Aleksandrowitschs« -- sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum
es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.
»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die
Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich
erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend,
»sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden,
und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung
hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«
»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon
vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« -- sagte Stefan
Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin
antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher
stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er
sie anzugehen hätte.
»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine
Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese
Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht
mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf
den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.
»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« --
»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz
ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey
Aleksandrowitsch schauend.
»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu
sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte
er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur,
daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon
spricht.«
»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«
»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied
in den Überzeugungen und dabei« -- sagte Oblonskiy mit geschmeidigem
Lächeln.
»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«
»Ja, ja, gewiß, doch« -- und in Verlegenheit geratend, verstummte
Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion
handelte.
»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna
herantrat.
Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die
Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem
Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf
und lächelte kindlich-naiv.
»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung
ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« --
begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia
Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie
um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas
nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische.
»Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die
Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der
Religion gegenüber sind.«
»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die
glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.
»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der
Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem
Lächeln an ihn wendend.
»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.
»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur
harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln,
»ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen
könnte.«
Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.
»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,«
sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob
wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von
menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen,
welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul
traf.«
»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die
währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.
Landau erhob sich und trat zu ihnen.
»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.
»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn
zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«
»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt
zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.
»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl
von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia
Iwanowna, verzückt lächelnd.
»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser
Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er
einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich
aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor
einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu
Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.
»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte
Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde
für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. -- Pardon,« fügte
sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden
Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind
wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine
Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.
»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan
Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und
nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.
»So ist es; das ist aus dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey
Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet,
wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal
gesprochen hätten.
»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet!
Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; >ich habe
keine Werke, also auch keinen Glauben< und doch ist dies nirgends
gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«
»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele
zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher
Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche.
Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und
leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden
Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der
ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.
»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind
erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit
seinem Blick billigend.
»=Vous comprenez l'anglais=?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich,
nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen
Bücherbrett in den Büchern zu suchen.
»Soll ich >=Safe and Happy=< oder >=Under the Wing=< lesen?« sprach
sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch
gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.
Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf
welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist,
als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige
kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.«
Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.
»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! -- Ja,« sprach sie, die Stelle
in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren
nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre
Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor
ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand
diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist
das Glück, welches der Glaube verleiht!«
»Ja, ja, das ist viel« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit,
daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur
Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um
etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben,
von hier fortkommen.«
»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich
an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«
»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und
schloß die Augen.
Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll
an und die Lektüre begann.
22.
Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen,
ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des
Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem
es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er
liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und
bekannten Kreisen -- in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er
verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia
Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder
verschlagenen Augen Landaus -- er wußte es selbst nicht -- sah, begann
Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu
empfinden.
Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander.
Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist -- es wäre recht
angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen -- um sein Seelenheil zu
retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie
man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das --
woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon,
daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt
nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr
bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht
dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn
sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau -- Bessuboff -- weshalb
heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine
Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich
sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte
sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen
anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin
Lydia Iwanowna sprach »er schläft«.
Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich
schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er
wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen,
sondern auf Landau.
Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber
während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde -- doch
selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles --
erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna,
außerordentlich.
»=Mon ami=,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu
verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer
Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend,
sondern »=mon ami -- donnez lui la main. Vous voyez=? St!« -- lispelte
sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.«
Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der
Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf
dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen
wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an
dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen.
Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend,
im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und
blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan
Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.
»=Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande,
qu'elle sorte! -- Qu'elle sorte=!« -- sprach der Franzose, ohne die
Augen zu öffnen.
»=Vous m'excuserez, mais vous voyez -- revenez vers dix heurs, encore
mieux demain=.«
»=Qu'elle sorte=!« wiederholte der Franzose ungeduldig.
»=C'est moi, n'est ce pas=?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan
Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten
wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging
er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier
fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße
hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um
möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.
Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte,
und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre,
erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm
an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.
Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in
Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb
ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und
bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum
durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die
wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres
trugen.
Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder
junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht
die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst,
ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig
geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer,
wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier
schlief er dann auch ein.
Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten
ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran
er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste,
als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der
Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück.
Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte
Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser
Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen
oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.
23.
Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu
entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer
liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten
unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.
Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden
Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein
völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.
Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze,
seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie
im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt
standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren -- unerträglich
geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie
schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau
weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr
bestand.
Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und
alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht,
sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung,
welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für
Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige
Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern,
nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden
äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig
für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander
zu zeigen.
Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten,
Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen
Beanlagung nur Eins -- die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach
ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich
jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil
derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen
-- und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines
anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner
Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht
erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem
geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den
anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen
Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so
leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit
denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein
nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein
Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.
Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten,
insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer
offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig,
daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin
Sorokina zu überreden.
In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe
zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte
sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau
-- zwischen Himmel und Erde -- durchlebte, die Langsamkeit und
Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung --
alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das
Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben;
daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur
er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub,
so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er
hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit
er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie
auf ewig von ihrem Sohne getrennt war.
Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen,
beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen
Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie
reizte.
Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine
Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er
gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem
das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war -- und überdachte
nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen
waren, in allen Einzelheiten.
Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen,
kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung
dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der
Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß
der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos,
und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war
wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien
gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für
dieselben eingetreten war.
Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber
respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte
Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.
Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung
auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen
Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.
»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie
dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl
erwartet,« sagte sie.
Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas
Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich
darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun,
geantwortet:
»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich
sehe, daß sie nicht natürlich ist.«
Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie
sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu
können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der
Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.
»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich
und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer.
Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen
Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl
beigelegt aber nicht vorüber war.
Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie
fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig
zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und
sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.
»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich
werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort
werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst.
»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie
vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine
Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte
sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl
aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von
meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war
so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann
nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche,
ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen
Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war,
erschrak sie über sich selbst.
»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich
nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von
Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn,
bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der
Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt,
sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen
bin, obwohl ich es nicht war -- und wir wollen dann abreisen,« und um
nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen,
schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die
Reise aufs Dorf herbeizubringen.
Um zehn Uhr kam Wronskiy an.
24.
»Nun; ging es recht vergnügt zu?« frug sie mit schuldbewußtem und
sanftem Ausdruck in den Zügen, ihm entgegentretend.
»Wie gewöhnlich,« versetzte er, sogleich mit einem einzigen Blick auf
sie erkennend, daß sie in einer ihrer besten Stimmungen sei. Er war an
diese Übergänge schon gewöhnt und heute ganz besonders erfreut davon,
weil er selbst sich gleichfalls in bester Laune befand.
»Was sehe ich! So ist's recht!« sagte er, auf die Koffer im Vorzimmer
weisend.
»Ja, wir müssen abreisen, und es ist ganz gut, daß wir auf das Dorf
wollen. Dich hält doch wohl nichts zurück?«
»Nur eines wünschte ich. Ich komme sogleich wieder, wir wollen dann
sprechen, ich möchte mich nur umkleiden. Laß den Thee geben.«
Er begab sich in sein Kabinett.
Es hatte etwas Verletzendes darin gelegen, als er sagte, »so ist's
recht«; wie man zu einem Kinde spricht, wenn dieses aufgehört hat
launisch zu sein; und noch verletzender war der Gegensatz zwischen dem
schuldbewußten Tone bei ihr und dem selbstbewußten bei ihm; auf einen
Augenblick empfand sie in sich den aufsteigenden Wunsch nach Kampf;
allein indem sie sich selbst bezwang, erstickte sie denselben und
begegnete Wronskiy noch immer so heiter.
Nachdem dieser wieder zu ihr gekommen war, erzählte sie ihm, teilweise
die zurechtgelegten Worte wiederholend, davon, wie sie den Tag
zugebracht hatte, sowie von ihren Plänen zur Abreise.
»Weißt du, es ist über mich fast wie eine Begeisterung gekommen,«
sprach sie, »weshalb sollen wir hier auf die Scheidung warten? Geht das
nicht ganz ebenso auf dem Dorfe? Ich kann nicht mehr länger warten,
ich will nicht hoffen, nichts hören von der Scheidung. Ich habe
beschlossen, daß dies keinen Einfluß mehr auf mein Leben ausüben soll.
Bist du auch einverstanden?«
»O ja;« sagte er, ihr beunruhigt in das erregte Gesicht blickend.
»Was habt Ihr denn dort angegeben? Wer war dabei?« sagte sie.
Wronskiy nannte die Gäste. Es war ein vorzügliches Essen gegeben
worden, eine Bootwettfahrt dazu und alles das war ganz hübsch
ausgefallen, aber in Moskau thut man es nicht ohne ein =ridicule=. Es
war auch eine Dame, eine Schwimmlehrerin der Königin von Schweden dabei
aufgetreten und hatte ihre Kunst gezeigt.
»Wie? Sie schwamm?« frug Anna, sich verfinsternd.
»In einem roten =costume de natation=; sie war alt und häßlich. Aber
wann reisen wir?«
»Welch thörichte Phantasie! Schwimmt sie denn in einer ganz besonderen
Weise?« sagte Anna, ohne hierauf zu antworten.
»Durchaus nichts Besonderes war dabei; ich muß sogar sagen, es war ein
furchtbarer Unsinn. Aber wann also denkst du zu reisen?«
Anna schüttelte den Kopf, als wünsche sie, einen unangenehmen Gedanken
zu verscheuchen.
»Wann wir reisen? Nun, je früher, um so besser. Morgen werden wir noch
nicht fertig sein; aber übermorgen.«
»Ja -- doch nein, halt. Übermorgen ist Sonntag, da muß ich zu =maman=,«
sagte Wronskiy, in Verlegenheit geratend, weil er, sofort nachdem er
den Namen der Mutter ausgesprochen hatte, ihren starr und argwöhnisch
auf sich gerichteten Blick fühlte. Seine Verwirrung bestätigte ihr
ihren Verdacht. Sie geriet in Wallung und entfernte sich von ihm. Jetzt
war es nicht mehr die Lehrerin der Königin von Schweden, sondern die
junge Fürstin Sorokina, welche mit der Gräfin Wronskaja zusammen auf
einem Dorfe bei Moskau lebte, die vor Anna auftauchte.
»Du kannst doch morgen zu ihr fahren?« sprach sie.
»Nein, nein! In der Angelegenheit, in welcher ich zu ihr will -- läßt
sich ein Kreditschein und das Geld morgen nicht erhalten,« antwortete
er.
»Wenn dem so ist, so werden wir gar nicht reisen.«
»Warum das?«
»Ich werde nicht später abreisen. Entweder Montag oder gar nicht.«
»Aber warum?« sagte Wronskiy, wie mit Erstaunen. »Das hat doch gar
keinen Sinn.«
»Für dich hat es keinen Sinn, weil du mit mir nichts zu thun hast.
Du willst mein Leben nicht begreifen. Das einzige, was mich hier
interessiert hat -- war Hanna. Du sagst, dies sei eine Heuchelei.
Du hast erst gestern gesagt -- daß ich meine Tochter nicht liebte,
sondern mich stellte, als ob ich diese Engländerin liebte -- dies wäre
unnatürlich. Ich möchte nun wissen, welches Leben hier für mich ein
natürliches sein könnte!«
Einen Augenblick kam sie zur Besinnung und erschrak darüber, daß sie
ihrem Vorsatz untreu geworden war. Aber obwohl sie wußte, daß sie
sich damit verderbe, vermochte sie nicht mehr an sich zu halten; sie
mußte ihm zeigen, wie ungerecht er war, sie konnte sich ihm nicht mehr
unterordnen.
»Ich habe dies niemals gesagt; ich habe gesagt, daß ich dieser so
plötzlichen Liebe nicht nachfühlen könnte.«
»Warum sprichst du, der mit seiner Offenheit prahlt, nicht die
Wahrheit?«
»Ich prahle nie und spreche nie die Unwahrheit,« sprach er ruhig, den
in ihm aufsteigenden Groll niederhaltend, »es ist sehr bedauerlich,
wenn du mich nicht achtest« --
»Die Achtung hat man erdacht, um eine leere Stelle damit zu verdecken,
auf welcher die Liebe sein müßte. Aber wenn du mich nicht mehr liebst,
so ist es besser und ehrenhafter, dies auszusprechen.«
»Nein, das wird unerträglich!« rief Wronskiy, vom Stuhle aufstehend.
Vor ihr stehen bleibend, sprach er dann langsam: »Weshalb stellst
du meine Geduld auf die Probe?« Er sprach dies mit einem Ausdruck,
als könnte er noch mehr sagen, halte aber an sich; »es giebt gewisse
Grenzen!«
»Was wollt Ihr damit sagen?« rief sie, mit Schrecken auf den offenen
Ausdruck von Haß schauend, der in seinem ganzen Gesicht, und besonders
in den harten, drohenden Augen lag.
»Ich will sagen,« begann er, stockte aber, »ich muß fragen, was Ihr von
mir wollt?«
»Was könnte ich wollen? Ich könnte nur wollen, daß Ihr mich nicht
vernachlässigt, wie Ihr es beabsichtigt« -- sagte sie, vollkommen
verstehend, was er nicht vollendet hatte, »aber das will ich nicht; das
kommt erst in zweiter Reihe. Ich will Liebe, und diese giebt es nicht
mehr. Vielleicht, daß alles schon vorbei ist.«
Sie schritt der Thür zu.
»Bleib -- bleibe!« sagte Wronskiy, ohne seine finster zusammengezogenen
Brauen zu glätten, und ergriff sie bei der Hand. »Was ist denn
eigentlich? Ich habe gesagt, daß die Abreise auf drei Tage verschoben
werden muß, du hast mir darauf geantwortet, ich lüge und sei ein
ehrloser Mensch!«
»Ja, und ich wiederhole, daß ein Mensch, der mir vorwirft, alles für
mich geopfert zu haben« -- sprach sie in der Erinnerung an die Worte
eines anderen, früheren Streites -- »daß er schlimmer ist, ein Mensch
ohne Herz, als ein ehrloser Mensch!«
»Nein; es giebt aber doch eine Grenze für die Geduld!« rief er aus,
ihre Hand schnell loslassend.
»Er haßt mich, das ist klar,« dachte sie, und verließ schweigend,
ohne sich umzublicken, mit unsicheren Schritten das Gemach. »Er liebt
eine andere; das ist noch klarer,« sprach sie zu sich, in ihr Zimmer
tretend, »ich will Liebe, aber die ist nicht mehr da. Vielleicht ist
alles vorüber,« wiederholte sie mit den von ihr schon geäußerten
Worten, »und wir müssen ein Ende machen. Aber wie?« frug sie sich und
setzte sich in einem Sessel vor dem Spiegel. Gedanken daran, wohin
sie jetzt fahren könnte -- zu der Tante vielleicht, bei welcher sie
erzogen worden war, zu Dolly, oder einfach ins Ausland, ferner daran,
was er jetzt, allein in seinem Kabinett thun möge; ob dieser Streit ein
entscheidender gewesen oder eine Aussöhnung noch möglich sei, sowie,
was jetzt alle ihre früheren Petersburger Bekannten von ihr sagen
würden, wie Aleksey Aleksandrowitsch die Sache betrachten würde; viele
andere Ideen, was jetzt werden solle nach dem Bruch, kamen ihr in den
Kopf, aber sie gab sich ihnen nicht mit ganzer Seele hin.
In ihrer Seele lebte ein unklarer Gedanke, der sie ausschließlich
interessierte, doch konnte sie sich nicht klar darüber werden. Indem
sie aber nochmals an Aleksey Aleksandrowitsch dachte, rief sie sich
zugleich auch die Zeit ihrer Krankheit nach ihrer Niederkunft und jenes
Gefühl wieder ins Gedächtnis zurück, welches sie damals nicht verlassen
hatte »warum bin ich nicht gestorben?« und erkannte nun plötzlich das
Gefühl, welches in ihrer Seele lebte. Ja; er war es, der Gedanke, der
allein alles entschied, »sie mußte sterben.«
»Die Schmach und Schande Aleksey Aleksandrowitschs, Sergeys, und meine
eigene furchtbare Schmach -- das alles wird durch den Tod gesühnt. Sie
wollte -- sterben, er aber sollte bereuen, er muß Mitleid empfinden,
Liebe, und soll meinethalben leiden!«
Mit beständigem Lächeln des Mitleids mit sich selbst saß sie in dem
Lehnstuhl, die Ringe ihrer linken Hand abziehend und wieder aufsetzend,
und sich lebhaft seine Gefühle nach ihrem Tode, von den verschiedenen
Seiten aus, vorstellend.
Sich nähernde Schritte, es waren seine Schritte, zogen sie ab. Als wäre
sie mit dem Weglegen ihrer Ringe beschäftigt wandte sie sich nicht
einmal nach ihm um.
Er trat zu ihr und ihre Hand ergreifend, sagte er leise:
»Anna, wir wollen übermorgen fahren, wenn du willst. Ich bin mit allem
einverstanden.«
Sie schwieg.
»Nun?« frug er.
»Du weißt ja selbst,« sagte sie und brach sogleich, unfähig, noch
länger an sich zu halten, in Schluchzen aus. »Verlaß mich, verlaß
mich!« sprach sie unter Schluchzen, »ich werde morgen fortgehen -- ich
werde noch mehr thun! Wer bin ich noch? Ein lasterhaftes Weib, ein
Stein auf deinem Wege. Ich will dich nicht quälen, ich will nicht, und
werde dich befreien. Du liebst nicht, liebst eine andere!«
Wronskiy beschwor sie, sich zu beruhigen und beteuerte, daß es doch gar
keinen Anlaß zur Eifersucht für sie gäbe, daß er niemals aufgehört habe
oder aufhören werde, sie zu lieben, und sie noch mehr liebe, als je
zuvor.
»Anna, wozu sollen wir uns beide so quälen?« sagte er, ihr die Hände
küssend. In seinen Zügen malte sich jetzt Zärtlichkeit und ihr schien
es, als vernehme sie mit ihrem Ohr einen Klang von Thränen in seiner
Stimme, als verspüre sie das Feuchte dieser Thränen auf ihrer Hand, und
augenblicklich ging die verzweiflungsvolle Eifersucht Annas in eine
verzweiflungsvolle, leidenschaftliche Zärtlichkeit über. Sie umfing ihn
und bedeckte ihm Kopf, Hals und Hände mit Küssen.
25.
In dem Gefühl, daß die Aussöhnung eine vollständige war, beschäftigte
sich Anna vom andern Morgen ab munter mit den Anstalten zur Abreise.
Obwohl noch gar nicht beschlossen war, ob man Montag oder Dienstag
reisen würde, da beide sich gestern gegenseitig Konzessionen gemacht
hatten, bereitete sich Anna eifrig auf die Abreise vor, jetzt
vollkommen gleichgültig dem gegenüber, ob man früh oder spät am Tage
abreiste. Sie stand eben in ihrem Zimmer vor einem geöffneten Schranke,
und nahm Sachen heraus, als er bereits angekleidet, früher als
gewöhnlich, bei ihr eintrat.
»Ich muß sofort zu =maman= fahren; sie kann mir das Geld durch Jegoroff
übersenden. Morgen bin ich dann bereit zu reisen,« sagte er.
Mochte sie nun auch noch so gut gelaunt sein, die Erwähnung der Abreise
auf den Landsitz schnitt ihr ins Herz.
»O, auch ich beeile mich nicht,« sagte sie, dachte aber sogleich:
vielleicht ist es doch noch möglich, es so einzurichten, daß man
thut wie ich wünschte. -- »Nein, thu' wie du willst! Geh' in den
Speisesalon, ich werde sogleich auch kommen und will nur noch diese
überflüssigen Sachen herauslegen,« sprach sie, noch etwas auf
Annuschkas Arme packend, auf welchen bereits ein Berg Leinen ruhte.
Wronskiy verzehrte gerade sein Beefsteak, als sie in den Speisesalon
trat.
»Du glaubst nicht, wie kalt mich diese Gemächer lassen,« sagte
sie, sich neben ihm zu ihrem Kaffee setzend. »Es giebt doch nichts
Schrecklicheres als diese =chambres garnies=. Es liegt kein Ausdruck,
keine Seele in ihnen. Diese Uhren, Gardinen, und namentlich diese
Tapeten -- sind wie ein Alp. Ich gedenke Wosdwishenskojes, wie des
gelobten Landes. Du hast noch keine Pferde hergeschickt?«
»Nein; sie werden kommen wenn wir fort sind. Fährst du noch einmal aus?«
»Ich wollte noch zur Wilson; ich muß ihr Kleider bringen. Also
morgen ist es gewiß?« sprach sie mit heiterer Stimme; doch plötzlich
veränderte sich ihr Antlitz.
Der Kammerdiener Wronskiys kam, um sich die Unterschrift für ein
Telegramm aus Petersburg auszubitten.
Es war nichts Besonderes in der Empfangnahme einer Depesche seitens
Wronskiys, aber gleichwohl sagte dieser, als wünschte er etwas vor ihr
zu verheimlichen, er wolle im Kabinett unterschreiben, und wandte sich
dann hastig zu ihr.
»Gewiß werde ich morgen mit allem in Ordnung sein.«
»Von wem war die Depesche?« frug sie, ohne ihn zu hören.
»Von Stefan,« antwortete er gezwungen.
»Warum hast du mir sie nicht gezeigt? Welches Geheimnis kann es
zwischen Stefan und mir geben?«
Wronskiy rief den Kammerdiener zurück und befahl, die Depesche zu
bringen.
»Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu
telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?«
»Über die Scheidung?«
»Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich
versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.«
Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das,
was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt »es ist wenig
Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.«
»Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann
ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,« sprach
sie errötend. »Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu
verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen
verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,« dachte sie dabei.
»Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,« sagte Wronskiy, »es
scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr,
als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.«
»Nein,« versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des
Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, »weshalb
glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar
zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag,
und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie
ich.«
»Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,«
sagte er.
»Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,« sagte sie,
mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte,
sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. »Weshalb
wünschest du Klarheit?«
»Mein Gott! Wieder die Liebe!« dachte er, finster werdend. »Du weißt
doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,« sagte
er.
»Kinder wird es nicht geben.«
»Das ist sehr bedauerlich,« sagte er.
»Dir ist sie erforderlich für die Kinder, aber an mich denkst du
nicht,« sprach sie, vollständig vergessend und überhörend, daß er
gesagt hatte »für dich und für die Kinder«. --
Die Frage nach der Möglichkeit, ob sie noch Kinder haben würden, hatte
für sie seit Langem eine Streitfrage gebildet, die sie erbitterte.
Seinen Wunsch, Kinder zu haben, legte sie sich dahin aus, daß er ihre
Schönheit nicht schätze.
»O, ich sagte doch für dich! Vor allem für dich,« wiederholte er, sich
wie unter einem Schmerzgefühl verfinsternd, »weil ich überzeugt bin,
daß ein großer Teil deiner _Gereiztheit_ von der Unbestimmtheit unserer
Lage herrührt.«
»Ja, jetzt hat er aufgehört, sich zu verstellen und alle seine kalte
Gehässigkeit gegen mich ist nun sichtbar,« dachte sie, seine Worte
nicht vernehmend, aber mit Schrecken auf den kalten, harten Richter
blickend, der, mit ihr Spott treibend, aus seinen Augen herausschaute.
»Dies ist nicht der Grund,« sagte sie, »ich begreife selbst nicht, daß
der Grund meiner _Gereiztheit_ -- wie du es nennst, der sein kann, mich
vollständig in deiner Gewalt zu befinden. Was für eine Unbestimmtheit
der Lage giebt es hierbei? Im Gegenteil.«
»Es ist sehr bedauerlich, daß du nicht verstehen willst,« unterbrach
er sie, beharrlich in dem Wunsche, seinen Gedanken auszusprechen, »die
Unbestimmtheit liegt darin, daß dir scheint, als wäre ich frei.«
»Diesbezüglich kannst du ganz ruhig sein,« sagte sie, und begann, indem
sie sich von ihm abwandte, ihren Kaffee zu trinken.
Sie hob die Tasse, und führte sie, den kleinen Finger von sich
streckend zum Munde. Nachdem sie einige Schlucke genommen, blickte sie
ihn an. An dem Ausdruck seines Gesichts erkannte sie klar, daß ihm ihre
Hand und ihre Geste zuwider war, wie das Geräusch, welches sie mit den
Lippen verursacht hatte.
»Mir ist alles vollständig gleichgültig, was deine Mutter denkt, und
wie sie dich verheiraten will,« sagte sie, mit zitternder Hand die
Tasse niedersetzend.
»Davon sprechen wir ja aber gar nicht.«
»O, eben davon; und glaube mir, daß für mich ein Weib ohne Herz -- sei
es alt oder nicht alt, deine Mutter oder eine Fremde -- ohne Interesse
ist, und ich es nicht kennen mag!«
»Anna, ich bitte dich, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu reden.«
»Ein Weib, welches nicht mit seinem Herzen erraten hat, worin das Glück
und die Ehre des Sohnes beruht -- hat kein Herz.«
»Ich wiederhole meine Bitte, nicht unehrerbietig von meiner Mutter zu
sprechen, die ich achte,« sagte er, seine Stimme hebend und sie streng
anblickend.
Sie antwortete nicht. Starr schaute sie ihn an, sein Gesicht, seine
Hände; sie rief sich die gestrige Versöhnungsscene mit allen ihren
Einzelheiten ins Gedächtnis zurück, sowie seine leidenschaftlichen
Liebkosungen. »Ganz die nämlichen Liebkosungen hat er an andere Weiber
verschwendet, er wird es weiterhin thun, er will es thun,« dachte sie.
»Du liebst deine Mutter nicht. -- Das sind alles Phrasen, nur Phrasen!«
-- sprach sie, ihn haßerfüllt anblickend.
»Wenn es so allerdings steht, dann heißt es« --
-- »Zu einem Entschluß kommen; und ich bin entschlossen;« sagte sie
und wollte gehen, doch gerade trat Jaschwin ins Zimmer. Anna begrüßte
ihn und blieb.
Warum sie, während in ihrer Seele ein Sturm tobte, und sie fühlte, daß
sie auf einem Wendepunkt ihres Lebens stehe, der furchtbare Folgen
haben könne -- warum sie sich während dieser Minute vor einem fremden
Menschen verstellen mußte, der früher oder später ja doch alles
erfahren würde, -- sie wußte es nicht, sondern ließ sich, den Sturm
in sich beschwichtigend, sogleich nieder und begann mit dem Besuch zu
konversieren.
»Nun, wie steht es mit Eurer Angelegenheit; habt Ihr eine
Schuldverschreibung erhalten?« frug sie Jaschwin.
»Nicht der Rede wert. Mir scheint, daß ich nicht alles erhalten werde,
ich muß Mittwoch verreisen. Wann reist Ihr?« antwortete dieser, mit den
Augen zwinkernd und Wronskiy anblickend. Er erriet augenscheinlich, daß
ein Zwist obgewaltet hatte.
»Übermorgen wahrscheinlich,« sagte Wronskiy.
»Ihr bereitet Euch übrigens schon seit Langem darauf vor.«
»Jetzt ist es jedoch beschlossen,« sprach Anna, Wronskiy gerade ins
Auge schauend, mit einem Blick, der diesem sagte, er solle nicht mehr
an die Möglichkeit einer Aussöhnung denken. »Thut Euch denn dieser
unglückliche Pjevzoff nicht leid?« setzte sie dann ihr Gespräch mit
Jaschwin fort.
»Ich habe mich noch nie gefragt, Anna Arkadjewna, ob mir etwas leid
thut oder nicht. Hier ist mein ganzes Vermögen« -- er wies auf seine
Seitentasche -- »und jetzt bin ich ein reicher Mann. Heute fahre ich in
den Klub, um ihn vielleicht als Bettler wieder zu verlassen. Wird mich
doch jeder der sich mit mir zum Spiel niedersetzt, auch bis aufs Hemd
ausplündern, so wie ich es mit ihm mache. Wir kämpfen eben miteinander
-- und darin liegt das Vergnügen.«
»Aber wenn Ihr nun verheiratet wäret,« sagte Anna, »was würde da aus
Eurer Frau.«
Jaschwin brach in Gelächter aus.
»Eben deshalb habe ich auch nicht geheiratet, mir dies auch niemals
vorgenommen!«
»Und Helsingfors?« frug Wronskiy, sich in die Unterhaltung mischend und
Anna, welche lächelte, anblickend. Seinem Blick begegnend, nahm das
Antlitz Annas plötzlich einen kalten, strengen Ausdruck an, als wollte
sie ihm sagen, »es ist nichts vergessen; es ist noch beim Alten.«
»Aber Ihr seid doch gewiß einmal verliebt gewesen?« wandte sie sich zu
Jaschwin.
»O Gott, wie oft. Aber -- merkt wohl auf, es kann sich einer zum Spiel
setzen, um stets dann davon aufzustehen, sobald die Zeit des Rendezvous
kommt -- ich kann mich zwar auch mit der Liebe beschäftigen, doch immer
nur so, daß ich abends die Partie nicht versäume. So halte ich es.«
»Darnach frage ich nicht; sondern nach dem, um was es sich jetzt
handelt;« sie wollte sagen »Helsingfors,« das Wort aber nicht
aussprechen, welches von Wronskiy gesprochen worden war.
Es kam nun Wojtoff, welcher einen Hengst gekauft hatte; Anna erhob sich
und verließ das Zimmer.
Bevor Wronskiy von Hause wegfuhr, trat er noch bei ihr ein. Sie wollte
sich stellen, als suchte sie Etwas auf dem Tische, blickte ihm aber,
von ihrer Heuchelei beschämt, offen und mit kühlem Blick ins Antlitz.
»Was wollt Ihr?« frug sie ihn auf französisch.
»Das Attestat über den Gambetta holen. Ich habe ihn verkauft,« sprach
er in einem Tone, der deutlicher als Worte ausdrückte, »ich habe mich
durchaus nicht zu erklären und es würde dies auch zu nichts führen.
Ich trage doch keine Schuld ihr gegenüber,« dachte er, »wenn sie
sich selbst bestrafen will, =tant pis pour elle=!« Im Hinausgehen
aber schien ihm, als habe sie etwas gesagt und sein Herz regte sich
plötzlich in Mitleid für sie.
»Was ist, Anna?« frug er.
»Ich sagte nichts,« antwortete sie immer noch so kalt und ruhig.
»Ah, nichts dann -- =tant pis=,« dachte er, wieder kühl werdend, wandte
sich und ging. Indem er hinausschritt, erblickte er im Spiegel ihr
Gesicht, bleich, mit bebenden Lippen. Er wollte nun wohl stehen bleiben
und ihr ein tröstendes Wort sagen, doch seine Füße trugen ihn aus dem
Zimmer, schneller, als er sich ausgedacht hatte, was er sagen sollte.
Diesen ganzen Tag brachte er außerhalb des Hauses zu; als er spät
Abends heimkehrte, sagte ihm die Zofe, daß Anna Arkadjewna Kopfweh habe
und bitten lasse, sie nicht zu besuchen.
26.
Noch nie war ein Tag im Hader vorübergegangen. Es war dies das erstemal
gewesen. Aber es war auch kein Streit mehr, sondern das offenkundige
Eingeständnis einer vollständigen Erkaltung. Konnte man sie denn
so anblicken, wie er es gethan hatte, indem er nach dem Attest in
das Zimmer getreten war. Sie anzuschauen und zu sehen, daß ihr Herz
zerrissen war von Verzweiflung, und schweigend weiterzugehen mit diesem
gleichgültigen, ruhigen Gesicht? Nicht nur, daß er kühl gegen sie
geworden war; haßte er sie auch, weil er eine andere liebte -- das war
klar. -- Und indem sie sich alle jene harten Worte, die er gesprochen
hatte, ins Gedächtnis zurückrief, überdachte sie nochmals diejenigen,
die er offenbar ihr zu sagen gewünscht hatte oder ihr sagen konnte, und
mehr und mehr geriet sie in Erbitterung.
»Ich halte Euch nicht,« konnte er sagen, »Ihr könnt gehen, wohin Ihr
wollt. Ihr habt Euch von Eurem Manne nicht scheiden lassen wollen,
wahrscheinlich, um zu ihm zurückzukehren. Kehrt zurück! Wenn Ihr Geld
braucht, will ich es Euch geben. Wieviel Rubel braucht Ihr?«
Die allerhärtesten Worte, welche ihr der rauhe Mann sagen konnte, er
sagte sie ihr in ihrer Einbildungskraft und sie verzieh ihm dieselben
nicht, als hätte er sie ihr wirklich gesagt.
»Aber hatte er ihr nicht gestern erst seine Liebe geschworen, er, der
gerechte und ehrenhafte Mann? Bin ich nicht etwa schon viele Male
grundlos in Verzweiflung gewesen?« sprach sie hierauf zu sich selbst.
Diesen ganzen Tag verbrachte Anna, mit Ausnahme einer Fahrt zur Wilson,
die sie zwei Stunden in Anspruch nahm, in Ungewißheit darüber, ob alles
vorbei, oder noch eine Hoffnung auf Versöhnung vorhanden wäre, ob sie
sogleich fort müsse, oder ihn erst noch einmal sehen solle. Sie wartete
auf ihn den ganzen Tag, und erwog bei sich, nachdem sie am Abend, als
sie sich in ihr Zimmer zurückzog, befohlen hatte mitzuteilen, daß
sie Kopfweh habe; wenn er trotz der Worte der Zofe, zu mir kommt, so
bedeutet dies, daß er noch liebt, wenn nicht, daß alles zu Ende ist,
und dann werde ich entscheiden, was ich zu thun habe.« --
Am Abend vernahm sie das Geräusch seines Wagens, sein Läuten, seine
Schritte und sein Gespräch mit der Zofe. Er glaubte, was man ihm gesagt
hatte, wollte nichts Weiteres hören und begab sich in seine Räume. Es
war also wohl alles vorüber.
Der Tod als das einzige Mittel, in seinem Herzen die Liebe zu ihr zu
erhalten, ihn zu strafen und den Sieg davonzutragen in diesem Kampfe,
den der in ihrem Herzen heimisch gewordene böse Geist mit ihm führte,
erschien klar und lebendig vor ihr.
Jetzt war alles gleich; fuhr man nach Wosdwishenskoje oder nicht,
erhielt man die Scheidung von dem Gatten oder nicht -- es war nichts
mehr nötig. Nötig war nur Eines noch -- ihn zu strafen! --
Als sie sich die gewohnte Dosis Opium eingoß, und daran dachte, daß man
nur die ganze Phiole zu leeren brauchte, um zu sterben, erschien ihr
dies so leicht und einfach, daß sie abermals mit Genugthuung daran zu
denken begann, wie er Qual und Reue empfinden und sie in der Erinnerung
lieben würde, wenn es schon zu spät wäre.
Sie lag im Bett mit offenen Augen, beim Scheine einer einsamen,
niedergebrannten Kerze nach dem Stuckkarnies der Zimmerdecke und dem
Teile derselben blickend, welcher den Schatten des Bettschirmes hatte,
und stellte sich lebendig vor, was er empfinden würde, wenn sie erst
nicht mehr wäre, wenn sie für ihn nur noch eine Erinnerung bildete.
»Wie konnte ich diese harten Worte zu ihr sagen,« würde er sprechen,
»wie konnte ich aus ihrem Zimmer gehen, ohne ihr ein Wort zu sagen?
Jetzt ist sie nicht mehr. Sie ist von mir gegangen. Sie ist dort« --
Da bewegte sich plötzlich der Schatten des Bettschirmes, umfing das
ganze Karnies, die ganze Decke, andere Schatten von der anderen Seite
stürzten ihr entgegen; auf einen Augenblick flohen dieselben davon,
bewegten sich aber dann mit erneuter Schnelligkeit heran, wankten hin
und her, verschwammen ineinander und alles wurde dunkel.
»Der Tod?« dachte sie, und ein Schrecken überkam sie, daß sie lange
nicht wußte, wo sie war, und lange mit den bebenden Händen kein
Zündholz finden konnte, um eine neue Kerze an Stelle derjenigen, welche
herabgebrannt und erloschen war, anzuzünden.
»Nein -- aber doch -- nur leben! Ich liebe ihn ja doch, und er liebt ja
mich! Dies ist geschehen und wird vorübergehen!« sprach sie im Gefühl,
daß ihr die Thränen der Freude ob ihrer Rückkehr zum Leben über die
Wangen flossen. Um sich von ihrem Schrecken zu erholen, begab sie sich
hastig nach seinem Kabinett.
Er schlief in demselben, in festem Schlummer. Sie trat zu ihm heran,
und betrachtete ihn, lange sein Gesicht von oben herab beleuchtend.
Jetzt, da er schlief, liebte sie ihn so sehr, daß sie bei seinem
Anblick die Thränen der Zärtlichkeit nicht zurückzuhalten vermochte;
aber sie wußte, daß er sie, wenn er erwachte, mit dem kalten Blick, der
sich seines Rechtes bewußt ist, anschauen würde, und sie ihm, bevor
sie ihm von ihrer Liebe sprach, darlegen müsse, daß er vor ihr der
Schuldige sei. Ohne ihn zu wecken kehrte sie zurück, und schlief nach
einer zweiten Dosis Opium bis zum Morgen in schwerem Halbschlummer,
währenddessen sie ununterbrochen ihr Empfindungsvermögen behielt.
Am Morgen erschien ihr der furchtbare Alp, der sich mehrmals in ihren
Traumbildern, schon vor der Zeit ihres Verhältnisses mit Wronskiy
wiederholt hatte, von neuem und erweckte sie. Jener Alte mit dem
wirren Barte arbeitete, auf sein Eisen gebeugt und unverständliche,
französische Worte sprechend, während sie -- wie stets unter diesem
Alpdrücken -- empfand, was den eigentlichen Schrecken für sie bildete,
daß dieser Bauer ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit widmete,
sondern eine furchtbare Arbeit in Eisen verrichtete -- über ihr. --
Sie erwachte in kaltem Schweiß liegend. Als sie sich erhob, erinnerte
sie sich des gestrigen Tages wie im Nebel.
»Es hatte Streit gegeben, das Nämliche, was schon mehrmals
stattgefunden hatte. Ich hatte gesagt, daß ich Kopfschmerzen hätte,
und er ist nicht zu mir gekommen. Morgen wollen wir reisen; ich muß ihn
sehen und mich zur Abreise vorbereiten,« sagte sie zu sich selbst, und
begab sich, nachdem sie gehört hatte, daß er sich in seinem Kabinett
befände, zu ihm. Als sie durch den Salon schritt, hörte sie, daß vor
der Einfahrt eine Equipage hielt und erblickte durchs Fenster schauend,
einen Wagen, aus welchem sich ein junges Mädchen in lilafarbenem Hut
herausbeugte, das ihrem Diener, welcher läutete einen Befehl erteilte.
Nach einem Zwiegespräch im Vorzimmer, kam jemand herauf und neben dem
Salon wurden die Tritte Wronskiys vernehmbar, welcher mit schnellen
Schritten die Treppe hinabeilte.
Anna trat wieder an das Fenster. Da trat er ohne Hut auf die Freitreppe
und ging zum Wagen. Das junge Mädchen im lilafarbigen Hut übergab ihm
ein Paket. Wronskiy sagte ihr lächelnd etwas und der Wagen fuhr wieder
fort. Er eilte schnell wieder zurück die Treppe herauf.
Der Nebel, welcher sich über ihre Seele gebreitet hatte, zerstreute
sich plötzlich. Die Empfindungen von gestern preßten mit neuem Weh ihr
krankes Herz.
Sie konnte jetzt nicht mehr begreifen, daß sie sich soweit hatte
erniedrigen können, noch einen ganzen Tag bei ihm in seinem Hause zu
bleiben, und kehrte in ihr Zimmer zurück, um ihn von ihrem Entschluß in
Kenntnis zu setzen.
»Die Sorokina war mit ihrer Tochter gekommen und hat mir Geld und
Papiere von =maman= gebracht. Ich konnte es gestern nicht erhalten. Wie
steht es mit deinem Kopf; besser?« sprach er ruhig, ohne den düsteren
und ernsten und feierlichen Ausdruck ihres Gesichts bemerken zu wollen.
Sie blickte ihn schweigend und starr an, in der Mitte des Zimmers
stehend. Er schaute sie an, verfinsterte sich einen Augenblick und
fuhr dann fort, einen Brief zu lesen. Sie wandte sich und ging langsam
nach der Thür. Er hätte sie noch zurückrufen können, aber sie war bis
an die Thür gegangen und er schwieg noch immer; nur das Rauschen eines
gewendeten Blattes des Briefes war vernehmbar.
»Also,« begann er in dem Augenblick, als sie schon in der Thür stand,
»morgen werden wir entschieden fahren, nicht wahr?«
»Ihr, nicht ich,« sprach sie, sich zu ihm wendend.
»Anna; es ist unmöglich, so zu leben« --
»Ihr, nicht ich,« wiederholte sie.
»Das wird unerträglich!«
»Ihr, Ihr werdet die Reue empfinden,« sprach sie und ging hinaus.
Erschreckt von dem verzweifelten Ausdruck, mit welchem diese Worte
gesprochen worden waren, sprang er auf und wollte ihr nacheilen,
doch indem er sich besann, setzte er sich wieder, sein Gesicht wurde
finster, indem er die Zähne fest aufeinanderbiß.
Diese Drohung, welche unziemlich war, wie er fand, hatte ihn gereizt.
»Ich habe alles versucht,« dachte er, »es bleibt nur noch Eins übrig --
sie nicht mehr zu beachten« -- und machte sich fertig, in die Stadt zu
fahren, nochmals zur Mutter, von welcher er eine Unterschrift für die
Vollmacht haben mußte.
Sie vernahm das Geräusch seiner Schritte im Kabinett und durch den
Speisesalon. Im Salon blieb er stehen; doch wandte er sich nicht zu
ihr, sondern erteilte nur Befehl, daß man in seiner Abwesenheit den
Hengst an Wojtoff ausliefere. Dann vernahm sie, wie man den Wagen
brachte, die Thür sich öffnete und er wiederum hinaustrat. Aber er
kehrte nochmals in den Flur zurück und es kam jemand nach oben geeilt.
Der Kammerdiener lief nach den vergessenen Handschuhen. Sie trat an das
Fenster und sah, wie er, ohne hinzublicken die Handschuhe ergriff, mit
der Hand den Rücken des Kutschers berührte und demselben etwas sagte.
Ohne die Fenster zu mustern, setzte er sich hierauf in seiner gewohnten
Pose in den Wagen, legte die Füße übereinander und drückte sich, einen
Handschuh anstreifend, in die Ecke.
27.
»Er ist fort. Es ist zu Ende!« sprach Anna zu sich selbst, am Fenster
stehend und zur Antwort auf diese Worte erfüllten jene Eindrücke in
der Finsternis nach dem Erlöschen des Lichtes, und des furchtbaren
Traumbildes in Eins zusammengeflossen, ihr Herz mit kaltem Entsetzen.
»Nein, es kann nicht sein!« schrie sie auf und schellte heftig, durch
das Zimmer eilend. Ihr war es jetzt so bange, allein zu bleiben, daß
sie, ohne das Erscheinen des Dieners abzuwarten, diesem entgegenkam.
»Erkundigt Euch, wohin der Graf gefahren ist,« sagte sie.
Der Diener versetzte, der Graf sei nach den Marställen gefahren.
»Der Herr haben befohlen zu melden, daß der Wagen sogleich zurückkehren
würde, falls es Euch gefällig wäre, auszufahren.«
»Gut. Bleibt. Ich werde sogleich ein Billet schreiben. Schickt Michail
mit dem Billet nach den Marställen, so schnell als möglich.«
Sie setzte sich und begann zu schreiben:
»Ich bin schuld. Kehre heim, wir müssen ins Klare kommen. Um Gott,
komm, mir ist furchtbar.«
Sie siegelte und übergab dem Diener das Billet.
Jetzt fürchtete sie sich allein zu bleiben und begab sich, nachdem der
Diener gegangen war, aus dem Zimmer nach der Kinderstube.
»Was ist das? Das ist er nicht! Das ist nicht Er! Wo sind seine blauen
Augen, wo ist sein mildes, sanftes Lächeln?« war ihr erster Gedanke,
als sie ihr dralles, rotbäckiges kleines Mädchen mit den schwarzen
krausen Haaren anstatt Sergeys, den sie in einer Verwirrung ihrer
Gedanken in der Kinderstube zu sehen erwartet hatte, erblickte.
Das Kind saß am Tische, hartnäckig und geräuschvoll mit einem
Korkpfropfen auf den Tisch pochend, und schaute mit seinen zwei
schwarzen Augen verständnislos die Mutter an.
Nachdem Anna der Engländerin geantwortet hatte, daß sie sich völlig
wohl befinde und morgen aufs Land gehen werde, setzte sie sich zu
ihrem Kinde und begann vor demselben den Pfropfen von einer Karaffe zu
drehen. Das laute, tönende Lachen des Kindes und die Bewegung, welche
dasselbe mit den Brauen machte, brachten ihr aber Wronskiy so lebhaft
in die Erinnerung, daß sie, ein Aufschluchzen unterdrückend, hastig
aufstand und hinausging.
»Ist denn wirklich alles zu Ende? Nein, es kann nicht sein,« dachte
sie. »Er wird zurückkehren! Aber wie soll er mir jenes Lächeln
erklären, seine Lebhaftigkeit, nachdem er mit ihr gesprochen hatte?
Indessen auch wenn er mir es nicht erklärt, will ich ihm glauben.
Glaube ich ihm nicht, dann bleibt mir noch Eins -- aber ich will
nicht.« --
Sie sah nach der Uhr. Es waren zwanzig Minuten vergangen.
»Jetzt hat er mein Billet bereits erhalten und kehrt zurück. Nicht
lange mehr, noch zehn Minuten -- aber wie, wenn er nicht zurückkehrt?
Doch nein, das kann nicht sein! Er darf mich indessen nicht mit
verweinten Augen sehen. Ich will gehen und mich waschen. Bin ich denn
frisiert oder nicht?« frug sie sich, ohne sich erinnern zu können.
Sie fühlte sich nach dem Kopfe, »ja, ich bin frisiert, aber wann es
geschah, weiß ich wirklich nicht mehr.« Sie glaubte nicht einmal der
eigenen Hand und ging zu dem Trumeau, um nachzusehen, ob sie in der
That frisiert sei oder nicht. Sie war frisiert und konnte sich dennoch
nicht erinnern, wann sie es gethan hatte. »Wer ist das?« dachte sie, in
den Spiegel blickend, und ein fieberhaft glühendes Antlitz mit seltsam
blitzenden Augen, die sie erschreckt ansahen, gewahrend. »Das bin ich
doch,« erkannte sie plötzlich und ihre ganze Erscheinung musternd,
fühlte sie plötzlich seine Küsse auf sich und zuckte zusammenschauernd
mit den Schultern. Dann hob sie die Hand zu den Lippen und küßte sie.
»Was ist das; ich bin von Sinnen,« sprach sie und begab sich in das
Schlafzimmer, wo Annuschka aufräumte. »Annuschka,« sagte sie, vor der
Zofe stehen bleibend und sie anschauend, ohne zu wissen, was sie ihr
eigentlich sagen wollte.
»Ihr wolltet zu Darja Aleksandrowna fahren,« antwortete die Zofe, als
ob sie verstanden hätte.
»Zu Darja Aleksandrowna? Ja, ich werde fahren.«
»Fünfzehn Minuten hin, fünfzehn Minuten zurück! Er wird schon kommen,
er kommt sogleich.« Sie zog die Uhr hervor und sah darnach. »Wie konnte
er nur wegfahren, und mich in einer solchen Lage zurücklassen? Wie kann
er leben, ohne mit mir ausgesöhnt zu sein?« Sie trat ans Fenster und
schaute auf die Straße hinab. Der Zeit nach hätte er schon zurücksein
können. Aber ihre Berechnung konnte nicht richtig sein und sie begann
aufs neue, sich zu vergegenwärtigen, wann er weggefahren war, und die
Minuten zu berechnen. Gerade als sie nach einer größeren Uhr ging, um
die ihrige darnach zu vergleichen, kam jemand angefahren. Durch das
Fenster blickend, gewahrte sie seinen Wagen. Es kam jedoch niemand zur
Treppe herauf, während unten Stimmen vernehmbar wurden. Der Bote war
es, welcher im Wagen zurückkehrte. Sie ging zu ihm hinunter.
Der Graf war nicht zu treffen gewesen, er war auf der Chaussee von
Nishegorod weggefahren.
»Was bringst du? Was« -- wandte sie sich zu dem rotbäckigen, fröhlichen
Michail, der ihr das Billet wieder zurückgab. »Er hat es ja gar nicht
erhalten,« sagte sie sich. »Fahre mit diesem Billet auf das Dorf zur
Gräfin Wronskaja, verstehst du? Und bringe sofort Antwort,« sagte sie
zu dem Boten. »Aber was soll ich selbst thun?« dachte sie, »nun, ich
werde zu Dolly fahren, oder, wahrhaftig, ich verliere den Verstand. Ich
kann ja auch noch telegraphieren.« Sie schrieb sogleich eine Depesche
nieder.
»Ich muß dich sprechen, komm sogleich.«
Nachdem sie das Telegramm abgeschickt hatte, ging sie sich anzukleiden.
Bereits angekleidet und im Hut blickte sie nochmals der etwas beleibt
gewordenen, ruhigen Annuschka in die Augen. Offenes Mitleid war in
diesen kleinen, gutmütigen, grauen Augen sichtbar.
»Liebe Annuschka, was soll ich thun?« sagte Anna weinend, sich hilflos
in einem Lehnsessel sinken lassend.
»Wozu sich so beunruhigen, Anna Arkadjewna! So geht es eben! Fahrt nur
und zerstreut Euch,« antwortete die Zofe.
»Ja, ich werde fahren,« sagte Anna, sich ermannend und aufstehend.
»Wenn in meiner Abwesenheit ein Telegramm einlaufen sollte, so soll es
zu Darja Aleksandrowna geschickt werden -- oder nein; ich werde selbst
zurückkommen!« --
»Ja, man muß nicht grübeln, sondern etwas thun, ausfahren, und
hauptsächlich dieses Haus verlassen,« sprach sie, mit Entsetzen die
furchtbare Wallung wahrnehmend, welche in ihrem Herzen entstand, ging
hastig hinaus und setzte sich in den Wagen.
»Wohin befehlt Ihr?« frug Peter, bevor er sich auf den Bock setzte.
»Nach Znamenka, zu den Oblonskiy!«
28.
Das Wetter war klar. Den ganzen Morgen war ein dichter, feiner Regen
gefallen und jetzt hatte es sich seit kurzem erst aufgehellt. Die
eisernen Dächer, die Trottoirsteine und Pflastersteine, die Räder, das
Lederzeug, Kupfer und Blech an den Equipagen, alles glänzte hell in der
Maisonne. Es war drei Uhr, die Zeit, zu welcher es auf den Straßen am
lebhaftesten ist.
In der Ecke des ruhig gehenden Wagens sitzend, der auf seinen
Sprungfedern bei dem schnellen Gange der beiden Grauen kaum schaukelte,
ließ Anna unter dem eintönigen Rasseln der Räder, den schnell
wechselnden Eindrücken bei der klaren Luft, von neuem die Vorkommnisse
der letzten Tage an sich vorüberziehen und sie erkannte ihre Lage
als eine ganz andere, als wie sie ihr zu Haus erschienen war. Jetzt
erschien ihr selbst der Gedanke an den Tod nicht mehr so furchtbar und
deutlich, und der Tod selbst erschien ihr nicht mehr unvermeidlich.
Jetzt machte sie sich Vorwürfe über die Niedergeschlagenheit, bis zu
welcher sie sich hatte führen lassen.
»Ich werde ihn beschwören mir zu verzeihen. Ich habe mich ihm
untergeordnet und mich schuldig bekannt. Aber warum? Kann ich denn ohne
ihn nicht leben?«
Und ohne sich auf die Frage, wie sie ohne ihn leben könnte, zu
antworten, begann sie die Ladenschilder zu lesen. »Comptoir und
Niederlage. -- Zahnarzt -- ja, ich werde Dolly alles sagen. Sie liebt
Wronskiy nicht. Für mich wird es schmachvoll, schmerzlich sein, aber
ich will ihr alles sagen. Sie liebt mich und ich werde ihrem Rate
folgen. Ich werde mich ihm nicht unterwerfen, ihm nicht gestatten,
mich zu erziehen. -- Philippoff, Kalatschenkauf. -- Man soll den Teig
auch nach Petersburg bringen. Das Moskauer Wasser ist so gut; ja die
Brunnen von Mytichy und die Pfannkuchen« -- und sie erinnerte sich, wie
sie vor langer, langer Zeit, als sie noch siebzehn Jahre zählte, mit
der Tante zum Pfingstfest gekommen war; zu Pferde noch. War ich denn
das wirklich, ich mit den schönen Händen? Wie vieles von dem, was mir
damals so schön und unerreichbar erschien, ist dahin, während mir das,
was ich damals besaß, jetzt auf ewig unerreichbar geworden ist.
Hätte ich damals geglaubt, daß ich bis zu einem solchen Grade von
Erniedrigung gelangen könnte? Wie wird er stolz und befriedigt sein,
wenn er mein Billet empfängt! Aber ich werde ihm zeigen. -- Wie
übel doch diese Farbe hier riecht! Warum streicht und baut man nur
fortwährend? -- »Moden- und Putzwaaren« -- las sie weiter. Ein Mann
grüßte sie; es war der Gatte Annuschkas; »unsere Parasiten,« dachte
sie, sich der Worte Wronskiys erinnernd. »Unsere? Warum unsere? Es ist
entsetzlich, daß man die Vergangenheit nicht mit der Wurzel ausreißen
kann! Man kann sie nicht ausreißen, aber die Erinnerung daran bedecken.
Und ich will sie verhüllen.«
Und jetzt dachte sie an ihr vergangenes Leben mit Aleksey
Aleksandrowitsch, daran, daß sie ihn aus ihrem Gedächtnis gelöscht
hatte. »Dolly wird denken, daß ich nun den zweiten Mann verlasse, und
daher gewiß im Unrecht bin. Kann ich denn aber im Rechte sein? Ich kann
es nicht,« fuhr sie fort und die Thränen stiegen in ihr auf. Doch sie
begann sogleich, sich zu denken, warum wohl jene beiden Mädchen dort
so lächelten. Wahrscheinlich in Liebesgedanken? Sie wissen nicht, wie
traurig, wie niedrig das ist!
Da kommt der Boulevard; Kinder spielen auf ihm. Drei Knaben laufen
da und spielen Pferd. -- Mein Sergey! -- Alles verliere ich und ihn
kann ich nicht wieder erhalten. Ja, alles verliere ich, wenn er nicht
zurückkehrt. Vielleicht hat er sich mit dem Zug verspätet und ist jetzt
schon zurück. Aber soll ich mich schon wieder erniedrigen?« frug sie
sich selbst, »nein, ich will zu Dolly und ihr offen sagen, ich bin
unglücklich, ich habe es verdient und bin schuldig -- immer aber doch
unglücklich -- hilf mir! -- Diese Pferde, dieser Wagen, wie abscheulich
komme ich mir selbst in diesem Wagen vor -- alles ist ja sein; doch ich
werde nichts mehr davon sehen.« --
Indem sie sich die Worte überlegte, mit welchen sie Dolly alles sagen
wollte, absichtlich sich ihr Herz zerreißend, betrat Anna die Treppe.
»Ist man daheim?« frug sie im Vorzimmer.
»Katharina Aleksandrowna Lewina ist zugegen,« antwortete der Diener.
»Kity! Die nämliche Kity, in welche Wronskiy verliebt gewesen ist,«
dachte Anna, »die nämliche, der er in Liebe gedachte. Er bedauerte, sie
nicht geheiratet zu haben, aber meiner gedenkt er in Haß und er beklagt
es, sich mit mir vereint zu haben.«
Unter den Schwestern fand, als Anna ankam, gerade eine Beratung
betreffs der Ernährungsfrage des Kindes statt. Dolly ging allein
hinaus, um den Besuch zu empfangen, der in diesem Augenblick ihr
Gespräch störte.
»Ach, du bist noch nicht abgereist? Ich wollte selbst zu dir kommen« --
sagte sie, »heute habe ich einen Brief von Stefan erhalten!«
»Wir haben gleichfalls eine Depesche empfangen,« antwortete Anna, sich
umschauend, um Kity zu sehen.
»Er schreibt, er könne nicht begreifen, was Aleksey Aleksandrowitsch
eigentlich wolle, würde aber nicht ohne einen Bescheid abreisen.«
»Ich dachte, es wäre jemand bei dir. Kann man den Brief lesen?«
»Ja, Kity ist da,« sprach Dolly, in Verlegenheit geratend, »sie ist in
der Kinderstube geblieben; sie war sehr krank.«
»Ich habe davon gehört. Kann ich den Brief lesen?«
»Sogleich will ihn bringen. Doch er giebt keinen abschläglichen
Bescheid, im Gegenteil, Stefan hofft,« sagte Dolly, in der Thür stehen
bleibend.
»Ich hoffe und wünsche auch nichts,« antwortete Anna. »Was heißt das,
hält es Kity für entwürdigend, mit mir zusammenzutreffen?« dachte Anna,
während sie allein war. »Vielleicht ist sie damit auch im Rechte, aber
nur durfte sie gerade, welche in Wronskiy verliebt gewesen ist, mir
es nicht zeigen, auch wenn dies verdient wäre. Ich weiß, daß mich in
meiner Lage kein ehrenhaftes Weib empfangen kann, weiß, daß ich ihm von
jener ersten Minute an alles geopfert habe. Nun habe ich meinen Lohn!
O, wie ich ihn hasse! Und warum bin ich hierher gefahren? Nur, damit
mir noch trauriger und schwerer zu Mute wird!«
Sie vernahm aus dem Nebenzimmer die Stimmen der unter sich sprechenden
Schwestern. »Was soll ich jetzt Dolly sagen? Kity ein Vergnügen damit
machen, daß ich unglücklich bin, mich ihrer Gönnerschaft aussetzen?
Nein, auch Dolly wird nicht begreifen, und ich brauche nichts mit ihr
zu reden. Interessant wäre es mir nur gewesen, Kity einmal zu sehen
und ihr zu zeigen, daß ich alle, alles verachte, wie mir jetzt alles
gleichgültig ist.«
Dolly trat mit dem Briefe ein. Anna las ihn und gab ihn schweigend
zurück.
»Das habe ich alles gewußt,« sagte sie, »und es interessierte mich
nicht im geringsten.«
»Aber warum nicht? Ich, im Gegenteil, habe Hoffnung,« sagte Dolly, Anna
neugierig anblickend. Noch nie hatte sie diese in einem so seltsamen
Zustande von Erbitterung gesehen, »wann fährst du?« frug sie.
Anna schaute finster vor sich hin und antwortete ihr nicht.
»Versteckt sich Kity vor mir?« sprach sie nach der Thür blickend und
rot werdend.
»O, was das für Thorheiten sind! Sie läßt das Kind trinken, aber es
glückt ihr nicht recht; ich habe ihr geraten -- sie ist vielmehr sehr
erfreut, und wird sogleich kommen,« sagte Dolly etwas unsicher, da sie
nicht zu lügen verstand. »Da ist sie ja!« --
Nachdem Kity erfahren hatte, daß Anna gekommen sei, wollte sie nicht
erscheinen, doch Dolly redete ihr zu. Nachdem sie sich gesammelt hatte,
kam sie nun und trat errötend näher, Anna die Hand reichend.
»Ich freue mich sehr,« sprach sie mit zitternder Stimme.
Kity war verwirrt gewesen über den Kampf, der in ihr vor sich ging,
und zwischen der Feindschaft gegen dieses verworfene Weib, und dem
Wunsche, entgegenkommend gegen es zu sein, schwankte sie, allein sobald
sie das schöne sympathische Gesicht Annas erblickt hatte, war alle
Feindseligkeit sogleich verschwunden.
»Ich würde mich nicht gewundert haben, wenn Ihr nicht wünschtet, mir zu
begegnen. Ich bin an alles gewöhnt. Ihr seid krank gewesen? Allerdings,
Ihr habt Euch verändert,« sprach Anna.
Kity empfand, daß Anna sie feindselig betrachtete. Sie erklärte sich
diese Feindseligkeit aus der peinlichen Lage, in welcher sich Anna, die
früher eine Protektorschaft über sie geübt hatte, vor ihr fühlte.
Sie sprachen von der Krankheit, dem Kinde, von Stefan, aber nichts von
alledem interessierte Anna.
»Ich bin gekommen, mich von dir zu verabschieden,« sagte sie aufstehend.
»Wann fahrt Ihr?«
Anna wandte sich abermals, ohne zu antworten, zu Kity.
»Es freut mich sehr, Euch wiedergesehen zu haben,« sprach sie lächelnd.
»Ich habe über Euch von allen Seiten gehört, selbst von Eurem Gatten.
Er ist bei mir gewesen und hat mir sehr gefallen,« fügte sie,
augenscheinlich in übler Absicht hinzu. »Wo ist er denn?«
»Er ist aufs Dorf gefahren,« antwortete Kity errötend.
»Grüßt ihn von mir, grüßt ihn ja von mir!«
»Gewiß,« wiederholte Kity treuherzig, ihr voll Mitleid in die Augen
blickend.
»Also leb' wohl, Dolly?« Nachdem Anna Dolly geküßt und Kity die Hand
gedrückt hatte, ging Anna eilig fort.
»Sie bleibt immer die gleiche, fesselnde; sie ist sehr hübsch,« sagte
Kity, nachdem sie mit der Schwester allein geblieben, »aber es liegt
etwas Mitleiderweckendes in ihr. Es ist doch entsetzlich traurig!«
»Nein, heute lag in ihr etwas Eigenartiges,« sagte Dolly, »als ich sie
hinausbegleitete, schien mir im Vorzimmer, als ob sie weinen wollte.«
29.
Anna setzte sich wieder in den Wagen, noch düsterer gestimmt, als sie
es bei ihrer Wegfahrt von Hause gewesen war. Zu den früheren Qualen
gesellte sich jetzt das Gefühl der Kränkung und Verstoßenheit, welches
sie deutlich bei ihrer Begegnung mit Kity empfunden hatte.
»Wohin befehlt Ihr? Nach Hause?« frug Peter.
»Ja, nach Hause,« sagte sie, jetzt gar nicht mehr daran denkend, wohin
sie fuhr.
»Wie sie mich anblickten; gerade, als wäre ich etwas Furchtbares,
Unbegreifliches und Neugier Erregendes. Wovon mag der da wohl mit
solchem Eifer dem andern erzählen,« dachte sie, auf zwei Fußgänger
blickend. -- »Kann man denn einem andern erzählen, was man empfindet?
Ich wollte es Dolly erzählen, aber es ist gut, daß ich nicht erzählt
habe. Wie froh wäre sie über mein Unglück gewesen! Sie hätte dies zwar
verheimlicht, aber in der Hauptsache wäre ihr Gefühl nur die Freude
darüber gewesen, daß ich für jene Lust bestraft worden bin, um welche
sie mich beneidet hat. Kity nun würde sich noch mehr gefreut haben.
Wie ich sie jetzt durch und durch kenne! Sie weiß, daß ich gegen ihren
Mann außergewöhnlich liebenswürdig gewesen bin, ist nun eifersüchtig
auf mich und haßt mich. Sie verachtete mich aber auch noch. In ihren
Augen bin ich ein Weib ohne Moral. Ich hätte ihren Mann mit Liebe zu
mir erfüllen können, wenn ich ein sittenloses Weib wäre. -- Wenn ich
gewollt hätte. -- Ich habe auch gewollt! -- Der dort ist zufrieden mit
sich selbst« -- dachte sie beim Anblicke eines dicken, rotaussehenden
Herrn, der an ihr vorübergefahren kam, sie für eine Bekannte hielt,
und den Hut auf seinem glänzenden Glatzkopf lüftete, sich dann aber
überzeugte, daß er geirrt habe.
»Er glaubte, mich zu kennen, und er kannte mich doch so wenig, wie mich
überhaupt jemand auf der Welt kennen mag. Ich selbst kenne ihn nicht.
Ich kenne nur seine =appetits=, wie die Franzosen sagen. -- Die da
möchten dieses schmutzige Gefrorene haben,« dachte sie, auf zwei Knaben
blickend, welche einen Eisverkäufer angehalten hatten, der seinen Tuber
vom Kopfe nahm und mit dem Zipfel seines Handtuchs das schweißbedeckte
Gesicht abtrocknete. »Uns alle verlangt nach Süßigkeit und Leckerei.
Ist es nicht Konfekt, so kann es schmutziges Gefrorenes sein. Auch
mit Kity ist es so; war es nicht Wronskiy, so war es Lewin. Und sie
beneidet mich, und haßt mich dafür. Wir alle hassen uns gegenseitig.
Ich Kity -- Kity mich! Das ist die Wahrheit. -- >Tjutkin, Coiffeur. --
=Je me fais coiffer par Tjutkin=.< Dies werde ich ihm sagen, wenn er
kommt,« dachte sie und lächelte. Doch im selben Augenblick erinnerte
sie sich, daß sie jetzt nicht Ursache habe, jemand etwas Scherzhaftes
zu sagen; »es giebt auch nichts Scherzhaftes oder Heiteres dabei,
alles ist häßlich. Man läutet zur Vesper; wie sorgsam sich dieser
Kaufmann bekreuzigt. Als ob er fürchtete, etwas zu verlieren. Wozu
diese Kirchen, dieses Läuten, diese Lüge? Nur dazu, um zu verbergen,
daß wir uns alle einander hassen, wie diese Mietkutscher da, die
sich so erbost streiten. Jaschwin sagt: Der Gegner sucht mich bis
aufs Hemd auszuplündern, also thue ich dies auch mit ihm. Das ist
Gerechtigkeit!« --
In diesen Gedanken, welche sie so beschäftigten, daß sie selbst
über ihre Lage nachzudenken aufgehört hatte, fand sie sich, als der
Wagen vor der Freitreppe ihres Hauses anhielt. Erst als sie den ihr
entgegenkommenden Portier erblickte, erinnerte sie sich wieder, daß sie
ein Billet und ein Telegramm abgeschickt hatte.
»Ist Antwort da?« frug sie.
»Ich werde sogleich nachsehen,« versetzte der Portier, schaute in das
kleine Comptoir, langte hinein und reichte ihr ein viereckiges, dünnes
Couvert mit einem Telegramm. »Ich kann nicht früher als um zehn Uhr
kommen. Wronskiy.« -- las sie.
»Der Bote ist nicht zurückgekehrt?«
»Nein,« antwortete der Portier.
»Wenn es so steht, weiß ich, was ich zu thun habe,« sagte sie und eilte
in dem Gefühl eines in ihr aufsteigenden, unklaren Grimmes und des
Verlangens nach Rache hinauf. »Ich werde selbst zu ihm fahren; bevor
ich auf immer gehe, will ich ihm noch alles sagen! Nie habe ich einen
Menschen so gehaßt, wie diesen Mann!« dachte sie. Als sie seinen Hut am
Kleidergestell erblickte, schauerte sie zusammen vor Widerwillen.
Sie bedachte nicht, daß sein Telegramm die Antwort auf das ihrige
bildete, und er ihren Brief noch gar nicht erhalten hatte. Sie stellte
sich ihn jetzt vor in ruhigem Gespräch mit seiner Mutter und der
Sorokina, voll Freude über ihre Leiden. »Ja, ich muß möglichst bald
fahren,« sprach sie zu sich, noch ohne zu wissen, wohin. Es verlangte
sie, möglichst schnell den Empfindungen entgehen zu können, welche sie
in diesem furchtbaren Hause hatte. Die Dienstboten, die Wände, die
Gegenstände in diesem Hause -- alles forderte in ihr Widerwillen und
Zorn heraus, und beklemmte sie mit einer gewissen Schwere.
»Ich muß auf die Eisenbahnstation fahren, und ist er nicht dort, zu ihm
selbst und ihn überführen!«
Anna sah in den Zeitungen nach den Fahrplänen der Züge. Es ging abends
acht Uhr zwei Minuten ein Zug. »Ja, da will ich eilen.«
Sie befahl andere Pferde anzuspannen, und widmete sich dem Einpacken
von Sachen in eine Reisetasche, die ihr für einige Tage erforderlich
waren. Sie wußte, daß sie nicht wieder hierher zurückkehren werde. In
ihrer Aufregung entschloß sie sich unter den Plänen die ihr in den Kopf
kamen, je nach den Vorgängen auf der Station oder auf dem Gute der
Gräfin, auf der Strecke Nishegorod bis zur nächsten Stadt zu fahren und
dort zu bleiben.
Das Essen stand auf dem Tische. Sie trat heran, roch an Brot und Käse
und befahl, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Geruch alles
Eßbaren ihr nur widerlich sei, den Wagen anzuspannen, worauf sie
hinausging.
Das Haus warf seinen Schatten bereits über die ganze Straße; es war ein
klarer, noch warmer und sonniger Abend.
Sowohl Annuschka, die ihr mit den Sachen folgte, als Peter, welcher
dieselben im Wagen unterbrachte und der Kutscher, der augenblicklich
schlechte Laune hatte -- alle waren ihr widerlich und reizten sie mit
ihren Worten und Bewegungen.
»Ich brauche dich nicht, Peter!«
»Aber das Billet?«
»Nun, wie du willst, mir ist alles gleich,« sprach sie verdrießlich.
Peter stieg hinten auf und befahl, die Hände in die Seite gestützt,
nach dem Bahnhof zu fahren.
30.
»Da ist es wieder! Wieder erfasse ich alles,« sprach Anna zu sich,
sobald der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, schütternd über das
Pflaster fuhr, und die Eindrücke sich wiederum, einer nach dem andern,
abwechselten. »Was dachte ich denn zuletzt so Angenehmes,« suchte sie
in ihrer Erinnerung. »>Tjutkin, Coiffeur?< -- Nein, das war es nicht.
Ach ja, wovon Jaschwin gesprochen: Der Kampf ums Dasein und der Haß,
sie sind das Eine, was die Menschheit zusammenhält. O, Ihr fahrt
umsonst,« wandte sie sich in Gedanken zu einer Gesellschaft, die in
einer Tschetwernja dahinfuhr, wohl um sich außerhalb der Stadt zu
vergnügen. »Auch der Hund, den Ihr da mit Euch führt, wird Euch nichts
helfen; Ihr werdet Euch nicht voneinander verlieren.« Indem sie den
Blick nach der Seite richtete, nach der sich Peter wandte, erblickte
sie einen fast bis zur Besinnungslosigkeit berauschten Fabrikarbeiter
mit wackelndem Kopfe, den ein Polizist führte.
»Da der -- das geht schon eher;« dachte sie, »dieses Vergnügen habe
ich mit dem Grafen Wronskiy noch nicht genossen, obwohl ich viel
von ihm erwartet hatte.« Zum erstenmale ließ Anna jetzt die scharfe
Beleuchtung, unter der sie alles erblickte, auf ihre Beziehungen zu ihm
fallen, über die sie nachzudenken vorher vermieden hatte.
»Was hat er in mir gesucht? Liebe doch nicht so sehr, als mehr eine
Befriedigung seiner Eitelkeit.«
Sie erinnerte sich seiner Worte, des Ausdrucks seiner Züge, die in der
ersten Zeit ihres Verhältnisses den Eindruck eines ergebenen Jagdhundes
auf sie gemacht hatten. Alles bestätigte dies jetzt. »Ja, in ihm lebte
der Triumph über einen Erfolg seines Ehrgeizes. Natürlich war ja auch
Liebe dabei gewesen, aber den Hauptteil bildete doch der Stolz auf
seinen Erfolg. Er hat sich mit mir gebrüstet! Jetzt ist das vorüber.
Er soll nun auf nichts mehr stolz sein. Es giebt jetzt keinen Stolz
mehr für ihn, sondern nur noch Schande. Er hat mir alles genommen,
was er nehmen konnte, jetzt braucht er mich nicht mehr. Er ist meiner
überdrüssig, und will nicht mehr mir gegenüber ehrlos sein. Er hat
sich gestern versprochen -- er will die Scheidung und die Heirat nur,
um die Schiffe hinter sich abzubrennen. Er liebt mich -- aber wie? --
=The zest is gone=. -- Der da will alle in Erstaunen setzen und ist
ja sehr zufrieden mit sich selbst,« dachte sie, auf einen rotbäckigen
Handlungsdiener blickend, welcher ein Manegepferd ritt. »Ja, der alte
Geschmack an mir ist nicht mehr bei ihm vorhanden. Wenn ich von ihm
gehe, wird er herzlich froh sein.«
Dies war keine Vermutung -- sie sah es klar in jenem durchdringenden
Lichte, welches ihr jetzt den Sinn des Lebens und der menschlichen
Verhältnisse offenbarte.
»Meine Liebe wird immer leidenschaftlicher und egoistischer, die seine
aber erlischt mehr und mehr, und deshalb trennen wir uns,« fuhr sie
fort zu grübeln. »Und Hilfe ist hierbei unmöglich. Für mich liegt alles
in ihm allein und ich fordere, daß er immer mehr und mehr sich mir
hingebe. Er aber immer will mehr und mehr von mir entweichen. Wir sind
bis zum Bunde miteinander zusammengekommen, gehen aber nun unaufhaltsam
nach verschiedenen Richtungen wieder auseinander. Und dies läßt sich
auch nicht ändern. Er sagt mir, ich sei sinnlos eifersüchtig, und ich
selbst habe mir gesagt, ich bin sinnlos eifersüchtig -- aber das ist
unwahr. Ich bin nicht eifersüchtig, sondern unzufrieden! Doch« -- sie
öffnete den Mund und veränderte den Sitz im Wagen vor der Erregung,
die in ihr durch einen plötzlich auftauchenden Gedanken hervorgerufen
wurde. »Wenn ich noch etwas Anderes sein könnte, als seine Geliebte,
die leidenschaftlich nur seine Liebkosungen liebt; aber ich kann und
will gar nichts Anderes sein. Mit diesem Wunsche aber erwecke ich in
ihm Widerwillen, er in mir Wut; das kann nicht anders sein! Weiß ich
etwa nicht, daß er nicht schon anfinge mich zu hintergehen? Daß er
nicht Absichten auf die Sorokina hätte, daß er Kity geliebt hat und
mich verrät? Alles dies weiß ich, und mir wird davon nicht leichter.
Wenn er, ohne mich zu lieben, nur _aus Pflicht_ gut und zärtlich gegen
mich ist, nicht aber das sein will, was ich wünsche; so wäre es noch
tausendmal schlimmer, als Haß! Das wäre -- die Hölle! Und so ist es
auch! Er liebt mich schon lange nicht mehr, und wo die Liebe aufhört,
da fängt der Haß an. Diese Straßen kenne ich doch gar nicht. Berge,
und Häuser auf Häuser, in den Häusern aber Menschen, nur Menschen. Wie
viele Menschen giebt es da, kein Ende ist abzusehen, und alle hassen
einander. Aber ich will mir doch einmal ausdenken, was ich eigentlich
will, um glücklich zu sein? Nun, gesetzt, ich erhalte die Ehescheidung,
Aleksey Aleksandrowitsch giebt mir Sergey und ich heirate Wronskiy.«
Indem sie Aleksey Aleksandrowitschs gedachte, stellte sie sich ihn
sogleich mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit vor, als ob er lebendig vor
ihr stände, mit seinen sanften, leblosen, erloschenen Augen, den blauen
Adern auf den weißen Händen, seinen Betonungen und dem Knacken seiner
Finger, und indem sie sich des Gefühls erinnerte, welches zwischen
ihnen bestanden und auch Liebe geheißen hatte, erschauerte sie vor Ekel.
»Nun, ich werde die Scheidung erhalten und Wronskiys Weib werden. Wird
aber Kity dann aufhören, so auf mich zu schauen, wie sie es heute
gethan hat? Nein. Wird dann Sergey aufhören, nach meinen zwei Männern
zu fragen oder über sie nachzudenken? Und welches neue Gefühl soll
ich mir für Wronskiy und mich ausdenken? Ist ein Etwas möglich, das
nicht mehr Glück, und doch auch nicht eine Qual wäre? -- Nein und aber
nein!« -- antwortete sie sich selbst, jetzt ohne das geringste Zaudern.
»Es ist unmöglich! Wir werden durch das Leben getrennt; ich bin sein
Unglück, er ist das meine, und es ist unmöglich, ihn oder mich zu
rehabilitieren. Alle Versuche sind gemacht worden, die Schraube ist
abgelaufen. -- Da, eine Bettlerin mit ihrem Kinde! -- Sie glaubt, man
habe Mitleid mit ihr. Sind wir denn nicht alle nur dazu in die Welt
geworfen worden, um einander zu hassen, und uns und die anderen deshalb
zu martern? -- Da kommen Gymnasiasten. -- Sie lachen! Ist Sergey
darunter?« -- dachte sie. »Ich habe auch geglaubt, daß ich ihn liebte,
und war gerührt von seiner Zärtlichkeit. Und doch habe ich auch ohne
ihn gelebt, habe ich ihn um eine andere Liebe vertauscht und diesen
Tausch nicht beklagt, so lange ich in dieser Liebe Genüge fand.«
Mit Widerwillen erinnerte sie sich dessen, was sie mit dieser Liebe
bezeichnete. Die Klarheit, mit welcher sie jetzt ihr Leben und
dasjenige aller Menschen schaute, verursachte ihr Freude. »So mache ich
es, wie Peter, oder der Kutscher Fjodor, oder dieser Kaufmann da, und
alle anderen Leute, die dort längs der Wolga wohnen, und es ist überall
und immer so,« dachte sie, als sie bei dem niedrigen Stationsgebäude
der Nishegoroder Bahn angekommen war und die Artjelschtschiks ihr
entgegeneilten.
»Befehlt Ihr nach Obiralovka?« frug Peter.
Sie hatte vollkommen vergessen, wohin und weshalb sie reisen wollte und
vermochte nur mit größter Anstrengung die Frage zu erfassen.
»Ja,« sagte sie zu ihm, ihr Geldtäschchen hinreichend und stieg, die
kleine rote Tasche in die Hand nehmend, aus dem Wagen.
Durch das Gedränge nach dem Wartesaal der ersten Klasse gehend,
rief sie sich ein wenig alle die Einzelheiten ihrer Lage und die
Entscheidungen ins Gedächtnis zurück, zwischen denen sie schwankte.
Wiederum begann bald Hoffnung, bald Verzweiflung in den alten kranken
Stellen die Wunden ihres gemarterten, entsetzlich schlagenden Herzens
wieder aufzureißen. In der Erwartung des Zuges auf dem sternförmigen
Diwan sitzend, dachte sie, den Blick voll Widerwillen auf die Kommenden
und Gehenden gerichtet -- sie alle waren ihr widerlich -- bald
daran, wie sie, auf der Station angekommen, ihm ein Billet schreiben
wolle, und was sie ihm schreiben würde; bald daran, wie er sich bei
seiner Mutter -- die ja Leiden gar nicht verstand -- über seine Lage
beklagen mochte, wie sie selbst ins Zimmer hereintreten, und was sie
zu ihm sagen wollte. Sie dachte auch darüber nach, wie ihr Leben noch
glücklich werden könnte und wie qualvoll sie ihn liebe und hasse, und
wie entsetzlich ihr Herz schlage.
31.
Die Glocke ertönte; mehrere junge Männer, häßlich, dreist, zudringlich,
und zugleich aufmerksam den Eindruck den sie hervorbrachten,
beobachtend, kamen vorüber; auch Peter schritt durch den Wartesaal
in seiner Livree und Stiefletten, mit stumpfem, tierischen
Gesichtsausdruck, und trat zu ihr heran, um sie zum Waggon zu
begleiten. Die geräuschvoll aufgetretenen Herren verstummten, als sie
an ihnen auf dem Bahnsteig vorüberschritt und einer flüsterte dem
andern etwas zu, natürlich etwas Garstiges. Sie trat auf die hohe
Stufe und setzte sich allein im Coupé auf den gepolsterten, fleckig
gewordenen, einstmals weiß gewesenen Diwan. Die Reisetasche, noch auf
dem Polster springend, war soeben hereingelegt worden, mit stupidem
Lächeln lüftete Peter vor dem Fenster seine galonierte Mütze zum
Zeichen des Abschieds, rücksichtslos warf der Kondukteur die Thür zu
und klinkte sie ein.
Eine Dame, ungestaltet, mit einer Tournüre -- Anna entkleidete sie in
Gedanken und erschrak über ihre Unförmigkeit -- und ein junges Mädchen,
welches unnatürlich lachte, liefen unten vorbei.
»Bei Katharina Andrejewna -- alles bei ihr -- =ma tante=!« rief das
junge Mädchen.
»Selbst dieses Mädchen ist ungestaltet und heuchelt,« dachte Anna.
Um niemand zu sehen, stand sie schnell auf und setzte sich an das
gegenüberliegende Fenster in dem leeren Waggon. Ein schmutziger,
ungeschlachter Mensch in einer Mütze, unter welcher das Haar wirr
hervorstarrte, ging an dem Fenster vorüber, sich zu den Rädern des
Waggons niederbeugend. »Es liegt mir etwas Bekanntes in diesem
unförmigen Menschen da,« dachte Anna, und ihres Traumes sich erinnernd,
trat sie, vor Entsetzen zitternd, zu der gegenüberliegenden Thür. Der
Kondukteur öffnete die Thür und ließ einen Mann mit seiner Frau herein.
»Wollt Ihr vielleicht hinaus?«
Anna antwortete nicht. Der Kondukteur und die Eingetretenen bemerkten
unter dem Schleier das Entsetzen auf ihren Zügen nicht. Sie wandte sich
nach ihrer Ecke und setzte sich.
Das Ehepaar nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, aufmerksam,
aber verstohlen ihr Kleid betrachtend. Der Mann wie das Weib erschienen
Anna widerlich. Der Mann frug, ob sie ihm gestatte, zu rauchen,
offenbar nicht, daß er rauchen konnte, sondern um mit ihr eine
Unterhaltung anzuspinnen. Nachdem er ihre Erlaubnis erhalten hatte,
begann er mit seiner Frau auf französisch über Etwas zu reden, was er
noch weniger als das Rauchen brauchte. Sie sprachen, indem sie sich
verstellten, von lauter Albernheiten, nur zu dem Zwecke, daß sie es
hörte. Anna sah deutlich, wie die beiden sich gegenseitig langweilten
und einander haßten. Man konnte auch nicht anders, als solche
kläglichen Ausgeburten hassen.
Das zweite Läuten wurde hörbar und gleich darauf folgte der Transport
des Gepäckes, unter Lärm, Rufen und Lachen. Anna war es so klar, daß
niemand Ursache hatte, sich zu freuen, daß dieses Lachen sie bis zur
Schmerzhaftigkeit erbitterte und sie die Ohren schließen wollte, um es
nicht hören zu müssen.
Endlich erklang das dritte Läuten, ein Pfiff und das heulende Signal
des Dampfkessels ertönte, eine Kette riß und der Ehemann bekreuzigte
sich.
»Es wäre eigentlich interessant, ihn zu fragen, was er sich dabei
wohl denkt,« dachte Anna, ihn zornig anblickend. Sie schaute neben der
Dame vorüber durch das Fenster auf die Menschen, die sich gleichsam
rückwärts zu wälzen schienen, indem sie auf dem Bahnsteig stehend,
dem Zug das Geleite gaben. Unter gleichmäßig sich wiederholenden
Erschütterungen auf den Verbindungspunkten der Schienen, bewegte sich
der Waggon, in welchem Anna saß, an dem Bahnsteig, einer steinernen
Mauer, und anderen Waggons vorüber. Die Räder rasselten flüchtiger
und geschmeidiger mit leichtem Geräusch auf den Schienen, das Fenster
erglänzte in der hellen Abendsonne und ein leichter Wind spielte mit
dem Vorhang.
Anna hatte ihre Nachbarn im Waggon vergessen und fing wieder an,
bei dem leichten Rollen während der Fahrt, die frische Luft in sich
einzuatmen und wieder zu grübeln:
»Wo war ich denn stehen geblieben? Halt, dabei, daß ich mir keine Lage
ausfindig machen konnte, in welcher das Leben nicht eine Qual wäre;
dabei, daß wir alle dazu geboren sind, einander zu foltern und wir
alle dies wissen und alle nur Mittel ausklügeln, um uns gewissermaßen
darüber hinwegzutäuschen. Wenn man aber nun die Wahrheit erkennt, was
soll man da thun?«
»Dazu ward dem Menschen der Verstand, daß er sich von dem befreit, was
ihn quält,« sagte die Dame auf französisch, offenbar sehr befriedigt
von ihrem Satze und mit Hilfe ihrer Zunge Grimassen machend.
Diese Worte antworteten gleichsam auf den Gedanken Annas.
»Daß er sich befreit von dem, was ihn quält,« wiederholte Anna, und
begriff mit einem Blick auf den rotbäckigen Mann und die hagere
Frau, daß hier ein krankes Weib sich selbst für unverstanden halte,
und ihr Gatte, diese Meinung über sich selbst in ihr unterstütze.
Anna durchschaute gleichsam die Geschichte der beiden da und alle
versteckten Winkel ihrer Seelen, indem sie ihr Licht auf sie übertrug,
aber etwas Interessantes lag nicht darin und sie verfolgte ihren
Gedankengang weiter.
»Ja, er quält mich sehr und dazu ward dem Menschen der Verstand, daß
er sich befreie. Es ist wohl auch notwendig, sich zu befreien. Warum
soll man nicht das Licht verlöschen, wenn man nichts mehr zu sehen hat,
wenn es widerlich wird, alles das zu sehen? Weshalb läuft doch jener
Kondukteur an der Stange, weshalb schreien jene jungen Leute in dem
Waggon? Weshalb sprechen und lachen sie? Das ist doch alles unwahr,
alles Lug, alles Trug, alles böse« -- --
Nachdem der Zug in die Station eingelaufen war, stieg Anna mit der
Menge der anderen Passagiere aus, blieb aber dann, sich vor ihnen wie
vor Verfehmten fernhaltend, auf dem Bahnsteig zurück, und suchte sich
ins Gedächtnis zurückzurufen, warum sie denn hierhergefahren sei und
was sie hatte thun wollen.
Alles, was ihr vorher als möglich erschienen war, wurde ihrer
Vorstellungskraft jetzt so schwer, namentlich vor dem lärmenden Haufen
aller dieser ungeschlachten Menschen, die ihr keine Ruhe ließen. Bald
kamen Artjeljschtschiks zu ihr gelaufen, die ihre Dienste anboten,
bald blickten sie junge Leute an, die mit den Stiefelabsätzen auf den
Bohlen des Bahnsteigs stampften und laut miteinander sprachen, bald
wichen ihr Begegnende nicht aus. Nachdem sie sich besonnen hatte, daß
sie weiter fahren wollte, falls keine Antwort da wäre, hielt sie einen
Artjeljschtschik an und frug, ob nicht ein Kutscher mit einem Briefe
für den Grafen Wronskiy hier sei.
»Graf Wronskiy? Von dem war soeben jemand hier. Man hat die Fürstin
Sorokina nebst Tochter abgeholt. Aber wie sieht denn der Kutscher aus?«
Während sie noch mit dem Artjeljschtschik sprach, trat der Kutscher
Michail, rotbäckig und heiter in seiner blauen flotten Poddjevka
und Uhrkette, offenbar stolz darauf, daß er seinen Auftrag so gut
ausgeführt hatte, zu ihr heran und überreichte ein Billet.
Sie erbrach es; ihr Herz zog sich zusammen, noch bevor sie es gelesen
hatte.
»Ich bedaure sehr, daß mich das Billet nicht angetroffen hat; um zehn
Uhr werde ich kommen,« hatte Wronskiy mit flüchtiger Hand geschrieben.
»So. Das hatte ich erwartet,« sprach sie mit unglückverheißendem
Lächeln. »Gut! Fahr' heim!« fuhr sie dann, zu Michail gewendet, leise
fort. Sie sprach leise, weil die Schnelligkeit ihres Herzschlags sie am
Atmen behinderte.
»Nein, ich werde dir nicht mehr Gelegenheit geben, mich zu martern,«
dachte sie, sich in ihrer Drohung weder an ihn, noch an sich selbst
wendend, sondern an den, welcher sie veranlaßt hatte, sich selbst
zu foltern, und schritt auf dem Bahnsteig dahin, am Stationsgebäude
vorüber.
Zwei Zofen, welche auf der Plattform hingingen, drehten die Köpfe
rückwärts, indem sie nach ihr blickten, und mit vernehmlicher Stimme
über ihre Toilette Betrachtungen anstellten. »Das sind echte«, sagten
sie über die Spitzen, die sie trug. Die jungen Männer ließen sie auch
nicht in Ruhe. Sie schauten ihr wieder ins Gesicht und gingen lachend,
mit unnatürlicher Stimme rufend, an ihr vorbei.
Der Stationsvorsteher trat heran und frug sie, ob sie fahren wolle?
Ein Knabe, welcher Kwas verkaufte, ließ sie nicht aus den Augen. »Mein
Gott, wohin soll ich flüchten?« dachte sie, sich weiter und weiter von
dem Bahnsteig entfernend.
Am Ende desselben blieb sie stehen. Damen und Kinder, welche einen
bebrillten Herrn begrüßten und laut lachten und sprachen, verstummten
bei ihrem Anblick, als sie neben ihnen angelangt war. Sie beschleunigte
ihren Schritt und entfernte sich von ihnen nach dem Rande des
Bahnsteigs hin. Ein Güterzug kam heran. Der Perron erbebte und ihr
schien es, als ob sie wieder fahre. Plötzlich aber, indem ihr die
Zermalmung jenes Menschen am Tage ihrer ersten Begegnung mit Wronskiy
einfiel, erkannte sie, was sie zu thun hatte. Schnellen leichten
Schrittes stieg sie die Stufen hinab, welche zu den Schienen führten
und blieb neben dem dicht an ihr vorüberfahrenden Train stehen. Sie
schaute unter die Waggons, auf die Schrauben und Ketten, auf die
großen, gußeisernen Räder des langsam rollenden, ersten Waggons und
suchte mit dem Augenmaß den Mittelpunkt zwischen den Vorder- und
Hinterrädern, sowie den Augenblick zu bestimmen, in welchem sich dieser
Mittelpunkt vor ihr befinden würde.
»Dahin!« -- sprach sie zu sich selbst, nach dem Schatten des Waggons
auf dem mit Kohlenstaub vermischten Sand, von welchem der Boden bedeckt
war, schauend, »dahin, gerade in die Mitte, und ich strafe ihn und bin
von allem erlöst; wie von mir selbst.« -- --
Sie wollte sich unter den ersten Waggon, der mit seinem Mittelpunkt
neben ihr angekommen war, werfen, allein die rote Reisetasche, die
sie nun von dem Arme nahm, hinderte sie und es war schon zu spät. Der
Mittelpunkt war an ihr vorüber. Sie mußte also den folgenden Waggon
erwarten. Ein Gefühl, ähnlich dem, wie sie es empfunden hatte, wenn sie
sich beim Baden bereit machte, in das Wasser zu steigen, wandelte sie
an, und sie bekreuzte sich. Die gewohnte Geste der Bekreuzigung rief in
ihrer Seele eine ganze Reihe von Erinnerungen aus ihrer Mädchen- und
Kinderzeit herauf, und plötzlich zerriß die Finsternis, die alles vor
ihr verdeckt hatte, und das Leben trat für einen Moment vor sie hin,
mit all seinen lichten, vergangenen Freuden.
Sie verwandte während dessen kein Auge von den Rädern des
herankommenden Waggons, und genau in dem Augenblick, als der
Mittelpunkt zwischen den Rädern vor ihr war, schleuderte sie den roten
Reisesack von sich, fiel, den Kopf zwischen die Schultern ziehend, auf
die Hände unter dem Waggon, und ließ sich mit einer leichten Bewegung,
als sei sie bereit, sofort wieder aufzustehen, in die Kniee sinken. In
dem nämlichen Augenblick aber erschrak sie über das, was sie gethan
hatte, »wo bin ich, was thue ich, warum?« -- Sie wollte sich wieder
erheben, sich zurückwerfen, aber etwas Ungeheures, Unerbittliches stieß
sie vor den Kopf und nahm sie beim Rücken mit. »Herr Gott vergieb mir
alles!« sprach sie, die Unmöglichkeit eines Kampfes fühlend. Der Mensch
arbeitete im Selbstgespräch in dem Eisen. Das Licht, bei welchem sie
das von Mühsal und Lüge, Weh und Übel erfüllte Buch gelesen hatte,
flammte in noch hellerem Glanze empor als je, und erleuchtete alles
vor ihr, was früher für sie im Dunkeln gelegen hatte, es prasselte,
verdunkelte sich und erlosch auf ewig.
Achter Teil.
1.
Fast zwei Monate waren vergangen. Die Hälfte der heißen Jahreszeit war
schon verstrichen und Sergey Iwanowitsch machte erst jetzt Anstalt,
Moskau zu verlassen.
Im Leben Sergey Iwanowitschs hatte sich während dieser Zeit Mehrfaches
ereignet. Ein Jahr vorher bereits war sein Buch, die Frucht einer
sechsjährigen Arbeit mit dem Titel: »Versuch eines Überblickes über die
Grundlagen und Formen des Staatswesens in Europa und Rußland«, beendet
worden.
Einige Teile nebst der Einleitung waren in zeitgemäßen Publikationen
gedruckt, andere von Sergey Iwanowitsch Männern aus seiner Umgebung
vorgelesen worden, sodaß die Gedanken dieses neuen Werkes schon
nicht mehr eine vollkommene Neuheit für das Publikum bilden konnten.
Gleichwohl aber hatte Sergey Iwanowitsch erwartet, daß das Buch mit
seinem Erscheinen einen tiefen Eindruck auf die Gesellschaft und,
wenn nicht eine Umwälzung in der Wissenschaft, so doch jedenfalls
mächtige Sensation in der Gelehrtenwelt machen werde. Das Buch war
nach sorgfältigem Druck im vergangenen Jahre zum Erscheinen und zur
Versendung an die Buchhändler gelangt.
Ohne nun jemand über das Werk zu befragen, und ungern und mit
erheuchelter Gleichgültigkeit auf die Fragen seiner Freunde, wie
dasselbe gehe, antwortend, ohne sich selbst bei den Buchhändlern nach
dem Absatz zu erkundigen, verfolgte Sergey Iwanowitsch scharf und mit
gespannter Aufmerksamkeit den ersten Eindruck, welchen sein Werk in der
Gesellschaft und in der Litteratur hervorbrächte.
Aber es verging eine Woche, eine zweite, dritte, und in der
Gesellschaft war kein Eindruck wahrzunehmen. Seine Freunde,
Spezialisten und Gelehrte, begannen bisweilen, augenscheinlich aus
Höflichkeit, von dem Buche zu sprechen, seine übrigen Bekannten aber,
die sich nicht für ein Werk von gelehrter Richtung interessierten,
sprachen gar nicht davon. In der Gesellschaft, welche besonders
jetzt von anderen Dingen in Anspruch genommen war, herrschte völlige
Gleichgültigkeit, und in der Litteratur erschien im Verlauf eines
Monats gleichfalls kein Wort über das Buch.
Sergey Iwanowitsch berechnete bis in die Einzelheiten die Zeit, welche
zur Abfassung einer Recension erforderlich war, aber es verging ein
Monat, ein zweiter unter dem nämlichen Schweigen.
Nur im »Ssjevernyj Shuk«, in einem humoristischen Feuilleton über den
Sänger Drabanti, welcher seine Stimme verloren hatte, waren so nebenbei
einige geringschätzige Worte über das Buch Koznyscheffs gefallen.
Dieselben zeigten, daß dieses schon längst allgemein verurteilt, dem
allgemeinen Spott anheimgefallen war.
Erst im dritten Monat erschien in einem Journal ernster Richtung eine
kritische Abhandlung. Sergey Iwanowitsch kannte sogar den Verfasser
derselben; er war ihm einmal bei Golubzoff begegnet.
Der Verfasser der Abhandlung war ein sehr junger und bissiger
Feuilletonist, höchst gewandt als Schriftsteller, aber außerordentlich
wenig gebildet, und schüchtern in seinen persönlichen Beziehungen.
Ungeachtet seiner vollkommenen Verachtung für den Autor, machte sich
Sergey Iwanowitsch gleichwohl mit vollkommenem Ernst an die Lektüre der
Abhandlung. Die Kritik war höchst traurig.
Augenscheinlich hatte der Feuilletonist das ganze Buch gerade so
aufgefaßt, wie es unmöglich aufgefaßt werden durfte. Er hatte aber
so gewandt die Citate aus demselben zusammengestellt, daß es für
diejenigen, welche das Buch nicht gelesen hatten -- und offenbar hatte
es fast niemand gelesen -- vollständig klar wurde, das ganze Werk
sei nichts anderes, als eine Sammlung hochtrabender Worte, die noch
dazu nicht einmal in passender Weise angewendet worden waren -- wie
die Fragezeichen bewiesen -- und der Verfasser des Buches ein völlig
unwissender Mensch. Alles aber war dabei so geistreich, daß selbst
Sergey Iwanowitsch sich diesem Scharfsinn gegenüber nicht ablehnend
verhalten konnte -- aber das alles war doch höchst traurig. --
Trotz der vollkommenen Gewissenhaftigkeit, mit welcher Sergey
Iwanowitsch die Richtigkeit der Ausführungen des Recensenten prüfte,
blieb er doch nicht eine Minute bei den Fehlern und Gebräuchen
stehen, welche darin verspottet wurden, sondern begann sich sogleich
unwillkürlich bis in die kleinsten Einzelheiten jene Begegnung und sein
Gespräch mit dem Verfasser des Aufsatzes ins Gedächtnis zurückzurufen.
»Habe ich ihn irgendwomit beleidigt?« frug sich Sergey Iwanowitsch, und
indem er sich erinnerte, daß er bei jener Begegnung diesen jungen Mann,
der mit einem Worte seine Unwissenheit dokumentiert hatte, korrigiert
habe, fand er die Erklärung für die Tendenz der Abhandlung.
Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl
in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß
sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk
erfolglos vorübergegangen war.
Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er
nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie
vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.
Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun
nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in
den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie
überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit
in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der
Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener
Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie
Zeit und Geisteskraft.
Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines
Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage,
des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der
Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die
vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey
Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese
Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.
Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach
und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen
Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit
totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle,
Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser
-- alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.
Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb,
war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah,
daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine
die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung
dienen.
Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten
unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte
ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten
allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und
andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der
Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt
worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten
die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne
Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger.
Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und
erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus,
der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man
die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen
und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den
Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und
Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen
Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit
Worten, sondern mit der That.
Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch
erfreuliche Erscheinung -- die Offenbarung der allgemeinen Meinung.
-- Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der
Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und
je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender
schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste
Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.
Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte
dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze
Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn
gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.
Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch
gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu
seinem Bruder zu gehen.
Er reiste ab, sowohl, um sich für einige Wochen zu erholen, als
um in der ländlichen Einsamkeit sich an dem Anblick der Erhebung
des Volksgeistes zu freuen, von der er und alle Bewohner der Stadt
vollständig überzeugt waren. Katawasoff, der schon längst ein Lewin
gegebenes Versprechen, diesen zu besuchen, hatte erfüllen wollen,
reiste mit ihm zusammen.
2.
Sergey Iwanowitsch und Katawasoff hatten kaum die heute besonders von
Menschen belebte Station der Kursker Eisenbahn erreicht, und sich beim
Verlassen des Wagens nach dem mit dem Gepäck nachkommenden Diener
umgesehen, als in vier Mietkutschen Freiwillige anlangten. Damen mit
Bouquets kamen ihnen entgegen, und sie betraten im Geleite von Scharen
hinter ihnen drein strömender Menschen die Station.
Eine von den Damen, welche die Freiwilligen begrüßten, wandte sich,
indem sie den Saal verließ, an Sergey Iwanowitsch.
»Seid Ihr auch gekommen, ihnen das Geleite zu geben?« frug sie auf
französisch.
»Nein; ich reise für mich, Fürstin, um mich bei meinem Bruder zu
erholen. Ihr gebt wohl fortwährend Geleit?« frug Sergey Iwanowitsch mit
einem kaum merklichen Lächeln.
»Das ginge ja nicht,« antwortete die Fürstin, »aber freilich haben wir
selbst bereits achthundert befördert. Malwinskiy glaubte es mir nicht.«
»Mehr als achthundert! Wenn man diejenigen mitzählt, welche nicht
direkt von Moskau expediert worden sind, so wären es schon mehr als
tausend,« sagte Sergey Iwanowitsch.
»Da haben wir's. Das habe ich ja gesagt!« pflichtete die Dame freudig
bei. »Und nicht wahr, es ist jetzt ungefähr eine Million dafür geopfert
worden?«
»Mehr noch, Fürstin.«
»Was ist denn heute für ein Telegramm gekommen? Wieder die Türken
geschlagen?«
»Ja, ich habe es gelesen,« antwortete Sergey Iwanowitsch. Sie
unterhielten sich nun über die neueste Depesche, welche bestätigte, daß
während dreier aufeinanderfolgender Tage die Türken auf allen Punkten
geschlagen worden seien und sich auf der Flucht befänden, und daß
morgen die Entscheidungsschlacht erwartet werde.
»Da hat sich auch ein junger, hübscher Mann gemeldet. Ich weiß nicht,
weshalb man Schwierigkeiten gemacht hat, und da wollte ich Euch bitten
-- ich kenne ihn -- daß Ihr doch gefälligst ein Billet schriebt. Er ist
von der Gräfin Lydia Iwanowna geschickt.«
Nachdem sich Sergey Iwanowitsch nach den Einzelheiten erkundigt hatte,
welche die Fürstin über den jungen Mann, welcher sich gestellt hatte,
kannte, schrieb er, in die erste Klasse tretend, ein Billet an die
Persönlichkeit, von welcher die Sache abhing und übergab es der Fürstin.
»Ihr wißt wohl, Graf Wronskiy, der bekannte -- fährt auch mit diesem
Zug,« sagte die Fürstin mit triumphierendem und vielsagendem Lächeln,
als er wieder zurückgekommen war und ihr das Schreiben übergab.
»Ich habe wohl gehört, daß er auch fortginge, aber nicht gewußt, wann.
Mit diesem Zuge also fährt er?«
»Ich habe ihn gesehen. Er ist hier. Nur seine Mutter begleitet ihn. Es
war dies doch immer noch das beste, was er thun konnte.«
»Gewiß. Versteht sich.«
Während sie sprachen, strömte der Haufe an ihnen vorüber zur
Mittagstafel. Sie gingen gleichfalls mit und vernahmen dabei die laute
Stimme eines Herrn, welcher, den Pokal in der Hand, eine Rede an die
Freiwilligen hielt. »Für den Glauben dient, für die Menschlichkeit und
unsere Mitbrüder,« sprach der Herr mit erhöhter Stimme, »zum erhabenem
Werke segne euch unsere Matuschka Moskwa! Zhivio!« -- schloß er
dröhnend und mit thränenerstickter Stimme.
Alles rief »Zhivio«! und eine neue Schar, die die Fürstin beinahe über
den Haufen geworfen hätte, wälzte sich in den Saal.
»Ah, Fürstin, wie geht es!« rief freudestrahlend Stefan Arkadjewitsch,
der plötzlich inmitten derselben erschien. »Hat er nicht herrlich,
feurig gesprochen? Bravo! -- Und Sergey Iwanowitsch, Ihr müßtet
gleichfalls sprechen -- einige Worte, Ihr wißt, so eine Anfeuerung.
Ihr versteht dies ja so gut,« fügte er mit mildem, ehrerbietigem und
aufmerksamem Lächeln hinzu, Sergey Iwanowitsch am Arme vorwärtsbewegend.
»Nein, ich fahre sogleich.«
»Wohin denn?«
»Auf das Land zu meinen Bruder,« antwortete Sergey Iwanowitsch.
»Da seht Ihr ja meine Frau. Ich habe ihr geschrieben, aber Ihr werdet
sie schon eher sehen; sagt ihr doch, bitte, daß Ihr mit mir gesprochen
habt und alles =allright= ist. Sie wird es schon verstehen. Habt auch
die Güte, ihr mitzuteilen, daß ich zum Mitglied der Kommission der
vereinigten -- Ihr wißt ja, =les petites misères de la vie humaine=,«
wandte er sich wie zur Entschuldigung an die Fürstin.
»Die Mjachkaja -- nicht Lisa, sondern Bibisch -- schickt tausend
Gewehre und zwölf Schwestern. Ich hatte es Euch wohl gesagt?«
»Ja, ich hörte davon,« antwortete Koznyscheff widerwillig.
»Es ist eigentlich schade, daß Ihr abreist,« fuhr Stefan Arkadjewitsch
fort, »wir geben morgen ein Essen für zwei mit Abgehende -- Dimjor
Bartejanskiy von Petersburg und unseren Wjeslowskiy, Grischa. Sie gehen
beide. Wjeslowskiy hat unlängst geheiratet. Das ist ein braver Bursch.
Nicht so, Fürstin?« wandte er sich zu der Dame.
Die Fürstin blickte ohne zu antworten Koznyscheff an; daß Sergey
Iwanowitsch sowohl wie die Fürstin fast wünschten, von ihm loszukommen,
brachte Stefan Arkadjewitsch nicht im geringsten in Verlegenheit.
Lächelnd blickte er bald auf die Hutfeder der Fürstin, bald seitwärts,
als besinne er sich etwas. Als er eine vorüberschreitende Dame
mit einer Sammelbüchse bemerkte, rief er sie heran und legte ein
Fünfrubelpapier in die Büchse.
»Ich kann diese Sammelbüchsen nicht mit ruhigem Blute sehen, so lange
ich Geld habe,« sagte er. »Was für eine Depesche haben wir denn heute?
Die Tschernogorzen sind doch wackere Kerle!« --
-- »Was Ihr sagt!« rief er aus, als ihm die Fürstin mitteilte, daß
Wronskiy mit diesem Zug abfahre. Für einen Augenblick drückte das
Gesicht Stefan Arkadjewitschs Trauer aus, aber nach Verlauf einer
Minute hatte er, nachdem er leicht mit jedem Fuße einige Male gezuckt,
und sich dann den Backenbart gestrichen hatte, das Zimmer, in welchem
Wronskiy war, betretend, schon völlig sein verzweifeltes Schluchzen
über dem Leichnam der Schwester vergessen, und sah in Wronskiy nur den
Helden und alten Freund.
»Bei all seinen Mängeln kann man nicht anders, als ihm Gerechtigkeit
widerfahren lassen,« sagte die Fürstin zu Sergey Iwanowitsch, sobald
Oblonskiy sie beide verlassen hatte. »Es ist das so eine echt
russische, slavische Natur! Nur fürchte ich, es wird Wronskiy nicht
angenehm sein, ihn zu sehen. Was Ihr auch sagen mögt, mich rührt das
Geschick dieses Mannes. Ihr werdet wohl mit ihm während der Fahrt
sprechen,« sagte die Fürstin.
»Ja vielleicht, wenn sich Gelegenheit bietet.«
»Ich habe ihn nie gern gehabt. Aber dieser Entschluß macht vieles
wieder gut. Er reist nicht nur für sich allein, sondern führt eine
Eskadron auf eigne Rechnung mit.«
»Ja, ich habe davon gehört.«
Die Glocke ertönte; alles drängte sich nach den Thüren.
»Da ist er!« fuhr die Fürstin fort, auf Wronskiy weisend, welcher, im
langen Überrock und schwarzem Hut mit breitem Rande, seine Mutter am
Arm führte. Oblonskiy ging lebhaft sprechend neben ihm.
Wronskiy blickte finster vor sich hin, als höre er nicht, was Stefan
Arkadjewitsch sprach.
Wahrscheinlich auf eine Weisung Oblonskiys hin, schaute er nach der
Seite, auf welcher die Fürstin und Sergey Iwanowitsch standen und
lüftete schweigend den Hut. Sein gealtertes, und Leiden ausdrückendes
Gesicht erschien wie versteinert.
Nachdem Wronskiy über den Bahnsteig gegangen war, stieg er, die Mutter
loslassend, in das Coupé des Waggons.
Auf dem Bahnsteig erschallte es »=Boshe Zarja chrani=!« und »Hurrah«
und »Zhivio!«
Einer der Freiwilligen, ein hochgewachsener, sehr junger Mann, mit
eingefallener Brust, grüßte besonders bemerkbar, indem er seinen
Filzhut und ein Bouquet über dem Kopfe schwang. Hinter ihm schauten,
gleichfalls grüßend, zwei Offiziere und ein älterer Mann mit großem
Barte und in einer fettigen Mütze heraus.
3.
Nachdem sich Sergey Iwanowitsch von der Fürstin verabschiedet hatte,
stieg er mit dem herangetretenen Katawasoff in den zum Brechen
vollgepfropften Waggon, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Auf der Station Tarizyn wurde der Zug von einem schönen Chor junger
Leute, welche das »=Slavsja=« sangen, bewillkommnet. Wieder dankten
die Freiwilligen grüßend, und legten sich heraus, doch schenkte
ihnen Sergey Iwanowitsch keine Beachtung. Er hatte soviel mit den
Freiwilligen zu thun, daß er ihren Durchschnittstypus schon kannte
und ihn dies nicht mehr interessierte. Katawasoff hingegen, der bei
seinen Arbeiten nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Freiwilligen zu
beobachten, wurde sehr von ihnen interessiert, und erkundigte sich bei
Sergey Iwanowitsch über sie.
Sergey Iwanowitsch empfahl ihm, sich doch in die zweite Klasse zu
setzen, und dort selbst einmal mit ihnen zu reden, und auf der
folgenden Station befolgte Katawasoff diesen Rat.