ablehnend. Du magst dir die Kiefer verrenken und die

Hände aus den Gelenken winden, sie haben dich doch nicht verstanden und

werden dich nie verstehen. Oft machen sie Grimassen; dann dreht sich das

Weiß ihrer Augen und Schaum schwillt aus ihrem Munde, doch wollen sie

damit weder etwas sagen noch auch erschrecken; sie tun es, weil es so

ihre Art ist. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß

sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt

ihnen alles.

Auch von meinen Vorräten haben sie manches gute Stück genommen. Ich kann

aber darüber nicht klagen, wenn ich zum Beispiel zusehe, wie es dem

Fleischer gegenüber geht. Kaum bringt er seine Waren ein, ist ihm schon

alles entrissen und wird von den Nomaden verschlungen. Auch ihre Pferde

fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide

nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an einem Ende. Der

Fleischhauer ist ängstlich und wagt es nicht, mit den Fleischlieferungen

aufzuhören. Wir verstehen das aber, schießen Geld zusammen und

unterstützen ihn. Bekämen die Nomaden kein Fleisch, wer weiß, was ihnen

zu tun einfiele; wer weiß allerdings, was ihnen einfallen wird, selbst

wenn sie täglich Fleisch bekommen.

Letzthin dachte der Fleischer, er könne sich wenigstens die Mühe des

Schlachtens sparen, und brachte am Morgen einen lebendigen Ochsen. Das

darf er nicht mehr wiederholen. Ich lag wohl eine Stunde ganz hinten in

meiner Werkstatt platt auf dem Boden und alle meine Kleider, Decken und

Polster hatte ich über mir aufgehäuft, nur um das Gebrüll des Ochsen

nicht zu hören, den von allen Seiten die Nomaden ansprangen, um mit den

Zähnen Stücke aus seinem warmen Fleisch zu reißen. Schon lange war es

still, ehe ich mich auszugehen getraute; wie Trinker um ein Weinfaß

lagen sie müde um die Reste des Ochsen.

Gerade damals glaubte ich den Kaiser selbst in einem Fenster des

Palastes gesehen zu haben; niemals sonst kommt er in diese äußeren

Gemächer, immer nur lebt er in dem innersten Garten; diesmal aber stand

er, so schien es mir wenigstens, an einem der Fenster und blickte mit

gesenktem Kopf auf das Treiben vor seinem Schloß.

»Wie wird es werden?« fragen wir uns alle. »Wie lange werden wir diese

Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden

angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. Das Tor

bleibt verschlossen; die Wache, früher immer festlich ein- und

ausmarschierend, hält sich hinter vergitterten Fenstern. Uns Handwerkern

und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind

aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie

gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es, und wir gehen

daran zugrunde.«

Vor dem Gesetz.

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom

Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß

er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und

fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich,«

sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht

wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch

das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und

sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes

hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste

Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der

andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr

ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet;

das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als

er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große

Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt

er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt

bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von

der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele

Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine

Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn

über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose

Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer

wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für

seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es

noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles

an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas

versäumt zu haben.« Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den

Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser

erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz.

Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren

rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor

sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des

Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er

auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich

wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich

dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er

jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des

Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln

sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage,

die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu,

da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der

Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied

hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn

jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle

streben doch nach dem Gesetz,« sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in

den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter

erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes

Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst

Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe

jetzt und schließe ihn.«

Schakale und Araber.

Wir lagerten in der Oase. Die Gefährten schliefen. Ein Araber, hoch und

weiß, kam an mir vorüber; er hatte die Kamele versorgt und ging zum

Schlafplatz.

Ich warf mich rücklings ins Gras; ich wollte schlafen; ich konnte

nicht; das Klagegeheul eines Schakals in der Ferne; ich saß wieder

aufrecht. Und was so weit gewesen war, war plötzlich nah. Ein Gewimmel

von Schakalen um mich her; in mattem Gold erglänzende, verlöschende

Augen; schlanke Leiber, wie unter einer Peitsche gesetzmäßig und flink

bewegt.

Einer kam von rückwärts, drängte sich, unter meinem Arm durch, eng an

mich, als brauche er meine Wärme, trat dann vor mich und sprach, fast

Aug in Aug mit mir:

»Ich bin der älteste Schakal, weit und breit. Ich bin glücklich, dich

noch hier begrüßen zu können. Ich hatte schon die Hoffnung fast

aufgegeben, denn wir warten unendlich lange auf dich; meine Mutter hat

gewartet und ihre Mutter und weiter alle ihre Mütter bis hinauf zur

Mutter aller Schakale. Glaube es!«

»Das wundert mich,« sagte ich und vergaß, den Holzstoß anzuzünden, der

bereit lag, um mit seinem Rauch die Schakale abzuhalten, »das wundert

mich sehr zu hören. Nur zufällig komme ich aus dem hohen Norden und bin

auf einer kurzen Reise begriffen. Was wollt Ihr denn, Schakale?«

Und wie ermutigt durch diesen vielleicht allzu freundlichen Zuspruch

zogen sie ihren Kreis enger um mich; alle atmeten kurz und fauchend.

»Wir wissen,« begann der Älteste, »daß du vom Norden kommst, darauf eben

baut sich unsere Hoffnung. Dort ist der Verstand, der hier unter den

Arabern nicht zu finden ist. Aus diesem kalten Hochmut, weißt du, ist

kein Funken Verstand zu schlagen. Sie töten Tiere, um sie zu fressen,

und Aas mißachten sie.«

»Rede nicht so laut,« sagte ich, »es schlafen Araber in der Nähe.«

»Du bist wirklich ein Fremder,« sagte der Schakal, »sonst wüßtest du,

daß noch niemals in der Weltgeschichte ein Schakal einen Araber

gefürchtet hat. Fürchten sollten wir sie? Ist es nicht Unglück genug,

daß wir unter solches Volk verstoßen sind?«

»Mag sein, mag sein,« sagte ich, »ich maße mir kein Urteil an in Dingen,

die mir so fern liegen; es scheint ein sehr alter Streit; liegt also

wohl im Blut; wird also vielleicht erst mit dem Blute enden.«

»Du bist sehr klug,« sagte der alte Schakal; und alle atmeten noch

schneller; mit gehetzten Lungen, trotzdem sie doch stillestanden; ein

bitterer, zeitweilig nur mit zusammengeklemmten Zähnen erträglicher

Geruch entströmte den offenen Mäulern, »du bist sehr klug; das, was du

sagst, entspricht unserer alten Lehre. Wir nehmen ihnen also ihr Blut

und der Streit ist zu Ende.«

»Oh!« sagte ich wilder, als ich wollte, »sie werden sich wehren; sie

werden mit ihren Flinten euch rudelweise niederschießen.«

»Du mißverstehst uns,« sagte er, »nach Menschenart, die sich also auch

im hohen Norden nicht verliert. Wir werden sie doch nicht töten. Soviel

Wasser hätte der Nil nicht, um uns rein zu waschen. Wir laufen doch

schon vor dem bloßen Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft,

in die Wüste, die deshalb unsere Heimat ist.«

Und alle Schakale ringsum, zu denen inzwischen noch viele von fernher

gekommen waren, senkten die Köpfe zwischen die Vorderbeine und putzten

sie mit den Pfoten; es war, als wollten sie einen Widerwillen verbergen,

der so schrecklich war, daß ich am liebsten mit einem hohen Sprung aus

ihrem Kreis entflohen wäre.

»Was beabsichtigt Ihr also zu tun,« fragte ich und wollte aufstehn;

aber ich konnte nicht; zwei junge Tiere hatten sich mir hinten in Rock

und Hemd festgebissen; ich mußte sitzen bleiben. »Sie halten deine

Schleppe,« sagte der alte Schakal erklärend und ernsthaft, »eine

Ehrbezeugung.« »Sie sollen mich loslassen!« rief ich, bald zum Alten,

bald zu den Jungen gewendet. »Sie werden es natürlich,« sagte der Alte,

»wenn du es verlangst. Es dauert aber ein Weilchen, denn sie haben nach

der Sitte tief sich eingebissen und müssen erst langsam die Gebisse

voneinander lösen. Inzwischen höre unsere Bitte.« »Euer Verhalten hat

mich dafür nicht sehr empfänglich gemacht,« sagte ich. »Laß uns unser

Ungeschick nicht entgelten,« sagte er und nahm jetzt zum erstenmal den

Klageton seiner natürlichen Stimme zu Hilfe, »wir sind arme Tiere, wir

haben nur das Gebiß; für alles, was wir tun wollen, das Gute und das

Schlechte, bleibt uns einzig das Gebiß.« »Was willst du also?« fragte

ich, nur wenig besänftigt.

»Herr,« rief er, und alle Schakale heulten auf; in fernster Ferne schien

es mir eine Melodie zu sein. »Herr, du sollst den Streit beenden, der

die Welt entzweit. So wie du bist, haben unsere Alten den beschrieben,

der es tun wird. Frieden müssen wir haben von den Arabern; atembare

Luft; gereinigt von ihnen den Ausblick rund am Horizont; kein

Klagegeschrei eines Hammels, den der Araber absticht; ruhig soll alles

Getier krepieren; ungestört soll es von uns leergetrunken und bis auf

die Knochen gereinigt werden. Reinheit, nichts als Reinheit wollen wir,«

-- und nun weinten, schluchzten alle -- »wie erträgst nur du es in

dieser Welt, du edles Herz und süßes Eingeweide? Schmutz ist ihr Weiß;

Schmutz ist ihr Schwarz; ein Grauen ist ihr Bart; speien muß man beim

Anblick ihrer Augenwinkel; und heben sie den Arm, tut sich in der

Achselhöhle die Hölle auf. Darum, o Herr, darum o teuerer Herr, mit

Hilfe deiner alles vermögenden Hände, mit Hilfe deiner alles

vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser Schere die Hälse durch!« Und

einem Ruck seines Kopfes folgend kam ein Schakal herbei, der an einem

Eckzahn eine kleine, mit altem Rost bedeckte Nähschere trug.

»Also endlich die Schere und damit Schluß!« rief der Araberführer

unserer Karawane, der sich gegen den Wind an uns herangeschlichen hatte

und nun seine riesige Peitsche schwang.

Alles verlief sich eiligst, aber in einiger Entfernung blieben sie

doch, eng zusammengekauert, die vielen Tiere so eng und starr, daß es

aussah wie eine schmale Hürde, von Irrlichtern umflogen.

»So hast du, Herr, auch dieses Schauspiel gesehen und gehört,« sagte der

Araber und lachte so fröhlich, als es die Zurückhaltung seines Stammes

erlaubte. »Du weißt also, was die Tiere wollen?« fragte ich. »Natürlich,

Herr,« sagte er, »das ist doch allbekannt; solange es Araber gibt,

wandert diese Schere durch die Wüste und wird mit uns wandern bis ans

Ende der Tage. Jedem Europäer wird sie angeboten zu dem großen Werk;

jeder Europäer ist gerade derjenige, welcher ihnen berufen scheint. Eine

unsinnige Hoffnung haben diese Tiere; Narren, wahre Narren sind sie. Wir

lieben sie deshalb; es sind unsere Hunde; schöner als die Eurigen. Sieh

nur, ein Kamel ist in der Nacht verendet, ich habe es herschaffen

lassen.«

Vier Träger kamen und warfen den schweren Kadaver vor uns hin. Kaum lag

er da, erhoben die Schakale ihre Stimmen. Wie von Stricken

unwiderstehlich jeder einzelne gezogen, kamen sie, stockend, mit dem

Leib den Boden streifend, heran. Sie hatten die Araber vergessen, den

Haß vergessen, die alles auslöschende Gegenwart des stark ausdunstenden

Leichnams bezauberte sie. Schon hing einer am Hals und fand mit dem

ersten Biß die Schlagader. Wie eine kleine rasende Pumpe, die ebenso

unbedingt wie aussichtslos einen übermächtigen Brand löschen will,

zerrte und zuckte jede Muskel seines Körpers an ihrem Platz. Und schon

lagen in gleicher Arbeit alle auf dem Leichnam hoch zu Berg.

Da strich der Führer kräftig mit der scharfen Peitsche kreuz und quer

über sie. Sie hoben die Köpfe; halb in Rausch und Ohnmacht; sahen die

Araber vor sich stehen; bekamen jetzt die Peitsche mit den Schnauzen zu

fühlen; zogen sich im Sprung zurück und liefen eine Strecke rückwärts.

Aber das Blut des Kamels lag schon in Lachen da, rauchte empor, der

Körper war an mehreren Stellen weit aufgerissen. Sie konnten nicht

widerstehen; wieder waren sie da; wieder hob der Führer die Peitsche;

ich faßte seinen Arm.

»Du hast Recht, Herr,« sagte er, »wir lassen sie bei ihrem Beruf; auch

ist es Zeit aufzubrechen. Gesehen hast du sie. Wunderbare Tiere, nicht

wahr? Und wie sie uns hassen!«

Ein Besuch im Bergwerk.

Heute waren die obersten Ingenieure bei uns unten. Es ist irgendein

Auftrag der Direktion ergangen, neue Stollen zu legen, und da kamen die

Ingenieure, um die allerersten Ausmessungen vorzunehmen. Wie jung diese

Leute sind und dabei schon so verschiedenartig! Sie haben sich alle frei

entwickelt, und ungebunden zeigt sich ihr klar bestimmtes Wesen schon in

jungen Jahren.

Einer, schwarzhaarig, lebhaft, läßt seine Augen überallhin laufen.

Ein Zweiter mit einem Notizblock, macht im Gehen Aufzeichnungen, sieht

umher, vergleicht, notiert.

Ein Dritter, die Hände in den Rocktaschen, so daß sich alles an ihm

spannt, geht aufrecht; wahrt die Würde; nur im fortwährenden Beißen

seiner Lippen zeigt sich die ungeduldige, nicht zu unterdrückende

Jugend.

Ein Vierter gibt dem Dritten Erklärungen, die dieser nicht verlangt;

kleiner als er, wie ein Versucher neben ihm herlaufend, scheint er, den

Zeigefinger immer in der Luft, eine Litanei über alles, was hier zu

sehen ist, ihm vorzutragen.

Ein Fünfter, vielleicht der oberste im Rang, duldet keine Begleitung;

ist bald vorn, bald hinten; die Gesellschaft richtet ihren Schritt nach

ihm; er ist bleich und schwach; die Verantwortung hat seine Augen

ausgehöhlt; oft drückt er im Nachdenken die Hand an die Stirn.

Der Sechste und Siebente gehen ein wenig gebückt, Kopf nah an Kopf, Arm

in Arm, in vertrautem Gespräch; wäre hier nicht offenbar unser

Kohlenbergwerk und unser Arbeitsplatz im tiefsten Stollen, könnte man

glauben, diese knochigen, bartlosen, knollennasigen Herren seien junge

Geistliche. Der eine lacht meistens mit katzenartigem Schnurren in sich

hinein; der andere, gleichfalls lächelnd, führt das Wort und gibt mit

der freien Hand irgendeinen Takt dazu. Wie sicher müssen diese zwei

Herren ihrer Stellung sein, ja welche Verdienste müssen sie sich trotz

ihrer Jugend um unser Bergwerk schon erworben haben, daß sie hier, bei

einer so wichtigen Begehung, unter den Augen ihres Chefs, nur mit

eigenen oder wenigstens mit solchen Angelegenheiten, die nicht mit der

augenblicklichen Aufgabe zusammenhängen, so unbeirrbar sich beschäftigen

dürfen. Oder sollte es möglich sein, daß sie, trotz alles Lachens und

aller Unaufmerksamkeit, das, was nötig ist, sehr wohl bemerken? Man wagt

über solche Herren kaum ein bestimmtes Urteil abzugeben.

Andererseits ist es aber doch wieder zweifellos, daß zum Beispiel der

Achte unvergleichlich mehr als diese, ja mehr als alle anderen Herren

bei der Sache ist. Er muß alles anfassen und mit einem kleinen Hammer,

den er immer wieder aus der Tasche zieht und immer wieder dort verwahrt,

beklopfen. Manchmal kniet er trotz seiner eleganten Kleidung in den

Schmutz nieder und beklopft den Boden, dann wieder nur im Gehen die

Wände oder die Decke über seinem Kopf. Einmal hat er sich lang hingelegt

und lag dort still; wir dachten schon, es sei ein Unglück geschehen;

aber dann sprang er mit einem kleinen Zusammenzucken seines schlanken

Körpers auf. Er hatte also wieder nur eine Untersuchung gemacht. Wir

glauben unser Bergwerk und seine Steine zu kennen, aber was dieser

Ingenieur auf diese Weise hier immerfort untersucht, ist uns

unverständlich.

Ein Neunter schiebt vor sich eine Art Kinderwagen, in welchem die

Meßapparate liegen. Äußerst kostbare Apparate, tief in zarteste Watte

eingelegt. Diesen Wagen sollte ja eigentlich der Diener schieben, aber

es wird ihm nicht anvertraut; ein Ingenieur mußte heran und er tut es

gern, wie man sieht. Er ist wohl der Jüngste, vielleicht versteht er

noch gar nicht alle Apparate, aber sein Blick ruht immerfort auf ihnen,

fast kommt er dadurch manchmal in Gefahr, mit dem Wagen an eine Wand zu

stoßen.

Aber da ist ein anderer Ingenieur, der neben dem Wagen hergeht und es

verhindert. Dieser versteht offenbar die Apparate von Grund aus und

scheint ihr eigentlicher Verwahrer zu sein. Von Zeit zu Zeit nimmt er,

ohne den Wagen anzuhalten, einen Bestandteil der Apparate heraus, blickt

hindurch, schraubt auf oder zu, schüttelt und beklopft, hält ans Ohr und

horcht; und legt schließlich, während der Wagenführer meist stillsteht,

das kleine, von der Ferne kaum sichtbare Ding mit aller Vorsicht wieder

in den Wagen. Ein wenig herrschsüchtig ist dieser Ingenieur, aber doch

nur im Namen der Apparate. Zehn Schritte vor dem Wagen sollen wir

schon, auf ein wortloses Fingerzeichen hin, zur Seite weichen, selbst

dort, wo kein Platz zum Ausweichen ist.

Hinter diesen zwei Herren geht der unbeschäftigte Diener. Die Herren

haben, wie es bei ihrem großen Wissen selbstverständlich ist, längst

jeden Hochmut abgelegt, der Diener dagegen scheint ihn in sich

aufgesammelt zu haben. Die eine Hand im Rücken, mit der anderen vorn

über seine vergoldeten Knöpfe oder das feine Tuch seines Livreerockes

streichend, nickt er öfters nach rechts und links, so als ob wir gegrüßt

hätten und er antwortete, oder so, als nehme er an, daß wir gegrüßt

hätten, könne es aber von seiner Höhe aus nicht nachprüfen. Natürlich

grüßen wir ihn nicht, aber doch möchte man bei seinem Anblick fast

glauben, es sei etwas Ungeheures, Kanzleidiener der Bergdirektion zu

sein. Hinter ihm lachen wir allerdings, aber da auch ein Donnerschlag

ihn nicht veranlassen könnte, sich umzudrehen, bleibt er doch als etwas

Unverständliches in unserer Achtung.

Heute wird wenig mehr gearbeitet; die Unterbrechung war zu ausgiebig;

ein solcher Besuch nimmt alle Gedanken an Arbeit mit sich fort. Allzu

verlockend ist es, den Herren in das Dunkel des Probestollens

nachzublicken, in dem sie alle verschwunden sind. Auch geht unsere

Arbeitsschicht bald zu Ende; wir werden die Rückkehr der Herren nicht

mehr mit ansehen.

Das nächste Dorf.

Mein Großvater pflegte zu sagen: »Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt

in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel

kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste

Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß -- von unglücklichen Zufällen ganz

abgesehen -- schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden

Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.«

Eine kaiserliche Botschaft.

Der Kaiser -- so heißt es -- hat Dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen

Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne

geflüchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett

aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknieen

lassen und ihm die Botschaft ins Ohr zugeflüstert; so sehr war ihm an

ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch

Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der

ganzen Zuschauerschaft seines Todes -- alle hindernden Wände werden

niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen

stehen im Ring die Großen des Reichs -- vor allen diesen hat er den

Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein

kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm

vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand,

zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch

leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre

Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er

fliegen und bald wohl hörtest Du das herrliche Schlagen seiner Fäuste

an Deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer

noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals

wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die

Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre

gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite

umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein

Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus

dem äußersten Tor -- aber niemals, niemals kann es geschehen -- liegt

erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll

ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft

eines Toten. -- Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir,

wenn der Abend kommt.

Die Sorge des Hausvaters.

Die einen sagen, das Wort Odradek stamme aus dem Slawischen und sie

suchen auf Grund dessen die Bildung des Wortes nachzuweisen. Andere

wieder meinen, es stamme aus dem Deutschen, vom Slawischen sei es nur

beeinflußt. Die Unsicherheit beider Deutungen aber läßt wohl mit Recht

darauf schließen, daß keine zutrifft, zumal man auch mit keiner von

ihnen einen Sinn des Wortes finden kann.

Natürlich würde sich niemand mit solchen Studien beschäftigen, wenn es

nicht wirklich ein Wesen gäbe, das Odradek heißt. Es sieht zunächst aus

wie eine flache sternartige Zwirnspule, und tatsächlich scheint es auch

mit Zwirn bezogen; allerdings dürften es nur abgerissene, alte,

aneinander geknotete, aber auch ineinander verfitzte Zwirnstücke von

verschiedenster Art und Farbe sein. Es ist aber nicht nur eine Spule,

sondern aus der Mitte des Sternes kommt ein kleines Querstäbchen hervor

und an dieses Stäbchen fügt sich dann im rechten Winkel noch eines. Mit

Hilfe dieses letzteren Stäbchens auf der einen Seite, und einer der

Ausstrahlungen des Sternes auf der anderen Seite, kann das Ganze wie auf

zwei Beinen aufrecht stehen.

Man wäre versucht zu glauben, dieses Gebilde hätte früher irgendeine

zweckmäßige Form gehabt und jetzt sei es nur zerbrochen. Dies scheint

aber nicht der Fall zu sein; wenigstens findet sich kein Anzeichen

dafür; nirgends sind Ansätze oder Bruchstellen zu sehen, die auf etwas

Derartiges hinweisen würden; das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in

seiner Art abgeschlossen. Näheres läßt sich übrigens nicht darüber

sagen, da Odradek außerordentlich beweglich und nicht zu fangen ist.

Er hält sich abwechselnd auf dem Dachboden, im Treppenhaus, auf den

Gängen, im Flur auf. Manchmal ist er monatelang nicht zu sehen; da ist

er wohl in andere Häuser übersiedelt; doch kehrt er dann unweigerlich

wieder in unser Haus zurück. Manchmal, wenn man aus der Tür tritt und er

lehnt gerade unten am Treppengeländer, hat man Lust, ihn anzusprechen.

Natürlich stellt man an ihn keine schwierigen Fragen, sondern behandelt

ihn -- schon seine Winzigkeit verführt dazu -- wie ein Kind. »Wie heißt

du denn?« fragt man ihn. »Odradek,« sagt er. »Und wo wohnst du?«

»Unbestimmter Wohnsitz,« sagt er und lacht; es ist aber nur ein Lachen,

wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das

Rascheln in gefallenen Blättern. Damit ist die Unterhaltung meist zu

Ende. Übrigens sind selbst diese Antworten nicht immer zu erhalten; oft

ist er lange stumm, wie das Holz, das er zu sein scheint.

Vergeblich frage ich mich, was mit ihm geschehen wird. Kann er denn

sterben? Alles, was stirbt, hat vorher eine Art Ziel, eine Art Tätigkeit

gehabt und daran hat es sich zerrieben; das trifft bei Odradek nicht zu.

Sollte er also einstmals etwa noch vor den Füßen meiner Kinder und

Kindeskinder mit nachschleifendem Zwirnsfaden die Treppe

hinunterkollern? Er schadet ja offenbar niemandem; aber die Vorstellung,

daß er mich auch noch überleben sollte, ist mir eine fast schmerzliche.

Elf Söhne.

Ich habe elf Söhne.

Der Erste ist äußerlich sehr unansehnlich, aber ernsthaft und klug;

trotzdem schätze ich ihn, wiewohl ich ihn als Kind wie alle andern

liebe, nicht sehr hoch ein. Sein Denken scheint mir zu einfach. Er

sieht nicht rechts noch links und nicht in die Weite; in seinem kleinen

Gedankenkreis läuft er immerfort rundum oder dreht sich vielmehr.

Der Zweite ist schön, schlank, wohlgebaut; es entzückt, ihn in

Fechterstellung zu sehen. Auch er ist klug, aber überdies welterfahren;

er hat viel gesehen, und deshalb scheint selbst die heimische Natur

vertrauter mit ihm zu sprechen, als mit den Daheimgebliebenen. Doch ist

gewiß dieser Vorzug nicht nur und nicht einmal wesentlich dem Reisen zu

verdanken, er gehört vielmehr zu dem Unnachahmlichen dieses Kindes, das

zum Beispiel von jedem anerkannt wird, der etwa seinen vielfach sich

überschlagenden und doch geradezu wild beherrschten Kunstsprung ins

Wasser ihm nachmachen will. Bis zum Ende des Sprungbrettes reicht der

Mut und die Lust, dort aber statt zu springen, setzt sich plötzlich der

Nachahmer und hebt entschuldigend die Arme. -- Und trotz dem allen (ich

sollte doch eigentlich glückselig sein über ein solches Kind) ist mein

Verhältnis zu ihm nicht ungetrübt. Sein linkes Auge ist ein wenig

kleiner als das rechte und zwinkert viel; ein kleiner Fehler nur, gewiß,

der sein Gesicht sogar noch verwegener macht als es sonst gewesen wäre,

und niemand wird gegenüber der unnahbaren Abgeschlossenheit seines

Wesens dieses kleinere zwinkernde Auge tadelnd bemerken. Ich, der Vater,

tue es. Es ist natürlich nicht dieser körperliche Fehler, der mir weh

tut, sondern eine ihm irgendwie entsprechende kleine Unregelmäßigkeit

seines Geistes, irgendein in seinem Blut irrendes Gift, irgendeine

Unfähigkeit, die mir allein sichtbare Anlage seines Lebens rund zu

vollenden. Gerade dies macht ihn allerdings andererseits wieder zu

meinem wahren Sohn, denn dieser sein Fehler ist gleichzeitig der Fehler

unserer ganzen Familie und an diesem Sohn nur überdeutlich.

Der dritte Sohn ist gleichfalls schön, aber es ist nicht die Schönheit,

die mir gefällt. Es ist die Schönheit des Sängers: der geschwungene

Mund; das träumerische Auge; der Kopf, der eine Draperie hinter sich

benötigt, um zu wirken; die unmäßig sich wölbende Brust; die leicht

auffahrenden und viel zu leicht sinkenden Hände; die Beine, die sich

zieren, weil sie nicht tragen können. Und überdies: der Ton seiner

Stimme ist nicht voll; trügt einen Augenblick; läßt den Kenner

aufhorchen; veratmet aber kurz darauf. -- Trotzdem im allgemeinen alles

verlockt, diesen Sohn zur Schau zu stellen, halte ich ihn doch am

liebsten im Verborgenen; er selbst drängt sich nicht auf, aber nicht

etwa deshalb, weil er seine Mängel kennt, sondern aus Unschuld. Auch

fühlt er sich fremd in unserer Zeit; als gehöre er zwar zu meiner

Familie, aber überdies noch zu einer andern, ihm für immer verlorenen,

ist er oft unlustig und nichts kann ihn aufheitern.

Ein Landarzt: Kleine Erzählungen · 第 1 / 3 段