Beim ersten Aufenthalt siedelte er in die zweite Klasse über, und

machte sich mit den Freiwilligen bekannt. Sie saßen in einer Ecke des

Waggons in lautem Gespräch und wußten augenscheinlich recht wohl, daß

die Aufmerksamkeit der Passagiere und des eingetretenen Katawasoff auf

sie gerichtet sei.

Lauter als alle anderen sprach der hochgewachsene Jüngling mit der

flachen Brust. Er war offenbar berauscht und erzählte eine Geschichte,

die sich auf ihrem Transport zugetragen hatte. Ihm gegenüber saß ein

schon nicht mehr junger Offizier im Rocke der österreichischen Garde.

Er hörte lächelnd dem Erzähler zu und hielt ihn in Schranken. Ein

Dritter, in Artillerieuniform, saß auf einem Koffer neben ihnen. Ein

Vierter schlief.

Ein Gespräch mit dem Jüngling anknüpfend, erfuhr Katawasoff bald, daß

dieser ein reicher Moskauer Kaufmann gewesen sei, welcher sein großes

Vermögen bis zum zweiundzwanzigsten Jahre durchgebracht hatte. Er

gefiel Katawasoff nicht, weil er verweichlicht, verzärtelt, und von

schwacher Gesundheit war; augenscheinlich hatte er die Überzeugung,

namentlich jetzt, im Rausche, daß er eine Heldenthat vollbringen werde,

und flunkerte in unangenehmster Weise.

Ein anderer, ein verabschiedeter Offizier, machte auf Katawasoff

gleichfalls einen unangenehmen Eindruck. Er war, wie man sah, ein

Mensch, der schon alles versucht hatte. Er war an der Eisenbahn

gewesen, dann Geschäftsführer eines Handlungshauses, und hatte Fabriken

angelegt. Er sprach über alles, ohne jede Veranlassung, und wendete

unpassend gelehrte Ausdrücke an.

Ein dritter, ein Artillerist jedoch, gefiel Katawasoff recht

wohl. Er war ein bescheidener, stiller Mensch, der sich offenbar

vor den Kenntnissen des abgedankten Gardisten und der heroischen

Selbstberäucherung des Kaufmanns beugte, und von sich selbst gar nicht

sprach. Als ihn Katawasoff frug, was ihn veranlaßt hätte, nach Serbien

zu gehen, antwortete er bescheiden:

»Nun, es gehen ja alle hin. Da gilt es, den Serben auch mit zu helfen.

Es thut einem ja leid.«

»Ja; besonders Artilleristen sind ja auch nicht zahlreich dort,« sagte

Katawasoff.

»Ich habe freilich nur kurze Zeit in der Artillerie gedient und es ist

möglich, daß man mich zur Infanterie oder Kavallerie bestimmt.«

»Weshalb denn zum Fußvolk, wenn man vor allem Artilleristen braucht?«

sagte Katawasoff, nach dem Alter des Artilleristen urteilend, daß er

schon eine höhere Charge bekleiden müsse.

»Ich habe nicht lange in der Artillerie gedient, und bin als Junker

entlassen,« sagte er und begann nun auseinanderzusetzen, weshalb er das

Examen nicht bestanden hätte.

Alles das zusammengenommen, machte auf Katawasoff einen unangenehmen

Eindruck, und als die Freiwilligen auf der Station ausstiegen, um

einmal zu trinken, wünschte Katawasoff, in einem Gespräch mit jemand

diese unangenehmen Eindrücke auszutauschen. Ein mitreisender alter

Herr in Uniform hatte die ganze Zeit dem Gespräch Katawasoffs mit den

Freiwilligen zugehört. Nachdem ersterer mit diesem allein geblieben

war, wandte er sich zu ihm.

»Wie groß doch der Unterschied der Verhältnisse aller dieser Leute ist,

die nach dorthin abgehen,« sagte Katawasoff unbestimmt, im Wunsche,

seine Meinung auszusprechen und zugleich dabei diejenige des Alten zu

erforschen. Der Alte war ein Militär, der zwei Feldzüge mitgemacht

hatte. Er wußte was ein Soldat zu bedeuten habe, und hielt diese Leute

nach ihrem Aussehen und Sprechen und nach dem Eifer, mit welchem sie

unterwegs der Flasche zusprachen, für schlechte Soldaten. Er war auch

Bewohner einer Kreisstadt und erzählte, daß aus seiner Vaterstadt einer

unter die Soldaten gegangen sei, der Trunkenbold und Dieb gewesen, und

den niemand mehr als Arbeiter hätte nehmen mögen. Da er indessen aus

Erfahrung wußte, daß es unter der jetzigen Stimmung der Gesellschaft

gefährlich sei, eine Meinung auszusprechen, welche der allgemein

herrschenden entgegenliefe, und insbesondere, die Freiwilligen abfällig

zu beurteilen, sondierte er gleichfalls Katawasoff.

»Ja, dort sind Leute nötig,« sprach er, mit den Augen lachend. Sie

begannen nun, von der letzten Nachricht vom Kriegsschauplatz zu

sprechen, verbargen aber voreinander ihre Unwissenheit darüber, gegen

wen sie morgen die Entscheidungsschlacht erwarteten, nachdem die Türken

der letzten Nachricht gemäß auf allen Punkten geschlagen waren. So

trennten sie sich denn beide, ohne ihre Meinung ausgesprochen zu haben.

Nachdem Katawasoff in seinen Waggon zurückgekehrt war, erzählte er,

Sergey Iwanowitsch unwillkürlich ausweichend, von seinen Beobachtungen

der Freiwilligen, die sich ihm als vorzügliche Burschen erwiesen

hatten.

Auf der großen Station in einer Stadt begrüßte wieder Gesang und Zuruf

die Freiwilligen, wieder erschienen Sammelnde beiderlei Geschlechts

mit Büchsen, die vornehmen Damen des Gouvernements brachten den

Freiwilligen Bouquets und begleiteten sie zum Büffett, doch war alles

das bei weitem matter und in geringerem Maßstabe angelegt als in Moskau.

4.

Während des Aufenthalts in der Gouvernementsstadt ging Sergey

Iwanowitsch nicht ans Büffett, sondern schritt auf dem Bahnsteig auf

und nieder.

Als er zum erstenmal am Coupé Wronskiys vorüberkam, bemerkte er, daß

das Fenster zugezogen war, bei nochmaligem Passieren desselben indessen

erblickte er die alte Gräfin am Fenster, welche Koznyscheff zu sich

rief.

»Ich fahre auch mit und begleite ihn bis Kursk,« sagte sie.

»Ich habe schon gehört,« antwortete Sergey Iwanowitsch, an ihrem

Fenster stehen bleibend und in dasselbe hineinblickend. »Welch schöner

Zug von ihm,« fügte er hinzu, nachdem er bemerkt hatte, daß Wronskiy

nicht im Coupé war.

»Ja, was blieb ihm nach seinem Unglück zu thun übrig?«

»Welch furchtbares Ereignis!« sagte Sergey Iwanowitsch.

»O, was habe ich durchgemacht; aber bitte, tretet doch ein! -- O, was

habe ich durchgemacht!« wiederholte sie, nachdem Sergey Iwanowitsch

eingetreten war und sich neben ihr auf das Polster gesetzt hatte. »Das

vermag sich niemand vorzustellen. Sechs Wochen hat er mit niemand

gesprochen und nur erst dann gegessen, wenn ich ihn darum angefleht.

Nicht eine Minute durfte man ihn allein lassen. Wir haben alles

weggenommen, womit er sich hätte ein Leids anthun können; wir wohnten

in der niederen Etage; es ließ sich eben nichts voraussehen. Ihr wißt

ja, daß er sich schon einmal ihretwegen geschossen hat,« sprach sie,

und die Brauen der alten Frau zogen sich finster zusammen bei dieser

Erinnerung. »Ja; sie hat geendet, wie solch ein Weib enden mußte.

Selbst den Tod hat sie sich gemein und niedrig erwählt!« --

»Wir dürfen nicht richten, Gräfin,« sagte Sergey Iwanowitsch seufzend,

»doch ich begreife, wie schwer dies für Euch gewesen sein muß.«

»O, sprecht nicht davon! Ich wohnte auf meinem Gute, und er war gerade

bei mir. Da bringt man ein Billet. Er schreibt Antwort und sendet sie

ab. Wir ahnten nicht, daß sie schon da auf der Station war. Abends

-- ich hatte mich soeben zurückgezogen -- erzählt mir meine Mary,

daß sich auf der Station eine Dame unter den Eisenbahnzug gestürzt

hätte. Dies traf mich wie ein Donnerschlag! Ich erkannte das müsse sie

gewesen sein, und das erste, was ich sagen konnte war: Nur ihm nichts

mitteilen! -- Doch hatte man es ihm schon gesagt. Sein Kutscher war

dort gewesen und hatte alles gesehen. Als ich auf sein Zimmer kam, war

er nicht mehr bei Sinnen -- er war furchtbar anzusehen. Kein Wort hat

er gesprochen und ist fortgesprengt. Was dort geschehen ist, ich weiß

es nicht, aber sie haben ihn wie einen Toten gebracht. Ich hätte ihn

nicht erkannt. -- >=Prostration complète=!< erklärte der Arzt. Dann

brach fast eine Tobwut aus. Doch, was soll ich da erzählen!« sprach die

Gräfin mit der Hand abwehrend. »Eine entsetzliche Zeit! Nein, was Ihr

auch sagen mögt, es war ein schlechtes Weib! Und was waren das auch

für verzweifelte Leidenschaften! Das mußte auf etwas Absonderliches

hinauslaufen und sie hat es auch bewiesen. Sie hat sich vernichtet und

zwei edle Männer -- ihren Gatten und meinen unglücklichen Sohn!«

»Was sagt denn ihr Gatte dazu?« frug Sergey Iwanowitsch.

»Er hat ihr Kind zu sich genommen. Mein Aleksander war in der ersten

Zeit mit allem einverstanden, doch jetzt quält es ihn furchtbar, daß

er einem fremden Menschen seine Tochter übergeben hat. Sein Wort

zurücknehmen aber kann er nicht. Karenin kam auch zum Begräbnis, doch

bemühten wir uns, ihn nicht Aleksander begegnen zu lassen. Für ihn, den

Ehemann, war es immerhin doch noch leichter zu ertragen. Sie hat ihn ja

erlöst, aber mein armer Sohn hatte sich ihr so ganz dahingegeben. Alles

hatte er für sie aufgegeben, seine Carriere, mich, und dabei hatte sie

noch nicht einmal Mitleid mit ihm, sondern hat ihn mit Berechnung noch

völlig gemordet. Nein, was Ihr auch sagen mögt, selbst ihr Tod -- ist

nur der Tod eines abscheulichen Weibes, das keine Religion besaß! Möge

Gott mir verzeihen, aber ich muß ihr Angedenken hassen, wenn ich auf

den Untergang meines Sohnes schaue.«

»Und wie trägt er es jetzt?«

»Gott hat uns geholfen -- dieser serbische Feldzug ist gekommen.

Ich bin ein greises Weib, und verstehe nichts davon, aber Gott hat

ihm dies gesandt. Mir als Mutter ist es natürlich entsetzlich, und,

was die Hauptsache ist, man sagt =ce n'est pas très= -- =bien vu à

Pétersbourg= -- aber -- was thun! Dies allein nur konnte ihn wieder

aufrichten. Jaschwin -- sein Freund -- hat alles verspielt und sich

nach Serbien begeben; er ist zu ihm gekommen und hat ihn überredet.

Jetzt beschäftigt ihn die Sache doch. Unterhaltet Euch, bitte, mit ihm,

ich will ihn zerstreuen. Er ist so schwermütig. Unglücklicherweise hat

er auch noch Zahnschmerzen bekommen. Über Euch wird er sich recht sehr

freuen. Bitte sprecht mit ihm; dort drüben geht er.«

Sergey Iwanowitsch sagte, es würde ihm Freude machen und begab sich auf

die andere Seite des Zuges.

5.

In dem schrägen Abendschatten von Säcken, welche auf dem Bahnsteig

aufgetürmt lagen, ging Wronskiy in seinem langen Überrock, mit

bedecktem Kopfe und die Hände in den Taschen hin und her, wie ein

wildes Tier im Käfig, sich alle zwanzig Schritte schnell wieder

wendend. Als Sergey Iwanowitsch sich Wronskiy näherte, schien ihm,

als ob ihn dieser sehe, sich jedoch stelle, als bemerke er ihn nicht.

Sergey Iwanowitsch war dies ganz gleichgültig. Er stand außerhalb aller

persönlicher Beziehungen mit Wronskiy.

In dieser Minute war Wronskiy in seinen Augen ein wichtiger Faktor

in dem großen Werke und Koznyscheff hielt es für seine Pflicht, ihn

anzufeuern und aufzumuntern. Er trat zu ihm.

Wronskiy blieb stehen, blickte auf, erkannte Sergey Iwanowitsch und

drückte demselben, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, warm die

Hand.

»Ihr habt vielleicht nicht mit mir sprechen wollen,« sagte Sergey

Iwanowitsch, »aber kann ich Euch nicht nützlich sein?«

»Mit niemand könnte es mir angenehmer sein, zusammenzutreffen, als mit

Euch,« sagte Wronskiy, »entschuldigt mich, aber Erfreuliches giebt es

für mich nicht mehr im Leben.«

»Ich verstehe; ich wollte Euch meine Dienste anbieten,« sagte Sergey

Iwanowitsch, Wronskiy in das sichtlich leidende Gesicht blickend. »Habt

Ihr nicht einen Brief für Ristitsch, oder an Milan nötig?«

»O nein!« antwortete Wronskiy, fast als werde es ihm schwer, zu

verstehen: »Wenn es Euch gleich ist, so spazieren wir ein wenig. In den

Waggons herrscht eine solche Schwüle! Ob ich ein Schreiben brauche?

Nein; ich danke Euch, zum Sterben braucht man keine Empfehlungen. Nur

gegen die Türken« -- sagte er lächelnd, mechanisch. Seine Augen hatten

noch immer ihren Ausdruck von Erregtheit und Leiden.

»Es wird Euch aber leichter werden, mit vorbereiteten Persönlichkeiten

die Beziehungen anzuknüpfen, welche doch jedenfalls erforderlich sind.

Indes, wie Ihr wollt. Ich hatte mich sehr gefreut, von Eurem Entschluß

zu hören. Giebt es doch schon so viele Angriffe auf die Freiwilligen,

daß ein Mann wie Ihr, dieselben in der öffentlichen Meinung nur heben

kann!«

»Ich bin als Mensch,« sagte Wronskiy, »nur insofern brauchbar, als das

Leben mir nichts mehr wert ist. Nur, daß physische Energie genug in mir

ist, ein Carré zu sprengen, und es zu zerschmettern, oder zu fallen

-- das weiß ich! Ich freue mich darüber, daß es etwas giebt, wofür

ich mein Leben opfern darf, das mir nicht allein überflüssig, nein,

interesselos geworden ist. So kommt es doch noch jemand zu nutze.«

Er bewegte ungeduldig die Kinnbacken, infolge des beständigen, nagenden

Zahnschmerzes, der ihn sogar daran hinderte, mit dem Ausdruck zu

sprechen, den er beabsichtigte.

»Ihr werdet wieder genesen, ich prophezeie es Euch,« sagte Sergey

Iwanowitsch, mit einem Gefühl von Rührung. »Die Erlösung unserer

Mitbrüder von einem Joch ist ein Ziel, würdig des Todes wie des Lebens.

Verleihe Gott Euch äußeren Erfolg und inneren Frieden,« fügte er hinzu

und reichte ihm die Hand hin.

Wronskiy drückte warm die dargebotene Hand Sergey Iwanowitschs.

»Ja, als Waffe -- kann ich noch zu etwas taugen. -- Aber als Mensch --

bin ich eine Ruine« -- sprach er in Absätzen.

Der quälende Schmerz des Zahnes, welcher ihm den Mund mit Speichel

füllte, hinderte Wronskiy am Reden. Er schwieg, nach den Rädern eines

langsam und gleichmäßig auf den Schienen hinrollenden Tenders blickend,

und plötzlich ließ ihn eine andere Qual, nicht ein Schmerz, sondern ein

allgemeines, inneres Unbehagen auf einen Augenblick seinen Zahnschmerz

vergessen.

Der Anblick des Tenders und der Schienen, der Einfluß des Gesprächs mit

einem Bekannten, welchen er nach dem Verhängnis, das ihn betroffen,

nicht begegnet war, brachte ihm ihr Angedenken plötzlich wieder in die

Erinnerung, oder vielmehr das, was ihm von ihr noch geblieben war, als

er wie ein Wahnsinniger in den Schuppen der Eisenbahnstation gelaufen

kam: Auf einem Tische in demselben, schmählich von den Händen Fremder

ausgestreckt, ihr blutiger Leib, noch voll von dem kaum entflohenen

Leben; der nach hinten geworfene, unversehrt gebliebene Kopf mit

seinen schweren Flechten und wallenden Locken an den Schläfen, und

auf dem reizvollen Antlitz, mit dem halbgeöffneten roten Munde, der

erstarrte, seltsame, klägliche Ausdruck der Lippen, der furchtbar in

den nichtgeschlossenen Augen lag, und wie mit Worten das furchtbare

Wort aussprach, daß er bereuen solle -- das Wort, welches sie während

ihres Streites zu ihm gesagt hatte.

Und er bemühte sich, sie so in sein Gedächtnis zurückzurufen,

wie sie gewesen, als er ihr zum erstenmale, gleichfalls auf der

Eisenbahnstation, begegnet war, ihr, der Geheimnisvollen, der

Reizenden, der Liebevollen, Glücksuchenden und -spendenden, aber nicht

der hartherzig Quälenden, als die sie ihm aus der letzten Minute ins

Gedächtnis kam.

Er suchte sich der seligsten Minuten mit ihr zu erinnern, doch

diese waren ihm auf ewig vergiftet. Er rief sie sich nur als die

Triumphierende ins Gedächtnis zurück, welche ihre Drohung ausgeführt

hatte, die niemand nützte und durch Reue nicht auszugleichen war.

Den Zahnschmerz fühlte er nicht mehr, aber Schluchzen verzerrte sein

Gesicht.

Nachdem er zweimal wortlos an den Säcken vorübergeschritten war, wandte

er sich, nachdem er seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte,

ruhig an Sergey Iwanowitsch.

»Habt Ihr keine Depesche seit der gestrigen erhalten? Der Feind

ist zwar zum drittenmal geschlagen, aber morgen erwartet man die

Entscheidungsschlacht.«

Nachdem sie noch über die Proklamation des Königs Milan und die

weittragenden Folgen, welche dieselbe haben könne, gesprochen hatten,

trennten sich beide nach dem zweiten Glockensignal und gingen nach

ihren beiderseitigen Waggons.

6.

Da Sergey Iwanowitsch nicht wußte, wann er Moskau würde verlassen

können, hatte er nicht an seinen Bruder telegraphiert, daß man ihn

abhole.

Lewin war nicht daheim, als Katawasoff und Sergey Iwanowitsch in einem

kleinen Tarantaß, der auf der Station gemietet worden war, staubbedeckt

wie Araber um zwölf Uhr mittags vor der Freitreppe des Herrenhauses von

Pokrowskoje vorfuhren.

Kity, welche mit ihrem Vater und der Schwester auf dem Balkon gesessen

hatte, erkannte den Schwager und eilte hinunter, ihn zu bewillkommen.

»Wie unrecht von euch, uns nicht Nachricht zu geben,« sagte sie Sergey

Iwanowitsch die Hand reichend und ihm die Stirn darbietend.

»Wir sind ganz wohlbehalten hierher gelangt und haben euch nicht

erst Umstände gemacht,« antwortete Sergey Iwanowitsch. »Ich bin so

voll Staub, daß ich mich fürchte, jemand anzurühren. Ich war auch so

beschäftigt, daß ich nicht einmal wußte, wann ich mich würde losmachen

können. Aber ihr haltet es nach altgewohnter Weise,« lächelte er, »ihr

freut euch eures stillen Glückes fern von Zeitläuften in eurem stillen

Heim. Da hat sich auch mein Freund Fjodor Wasiljewitsch endlich mit

aufgemacht.«

»Ich bin indessen kein Neger, sondern werde mich waschen -- und dann

einem Menschen ähnlich sehen,« sagte Katawasoff mit seinem gewohnten

Humor, einen Händedruck wechselnd und mit seinen schimmernden Zähnen in

dem geschwärzten Gesicht eigentümlich lächelnd.

»Mein Konstantin wird sich sehr freuen. Er ist nach dem Vorwerk hinaus

und muß bald kommen.«

»Er beschäftigt sich nur mit der Landwirtschaft; so macht man es eben

hier,« sagte Katawasoff, »bei uns in der Stadt aber ist außer dem

serbischen Kriege auch nichts weiter zu sehen. Wie geht es denn meinem

Freunde? Was macht er? Ein wenig Sonderling, nicht?« --

»Nun, ja, ein wenig;« antwortete Kity etwas verlegen werdend, mit

einem Blick auf Sergey Iwanowitsch, »doch ich will nach ihm schicken.

Auch Papa ist bei uns auf Besuch. Er ist erst unlängst aus dem Ausland

angekommen.«

Nachdem Kity befohlen hatte, nach Lewin zu schicken, die staubbedeckten

Gäste zur Toilette zu führen, den einen in das Kabinett, den anderen in

Dollys ehemaliges Zimmer, und ein Frühstück für sie zu servieren, eilte

sie, wieder in dem Vollbesitz hurtiger Beweglichkeit, dessen sie in der

Zeit ihrer Schwangerschaft beraubt gewesen war, auf den Balkon hinauf.

»Es ist Sergey Iwanowitsch und Katawasoff, der Professor,« sagte sie.

»O weh,« sagte der Fürst.

»Er ist aber sehr liebenswürdig, Papa, und Konstantin hat ihn sehr

lieb,« sagte Kity lächelnd, ihm gleichsam zuredend, indem sie den

Ausdruck von Ironie auf dem Gesicht des Vaters bemerkte.

»Nun, meinetwegen.«

»Geh doch zu ihnen Herzchen,« wandte sich Kity zu ihrer Schwester, »und

unterhalte sie. Sie haben Stefan auf der Station gesehen, er befindet

sich wohl. Ich aber will zu Mita laufen. Wie unangenehm aber, ich

habe seit dem Thee nicht wieder angelegt. Der Kleine wird jetzt wach

geworden sein und wahrscheinlich schreien,« und mit schnellen Schritten

ging sie, den Andrang der Milch verspürend, nach der Kinderstube.

Sie hatte in der That den Andrang der Milch nicht bloß vermutet -- sie

legte das Kind noch an -- sondern kannte an dem Andrang der Milch bei

ihr die Zeit des Bedürfnisses bei demselben genau.

Sie wußte, daß der Kleine schrie, noch bevor sie zur Kinderstube

gelangt war. Und wirklich schrie er. Sie vernahm seine Stimme und

beschleunigte ihren Schritt, aber je schneller sie ging, um so lauter

schrie das Kind. Seine Stimme war gut, gesund, nur hungrig und

ungeduldig.

»Schreit es schon lange?« frug Kity eilig die Kindermuhme, sich auf

einen Stuhl setzend und zum Anlegen vorbereitend. »Gebt es schnell her.

Ach, Muhme, wie langweilig Ihr doch seid; nun, bindet doch das Häubchen

später!«

Das Kind zappelte schreiend vor Gier.

»Das geht aber nicht, Matuschka,« sagte Agathe Michailowna, die fast

stets in der Kinderstube zugegen war. »Man muß es hübsch ordentlich

putzen;« »Eia, eia«, sang sie über dem Kinde, ohne von der Mutter Notiz

zu nehmen.

Die Kinderfrau trug das Kind zu der Mutter. Agathe Michailowna folgte

ihm mit vor Zärtlichkeit leuchtenden Zügen.

»Er weiß es ja, er weiß es; glaubt mir bei Gott, Matuschka Katharina

Aleksandrowna, er hat mich erkannt!« rief Agathe Michailowna dem Kinde

zu.

Doch Kity hörte ihre Worte nicht. Ihre Ungeduld war ebenso hoch

gestiegen, wie die des Kindes, und vor Ungeduld wollte die Sache lange

nicht von statten gehen. Das Kind faßte nicht, wo es fassen sollte und

wurde ungebärdig.

Endlich aber, nach einem verzweifelten, erstickten Schrei und

hohlklingenden Schmatzen war es gelungen, und Mutter wie Kind fühlten

sich gleichzeitig befriedigt und wurden still.

»Er ist doch ganz in Schweiß gebadet, der arme Kleine,« sprach Kity,

das Kind befühlend. »Weshalb denkt Ihr denn, daß das Kind euch kennt?«

fügte sie hinzu, seitwärts auf die verschmitzt, wie ihr schien, unter

dem emporgerückten Häubchen hervorschauenden Äuglein des Kindes, die

taktmäßig schwellenden Bäckchen und sein Ärmchen mit der roten Hand

blickend, mit dem es kreisende Bewegungen machte. »Kann nicht sein!

Wenn es schon jemand erkännte, so müßte es mich erkennen,« sagte Kity

auf die Versicherung Agathe Michailownas hin und lächelte.

Sie lächelte darüber, daß sie, wenn sie auch sagte, es könne noch

niemand erkennen, in ihrem Herzen wußte, es kenne nicht nur Agathe

Michailowna, sondern wisse und verstehe alles, wisse und verstehe noch

mehr von Dingen, die niemand kenne, und die nur sie, die Mutter selbst,

nur dank dem Kinde kennen lernte und begriff. Für Agathe Michailowna,

die Kinderfrau, den Onkel und selbst ihren Vater war der kleine Mitja

nur ein lebendiges Wesen, welches für sich lediglich materielle Pflege

verlangte, aber für die Mutter war es schon längst ein Geschöpf

mit Charakter, in dem sich bereits eine ganze Geschichte seelischer

Beziehungen abgespielt hatte.

»Er erwacht, gebe Gott, daß Ihr es selbst seht! Wenn ich es so mache,

glänzt er nur so auf, der Liebling. Er glänzt so auf wie der helle

Tag,« sprach Agathe Michailowna.

»Nun gut, gut: wir werden ja dann sehen,« flüsterte Kity, »geht jetzt;

der Kleine schläft ein.«

7.

Agathe Michailowna ging auf den Zehen hinaus, die Kinderfrau ließ

die Gardinen herab, verscheuchte die Fliegen aus dem nesseltuchenen

Wiegenvorhang des Bettchens und eine Bremse, die sich am Fensterrahmen

stieß und setzte sich, mit einem welken Birkenzweig der Mutter und dem

Kinde zufächelnd.

»Die Hitze, die Hitze; wenn doch Gott Regen gäbe,« sprach sie.

»Ja, ja, sch--sch--sch,« antwortete Kity nur, das dralle Ärmchen,

welches Mitja noch immer leise bewegte indem er die Äuglein bald

öffnete, bald schloß, leicht schüttelnd und zärtlich drückend.

Dieses Händchen machte Kity unentschlossen; sie wollte es küssen,

scheute sich aber, es zu thun, um das Kind nicht zu wecken. Das Ärmchen

hörte endlich auf, sich zu bewegen und die Äuglein schlossen sich. Nur

bisweilen erhob das Kind, seine Thätigkeit fortsetzend, die langen

gebogenen Wimpern und blickte die Mutter mit seinen in der Dämmerung

schwarz erscheinenden, feuchtschimmernden Augen an.

Die Kinderfrau hörte auf zu fächeln und begann zu träumen. Von

oben wurde das Lachen der Stimme des alten Fürsten und Katawasoffs

vernehmbar.

»Sie sind auch ohne mich in Unterhaltung gekommen,« dachte Kity, »aber

es ist doch ärgerlich, daß Konstantin nicht da ist. Er wird wohl wieder

nach dem Bienengarten gegangen sein. Obwohl ich beklage, daß er so oft

dort ist, freue ich mich doch auch, denn es zerstreut ihn. Er ist jetzt

viel heiterer und angenehmer geworden, als er im Frühjahr war. War er

doch sonst immer so finster und peinigte sich, daß es mir recht bang

um ihn wurde. Und wie komisch er ist!« flüsterte sie lächelnd.

Sie wußte, was ihren Mann quälte; es war sein Unglaube. Obwohl Kity,

wenn man sie gefragt hätte, ob sie überzeugt sei, daß er, im Falle

seines Unglaubens im ewigen Leben der Vernichtung anheimfallen werde,

hätte einverstanden damit sein müssen, daß er untergehe -- so bildete

sein Unglaube doch kein Unglück in ihren Augen, und sie gedachte,

obwohl sie sich zugestand, daß es für den Ungläubigen kein Seelenheil

geben könne, und die Seele ihres Mannes über alles in der Welt liebend,

mit Lächeln seines Unglaubens, und sagte sich selbst, er sei komisch.

»Wozu studiert er ein ganzes Jahr hindurch nur Philosophie,« dachte

sie. »Wenn dies alles in jenen Büchern geschrieben steht, dann kann

er sie auch verstehen. Wäre Unrichtiges darin, wozu sollte er sie

dann lesen? Er selbst sagt, daß er glauben möchte. Weshalb glaubt er

dann nicht? Gewiß deshalb, weil er zu viel denkt? Aber er denkt zu

viel wegen seiner einsamen Lebensweise. Er ist stets, stets einsam.

Mit uns kann er freilich nicht von allem reden. Ich denke aber, der

Besuch wird ihm willkommen sein, besonders Katawasoff. Er liebt es,

mit ihm zu disputieren,« dachte sie und versetzte sich dann sogleich

in den Gedanken, wo sie gerade Katawasoff am bequemsten zum Schlafen

unterbringen könne -- separat oder zusammen mit Sergey Iwanowitsch?

Und dann kam ihr plötzlich wieder ein Gedanke, der sie vor Aufregung

erzittern ließ und selbst Mitja erschreckte, der sie dafür ernst

anblickte. »Die Wäscherin scheint die Wäsche noch nicht gebracht zu

haben und für die Gastbetten ist noch keine Bettwäsche da. Wenn man

da nicht anordnet, wird Agathe Michailowna dem Sergey Iwanowitsch

gewöhnliche Wäsche geben,« und bei diesem Gedanken stieg Kity das

Blut ins Gesicht. »Ja, ich muß es anordnen,« beschloß sie, und besann

sich dann, wieder zu ihrem vorigen Gedanken zurückkehrend, daß etwas

Wichtiges doch noch nicht bis zum Schluß von ihr überdacht sei. Sie

sann nun nach, was es gewesen war. »Ach ja, Konstantin ist ungläubig!«

sagte sie, abermals lächelnd. »Nun, also ungläubig! Mag er lieber stets

so bleiben, als so werden, wie Madame Stahl war, oder ich im Auslande

einmal werden wollte. Nein er kann nicht mehr heucheln!« Ein Zug von

seiner Güte tauchte aus jüngster Zeit lebendig vor ihr auf.

Vor vierzehn Tagen war ein reuiges Schreiben Stefan Arkadjewitschs an

Dolly angekommen. Stefan beschwor diese darin, seine Ehre zu retten,

und ihr Gut zu verkaufen, damit er seine Schulden bezahlen könne.

Dolly war in Verzweiflung; sie haßte ihren Mann, verachtete und

beklagte ihn, und entschloß sich zur Scheidung, wollte sich von ihm

lossagen, willigte aber schließlich doch in den Verkauf eines Teils

ihres Gutes ein. Und nun vergegenwärtige sich Kity mit unwillkürlichem,

gerührtem Lächeln die Ratlosigkeit ihres Gatten, seine mehrmaligen

unbeholfenen Anläufe in dieser Sache, die ihm am Herzen lag, und wie er

endlich, als einziges Mittel, Dolly zu helfen, ohne sie zu verletzen,

den Ausweg erdacht hatte, Kity vorzuschlagen, sie möchte ihr Teil an

dem Vermögen -- sie selbst hatte vorher gar nicht hieran gedacht --

hingeben.

»Was wäre das für ein Ungläubiger? Mit solchem Herzen, solcher

Besorgnis, einen Menschen zu verletzen, ja nur ein Kind! Alles thut

er für seine Nächsten, nichts für sich! Sergey Iwanowitsch denkt, es

sei Konstantins Pflicht, für ihn den Verwalter zu spielen. Auch seine

Schwester denkt so. Jetzt befindet sich Dolly mit ihren Kindern unter

seiner Vormundschaft. Alle die Bauern, welche täglich zu ihm kommen,

ist er gleichsam verpflichtet zu bedienen. Bleibe du nur so,« fuhr sie

fort, Mitja der Kinderfrau übergebend und des Kindes Wange mit ihren

Lippen berührend.

8.

Seit jener Minute, da Lewin beim Anblick des geliebten sterbenden

Bruders zum erstenmal auf die Frage des Lebens, wie des Todes durch

jene -- wie er sie nannte -- neuen Überzeugungen hindurchblickte, die,

unmerklich für ihn, während der Zeit von seinem zwanzigsten bis zum

vierunddreißigsten Jahre, seine Überzeugungen aus der Kinderzeit wie

die seines Jünglingsalters ausgelöst hatten, erschrak er nicht so sehr

vor dem Tode, als vor einem Leben, über das er nicht die geringste

Kenntnis, woher es stamme, warum es sei und was es sei, besäße.

Der Organismus, die Verrichtungen desselben, die Unerschöpflichkeit

der Materie, das Gesetz der Erhaltung der Kraft, die Entwicklung -- so

lauteten die Begriffe -- die für seinen alten Glauben eingetreten waren.

Diese Worte und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen waren recht gut

für Verstandeszwecke, für das Leben aber ergaben sie nichts und Lewin

fühlte sich plötzlich in der Lage eines Menschen, der einen warmen

Pelz für einen Kattunanzug vertauscht hat, und zum erstenmal in der

Kälte untrüglich, nicht durch logische Erwägungen, sondern in seiner

ganzen Wesenheit davon überzeugt wird, daß er geradezu nackt und einem

unvermeidlichen, qualvollen Untergang verfallen sei.

Seit jener Minute hatte Lewin, ohne sich indessen davon Rechenschaft zu

geben, und indem er sein Leben wie bisher fortsetzte, fortwährend diese

Angst über sein Nichtwissen empfunden.

Außerdem aber empfand er voll Unruhe, daß das, was er seine

Überzeugungen nannte, nicht nur Unwissenheit war, sondern eine Richtung

im Denken, unter welcher ihm die Erkenntnis dessen, was ihm nötig war,

unmöglich wurde.

In der ersten Zeit hatte seine Heirat, sowie ungekannte Freuden und

Pflichten die er dabei kennen lernte, diese Gedanken vollständig in

ihm erstickt, aber seit kurzem, nach der Niederkunft seiner Frau,

während er müßig in Moskau gelebt hatte, war bei Lewin immer häufiger,

und immer nachdrücklicher, diese Frage, eine Entscheidung verlangend,

aufgetaucht. Die Frage bestand für ihn hierin: »Wenn ich jene Antworten

nicht anerkenne, die das Christentum auf die Fragen über mein Leben

erteilt, welche Antworten erkenne ich dann an?« Und in dem gesamten

Arsenal seiner Überzeugungen vermochte er weder die geringste Antwort

zu finden, noch etwas, was einer solchen ähnlich gewesen wäre.

Er befand sich in der Lage eines Menschen, der Nahrung sucht in

Spielzeugmagazinen oder Waffenläden.

Unwillkürlich und ihm selbst unbewußt suchte er jetzt in jedem Buche,

bei jedem Gespräch, in jedem Menschen Beziehungen zu diesen Fragen und

Lösungen derselben.

Am meisten setzte ihn hierbei der Umstand in Zweifel, daß die Mehrzahl

der Menschen seines Kreises und Alters, die doch ebenso wie er,

frühere Überzeugungen mit eben solchen neuen vertauscht hatten, wie

er sie besaß, hierin kein Unglück sehen, sondern vollkommen zufrieden

und ruhig waren, und so kam es, daß Lewin neben der Hauptfrage auch

noch Nebenfragen quälten. Ob diese Menschen aufrichtig waren? Ob

sie sich nicht verstellten? Oder ob sie etwa anders als er, klarer,

die Antworten aufgefaßt hatten, welche die Wissenschaft auf die ihn

beschäftigenden Fragen gab? Geflissentlich studierte er die Meinungen

dieser Menschen und die Bücher, welche diese Antworten gaben.

Eins, was er seit der Zeit, seit der ihn diese Fragen beschäftigt,

gefunden hatte, war dies, daß er sich geirrt habe in jener Annahme, die

noch auf den Erinnerungen aus dem Jünglingskreis auf der Universität

beruhte, die Religion habe sich überlebt und existiere gar nicht mehr.

Sowohl der alte Fürst, wie Lwoff, den er so lieb gewonnen hatte, und

Sergey Iwanowitsch und alle Frauen, auch sein Weib, glaubten so, wie er

in seiner Kindheit geglaubt hatte; neunzig Hundertstel des russischen

Volkes, ja, jenes ganze Volk, dessen Leben ihm die höchste Achtung

einflößte, glaubte.

Ein Zweites war dies, daß er sich nach der Lektüre vieler Bücher

überzeugt hatte, die Menschen, die mit ihm gemeinsame Anschauungen

hatten, könnten sich unter diesen nichts anderes denken, und

verneinten jene Fragen einfach, ohne sie zu erklären, jene Fragen,

ohne deren Beantwortung er -- er fühlte es -- nicht leben könne, und

bemühten sich, ganz andere dafür zu lösen, die seine Fragen gar nicht

interessieren konnten, wie zum Beispiel die über die Entwicklung der

Organismen, über die mechanischen Offenbarungen der Seele u. s. w.

Außerdem hatte sich aber noch während der Niederkunft seiner Frau etwas

für ihn Ungewöhnliches ereignet. Er hatte dabei, ohne Glauben, zu beten

begonnen und während der Minute in der er betete, auch geglaubt. Diese

Minute war indessen vorübergegangen und er vermochte jener Stimmung von

damals in seinem Leben nicht wieder stattzugeben.

Er vermochte nicht zuzugestehen, daß er damals das Rechte erkannt

habe, jetzt aber irre; weil ihm, sobald er ruhig darüber nachzudenken

begann, alles in Trümmer fiel. Er vermochte auch das nicht

zuzugestehen, daß er damals geirrt habe, weil er seine seelische

Stimmung von damals hochschätzte, während, indem er sie für eine Folge

seiner Schwachheit anerkannte, jene Minuten entweiht haben würde.

Er befand sich in einer qualvollen Disharmonie mit sich selbst und

spannte alle Geisteskräfte an, aus derselben herauszukommen.

9.

Diese Gedanken peinigten und quälten ihn bald mehr, bald weniger, nie

aber verließen sie ihn ganz. Er las und dachte, und je mehr er las und

sann, desto weiter entfernt von dem verfolgten Ziele fühlte er sich.

Nachdem er sich in jüngster Zeit in Moskau und auf dem Dorfe überzeugt

hatte, daß er bei den Materialisten keine Antwort finden werde, las er

immer aufs neue wieder Plato und Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und

Schopenhauer, die Philosophen, welche das Leben nicht materialistisch

erklärten. Diese Ideen erschienen ihm fruchtbringend, mochte er nun

lesen, oder selbst Gegengründe gegen die Lehren anderer aussinnen,

insbesondere gegen die materialistischen. Doch kaum hatte er gelesen

und sich selbst eine Antwort auf die Fragen ausgedacht, da wiederholte

sich bei ihm stets ein und dasselbe. Indem er der gegebenen Bestimmung

unklarer Begriffe, wie »Geist, Wille, Freiheit, Substanz« folgte und

absichtlich in die Wörterfalle ging, die ihm die Philosophen oder auch

er selbst sich gestellt hatte, begann er einigermaßen zu begreifen.

Aber er brauchte nur den künstlichen Gedankengang zu vergessen, und

sich zu dem zu wenden, was im Leben befriedigte, wenn er dem gegebenen

Faden folgend, nachdachte -- und plötzlich stürzte der ganze kunstvolle

Bau zusammen wie ein Kartenhaus, und es wurde ihm klar, daß der Bau aus

denselben Worten bestand, die nur umgestellt, und unabhängig waren von

Etwas, das im Leben viel bedeutungsvoller war, als der Verstand.

Bei der Lektüre Schopenhauers setzte er einmal an Stelle des Begriffs

eigner Wille, den der Liebe, und diese neue Philosophie machte ihm zwei

Tage lang, so lange er sich mit ihr beschäftigte, Vergnügen. Sie fiel

aber gleichsam zusammen, als er darauf aus dem Leben heraus auf sie

blickte, und es zeigte sich wieder jenes kattunene Gewand, das nicht

warm hielt.

Sein Bruder Iwanowitsch riet ihm, die theologischen Werke Chomjakoffs

zu lesen. Lewin las den zweiten Band derselben und war, ungeachtet der

ihn anfangs abstoßenden, polemischen, eleganten und scharfsinnigen

Diktion, überrascht von Chomjakoffs Lehrmeinung über die Kirche.

Ihn überraschte anfangs die Idee, daß die Erlangung der göttlichen

Wahrheiten dem Menschen nicht verliehen sei, sondern nur einer

Gemeinschaft von Menschen, vereint in der Liebe -- der Kirche.

Er freute sich bei dem Gedanken, wie viel leichter es wäre, an eine

vorhandene, gegenwärtig lebendige Kirche zu glauben, welche alle

Glaubensbekenntnisse der Menschen in sich begreife, und Gott zum

Haupte habe, infolge dessen aber heilig und unfehlbar sei, und von

ihr nun den Glauben an Gott erst zu empfangen, den an die Schöpfung,

den Sündenfall, und die Erlösung -- als wenn man mit Gott, dem weit

entfernten, geheimnisvollen Gott, der Schöpfung &c. begänne.

Als er nun aber dann die Kirchengeschichte eines katholischen und

die eines rechtgläubigen Schriftstellers las und gewahrte, daß beide

Kirchen, jede unfehlbar in ihrem Wesen, sich gegenseitig negierten, da

verzweifelte er auch an Chomjakoffs Kirchenlehre und das ganze Gebäude

wurde von dem gleichen Staub bedeckt, wie die philosophischen Gebäude.

Während dieses ganzen Frühlings hatte er so mit sich selbst im Kampfe

gelegen und schreckliche Augenblicke durchlebt.

»Ohne zu wissen, was ich bin und warum ich hier bin -- kann man nicht

leben! Erfahren aber kann ich es nicht, folglich kann ich nicht leben,«

sprach Lewin zu sich selbst. »In der Unendlichkeit der Zeit, der

Unendlichkeit des Stoffes, der Unendlichkeit des Raumes bildet sich die

organische Zelle; dieses Bläschen wird eine Zeitlang bestehen und dann

zerplatzen; -- das bin ich.«

Dies bildete das einzige Resultat jahrhundertelanger menschlicher

Denkarbeit nach dieser Richtung.

Es war die letzte Überzeugung, auf welcher sich alle Forschungen des

menschlichen Denkens in fast allen ihren Ausläufern aufbauten. Es war

die herrschende Überzeugung und Lewin machte dieselbe vor allen anderen

Erklärungen als die immer noch klarste, unwillkürlich und ohne zu

wissen wann und wie, zu der seinigen.

Aber dies war nicht nur falsch, sondern vielmehr der hartherzige Hohn

einer bösen Macht, einer so bösen, widrigen, daß er sich ihr nicht

unterordnen konnte.

Man mußte sich befreien von dieser Macht, und die Befreiung lag in

den Händen eines jeden. Es galt, diese Abhängigkeit vom Bösen zu

beseitigen, und dafür gab es nur ein Mittel -- den Tod.

Als glückliches Familienoberhaupt, als ein gesunder Mensch, war Lewin

mehrmals dem Selbstmord so nahe, daß er die Schnur versteckte, damit er

sich nicht an ihr hing, und sich fürchtete, mit der Flinte zu gehen, um

sich nicht zu erschießen.

Doch Lewin erschoß sich weder, noch hing er sich, sondern lebte weiter.

10.

Solange Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebe, fand er

keine Antwort und geriet in Verzweiflung, doch als er aufgehört hatte,

sich selbst darnach zu fragen, erfuhr er gewissermaßen, was er sei und

wozu er lebte, weil er fleißig und zweckmäßig thätig war und lebte.

Gerade in dieser jüngsten Zeit hatte er bei weitem konsequenter und

zweckbewußter, als früher gelebt.

Im Anfang des Juli aufs Dorf zurückgekehrt, widmete er sich wieder

seinen gewöhnlichen Arbeiten. Die Landwirtschaft, die Beziehungen zu

den Bauern und Nachbarn, die Hauswirtschaft, die Angelegenheiten seines

Bruders und der Schwester, die in seinen Händen lagen, sein Verhältnis

zu den Verwandten, zu seinem Weibe, die Sorge um sein Kind, die ihm

neue Bienenjagd, der er sich seit dem heurigen Frühling gewidmet hatte,

alles das nahm seine Zeit in Anspruch.

Diese Beschäftigungen interessierten ihn nicht deshalb, weil er sie

vor sich selbst mit gewissen allgemeinen Anschauungen rechtfertigen

konnte, so wie er dies früher gethan hatte, sondern im Gegenteil

hatte er jetzt, wo er einerseits durch das Mißlingen seiner einstigen

Unternehmungen für das allgemeine Wohl ernüchtert worden, andererseits

von seinen Ideen und der Menge der Geschäfte viel zu sehr in Anspruch

genommen war, die von allen Seiten auf ihn einstürmten, alle Gedanken

über das allgemeine Wohl fahren lassen, und diese Dinge interessierten

ihn nur, wie ihm schien, deshalb, weil er eben thun _mußte_, was er

that -- weil er nicht anders konnte. Wenn er sich früher bemühte,

etwas zu thun (dies hatte fast von seiner Kindheit auf angefangen und

sich bis zu seiner vollen Mannbarkeit mehr und mehr entwickelt) was

eine Wohlthat für jedermann, für die Menschheit, für Rußland, für das

ganze Dorf gewesen wäre -- so hatte er bemerkt, daß das Nachdenken

darüber ihm angenehm, die Thätigkeit selbst aber stets eine nicht damit

harmonierende gewesen war; es hatte die volle Zuversicht dazu, daß

die Unternehmung wirklich notwendig sei gefehlt, und die Wirksamkeit

selbst, die ihm anfangs so erhaben erschienen war, schwand, immer

mehr und mehr abnehmend, in ein Nichts zusammen. Jetzt hingegen, wo

er verheiratet war und sein Leben für sich selbst mehr und mehr mit

bestimmten Grenzen zu umziehen begonnen hatte, empfand er, obwohl er

keine Freude mehr bei dem Gedanken an seine Thätigkeit fühlte, die

Überzeugung, daß diese Thätigkeit eine notwendige sei, erkannte er,

daß sie weit ersprießlicher, als sie früher war, und größer und größer

werde.

Jetzt drang er, gleichsam wider seinen Willen, immer tiefer und tiefer

in die Erde ein, wie ein Pflug, so daß er gar nicht wieder heraus

konnte, ohne die Furchen aufzureißen.

Seiner Familie zu leben, so wie dies Vater und Mutter gewohnt gewesen

waren, das heißt, unter den nämlichen Grundlagen der Bildung und

Erziehung der Kinder -- war ohne Zweifel die Aufgabe. Dies war ebenso

notwendig, wie das Essen, wenn man Appetit hat, und zu diesem Zwecke

nun war es ebenso notwendig, wie die Bereitung des Essens, das

wirtschaftliche Getriebe in Pokrovskoje so zu leiten, daß Einkünfte

flossen.

Ebenso sicher, wie man eine Schuld zurückzahlen muß, war es

erforderlich, das angestammte Land immer in dem nämlichen Zustande

zu erhalten, damit der Sohn, der das Erbe einmal empfing, dem Vater

ebenso Dank wisse, wie Lewin seinem Vater für das, was derselbe gebaut

und gepflanzt hatte. Hierzu aber war erforderlich, daß kein Boden

mehr verpachtet wurde, sondern man diesen selbst bewirtschaftete, Vieh

züchtete, die Felder düngte und Waldungen anlegte.

Es war ihm unmöglich, die Führung der Geschäfte für Sergey Iwanowitsch

und seine Schwester und alle Bauern, die gewohnt waren, sich Rats bei

ihm zu erholen, aufzugeben, ebensowenig wie man ein Kind fortwerfen

kann, welches man schon auf den Armen hielt. Es galt, für die

Bequemlichkeit der eingeladenen Schwägerin mit ihren Kindern zu sorgen,

des Weibes mit dem eigenen Kinde, und er mußte auch wenigstens einen

kleinen Teil des Tages bei ihnen weilen.

Alles das, zusammen mit der Jagd auf Wild und Bienen, füllte für Lewin

ein Leben aus, welches für ihn selbst keinen Sinn mehr hatte, sobald er

darüber nachdachte.

Wenn aber Lewin recht gut wußte, _was_ er zu thun habe, so wußte

er auch ebenso gut, _wie_ er zu handeln habe und welches von zwei

Geschäften das wichtigere sei. Er wußte, daß er die Arbeiter so billig

als möglich mieten müsse, doch sie auf eine Schuldverschreibung

annehmen, indem er ihnen Vorschuß gab, war noch billiger; wie viel sie

wert waren, brauchte nicht gegeben zu werden, was auch noch vorteilhaft

war. Bei Futtermangel konnte er den Bauern Stroh verkaufen, wenn sie

ihn dabei auch jammerten, der Gasthof und die Branntweinschenke aber

mußten, obwohl sie Einkünfte brachten, beseitigt werden. Gegen das

Holzhauen mußte man so streng wie möglich vorgehen, für vertriebenes

Vieh hingegen sollte keine Strafe erhoben werden. Obwohl dies freilich

die Karaulschtschiks erbitterte und die Furcht verringerte, mußte man

das Vieh laufen lassen.

Dem Peter, welcher an einen Wucherer zehn Prozent monatlich zahlte,

mußte er Geld borgen, um ihn davon zu befreien, aber deshalb brauchte

er den Bauern noch nicht den Obrok zu erlassen oder den säumigen

Zahlern Frist zu bewilligen. Man konnte es dem Verwalter nicht hingehen

lassen, daß eine kleine Wiese nicht gemäht wurde und das Gras darauf

ungenützt verkam, aber man brauchte wieder nicht die achtzig Desjatinen

zu mähen, auf denen junger Wald angepflanzt stand. Man brauchte nicht

dem Arbeiter zu verzeihen, der unter der Arbeit nach Hause gelaufen

war, weil sein Vater starb -- so leid ihm das auch that -- und mußte

ihn dafür billiger für die kostspieligen Monate ansetzen, in denen es

nichts zu thun gab. Aber man mußte gleichwohl den Alten, die zu nichts

mehr zu brauchen waren, einen Monatsauszug geben.

Lewin wußte wohl, daß er bei seiner Rückkehr nach Hause vor allem zu

seiner Frau gehen mußte, wenn diese unwohl war, aber die Bauern, die

schon seit drei Stunden auf ihn gewartet hatten, konnten noch länger

warten. Er wußte auch, daß er bei allem Vergnügen, welches er bei dem

Einfangen eines Bienenschwarms hatte, sich dieses Vergnügens begeben

und es dem Alten überlassen mußte, in seiner Abwesenheit den Schwarm zu

fangen, indem er zu den Bauern ging, die ihn im Bienengarten gefunden

hatten, um sich zu besprechen.

Mochte er damit gut oder schlecht handeln, er wußte es nicht, und würde

jetzt nicht nur nicht den Beweis dafür angetreten, sondern vielmehr

alle Gespräche und Gedanken darüber vermieden haben.

Die Grübeleien versetzten ihn in Zweifel und hinderten ihn, zu sehen,

was er sehen mußte, oder was nicht. Indem er jedoch nicht mehr

dachte, sondern lebte, fühlte er in seiner Seele die stete Gegenwart

eines unfehlbaren Richters, der entschied, welche von zwei möglichen

Handlungen die bessere und welche die schlechtere war, und sobald er

dann nicht so handelte, wie es nötig war, fühlte er dies sogleich.

So lebte er denn ohne die Möglichkeit einer Erkenntnis dessen, zu

sehen, was er sei und wozu er auf der Welt lebe, gequält von dieser

Unkenntnis bis zu einem Grade, daß er den Selbstmord fürchtete und sich

doch zugleich damit fest einen sicheren Weg durch das Leben bahnend.

11.

Gerade an dem Tage, an welchem Sergey Iwanowitsch nach Pokrovskoje

gekommen war, befand sich Lewin in einer seiner peinlichsten Stimmungen.

Es war mitten in der Arbeitszeit, wo alles Volk eine so ungewöhnliche

Anspannung in der Selbstaufopferung bei der Arbeit zeigt, wie sie sonst

unter keinen Bedingungen im Leben erscheint und die hoch geschätzt

werden würde, wenn die Leute, welche diese Eigenschaften zeigen,

sie selbst schätzten, wenn sich nicht ein und dasselbe alljährlich

wiederholte, und die Resultate dieses Kraftaufwands nicht so einfach

wären.

Roggen schneiden und Hafer, und ihn hereinzubringen, Wiesen zu mähen,

Korn ausdreschen und Wintersaat aussäen -- alles das scheint einfach

und gewöhnlich; aber um es mit Erfolg zu thun, ist es nötig, daß alle,

vom Ältesten an bis zum Jüngsten rastlos, dreimal mehr als gewöhnlich,

während drei oder vier Wochen arbeiten, sich nur von Kwas, Zwiebel und

Schwarzbrot nährend, dreschend, des Nachts Feime abfahrend und sich zum

Schlaf nicht mehr als drei Stunden den ganzen Tag gönnend. Alljährlich

ist dies so in ganz Rußland.

Lewin, der einen großen Teil seines Lebens auf dem Dorfe, in nahen

Beziehungen zum Volke gelebt hatte, fühlte stets während der

Arbeitszeit, daß sich diese allgemeine Regsamkeit der Leute auch ihm

mitteile.

Am Morgen fuhr er zum ersten Roggenschnitt oder nach dem Hafer, den

man in Feime gesetzt hatte, und kehrte dann, wenn sein Weib und die

Schwägerin sich erhoben, heim; trank mit ihnen Kaffee und begab

sich dann zu Fuße nach dem Vorwerk, wo man eine neu aufgestellte

Dreschmaschine zur Vorbereitung des Samens in Gang setzte.

Diesen ganzen Tag hatte Lewin im Gespräch mit dem Verwalter und den

Bauern, zu Hause mit seinem Weib, mit Dolly und ihren Kindern, und mit

dem Schwiegervater, immer nur über das Eine nachgedacht, was ihn in

dieser Zeit neben seinen wirtschaftlichen Sorgen beschäftigte, und in

allem nur die Antwort auf seine Frage gesucht: »Was bin ich, wo bin

ich; warum bin ich hier?«

In der Kühle der neugedeckten Trockenscheune stehend, blickte Lewin

bald durch die geöffnete Thür hinaus, in welcher der trockene und

scharfe Staub vom Dreschen wirbelte, auf das von der glänzenden Sonne

beleuchtete Gras der Tenne und das frische Stroh, das soeben erst

aus dem Schuppen geholt worden war -- bald nach den weißhalsigen

Schwalben mit ihren bunten Köpfen, die mit Gezwitscher unter das Dach

flogen und mit schlagenden Flügeln an den Fensteröffnungen der Thüre

hängen blieben, bald auf die Leute, welche in der dunklen, staubigen

Trockenscheune hantierten, und hatte dabei seltsame Gedanken.

»Warum geschieht das alles?« grübelte er. »Warum stehe ich hier und

lasse arbeiten? Weshalb hasten die alle und mühen sich, mir ihren Eifer

zu zeigen? Warum plagt sich die alte Matrjona da, die ich kenne? Ich

habe sie ja kuriert, als bei einer Feuersbrunst der Dachbalken auf sie

gestürzt war,« dachte er, indem er dem hageren Weibe zusah, welches

mit der Schaufel Korn werfend, angestrengt mit den schwarzgebräunten,

nackten Füßen auf den unebenen harten Tennenplatz vortrat.

»Sie ist damals wieder gesund geworden, aber dennoch, zwar nicht

heute, doch vielleicht nach zehn Jahren verscharrt man sie, und nichts

bleibt mehr von ihr; ebensowenig wie von jener Kokette dort im roten

Tuch, die mit so gewandter Bewegung die Spreu von den Ähren sondert.

Auch sie wird man einscharren, wie den gescheckten Wallachen dort

-- und sehr bald sogar,« dachte er, auf das mit geöffneten Nüstern

schnaubende Pferd mit dem schwerhängenden Bauche schauend, welches um

ein liegendes Rad lief, das sich unter ihm bewegte. »Auch das Pferd

wird man verscharren und den Fjodor mit seinem krausen, voll Spreu

hängenden Barte und dem zerrissenen Hemd auf der hellschimmernden

Schulter -- man wird sie begraben! Er wühlt die Garben auseinander und

ordnet an, ruft den Weibern zu und regelt mit schneller Bewegung den

Riemen am Schwungrad. Aber vor allem, nicht nur sie, auch mich wird

man einscharren und nichts wird bleiben. Und wozu?« So sann er und

schaute dabei nach der Uhr, um zu berechnen, wie viel in einer Stunde

gedroschen werde. Er mußte dies wissen, um hiernach das Arbeitspensum

für den Tag geben zu können.

»Schon bald eine Stunde und sie haben erst den dritten Feim

angefangen,« dachte Lewin, trat zu dem Zugeber und sagte zu ihm, das

Geräusch der Maschine überschreiend, er gäbe zu schnell zu.

»Du giebst zu viel hinein, Fjodor -- siehst du, sie bleibt hängen und

geht daher nicht schnell genug! Du mußt das ausgleichen!«

Fjodor, von dem Staube der ihm am schweißbedeckten Gesicht klebte,

schwarz geworden, schrie etwas als Antwort, that aber nicht, wie Lewin

wollte.

Dieser trat daher an den Cylinder, ließ Fjodor beiseite treten und

begann selbst zuzugeben. Nachdem er bis zu der Mittagspause der Bauern

gearbeitet hatte, bis zu welcher nicht mehr viel Zeit war, verließ er

zusammen mit dem Zugeber die Trockenscheune und sprach mit ihm.

Der Zugeber war aus einem entfernter liegenden Dorfe, dem nämlichen,

in welchem Lewin früher Land zur Bildung der Arbeitsgenossenschaft

vergeben hatte. Jetzt war das Land in Pacht gegeben.

Lewin unterhielt sich mit Fjodor über dieses Land und frug ihn, ob

Platon, der reiche und tüchtige Bauer jenes Dorfes, für das nächste

Jahr welches nehmen werde.

»Der Preis ist zu hoch und Ihr solltet an Platon nicht vergeben,« sagte

Fjodor, sich die Ähren von der schweißbedeckten Brust nehmend.

»Aber Kiriloff giebt ihm doch welches?«

»Mitjucha, Konstantin Dmitritsch, warum sollte der es nicht thun! Der

drückt die Menschen und nimmt sich schon das Seine. Den dauert kein

Christenmensch. Onkel Fokanitsch aber,« so nannte er den Bauern Platon,

»zieht der etwa dem Menschen das Fell über die Ohren? Hier giebt er

eine Schuldforderung, dort erläßt er -- oder nimmt selbst gar nichts.

Das ist auch ein Mensch.«

»Aber warum erläßt er Etwas.«

»Nun, die Leute sind eben verschieden. Der eine lebt nur für seinen

Leib, wenigstens Mitjucha; der stopft sich nur den Wanst voll, aber

Fokanitsch -- das ist ein rechtschaffener alter Mann. Er lebt nur für

sein Seelenheil, und denkt an Gott!«

»Wie soll er denn an Gott denken? Wie soll er nur für sein Seelenheil

leben?« schrie Lewin fast.

»Nun, das ist doch bekannt, nach der Gerechtigkeit, in Gott. Die

Menschen sind eben verschieden! Man braucht ja nur Euch anzusehen; Ihr

beleidigt auch keinen Menschen.«

»Nun leb' wohl,« fuhr Lewin fort, vor Erregung tief Atem holend,

ergriff, sich nun umwendend, seinen Stock und schritt eilig dem Hause

zu.

Bei den Worten des Bauern, daß Fokanitsch für sein Seelenheil, nach

der Gerechtigkeit und in Gott lebe, waren ihm unklare, aber wichtige

Ideen in Masse, als hätten sie sich aus einem Gewahrsam freigemacht,

gekommen, und diese alle wirbelten nun, nach einem Ziele strebend, in

seinem Kopfe herum und blendeten ihn mit ihrem Licht.

12.

Lewin ging mit großen Schritten die Landstraße entlang, weniger seinen

Gedanken Gehör gebend -- er vermochte noch nicht, sie zu sichten -- als

mit seinem Seelenzustand beschäftigt, der jetzt so war, wie er ihn noch

nie an sich kennen gelernt hatte.

Die Worte, die ihm von dem Bauern gesagt worden waren, brachten

in seiner Seele die Wirkung eines elektrischen Funkens hervor,

der plötzlich erscheint, zusammengesetzt aus einer ganzen Schar

gesonderter, unkräftiger Gedanken, die nicht aufhörten, ihn zu

beschäftigen. Diese Gedanken hatten ihn, ohne daß er es merkte, schon

während der Zeit, als er von dem Landverkauf sprach, beschäftigt.

Er fühlte in seiner Seele etwas Neues und empfand dieses Neue mit

Befriedigung, doch ohne zu wissen, was es sei.

»Nicht für meine Notdurft allein soll ich leben, sondern für Gott. Für

welchen Gott? Kann man etwas Unsinnigeres äußern, als das, was Fjodor

sagte? Er sagte, man müsse nicht nur für seine Bedürfnisse leben,

das heißt, für das, was wir verstehen, wozu wir Neigung empfinden,

wonach uns verlangt, sondern für etwas Unbegreifliches, für einen

Gott, den niemand begreifen, oder bezeichnen kann. Und was will ich?

Habe ich die sinnlosen Worte Fjodors nicht verstanden? Wenn ich sie

verstanden habe, zweifle ich denn an ihrer Richtigkeit? Habe ich sie

thöricht, unklar und ungenau gefunden? Nein, ich habe ihn verstanden,

und vollkommen so, wie er selbst versteht; er hat vollständig, und

klarer verstanden, als ich Etwas im Leben verstehe, und nie im Leben

habe ich daran gezweifelt, werde ich daran zweifeln können. Nicht ich

allein aber, sondern jedermann, die ganze Welt, erkennt dieses Eine

völlig und zweifelt nicht daran und ist damit einverstanden. Aber ich

suchte Wunder, ich habe es beklagt, daß ich kein Wunder sah, welches

mich überzeugte. Ein materielles Wunder hätte mich gelockt. Aber es

giebt ja ein Wunder, das einzig mögliche, immerwährend vorhandene, mich

von allen Seiten umgebende -- und ich habe das nicht bemerkt! Fjodor

sagt, daß Kiriloff nur für seinen Bauch lebt. Dies ist begreiflich und

verständig. Wir alle, als vernünftige Wesen, können nicht anders leben,

als für unseren Leib. Und da sagt nun dieser Fjodor plötzlich, daß es

häßlich sei, nur für den Wanst zu leben; man müsse der Gerechtigkeit,

für Gott leben, und ich verstehe ihn aus diesem Fingerzeig. Ich

sowohl, wie die Millionen von Menschen, welche Jahrhunderte vor uns

gelebt haben und jetzt noch leben, die Bauern, die Bettler am Geist

und die Weisen, die, welche darüber gedacht und geschrieben haben,

in ihrer unklaren Sprache dasselbe sagend -- wir alle sind in dem

Einen einverstanden: Weshalb man leben muß, und was gut ist! -- Mit

allen Menschen habe ich nur _eine_ feste, unzweifelhafte und klare

Erkenntnis, und diese Erkenntnis kann nicht vom Verstand erläutert

werden, sie liegt außerhalb desselben und hat keine Gründe, kann

auch keine Folgen haben. Wenn das Gute eine Ursache hat, so ist es

schon nicht mehr gut; wenn es eine Folge hat, eine Belohnung, so ist

es gleichfalls nicht gut. Vielleicht liegt das Gute außerhalb der

Kette von Ursache und Wirkung. Und ich kenne das; wir alle kennen

es. Welches Wunder könnte es geben, das größer wäre, als dies? Habe

ich denn wirklich die Lösung des Ganzen gefunden, sollten jetzt alle

meine Leiden vorüber sein?« dachte Lewin, auf dem staubigen Wege

hinschreitend, ohne die Hitze zu merken oder die Ermüdung, aber im

Gefühl einer Abspannung von den langen Leiden.

Dieses Gefühl war ein so freudiges, daß es ihm ganz unwahrscheinlich

vorkam. Er atmete schwer vor Erregung, und bog, ohne die Kraft, noch

weiter zu gehen, vom Wege ab in den Wald und setzte sich in den

Schatten einer Esche auf das nicht gemähte Gras. Er nahm den Hut von

dem nassen Kopfe und legte sich, auf den Arm gestemmt, in das saftige,

schwellende Waldgras.

»Ja, ich muß mir alles klar machen, und verstehen,« dachte er, starr

auf das nicht niedergedrückte Gras blickend, welches vor ihm stand, und

den Bewegungen eines grünen Blattlauskäfers folgend, der sich an dem

Stengel eines Queckengrases erhob, in seinem Aufstieg aber durch ein

Blatt gehindert wurde.

»Was habe ich entdeckt?« frug er sich, das Blatt entfernend, um

das Insekt nicht zu hindern, und ein anderes Gras biegend, daß der

Blattlauskäfer auf dasselbe hinüberlaufen könne. »Was freut mich denn

so? Was habe ich denn entdeckt? Ich habe nichts entdeckt! Ich habe

nur erkannt, was ich weiß. Ich habe jene Kraft erkannt, die nicht

nur in der Vergangenheit liegt, die mir das Leben gegeben hat und

mir auch jetzt das Leben verleiht. Ich habe mich vom Irrtum befreit

und den Herrn erkannt! Früher sagte ich, daß sich in meinem Körper,

in dem Körper dieses Grases und dieses Käfers -- da, er hat nicht

auf das Gras gewollt, die Flügel ausgebreitet und ist fortgeflogen

-- nach physikalischen, chemischen und physiologischen Gesetzen ein

Stoffwechsel vollzieht. In uns allen aber, gleich wie in jenen Espen,

in den Wolken und den Nebelflecken, vollzieht sich eine Entwicklung.

Woher stammt diese Entwicklung? Auf was geht sie? Es ist eine endlose

Entwicklung, ein Kampf. Ganz ebenso nun kann eine gewisse Richtung,

ein Kampf in dem Unendlichen sein. Und da habe ich mich gewundert,

daß mir trotz der größten geistigen Anstrengungen auf diesem Wege,

dennoch nicht der Gedanke des Lebens geoffenbart worden ist! Jetzt

spreche ich es aus, daß ich den Gedanken meines Daseins kenne: Leben

für Gott und für die Seele! Und dieser Gedanke ist ungeachtet seiner

Klarheit geheimnisvoll und wundersam. So ist auch der Gedanke des

gesamten Seins,« sprach er zu sich selbst, sich auf den Leib wälzend

und Grashalme in Bündel zusammennehmend, wobei er sich hütete, sie zu

zerknicken. In Kürze wiederholte er sich nun selbst den ganzen Gang

seiner Gedanken während der letzten beiden Jahre, dessen Anfang klar

war; der deutliche Gedanke an den Tod bei dem Anblick des geliebten,

hoffnungslos kranken Bruders.

Zum erstenmale, damals klar erkennend, daß es für jeden Menschen, und

auch für ihn, in Zukunft nichts als Leiden, Tod und ewige Vergessenheit

geben werde, entschied er, daß er so nicht weiter leben könne, und sich

sein Leben entweder so abklären müsse, daß es nicht mehr als der böse

Streich eines Satans erscheine -- oder er sich erschießen müsse.

Er that indes weder das Eine noch das Andere, sondern lebte ruhig

weiter und fuhr fort, zu sinnen und zu spüren; hatte sogar gerade

in dieser Zeit geheiratet, erlebte viele Freuden und fühlte sich

glücklich, wenn er nicht an den Zweck seines Daseins dachte.

Was aber bedeutete das? Es bedeutete, daß er rechtschaffen lebte,

aber schlecht dachte. Er lebte -- ohne dies zu erkennen -- von jenen

geistigen Wahrheiten, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte, und

dachte, ohne diese Wahrheiten anzuerkennen, ja, sie geflissentlich

umgehend.

Jetzt wurde es ihm klar, daß er leben konnte nur dank jenen

Überzeugungen, in denen er erzogen war.

»Was würde ich gewesen sein, und wie hätte ich mein Leben verbracht,

hätte ich diese Überzeugungen nicht gehabt, nicht gewußt, daß man

für Gott leben muß und nicht für die eigenen Bedürfnisse? Ich hätte

geraubt, gelogen, gemordet. Nichts von dem, was die höchsten Freuden

meines Lebens ausmacht, würde für mich vorhanden gewesen sein.«

Aber trotz der größten Anstrengungen seiner Vorstellungskraft, konnte

er sich doch nicht jenes tierische Geschöpf vorstellen, welches er

selbst gewesen sein würde, wenn er nicht erfahren hätte, wozu er lebte.

»Ich habe die Antwort auf meine Frage gesucht, aber diese Antwort

kann nicht das Denken geben, welches in unmeßbarem Verhältnis zu der

Frage steht. Die Antwort hat mir das Leben selbst gegeben in meiner

Erkenntnis dessen, was gut und schlecht sei. Aber diese Erkenntnis habe

ich nicht durch Etwas erworben, sondern sie ist mir gegeben gewesen

zugleich mit allem, _gegeben_ deswegen, weil ich sie von nirgendsher

nehmen konnte. Woher habe ich sie genommen? Bin ich durch meinen

Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll und ihn

nicht erwürgen darf. Man hat mir das in der Kindheit gesagt und ich

habe es freudig geglaubt, weil man mir nur gesagt hatte, was mir schon

in der Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand nicht! Der

Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und das Gesetz, welches

fordert, daß man alle, die uns an der Befriedigung unserer Wünsche

hindern, beseitigen soll. Dies ist die Lehre des Verstandes, aber die

Nächstenliebe konnte der Verstand nicht lehren, weil das unverständig

gewesen wäre.«

13.

Lewin fiel die kürzlich stattgehabte Scene mit Dolly und ihren Kindern

ein. Die Kinder, allein gelassen, hatten Himbeeren über Kerzen geröstet

und sich die Milch als Fontäne in den Mund gespritzt. Die Mutter,

welche sie auf der That ertappt, hatte ihnen in Lewins Gegenwart zu

Gemüt geführt, welche große Mühe den Erwachsenen das verursache, was

sie da verdorben, und daß diese Arbeit doch für sie geschähe, und sie,

wenn sie die Tassen zerschlügen, nichts haben würden, woraus sie Thee

tränken; wenn sie aber Milch vergössen, so würden sie nichts zu essen

haben und müßten Hungers sterben.

Lewin überraschte die stille Niedergeschlagenheit und der Argwohn,

mit welchem die Kinder diese Worte der Mutter anhörten. Sie waren nur

darüber erbittert, daß ihr unterhaltendes Spiel abgebrochen worden

war, und glaubten kein Wort von dem was die Mutter sagte. Sie konnten

es auch nicht glauben, weil sie sich den ganzen Umfang dessen, was sie

begangen, gar nicht vorstellen, und infolge dessen sich nicht denken

konnten, daß das, was sie verdorben hatten, eben das sei, wovon sie

lebten.

»Das ist alles für sich allein da,« dachten sie, »und etwas

Interessantes oder Wichtiges liegt nicht darin, deswegen weil es stets

war und sein wird und stets ein und dasselbe ist. Wir brauchen daher

gar nicht daran zu denken, denn das ist alles schon da und wir wollen

nur etwas Eigenes und recht Neues dabei ausdenken. So haben wir uns

ausgedacht, in die Tasse Himbeeren zu nehmen und sie über einem Licht

zu rösten, die Milch aber als Fontäne uns gegenseitig in den Mund zu

spritzen. Das ist lustig und neu und in nichts schlechter, als aus den

Tassen zu trinken.«

»Thun wir nun nicht etwa ganz das Nämliche, thue ich es nicht, mit

meinem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte erforschend und den

Gedanken des menschlichen Lebens?« fuhr Lewin fort zu denken. »Und

thun dies nicht alle philosophischen Theorieen, indem sie auf einem

seltsamen, dem Menschen nicht eigenen Gedankenweg, zu der Erkenntnis

dessen führen, was der Mensch lange schon weiß, so genau weiß, daß

er ohne es gar nicht hätte leben können. Ist es denn nicht aus der

Entwicklung der Theorie eines jeden Philosophen klar ersichtlich, daß

er im voraus unfehlbar ebenso gut, wie der Bauer Fjodor und durchaus

nicht genauer als dieser, den Hauptgedanken des Daseins kennt, und nur

auf dem zweifelhaften Wege des Verstandes zu dem gelangen will, was

allen bekannt ist? Wollte man die Kinder allein auf Erwerb ausgehen

lassen, sollten dieselben Geschirr fertigen, Milch melken &c., würden

sie dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so wollen

wir doch mit unseren Leidenschaften und Gedanken ohne Verständnis

des einigen Gottes und Schöpfers bleiben, oder ohne Verständnis von

dem, was gut ist, ohne Offenbarung des moralisch Schlechten. >Aber

schafft Ihr etwas ohne dieses Verständnis!< >Wir zerstören nur, weil

wir geistig satt sind. Wir sind eben Kinder!< Woher kommt in mir diese

freudige, mir mit dem Bauern gemeinsame Erkenntnis, welche mir allein

die Seelenruhe verleiht? Woher habe ich sie genommen? Erzogen in der

Vorstellung eines Gottes, als Christ, und mein ganzes Leben hindurch

erfüllt von diesen geistigen Gütern, die mir das Christentum verliehen

hat, welches an diesen lebendigen Schätzen überreich ist und in ihnen

lebt, zerstöre ich diese, wie die Kinder, ohne sie zu verstehen, --

das heißt, ich will zerstören -- das, wodurch ich lebe. Sobald jedoch

eine ernste Minute des Lebens naht, gehe ich, wie die Kinder, wenn

sie frieren oder hungrig sind, zu Ihm, und fühle noch weniger als

Kinder, welche die Mutter wegen kindischer Streiche schilt, daß meine

kindlichen Versuche, über die man genugsam schelten könnte, mir nicht

angerechnet werden. Also das, was ich weiß, weiß ich nicht infolge

des Verstandes, sondern es ist mir gegeben, mir geoffenbart, und ich

weiß es durch mein Herz, meinen Glauben an das Höchste, was die Kirche

bekennt.«

»Die Kirche? Die Kirche?« wiederholte Lewin, sich auf die andere Seite

legend und schaute, auf den Ellbogen gestützt, in die Ferne nach einer

jenseits zum Flusse gehenden Herde. »Kann ich dann aber an alles

glauben, was die Kirche lehrt?« dachte er, sich prüfend und alles das

überdenkend, was seine jetzige Ruhe stören konnte. Absichtlich begann

er, sich diejenigen Lehren der Kirche zu vergegenwärtigen, die ihm vor

allen anderen stets befremdlich gewesen waren und ihn verleitet hatten.

»Die Schöpfung? Womit habe ich denn das Sein erklärt? Mit dem Sein?

Mit dem Nichts? -- Teufel und Sünde! -- Womit erkläre ich das Böse? --

Was ist der Erlöser? -- Ich weiß eben nichts, nichts, und kann nichts

wissen, als nur das, was mir und allen anderen gesagt worden ist.« --

Und jetzt schien es ihm, als gäbe es kein einziges unter den

Bekenntnissen der Kirche, welches die Hauptsache, den Glauben an Gott,

an das Gute, als die einzige Bestimmung des Menschen stürzte. Für jedes

Bekenntnis der Kirche konnte das Bekenntnis zum Dienst in der Wahrheit

anstatt in den Lüsten eingesetzt werden. Und jedes derselben warf dies

nicht nur nicht um, sondern war vielmehr erforderlich dazu, daß sich

jenes höchste, beständig auf Erden erscheinende Wunder auch vollzog,

welches darin bestand, daß es jedem möglich werde, gemeinsam mit

Millionen verschiedenartigster Menschen, mit Weisen und Narren, Kindern

und Greisen -- mit allen, mit den Bauern und mit Lwoff, mit Kity, und

mit Bettlern oder Königen untrüglich ein und dasselbe zu erkennen, und

das Leben der Seele hinzuzustellen, für welches allein es schon der

Mühe wert war zu leben, und das allein wir schützen.

Auf dem Rücken liegend, sah er jetzt in den hohen, wolkenlosen Himmel

hinein.

»Weiß ich denn nicht, daß dies ein endloser Raum ist, und kein rundes

Gewölbe? Aber wie ich auch den Blick anstrengen mag, ich kann ihn nicht

anders erblicken als rund und unbegrenzt und ungeachtet meiner Kenntnis

seiner unbegrenzten Weite habe ich unzweifelhaft recht. Wenn ich das

feste blaue Gewölbe ansehe, handle ich richtiger, als wenn ich mich

anstrenge, weiter zu blicken.«

Lewin hörte schon auf zu denken, gleich als ob er geheimnisvollen

Stimmen lauschte, die sich freudig und sorglich unterhielten.

»Sollte dies etwa der Glaube sein?« dachte er, sich scheuend,

seinem Glück zu trauen. »Mein Gott, ich danke dir!« sprach er, ein

aufsteigendes Schluchzen hinunterschluckend und sich mit beiden Händen

die Thränen abwischend, von denen seine Augen voll standen.

14.

Lewin schaute vor sich hin und sah die Herde, dann erblickte er seinen

Wagen mit dem Braunen bespannt, und den Kutscher, welcher zur Herde

heranfahrend, mit dem Hirten sprach. Hierauf vernahm er, bereits in

seiner Nähe, das Geräusch von Rädern und das Schnauben eines satten

Pferdes, doch war er so versunken in seinen Gedanken, daß er gar nicht

daran dachte, weshalb der Kutscher zu ihm gefahren komme.

Es fiel ihm das erst ein, als ihm dieser, bereits ganz nahe bei ihm,

zurief:

»Die Herrin schickt mich. Der Bruder und noch ein Herr sind angekommen.«

Lewin setzte sich auf den Wagen und ergriff die Zügel. Wie aus dem

Schlaf erwacht, konnte er lange Zeit nicht zur klaren Besinnung kommen.

Er betrachtete das satte Pferd, blickte den Kutscher Iwan an, der neben

ihm saß und besann sich nun, daß er den Bruder ja erwartete, daß seine

Frau wahrscheinlich über sein langes Ausbleiben besorgt sein werde;

und er bemühte sich nun, zu raten, wer der Gast sein könne, der mit

dem Bruder gekommen war. Sowohl dieser, wie sein eigenes Weib und der

unbekannte Besuch erschienen ihm jetzt anders, als vorher. Ihm schien,

als ob jetzt seine Beziehungen zu allen Menschen schon andere werden

wollten.

»Dem Bruder gegenüber wird jetzt nicht mehr die Rede von jener

Entfremdung sein, die stets zwischen uns herrschte, es sollten keine

Streitigkeiten mehr herrschen; auch mit Kity sollte es nie mehr Zwist

geben und mit dem Gaste, wer es auch sein mag, werde ich freundlich und

gut sein; auch mit den Leuten, mit Iwan -- alles wird anders werden.«

Straff das vor Ungeduld schnaubende, eine schnellere Gangart

anstrebende, gute Pferd haltend, schaute Lewin den neben ihm sitzenden

Iwan an, der nicht wußte, was er mit seinen zur Unthätigkeit

verurteilten Händen machen sollte, und beständig sein aufgeblähtes Hemd

andrückte und suchte nach einem Thema, um ein Gespräch mit diesem zu

beginnen.

Er wollte sagen, daß Iwan überflüssigerweise den Sattelriemen zu hoch

gezogen habe, doch dies wäre einem Vorwurf ähnlich gewesen und er

wollte jetzt nur freundliche Gespräche führen. Etwas anderes kam ihm

nicht in den Kopf.

»Nehmt doch, bitte rechts, sonst wird der Baumstamm da« -- sagte der

Kutscher, Lewins Zügel dirigierend.

»Laß das gefälligst und belehre mich nicht!« antwortete Lewin,

ungehalten über diese Einmischung des Kutschers.

So wie immer, machte ihn auch jetzt eine Einmischung verstimmt, und er

fühlte sogleich voll Schmerz, wie irrig seine Vermutung gewesen war,

daß seine Seelenstimmung ihn sogleich bis zu einer Anpassung an die

Wirklichkeit hätte wandeln können.

Als er sich seinem Hause bis auf eine viertel Werst genähert hatte,

erblickte er Grischa und Tanja, die ihm entgegeneilten.

»Onkel Konstantin! Mama kommt auch, und der Onkel, und Sergey

Iwanowitsch und noch jemand,« sagten sie auf den Wagen kletternd.

»Wer denn?«

»Außerordentlich seltsam! Er macht es mit den Händen immer so,« sagte

Tanja, sich im Wagen erhebend und Katawasoff nachahmend.

»Ist er alt oder jung?« frug Lewin lachend, die Vorstellung Tanjas

hatte ihn an jemand erinnert. »O, wenn es nur kein unangenehmer Mensch

ist!« dachte er.

Kaum um die Biegung des Weges herum, gewahrte Lewin die

Entgegenkommenden, und erkannte Katawasoff im Strohhut, wie er im Gehen

mit den Armen schwenkte, so wie es Tanja vorgemacht hatte.

Katawasoff sprach sehr gern über Philosophie, obwohl er von ihr nur

einen Begriff aus den Naturwissenschaften besaß, und sich sonst nie

damit beschäftigt hatte. In Moskau hatte Lewin in letzter Zeit viel mit

ihm disputiert. Eines jener Gespräche, in welchem Katawasoff jedenfalls

gehofft hatte Sieger zu bleiben, fiel Lewin sofort wieder ein, nachdem

er Katawasoff erkannt hatte.

»Nein; streiten und in unüberlegter Weise meine Ideen äußern werde ich

um keinen Preis,« dachte er.

Aus dem Wagen steigend und den Bruder nebst Katawasoff begrüßend, frug

Lewin dann nach seiner Frau.

»Sie hat Mitja in das Wäldchen beim Hause getragen. Sie wollte es

dorthin bringen, denn im Hause ist es zu warm,« berichtete Dolly. Lewin

hatte seiner Gattin stets davon abgeraten, das Kind in den Wald zu

tragen, da er dies für gefährlich befand, und die Nachricht war ihm

daher unangenehm.

»Sie schleppt sich mit ihm von Ort zu Ort,« sagte der Fürst lächelnd.

»Ich habe ihr geraten, es in den Eiskeller zu bringen.«

»Sie wollte nach dem Bienengarten gehen, da sie dachte, du würdest dort

sein. Wir gehen soeben hin,« sagte Dolly.

»Nun, was machst du denn?« sagte Sergey Iwanowitsch, von den anderen

weggehend und sich zu dem Bruder gesellend.

»Nichts Besonderes. Wie immer, beschäftige ich mich mit der Ökonomie,«

antwortete Lewin. »Und du? Bleibst du lange hier? Wir haben dich so

lange erwartet.«

Bei diesen Worten begegneten sich die Augen der Brüder und Lewin

fühlte, trotz des steten und jetzt bei ihm besonders lebhaft gewordenen

Wunsches, in freundschaftliche und hauptsächlich klare Beziehungen

zu seinem Bruder zu treten, daß es ihm peinlich war, denselben

anzublicken. Er schlug die Augen nieder und wußte nicht, was er sagen

sollte.

Indem er die Themen durchging, welche Sergey Iwanowitsch willkommen

sein und ihn von dem Gespräch über den serbischen Krieg und die

slawische Frage ablenken konnten, auf die er schon mit einem Hinweis

auf seine Geschäfte in Moskau hingewiesen hatte, begann Lewin von dem

Buche Sergey Iwanowitschs zu sprechen.

»Nun, sind denn Recensionen über dein Buch erschienen?« frug er.

Sergey Iwanowitsch lächelte über das Vorbedachte in der Frage.

»Es hat sich niemand darum gekümmert; ich am allerwenigsten,« sagte er.

»Paßt auf, Darja Aleksandrowna, es wird Regen geben,« fügte er hinzu,

mit dem Schirme auf die über den Wipfeln der Espen erscheinenden weißen

Wolken deutend.

Es waren genug Worte gefallen, die, wenn nicht eine feindselige, so

doch kühle Beziehung zwischen beiden, wie sie Lewin so gern vermieden

hätte, wiederum zwischen den Brüdern eintreten lassen konnten.

Lewin ging zu Katawasoff.

»Wie gut Ihr daran thatet, Euch zu einem Besuch bei uns zu

entschließen,« sagte er zu ihm.

»Ich war schon lange dazu im Begriff gewesen. Nun können wir

disputieren. Laßt doch sehen. Habt Ihr Spencer gelesen?«

»Nun, nicht ganz,« versetzte Lewin, »ich brauche ihn übrigens jetzt

nicht.«

»Was heißt das? Er ist doch so interessant. Warum denn nicht?«

»Ich habe mich endgültig überzeugt, daß ich die Lösungen der Fragen,

welche mich beschäftigen, nicht in ihm und seinesgleichen finde.

Jetzt« --

Der ruhige, heitere Gesichtsausdruck Katawasoffs überraschte ihn

plötzlich, und um seine Stimmung, die er offenbar mit diesem Gespräch

fahren lassen mußte, war es ihm nun so leid, daß er in der Erinnerung

an seinen Vorsatz, innehielt.

»Sprechen wir übrigens später davon,« fügte er hinzu. »Wenn wir nach

dem Bienengarten wollen, so müssen wir hierhin, auf diesem Fußweg,«

wandte er sich an die Gesellschaft.

Als man auf dem engen Fußwege bis zu einer ungemähten Wiese gekommen

war, auf welcher auf der einen Seite dichter heller Kuhweizen stand,

während sich in der Mitte viele dunkelgrüne hohe Büsche von Nießwurz

befanden, ließ Lewin seine Gäste in dem tiefen kühlen Schatten der

jungen Espen auf einer Bank und auf Holzklötzen, die für die Besucher

des Bienengartens, welche sich vor den Bienen fürchteten, eigens

vorgerichtet waren, niedersetzen, und begab sich selbst zu einem

Verhau, um den Kindern und Erwachsenen Brot, Gurken und frischen Honig

zu holen.

Im Bemühen, sich möglichst ruhig zu bewegen, und den immer häufiger und

häufiger an ihm vorüberfliegenden Bienen lauschend, ging er auf dem

Fußweg bis zur Hütte. Dicht vor dem Flur summte eine Biene auf, die

sich in seinem Barte verwickelt hatte, doch er befreite sie behutsam.

Nachdem er in den schattigen Flur getreten war, nahm er von der Wand

sein dort an einem Pflock aufgehängtes Netz herab und ging, sobald

er es angelegt und die Hände in die Taschen gesteckt hatte, in den

umzäunten Bienengarten, in welchem in regelmäßig angelegten Reihen,

mit Bast an Pfähle festgebunden, inmitten eines glattgemähten Platzes

die sämtlichen, ihm so wohlbekannten Bienenkörbe standen -- die jeder

seine eigene Geschichte hatten -- an den Seiten des Zaunes aber

befanden sich die jungen, welche erst im laufenden Jahre eingesetzt

worden waren. Vor den Fluglöchern der Bienenstöcke flimmerten in den

Augen die kreisenden und sich auf einem Punkte zusammendrängenden

Bienen und Drohnen und unter ihnen, immer in der nämlichen Richtung

zum Wald hinüber nach einer blühenden Linde, und zu den Stöcken

zurück flogen die Arbeitsbienen mit ihrer Ladung oder nach derselben.

Man hatte nur das unausgesetzte wechselnde Summen der in Thätigkeit

begriffenen, eilig dahinfliegenden Arbeitsbiene, oder der blasenden,

müßigen Drohne im Ohr, oder das von Erschreckten, die ihre Beute vor

einem Feinde in Sicherheit brachten und im Begriff waren, nun bei

den Wachen des Stockes Beschwerde zu führen. Jenseits der Umzäunung

hobelte ein alter Mann, der Lewin nicht bemerkt. Dieser blieb in der

Mitte des Bienengartens stehen, ohne jenen anzurufen. Er freute sich

über die Gelegenheit, wieder allein zu sein, sich von der Wirklichkeit

wieder erholen zu können, welche ihm bereits seine Stimmung wieder

herabgemindert hatte.

Er erinnerte sich, daß er schon auf Iwan ungehalten gewesen war, seinem

Bruder Kälte gezeigt und mit Katawasoff oberflächlich zu sprechen

angefangen hatte.

»Sollte das doch nur eine zeitweilige Stimmung gewesen sein, welche

vorübergeht, ohne eine Spur zu hinterlassen?« dachte er.

Doch im nämlichen Augenblick, indem er sich seiner Stimmung zuwandte,

empfand er voll Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames in ihm vorging.

Die Wirklichkeit hatte nur für einige Zeit jene seelische Ruhe

überdeckt, die er gefunden hatte, diese aber war noch unversehrt in ihm.

Gleichwie die Bienen, welche ihn jetzt umschwirrten, ihm drohten und

ihn weglockten, ihn seiner vollen physischen Ruhe beraubten, ihn

zwangen, sich zu krümmen und ihnen auszuweichen, so hatten ihn die

Sorgen, seit dem Augenblick an ihn herangetreten, da er sich in den

Wagen gesetzt hatte, seiner geistigen Freiheit beraubt; aber dies

währte nur so lange, bis er mitten unter ihnen war.

Wie seine körperliche Kraft unversehrt in ihm lebte, so war auch die

Kraft seines Geistes, deren er sich aufs neue bewußt geworden war, noch

unversehrt in ihm.

15.

»Weißt du, Konstantin, mit wem Sergey Iwanowitsch hierher gefahren

ist?« frug Dolly, unter ihre Kinder Gurken und Honig verteilend, »mit

Wronskiy! Er geht nach Serbien!«

»Und nicht etwa nur allein; er führt eine Eskadron auf seine eigenen

Kosten mit!« sagte Katawasoff.

»Das sieht ihm ähnlich,« sagte Lewin. »Ziehen denn noch immer

Freiwillige hinaus?« fügte er mit einem Blick auf Sergey Iwanowitsch

hinzu.

Dieser nahm, ohne zu antworten, behutsam aus der Tasse, auf welcher

eine weiße Honigscheibe lag, mit dem Taschenmesser eine noch lebende,

in dem flüssigen Honig klebende Biene heraus.

»Und wie viel! Ihr hättet sehen müssen, was gestern noch auf der

Station vorging!« sagte Katawasoff, vernehmlich in die Gurke beißend.

»Wie soll ich das verstehen? Erklärt mir doch um Gottes willen Sergey

Iwanowitsch, wohin alle diese Freiwilligen fahren, und gegen wen sie

kämpfen?« frug der alte Fürst, ein Gespräch fortsetzend, das wohl in

Lewins Abwesenheit begonnen worden war.

»Gegen die Türken,« antwortete Sergey Iwanowitsch mit ruhigem Lächeln,

die sich mit ihren Beinchen hilflos bewegende Biene befreiend, die von

dem Honig schwarz geworden war, und sie von dem Messer auf ein starkes

Espenblatt setzend.

»Und wer hat den Türken den Krieg erklärt? Iwan Iwanitsch Ragozoff, die

Gräfin Lydia Iwanowna und Madame Stahl!«

»Niemand hat den Krieg erklärt, die Leute fühlen nur Mitleid mit ihren

Nächsten und wollen ihnen helfen,« sagte Sergey Iwanowitsch.

»Aber der Fürst spricht nicht von der Hilfe,« sagte Lewin, für seinen

Schwiegervater eintretend, »sondern von dem Kriege. Der Fürst sagt, daß

Privatleute keinen Teil an einem Kriege haben können, wenn nicht die

Regierung eine Entscheidung darüber gegeben hat.«

»Konstantin, sieh, da ist eine Biene! Wahrhaftig sie werden uns noch

stechen!« sagte Dolly, eine Wespe abwehrend.

»Das ist keine Biene, es ist eine Wespe,« sagte Lewin.

»Nun also, wie steht es mit Eurer Theorie?« sagte Katawasoff lächelnd

zu Lewin, diesen offenbar zum Disput auffordernd. »Weshalb haben

Privatleute kein Recht?«

»Meine Theorie ist die: Ein Krieg ist einerseits ein solches Ungeheuer,

etwas so Hartes, Furchtbares, daß kein Mensch -- ich sage noch

gar nicht Christ -- auf seine persönliche Verantwortung hin seine

Anstiftung übernehmen kann. Dies kann nur eine Regierung, welche dazu

berufen ist und zu einem unvermeidlichen Kriege gedrängt wird. Dann

aber verzichten ja auch sowohl nach der sachwissenschaftlichen Seite,

wie nach dem gesunden Menschenverstand die Bürger in Regierungssachen,

insbesondere in Kriegsfragen, auf ihren persönlichen Willen.«

Sergey Iwanowitsch und Katawasoff ergriffen mit ihren schon

bereitgehaltenen Erwiderungen gleichzeitig das Wort.

»Darin liegt aber ja eben der Schwerpunkt, daß es Fälle geben kann, in

denen die Regierung den Willen der Bürger nicht erfüllt; dann zeigt die

Gesellschaft den ihren,« sagte Katawasoff.

Sergey Iwanowitsch stimmte indessen diesem Einwand augenscheinlich

nicht zu. Er zog die Stirn bei den Worten Katawasoffs und sagte etwas

Anderes.

»Du stellst so die Frage unnütz auf. Es handelt sich hier nicht um

eine Kriegserklärung, sondern einfach um den Ausdruck des humanen

christlichen Gefühls. Man mordet unsere Stammesbrüder, die mit uns

des nämlichen Blutes und Glaubens sind. Nun, nehmen wir an, sie wären

selbst nicht unsere Mitbrüder, nicht unsere Glaubensgenossen, sondern

einfach Kinder, Weiber, Greise. Da empört sich doch das Gefühl, und

die Russen eilen zu Hilfe, um diese Schrecken zu verkürzen. Stelle

dir vor, du gingest auf der Straße und sähest, daß Trunkene ein Weib

schlügen oder ein Kind. Ich denke, da würdest du wohl nicht erst

fragen, ob hier jenen Menschen der Krieg erklärt worden sei oder nicht,

sondern darauf zueilen und den Beleidigten verteidigen.«

»Aber den Gegner nicht töten,« sagte Lewin.

»Doch, du würdest ihn töten.«

»Ich weiß nicht. Wenn ich dergleichen sähe, würde ich mich meinem

unmittelbaren Gefühl hingeben, im voraus aber kann ich nichts sagen.

Ein solches unmittelbares Gefühl für die Unterdrückung der Südslaven

ist aber nicht vorhanden, kann es auch gar nicht sein.«

»Doch wohl nur für dich nicht! Für die anderen ist es vorhanden,« sagte

Sergey Iwanowitsch mißvergnügt die Stirne runzelnd. »Im Volke sind

die Überlieferungen über Rechtgläubige lebendig, die unter dem Joch

der Gottlosigkeit litten. Das Volk hat von den Leiden der Mitbrüder

vernommen und gesprochen.«

»Kann sein,« sagte Lewin nachgiebig, »aber ich sehe das nicht ein; ich

bin selbst Volk und fühle dies doch nicht.«

»Ich auch nicht,« sagte der Fürst. »Ich habe im Auslande gelebt, die

Zeitungen gelesen und -- ich gestehe es -- selbst was die bulgarischen

Schrecken anbetrifft -- niemals recht begreifen können, weshalb

plötzlich alle Russen ihre slavischen Brüder so zu lieben anfingen,

während ich nicht die geringste Liebe für sie verspürte. Ich ärgerte

mich darüber sehr, dachte, ich sei ein Ungeheuer, oder Karlsbad hätte

auf mich so eingewirkt, aber nachdem ich hierher gekommen, war ich

beruhigt. Ich sehe, daß es auch außer mir noch Leute giebt, die nur für

Rußland Interesse haben, und nicht für die slavischen Brüder -- Leute,

wie Konstantin.« --

»Persönliche Meinungen bedeuten hier nichts,« sagte Sergey Iwanowitsch,

»es kommt nicht auf persönliche Meinungen an, wenn ganz Rußland -- das

Volk -- seinen Willen geäußert hat.«

»Bitte recht sehr, aber das sehe ich nicht. Das Volk weiß was rechtes,«

sagte der Fürst.

»O Papa, warum das? Kommst du Sonntag mit in die Kirche?« frug Dolly,

die dem Gespräch zuhörte. »Gieb mir doch das Handtuch,« wandte sie

sich zu dem alten Herrn, der lächelnd auf ihre Kinder blickte. »Es kann

doch nicht sein, daß alle« --

»Was willst du denn am Sonntag in der Kirche? Man hatte den Geistlichen

ersucht, eine Messe zu lesen. Er las sie. Die Leute aber haben nichts

verstanden, sie seufzten, wie bei jeder Beichte,« fuhr der Fürst fort.

»Dann sagte man ihnen, daß man für den heiligen Zweck in der Kirche

sammle. Nun, da holten sie denn ihre Kopeke hervor und gaben sie, wozu

aber, das haben sie nicht gewußt.«

»Das Volk muß es wissen. Das Bewußtsein seines Geschickes lebt stets

in einem Volke, und in Minuten, wie es die jetzigen sind, wird ihm

dasselbe klar,« sagte Sergey Iwanowitsch voll Überzeugung, nach dem

alten Bienenzüchter schauend.

Ein schöner Greis, mit schwarzem, graumeliertem Bart und dichtem,

silbernem Lockenhaar, stand dieser unbeweglich, eine Schale mit Honig

haltend, freundlich und ruhig da, aus seiner vollen Größe auf die

Herren herniederblickend, offenbar ohne Etwas zu verstehen, noch mit

dem Wunsche darnach.

»So ist es,« sagte er, ausdrucksvoll den Kopf schüttelnd, zu den Worten

Sergey Iwanowitschs.

»Ja, fragt ihn nur! Er weiß nichts und denkt nicht,« sagte Lewin.

»Du hörst wohl, Michailitsch, wir sprechen von dem Krieg?« wandte er

sich an diesen. »Ihr habt das ja in der Kirche gelesen. Wie denkst du

darüber? Müssen wir für die Christen kämpfen?«

»Was haben wir dabei mit zu denken? Aleksander Nikolajewitsch der

Kaiser denkt für uns, er denkt für uns in allen Dingen. Ihm ist alles

klarer. Soll ich nicht noch ein Stück Brot holen?« wandte er sich an

Darja Aleksandrowna, auf Grischa weisend, der soeben mit seiner Rinde

fertig geworden war.

»Ich brauche eigentlich gar nicht zu fragen,« sagte Sergey Iwanowitsch,

»wir haben hunderte und aber hunderte von Menschen gesehen und sehen

sie noch, die alles verlassen, um einer guten Sache zu dienen. Von

allen Enden Rußlands kommen sie herbei, und äußern offen und klar ihre

Gedanken und Absichten. Sie bringen ihr Erspartes mit oder kommen

selbst und sagen rückhaltlos, warum. Was bedeutet dies nun?«

»Es bedeutet, nach meiner Meinung,« sagte Lewin, der warm zu werden

begann, »daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur

Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die

ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die

stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien

zu gehen.«

»Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger,

sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,« sagte Sergey

Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene

Würde. »Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen

aus!«

»Das Wort >Volk< ist so unbestimmt,« sagte Lewin. »Die

Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen

wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken

nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben

nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren

Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem

Volkswillen zu sprechen?«

16.

Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf

etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet.

»Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann

ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei

uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie

den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere

Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche

nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere

des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen

Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne

des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der

Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier

in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen

Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft,

die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.«

»Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,« meinte der Fürst.

»Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von

ihrem Geschrei hört man nichts weiter.«

»Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will

sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im

Denken in der Welt der Intelligenz,« sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu

seinem Bruder wendend.

Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort.

»Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,«

begann er, »da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr

kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission

und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts

zu thun -- nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! -- und bezieht

doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob

ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der

notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen

dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.«

»Ja, er hat mich gebeten, Darja Aleksandrowna von der Erlangung des

Amtes Mitteilung zu machen,« sagte Sergey Iwanowitsch mißvergnügt, in

der Meinung, der Fürst spreche nicht zur Sache.

»So ist es auch mit der Harmonie in der Presse. Man hat mir erklärt,

so bald es Krieg giebt, giebt es verdoppelte Einnahmen. Warum sollen

sie da nicht denken, daß die Geschicke des Volkes und der slavischen

Brüder« --

»Ich liebe viele Zeitungen nicht, doch ist das ungerecht,« sagte Sergey

Iwanowitsch.

»Ich würde nur eine Bedingung stellen,« fuhr der Fürst fort. »Alphonse

Karr schrieb dies recht gut vor dem Kriege mit Preußen. >Ihr meint

doch, daß der Krieg notwendig ist! Schön! -- Einer erklärt ihn denn

auch, und in der Avantgarde geht es zum Sturm, zur Attacke, allen

voran!<« --

»Die Redakteure werden sich am besten dabei stehen!« lachte Katawasoff

laut, sich seine Bekannten unter den Redakteuren vorstellend, wie sie

in der Legion der Auserwählten ständen.

»Nun, sie werden höchstens davonlaufen,« sagte Dolly, »sie können doch

nur hinderlich sein.«

»Wenn sie fliehen, so muß man mit Kartätschen dahinterherfeuern oder

Kosaken mit Knuten hinstellen,« sagte der Fürst.

»Das ist ein Scherz aber kein guter, nehmt es mir nicht übel, Fürst,«

sagte Sergey Iwanowitsch.

»Ich sehe nicht ein, daß es sich hier um Scherz handelte, daß« --

begann Lewin, doch Sergey Iwanowitsch unterbrach ihn.

»Jedes Mitglied der Gesellschaft ist berufen, die ihm gehörige

Aufgabe zu vollführen,« sagte er. »Die Männer des Geistes erfüllen

ihre Aufgabe, indem sie die öffentliche Meinung wiederspiegeln. Der

einmütige und vollständige Ausdruck der öffentlichen Meinung ist der

Dienst der Presse, und er ist auch eine sehr erfreuliche Erscheinung.

Vor zwanzig Jahren hätten wir noch geschwiegen, jetzt aber wird

die Stimme des russischen Volkes gehört, welches bereit ist, sich

zu erheben, wie ein Mann, bereit, sich selbst zu opfern für die

unterdrückten Mitbrüder. Dies ist ein großer Fortschritt, ein Gewinn an

Kraft.«

»Aber man will doch nicht nur opfern, sondern vielmehr den Türken

schlagen,« bemerkte Lewin schüchtern. »Das Volk opfert und ist bereit,

für seine Seele zu opfern, nicht aber für den Mord,« fügte er hinzu,

das Thema unwillkürlich mit den Gedanken verbindend, die ihn so sehr

beschäftigten.

»Wie, für die Seele? Dies ist für den Naturforscher bekanntlich ein

sehr schwieriger Ausdruck. Was ist denn Seele?« lächelte Katawasoff.

»O, Ihr wißt es schon!«

»Bei Gott, ich habe nicht die geringste Ahnung davon!« antwortete

Katawasoff mit lautem Lachen.

-- »Ich bin nicht die Welt, aber ich habe ein Schwert gebracht, spricht

Christus« -- entgegnete Sergey Iwanowitsch, einfach, als handle es sich

um die leichtverständlichste Sache, und brachte damit jene Stelle aus

dem Evangelium bei, die Lewin stets vor allem in Verwirrung gesetzt

hatte.

»So ist es,« wiederholte jetzt der Alte, der bei ihnen stand, indem er

auf einen zufällig auf ihn gerichteten Blick antwortete.

»Ja, ja, Batjuschka, wir sind geschlagen, vollständig geschlagen!« rief

Katawasoff heiter.

Lewin errötete vor Verdruß, nicht deshalb, weil er geschlagen sein

sollte, sondern weil er nicht mehr an sich halten konnte, und wollte in

den Wortstreit eintreten.

»Doch nein,« dachte er dann, »ich mag nicht mit ihnen streiten, sie

tragen einen undurchdringlichen Panzer, während ich nackt bin.«

Er sah, daß er seinen Bruder und Katawasoff nicht überzeugen könne,

und daß nun noch weniger eine Möglichkeit, mit ihnen seinerseits

übereinzukommen vorhanden sei. Das, was sie predigten, war aber jener

geistige Hochmut, der ihn beinahe vernichtet hätte. Er konnte sich

nicht damit einverstanden erklären, daß eine Handvoll Menschen, unter

ihnen sein Bruder, das Recht haben sollten, auf Grund dessen, was ihnen

die hunderte der durch die Hauptstädte reisenden Freiwilligen erzählt

hatten, zu sagen, sie und die Presse drückten die Meinung des Volkes

aus, und noch dazu eine Meinung, die in Vergeltung und Mord ihren

Ausdruck fand.

Er konnte damit nicht übereinkommen, weil er gar keinen Ausdruck dieser

Gedanken in dem Volke, in dessen Mitte er lebte, bemerkt, dieselben

auch in sich selbst nicht gefunden hatte, und er konnte sich nicht für

etwas Anderes halten, als für einen von jenen Menschen, aus denen das

russische Volk besteht, hauptsächlich aber konnte er deshalb nicht

zustimmen, weil er gleich dem Volke, weder wußte noch erfahren konnte,

worin das allgemeine Wohl bestehe, während er genau wußte, daß die

Erreichung dieses allgemeinen Wohles nur bei strenger Erfüllung jenes

Gesetzes des Guten möglich sei, das jedem Menschen geoffenbart ist

und er schon deshalb einen Krieg nicht wünschen, oder für allgemeine

Zwecke irgend welcher Art eintreten könne. Er sprach im Einklang mit

Michailowitsch und dem Volke, das seine Meinungen in der Überlieferung

von der Herbeirufung der Warjäger ausdrückte:

»Herrscht über uns, wir versprechen Euch freudig volle Ergebenheit.

Alle Arbeit, alle Erniedrigung, alle Opfer nehmen wir auf uns, und wir

wollen nicht selber richten und schlichten.«

Jetzt aber hatte nach den Worten des Sergey Iwanowitsch das Volk auf

dieses so teuer erkaufte Recht verzichtet.

Er wollte noch sagen, daß wenn die öffentliche Meinung ein unfehlbarer

Richter wäre, die Revolution und die Kommune doch ebenso gesetzmäßig

sein müßte, wie diese Bewegung zu Gunsten der Slaven.

Dies alles aber waren nur Gedanken, die nichts entscheiden konnten.

Eines allein war unzweifelhaft zu sehr erkennbar: der Streit hatte

Sergey Iwanowitsch jetzt gereizt, und es war deswegen nicht gut mit

demselben zu disputieren. Lewin schwieg daher, und widmete seine

Aufmerksamkeit nun den Gästen, da Wolken heraufgezogen kamen und man

wohl daran that, nach Hause zu gehen, bevor es zu regnen begann.

17.

Der Fürst und Sergey Iwanowitsch setzten sich in den Wagen und fuhren;

die übrige Gesellschaft ging langsam zu Fuß nach Haus.

Die Wolke kam indessen, bald weiß, bald schwarz, so schnell herauf, daß

man den Schritt verdoppeln mußte, um noch vor dem Regen heim zu sein.

Die vorauseilenden Wolken, niedrighängend und dunkel, wie Rauch mit

Ruß, kamen mit ungewöhnlicher Schnelligkeit am Himmel herauf. Bis nach

dem Hause waren noch zweihundert Schritt und schon erhob sich der Wind.

Jede Sekunde mußte man den Regen erwarten.

Die Kinder eilten mit erschrecktem und lustigem Geschrei voraus. Darja

Aleksandrowna, die mühsam mit ihren Röcken kämpfte, welche sich um ihre

Beine schlugen, ging schon nicht mehr, sondern lief, die Kinder nicht

aus den Augen lassend. Die Männer gingen, ihre Hüte haltend, mit großen

Schritten dahin, und waren gerade vor der Freitreppe, als ein großer

Tropfen fiel und auf dem Rand der eisernen Rinne aufschlug. Die Kinder

und hinter ihnen die Erwachsenen eilten in lustigem Gespräch unter das

schützende Dach.

»Wo ist Katharina Aleksandrowna?« frug Lewin die ihnen im Vorzimmer

begegnende Michailowna, welche die Tücher und Plaids trug.

»Wir dachten, sie käme mit Euch,« sagte sie.

»Und Mitja?«

»Ist wohl im Wäldchen, die Kinderfrau wird bei ihm sein.«

Lewin ergriff sein Plaid und eilte nach dem Wäldchen.

Während der kurzen Zwischenzeit hatte sich die Wolke schon so weit

heraufbewegt, daß sie mit ihrem Mittelpunkt die Sonne deckte, und es so

dunkel geworden war wie bei einer Sonnenfinsternis.

Der Wind blies hartnäckig, als bestehe er auf seinem Rechte, und

erschwerte Lewin das Gehen; er riß Blätter und Blüten von den Linden

ab und beugte ungeschlacht die weißen Äste der Birken nach einer Seite

nieder, die Akazien, die Blumen, das Gras und die Wipfel der Bäume.

Mägde, die im Garten gearbeitet hatten, liefen mit Geschrei unter das

Dach des Gesindehauses. Der weiße Schleier des strömenden Regens hatte

schon den ganzen, fernen Wald bedeckt und die Hälfte des Feldes, und

bewegte sich schnell auf das Wäldchen zu. Die Feuchtigkeit des Regens,

der in feine Tröpfchen zersprühte, war in der Luft zu spüren.

Den Kopf nach vorn niedergebeugt und mit dem Winde kämpfend, der ihm

das Tuch entriß, war Lewin schon an das Wäldchen gelangt; schon hatte

er etwas Weißes hinter einer Eiche erblickt, als plötzlich alles in

Flammen stand, die ganze Erde aufloderte und gerade über Lewins Kopfe

das Himmelsgewölbe krachend erbebte. Die geblendeten Augen öffnend,

erblickte Lewin durch den dichten Schleier des Regens, der ihn jetzt

vom Wäldchen trennte, zunächst den grünen Wipfel der ihm bekannten

Eiche inmitten des Waldes, welcher in sonderbarer Weise seine Stellung

verändert hatte.

»Sollte sie zersplittert sein?« -- Lewin hatte dies noch kaum gedacht,

als plötzlich der Wipfel der Eiche mehr und mehr die Bewegung

beschleunigend, hinter den anderen Bäumen verschwand. Er vernahm das

Krachen der auf die umgebenden Bäume stürzenden, großen Eiche.

Das Licht des Blitzes, das Hallen des Donners und die Empfindung von

einem ihn plötzlich mit Kälte umgebenden Körper flossen für Lewin in

einem einzigen Eindruck des Schreckens zusammen.

»Mein Gott! Mein Gott! Wenn es nur sie nicht getroffen hat!« brachte er

hervor. Obwohl er sich sogleich sagte, wie sinnlos die Bitte von ihm

war, sie möchten von der Eiche nicht getroffen worden sein, die nun

doch schon gestürzt lag, wiederholte er dieselbe nochmals, da er nichts

Besseres als so gedankenlos zu beten, zu thun wußte.

An dem Platze, wo sie sich gewöhnlich aufhielten, fand er sie nicht.

Sie waren am anderen Rande des Waldes unter einer alten Linde und

riefen ihn. Zwei Gestalten in dunkeln Kleidern -- sie waren vorher

hell gewesen -- standen dort, über etwas gebeugt. Es war Kity und die

Kinderfrau. Der Regen hatte bereits aufgehört, und es begann wieder

hell zu werden, als Lewin sie erreichte. Die Kinderfrau hatte die

Unterkleider noch trocken, Kitys Kleid aber war durch und durch naß und

klebte. Obwohl kein Regen mehr fiel, verharrten sie noch immer in der

Stellung, die sie eingenommen hatten, als das Gewitter losbrach. Beide

standen mit einem grünen Sonnenschirme über den kleinen Wagen gebeugt.

»Lebt Ihr? Seid Ihr unversehrt? Gott sei gedankt!« sprach er, mit dem

wassergefüllten Stiefel in das Wasser tretend, welches sich noch nicht

verlaufen hatte.

Das gerötete, feuchte Gesicht Kitys war ihm zugewandt und lächelte

sanft unter dem Hute hervor, der seine Façon verloren hatte.

»Du müßtest dir aber Vorwürfe machen! Ich begreife nicht, wie man so

unvorsichtig sein kann!« sagte er ärgerlich zu seinem Weibe.

»Ich bin bei Gott nicht schuld. Wir wollten gerade fort, da ging es

los. Wir mußten das Kind anders legen und waren kaum« -- entschuldigte

sich Kity.

Mitja war unversehrt, trocken und schlief ruhig fort.

»Gott sei gedankt! Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Sie nahmen die nassen Windeln, die Kinderfrau wickelte das Kind aus

und trug es. Lewin ging neben seiner Frau; er machte sich Vorwürfe

wegen seiner Heftigkeit und drückte ihr, nur verstohlen, wegen der

Kinderfrau, die Hand.

18.

Während des ganzen Tages empfand Lewin in den verschiedensten

Gesprächen, an denen er gleichsam nur mit der Außenseite seines

Verstandes teilnahm, mit Freude, wie voll sein Herz war.

Nach dem Regen war es zu naß zum Spazierengehen geworden; dazu kam, daß

auch die Gewitterwolken nicht vom Horizonte wichen, sondern donnernd

und dunkel am Rande des Himmels bald hierhin bald dorthin zogen. Die

ganze Gesellschaft verbrachte daher den Rest des Tages im Hause.

Debatten gab es nicht mehr, im Gegenteil befand sich alles nach dem

Mittagessen bei bester Laune.

Katawasoff unterhielt die Damen anfangs mit seinen originellen Späßen,

die stets so gut gefielen, sobald man mit ihm bekannt wurde, sprach

aber dann, von Sergey Iwanowitsch aufgefordert, über seine sehr

interessanten Beobachtungen des Unterschieds in den Charakteren und

selbst Physiognomien der männlichen und weiblichen Mücken, sowie von

deren Leben.

Sergey Iwanowitsch war gleichfalls gut aufgelegt und entwickelte, vom

Bruder veranlaßt, beim Thee seine Ansicht über die Zukunft der Frage

bezüglich des Ostens, so einfach und so gut, daß ihm alles lauschte.

Nur Kity konnte ihn nicht zu Ende hören; man rief sie zu Mitja, der

gewaschen werden sollte.

Wenige Minuten, nachdem Kity verschwunden war, wurde Lewin zu ihr in

die Kinderstube gebeten. Seinen Thee stehen lassend, ging er, die

Unterbrechung des interessanten Gesprächs bedauernd, zugleich aber

auch besorgt über den Grund weshalb man ihn rufe -- er wurde nur bei

wichtigen Dingen gerufen -- in die Kinderstube.

Obwohl ihn der nicht zu Ende gehörte Plan Sergey Iwanowitschs, wie

die befreite Welt der vierzig Millionen Slaven mit Rußland zusammen

eine neue historische Epoche herbeiführen müsse, ein Plan, der für

ihn als etwas völlig Neues sehr interessant war -- obwohl ihn daher

die Neugier, zugleich aber auch die Besorgnis, weshalb man ihn rufe,

quälten -- so fielen ihm doch, sobald er allein war und den Salon

hinter sich hatte, seine Gedanken vom Morgen wieder ein, und alle

die Betrachtungen über die Bedeutung des slawischen Elements in der

Weltgeschichte erschienen ihm nun so nichtig im Vergleich zu dem, was

in seiner Seele geschah, daß er augenblicklich alles dies vergaß und

sich wieder in die Stimmung versetzte, in der er heute Morgen gewesen.

Er rief sich jetzt nicht mehr wie früher erst seinen ganzen

Gedankengang ins Gedächtnis zurück -- das brauchte er nicht mehr --

sondern versetzte sich sofort in das Gefühl, welches ihn beherrschte,

und mit jenen Gedanken in Verbindung stand, und fand dasselbe in seiner

Seele noch weit stärker und bestimmter geworden, als früher. Es ging

ihm jetzt nicht mehr so, wie bei seinen früheren künstlich ersonnenen

Beruhigungsversuchen, bei denen er seinen gesamten Gedankengang wieder

zusammenstellen mußte, um ein Gefühl zu finden. Jetzt war im Gegenteil

die Empfindung der Freude und Ruhe lebendiger als vorher und sein

Denken reifte gar nicht vor seinem Fühlen.

Er schritt über die Terrasse und schaute nach zwei Sternen, die an

dem schon dunkelnden Himmel hervortraten, und plötzlich fiel ihm ein,

»ja, zum Himmel emporblickend, habe ich gegrübelt, daß das Gewölbe da

oben, welches ich sehe, nicht wirklich sei, dabei aber ein Etwas nicht

mitbedacht, was ich vor mir selbst verbarg! Nun, was dort oben auch

sein mag, einen Einwand kann es nicht geben. Man muß das wohl bedenken

-- und alles klärt sich dann auf.«

Schon bei seinem Eintritt in die Kinderstube fiel es ihm bei, was er

sich selbst verhehlt hatte. Es war dies: »Wenn der höchste Beweis der

Gottheit in deren Offenbarung, im Wesen des Guten beruhte, weshalb

beschränkte sich dann diese nur auf die christliche Kirche? In was für

Beziehungen zu dieser Offenbarung standen nun die Glaubensbekenntnisse

der Buddhisten, der Mohammedaner, die doch auch an das Gute glaubten

und es thaten?«

Ihm schien, daß es eine Antwort auf diese Frage für ihn gab, doch hatte

er sich diese noch nicht gegeben, da trat er schon in die Kinderstube

ein.

Kity stand mit aufgestreiften Ärmeln an der Wanne über das

plätschernde Kind gebeugt und wandte, als sie die Schritte des Gatten

hörte, diesem ihr Gesicht zu. Sie rief ihn lächelnd zu sich. Mit der

einen Hand hielt sie den wohlgenährten Kleinen, der auf dem Rücken

schwamm, unter dem Köpfchen, mit der andern drückte sie ein Schwämmchen

über ihm aus.

»Ach, sieh nur sieh,« sagte sie, als ihr Mann herzutrat. »Agathe

Michailowna hat Recht. Es erkennt uns schon.«

Es hatte sich also darum gehandelt, daß Mitja seit dem heutigen Tage

augenscheinlich schon alle die Seinen erkannte.

Kaum war Lewin an die Wanne getreten, so wurde vor ihm der Versuch

angestellt, und er gelang vollständig. Die Köchin, die eigens dazu

herbeigerufen worden war, beugte sich über das Kind. Das Kind machte

ein mürrisches Gesicht und bewegte ablehnend das Köpfchen. Nun beugte

sich Kity darüber, da erglänzte es von einem Lächeln, stemmte sich

mit den Ärmchen gegen den Schwamm und stieß einen so behaglichen und

eigentümlichen Laut aus, daß nicht nur Kity und die Kinderfrau, sondern

auch Lewin in ungeahntes Entzücken gerieten. Man nahm das Kind auf

einem Arme aus der Wanne, spülte es mit Wasser ab, wickelte es in ein

Tuch und gab es, nachdem nochmals ein durchdringender Schrei ertönt

war, der Mutter.

»Ich freue mich nur, daß du anfängst, es lieb zu gewinnen,« sagte Kity

zu ihrem Gatten, nachdem sie sich, das Kind am Busen, ruhig auf ihren

gewohnten Platz gesetzt hatte. »Ich freue mich sehr darüber. Es hatte

mich auch schon recht erbittert. Du sagtest doch, daß du gar nichts für

den Kleinen fühltest.«

»Nun, habe ich etwa gesagt, ich fühlte nichts für ihn? Ich habe nur

gesagt, daß ich von ihm enttäuscht worden wäre.«

»Wie; von dem Kinde enttäuscht?«

»Nicht von ihm enttäuscht, wohl aber von meinem Gefühl. Ich hatte mehr

erwartet. Ich hatte erwartet, daß sich, gleich einer Überraschung, in

mir ein ganz neues und angenehmes Gefühl regen würde. Und plötzlich,

anstatt dessen, fühlte ich nur Widerwillen und Mitleid« --

Sie hörte ihm aufmerksam zu, während sie ihre Ringe wieder auf die

feinen Finger steckte, die sie vorher abgestreift hatte, um das Kind zu

baden.

»Die Hauptsache dabei war doch, daß es bei weitem mehr Schrecken und

Schmerz gegeben hat, als Freude. Heute, nach dem Schrecken während des

Gewitters habe ich erkannt, wie ich das Kind liebe.«

Kity erstrahlte von einem Lächeln.

»Du warst wohl sehr in Schrecken?« frug sie. »Ich war es auch, doch ist

mir es jetzt noch viel ängstlicher zu Mut, nachdem es vorbei ist. Ich

werde mir die Eiche besehen. O wie lieb doch Mitja ist! Das Kind ist

überhaupt den ganzen Tag so reizend gewesen, doch du bist wohl so gut,

dich mit Sergey Iwanowitsch zu beschäftigen -- wenn du willst -- geh'

doch jetzt zu ihm. Es ist so wie so hier bei der Wanne stets sehr heiß

und dunstig.«

19.

Nachdem Lewin die Kinderstube verlassen hatte und allein war, fiel ihm

sogleich jener Gedanke wieder ein, in dem ihm etwas unklar geblieben

war.

Anstatt in den Salon zu gehen, aus welchem Stimmen vernehmbar waren,

blieb er auf der Terrasse stehen und schaute, auf das Geländer

gestützt, zum Himmel hinauf.

Es war schon völlig dunkel geworden, doch im Süden, wohin er blickte,

waren keine Wolken sichtbar. Diese standen auf der entgegengesetzten

Seite und von dorther zuckten Blitze und war ferner Donner vernehmbar.

Lewin lauschte den taktmäßig von den Linden des Gartens fallenden

Regentropfen und blickte zu dem ihm so wohlbekannten Sternendreieck auf

und der mitten hindurchgehenden Milchstraße mit ihrem Schimmer. Bei

jedem Aufleuchten des Blitzes verschwanden nicht nur die Milchstraße,

sondern auch die hellen Sterne, kaum aber war der Funke erloschen, so

zeigten sie sich wieder wie von einer Hand geworfen, an ihren alten

Stellen.

»Nun, was beunruhigt mich denn?« sagte Lewin zu sich, schon vorher

empfindend, daß die Lösung seiner Zweifel, obwohl er dieselbe noch

nicht kannte, bereits fertig in seiner Seele liege. »Ja, Eines ist

die offenkundige, unzweifelhafte Offenbarung der Gottheit; das sind

die Gesetze des Guten, die der Welt als Offenbarung kund gethan sind,

die ich in mir fühle und zu deren Erkenntnis ich -- mag ich wollen

oder nicht -- mit den anderen Menschen vereinigt bin zu einer einzigen

Gesellschaft von Gläubigen die man Kirche nennt. Auch die Hebräer,

Chinesen, Buddhisten -- was sind sie?« legte er sich jene Frage vor,

die ihm so gefährlich erschienen war. »Sollten diese Hunderte von

Millionen Menschen jenes höchsten Gutes beraubt sein, ohne welches

das Dasein keinen Sinn hat?« Er wurde nachdenklich, raffte sich aber

sogleich wieder auf, »wonach frage ich denn? Ich frage nach den

Beziehungen aller der verschiedenen Glaubensrichtungen der ganzen

Menschheit zur Gottheit. Ich frage nach der allgemeinen Offenbarung

Gottes für die ganze Welt mit all diesen Nebelflecken dort oben. Was

aber thue ich? Mir persönlich, meinem Herzen ist jene Erkenntnis

unzweifelhaft geoffenbart, die unerreichbar bleibt für den Verstand,

während ich sie hartnäckig durch meinen Verstand und mein Wort

ausdrücken will. Weiß ich denn nicht, daß die Sterne nicht wandelten?«

frug er sich, nach einem hellleuchtenden Planeten aufschauend, der

bereits seine Stellung zu dem obersten Ast einer Birke verändert hatte.

»Dennoch aber kann ich mir, auf die Bewegung der Sterne blickend, nicht

auch vorstellen, daß die Erde sich bewegt, und ich habe doch recht mit

der Behauptung, daß die Sterne wandeln. Hätten denn die Astronomen

etwas erkennen und berechnen können, wenn sie alle die verwickelten

verschiedenartigen Bewegungen der Erde mit ins Auge gefaßt hätten? Alle

ihre wunderbaren Schlüsse über den Abstand, das Gewicht, die Bewegungen

und Veränderungen der Himmelskörper sind nur auf der wahrnehmbaren

Bewegung der Gestirne rings um die unbewegliche Erde begründet, auf

der nämlichen Bewegung, die jetzt vor mir liegt und so gewesen ist für

Millionen von Menschen im Lauf von Jahrhunderten und stets sich gleich

bleiben wird, auch stets kontrolliert werden kann. Ebenso nun, wie die

Schlüsse der Astronomen müßig gewesen sein würden, wären sie nicht auf

den Beobachtungen des sichtbaren Himmels mit einem Meridian und einem

Horizont begründet, ebenso würden auch meine Schlüsse müßig sein,

wären sie nicht auf dem Begriff des Guten begründet, das für alle

stets vorhanden war und unangetastet bleiben wird, und, mir durch das

Christentum geoffenbart, in meiner Seele stets beglaubigt werden kann.

Die Fragen nach anderen Glaubensrichtungen und deren Beziehungen zur

Gottheit habe ich weder das Recht noch das Vermögen, zu entscheiden.«

»Bist du nicht heimgegangen?« erklang plötzlich die Stimme Kitys, die

auf demselben Wege nach dem Salon ging. »Was sagst du, bist du nicht

bei Laune?« sprach sie, ihm aufmerksam beim Scheine der Sterne ins

Gesicht blickend. Sie würde dieses aber nicht genau erkannt haben, wenn

ihn nicht abermals ein Blitz, der die Sterne verdunkelte, beleuchtet

hätte. Bei dem Schein desselben gewahrte sie sein Antlitz und lächelte,

nachdem sie bemerkt hatte, daß es ruhig und froh erschien.

»Sie versteht,« dachte er, »sie weiß woran ich denke. Soll ich es ihr

sagen oder nicht? Ja, ich sage es ihr.«

Doch gerade im Augenblick, als er zu sprechen beginnen wollte, ergriff

auch sie das Wort.

»Mein Konstantin, thu' mir doch den Gefallen,« sagte sie, »und gehe

nach dem Eckzimmer, um nachzusehen, ob für Sergey Iwanowitsch alles in

Ordnung gebracht ist. Für mich ist das nicht recht schicklich. Hat man

ein neues Waschbecken hineingestellt?«

»Gut, ich werde sofort gehen,« sagte Lewin, indem er aufstand und sie

küßte. »Nein, ich brauche nicht zu reden,« dachte er, während sie ihm

voranschritt. »Dies ist ein Geheimnis, das nur für mich war, wichtig

und nicht in Worten auszudrücken. Dieses neue Gefühl hat mich nicht

verraten, nicht des Glückes beraubt, mich nicht plötzlich erleuchtet,

wie ich geträumt hatte -- ebensowenig wie die Empfindung für meinen

Sohn. Es war auch keine Überraschung dabei. Ist dies nun der Glaube,

oder ist er es nicht, ich weiß nicht, was es ist, aber es ist mir

unmerklich in meinen Leiden gekommen und hat sich in meiner Seele fest

eingenistet. Ich werde noch immer so auf meinen Kutscher Iwan zornig

werden, werde noch so weiter disputieren, meine Gedanken rückhaltlos

aussprechen, es wird die heilige Mauer bestehen bleiben zwischen meiner

Seele und den anderen, selbst meinem Weibe, ich werde dieses auch

tadeln wegen seiner Furcht, und Reue darüber empfinden und werde nicht

mit dem Verstande begreifen, warum ich bete; aber ich werde beten und

mein Leben, mein ganzes Leben soll jetzt von allem unabhängig sein,

was sich mit mir ereignen kann; keine Minute desselben soll mehr

gedankenlos bleiben -- wie früher -- sondern die nicht anzuzweifelnde

Idee des Guten in sich tragen, die ich die Macht besitze, ihr

einzupflanzen.«

_Ende_.

* * * * *

Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise

und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Die unterschiedlichen Schreibweisen der Vor- und Zunamen wurden

beibehalten, außer es handelt sich um offensichtliche Druckfehler.

In der Fußnote [C] wurde der Punkt über dem Buchstaben z in [.z] in den

Worten [.z]yda und do[.z]idalsja geändert.

Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert (_Text_). Text in Antiqua

wurde mit Gleichheitszeichen markiert (=text=).

Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem

Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 10: aller Gebräuche beharrte -> beharrten

S. 11: mit seiner, auf der -> dem

S. 16: versetzte Lewin und befahl Kuzma -> Kusma

S. 17: Fonds des Ikonastas -> Ikonostas

S. 28: sie so verweint -> verweint aus

S. 30: deswegen wird der Mensch -> »deswegen

S. 30: »Jesu freue dich« ausführte -> ausführten

S. 35: einem zärtlichen langem -> langen

S. 38: das Böse, daß -> das sie

S. 40: klammerte er sich an jeder -> jede

S. 50: um es zu berechnen -> brechen

S. 51: aber seine Lippen fibrierten -> vibrierten

S. 52: haben, was sie sah -> sahen

S. 53: noch nicht angeschlagenes. -> angeschlagenes.«

S. 53: die Einheit des Eindrucks. -> Eindrucks.«

S. 55: Standpunkte der Ueberzeugung -> Überzeugung

S. 67: Du hast da ein -> »Du

S. 67: sonst werde ich in -> »sonst

S. 69: sie beide in beständigen -> beständigem

S. 77: Gatten blickend, welchen -> welchem

S. 101: Ich thue das nicht von mir aus -> aus.

S. 102: Zeit in Petersburg verbereitet -> verbreitet

S. 110: welch ein herrlicher Tag ist -> »welch

S. 121: Sergey schaute mit erschreckten -> erschrecktem

S. 124: Sagt mirs doch, -> doch,«

S. 127: er diese wenige -> wenigen

S. 136: seine Mutter versetzten -> versetzte

S. 136: was der Mutter sogar -> so gar

S. 144: seiner Worte gar nicht zu verstehen -> verstehen.

S. 156: hübscher Zeitvertreib ist. -> ist.«

S. 160: aber er konnte -> könnte

S. 169: »Ich werde jetzt -> Ich

S. 185: daß er in meinem -> »daß

S. 186: in der Luft drehend, Krack -> Krak

S. 192: bei der Ankunft witterte Krack -> Krak

S. 192: in welches Krack -> Krak

S. 193: Eine Bekasse machte sich -> Bekassine

S. 197: Wjeslowskij, der wolgemut -> wohlgemut

S. 205: nur aus Prinzip nicht? -> nicht?«

S. 208: ihm mit schnellen, leichten -> schnellem, leichtem

S. 211: nicht erfahren, wo sie sind. -> sind.«

S. 211: stell', mein Laska, stell'! -> stell, mein Laska, stell!

S. 213: Maria Wlasjewna -> Marja

S. 225: sehr recht die Lewin hatte -> hatten

S. 227: an der Krippe -> in der Krippe

S. 228: mich ereifernd, schaltend -> scheltend

S. 230: Sensendängelns -> Sensendengelns

S. 237: in nichts verändert worden, -> worden.

S. 241: Die Ani? -> Any

S. 242: yes, mylady! -> »yes

S. 244: Il est très-gentil -> très gentil

S. 245: au breakfeast -> breakfast

S. 245: Lown tennis -> Lawn tennis

S. 255: Gerade als ob sie -> »Gerade

S. 259: die Plinte -> Plinthe

S. 269: Ich sehe nur -> »Ich

S. 275: wenn er zurückkehren -> wann er zurückkehren

S. 281: wie im kleinen Sale -> Saale

S. 287: welches ihr liebes Enkelchen -> welche

S. 289: neben ihm saß -> der neben ihm saß

S. 293: sagte Swijashskiy -> Swijashskiy.

S. 304: Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara -> Barbara,

S. 310: in einer Weise, das -> daß

S. 313: doch nicht darüber, das -> daß

S. 314: frug Lewin.« -> Lewin.

S. 315: und für den Wagen Katarina -> Katharina

S. 320: nach dem Metroff -> nachdem

S. 321: Verse des Dichters Mcnt -> Ment

S. 324: mit den Knaben -> »mit

S. 329: plötzlichen Tode der Arpaksin -> Apraksina

S. 331: verursachte, die Galoschen -> Kaloschen

S. 336: etwas Witziges zu sagen.« -> sagen.

S. 338: Solltet Ihr? -> Ihr!

S. 338: Lewin spielst du?« -> du?

S. 345: Graf Aleksey Kyrillowitsch -> Kyrillowitsch«

S. 349: warum sie ihn gebeten -> worum

S. 350: waren endgiltig entschieden -> endgültig

S. 364: Arzt, welche eine -> welcher

S. 366: Antlitz Kitys mit den -> dem

S. 371: sagte Lisebetha Petrowna -> Lisabetha

S. 372: welche er nun eine Attake -> Attacke

S. 373: las Aleksey Alesandrowitsch -> Aleksandrowitsch

S. 375: Die moskauer -> Moskauer

S. 382: das sind die Passagiere; -> Passagiere.

S. 382: voll Wemut -> Wehmut

S. 382: schlug, purporrot werdend -> purpurrot

S. 387: zu der Gräfin Lydia Iwanowna. -> Iwanowna.«

S. 388: zu ihrem Sohne gemacht hat. -> hat.«

S. 389: hat er die Stimme gehört, -> gehört,«

S. 390: warum es sich handelte -> worum

S. 402: Aber wenn -> wann

S. 402: Wenn wir reisen -> Wann

S. 404: ohne seine finstere -> finster

S. 404: daß er schlimmer -> »daß

S. 405: ich nicht gestorben? -> gestorben?«

S. 405: sie mußte sterben«. -> sterben.«

S. 406: auf welcher -> welchen

S. 406: gerade sein Beafsteak -> Beefsteak

S. 407: versprach er einen entgültigen -> endgültigen

S. 407: dachte sie dabe -> dabei

S. 410: Wenn reist Ihr -> Wann

S. 415: in lilafarbigen Hut -> im

S. 418: frisiert, aber wenn -> wann

S. 418: nicht erinnern, wenn -> wann

S. 418: Wie konnte er nur -> »Wie

S. 426: Das ist Gerechtigkeit! -> Gerechtigkeit!«

S. 427: auf der Strecke Nishnegorod -> Nishegorod

S. 428: mit selbst -> mit sich selbst

S. 429: aber nun unaufenthaltsam -> unaufhaltsam

S. 430: Stationsgebäude der Nishnegoroder -> Nishegoroder

S. 432: anders, als solche klägliche -> kläglichen

S. 439: folgte ein tötliches -> tödliches

S. 440: Speechs -> Speeches

S. 447: gegen wenn -> wen

S. 447: als vorzügliche Bursche -> Burschen

S. 449: unter dem Eisenbahnzug -> den

S. 455: Man muß es hübsch -> »Man

S. 455: Es weiß es ja -> Er

S. 460: solchen neuen zu vertauscht -> solchen neuen vertauscht

S. 465: aufzugeben, ebenso -> ebensowenig

S. 470: 13. -> 12.

S. 471: daß es ihn ganz -> ihm

S. 473: fordert, das man alle -> daß

S. 476: Was ist der Erlöser?« -> Erlöser?

S. 476: sich schauend -> scheuend

S. 477: Wagen mit den -> dem

S. 483: darüber gegeben hat. -> hat.«

S. 483: warum es sich handelt -> worum

S. 495: unter dem Köpfchen -> Köpfchen,

S. 496: so wohlkannten Sternendreieck -> wohlbekannten

Anna Karenina, 2. Band · 第 12 / 13 题