»Nein; mein Vater hatte welche; doch ich besinne mich noch und kenne

das.«

»Wo hast du gespeist?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Wir sitzen am zweiten Tisch; hinter den Säulen.«

»Man hat ihm gratuliert,« sagte der hochgewachsene Oberst.

»Es war der zweite Kaiserpreis; wenn ich doch solches Glück in den

Karten hätte, wie er mit den Pferden.«

»Aber, wozu die goldene Zeit verlieren! Ich gehe in das Infernalische,«

sagte der Oberst und verließ den Tisch.

»Das war Jaschwin,« sagte Wronskiy zu Turowzyn und setzte sich auf den

neben ihnen freigewordenen Platz. Nachdem er den ihm vorgesetzten Pokal

geleert hatte, bestellte er eine Bouteille. Mochte nun der Einfluß der

Klublaune oder der des genossenen Weines schuld sein, genug, Lewin

unterhielt sich mit Wronskiy über die beste Viehrasse, und es war ihm

sehr lieb, daß er keine Feindseligkeit mehr gegen diesen Mann empfand.

Er sagte demselben sogar unter anderem, er habe von seiner Frau gehört,

sie sei ihm bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet.

»Ach, die Fürstin Marja Borisowna; die ist reizend!« sagte Stefan

Arkadjewitsch, und erzählte nun eine Anekdote von ihr, welche alle zu

lachen machte. Besonders Wronskiy lachte so herzlich, daß Lewin sich

vollständig mit ihm ausgesöhnt fühlte.

»Nun, seid Ihr fertig?« frug Stefan Arkadjewitsch aufstehend, und

lächelte. »Gehen wir!«

8.

Vom Tische aufstehend, ging Lewin, in dem Gefühl, daß ihm beim Gehen

die Hände eigentümlich sicher und leicht in der Bewegung waren, mit

Gagin durch die hohen Zimmer nach dem Billardsaal. Als er durch den

großen Saal schritt, traf er seinen Schwiegervater.

»Nun, was sagst du? Wie gefällt dir unser Tempel der Muße?« sagte der

Fürst, ihn am Arme nehmend. »Komm, gehen wir weiter!«

»Auch ich wollte gehen und ein wenig zuschauen. Es ist interessant.«

»Ja, für dich. Doch für mich ist das Interesse schon ein anderes, als

für dich. Du schaust freilich auf diesen Alten da,« sprach er, auf ein

gebücktes Mitglied des Klubs mit herabhängender Lippe zeigend, welches,

nur mit Mühe die Füße in den weiten Stiefeln weiterschiebend, ihnen

entgegenkam, »und denkst dabei, daß sie schon als solche alte Ruinen

geboren worden sind.«

»Was ist das, Ruinen?«

»Du kennst diese Benennung wohl noch nicht. Es ist das unser

Klubausdruck. Weißt du: wenn Einer Jahr aus Jahr ein in den Klub kommt,

so wird endlich eine Ruine aus ihm. Ja, du lachst darüber, aber unser

einer muß schon aufpassen, wenn er selbst unter die Ruinen kommt. Du

kennst doch den Fürsten Tschetschenskiy?« frug der Fürst und Lewin sah

an seinem Gesicht, daß er im Begriff sei, etwas Witziges zu sagen.

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

»Nun, gewiß doch; der Fürst Tschetschenskiy ist ja bekannt. Doch

gleichviel! -- Der spielt also ewig Billard. Vor drei Jahren war er

noch nicht unter den Ruinen und noch rüstig. Ja, er selbst nannte

andere Ruinen. Doch da kommt er einstmals an, und unser Portier, du

kennst ihn doch, den Wasiliy? Nun, der Dicke! Der ist groß in Bonmots!

Den frägt der Fürst Tschetschenskiy, >he, Wasiliy, wer ist denn alles

gekommen? Sind Ruinen mit dabei?< Wasiliy antwortet ihm: >Ihr seid die

dritte darunter.< -- Ja, Bruder; so ist es.« --

Unter Gespräch und Begrüßungen mit begegnenden Bekannten ging Lewin

mit dem Fürsten durch alle Zimmer; durch das große, in welchem bereits

die Tische standen und die an nicht hohes Spiel gewöhnten Partner

spielten, dann in das Diwanzimmer, wo man Schach spielte, und wo

Sergey Iwanowitsch im Gespräch mit jemand saß -- hierauf durch das

Billardzimmer, wo in einer Zimmernische bei dem Diwan eine lustige

Champagnergesellschaft, an welcher Gagin teilnahm, sich etabliert

hatte. Sie warfen auch einen Blick in das »infernalische Zimmer«, wo

sich um einen Tisch, hinter welchem Jaschwin bereits Platz genommen

hatte, viele Setzende drängten.

Sich bemühend, Geräusch zu vermeiden, begaben sie sich auch nach dem

dämmrigen Lesezimmer, wo unter den Lampen einsam ein junger Mann mit

galligem Gesicht saß, der ein Journal nach dem andern ergriff, und ein

kahlköpfiger General, der in seine Lektüre vertieft war. Sie gingen

auch nach dem Zimmer, welches der Fürst »das verständige« nannte. In

diesem Raume sprachen drei Herren eifrig über die letzte politische

Neuigkeit.

»Fürst, wenn es gefällig ist; alles bereit,« sagte einer seiner

Partner, ihn hier findend, und der Fürst ging. Lewin blieb sitzen,

hörte zu, aber plötzlich wurde es ihm, indem er sich des heutigen

Morgens erinnerte, entsetzlich langweilig zu Mute. Er erhob sich hastig

und ging, um Oblonskiy und Turowzyn zu suchen, in deren Gesellschaft es

heiter zuging.

Turowzyn saß mit einem Kruge auf einem hohen Diwan im Billardzimmer,

und Stefan Arkadjewitsch und Wronskiy unterhielten sich an der Thür in

einer entfernten Ecke des Zimmers.

»Nicht, daß sie sich langweilte, aber diese Unbestimmtheit, die

Unentschiedenheit in ihrer Lage,« hörte Lewin und wollte sich eiligst

zurückziehen, doch Stefan Arkadjewitsch rief ihn herbei.

»Lewin!« sagte Stefan Arkadjewitsch, und Lewin bemerkte in seinen Augen

zwar nicht Thränen, wohl aber eine gewisse Feuchtigkeit, wie dies stets

der Fall bei ihm war, wenn er entweder getrunken hatte, oder in Gefühl

zerfloß. Jetzt war bei ihm beides der Fall.

»Lewin geh' nicht fort,« sprach er und drückte seinen Arm fest mit

seiner Hand, augenscheinlich mit dem Wunsche, ihn um keinen Preis von

sich zu lassen.

»Dies ist mein aufrichtigster, vielleicht mein bester Freund,« sagte er

zu Wronskiy, »du bist mir gleichfalls mehr vertraut und teuer, und ich

will und weiß, daß ihr Freunde und Vertraute werden müßt, da ihr beide

gute Menschen seid.«

»Nun, dann bleibt uns nur übrig, den Bruderkuß zu tauschen,« sagte

Wronskiy, gutmütig scherzend und Lewin die Hand reichend.

Dieser nahm schnell die dargebotene Hand und drückte sie fest.

»Es freut mich sehr, sehr,« sagte Lewin, seine Hand drückend.

»Kellner, eine Flasche Champagner,« befahl Stefan Arkadjewitsch.

»Auch ich freue mich herzlich,« äußerte Wronskiy.

Trotz des Wunsches Stefan Arkadjewitschs, und ihrer beiderseitigen

Absicht, wußten sie doch nichts weiteres zu sagen, und beide fühlten

dies.

»Du weißt, daß er mit Anna nicht bekannt ist?« sagte Stefan

Arkadjewitsch zu Wronskiy, »ich will ihn aber unbedingt mit ihr in

Verbindung bringen. Komm Lewin!«

»Solltet Ihr!« sagte Wronskiy, »sie wird sich sehr freuen! Ich würde

sogleich nach Haus fahren,« fügte er hinzu, »doch Jaschwin beunruhigt

mich und ich will hier bleiben, bis er aufhört.«

»Nun, steht es schlecht mit ihm?«

»Er verliert fortwährend, und ich allein nur kann ihn abhalten.«

»Wie wäre es mit einer Pyramide? Lewin spielst du? Schön!« sagte Stefan

Arkadjewitsch, »stelle eine Pyramide,« wandte er sich zu dem Marqueur.

»Schon längst fertig,« erwiderte dieser, der bereits die Bälle in das

Dreieck gesetzt hatte und zum Zeitvertreib den roten roulieren ließ.

»Stoßt!«

Nach der Partie ließen sich Wronskiy und Lewin an dem Tische Gagins

nieder, und Lewin begann, dem Vorschlage Stefan Arkadjewitschs folgend,

auf die Asse zu setzen. Wronskiy saß bald am Tische, fortwährend

umgeben von zu ihm kommenden Bekannten, bald begab er sich in das

»Infernalische«, um nach Jaschwin zu sehen. Lewin verspürte eine

angenehme Erholung von der geistigen Abgespanntheit am Vormittag. Ihn

erfreute die Beilegung der Feindschaft mit Wronskiy, und ein Gefühl von

Beruhigung, Standeswürde und Frohsinn verließ ihn nicht mehr.

Als die Partie zu Ende war, nahm Stefan Arkadjewitsch Lewin unter dem

Arm.

»Gehen wir also zu Anna! Sogleich? Ja? Sie ist zu Haus. Ich habe ihr

schon seit Langem versprochen, dich einmal mit zu ihr zu bringen. Wohin

willst du für den Abend gehen?«

»Ich habe nichts Besonderes vor. Swijashskiy hatte ich versprochen, in

die Gesellschaft für Landwirtschaft zu kommen. Fahren wir hin, wenn du

willst,« sagte Lewin.

»Ausgezeichnet! Fahren wir! Frage doch, ob mein Wagen gekommen ist!«

wandte sich Stefan Arkadjewitsch an einen Lakaien.

Lewin trat zum Tische, bezahlte vierzig Rubel, die von ihm auf die

Asse verspielt worden waren, sowie mit einer gewissen geheimnisvollen

Manier die Ausgaben für den Klub, die dem alten Lakaien, welcher an

der Schwelle stand, bekannt waren, und schritt dann mit eigentümlichen

Armbewegungen durch sämtliche Säle dem Ausgang zu.

9.

»Oblonskiys Wagen!« rief mit starkem Baß der Portier.

Der Wagen fuhr vor und beide nahmen Platz. Nur während der ersten

Zeit, so lange der Wagen aus dem Thor des Klubhauses fuhr, hatte

Lewin noch das Gefühl der Klubbehaglichkeit, zufriedener Stimmung und

der unzweifelhaften Noblesse der Umgebung, kaum aber war der Wagen

auf die Straße hinausgefahren, kaum fühlte er das Rollen des Wagens

auf der unebenen Straße, hatte er den heftigen Ruf eines begegnenden

Mietkutschers vernommen, und bei der mangelhaften Beleuchtung das rote

Schild einer Schenke und eines Kaufladens wieder erblickt, da war

dieser Eindruck vernichtet, und er begann abermals seine Handlungsweise

zu überlegen und sich zu fragen, ob er gut daran thue, zu Anna zu

fahren. Was würde Kity sagen?

Stefan Arkadjewitsch ließ ihn indessen nicht zum Nachdenken kommen,

und, als ob er seine Zweifel erriete, zerstreute er sie.

»Wie freue ich mich,« sprach er, »daß du sie kennen lernen wirst. Du

weißt, Dolly hat dies längst gewünscht. Auch Lwoff war bei ihr und

kommt noch zu ihr. Obwohl sie meine Schwester ist,« fuhr er fort, »kann

ich doch rückhaltslos sagen, daß sie ein merkwürdiges Weib ist. Du

wirst ja sehen. Ihre Lage ist sehr schwierig, besonders jetzt.«

»Weshalb denn besonders jetzt?«

»Wir pflegen Verhandlungen mit ihrem Manne über die Ehescheidung. Er

ist damit einverstanden, aber es giebt Schwierigkeiten bezüglich ihres

Sohnes, und die Sache, welche schon längst erledigt sein müßte, zieht

sich nun schon drei Monate hin. Sobald die Scheidung stattgefunden

haben wird, heiratet sie Wronskiy. Wie thöricht ist doch jene alte

Gewohnheit des sich Drehens und Wendens, der niemand mehr glaubt, und

welche dem Glück der Leute im Wege steht!« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Nun, dann aber wird ihr Glück ein gesichertes sein, so wie das meine,

das deine.«

»Worin beruht aber die Schwierigkeit?« frug Lewin.

»Ach, das ist eine lange und langweilige Geschichte! Alles daran ist

so unbestimmt. Doch die Sache ist die, sie trägt die Schuld. Indem

sie diese Scheidung in Moskau erwartet, wohnt sie schon drei Monate

hier, wo jedermann ihn und sie kennt. Sie fährt nirgendshin, sieht

keine der Damen, außer Dolly, weil sie es, weißt du, nicht will, daß

man aus Mitleid zu ihr käme. Selbst diese Närrin, die Fürstin Barbara,

hat sie verlassen, weil sie ihre Gegenwart für unschicklich hält.

Unter solchen Verhältnissen, in solcher Lage, würde ein anderes Weib

keine Stützpunkte in sich finden. Sie aber, du wirst es sehen, wie

sie sich ihr Leben eingerichtet hat, wie ruhig, wie würdevoll sie

ist. -- Links, durch das Seitengäßchen, gegenüber der Kirche« -- rief

Stefan Arkadjewitsch plötzlich, sich durch das Wagenfenster beugend.

»O, welche Hitze!« sagte er, trotz der zwölf Grad Kälte noch mehr mit

seinem Pelze fächelnd, der schon offen stand.

»Sie hat doch wohl eine Tochter, wahrscheinlich beschäftigt sie sich

mit dieser?« sagte Lewin.

»Du scheinst dir jede Frau nur als eine Bruthenne vorzustellen, =une

couveuse=,« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Wenn eine Frau beschäftigt

ist, muß sie es unfehlbar mit Kindern sein! Nun, sie erzieht das Kind

ja vorzüglich, wie es scheint, aber man hört nichts weiter davon. Sie

ist vor allem damit beschäftigt, zu schreiben. Ich sehe schon, du

lächelst ironisch, aber umsonst. Sie schreibt ein Buch für Kinder und

sagt niemand etwas davon; mir aber hat sie es vorgelesen und ich habe

das Manuskript Workujeff gegeben -- du weißt, der Verleger -- er ist ja

selbst Schriftsteller, wie mir scheint. Der versteht doch die Sache und

sagt, daß es sich hier um einen interessanten Stoff handle. Du denkst

gewiß, was ist ein schriftstellerndes Weib! Denke das nicht! Sie ist

vor allem ein Weib mit einem Herzen, du wirst ja sehen. Jetzt hat sie

eine kleine Engländerin und eine ganze Familie, von der sie in Anspruch

genommen ist.«

»Also etwas Menschenfreundliches?«

»Du siehst doch immer nur sofort das Üble; es ist nichts

philanthropisches, sondern eine Herzenssache. Sie hatten -- ich meine

Wronskiy -- einen englischen Traineur, einen Meister in seinem Fache,

aber auch Säufer. Der hat sich vollständig zu Schanden getrunken --

=delirium tremens= -- und die Familie war verlassen. Da erblickte sie

die Leute, sie half, bekümmerte sich um sie, und jetzt ist die ganze

Familie in ihrer Obhut; und sie hat dies nicht nur so von oben herab

gethan, mit Geld, sondern bereitet selbst die Knaben auf russisch für

das Gymnasium vor und hat das kleine Mädchen zu sich genommen. Du wirst

dieses ja sehen.«

Der Wagen fuhr auf den Hof und Stefan Arkadjewitsch schellte laut an

der Einfahrt, vor welcher ein Schlitten stand.

Ohne den öffnenden Dienstmann zu fragen, ob man daheim sei, begab sich

Stefan Arkadjewitsch in den Flur. Lewin folgte ihm, mehr und mehr in

Zweifel geratend, ob er recht oder nicht recht handle.

In einen Spiegel blickend, bemerkte er, daß er rot aussehe, doch war er

überzeugt, nicht berauscht zu sein und stieg die mit Teppichen belegte

Treppe hinauf, hinter Stefan Arkadjewitsch her.

Oben frug dieser einen Lakaien, welcher sich verbeugte, wie man einen

niedriger Stehenden grüßt, wer bei Anna Arkadjewna sei? und erhielt zur

Antwort »Herr Workujeff«.

»Wo ist man?«

»Im Kabinett.«

Durch den kleinen Speisesalon mit den dunkeln, holzbekleideten Wänden,

traten sie auf dem weichen Teppich in ein halbdunkles Kabinett, welches

nur von einer Lampe mit großem dunklen Schirm erleuchtet wurde. Eine

andere Lampe brannte als Refraktor an der Wand und erleuchtete das in

Lebensgröße gemalte Porträt einer Frau, welchem Lewin unwillkürlich

seine Aufmerksamkeit zuwandte. Es war dies das in Italien von

Michailoff gefertigte Porträt Annas. Während Stefan Arkadjewitsch

hinter eine Traillage schritt, und eine männliche Stimme, welche

gesprochen hatte, verstummte, betrachtete Lewin das Porträt, welches

in der schimmernden Beleuchtung aus dem Rahmen heraustrat, und konnte

sich nicht davon losreißen. Er hatte sogar vergessen, wo er war, und

verwendete, ohne zu hören, was gesprochen wurde, kein Auge von dem

wunderbaren Bild.

Das war kein Bild mehr, sondern eine lebende, reizende Frau mit

schwarzen wallenden Haaren, entblößten Schultern und Händen und

sinnigem halben Lächeln auf den von einem zarten Flaume überdeckten

geöffneten Lippen, welche ihn sieghaft und zärtlich mit ihren

verwirrenden Augen anschaute. Nur insofern war sie nicht belebt, als

sie schöner war, wie eine Lebende sein konnte.

»Sehr erfreut,« vernahm er plötzlich neben sich eine Stimme, die sich

augenscheinlich an ihn wandte; die Stimme desselben Weibes, in welches

er sich auf dem Porträt im Anschauen verloren hatte.

Anna war ihm entgegengekommen, hinter der Traillage hervor, und Lewin

gewahrte im Zwielicht des Kabinetts die nämliche Frau des Porträts,

in dunklen, buntfarbig blauem Kleid, nicht in derselben Stellung,

nicht mit dem nämlichen Ausdruck, wohl aber mit derselben Hoheit jener

Schönheit, in welcher sie von dem Künstler auf dem Bilde erfaßt worden

war. Sie war weniger glänzend in der Wirklichkeit, aber dafür lag in

der Lebenden etwas Ungewohntes, Anziehendes, was nicht im Porträt war.

10.

Sie trat ihm entgegen, ohne ihre Freude, ihn zu sehen, zu verhehlen.

In dieser Ruhe, mit welcher sie ihm die kleine und energische Hand

entgegenstreckte, ihn mit Workujeff bekannt machte und dann auf ein

rothaariges, hübsches kleines Mädchen zeigte, welches hier bei einer

Arbeit saß, und das sie ihre Pflegebefohlene nannte, lagen die Lewin

bekannten, angenehmen Manieren der Frau aus der großen Welt, die stets

ruhig und natürlich sind.

»Es ist mir sehr, sehr angenehm,« wiederholte sie, und in ihrem Munde

erhielten diese einfachen Worte für Lewin aus unbekanntem Grunde

eine eigentümliche Bedeutung. »Ich kenne und liebe Euch lange schon

wegen Eurer Freundschaft für Stefan und wegen Eures Weibes; ich habe

dieses nur kurze Zeit gekannt, aber es hat in mir den Eindruck einer

reizenden Blüte hinterlassen, ja, einer Blüte! Sie wird also bald

Mutter werden?«

Anna sprach ungezwungen und ohne Hast, bisweilen ihren Blick von Lewin

auf ihren Bruder richtend. Ersterer empfand, daß der Eindruck, den er

hervorbrachte, ein guter sein mußte, und sogleich wurde es ihm nun in

ihrer Gesellschaft so leicht, so frei und behaglich zu Mut, als hätte

er sie von Kindheit an gekannt.

»Ich habe mit Iwan Petrowitsch im Kabinett Alekseys Platz genommen,«

sagte sie, Stefan Arkadjewitsch auf dessen Frage, ob man rauchen

dürfe, -- antwortend »damit er eben rauchen könne,« und nahm, auf

Lewin blickend, anstatt zu fragen ob er rauche, ein Cigarrenetuis von

Schildkrot, aus welchem sie eine Cigarette zog.

»Wie steht es jetzt mit deiner Gesundheit?« frug sie ihr Bruder.

»Wie soll es gehen; die Nerven sind stets dieselben.«

»Nicht wahr, ziemlich gut?« sagte Stefan Arkadjewitsch, bemerkend, daß

Lewin das Porträt betrachtete.

»Ich habe noch nie ein besseres Porträt gesehen.«

»Und ziemlich ähnlich, nicht wahr?« sagte Workujeff.

Lewin schaute vom Porträt auf das Original. Ein eigentümlicher Glanz

erleuchtete das Antlitz Annas, während sie seinen Blick auf sich ruhen

fühlte. Lewin errötete, und wollte, um seine Verlegenheit zu verbergen,

fragen, ob es schon längere Zeit her sei, daß sie Darja Aleksandrowna

gesehen habe, doch im selben Augenblick begann Anna:

»Ich habe mit Iwan Petrowitsch soeben von den letzten Gemälden

Waschtschenkoffs gesprochen. Habt Ihr sie gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen,« antwortete Lewin.

»Doch entschuldigt, ich habe Euch unterbrochen, Ihr wolltet sagen« --

Lewin frug, ob sie vor längerer Zeit Dolly gesehen hätte.

»Gestern war sie bei mir; sie ist wegen Grischa sehr schlecht auf das

Gymnasium zu sprechen. Der Lehrer im Lateinischen scheint es, ist

ungerecht gewesen gegen ihn.«

»Ich habe die Bilder gesehen; sie haben mir sehr gefallen,« wandte sich

Lewin zu dem von ihr begonnenen Gespräch zurück.

Lewin sprach jetzt ganz und gar nicht mehr von jener handwerksmäßigen

Stellung zum Gegenstande, aus der er am Morgen gesprochen hatte. Jedes

Wort der Unterhaltung mit ihr erhielt eine eigentümliche Bedeutung.

Schon mit ihr reden war ihm angenehm, noch angenehmer aber, ihr

zuzuhören.

Anna sprach nicht nur natürlich, und klug, sondern auch klug und ohne

Zwang, ohne ihren Gedanken Wert beizulegen, während sie den Ideen des

anderen großes Gewicht beilegte.

Das Gespräch drehte sich um die neue Richtung in der Kunst, um die neue

Illustration der Bibel durch einen französischen Künstler. Workujeff

zieh den Künstler eines Realismus, der bis zur Derbheit ging. Lewin

sagte, daß die Franzosen das Abstrakte in der Kunst entwickelt hätten

wie niemand, und sie daher ein besonderes Verdienst in der Rückkehr zum

Realismus erblickten. Schon darin, daß sie nicht mehr lögen, sähen sie

Poesie.

Noch nie hatte Lewin etwas Vernünftiges, was er je einmal gesagt

haben mochte, so viel Vergnügen gemacht, als dies. Das Gesicht Annas

erglänzte plötzlich über und über, als sie diesen Gedanken momentan

abwog. Sie begann zu lächeln.

»Ich lache,« sagte sie, »wie man lacht, wenn man ein sehr ähnliches

Porträt sieht. Das, was Ihr sagtet, charakterisiert jetzt vollkommen

die französische Kunst, wie sie jetzt ist, die Malerei, und selbst die

Litteratur; Zola, Daudet. Doch ist es vielleicht stets so, daß man

seine =conceptions= aus erdachten, abstrakten Gestalten konstruiert,

dann aber, nachdem alle =combinaisons= ausgeführt sind, die von

erdachten Gestalten langweilen und man beginnt, natürlichere wahrhafte

Gestalten auszusinnen.«

»Das ist vollkommen richtig,« sagte Workujeff.

»Ihr waret wohl im Klub?« wandte sie sich zu ihrem Bruder.

»Ja, das ist ein Weib!« dachte Lewin, sich ganz vergessend und

unverwandt in ihr schönes, bewegliches Gesicht blickend, welches sich

jetzt plötzlich vollkommen verändert hatte. Lewin hörte nicht, wovon

sie sprach, indem sie sich zu ihrem Bruder gewandt hatte, er war

betroffen von der Veränderung ihres Ausdrucks. Vorher so herrlich in

seiner Ruhe, drückte ihr Gesicht plötzlich eine seltsame Neugier, Zorn

und Stolz aus. Doch dies währte nur eine Minute. Dann blinzelte sie,

als denke sie an Etwas.

»Nun ja, dies ist aber doch für niemand von Interesse,« sagte sie und

wandte sich zu der kleinen Engländerin.

»=Please, order the tea in the drawing-room=.«

Das kleine Mädchen erhob sich und ging hinaus.

»Nun; hat sie das Examen bestanden?« frug Stefan Arkadjewitsch.

»Vorzüglich. Es ist ein sehr beanlagtes Mädchen und ein liebenswerter

Charakter.«

»Und die Sache wird damit enden, daß du sie mehr liebst, als dein

eigenes Kind.«

»So spricht ein Mann. In der Liebe giebt es kein mehr oder weniger;

ich liebe meine Tochter mit einer bestimmten, dieses Mädchen mit einer

anderen Liebe.«

»Ich sage eben zu Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, »daß sie, wenn sie

auch nur ein Hundertstel der Energie, welche sie für diese Engländerin

einsetzt, auf das gemeinsame Werk der russischen Kindererziehung

verwendete, eine große, nützliche That vollbrächte.«

»Ja, das was Ihr da wollt, konnte ich nicht. Graf Aleksey Kyrillowitsch

hat mich lebhaft ermuntert« -- indem sie die Worte »Graf Aleksey

Kyrillowitsch« aussprach, schaute sie schüchtern fragend Lewin an,

welcher ihr unwillkürlich mit einem ehrerbietigen und bestätigenden

Blicke antwortete, »mich mit dem Dorfschulwesen zu befassen. Ich

kümmerte mich mehrmals darum; die Schulen sind mir sehr wert, aber ich

vermochte es nicht, mich der Sache zu widmen. Ihr sprecht von Energie?

Die Energie beruht auf der Liebe, und die Liebe läßt sich nicht irgend

woher nehmen, nicht anbefehlen. So habe ich dieses Mädchen da lieb

gewonnen, ohne selbst zu wissen, weshalb.«

Sie blickte wiederum Lewin an; ihr Lächeln, ihr Blick, alles sagte ihm,

daß sie an ihn nur ihre Worte richte, seine Meinung würdige, und dabei

im voraus wisse, daß sie sich gegenseitig verstanden.

»Ich begreife das vollkommen,« antwortete Lewin, »für die Schule

und überhaupt für ähnliche Einrichtungen läßt sich nicht das Herz

einsetzen, und ich glaube, daß eben infolge dessen diese humanistischen

Einrichtungen stets so geringe Resultate erzielen.«

Anna schwieg eine Weile, dann lächelte sie. »Ja, ja,« bestätigte sie,

»ich habe das nie vermocht. =Je n'ai pas le coeur assez large=, um ein

ganzes Bewahrungshaus voller häßlicher kleiner Mädchen lieb haben zu

können. =Cela ne m'a jamais réussi=. Es giebt jedoch so viele Frauen,

welche sich hieraus eine =position sociale= begründet haben. Und

jetzt,« sprach sie mit trauerndem, zutraulichem Ausdruck, äußerlich zu

ihrem Bruder gewendet, augenscheinlich aber nur zu Lewin: »jetzt, wo

mir eine Beschäftigung so nötig ist, kann ich es um so weniger.«

Plötzlich finster werdend -- Lewin nahm wahr, daß sie es über sich

selbst wurde, weil sie über sich gesprochen hatte -- veränderte sie

aber das Thema.

»Ich weiß von Euch,« sagte sie zu Lewin, »daß Ihr ein schlechter Bürger

seid, und ich habe Euch doch verteidigt, so gut ich es verstand.«

»Wie habt Ihr mich denn verteidigt?«

»Bezüglich gewisser Angriffe. Indessen, ist nicht ein wenig Thee

gefällig?« Sie erhob sich und nahm ein in Saffian gebundenes Buch zur

Hand.

»Gebt mir dasselbe, Anna Arkadjewna,« sagte Workujeff, auf das Buch

zeigend, »es ist recht wohl wert.«

»O nein; es ist noch so ungefeilt.«

»Ich habe ihm davon gesagt,« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an seine

Schwester, auf Lewin deutend.

»Das hast du unnötigerweise gethan. Meine Schrift ist so nach Art jener

Körbchen und Schnitzereien, die mir die Lisa Marzalowa aus den Ostrogs

bisweilen verkaufte. Sie besuchte in seiner Gesellschaft die Ostrogs.

Die Unglücklichen haben da Wunder an Geduldsproben geleistet.«

Lewin entdeckte einen neuen Zug an diesem Weibe, das ihm so

außerordentlich gefiel. Außer Verstand, Grazie und Schönheit besaß

sie auch Treuherzigkeit. Sie wollte vor ihm all das Drückende ihrer

Lage gar nicht verheimlichen; und als sie dies gesagt hatte, seufzte

sie, und ihr Gesicht, welches plötzlich einen strengen Ausdruck

annahm, hatte sich gleichsam versteinert. Mit diesem Ausdruck auf

den Zügen aber war sie noch schöner als vorher, doch derselbe war ein

fremdartiger; er stand außerhalb dieses von Glück schimmernden, Glück

erzeugenden Kreises von Ausdrücken, wie sie von dem Künstler auf dem

Porträt aufgefangen worden waren. Lewin blickte noch einmal auf das

Bild und auf ihre Gestalt, wie sie, den Arm des Bruders nehmend, mit

diesem durch die hohe Thür schritt, und er empfand eine Zärtlichkeit

und ein Mitleid mit ihr, das ihn selbst in Erstaunen versetzte.

Sie hatte Lewin und Workujeff gebeten, in den Salon zu treten, während

sie selbst zurückgeblieben war, um mit dem Bruder über Etwas zu

sprechen.

»Spricht sie von ihrer Ehescheidung, von Wronskiy, oder darüber, was er

im Klub macht, oder von mir?« dachte Lewin, und die Frage, was sie mit

Stefan Arkadjewitsch besprechen möchte, versetzte ihn so in Aufregung,

daß er fast gar nicht vernahm, was ihm Workujeff über die Vorzüge des

von Anna Arkadjewna geschriebenen Kinderromans erzählte.

Beim Thee wurde das nämliche, so angenehme, gehaltvolle Gespräch

fortgesetzt. Es gab nicht nur keine einzige Minute, während welcher man

nach einem Stoff für die Unterhaltung hätte suchen müssen, sondern im

Gegenteil war fühlbar, daß man nur aussprach, was man sagen wollte, um

sogleich bereitwillig innezuhalten und zu hören, was der andere sagte.

Alles aber, was man auch sprechen mochte, sagte sie es nun selbst, oder

Workujeff, oder Stefan Arkadjewitsch, alles erhielt wie Lewin schien,

dank ihrer Aufmerksamkeit und ihren Bemerkungen, ein eigenartiges

Gewicht.

Das interessante Gespräch verfolgend, versenkte sich Lewin während der

ganzen Zeit in ihren Anblick und in ihre Schönheit, ihren Geist, ihre

Bildung, und zugleich in ihre Natürlichkeit und Innerlichkeit. Mochte

er zuhören oder reden, fortwährend dachte er an sie, an ihr inneres

Leben, und bemühte sich, ihre Empfindungen zu erraten.

Er, der sie früher so streng verurteilt hatte, er rechtfertigte sie

jetzt nach einem seltsamen Gedankengang, bemitleidete sie zugleich, und

fürchtete, daß Wronskiy sie nicht vollkommen verstehen möchte. In der

elften Stunde, als Stefan Arkadjewitsch sich erhob, um vorzufahren --

Workujeff war schon zeitiger aufgebrochen -- schien es Lewin, als sei

er soeben erst angekommen. Nur ungern stand er gleichfalls auf.

»Lebt wohl,« sagte sie, seine Hand festhaltend und ihm mit anziehendem

Blick ins Auge schauend; »ich freue mich recht sehr, =que la glace est

rompue=.« Sie ließ seine Hand los und blinzelte mit den Augen. »Teilt

Eurer Gattin mit, daß ich sie noch so lieb habe wie früher, und daß

ich, wenn sie mir meine Situation nicht vergeben kann, wünsche, sie

möge mir niemals verzeihen. Um vergeben zu können, muß man durchleben,

was ich durchlebt habe, und davor behüte sie der Himmel.«

»Ich werde es sicher ausrichten,« sagte Lewin errötend.

11.

»Welch ein bewundernswertes, liebenswertes und beklagenswertes Weib,«

dachte er, als er mit Stefan Arkadjewitsch in die kalte Luft hinaustrat.

»Nun, was sagst du? Ich hatte dir schon gesagt,« begann Stefan

Arkadjewitsch, welcher sah, daß Lewin vollständig besiegt war.

»Ja,« versetzte dieser gedankenvoll, »ein ungewöhnliches Weib! Nicht

nur, daß sie Verstand besitzt, sie ist auch wunderbar innig. Mir thut

sie außerordentlich leid.«

»Jetzt wird ja wohl, so Gott will, bald alles in Ordnung sein. Man muß

nur nicht zu früh richten,« sagte Stefan Arkadjewitsch, die Wagenthür

öffnend; »entschuldige, wir haben doch nicht einen Weg.«

Fortwährend an Anna denkend, an alle die so einfachen Gespräche, welche

mit ihr gepflogen worden waren, und sich dabei alle Einzelheiten ihres

Gesichtsausdrucks ins Gedächtnis zurückrufend, mehr und mehr in ihre

Lage eindringend und Mitleid mit ihr empfindend, fuhr Lewin nach Hause.

* * * * *

Daheim berichtete ihm Kusma, daß Katharina Aleksandrowna sich wohl

befinde, sowie, daß die Schwestern nicht lange erst weggefahren wären,

und überreichte zwei Briefe.

Lewin las dieselben gleich an Ort und Stelle, im Vorzimmer, um sich

später nicht davon ablenken lassen zu müssen. Der eine Brief war von

Sokoloff, seinem Verwalter. Sokoloff schrieb, daß der Weizen nicht

verkauft werden könne, da man nur fünf und einen halben Rubel gebe,

und ein höheres Gebot nirgends zu erlangen sei. Der andere Brief war

von seiner Schwester. Dieselbe machte ihm Vorwürfe darüber, daß ihre

Angelegenheit noch immer nicht erledigt sei.

»Nun; so werden wir für fünfeinhalb verkaufen, wenn man nicht

mehr geben will,« entschied Lewin sofort mit einer ungewöhnlichen

Leichtfertigkeit die erste Frage, die ihm früher so schwierig

erschienen war. »Wunderbar, wie hier die Zeit stets in Anspruch

genommen ist,« dachte er bei dem zweiten Briefe. Er fühlte sich

schuldig der Schwester gegenüber, weil er bis jetzt nicht erledigt

hatte, worum sie ihn gebeten. »Ich bin heute wieder nicht aufs

Gericht gekommen, aber es war heute auch, als hätte man nicht die

geringste Zeit.« Nachdem er beschlossen hatte, es morgen entschieden

zur Ausführung zu bringen, begab er sich zu seiner Gattin. Auf dem

Wege zu ihr ging er noch einmal schnell in der Erinnerung den ganzen

Tag durch, so wie er ihn verbracht hatte. Alle Erlebnisse des Tages

bestanden in Gesprächen -- Gesprächen, welche er angehört und an denen

er teilgenommen hatte.

Alle Gespräche hatten von Dingen gehandelt, mit denen er sich, hätte

er allein und auf dem Lande gelebt, nie würde beschäftigt haben, die

aber hier sehr interessant waren. Alle diese Gespräche waren auch gut

gewesen; nur in zwei Punkten nicht so ganz. Der eine betraf das, was er

von dem Hechte gesagt hatte, der andere, daß ihm Etwas »nicht richtig«

vorkam in dem zarten Mitgefühl, welches er für Anna empfand.

Lewin fand sein Weib verstimmt und gelangweilt. Die Tafel der drei

Schwestern hatte sich ganz heiter gestaltet, dann aber hatte man

auf ihn gewartet und gewartet, alles begann sich zu langweilen, die

Schwestern fuhren von dannen und sie war allein zurückgeblieben.

»Nun, was hast du denn gemacht?« frug sie, ihm in die Augen blickend,

welche ein wenig verdächtig glänzten. Um ihn nicht zu hindern, alles zu

erzählen, verbarg sie jedoch ihre Wahrnehmung und hörte mit billigendem

Lächeln seiner Erzählung zu, wie er den Abend verlebt hatte.

»Nun, ich freute mich sehr, daß ich Wronskiy begegnet bin. Ich habe

mich recht wohl und unbefangen in seiner Gesellschaft gefühlt. Du

begreifst, daß ich mich jetzt bemühen werde, ihn nie wieder zu sehen;

aber diese peinliche Situation mußte doch ihr Ende erreichen,« sprach

er, dachte daran, daß er »sich bemühend, ihn nie wieder zu sehen«,

sogleich darauf zu Anna gefahren war, und errötete. »Da reden wir, daß

das Volk trinkt; ich weiß nicht, wer mehr trinkt, das Volk oder unsere

Gesellschaft; das Volk thut es wenigstens nur an Feiertagen, aber« --

Kity interessierte indessen die Betrachtung, wie das Volk trinke,

nicht. Sie hatte gesehen, daß er rot geworden war, und wünschte zu

wissen, warum.

»Nun, und wo warest du dann?«

»Stefan bat mich aufs Dringendste, mit zu Anna Arkadjewna zu fahren.«

Lewin hatte dies kaum gesagt, als er noch mehr errötete, und seine

Zweifel darüber, ob er gut oder übel daran gethan habe, zu Anna zu

fahren, waren endgültig entschieden. Er wußte jetzt, daß es nicht

gerade nötig gewesen war, dies zu thun.

Die Augen Kitys öffneten sich eigentümlich weit und blitzten auf

bei dem Namen Annas, doch sich selbst bezwingend, verbarg Kity ihre

Aufregung und täuschte ihn.

»Ah,« sagte sie nur.

»Du wirst wohl nicht ungehalten sein, daß ich dahin gefahren bin.

Stefan bat mich und Dolly wünschte es,« fuhr Lewin fort.

»O nein,« sagte sie, doch in ihren Augen las er ihre Anstrengung über

sich selbst, die ihm nichts Gutes verhieß.

»Sie ist sehr liebenswürdig, sehr, sehr beklagenswert, ein gutes Weib,«

sagte er, von Anna erzählend, von ihren Beschäftigungen und von dem,

was sie ihm auszurichten befohlen hatte.

»Ja, natürlich, sie ist sehr beklagenswert,« sagte Kity, nachdem er

geendet hatte. »Von wem hast du einen Brief erhalten?«

Er gab ihr Bescheid, und ging, der Ruhe in ihrem Tone vertrauend, sich

auszukleiden.

Als er zurückkehrte, fand er Kity noch in demselben Sessel sitzend.

Nachdem er zu ihr hingetreten war, blickte sie ihn an und brach in

Thränen aus.

»Was ist? Was ist denn?« frug er, schon vorher den Grund kennend.

»Du hast dich verliebt in dieses abscheuliche Weib; sie hat dich

bestrickt. Ich seh es an deinen Augen! Ja, ja; was soll daraus werden?

Du hast im Klub getrunken, getrunken, gespielt und dann bist du zu ihr

gefahren. Zu wem? Nein; wir reisen ab! Morgen reise ich ab!«

Lewin vermochte lange nicht, sein Weib zu beruhigen. Endlich hatte er

sie indessen beschwichtigt, jedoch nur dadurch, daß er eingestand, daß

das Gefühl des Mitleids im Verein mit dem Weine ihn verleitet habe,

und daß er dem hinterlistigen Einfluß Annas unterlegen sei, diese aber

fortan meiden werde.

Ein Umstand, welchen er am Aufrichtigsten eingestand, war der, daß er,

so lange schon in Moskau, lediglich durch diese Unterhaltung, das Essen

und Pokulieren um seine klare Vernunft gekommen sei.

So sprachen sie bis drei Uhr nachts, und erst um drei Uhr hatten sie

sich so weit versöhnt, daß sie Schlaf fanden.

12.

Nachdem Anna ihre Gäste hinausgeleitet hatte, begann sie, ohne wieder

Platz zu nehmen, im Gemach auf und abzuschreiten. Obwohl sie unbewußt

-- wie sie in letzter Zeit in ihrem Verhalten jungen Männern gegenüber

stets gethan -- den ganzen Abend alles Mögliche versucht hatte, in

Lewin die Empfindung der Liebe für sie zu erwecken, obwohl sie wußte,

daß sie dies auch erreicht habe, so weit es eben in ihrem Verhältnis

einem ehrenhaften verheirateten Manne gegenüber und für einen einzigen

Abend möglich gewesen war -- obwohl auch er selbst ihr sehr gefallen

hatte (trotz des scharfen Kontrastes, welcher vom Gesichtspunkt des

Mannes aus zwischen Wronskiy und Lewin bestand, sah sie als Weib in

beiden ganz ebenso das Gemeinsame, wodurch Kity Wronskiy wie Lewin

liebgewonnen hatte), dachte sie nicht mehr seiner, sobald er das Zimmer

verlassen hatte.

Einundderselbe Gedanke verfolgte sie unablässig in verschiedenen

Gestalten: »Wenn ich so auf andere wirke, auf diesen häuslichen,

liebenden Mann, wie kommt es da, daß er so kalt ist gegen mich? Oder

vielmehr, nicht daß er kalt wäre, er liebt mich, ich weiß es; aber

etwas Fremdartiges trennt uns jetzt! Wie kommt es, daß er den ganzen

Abend nicht hier ist? Er hat mir durch Stefan sagen lassen, daß er

Jaschwin nicht verlassen könne und dessen Spiel verfolgen müsse. Was

für ein Kind ist dieser Jaschwin? Aber gesetzt, es wäre wirklich so

-- er spricht ja nie die Unwahrheit -- so liegt in dieser Wahrheit

doch etwas anderes! Er freut sich über die Gelegenheit, mir zeigen zu

können, daß er auch noch andere Verpflichtungen hat. Ich weiß das, und

bin damit einverstanden. Aber weshalb muß er mir dies zeigen? Er will

mir beweisen, daß seine Liebe zu mir nicht seine Freiheit hemmen darf!

Aber ich brauche keine Beweise, sondern Liebe! Er hätte wohl all das

Drückende dieses meines Lebens in Moskau begreifen müssen; lebe ich

denn? Ich lebe nicht, ich erwarte eine Lösung, die sich mehr und mehr

hinauszieht. Wieder keine Antwort! Stefan sagt, er könne sich nicht zu

Aleksey Aleksandrowitsch begeben. Ich kann aber doch nicht nochmals

schreiben. Ich kann nichts thun, nichts anfangen, nichts ändern; ich

halte mich ruhig zurück, warte ab, indem ich mir Zeitvertreib ersinne

-- wie die Familie des Engländers, die Schriftstellerei und Lektüre --

und doch ist das alles nur eine Täuschung, alles das ist das nämliche

Morphium! Er müßte mich beklagen,« sprach sie und fühlte, wie ihr die

Thränen des Jammers über sich selbst in die Augen traten.

Da vernahm sie das jähe Läuten Wronskiys und wischte eilig diese

Thränen ab. Sie wischte nicht nur ihre Thränen weg, sie setzte sich

noch zur Lampe und schlug ein Buch auf, sich den Anschein der Ruhe

gebend. Galt es doch, ihm zu zeigen, daß sie mißgestimmt sei, weil er

nicht zurückgekehrt war, wie er versprochen hatte -- nur mißgestimmt;

aber nimmermehr wollte sie ihm ihren Schmerz zeigen, oder gar etwa ihr

Mitleid mit sich selbst.

Sie durfte wohl Mitleid haben mit sich selbst, nicht aber er mit ihr.

Sie wollte keinen Hader, sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er zu

streiten wünschte, und doch geriet sie unwillkürlich in streitlustige

Stimmung.

»Du hast dich doch nicht gelangweilt?« sagte er, lebhaft und heiter zu

ihr kommend. »Welch eine furchtbare Leidenschaft -- das Spiel.« --

»Nein; ich habe mich nicht gelangweilt und habe schon seit langem

gelernt, mich nicht zu langweilen. Stefan und Lewin waren hier.«

»Ja wohl; sie wollten zu dir fahren. Nun, wie hat dir Lewin gefallen?«

sprach er, sich neben ihr niederlassend.

»Sehr gut. Sie sind nicht lange erst weggefahren. Was hat Jaschwin

gemacht?«

»Er war im Gewinnen; siebzehntausend Rubel. Ich rief ihn zu mir, er war

vollkommen einverstanden, schon aufzubrechen, kehrte aber wieder um und

verspielt jetzt.«

»Weshalb bist du denn dann geblieben?« frug sie, plötzlich die Augen

zu ihm erhebend. Der Ausdruck ihres Gesichts war kalt und feindselig,

»du hast Stefan gesagt, du wolltest bleiben, um Jaschwin mit zu dir zu

nehmen, und hast ihn doch verlassen.«

Der nämliche Ausdruck kalter Kampfbereitschaft drückte sich auch auf

seinem Antlitz aus.

»Erstens habe ich ihn in keiner Weise gebeten, dich von etwas zu

benachrichtigen, zweitens spreche ich nie die Unwahrheit. Die

Hauptsache ist, ich wollte bleiben und bin geblieben,« sagte er,

finster sprechend. »Anna, warum, warum nur das?« sprach er nach einer

Minute des Schweigens, sich zu ihr beugend und die Hand öffnend in der

Hoffnung, daß sie die ihre in sie legen werde.

Sie freute sich über diese Aufforderung, zärtlich zu sein, aber eine

gewisse, seltsame Macht des Bösen gestattete ihr nicht, sich ihrem

Zuge zu ihm hinzugeben, gleich als ob die Ursachen zum Hader es nicht

zuließen, daß sie sich selbst überwinde.

»Natürlich; du wolltest bleiben und bist geblieben. Du thust eben, was

du willst! Aber warum sagst du mir das? Zu welchem Zweck?« sagte sie,

immer mehr in Erregung geratend. »Macht dir denn jemand deine Rechte

streitig? Du willst in deinem Rechte sein; sei es.«

Seine Hand schloß sich, er wandte sich ab und sein Gesicht nahm noch

mehr als vorher einen Ausdruck von Trotz an.

»Für dich ist dies nur eine Frage des Eigensinnes,« sagte sie, ihn

unverwandt anblickend, indem sie plötzlich den Namen fand für diesen

sie in Wallung versetzenden Ausdruck seines Gesichts, »einfach des

Trotzes! Für dich giebt es nur die Frage, wirst du Sieger bleiben gegen

mich. Für mich aber« -- wieder empfand sie Mitleid mit sich selbst und

sie wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. »Wüßtest du, um was es sich

für mich handelt! Wenn ich, so wie jetzt, fühle, daß du dich feindselig

gegen mich verhältst, thatsächlich feindselig, wüßtest du, was das für

mich bedeutet! Wenn du wüßtest, wie nahe ich in diesen Augenblicken dem

Unglück bin, wie ich mich selbst fürchte!« -- Sie wandte sich ab, ihr

Schluchzen unterdrückend.

»Wovon sprichst du da?« sagte er, erschreckt vor dem Ausdruck ihrer

Verzweiflung, und sich wiederum zu ihr neigend, ihre Hand ergreifend

und sie küssend. »Meide ich etwa nicht den Umgang mit den Weibern?«

»Das wäre auch noch!« sagte sie.

»Nun sag', was ich thun soll, damit du beruhigt bist? Ich bin bereit,

alles zu thun, daß du glücklich sein möchtest,« sprach er, gerührt von

ihrer Verzweiflung, »was thue ich nicht, um dich von einem Schmerz zu

befreien, wie er dich jetzt erfüllt, Anna,« sagte er.

»Nicht doch, nicht doch,« sprach sie, »ich weiß selbst nicht; ist

es das einsame Leben, sind es die Nerven -- nun, wir wollen nicht

weiter davon sprechen! Wie war es mit dem Rennen? Du hast mir nicht

davon erzählt?« frug sie, sich bemühend, den Triumph über den Sieg zu

verbergen, welcher nun doch auf ihrer Seite geblieben war.

Er befahl das Abendessen und begann ihr Einzelheiten über die Rennen zu

erzählen, aber an seinem Tone, seinen Blicken, die kühler und kühler

wurden, erkannte sie, daß er ihr ihren Sieg nicht vergeben hatte, daß

jenes Gefühl des Trotzes, gegen welchen sie gekämpft hatte, wieder in

ihm erstanden war. Er war kühler gegen sie, als vorher, gleichsam als

bereute er es, sich unterworfen zu haben, während sie, an die Worte

denkend, welche ihr den Sieg verliehen hatten »ich bin nahe einem

furchtbaren Unglück und fürchte mich selbst«, erkannt hatte, daß diese

Waffe eine gefährliche war, und sie dieselbe nicht ein zweites Mal

anwenden könne.

Sie fühlte aber auch, daß neben der Liebe, die sie beide vereinte,

zwischen ihnen der böse Geist einer Kampflust getreten war, den sie

weder aus seinem Herzen, noch viel weniger aber aus dem ihren zu

vertreiben vermochte.

13.

Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen

könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso

leben.

Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den

Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen

könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses

Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem

Rausche, -- denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub

gab -- nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen

zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war,

und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als

gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese

Frau und der Erbitterung der Gattin -- unter solchen Verhältnissen

ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer

schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er

sanft und selig.

Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf

und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter

der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.

»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend,

»Kity, was ist?«

»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der

Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie,

mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.

»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß

geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden.

»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend.

»Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig

unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.«

Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder

und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen

Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit

und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand

hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien,

verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder

einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand

er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen

war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten

Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.

Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte,

sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem

Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.

»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber nur scheint --

wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« --

Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt

ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen

beschäftigt hatte.

»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,«

sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand

an ihren Busen und dann an ihre Lippen.

Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge

von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch

immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen

von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen

kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen!

Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem

er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer

Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem

Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude

und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im

allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von

dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier

abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen

leuchtete.

In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er

liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn,

doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu

ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn,

und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage

sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick

nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag

eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf

mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin --

wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber

aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein

Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese

Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer

Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht

erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.

»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der

Lisabetha Petrowna -- mein Konstantin -- es ist nichts; schon vorüber«

-- Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir

fehlt nichts.«

Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am

Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.

Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das

Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und

vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit

ihr selbst das Bett zu rücken begann.

Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben

würde -- ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben -- wieder nach dem

Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm

schien.

Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging

umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei

treffend.

»Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist

man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig?

Soll ich zu Dolly?«

Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.

»Ja, ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der

Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein

klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer

ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.

»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem

Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh' mir

bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet

ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese

Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte

er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit,

aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen

hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles

das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte

er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte,

seine Seele und seine Liebe?

Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl

einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und

Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine

Minute verloren ging -- ohne auf das Pferd zu warten -- zu Fuß hinweg

und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine

daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem

Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha

Petrowna.

»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr

kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten,

sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu

befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück.

»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter

Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch

Opium aus der Apotheke mit.«

»So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh'

mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes

Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er

diesem, zum Arzt zu fahren.

14.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät

zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er

bald auf.

Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch

genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser

und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte

diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend

sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse,

und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und

entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen

Zweck zu erreichen.

»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine

Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit

für alles das, was er zu thun hatte, verspürend.

Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb

Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei

dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während

er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er

zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den

Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit

Gewalt wecken, koste es, was es wolle.

In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen

Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst

einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das

Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu

geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme

genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor

zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es

geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus

Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei,

worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß,

einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte

Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln.

Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem

Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür

hinaus.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem

Aufbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken.

Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit

einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und

erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch -- wie erhaben und bedeutungsvoll

erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter

Dmitrjewitsch -- versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen,

und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn

sogleich wecke.

Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das

Empfangszimmer zu treten.

Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete,

umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin

schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte

nicht länger warten.

»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender

Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir,

nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden

begonnen!«

»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen,

daß der Arzt dies lächelnd sagte.

»Auf eine Minute!«

»Sogleich.«

Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel

anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf

bürstete.

»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme,

doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute

haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir

verderben!«

»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte

er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?«

Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle

unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen

Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt möchte sogleich mit ihm

kommen, unterbrechend.

»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar

nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber

Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee

gefällig?«

Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn

lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.

»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin

Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch

die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann

in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.«

»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles

glücklich gehen kann?«

»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.«

»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend,

der den Kaffee brachte.

»In einem Stündchen.«

»Ach, nein doch, um Gottes willen!«

»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.«

Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.

»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige

Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend.

»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also

nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?«

»In einer halben Stunde.«

»Auf Ehrenwort?«

Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen,

und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers. Die Fürstin hatte

Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte,

umarmte sie ihn und brach in Thränen aus.

»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem,

sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der

Hand fassend.

»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es

wird ihr dann leichter sein.«

Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es

sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und

Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich

verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend,

sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend -- zu

ertragen, was ihm bevorstand.

Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie

das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr

sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend,

hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden

lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.

Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden

sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und

steh' mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu

befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen,

oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich,

und doch war erst eine Stunde vergangen.

Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf

Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe

gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt

noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute

denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und

das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.

Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die

Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher

gespannt.

Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich

gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr

vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten -- jene

Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit

außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende

Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten.

Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem

Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends

war.

Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er

würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser

Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr

glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn

beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht,

aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in

Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er

sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha

Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den

alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt.

Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren -- er wußte es

nicht.

Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett,

wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war

da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal

hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er

hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig,

und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet

hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas

frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der

Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur

Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand

zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf

einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die

Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die

Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys,

es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum

alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die

Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat,

sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus

dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll

anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.

Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich

war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf

dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.

Jenes aber war ein Schmerz gewesen -- dies war eine Freude! -- Doch

sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller

gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen

Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz

gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung

dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin

der Verstand nicht mehr reichte.

»Gott vergieb mir und steh' mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß,

ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen

Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und

naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten

Jugend.

Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte

Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart

seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welcher eine

seiner dicken Zigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem

Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten,

von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die

Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich

auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht

fühlte -- die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war;

an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor

Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte.

Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei

einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen

seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal,

sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu

entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei;

er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von

neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und

sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.«

Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden

Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß,

in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre

Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang

empor, wollte fort, und lief zu ihr.

Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr

Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen,

ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe,

gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und

Erbarmen.

15.

Er wußte nicht, ob es spät oder früh war. Die Kerzen waren schon

sämtlich niedergebrannt. Dolly war soeben im Kabinett gewesen und hatte

dem Arzte vorgeschlagen, sich niederzulegen.

Lewin saß, den Erzählungen des Doktors über den Charlatanismus eines

Magnetiseurs zuhörend, und schaute auf die Asche seiner Cigarette. Es

war eine Ruhepause eingetreten und er hatte sich in Gedanken verloren.

Er hatte vollständig vergessen, was jetzt vorging, hörte der Erzählung

des Arztes zu und verstand sie. Plötzlich ertönte ein mit nichts mehr

zu vergleichender Schrei. Der Schrei war so furchtbar, daß Lewin nicht

einmal aufsprang, sondern mit stockendem Atem, erschrocken fragend

den Arzt anblickte. Dieser neigte lauschend den Kopf seitwärts, und

lächelte befriedigt. Alles war so außergewöhnlich gewesen, daß Lewin

schon nichts mehr in Erstaunen versetzte. »Es muß wahrscheinlich so

sein,« dachte er und blieb sitzen. Von wem rührte der Schrei her?

Er sprang auf und eilte auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer; er

eilte an Lisabetha Petrowna und der Fürstin vorüber und trat auf

seinen Platz zu Häupten. Der Schrei war verstummt, aber es ging jetzt

eine Veränderung vor sich. Was es war -- das sah und erkannte er

nicht, wollte er auch weder sehen, noch erkennen. Aber er nahm diese

Veränderung wahr an dem Gesicht Lisabetha Petrownas, welches streng und

bleich, noch immer so energisch war, obwohl ihre Kinnbacken bisweilen

leise bebten und ihre Augen unverwandt auf Kity gerichtet waren.

Das glühende, erschöpfte Antlitz Kitys mit dem am schweißbedeckten

Gesicht klebenden Haargewirr war ihm zugewendet und suchte seinen

Blick. Ihre erhobenen Arme verlangten nach den seinen, und mit ihren

schweißbedeckten Händen die seinen, welche kalt waren, fassend, drückte

sie dieselben an ihr Gesicht.

»Geh' nicht von mir, geh' nicht von mir! Ich habe keine Angst, ich habe

keine Angst!« sprach sie rasch. »Mama, nehmt mir die Ohrringe weg,

sie stören mich. Hast du auch keine Angst? -- Bald, bald, Lisabetha

Petrowna!« --

Sie sprach schnell, schnell, und wollte lächeln, aber plötzlich

verzerrte sich ihr Gesicht und sie stieß ihn von sich.

»Nein, das ist furchtbar! Ich sterbe, sterbe! Komm her, komm her!«

schrie sie auf, und wieder ertönte der nämliche, mit nichts zu

vergleichende Schrei.

Lewin griff sich nach dem Kopfe und stürzte aus dem Zimmer hinaus.

»Es ist nichts, nichts; alles geht gut!« rief Dolly ihm nach.

Doch was man auch sagen mochte, er wußte, daß jetzt alles verloren

war. Den Kopf gegen die Oberschwelle der Thür gelehnt, stand er im

Nebenzimmer und vernahm ein von ihm noch nie gehörtes Wimmern und

Schreien; er erkannte, das jetzt ein Wesen schrie, welches früher Kity

gewesen war. Ein Kind hatte er nicht gewünscht. Er haßte jetzt dieses

Kind, ja wünschte jetzt nicht einmal dessen Leben, sondern nur die

Abkürzung dieser entsetzlichen Leiden.

»Doktor! Was ist das! Was ist das; mein Gott!« sagte er, den

eintretenden Arzt am Arme packend.

»Es geht zu Ende,« sagte der Arzt; sein Gesicht war so ernst, als er

dies sagte, daß Lewin dieses »es geht zu Ende« in dem Sinne auffaßte,

als ob sie stürbe.

Nicht mehr bei Sinnen, rannte er in das Schlafzimmer. Das erste, was

er hier erblickte, war das Gesicht Lisabetha Petrownas. Es war noch

finstrer und ernstrer geworden. Das Gesicht Kitys war nicht da. An

der Stelle, wo es vorher gewesen, lag etwas Entsetzenerregendes, nach

dem Ausdruck von Anstrengung und den Tönen die von dorther kamen, zu

urteilen. Er fiel mit dem Kopfe auf die Bettstelle, und fühlte, wie es

ihm das Herz zerriß. Das furchtbare Schreien verstummte nicht mehr,

es wurde noch furchtbarer und, als wäre es bis zur höchsten Grenze

des Entsetzlichen gelangt -- verstummte es plötzlich. Lewin traute

seinen Ohren nicht, aber es war nicht zu bezweifeln; das Schreien war

verstummt und man hörte jetzt ein leises Geräusch und schnelles Atmen,

sowie ihre sich losringende, lebhafte, milde und glückselige Stimme die

ein leises »vorbei« hervorbrachte.

Er hob den Kopf. Kraftlos die Hand auf die Bettdecke sinken lassend,

schaute sie ihn, seltsam schön und still, wortlos an; sie wollte

lächeln, vermochte es aber nicht, und plötzlich fühlte sich Lewin

aus jener geheimnisvollen und furchtbaren, überirdischen Welt, in

der er die letzten zweiundzwanzig Stunden gelebt hatte, in die

frühere, gewohnte zurückversetzt, die ihm jetzt jedoch in solch neuem

Glanze von Glück erschien, daß er ihn nicht ertragen konnte. Die

gespannt gewesenen Saiten waren sämtlich gerissen. Schluchzen und

Freudenthränen, die er nimmermehr vorausgesehen hätte, stiegen in ihm

mit solcher Gewalt, seinen ganzen Körper erschütternd, auf, daß sie ihn

lange Zeit am Sprechen verhinderten.

Auf die Kniee niederfallend vor dem Bett, hielt er die Hand seines

Weibes an seine Lippen und küßte sie, und diese Hand antwortete seinen

Küssen mit einer schwachen Bewegung der Finger. Währenddem aber

bewegte sich unten, zu Füßen des Bettes, in den gewandten Händen der

Lisabetha Petrowna, wie ein Flämmchen aus dem Leuchter, ein lebendiges

menschliches Wesen hin und her, welches früher nie gewesen war, nun

aber mit dem gleichen Rechte, mit der nämlichen Bedeutung für sich

selbst, leben sollte und seinesgleichen zeugen.

»Es lebt, es lebt! Und noch dazu ein Junge! Fürchtet nichts!« hörte

Lewin die Stimme der Lisabetha Petrowna, die mit der zitternden Hand

klatschend den Rücken des Kindes schlug.

»Mama, ist es wahr?« sagte die Stimme Kitys.

Nur das Schluchzen der Fürstin antwortete ihr.

Inmitten des Schweigens aber ertönte, wie eine unbegreifbare Antwort

auf die Frage an die Mutter, eine Stimme, die vollkommen verschieden

war von den Stimmen, welche verhalten im Zimmer sprachen. Es war der

kecke, dreiste, unbekümmerte Schrei eines neuen menschlichen Wesens,

das auf unbegreiflichem Wege erschienen ist.

Hätte man Lewin früher gesagt, daß Kity einmal sterben werde und er

mit ihr zusammen, und daß ihre Kinder Engel würden und Gott dann bei

ihnen sein werde -- er hätte sich über nichts gewundert; jetzt aber,

in die Welt der Wirklichkeit zurückversetzt, machte er die größten

Anstrengungen im Denken, um zu begreifen, daß sie noch lebte, gesund

sei, und daß jenes verzweifelt wimmernde Wesen sein Sohn sei.

Kity lebte, ihre Leiden waren vorüber, und er war unsagbar glücklich.

Das erkannte er, und er war vollkommen glücklich darüber. Aber das

Kind? Woher kam es, warum war es und was war es? Er vermochte sich

durchaus nicht an diesen Gedanken zu gewöhnen; es erschien ihm aber

auch durch irgend einen Umstand, an den er sich nicht gewöhnen konnte,

überflüssig, überzählig.

16.

In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und

Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin

gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge.

Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen

der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war;

er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt

hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen.

Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher

er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit

denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines

Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes,

und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die

ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt

gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob

sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner

Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte auf das

Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie

mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich

befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in

der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer.

»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut;

sogleich« -- antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.

Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die

bevorstehende Taufe entwerfend.

Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band,

die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und

winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete.

Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich

ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum

Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt.

Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung.

Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den

Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn

bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten

und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt.

»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch

jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich

veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das

Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er

soll ihn sehen.«

»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes,

seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch

halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses

sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und

wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben,

umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.

Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah,

vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen

von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel

vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten

Ärmchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den

kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen

auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna -- als wären

es weiche Sprungfedern -- die gespreizten Ärmchen andrückte, indem sie

sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid

mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden,

daß er sie an der Hand festhielt.

Lisabetha Petrowna lachte.

»Habt keine Angst; habt keine Angst!«

Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt

worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr

Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen

Schönheit sehen könne.

Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.

»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar

erheben.

»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr

nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen

wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.«

Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme -- der andere stützte

nur mit den Fingern das noch haltlose Genick -- dieses seltsame,

zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote

Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Augen und schmatzende

Lippen.

»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna.

Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das

Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das

Gefühl, welches er erwartet hatte.

Er wandte sich ab, während Lisabetha Petrowna das Kind an die noch

nicht gewohnte Brust zu legen suchte.

Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das

Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.

»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht

von sich. Es schlief in ihren Armen ein.

»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er

es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich

plötzlich noch mehr; das Kind nieste.

Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib

und verließ das verdunkelte Gemach.

Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was

er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl;

im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst;

die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese

Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß

dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben

die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er

hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.

17.

Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert.

Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und

das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent

bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab

kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja

Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen

geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des

Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.

Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die

Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben

ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten.

Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan

Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner

Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt,

welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren,

jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte

zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte

siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog

fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich

vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an,

das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des

Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun

eine Attacke machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten,

Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr

er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter,

deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel

jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren,

behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds

in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der

südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle

derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß

es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.

Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte,

nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt

ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan

Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann -- ohne Betonung --

sondern er war ein ehrlicher Mensch -- mit Betonung -- in jenem

eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt:

Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine

solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet,

daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern

auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen

Stich zu versetzen.

Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in

denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann

angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte,

als andere.

Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und

Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten

aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei

Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch -- obwohl sie

schon vorbereitet waren -- in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er

seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort

betreffs der Ehescheidung zu erlangen.

Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach

Petersburg.

In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des

schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan

Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner

Angelegenheit und von Anna zu beginnen.

»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein

Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und

fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in

den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit --

die Freiheit.«

»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip

der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das

Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um

noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies

gesagt war.

Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern

durchblätternd, las Aleksey Aleksandrowitsch aufs neue die überzeugende

Stelle.

»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner

Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls -- für

die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« -- sagte er, über

dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das

nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen

und von Phrasen begeistert.«

Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen

begann, was _die oben_ thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine

Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in

Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher

jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte

vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich

seine Schrift durchblätternd.

»Ach, bei dieser Gelegenheit« -- sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte

ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar

Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als

Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz

der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch

war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits

gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu

versehen.

Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser

neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit

dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne.

Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte

war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er

sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:

»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du

gerade dieses Amt zu übernehmen?«

»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« --

»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte

sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser

Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem

Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die

Sparsamkeit waren.

»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in

unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen

ökonomischen =assiette= unserer Regierung sind.«

»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein

Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert.

Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.«

»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz

der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung

eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn

ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich

kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt

erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn

man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte

einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen -- so schließe

ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und

Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person.

Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als

schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« --

Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.

»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft

nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen,

wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf

ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch

gewichtig.

Die Moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey

Aleksandrowitsch unverständlich.

»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er.

»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte

Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen

wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.«

»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte

Aleksey Aleksandrowitsch.

»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan

Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens,

weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen

war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen

hatte.

Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine

Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen

Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit

anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war

es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen,

daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in

dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal

im Leben das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht

befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst

unbehaglich zu Mute gewesen.

Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan

Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den

Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend,

und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben

wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den

anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen.

Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher

Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher,

daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde -- er

lautete: »ich hatt' es zu thun mit Juden und dafür mußt' ich bluten«[C]

-- oder aus einem anderen Grunde.

[C] Der Originaltext lautet: »=bylo djelo do [.z]yda, i ja

do[.z]idalsja=«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich

mußte tüchtig warten«.

Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit

empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm

einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so

schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran

erinnerte, errötete er.

18.

»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft

Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen,

und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.

Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich

das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren

Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.

»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend

und sein Pincenez zusammenklemmend.

»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich

wende mich jetzt zu dir -- nicht zu dem beleidigten Gatten« -- wollte

Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der

Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu

dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern

einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen.

Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er.

»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise.

»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen

habe -- ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht -- du würdest

Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich

entsetzlich.«

»Mir schien,« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer,

fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das,

was sie selbst gewollt hat.«

»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen!

Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt

-- die Ehescheidung.«

»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung

nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu

lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese

Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach

Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.

»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee

seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn

du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch

trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast

ihr alles bewilligt -- die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das

zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt;

bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl

ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken

konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit,

haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.«

»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach

ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.

»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch

geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für

jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das

weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus,

daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle,

alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll

sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?«

»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines

Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan

Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt,

daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur

das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden

durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles

so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch

versprochen.«

»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die

Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe

ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« -- Aleksey

Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und

mit bebenden Lippen.

»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das

Eine -- sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich

befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch,

du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage.

Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage

über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben,

so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande

bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist

nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich

ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine

Entscheidung erwartend. Das ist doch wohl ganz das Nämliche, als wenn

man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den

Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in

Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf

mich nehmen die Sache zu ordnen! -- =Vos scrupules=« --

»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey

Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas

versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.«

»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?«

»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert,

wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das

Versprochene erfüllbar ist.«

»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran

will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib

unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« --

-- »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. =Vous professez d'être

un libre penseur=, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so

wichtigen Angelegenheit nicht wider das christliche Gebot handeln.«

»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel

ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die

Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« --

-- »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.«

»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte

Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht

hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen

Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch

den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« --

»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die

Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme,

»ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen -- dieses Gespräch« --

»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih', wenn ich dich gekränkt habe,«

beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand

hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag

übermittelt.«

Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.

»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen

werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem

Nachdenken.

19.

Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der

Meldung:

»Sergey Aleksejewitsch!«

»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch

anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte

er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements

wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich,

und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder

ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt

hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm

ist. Und mein Stefan -- wenn es möglich wäre; es wird doch möglich

sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre«

bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stande zu bringen,

daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht

zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.

Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam,

daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher

ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.

»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner

Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey

Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine

verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben seine Gesundheit

wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die

Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn

eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt

gut.«

»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der

kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den

hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben

in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund

und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden,

doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei

er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging

zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der

Schule erhalten hatte.

»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.«

»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu

sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan

Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?«

Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.

»Ich besinne mich, =mon oncle=,« antwortete er, auf den Oheim blickend

und wiederum in Verwirrung geratend.

Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.

»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl

er nicht recht wußte, was er sagen sollte.

Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus

der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte,

eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem

fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.

Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum

letztenmale gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von

ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden

und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und

Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr

krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn

überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für

schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen

Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein

Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war,

bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu

gewöhnen.

Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war

ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für

schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer,

als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der

Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck

des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die

Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater,

bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen,

hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er

für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel

gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und

nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.

Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen,

und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und

frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe,

unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.

»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und

wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere.

Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie

nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch

alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nun ist es schwer

dabei den Kondukteur zu machen.«

»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie

schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.«

»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in

diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt

nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und

obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu

sprechen, hielt er es doch nicht aus.

»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich.

»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und

schlug, purpurrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun

nichts mehr aus ihm herausbringen.

Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf

der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne

oder weine.

»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich

habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird

wohl dem Direktor gesagt werden müssen.«

»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hätte dies ja doch niemand bemerkt.

Das ist doch sicher wahr!«

»Nun was aber ist Euch denn dann?«

»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum

soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht

mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.

20.

Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht

müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der

Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer,

noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.

Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn

nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und

wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte

er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in

Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die

schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über

die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen

seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte

ihn.

Es war indessen nur nötig, daß er nach Petersburg kam und sich dort

aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man

lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich

alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor

dem Scheine des Feuers.

Und sein Weib? -- Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy

gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder -- die

erwachsenen Kinder waren Pagen -- und doch auch eine zweite, illegitime

Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die

erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher

in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite

Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm

nützlich und förderlich.

Was hätte man hierzu in Moskau gesagt?

Seine Kinder? -- In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht

daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab

hier nicht jene in Moskau -- bei Lwoff zum Beispiel -- verbreitete,

seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern

allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch

verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch

eben leben müsse.

Sein Dienst? -- Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge

hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war

ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein

treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene

Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere

machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern

begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte.

Dieser Dienst gewährte Interesse.

Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in

finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij,

welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem =train=, welchen er

gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein

bemerkenswertes Wort fallen lassen.

Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu

Bartejanskij gesagt:

»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher

einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen

wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als

Mitglied der Agentur« --

»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz -- aber was hast du für eine

Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du

willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« --

Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges

Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden.

»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.«

»Aber du lebst doch?«

»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.«

»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig.

»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.«

Bartejanskij lachte lustig auf.

»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und

besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei

leben!«

Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der

Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.

Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine

Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche

Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er

unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen

durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar

noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.

Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan

Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn.

In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach

dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen,

langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In

Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger.

Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige

Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war,

gesagt hatte.

»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt,

»glaubst du es wohl -- ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber,

wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein

junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken -- man aß und trank so

leichthin -- Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach

Rußland gekommen -- ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf -- ja;

du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen

Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die

jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger

Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann

aber fuhr ich nach Paris -- da kam ich wieder in Ordnung.«

Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter

Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn

er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre -- was

übrigens ganz gut gewesen sein würde -- für das Heil seiner Seele zu

sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch.

Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden

alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets

launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge,

wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage

nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu

ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und

seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie

er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur

nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun

deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh

über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu

Zweien ein Ende machte.

»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure

arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu,

»seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter

sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es

Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen,

als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall

hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe

für sie, und erzählt mir nun von ihr.«

»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen,

in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für

bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer

Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen.

»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen.

Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch

schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager,

verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug

sei, klug -- nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt,

nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem

Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn

ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich

doch nicht anders!«

»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das

eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit

meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab

mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber

erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der

Gräfin Lydia Iwanowna.«

»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau

befragen, was der sagen wird.«

»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« --

»Wie, Ihr kennt nicht =Jules Landau le fameux, Jules Landau le

clairvoyant=? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das

Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der

Provinz -- Ihr wißt von nichts! -- Landau, seht Ihr, war ein Kommis

in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt

schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken

Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des

Juriy Meledinskiy -- Ihr wißt, des Kranken -- von diesem Landau und

nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat

er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser

noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit

ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles

auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin

Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn

zu ihrem Sohne gemacht hat.«

»Wie, zu ihrem Sohne?«

»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf

Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch -- ich liebe

sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke -- hat

sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn

wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß

gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen

dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.«

21.

Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen

Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan

Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin

Lydia Iwanowna.

»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer,

indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und

einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.

»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der

Portier gemessen.

»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan

Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber

doch wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren

Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir's

gewiß.«

Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin

Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon

die Lampen.

An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey

Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer

Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr

bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf

dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers,

die Wand mit den Porträts betrachtend.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey

Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach

dem unbekannten Manne.

»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer

Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die

beiden miteinander bekannt.

Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte

lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine

unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg

und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch

wechselten einen ausdrucksvollen Blick.

»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die

Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin

anweisend.

»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach

sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey

Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff,

wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«

»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man

sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«

»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin

an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich.

Es ist ein solcher Schlag für sie.«

»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört,« sagte die

Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.

»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so

vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in

welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte,

zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.

Ein minutenlanges Schweigen trat ein, worauf die Gräfin Lydia Iwanowna,

gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit feinem

Lächeln zu Oblonskiy sagte:

»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen

zu lernen. =Les amis de nos amis sont nos amis=, aber um ein Freund

zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes

hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf

Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,«

sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.

Anna Karenina, 2. Band · 第 10 / 13 题