Die Sobranje eröffnete der Gouverneur selbst, der den Edelleuten eine

Rede hielt, daß sie die Amtspersonen nicht nach dem Ansehen der Person,

sondern nach ihren Verdiensten und zum Wohle des Vaterlandes wählen

möchten, und daß er hoffe, der hohe Kaschinskische Adel werde, wie bei

den früheren Wahlen, seine Pflicht pietätvoll erfüllen, und das hohe

Vertrauen des Monarchen rechtfertigen.

Nachdem der Gouverneur diese Rede geendet hatte, verließ er den Saal,

und die Adligen folgten ihm geräuschvoll und lebhaft, einige sogar voll

Enthusiasmus, und umgaben ihn, während er sich den Pelz anlegte und

mit dem Gouvernementsvorsteher freundschaftlich sprach. Lewin, welcher

alles erfahren und nichts unbeachtet lassen wollte, stand mit im Haufen

und hörte, wie der Gouverneur sagte: »teilt Marja Iwanowna gefälligst

mit, mein Weib bedaure sehr, daß sie ins Kloster geht.« Nach ihm

suchten sich die Adligen heiter ihre Pelze und begaben sich sämtlich in

den Gottesdienst.

In der Kathedrale schwor Lewin, zusammen mit den übrigen die Hand

erhebend, und die Worte des Protopopen wiederholend, mit den ernstesten

Eiden, alles zu erfüllen, was der Gouverneur von ihnen erhoffe.

Der Gottesdienst übte auf Lewin stets einen Einfluß, und als die Worte

gesprochen wurden: »Ich küsse das Kreuz« und er auf die Schar dieser

jungen und alten Männer blickte, welche alle das Gleiche wiederholten,

fühlte er sich bewegt.

Am zweiten und dritten Tag wurden die Angelegenheiten der Adelsgelder

und des Mädchengymnasiums erörtert, die, wie Sergey Iwanowitsch erklärt

hatte, keine Wichtigkeit besaßen, und Lewin, von seinen Geschäftsgängen

in Anspruch genommen, verfolgte dieselben nicht.

Am vierten Tage erfolgte am Gouverneurstisch die Prüfung der

Gouvernementsgelder, und hier gab es zum erstenmale einen Zusammenstoß

der neuen Partei mit der alten. Die Kommission, welcher die Prüfung

dieser Summe anvertraut war, legte der Sobranje dar, daß die Gelder

sämtlich unversehrt seien. Der Gouvernementsvorsteher erhob sich,

dankte dem Adel für sein Vertrauen und zerdrückte eine Thräne. Die

Adligen begrüßten ihn laut und drückten ihm die Hand. Aber zur selben

Zeit sagte ein Adliger aus der Partei Sergey Iwanowitschs, er habe

gehört, daß die Kommission die Gelder gar nicht geprüft habe, indem

sie die Revision als eine Kränkung des Gouverneurs betrachte. Eines

der Kommissionsmitglieder bestätigte dies auch unvorsichtigerweise.

Da begann ein ziemlich kleiner, sehr jung aussehender, aber sehr

scharfzüngiger Herr zu sprechen, daß es dem Gouvernementsvorsteher

wahrscheinlich angenehm sein würde, Rechenschaft über die Summen

ablegen zu können, und daß nur das überflüssige Taktgefühl der

Kommissionsmitglieder ihn dieser moralischen Genugthuung beraubt habe.

Die Kommissionsmitglieder sagten sich hierauf von ihrer Erklärung

los und Sergey Iwanowitsch begann ihnen logisch zu beweisen, daß sie

entweder anerkennen müßten, die Gelder seien von ihnen für richtig

befunden worden, oder nicht, und nahm dieses Dilemma gründlich durch.

Sergey Iwanowitsch beantwortete hierauf ein Sprecher der gegnerischen

Partei. Dann sprach Swijashskiy und darauf wieder der bissige Herr. Die

Debatten zogen sich in die Länge und verliefen ohne Resultat. Lewin war

erstaunt, daß man hierüber so lange streiten konnte, namentlich aber

darüber, daß Sergey Iwanowitsch, als er ihn frug, ob er vermute, daß

die Gelder verloren seien, antwortete:

»O nein! Er ist ein ehrenhafter Mann, aber jene alte Sitte der

vaterländischen, familiären Verwaltung der Adelsgeschäfte mußte

erschüttert werden.«

Am fünften Tage waren die Wahlen der Kreisvorsteher. Dieser Tag war

ziemlich stürmisch bei mehreren Kreisen. Im Kreise Sjelesnewo wurde

Swijashskiy einstimmig ohne Ballotage gewählt und bei ihm fand an

diesem Tage ein Essen statt.

27.

Am sechsten Tage waren die Gouvernementswahlen. Die großen und kleinen

Säle waren gefüllt von den Adligen in ihren verschiedenen Uniformen.

Viele kamen nur für diesen Tag. Bekannte, die sich lange nicht

gesehen hatten, der eine aus der Krim, der andere aus Petersburg,

ein dritter vom Auslande kommend, begegneten sich in den Sälen. Am

Gouverneurstisch, unter dem Bild des Zaren, fanden die Wahlkämpfe statt.

Die Adligen, im großen, wie im kleinen Saale, gruppierten sich in Lager

und an der Feindseligkeit und dem Mißtrauen der Blicke, an dem bei der

Annäherung fremder Personen verstummenden Gespräch, daran, daß mehrere

flüsternd selbst in den abgelegenen Korridor gingen, war ersichtlich,

daß eine jede Partei Geheimnisse vor der anderen hatte.

Dem äußeren Anschein nach hatten sich die Adligen scharf in zwei

Parteien geteilt, in die Alten und die Jungen. Die Alten waren

größtenteils in adligen altertümlichen, zugeknöpften Uniformen, mit

Degen und Hut, oder in ihren eigenen Kavallerie-, Infanterie- oder

Amtsuniformen. Die Uniformen der Alten waren in altertümlicher Weise

gestickt, mit Epaulettes auf den Schultern; sie erschienen klein, kurz

in den Taillen und so knapp, als hätten ihre Träger sie verwachsen.

Die Jungen hingegen waren in Adelsuniformen mit niedrigen Taillen und

breiten Schultern, mit weißen Westen, oder in Uniformen mit schwarzen

Kragen und Lorbeer, der Stickerei des Justizministeriums. Zu den Jungen

gehörten auch die Hofuniformen, die hier und da die Menge zierten.

Aber die Teilung in Junge und Alte fiel nicht mit der Teilung in die

Parteien zusammen; einige der Jungen gehörten nach den Beobachtungen

Lewins zur Partei der Alten, und im Gegensatz hierzu zischelten einige

sehr alte Edelleute mit Swijashskiy, und waren augenscheinlich eifrige

Anhänger der neuen Richtung.

Lewin stand in dem kleinen Saale, in welchem man rauchte und aß, neben

einer Gruppe der Seinen, und lauschte auf das, was man sprach, indem

er seine Geisteskräfte geflissentlich anstrengte um zu verstehen,

was gesprochen wurde. Sergey Iwanowitsch bildete den Mittelpunkt, um

welchen sich die Übrigen gesellten. Er hörte jetzt Swijashskiy und

Chljustoff an, den Vorsteher eines anderen Kreises, der zu ihrer Partei

gehörte.

Chljustoff stimmte mit seinem Kreis nicht dafür, Sjnetkoff um Ballotage

zu bitten, und Swijashskiy überredete ihn nun, es doch zu thun, während

Sergey Iwanowitsch diesen Plan guthieß. Lewin begriff nicht, weshalb

man die gegnerische Partei um Ballotage gerade bezüglich desjenigen

Vorstehers bitten wollte, den man ausballotieren wollte.

Stefan Arkadjewitsch, der soeben gegessen und getrunken hatte, trat,

sich den Mund mit dem duftenden, eingefaßten Battisttaschentuch

wischend, in seiner Kammerherrenuniform zu ihnen.

»Wir nehmen die Position,« sagte er, sich die Hälften seines

Backenbartes streichend, »Sergey Iwanowitsch!« Und aufmerksam dem

Gespräch Gehör schenkend, unterstützte er die Meinung Swijashskiys.

»Es ist genug mit einem Kreis, aber Swijashskiy ist augenscheinlich

schon Opposition,« sagte er, mit Worten, die allen, nur nicht Lewin,

verständlich waren. »Wie, Konstantin; es scheint, auch du kommst

hinter den Geschmack?« fügte er hinzu, sich an Lewin wendend und faßte

diesen unter dem Arme. Lewin wäre recht froh gewesen, hinter den

Geschmack gekommen zu sein, aber er konnte nicht verstehen, worum es

sich handle, und drückte, einige Schritte von den Redenden wegtretend,

Stefan Arkadjewitsch seine Unkenntnis darin aus, weshalb man den

Gouvernementsvorsteher bitten wollte.

»=O sancta simplicitas=,« sagte Stefan Arkadjewitsch und erklärte Lewin

kurz und klar, um was es sich handle.

»Wenn alle Kreise, wie in den früheren Wahlen, den

Gouvernementsvorsteher bitten würden, so wählte man ihn mit allen

weißen Kugeln. Jetzt ist man in acht Kreisen einverstanden, ihn darum

zu ersuchen; wenn nun zwei es verweigern, mit darum anzuhalten, so kann

Sjnetkoff die Ballotage verweigern, und dann wird die Partei der Alten

einen anderen von den Ihrigen wählen, sodaß unser ganzer Plan verloren

ist. Wenn aber nur der eine Kreis Swijashskiys nicht mit bittet, so

wird Sjnetkoff ballotieren. Man wird ihn dann selbst wählen und ihm

absichtlich das Amt wieder übertragen, sodaß sich die gegnerische

Partei verrechnet, und wenn sie einen Kandidaten von den Unseren

aufstellen, diesem das Amt überträgt.«

Lewin verstand, aber nicht vollständig, und wollte soeben noch einige

Fragen stellen, als plötzlich alle durcheinander zu sprechen begannen,

lärmten und sich nach dem großen Saale in Bewegung setzten.

»Was ist das? Wie? Wen wird man wählen? Vertrauen? Zu wem? Was ist?

Verwirft man? Es giebt kein Vertrauen! Man läßt Phleroff nicht zu. Was;

unter Anklage! So läßt man niemand zu! Das ist niedrig! Das Gesetz!«

hörte Lewin von verschiedenen Seiten rufen, und begab sich zusammen

mit der Menge, die sich drängte, und zu fürchten schien, daß sie etwas

versäumte, in den großen Saal. Er näherte sich in dem Gedränge der

Adligen dem Gouverneurstisch, an welchem der Gouvernementsvorsteher,

Swijashskiy und andere Wortführer eifrig miteinander debattierten.

28.

Lewin stand ziemlich entfernt. Ein schwer und heiser atmend neben ihm

stehender Adliger und ein zweiter mit knarrenden, dicken Stiefelsohlen,

störten ihn, deutlich zu hören. Aus der Ferne vernahm er nur die

weiche Stimme des Gouvernementsvorstehers, darauf das pfeifende Organ

des scharfzüngigen Adligen und dann die Stimme Swijashskiys. Sie

stritten, soviel er zu verstehen imstande war, über die Bedeutung

eines Paragraphen des Gesetzes und den Sinn der Worte, »wer sich unter

gerichtlicher Untersuchung befindet«.

Der Haufe teilte sich, um dem zum Tisch herantretenden Sergey

Iwanowitsch Raum zu geben. Sergey Iwanowitsch sagte, nachdem er die

Beendigung der Rede des scharfzüngigen Adligen abgewartet hatte, ihm

scheine, daß es am richtigsten sei, sich nach dem Paragraphen des

Gesetzes zu richten und bat den Sekretär, den Paragraphen aufzusuchen.

In demselben war gesagt, daß man im Falle der Meinungsverschiedenheit

zu ballotieren habe.

Sergey Iwanowitsch verlas den Paragraphen, und begann den Sinn

desselben zu erörtern, aber da unterbrach ihn ein großer, dicker und

krummer Gutsherr mit roten Ohren, in enger Uniform mit im Nacken hinten

hochstehendem Kragen. Er trat an den Tisch und rief laut, mit einem

Finger darauf schlagend:

»Ballotieren! Zu den Kugeln greifen! Weg da mit dem Geschwätz! Zu den

Kugeln!«

Mehrere Stimmen erhoben sich jetzt plötzlich zusammen, und der große

Adlige mit seinem Finger, mehr und mehr in Zorn geratend, schrie

lauter und lauter. Es ließ sich jedoch nicht unterscheiden, was er

sagte. Er sagte das Nämliche, was Sergey Iwanowitsch vorschlug,

aber offenbar haßte er diesen und dessen ganze Partei, und dieses

Gefühl des Hasses teilte sich nun der ganzen Partei mit und rief den

Widerstand einer gleichen, wenn auch gemäßigteren Erbitterung auf der

anderen Seite hervor. Rufe erschallten und eine Minute lang wogte

alles durcheinander, sodaß der Gouvernementsvorsteher genötigt war, um

Ordnung zu bitten.

»Ballotieren! Ballotieren! Wer ein Edelmann ist, der sieht das ein!

Wir vergießen unser Blut! Das Vertrauen des Monarchen! Nicht den

Gouvernementsvorsteher achten; er ist kein Amtmann! Darum handelt es

sich nicht! Bitte, zu den Kugeln! Es ist eine Schande!« vernahm man

zornige, sinnlose Schreie von allen Seiten.

Die Blicke und Gesichter wurden immer zorniger und die Reden immer

ungebärdiger. Sie drückten einen unversöhnlichen Haß aus. Lewin begriff

nicht im geringsten, worum es sich handle, und war erstaunt über die

Leidenschaftlichkeit, mit welcher die Frage, ob man über Phleroff

ballotieren solle oder nicht, behandelt wurde. Er hatte, wie ihm

später Sergey Iwanowitsch erklärte, jenen Syllogismus vergessen, daß

im Interesse des allgemeinen Wohls der Gouvernementsvorsteher entfernt

werden müsse; zu der Entfernung desselben aber war eine Majorität der

Kugeln erforderlich; zur Erlangung dieser Majorität weiterhin mußte man

Phleroff Stimmrecht erteilen, und zur Anerkennung Phleroffs als eines

Stimmberechtigten mußte man erklären, wie der Paragraph des Gesetzes

aufzufassen sei.

»Also eine Stimme kann die ganze Angelegenheit entscheiden, und man muß

daher ernst und konsequent sein, wenn man der gemeinsamen Sache dienen

will,« schloß Sergey Iwanowitsch.

Lewin hatte dies jedoch vergessen, und es wurde ihm schwer ums Herz,

diese von ihm geachteten braven Männer in einer so unangenehmen

schlimmen Erregung sehen zu müssen.

Um sich von diesem beklemmenden Gefühl frei zu machen, ging er, ohne

das Ende des Streites abzuwarten, in den Saal, in welchem sich niemand

befand, als einige Lakaien beim Buffet. Als er die mit dem Abwischen

von Geschirr, dann Aufstellen von Tellern und Gläsern beschäftigten

Diener, ihre ruhigen, aber lebhaften Gesichter sah, empfand Lewin ein

unerwartetes Gefühl der Erleichterung, als sei er aus einem Zimmer

voll widrigen Geruchs in die reine Luft hinausgetreten. Er begann

auf und abzuschreiten, mit Befriedigung auf die Diener blickend. Es

gefiel ihm sehr, als einer derselben, ein Mann mit grauem Backenbart,

den jüngeren, die diesen zum besten hatten, voll Geringschätzung

lehrte, wie man Servietten falten müsse. Lewin hatte sich gerade mit

dem alten Diener in ein Gespräch eingelassen, als der Sekretär der

Adelsvormundschaft, ein alter Herr, der die spezielle Eigenschaft

besaß, alle Adligen des Gouvernements dem Namen und der Herkunft nach

zu kennen, ihn davon abzog.

»Bitte gefälligst, Konstantin Dmitritsch,« sagte er zu ihm, »Euer

Bruder sucht Euch. Es wird ballotiert.«

Lewin trat in den Saal, erhielt eine weiße Kugel und begab sich hinter

seinem Bruder Sergey Iwanowitsch zum Tische, an welchem mit wichtiger,

ironischer Miene Swijashskiy stand, der seinen Bart in die volle Hand

genommen hatte und daran roch.

Sergey Iwanowitsch steckte die Hand in den Kasten, legte seine Kugel

hinein und blieb, Lewin Platz machend, am Orte stehen. Lewin trat

heran, wandte sich aber, da er vollständig vergessen hatte, um was es

sich handle und in Verlegenheit geraten war, an Sergey Iwanowitsch mit

der Frage, wohin er die Kugel legen solle? Er frug leise, während man

in seiner Nähe sprach, sodaß er hoffen konnte, es habe niemand seine

Frage vernommen. Aber die Sprechenden verstummten und seine unziemliche

Frage wurde gehört. Sergey Iwanowitsch runzelte die Stirn.

»Das ist Sache der Überzeugung für einen jeden,« sagte er gemessen.

Einige lächelten. Lewin errötete, streckte hastig die Hand unter das

Tuch und legte die Kugel nach rechts, da sie sich gerade in seiner

rechten Hand befand. Nachdem er dies gethan hatte, besann er sich, daß

er auch die linke Hand hineinstecken müsse und steckte sie hinein, doch

schon zu spät, und zog sich dann, noch mehr in Verlegenheit geraten,

schnell in die hintersten Reihen zurück.

»Einhundertsechsundzwanzig dafür! Achtundneunzig dagegen!« klang die

Stimme des Sekretärs, welcher den Buchstaben r nicht aussprechen

konnte. Gelächter erschallte: ein Knopf und zwei Nüsse waren in dem

Kasten gefunden worden. Der Adlige war zugelassen und die Jungpartei

hatte gesiegt. Aber die Partei der Alten hielt sich noch nicht für

besiegt. Lewin vernahm, daß man Sjnetkoff bat, zu ballotieren, und

gewahrte, daß ein Trupp der Edelleute den Gouvernementsvorsteher

umringte, welcher sprach. Lewin trat näher. Sjnetkoff sprach, indem er

den Edelleuten antwortete, vom Vertrauen des Adels, von dessen Liebe zu

ihm, deren er nicht würdig sei, da sein ganzes Verdienst nur in seiner

Ergebenheit für den Adel bestehe, dem er zwölf Jahre des Dienstes

geweiht hätte. Mehrmals wiederholte er die Worte »ich habe gedient,

soviel es meine Kräfte gestatteten, im Glauben und in der Wahrheit; ich

schätze euch hoch und danke euch!« und plötzlich hielt er, von Rührung

überwältigt, inne und verließ den Saal.

Mochten nun diese Thränen von dem Gefühl einer Ungerechtigkeit gegen

ihn, von der Liebe zum Adel, oder von der Gespanntheit der Situation

herrühren, in welcher er sich befand, indem er sich von Gegnern umgeben

fühlte -- genug, die Erregung teilte sich weiter mit, die Majorität des

Adels war gerührt und auch Lewin empfand ein Gefühl von Zärtlichkeit

für Sjnetkoff.

In der Thür stieß der Gouvernementsvorsteher mit Lewin zusammen.

»Entschuldigt, bitte, entschuldigt,« sagte er wie zu einem Unbekannten,

lächelte aber, als er Lewin erkannt, und diesem schien es, als ob er

etwas hätte sagen wollen, aber vor Erregung nicht sprechen könne.

Der Ausdruck seines Gesichts und seiner ganzen Gestalt in der Uniform,

mit den Ordenskreuzen und den weißen galonnierten Beinkleidern,

erinnerte Lewin, als er so hastig dahinschritt, an ein gemästetes

Schlachtvieh, welches sieht, daß es mit seiner Sache übel bestellt ist.

Der Gesichtsausdruck des Mannes hatte etwas eigentümlich Rührendes für

Lewin, welcher erst am Tage vorher in Vormundschaftsangelegenheiten

in seinem Hause gewesen war und ihn in der ganzen Größe eines guten

und geselligen Menschen kennen gelernt hatte. Das große Haus mit den

altertümlichen Familienmeubles; keine geschniegelten oder unsauberen,

sondern ehrerbietige alte Diener, offenbar noch aus der Zeit der

ehemaligen Leibeigenschaft stammend, die ihren Herrn nicht geändert

hatten; eine wohlbeleibte, gutmütige Hausfrau im Häubchen mit Spitzen

und einem türkischen Spitzenshawl, welche ihr liebes Enkelchen, die

Tochter ihrer Tochter liebkoste; ein jugendlicher Sohn, Gymnasiast

der sechsten Klasse, welcher von der Schule gekommen war und den

Vater begrüßte, indem er ihm die große Hand küßte; die ermahnenden,

freundlichen Reden und Gebärden des Hausherrn; alles dies hatte

in Lewin gestern unwillkürlich Hochachtung und Sympathie erweckt.

Jetzt erschien ihm dieser alte Herr rührend und beklagenswert und er

wünschte, ihm einige angenehme Worte zu sagen.

»Ihr werdet vielleicht wieder unser Vorsteher werden,« sprach er.

»Kaum,« versetzte jener, erschreckt aufblickend, »ich bin abgespannt,

schon alt; es giebt würdigere und jüngere als ich, mögen die nun

dienen,« und der Vorsteher verschwand durch eine Seitenthür.

Es trat nun der feierlichste Augenblick ein; man mußte zur Wahl

schreiten. Die Wortführer der einen und der anderen Partei zählten an

den Fingern die weißen und die schwarzen Kugeln nach.

Die Debatten wegen Phleroff hatten der Jungpartei nicht nur die eine

Kugel Phleroffs mehr verschafft, sondern auch einen Gewinn an Zeit

herbeigeführt, sodaß noch drei Adlige herbeigeholt werden konnten,

welchen es durch Intriguen der Alten unmöglich gemacht worden war, an

den Wahlen teilzunehmen. Zwei der Adligen, die eine Schwäche für den

Wein besaßen, hatte man durch Kumpane Sjnetkoffs trunken gemacht, dem

dritten die Uniform entwendet.

Als die Jungpartei dies erfahren hatte, sandte sie sogleich, während

der Debatten über Phleroff, in einer Mietkutsche Freunde fort, um den

Einen uniformieren zu lassen, und Einen der beiden Berauschten zur

Sobranje zu bringen.

»Den Einen habe ich gebracht, ich habe ihn mit Wasser begossen,« sagte

der nach ihm gesandte Gutsherr, zu Swijashskiy tretend, »doch es ist

nicht gefährlich, er taugt schon noch dazu.«

»Ist also nicht zu sehr berauscht, daß er nicht etwa umfällt?« sagte

Swijashskiy kopfschüttelnd.

»Nein; er ist ganz munter; doch hatten sie ihn bald völlig

niedergetrunken. Ich habe dem Buffetier gesagt, er soll ihm auf keinen

Fall Wein geben.«

29.

Der enge Saal, in welchem man rauchte und aß, war gefüllt von den

Edelleuten. Die Aufregung stieg stetig, und auf allen Gesichtern war

die Unruhe bemerkbar. Namentlich waren die Wortführer in Aufregung,

da sie alle Einzelverhältnisse und die Berechnung aller Kugeln

kannten. Sie waren die Ordner der bevorstehenden Schlacht. Die Übrigen

suchten, wie die Krieger vor dem Kampfe, obwohl sie sich zu diesem

vorbereiteten, noch Zerstreuungen. Die Einen nahmen am Tische stehend

oder sitzend einen Imbiß; die Anderen gingen Cigaretten rauchend, in

dem langen Zimmer auf und nieder, und unterhielten sich mit lange nicht

gesehenen Freunden.

Lewin verspürte keine Eßlust, er rauchte nicht; zu den Seinigen, mit

Sergey Iwanowitsch, Stefan Arkadjewitsch, Swijashskiy und anderen

gehen, wollte er nicht, da bei ihnen in lebhaftem Gespräch Wronskiy in

Stallmeisteruniform stand. Schon gestern hatte ihn Lewin bei den Wahlen

erblickt, und geflissentlich vermieden, da er nicht wünschte ihm zu

begegnen. Er trat ans Fenster und setzte sich nieder, auf die Gruppen

blickend, und auf das horchend, was um ihn herum gesprochen wurde.

Es bedrückte ihn namentlich, daß alle, wie er sah, aufgeregt, besorgt

und geschäftig waren, und nur er allein nebst einem alten, zahnlosen

Greis in Marineuniform, der neben ihm saß, ohne Interesse und ohne

Beschäftigung war.

»Das ist ein Betrug! Ich habe ihm gesagt, daß es nicht so ist. Gewiß.

Er konnte auf drei Jahre nicht wählen,« sprach energisch ein etwas

verwachsener Gutsherr von kleiner Gestalt mit pomadisierten Haaren, die

auf dem gestickten Kragen seiner Uniform lagen, stark mit den Absätzen

seiner offenbar für die Wahlen neugefertigten Stiefeln aufstampfend,

und wandte sich dann, einen mißvergnügten Blick auf Lewin werfend, kurz

ab.

»Ja, eine unsaubere Sache, was man auch sagen mag,« fuhr ein kleiner

Gutsherr mit dünner Stimme fort.

Hinter ihnen näherte sich Lewin eilig ein ganzer Trupp von Gutsherrn,

einen dicken General umringend. Die Herren suchten offenbar einen

Platz, wo sie so sprechen konnten, daß man sie nicht hörte.

»Wie kann er sich unterstehen, zu sagen, ich hätte ihm die Beinkleider

entwenden lassen! Er hat sie vertrunken, denke ich! Ich mache mir den

Teufel aus ihm und seinem Fürstenrang! Er soll es nicht wagen, das zu

äußern. Eine Schweinerei ist es!«

»Aber erlaubt doch! Die berufen sich auf den Gesetzparagraphen,« sprach

man in einer anderen Gruppe, »die Frau muß als Adlige eingetragen

werden!«

»Zum Teufel mit dem Paragraphen! Ich spreche wie es mir ums Herz ist!

Darauf stützen sich brave Edelleute. Man soll Vertrauen haben!«

»Wollen Ew. Excellenz mitkommen, =fine champagne=.«

Ein anderer Trupp ging zu einem laut schreienden Edelmann; es war dies

Einer der drei Berauschten.

»Ich habe der Marja Ssemionowna stets geraten zu verpachten, weil

sie ihren Vorteil nicht zu wahren versteht,« sagte ein graubärtiger

Gutsherr mit angenehmer Stimme, in der Oberstenuniform des alten

Generalstabs. Es war dies der nämliche Herr, welchem Lewin bei

Swijashskiy begegnet war. Lewin erkannte ihn sofort, auch der Gutsherr

schaute nach Lewin, und sie begrüßten sich.

»Sehr angenehm. Gewiß, ich erinnere mich noch recht wohl; wir sahen uns

im vergangenen Jahre bei Nikolay Iwanowitsch.«

»Nun, wie steht es mit Eurer Ökonomie?« frug Lewin.

»Man arbeitet stets mit Schaden,« antwortete der Gutsherr mit höflichem

Lächeln, aber mit einem Ausdruck von Ruhe und der Überzeugtheit,

daß es so sein müsse, neben Lewin stehen bleibend; »aber wie kommt

Ihr denn in unser Gouvernement?« frug er dann. »Ihr seid wohl

gekommen, um an unserem =coup d'état= teilzunehmen?« sagte er,

sicher, aber schlecht die französischen Worte aussprechend. »Ganz

Rußland ist zusammengekommen; auch die Kammerherren und beinahe

selbst die Minister.« Er wies auf die repräsentierende Gestalt Stefan

Arkadjewitschs in den weißen Pantalons und der Kammerherrenuniform,

welcher mit einem General ging.

»Ich muß Euch gestehen, daß ich die Bedeutung der Adelswahlen recht

wenig verstehe,« sprach Lewin.

Der Gutsherr schaute ihn an.

»Was giebt es denn da zu verstehen? Eine Bedeutung liegt darin gar

nicht. Es ist das eine hinfällige Institution, welche ihr Fortleben nur

dem Trägheitsgesetz verdankt. Seht doch hin; die Uniformen sagen Euch

das ja schon. Dies ist eine Sobranje von Friedensrichtern, dauernden

Mitgliedern und so fort, aber nicht von Edelleuten.«

»Aber weshalb seid Ihr denn gekommen?« frug Lewin.

»Aus Gewohnheit; das ist das Eine. Ferner, um die Verbindungen aufrecht

zu erhalten. Darin liegt eine moralische Verpflichtung in gewisser

Hinsicht. Dann aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, auch aus meinem

eigenen Interesse. Mein Schwager wünscht als Mitglied gewählt zu

werden; die Familie ist arm und man muß sie vorwärts bringen. Weshalb

sind wohl diese Herren gekommen?« sagte er, auf den bissigen Adligen

zeigend, welcher hinter dem Gouverneurstisch sprach.

»Das ist ein neues Adelsgeschlecht.«

»Neues hin, neues her; aber kein Adel! Das sind Landleute, während wir

Gutsherren sind. Sie legen als Adlige die Hand an sich selbst.«

»Aber Ihr sagt doch, es sei dies eine abgelebte Institution?«

»Abgelebt hin, abgelebt her; man müßte sich aber doch pietätvoller

zu ihr stellen. Wäre wenigstens Sjnetkoff -- -- mögen wir gut oder

schlecht sein, aber tausend Jahre sind wir doch alt geworden. Wißt

Ihr, es kann einmal vorkommen, daß man vor seinem Hause einen Garten

anlegt und placiert. Da steht Euch nun aber gerade auf dem Platze ein

hundertjähriger Baum. Mag er gleich knorrig und alt sein, für die

Blumenbouquets wird man ihn doch wohl nicht umhauen, sondern diese so

anlegen, daß sie den Baum umfangen;« sagte er vorsichtig, und änderte

darauf das Thema. »Wie geht es denn mit Eurer Ökonomie?« frug er.

»Auch nicht gut. Fünf Prozent wirft sie ab.«

»Da rechnet Ihr Euch aber noch nicht mit! Ihr seid doch auch etwas

wert! Ich kann auch von mir selbst so reden. Während der Zeit, in der

ich nicht Landwirtschaft trieb, habe ich im Dienst dreitausend Rubel

gehabt. Jetzt arbeite ich mehr, als im Dienst, und habe ebenso wie Ihr,

meine fünf Prozent, und damit ist es gut. Meine Arbeit ist dabei noch

umsonst.«

»Aber warum thut Ihr es denn, wenn Ihr nur Verlust habt?«

»Nun, man arbeitet eben. Was wollt Ihr sonst? aus Gewohnheit; und man

weiß, daß man so muß. Ich will Euch weiter sagen,« und der Gutsbesitzer

stemmte sich mit den Ellbogen auf das Fenster und fuhr fort, »mein

Sohn hat keine Lust zur Landwirtschaft; er wird offenbar einmal ein

Gelehrter. Niemand wird somit die Sache einmal fortführen, und doch

arbeitet man. Jetzt habe ich einen Garten angelegt.«

»Ja, ja,« sagte Lewin, »das ist völlig richtig. Ich fühle stets, daß in

meiner Ökonomie keine rechte Berechnung liegt, man arbeitet aber -- man

fühlt gleichsam eine Verpflichtung seinem Lande gegenüber.«

»Da will ich Euch noch etwas sagen,« fuhr der Gutsbesitzer fort. »Mein

Nachbar, ein Kaufmann, war bei mir. Wir gingen das Land ab, und den

Garten. >Nein,< sagte er da, >Stefan Wasiljewitsch, bei Euch ist alles

in Ordnung, aber der Garten ist vernachlässigt.< Dabei befindet er sich

aber in vollständiger Ordnung. >Nach meiner Ansicht, würde ich diese

Linden anhauen. Man muß nur bis auf den Saft schlagen. Es sind da ihrer

tausend Linden, und jede von ihnen giebt zwei gute Schaffe.<«

»Für den Erlös daraus müßte er Vieh kaufen oder Land und es den Bauern

pachtweise verteilen,« ergänzte Lewin, welcher offenbar schon mehr als

einmal mit ähnlichen Überschlägen zu thun gehabt hatte. »Und er wird

sich ein Vermögen begründen, während wir, Ihr und ich, wenn Gott es

giebt, nur das unsere zusammenhalten und den Kindern zu hinterlassen

streben müssen.«

»Ihr seid verheiratet, wie ich hörte?« sagte der Gutsbesitzer.

»Ja,« antwortete Lewin mit Stolz und Genugthuung. »Es ist aber etwas

Seltsames,« fuhr er fort, »wir leben zusammen gerade wie die alten

Vestalinnen, und hüten unser Herdfeuer.«

Der Gutsbesitzer lächelte unter seinem weißen Bart.

»So ist es auch bei uns, da hat sich unser Freund Nikolay Iwanitsch,

oder jetzt Graf Wronskiy seßhaft gemacht, die eine agronomische

Industrie einführen wollen; aber das hat nicht weiter, als bis zu

Kapitalverlust geführt.«

»Aber weshalb machen wir es nicht, wie die Kaufleute? Warum fällen

wir nicht die Bäume im Garten der Rinde halber?« sagte Lewin, auf den

Gedanken zurückgreifend, der ihn frappiert hatte.

»Nun, wie Ihr sagtet, man hütet sein Feuer. Dieses wäre ja auch nicht

ein adliges Verfahren. Unsere adlige Thätigkeit vollzieht sich nicht

hier, bei den Wahlen, sondern in unserem Winkel. Es giebt auch einen

Standesinstinkt bezüglich dessen, was man soll und was man nicht

soll. Bei den Bauern ist es ebenso; wenn ein Bauer gut ist, so sucht

er soviel Land zu pachten, als er kann. So schlecht dieses nun sein

mag, er pflügt es. Gleichfalls ohne Berechnung, und geradezu zu seinem

Schaden.«

»Wie wir« -- sagte Lewin. »Es ist nur außerordentlich angenehm, Euch zu

treffen,« fügte er hinzu, indem er Swijashskiy zu ihm herantreten sah.

»Ah, wir begegnen uns wohl zum erstenmal wieder, seit ich bei Euch

war,« begrüßte ihn der Gutsbesitzer, »wir haben uns auch verschworen.«

»Wie, schmäht Ihr neue Einrichtungen?« frug Swijashskiy lächelnd.

»Ein wenig.«

»Man hat uns den Mut benommen.«

30.

Swijashskiy nahm Lewin unter den Arm und ging mit ihm zu seinen

Freunden.

Jetzt konnte Lewin Wronskiy nicht mehr vermeiden, welcher bei Stefan

Arkadjewitsch und Sergey Iwanowitsch stand und offen dem herankommenden

Lewin entgegenblickte.

»Sehr erfreut. Mir scheint, als hätte ich einmal das Vergnügen gehabt,

Euch begegnet zu sein -- bei der Fürstin Schtscherbazkaja,« sagte er,

Lewin die Hand reichend.

»Ja; ich entsinne mich Eurer Begegnung recht wohl,« sagte Lewin,

purpurrot werdend, und wandte sich sogleich, um mit seinem Bruder zu

sprechen.

Mit feinem Lächeln unterhielt sich Wronskiy mit Swijashskiy weiter,

offenbar ohne den geringsten Wunsch, in ein Gespräch mit Lewin zu

geraten; dieser hingegen blickte, mit dem Bruder redend, unverwandt

Wronskiy an und überlegte, wovon er wohl mit demselben sprechen könnte,

um seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen.

»Was verhandelt man jetzt?« frug Lewin, Swijashskiy und Wronskiy

anblickend.

»Sjnetkoff. Er muß abschläglich antworten oder beistimmen,« antwortete

Swijashskiy.

»Nun, hat er denn beigestimmt oder nicht?«

»Darum handelt es sich ja eben; weder dies noch das ist der Fall,«

sagte Wronskiy.

»Und wenn er es verweigert, wer wird dann ballotieren?« frug Lewin,

Wronskiy anschauend.

»Wer da will,« sagte Swijashskiy.

»Werdet Ihr es thun?« frug Lewin.

»Nur ich nicht,« sagte Swijashskiy, in Verlegenheit geratend und einen

erschreckten Blick auf den neben ihm mit Sergey Iwanowitsch stehenden,

bissigen Herrn werfend.

»Nun wer denn; Njewjedowskiy?« frug Lewin, im Gefühl, daß er sich

verwickelte.

»Dies wäre aber noch schlimmer. Njewjedowskiy und Swijashskiy waren ja

die zwei Kandidaten.«

»Ich werde es in keinem Falle thun,« antwortete der sarkastische Herr.

Es war Njewjedowskiy selbst. Swijashskiy machte Lewin mit demselben

bekannt.

»Hat es auch deine Achillesferse getroffen?« sagte Stefan

Arkadjewitsch, Wronskiy zublinzelnd, »das ist etwas nach Art der

Wettrennen. Man kann da eine Wette machen.«

»Ja; das berührt Einen bei der schwachen Seite,« sagte Wronskiy. »Und

hat man sich einmal mit der Sache abgegeben, so will man sie auch

ausführen. Es ist ein Kampf!« sagte er, stirnrunzelnd und die starken

Kinnbacken zusammenbeißend.

»Was für ein Kenner der Swijashskiy ist. Wie klar bei ihm alles ist!«

»Ach ja,« versetzte Wronskiy zerstreut.

Ein Stillschweigen trat ein, während dessen Wronskiy so wie man eben

auf etwas Zufälliges blickt, auf Lewin, auf dessen Füße, Uniform und

Gesicht, schaute. Nachdem er die finster auf sich gerichteten Augen

bemerkt hatte, äußerte er, um doch wenigstens etwas zu sagen:

»Wie kommt es denn -- Ihr seid doch ständiger Dorfbewohner, nicht

aber Friedensrichter? Ihr seid ja nicht in der Uniform eines

Friedensrichters?«

»Das kommt daher, daß ich glaube, das Friedensgericht repräsentiert

eine thörichte Institution,« antwortete Lewin finster, der schon längst

darauf gewartet hatte, mit Wronskiy ins Gespräch zu kommen, um seine

Taktlosigkeit bei Gelegenheit wieder auszugleichen.

»Ich glaube dies nicht; im Gegenteil,« sagte Wronskiy ruhig, aber mit

Verwunderung.

»Es ist doch nur eine Spielerei,« unterbrach ihn Lewin. »Die

Friedensrichter sind uns nicht notwendig. Ich habe innerhalb acht

Jahren nicht eine einzige Klage gehabt, und was ich gehabt habe, das

wurde durch Ersatzleistung ausgeglichen. Der Friedensrichter wohnt in

einer Entfernung von vierzig Werst von mir. In einer Sache, in welcher

es sich um zwei Rubel handelt, muß ich dann einen Vertrauensmann,

welcher mich fünfzehn kostet, schicken.«

Er erzählte nun, wie ein Bauer einem Müller Mehl gestohlen habe,

und der Bauer, als der Müller es ihm mitgeteilt, gegen diesen

Verleumdungsklage eingereicht hätte. Alles das paßte nicht hierher und

war dumm; und Lewin fühlte dies auch, während er sprach.

»O, über dieses Original!« sagte Stefan Arkadjewitsch mit seinem

mandelsüßesten Lächeln, »indessen gehen wir; man scheint zu

ballotieren.«

Sie gingen auseinander.

»Ich begreife nicht,« sagte Sergey Iwanowitsch, den ungeschickten

Gang seines Bruders bemerkend, zu diesem, »ich begreife nicht, wie

es möglich ist, bis zu solchem Grade jeglichen politischen Taktes

bar zu sein. Das ist es eben, was wir Russen nicht haben. Der

Gouvernementsvorsteher ist unser Gegner, und du bist mit ihm =ami

cochon= und bittest ihn, zu ballotieren. Graf Wronskiy -- ich mache

ihn mir ja auch nicht zum Freunde -- hat mich zum Essen eingeladen.

Ich werde nicht zu ihm fahren, aber er ist auf unserer Seite, weshalb

soll ich uns deshalb einen Feind aus ihm machen? Dann frägst du

Njewjedowskiy, ob er ballotieren würde. Das geht doch nicht an.«

»Ach, ich verstehe nichts davon! Alles das ist doch fades Zeug,«

antwortete Lewin mürrisch.

»Du sagst da, daß dies alles fades Zeug sei, befassest du dich aber

damit, so verwickelst du dich dennoch.«

Lewin blieb stumm und sie betraten zusammen den großen Saal.

Der Gouvernementsvorsteher hatte sich, obwohl er den ihm bereiteten

Verrat in der Luft liegen fühlte, und nicht alle ihn darum gebeten

hatten, gleichwohl entschlossen, zu ballotieren. Im Saal wurde alles

still, der Sekretär verkündete mit lauter Stimme, daß Rittmeister der

Garde, Michail Ljepanowitsch Snjetkoff zum Gouvernementsvorsteher

gewählt werden solle.

Die Kreisvorsteher kamen mit Tellern, auf welchen die Kugeln lagen, von

ihren Tischen zu dem Gouvernementstisch, und die Wahlen begannen.

»Wirf rechts,« flüsterte Stefan Arkadjewitsch Lewin zu, als er zusammen

mit dessen Bruder hinter dem Vorsteher zu dem Tische schritt.

Lewin hatte indessen jetzt jenes Kalkul vergessen, das man ihm erklärt

hatte, und fürchtete, Stefan Arkadjewitsch möchte sich geirrt haben,

indem er sagte »rechts«. Sujetkoff war doch offenbar der Gegner. Als

er daher zum Kasten gekommen war, hielt er die Kugel in der Rechten,

überlegte sich jedoch, daß er irre, und nahm, dicht vor dem Kasten, die

Kugel in die linke Hand, um sie dann offenbar links zu legen.

Ein Kenner der Sache, welcher an dem Kasten stand, und an der bloßen

Bewegung des Ellbogens erkannte, wohin jeder warf, runzelte unwillig

die Stirn. Er hatte keine Lust, seinen Scharfsinn anzustrengen.

Alles war still geworden und man vernahm nur das Zählen der Kugeln.

Darauf rief eine einzelne Stimme die Zahl der Wähler und der

Nichtwählenden aus.

Der Vorsteher war mit beträchtlicher Majorität wieder gewählt worden.

Es erhob sich ein allgemeiner Lärm und man drängte nach der Thür.

Snjetkoff trat ein, und der Adel umringte ihn, unter Beglückwünschungen.

»Nun, jetzt ist es wohl zu Ende?« frug Lewin Sergey Iwanowitsch.

»Es fängt eben erst an,« versetzte für Sergey Iwanowitsch lächelnd

Swijashskiy; »der Kandidat des Vorstehers kann mehr Kugeln erhalten.«

Lewin hatte dies vollkommen vergessen. Er entsann sich erst jetzt, daß

hier eine gewisse Feinheit verborgen lag, doch wurde es ihm zuviel,

sich darauf besinnen zu sollen, worin sie bestand. Niedergeschlagenheit

überkam ihn und er sehnte sich darnach, von diesem Haufen wegzukommen.

Da ihn niemand beachtete, und er wie es schien, von niemand vermißt

wurde, begab er sich leise nach dem kleinen Saal, wo man speiste, und

fühlte große Erleichterung, als er die Diener wiederum erblickte. Der

alte Diener legte ihm die Speisenkarte vor, und Lewin willigte ein.

Nachdem er ein Kotelett mit Fasolen gegessen und sich mit dem Diener

über dessen frühere Herrschaft unterhalten hatte, begab sich Lewin,

der den Saal nicht wieder zu betreten wünschte, in welchem es ihm so

unangenehm war, auf die Tribünen.

Diese waren angefüllt von geputzten Damen, die sich über das Geländer

beugten, im Bemühen, nicht ein einziges Wort von dem zu verlieren, was

unten gesprochen wurde. Um die Damen herum saßen und standen elegante

Advokaten, Gymnasialschüler mit Augengläsern, und Offiziere. Überall

wurde von den Wahlen gesprochen, und davon, wie der Vorsteher erschöpft

sei, und wie vortrefflich die Debatten gegangen wären; in der einen

Gruppe vernahm Lewin das Lob seines Bruders. Eine Dame sagte zu einem

Advokaten:

»Wie freue ich mich, daß ich Koznyscheff gehört habe! Da ist es schon

der Mühe wert, ein wenig zu hungern. Es war reizend! Wie klar und

verständlich alles! Bei uns im Gericht spricht niemand so. Nur Maydel,

und selbst der ist noch bei weitem nicht so redegewandt.«

Als Lewin einen freien Platz an dem Geländer gefunden hatte, beugte er

sich darüber und begann Umschau zu halten und zu lauschen.

Alle Adligen saßen in Spalieren, in ihren Kreisabteilungen. In der

Mitte des Saales stand ein Mann in Uniform, welcher mit klingender

lauter Stimme rief:

»Es wird ballotiert für die Kandidaten des Gouvernementsvorstehers des

Adels, Stabrittmeisters Evgeniy Iwanowitsch Apuchtin!«

Totenstille trat ein, und man vernahm eine schwache Greisenstimme:

»Ich verzichte!«

»Es wird ballotiert der Hofrat Peter Petrowitsch Bolj,« begann wiederum

die Stimme.

»Ich verzichte!« ertönte eine jugendliche pfeifende Stimme.

Nochmals ertönte das Gleiche und wieder erschallte das »ich verzichte«;

und so ging es eine Stunde lang fort. Auf das Geländer gestemmt,

schaute und lauschte Lewin. Anfangs wunderte er sich und suchte zu

erfassen, was dies alles bedeute; dann aber, nachdem er sich überzeugt

hatte, er könne nichts verstehen, fing er an, sich zu langweilen. Als

er sich hierauf all die Aufregung und Erbitterung, die er auf den

Gesichtern aller wahrgenommen, vergegenwärtigte, wurde es ihm schwer

ums Herz; er beschloß abzureisen, und ging hinab.

Als er durch die Vorhalle der Tribünen schritt, begegnete er einem

auf- und niederschreitenden, bedrückt aussehenden Gymnasiasten mit

thränenschwimmenden Augen. Auf der Treppe begegnete ihm ein Paar. Eine

Dame, welche eilig auf den Absätzen lief, war es und der gewandte

Genosse des Prokurators.

»Ich habe Euch gesagt, daß Ihr nicht zu spät kommt,« sagte

der Prokurator, gerade, als Lewin zur Seite trat, um die Dame

vorüberzulassen.

Lewin war schon auf der Ausgangstreppe und zog soeben aus der

Westentasche die Nummer seines Pelzes hervor, als ihn der Sekretär

abfing.

»Gestattet, Konstantin Dmitritsch, man ballotiert!«

Zum Kandidaten war Njewjedowskiy, der sich so entschieden geweigert

hatte, gewählt worden.

Lewin schritt zur Saalthür; sie war verschlossen. Der Sekretär pochte,

die Thür öffnete sich und er befand sich zwei Gutsbesitzern mit

geröteten Gesichtern gegenüber.

»In meiner Macht liegt es nicht,« sagte der eine rotaussehende

Gutsbesitzer.

Hinter den beiden hob sich das Gesicht des Gouvernementsvorstehers

hervor. Dieses Gesicht erschien furchterweckend mit seinem Ausdruck von

Erschöpfung und Angst.

»Ich habe dir befohlen, niemand hinauszulassen!« schrie er den

Thürhüter an.

»Ich habe nur eingelassen, Ew. Excellenz!«

»Mein Gott!« schwer seufzend ging der Gouvernementsvorsteher, müde in

seinen weißen Pantalons, den Kopf gesenkt, dahinschreitend, durch die

Mitte des Saales nach dem großen Tische.

Man hatte das Amt Njewjedowskiy übertragen, wie es auch vorher geplant

worden war, und dieser war jetzt Gouvernementsvorsteher. Viele befanden

sich in heiterer Stimmung, viele waren zufrieden und glücklich, viele

entzückt, viele unzufrieden und unglücklich. Der Gouvernementsvorsteher

war in einer Verzweiflung, die er nicht verbergen konnte. Als

Njewjedowskiy den Saal verließ, umringte ihn die Menge, und folgte ihm

begeistert nach, so, wie sie am ersten Tage dem Gouvernementsvorsteher

gefolgt war, als derselbe die Wahlen eröffnet hatte, so, wie sie

Snjetkoff gefolgt war, als dieser gewählt wurde.

31.

Der neugewählte Gouvernementsvorsteher und viele aus der

triumphierenden Partei der Jungen, speisten an diesem Tage bei Wronskiy.

Wronskiy war einmal deshalb zu den Wahlen gekommen, weil es ihm auf

dem Dorfe langweilig geworden war, und er seine Rechte auf Freiheit

vor Anna geltend machen mußte, als auch zum Zwecke, Swijashskiy mit

seiner Unterstützung bei den Wahlen für alle Bemühungen um Wronskiy bei

den Semstwowahlen zu lohnen, und vor allem deshalb, streng alle jene

Pflichten der Stellung eines Adligen und Gutsherrn zu erfüllen, die er

sich auserwählt hatte.

Aber er hatte durchaus nicht erwartet, daß ihn diese Wahlen so sehr

interessieren, ihn so bei seinen Neigungen fassen würden, und daß er

der Sache so gewachsen sei. Er war in dem Kreise der Adligen eine

vollkommen neue Erscheinung, hatte aber offenbar Erfolg und irrte nicht

mit der Annahme, daß er bereits Einfluß unter denselben gewonnen habe.

Zur Erringung dieses Einflusses unterstützte ihn sein Reichtum, und

sein vornehmer Rang, ein schönes Besitztum in der Stadt, welches

ihm ein alter Bekannter, Schirkoff abgetreten hatte, der sich mit

Finanzgeschäften befaßte und eine blühende Bank in Kaschin besaß;

ferner sein ausgezeichneter Koch, der vom Dorfe mit hereingebracht

worden war, dann seine Freundschaft mit dem Gouverneur, der sein

Kamerad, und zwar ein protegierter Kamerad Wronskiys gewesen -- vor

allem aber sein einfaches, allen gegenüber sich gleich bleibendes

Wesen, welches sehr bald die Mehrzahl der Edelleute veranlaßte, ihr

Urteil über seinen vermeintlichen Stolz zu ändern.

Er fühlte selbst, daß, mit Ausnahme jenes sonderlichen Herrn, welcher

an die Kity Schtscherbazkaja verheiratet war, und der ihm, =à propos

de bottes=, mit wahnsinniger Wut einen Haufen ungereimter Dummheiten

nachsagte, jeder Edelmann, mit welchem er sich bekannt gemacht hatte,

sein Anhänger wurde.

Er erkannte klar, und auch andere sahen dies ein, daß er zu dem Erfolg

Njewjedowskiys sehr viel beigetragen habe, und jetzt, an seiner Tafel,

verspürte er bei der Feier der Wahl Njewjedowskiys, die angenehme

Empfindung eines Triumphes über den Gewählten.

Die Wahlen selbst hatten ihn derart gefesselt, daß er, falls er im Lauf

der nächsten drei Jahre verheiratet sein würde, selbst daran denken

wollte, ballotiert zu werden -- ganz so, wie man nach dem Gewinn einer

Prämie durch den Jockey Lust verspürt, selbst mit zu reiten.

Jetzt wurde der Triumph des Jockeys gefeiert. Wronskiy saß an der

Spitze der Tafel, ihm zur Rechten der junge Gouverneur, als General

=en suite=. Für jedermann war er der Herr des Gouvernements, der

die Wahlen feierlich eröffnet, der eine Rede hielt, Aufmerksamkeit,

Hochachtung und Dienstwilligkeit bei vielen erweckte, wie Wronskiy sah

-- für Wronskiy aber war er Masloff Katka »der Sündenbock« -- dies war

sein Spitzname im Pagencorps gewesen -- der vor ihm in Verlegenheit

geriet, und den Wronskiy sich bemühte, =mettre à son aise=. Diesem zur

Linken saß Njewjedowskiy mit seinem jugendlichen, unerschütterlich

sarkastischen Gesichte; Wronskiy behandelte ihn einfach und

achtungsvoll.

Swijashskiy ertrug seine Schlappe heiter. Es war ja nicht einmal

eine Schlappe für ihn, wie er selbst sagte, sich mit dem Pokal an

Njewjedowskiy wendend; ein besserer Führer jener neuen Richtung,

welcher der Adel folgen sollte, ließ sich nicht finden. Und so stand

denn, wie er sagte, die volle Rechtschaffenheit auf der Seite des

heutigen Erfolges und feierte denselben.

Stefan Arkadjewitsch war gleichfalls bei guter Laune darüber, daß er

die Zeit vergnügt verbrachte, und alle zufrieden waren. Swijashskiy

ahmte humoristisch die weinerliche Rede des Vorstehers nach und

bemerkte, sich an Njewjedowskiy wendend, daß Excellenz wohl eine

andere, weit verwickeltere Revisionsweise der Gelder werde wählen

müssen, als Thränen.

Ein anderer Spaßvogel unter den Edelleuten erzählte, wie zum

Gouverneurballe Lakaien in Kniestrümpfen verschrieben worden seien, und

man dieselben jetzt wieder fortschicken müsse, wenn nicht etwa der neue

Gouverneur den Ball mit den Lakaien in Kniestrümpfen geben sollte.

Ununterbrochen während des Essens sagte man, wenn man sich zu

Njewjedowskiy wandte, »unser Gouverneursoberhaupt«, oder »Ew.

Excellenz«.

Man sprach dies mit dem nämlichen Vergnügen, mit welchem man eine junge

Frau »Madame« nennt, mit dem Namen ihres Mannes dazu.

Njewjedowskiy gab sich den Anschein, als lasse ihn das nicht nur

gleichgültig, sondern als schätze er diese Titulatur sogar gering,

aber es war augenscheinlich, daß er sich glücklich fühlte und sich

beherrschen müsse, sein Entzücken nicht auszudrücken, welches zu dieser

ungewohnten ungezwungenen Gesellschaft, in der sich alle befanden,

nicht gestimmt hätte.

Nach der Tafel wurden mehrere Telegramme an Leute, welche sich

für den Verlauf der Wahlen interessierten, abgesandt. Auch Stefan

Arkadjewitsch, der sich in heiterster Stimmung befand, sandte an Darja

Aleksandrowna ein Telegramm folgenden Inhalts: »Njewjedowskiy mit

zwanzig Kugeln gewählt. Ich gratuliere ihm soeben. Teile es weiter

mit.« Er diktierte dasselbe laut und bemerkte dazu: »Man muß ihnen eine

Freude machen.«

Als Darja Aleksandrowna die Depesche erhalten hatte, seufzte sie nur

über den Rubel, den es gekostet, und erkannte, daß die Sache jetzt wohl

bis zum Schluß der Tafel gediehen sein mußte. Sie wußte ja, daß Stefan

die Schwäche besaß, am Ende von Banketts »=faire jouer le télégraphe=«.

Alles war, im Verein mit dem ausgezeichneten Essen und Weinen die

nicht von russischen Weinhändlern, sondern direkt von auswärts

stammten, sehr vornehm, ungekünstelt und fröhlich gewesen. Ein

kleiner Kreis von einigen zwanzig Herren, war von Swijashskiy aus der

Mitte der gleichgesinnten, freidenkenden, und zugleich geistreichen

und ordnungsliebenden Führer der Jungpartei, ausgewählt worden.

Man brachte Toaste aus, auch halbscherzhafte, sowohl auf den neuen

Gouvernementsvorsteher, als auf den Gouverneur, auf den Bankdirektor,

wie auf »unseren liebenswürdigen Wirt!« --

Wronskiy war zufrieden. Er hatte nimmermehr einen so angenehmen Ton in

der Provinz erwartet.

Gegen das Ende des Essens wurde die Stimmung noch heiterer. Der

Gouverneur bat Wronskiy, in das Konzert zu Gunsten der »Brüderschaft«

zu fahren, welches seine Frau veranstaltet habe, die mit ihm bekannt zu

werden wünschte.

»Es wird Ball dort sein und man sieht da unsere Schönheiten; in der

That bemerkenswert.«

»=Not in my line=,« antwortete Wronskiy, der diesen Ausdruck liebte,

lächelte aber, und versprach doch zu kommen.

Noch vor dem Aufstehen von der Tafel, als alles eben zu rauchen anfing,

trat der Kammerdiener Wronskiys zu diesem heran mit einen Briefe auf

der Präsentierschale.

»Aus Wosdwishenskoje per Expressen,« meldete er mit bedeutungsvoller

Miene.

»Wunderbar, wie ähnlich er unserem Kameraden, dem Prokurator Swentizkiy

sieht,« sagte einer der Gäste auf französisch, den Kammerdiener

meinend, während Wronskiy, sich verfinsternd, das Schreiben las.

Der Brief war von Anna; schon bevor er ihn gelesen hatte, kannte er

seinen Inhalt. In der Annahme, daß die Wahlen in fünf Tagen vorüber

sein würden, hatte er versprochen, Freitag zurückkehren zu wollen.

Heute war Sonnabend, und er wußte, daß der Inhalt des Briefes aus

Vorwürfen bestehen würde, weil er nicht rechtzeitig zurückgekehrt

sei. Der Brief, welchen er gestern Abend abgeschickt hatte, war

wahrscheinlich noch nicht angekommen.

Der Inhalt des Briefes war der erwartete, aber seine Form eine

unerwartete und ihm höchst unangenehme.

»Any ist sehr krank; der Arzt sagt, es könne eine Entzündung eintreten.

Ich verliere in meiner Einsamkeit den Kopf. Die Fürstin Barbara ist

keine Hilfe, sondern ein Hindernis. Ich erwartete dich vorgestern,

gestern, und schicke jetzt, um zu erfahren, wo du eigentlich bist und

was du machst. Ich wollte selbst fahren, habe aber davon abgesehen,

da ich wußte, daß dir dies unangenehm gewesen sein würde. Gieb mir

Antwort, damit ich weiß, was ich anfangen soll.«

»Das Kind ist krank und sie hat selbst reisen wollen! -- Unsere Tochter

ist krank und dieser feindselige Ton!« --

Diese harmlose Zerstreuung bei den Wahlen und jene düstere, lastende

Liebe, zu welcher er zurückkehren mußte, trafen Wronskiy durch ihren

Gegensatz. Aber man mußte abreisen und er fuhr mit dem ersten Zuge in

der Nacht nach Hause.

32.

Vor der Abreise Wronskiys zu den Wahlen, hatte Anna, in der Erwägung,

daß jene Scenen, welche sich zwischen ihnen bei jeder seiner Reisen

wiederholten, nur eine Erkältung herbeiführen, aber nicht fesseln

könnten, den Entschluß gefaßt, alle nur möglichen Anstrengungen über

sich selbst zu machen, um eine Trennung von ihm ruhig zu ertragen.

Aber jener kalte, ernste Blick, mit welchem er sie angeschaut hatte,

als er kam, um ihr von seiner Abreise Mitteilung zu machen, hatte sie

verletzt, und er war noch nicht abgereist, als ihre Ruhe auch schon

vernichtet war.

In ihrer Einsamkeit dachte sie nochmals über jenen Blick nach, welcher

sein Recht auf Freiheit ausdrückte, und sie gelangte, wie stets, zu dem

Einen -- zu dem Bewußtsein ihrer Erniedrigung. --

»Er hat ein Recht zu reisen, wann und wohin er will; nicht nur zu

reisen, sondern auch mich zu verlassen. Er hat alle Rechte, ich gar

keine! Aber, wenn er dies auch weiß, darf er doch nicht so handeln.

Indessen, was hat er denn begangen? Er hat mich angeblickt, mit kaltem

ernstem Ausdruck. Dies ist natürlich etwas Unbestimmbares, nicht

Greifbares, aber es war früher nicht, und dieser Blick bedeutet viel,«

dachte sie, »dieser Blick beweist, daß die Abkühlung eintritt!«

Obwohl sie sich überzeugt hatte, daß die Abkühlung eintrete, war es

ihr dennoch nicht möglich zu handeln, irgendwie ihre Beziehungen zu

ihm zu verändern. Nur allein so wie früher, allein mit Liebe und

Anhänglichkeit konnte sie ihn halten. Nur ebenso, wie früher durch

Arbeit am Tage und Morphium des Nachts, konnte sie die furchtbaren

Gedanken darüber ersticken, was werden sollte, wenn er sie zu lieben

einmal aufhören würde.

Allerdings, es gab da noch ein Mittel -- nicht ihn zu halten; denn

dafür wollte sie nichts anderes, als seine Liebe haben, wohl aber,

sich ihm zu nähern, in eine Stellung zu treten, aus der er sie

nicht entfernen könnte. Dieses Mittel war die Ehescheidung und die

Verheiratung mit ihm. Und sie begann dies jetzt zu wünschen und

entschloß sich, zum erstenmal, darein zu willigen, sobald er oder

Stefan zu ihr davon sprechen würden.

In solchen Gedanken verbrachte sie ohne ihn fünf Tage, die nämlichen,

während deren er abwesend sein mußte.

Die Spaziergänge und Unterhaltungen mit der Fürstin Barbara, die

Besuche des Krankenhauses, und hauptsächlich die Lektüre eines Buches

nach dem andern, füllten ihre Zeit aus.

Am sechsten Tage aber, als der Kutscher ohne Wronskiy zurückkehrte,

fühlte sie, daß sie nicht mehr die Kraft besitze, ihre Gedanken über

ihn und darüber, was er dort wohl thun möchte, zu unterdrücken.

In dieser Zeit erkrankte ihr Töchterchen. Anna befaßte sich mit seiner

Pflege, aber auch dies zerstreute sie nicht, umsoweniger, als die

Krankheit nicht gefährlich war. Wie sie auch litt, sie konnte dieses

Kind nicht lieben, und Liebe zu heucheln, das vermochte sie nicht.

Gegen Abend dieses Tages fühlte Anna, allein, eine solche Bangnis

für Wronskiy, daß sie beschloß, nach der Stadt zu fahren; nachdem

sie indessen wohlweislich davon abgekommen war, schrieb sie jenes

widerspruchsvolle Billet, welches Wronskiy erhielt, und sandte es, ohne

es nochmals durchzulesen, mit einem expressen Boten ab.

Am andern Morgen empfing sie sein Schreiben und bereute nun das ihrige.

Voll Schrecken erwartete sie die Wiederholung jenes ernsten Blickes,

den er auf sie gerichtet hatte als er abreiste, namentlich, nachdem sie

nun erfahren hatte, daß das kleine Mädchen nicht gefährlich krank sei.

Aber gleichwohl war sie froh darüber, ihm geschrieben zu haben. Jetzt

gestand sich Anna selbst bereits ein, daß er von ihr belästigt werde,

daß er mit Bedauern seine Freiheit aufgebe, um zu ihr zurückzukehren

-- war aber nichtsdestoweniger froh, daß er kam. Mochte er von ihr

belästigt werden -- wenn er nur hier war, damit sie ihn sähe, und jede

seiner Bewegungen kannte.

Sie saß im Salon unter der Lampe mit einem neuen Buch von Taine, und

las, dem Geräusch des Windes draußen lauschend und jede Minute die

Ankunft der Equipage erwartend. Mehrmals schien ihr, als höre sie das

Geräusch von Rädern, doch sie hatte geirrt. Endlich vernahm sie nicht

nur dieses, sondern auch den Ruf des Kutschers und das dumpfe Geräusch

in der gedeckten Einfahrt. Selbst die Fürstin Barbara, welche Patience

gespielt hatte, bestätigte es und Anna, in Aufregung geratend, erhob

sich, blieb jetzt aber, anstatt hinabzugehen, wie sie schon früher

zweimal gethan hatte. Sie schämte sich plötzlich ihrer Täuschung, aber

am meisten Besorgnis empfand sie davor, wie er sie bewillkommen werde.

Das Gefühl der Kränkung war schon vergangen; sie fürchtete nur noch den

Ausdruck seiner Unzufriedenheit. Ihr fiel ein, daß ihr Kind schon seit

zwei Tagen wieder völlig gesund war. Sie war sogar verdrießlich über

das Kind, weil es gerade zu der Zeit, als der Brief abgeschickt worden

war, sich wieder besserte. Hierauf dachte sie daran, daß er nun hier

sei, ganz, mit seinen Händen und Augen. Sie vernahm seine Stimme, und

alles vergessend, lief sie ihm voll Freude entgegen.

»Was macht Any?« sagte er, zaghaft von unten her Anna anblickend, die

auf ihn zueilte.

Er setzte sich auf einen Stuhl und der Diener zog ihm die warmen

Stiefel aus.

»Es ist nichts; ihr ist besser.«

»Und du?« sagte er, sich schüttelnd.

Sie ergriff mit ihren beiden Händen seine Hand und zog sie an ihre

Taille, ohne die Augen von ihm wegzuwenden.

»Es freut mich sehr,« sagte er, sie kühl anblickend, ihre Frisur, ihr

Kleid, von dem er wußte, daß sie es seinetwegen angelegt hatte.

All das gefiel ihm -- aber es hatte ihm schon sovielmal gefallen! Und

jener strenge versteinerte Ausdruck, den sie so sehr fürchtete an ihm,

blieb auf seinem Antlitz.

»Nun, das freut mich sehr. Bist du auch gesund?« sagte er, mit dem

Tuche den nassen Bart abwischend und ihre Hand küssend.

»Dies ist ja gleichgültig,« dachte sie, »wenn er nur hier ist, und wenn

er hier ist, so kann er nicht anders, wagt er nicht anders, als mich zu

lieben.«

Der Abend verging voll Glück und Heiterkeit mit der Fürstin Barbara,

welche gegen Wronskiy klagte, daß Anna in seiner Abwesenheit Morphium

genommen habe.

»Was ist zu thun? Ich konnte nicht schlafen. Meine Gedanken hinderten

mich daran. Wenn er da ist, nehme ich es fast nie; -- fast nie.« --

Er erzählte nun von den Wahlen, und Anna verstand es, ihn dabei mit

ihren Fragen auf dasjenige zu bringen, was ihn aufheiterte, auf seinen

Erfolg. Sie erzählte ihm von allem, was ihn daheim interessieren

konnte, und alle ihre Nachrichten waren nur die freundlichsten.

Spät am Abend indessen, nachdem sie allein waren, wünschte Anna, welche

sah, daß sie ihn wieder vollständig beherrschte, den lastenden Eindruck

seines Blickes, den er infolge ihres Schreibens auf sie gerichtet

hatte, zu verwischen.

»Gestehe, dir war es verdrießlich, das Schreiben zu empfangen und du

hast mir nicht geglaubt?«

Sie hatte dies kaum gesagt, als sie auch schon erkannte, daß ihr

Wronskiy, so liebevoll für sie er auch gestimmt sein mochte, dies nicht

vergeben habe.

»Ja,« antwortete er. »Der Brief war so befremdend. Bald war Any krank,

bald wolltest du selbst kommen.«

»Es war alles wahr.«

»Daran zweifle ich auch gar nicht.«

»Doch; du zweifelst. Du bist mißgestimmt; ich sehe es.«

»Keinen Augenblick. Ich bin nur darüber ungehalten; -- es ist ja

wahr -- du, du scheinst nicht zugeben zu wollen, es gäbe Pflichten« --

-- »Ins Konzert zu fahren« --

-- »Wir wollen nicht darüber sprechen,« sagte er.

»Warum sollen wir nicht davon sprechen?« antwortete sie.

»Ich will nur sagen, daß man unumgänglich notwendige Geschäfte

haben kann. So muß ich jetzt wieder nach Moskau fahren wegen einer

Angelegenheit meines Hauses. -- Ach, Anna, weshalb bist du so reizbar?

Weißt du denn nicht, daß ich ohne dich nicht leben kann?«

»Wenn es so steht,« sprach Anna, plötzlich den Ton verändernd, »daß

dieses Leben dir lästig wird -- ja, du kommst auf einen Tag und fährst

wieder fort -- so machen es« --

-- »Anna, das ist hart. Ich bin bereit, mein ganzes Leben hinzugeben« --

Doch sie hörte ihn nicht.

»Wenn du nach Moskau fährst, fahre auch ich mit. Ich bleibe nicht hier.

Entweder wir müssen uns trennen, oder miteinander leben!« --

»Aber du weißt doch, daß dies eben mein einziger Wunsch ist! Doch

hierzu« --

-- »Ist die Ehescheidung nötig? Ich werde ihm schreiben! Ich sehe, daß

ich nicht so leben kann. Aber ich werde mit dir nach Moskau gehen.«

»Das ist ja, als wolltest du mir drohen? Ich wünsche doch nichts

weniger, als mich von dir zu trennen,« sagte Wronskiy lächelnd.

Nicht nur der kalte, böse Blick eines Menschen, welcher verfolgt wird

und verstockt ist, glänzte in seinen Augen auf, als er diese zärtlichen

Worte sprach.

Sie sah diesen Blick und erriet richtig seine Bedeutung.

»Wenn es so steht, so ist es ein Unglück!« sprach dieser Blick. Es war

dies nur ein augenblicklicher Eindruck, aber sie hatte ihn nie mehr

vergessen können.

Anna schrieb an ihren Mann einen Brief, mit der Bitte um die

Ehescheidung, und reiste zu Ende des November, sich von der Fürstin

Barbara trennend, welche nach Petersburg fahren mußte, zusammen mit

Wronskiy nach Moskau. Täglich eine Antwort von Aleksey Aleksandrowitsch

erwartend, und nach dieser die Ehescheidung, hatten sie sich jetzt wie

Eheleute zusammen einquartiert.

Siebenter Teil.

1.

Die Lewins wohnten bereits im dritten Monat in Moskau. Schon längst

war der Zeitpunkt verstrichen, wo nach den sichersten Berechnungen der

Leute, welche sich auf die Sache verstanden, Kity niederkommen mußte;

aber sie ging immer noch und an nichts war bemerkbar, daß die Zeit

jetzt näher gekommen sei, als sie zwei Monate vorher gewesen.

Der Arzt, wie die Wehfrau, Dolly und die Mutter, und besonders Lewin,

vermochten nicht ohne Schrecken an das Kommende zu denken, und begannen

Ungeduld und Unruhe zu empfinden; allein Kity fühlte sich vollkommen

ruhig und glücklich.

Sie fühlte jetzt deutlich in sich das Entstehen einer neuen Empfindung

von Liebe zu dem künftigen, für sie zum Teil schon vorhandenen Kinde,

und lauschte mit Wonne diesem Gefühl. Das Kind war jetzt nicht mehr

völlig ein Teil von ihr selbst, sondern lebte zeitweilig schon sein

eigenes, von ihr unabhängiges Leben. Oft war ihr dies schmerzhaft,

aber gleichzeitig hätte sie auch darüber lachen mögen in seltsamer,

ungekannter Freude.

Alle, die sie liebte, waren bei ihr, und alle waren so gut mit ihr,

bemühten sich so sehr um sie, in allem bot sich ihr so völlig nur eine

große Annehmlichkeit, daß sie sich, wenn sie nicht gewußt und gefühlt

hätte, daß dies bald enden werde, kein besseres und angenehmeres Leben

gewünscht haben würde.

Eines indessen, was ihr den Reiz an diesem Leben benahm, war, daß ihr

Gatte nicht mehr der nämliche war, als der er sie vorher geliebt hatte,

und der er auf dem Dorfe gewesen war.

Sie liebte seinen ruhigen, freundlichen und entgegenkommenden Ton auf

dem Lande. In der Stadt hingegen schien er beständig in Unruhe und auf

der Hut zu sein, als fürchte er, es möchte ihn, oder hauptsächlich sie

jemand beleidigen.

Auf dem Dorfe hatte er, offenbar wohl wissend, daß er dort an seinem

Platze sei, nie gehastet, war er nie in Anspruch genommen gewesen. Hier

aber, in der Stadt, war er beständig in geschäftiger Eile, als wolle er

Etwas nicht verfehlen, und doch hatte er gar nichts zu thun.

Sie hatte Mitleid mit ihm; daß er den anderen nicht bemitleidenswert

erschien, wußte sie; im Gegenteil, wenn Kity in Gesellschaft auf ihn

blickte, wie man bisweilen auf einen geliebten Menschen schaut, im

Bemühen, ihn gleichsam wie einen Fremden anzusehen, um den Eindruck

in sich selbst bestimmen zu können, welchen derselbe auf die anderen

macht, sah sie zum Schrecken für ihre Eifersucht, daß er nicht nur

nicht kläglich, sondern sehr anziehend in seiner etwas altertümelnden

Rechtschaffenheit, seiner ängstlichen Höflichkeit gegen die Frauen, mit

seiner kraftvollen Erscheinung und dem eigenartigen, wie ihr schien

ausdrucksvollen Gesicht. Doch sie betrachtete ihn nicht von außen,

sondern von innen nach außen; sie sah, daß er hier nicht wahrhaftig

war; anders vermochte sie sich seinen Zustand nicht zu erklären.

Bisweilen machte sie ihm innerlich Vorwürfe darüber, daß er nicht

verstehe, in der Stadt zu leben; bisweilen räumte sie sich ein, daß es

ihm in der That schwer werde, sein Leben hier so einzurichten, daß er

damit zufrieden sein konnte.

Und in der That, was sollte er thun? Karten zu spielen liebte er

nicht; in den Klub ging er nicht; mit Lebemännern nach Art Oblonskiys

umzugehen -- was dies bedeutete, hatte sie jetzt schon kennen gelernt

-- bedeutete zu trinken und nach dem Trinken wer weiß wohin zu fahren.

Sie vermochte sich nicht ohne Schrecken zu denken, wohin bei solchen

Fällen die Herren sich begeben möchten. Sollte er in Gesellschaft

gehen? Sie wußte doch, daß man hierzu Vergnügen in der Annäherung an

junge Damen finden müsse, und konnte es daher nicht wünschen. Sollte

er daheim sitzen bleiben bei ihr, der Mutter und den Schwestern? So

angenehm und unterhaltend ihr auch ein und dieselben Gespräche -- der

alte Fürst nannte sie »Alina-Nadina« unter den Schwestern -- waren,

so wußte sie doch, daß ihm das langweilig werden müsse. Was blieb ihm

nun zu thun übrig? Sollte er fortfahren, sein Buch zu schreiben? Er

hatte schon versucht, dies zu thun, und sich in die Bibliothek begeben,

um sich mit Excerpten und Korrekturen für sein Werk zu beschäftigen,

je mehr er indessen, wie er zu ihr sagte, nichts that, um so weniger

blieb ihm Zeit übrig. Außerdem aber beklagte er sich bei ihr, daß er

hier allzuviel über sein Buch gesprochen habe, daß sich infolge dessen

alle Ideen über dasselbe in ihm verwirrten und man das Interesse daran

verloren habe.

Ein Vorzug dieses Stadtaufenthalts war der, daß es hier unter ihnen

nie mehr Zwiste gab. Mochte dies daher kommen, daß die Bedingungen des

Stadtlebens andere waren, oder davon, daß sie beide vorsichtiger und

verständiger geworden waren in dieser Beziehung; genug, in Moskau gab

es keine Zwiste aus Eifersucht, die sie so gefürchtet hatten, als sie

nach der Stadt übersiedelten.

In dieser Beziehung ereignete sich sogar ein für sie beide sehr

wichtiges Vorkommnis -- die Begegnung Kitys mit Wronskiy. -- Eine alte

Fürstin, Marja Borisowna, eine Pathe Kitys, die diese stets sehr lieb

gehabt hatte, wünschte Kity unbedingt zu sehen. Kity, welche in ihrem

Zustande nirgendshin ausfuhr, kam mit ihrem Vater zu der verehrten

alten Dame und begegnete bei ihr Wronskiy.

Sie konnte sich bei dieser Begegnung nur damit einen Vorwurf machen,

daß ihr für einen Augenblick, als sie die ihr in dem Waffenrock einst

so bekannt gewesenen Züge erkannte, der Atem gestockt hatte, das Blut

zum Herzen geströmt war, und eine brennende Röte -- sie fühlte dies --

auf ihr Antlitz trat. Doch dies währte nur einige Sekunden. Ihr Vater

hatte, absichtlich laut zu Wronskiy sprechend, sein Gespräch noch

nicht geendet, als sie sich schon völlig vorbereitet fühlte, Wronskiy

anschauen zu können, und mit ihm, wenn es nötig werden sollte, ganz

so zu sprechen, wie sie mit der Fürstin Marja Borisowna sprach: und

zwar in einer Weise, daß alles bis auf den geringsten Accent, das

geringste Lächeln, von ihrem Gatten gutgeheißen werden konnte, dessen

unsichtbare Gegenwart sie in dieser Minute gleichsam über sich fühlte.

Sie sprach mit ihm einige Worte, lächelte sogar ruhig bei seinem Scherz

über die Wahlen, die er »unser Parlament« nannte. -- Man mußte hier

lächeln, um zu beweisen, daß sie den Scherz verstanden hatte. -- Doch

sofort wandte sie sich wieder zur Fürstin Marja Borisowna und blickte

nicht ein einziges Mal mehr nach ihm, bis er aufstand, um sich zu

verabschieden. Da erst blickte sie ihn wieder an, augenscheinlich aber

nur deshalb, weil es unhöflich war, einen Menschen nicht anzusehen,

wenn er grüßt.

Sie war ihrem Vater dankbar dafür, daß er nichts von der Begegnung

mit Wronskiy gesagt hatte, doch sie sah an seiner eigenen Weichheit

nach der Visite, während des üblichen Spazierganges, daß er mit ihr

zufrieden gewesen war. Auch sie selbst war zufrieden mit sich. Sie

hatte keinesfalls erwartet, daß sich in ihr soviel Kraft finden

würde, in der Tiefe ihres Herzens alle Erinnerungen an eine frühere

Empfindung für Wronskiy zu unterdrücken, und diesem gegenüber nicht

nur vollständig gleichmütig und ruhig zu erscheinen, sondern es auch

wirklich zu sein.

Lewin errötete bei weitem mehr als Kity, als diese ihm erzählte, daß

sie Wronskiy bei der Fürstin Marja Borisowna begegnet sei. Es kam

ihr sehr schwer an, ihm dies zu sagen, doch noch schwerer, über die

Einzelheiten dieser Begegnung weiter sprechen zu müssen, da er sie

nicht frug, sondern sie nur, sich verfinsternd anblickte.

»Es thut mir sehr leid, daß du nicht dabei warst,« sagte sie, »nicht,

weil du nicht im Zimmer warst -- ich würde nicht so natürlich geblieben

sein in deiner Gegenwart -- aber ich erröte jetzt weit mehr, weit, weit

mehr,« sagte sie, sich bis zu Thränen verfärbend, »ach, daß du nicht

durch einen Spalt schauen konntest.«

Ihre ehrlichen Augen sagten Lewin, daß sie mit sich zufrieden gewesen

war, und er beruhigte sich sogleich, obwohl sie errötet war, und

begann nun, Kity selbst zu fragen, was diese ja nur wünschte. Nachdem

er alles erfahren hatte, selbst bis auf die Einzelheit, daß sie nur

in der ersten Sekunde nicht umhin gekonnt habe, zu erröten, sowie,

daß ihr dann so frei und leicht zu Mute geworden sei, wie dem ersten

besten Begegnenden gegenüber, wurde Lewin wieder vollständig heiter und

sagte, daß er sich sehr darüber freue, und jetzt nicht mehr so thöricht

handeln wolle, wie bei den Wahlen, sondern sich bemühen, bei der ersten

Begegnung mit Wronskiy so liebenswürdig als möglich zu sein.

»Es ist so peinlich, denken zu müssen, daß man einen Menschen als Feind

besitzt, mit dem zusammentreffen zu müssen, uns schwer wird,« sagte

Lewin. »Ich bin sehr, sehr froh darüber.«

2.

»So fahre also zu den Bolj,« sagte Kity zu ihrem Gatten, als dieser um

elf Uhr, bevor er von Hause wegfuhr, zu ihr kam. »Ich weiß, daß du im

Klub essen wirst, Papa hat dich eingeschrieben. Was machst du denn aber

den Vormittag?«

»Ich will nur zu Katawasoff,« antwortete Lewin.

»Weshalb so früh?«

»Er hat mir versprochen, mich mit Metroff bekannt zu machen. Ich will

mit diesem über mein Werk sprechen; er ist ein bekannter Gelehrter in

Petersburg,« sagte Lewin.

»Ach, derselbe, dessen Abhandlung du so lobtest? Nun, und dann?« sagte

Kity.

»Will ich, vielleicht, noch aufs Gericht, in Sachen meiner Schwester.«

»Und ins Konzert?« frug sie.

»Was soll ich allein dorthin!«

»Nein, fahre nur; dort hat man jetzt Novitäten. Sie interessierten dich

doch so. Ich würde sicher hinfahren.«

»Nun, jedenfalls komme ich vor dem Essen nach Haus,« sagte er, nach der

Uhr blickend.

»Zieh deinen Gesellschaftsrock an, damit du direkt zur Gräfin Bolj

fahren kannst.«

»Ist denn das so unbedingt notwendig?«

»Unbedingt! Er ist bei uns gewesen. Und was kostet es dich? Du fährst

hin, setzest dich, sprichst fünf Minuten über das Wetter, stehst wieder

auf und fährst fort.«

»Du glaubst nicht; ich bin dessen so entwöhnt, daß mir selbst dies

schwer wird. Wie wird man es aufnehmen? Kommt da ein fremder Mensch zu

ihnen, setzt sich, bleibt ohne jeden Grund länger sitzen, stört die

Familie, bringt sich aus der Stimmung, und geht dann wieder!« --

Kity lachte.

»Aber du hast doch als Junggeselle noch Visiten gemacht?« sagte sie.

»Allerdings; es ist mir aber stets unangenehm gewesen; jetzt bin ich

so davon entwöhnt, daß ich, bei Gott, lieber zwei Tage nicht essen

will, als diese Visite machen. So schwer fällt sie mir. Mir scheint

stets, als ob man verletzt sei und sagen wolle: >Weshalb bist du denn

eigentlich ohne Grund hierhergekommen?<« --

»O nein; man fühlt sich nicht verletzt. Dafür bürge ich dir schon,«

sagte Kity, ihm lachend ins Gesicht schauend. Sie nahm seine Hand, »nun

leb' wohl -- fahre hin, ich bitte dich.« Er wollte schon gehen, nachdem

er ihre Hand geküßt hatte, als sie ihn zurückhielt. »Mein Kostja, du

weißt wohl, daß ich nur noch fünfzig Rubel habe?«

»Nun, dann will ich zur Bank fahren, um dort Geld zu erheben. Wieviel

brauchst du denn?« sagte er mit einem ihr bekannten Ausdruck von

Mißvergnügen.

»Nein doch; warte.« Sie hielt ihn an der Hand zurück. »Sprechen

wir darüber; dies beunruhigt mich. Ich, glaube doch, gebe nichts

Überflüssiges aus, und doch geht das Geld nur so dahin. Wir machen

Etwas nicht richtig.«

»Keineswegs,« sagte er, sich räuspernd und von unten her auf sie

blickend. Dieses Räuspern kannte sie. Es war das Zeichen hoher

Unzufriedenheit bei ihm, nicht über sie, sondern über sich selbst.

Er war in der That unzufrieden, doch nicht darüber, daß viel Geld

gebraucht wurde, sondern daß man ihn an das erinnerte, was er in der

Erkenntnis, daß Etwas nicht in Ordnung sei, zu vergessen wünschte. »Ich

habe Sokoloff befohlen, den Weizen zu verkaufen und das Geld für die

Mühle im voraus in Empfang zu nehmen. Geld wird jedenfalls kommen.«

»Ja, aber ich fürchte, daß überhaupt viel« --

»Keineswegs, keineswegs,« wiederholte er -- »doch leb' wohl jetzt,

Herzchen.«

»Nicht doch; ich beklage es bisweilen, daß ich auf Mama gehört habe.

Wie hübsch wäre es auf dem Dorfe gewesen! Und überdies quäle ich euch

alle noch und wir verschwenden Geld« --

»Durchaus nicht, durchaus nicht. Es ist noch nicht ein einziges Mal,

seit ich verheiratet bin, der Fall gewesen, daß ich gesagt hätte, es

wäre anders besser, als so, wie es eben ist« --

»Ist das wahr?« sagte sie, ihm in die Augen blickend.

Er sprach dies, ohne etwas dabei zu denken, und nur um sie zu

beruhigen. Als er aber, sie anblickend, bemerkte, daß diese ehrlichen,

lieben Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da wiederholte er das

Nämliche aus ganzer Seele. »Ich vergesse sie in der That,« dachte er,

und rief sich in das Gedächtnis zurück, was sie beide so bald erwartete.

»Wird es denn bald? Wie fühlst du dich?« flüsterte er, sie bei beiden

Händen nehmend.

»Ich habe schon sovielmal daran gedacht, daß ich jetzt nichts mehr

denke und nichts weiß.«

»Hast du nicht Angst?«

Sie lächelte geringschätzig.

»Nicht die Idee,« sagte sie.

»Wenn also Etwas vorkommen sollte, ich bin bei Katawasoff.«

»Nein; es wird nichts vorkommen; denke auch du nicht daran. Ich werde

mit Papa auf den Boulevard fahren; wir wollen zu Dolly; vor dem Essen

erwarte ich dich. -- Ach ja! Du weißt wohl, daß die Lage Dollys

entschieden unhaltbar wird? Sie ist über und über verschuldet, und Geld

hat sie nicht. Ich habe gestern mit Mama und mit Arseniy,« -- so nannte

sie den Gatten ihrer Schwester, der Lwowa -- »gesprochen, und wir haben

beschlossen, dich und ihn zu Stefan zu schicken. So ist es entschieden

nicht mehr möglich. Mit Papa läßt sich darüber nicht sprechen, doch

wenn ihr beide« --

»Aber was können wir thun?« frug Lewin.

»Du wirst doch wohl zu Arseniy gehen, sprich mit ihm; er wird dir

sagen, was wir beschlossen haben.«

»Nun, mit Arseniy bin ich im voraus in allem einverstanden. Ich werde

also zu ihm fahren. Sollten sie gerade ins Konzert gehen, so werde ich

auch mit Nataly dorthin fahren. Jetzt leb' wohl.«

Auf der Treppe hielt Lewin der alte, noch unverheiratet lebende Diener

Kusma zurück, welcher den Haushalt in der Stadt verwaltete.

»Der Krasavtschik,« dies war das Handpferd, welches mit vom Lande

hereingebracht worden war, »ist beschlagen worden, er hinkt aber immer

noch,« berichtete er, »was befehlt ihr nun?«

In der ersten Zeit des Aufenthalts in Moskau hatten Lewin die vom Land

mit hereingebrachten Pferde beschäftigt; er hatte sich auf diesem

Gebiet so gut und billig wie möglich einrichten wollen, allein es

stellte sich heraus, daß ihm seine Pferde teurer wurden, als die der

Mietkutscher, und Mietkutscher nahm man noch obendrein.

»Laß ihn zum Roßarzt bringen, vielleicht ist eine Quetschung vorhanden.«

»Nun, und für den Wagen Katharina Aleksandrownas?« frug Kusma.

Lewin wunderte sich jetzt nicht mehr, wie während der ersten Zeit

seines Lebens in Moskau, daß zur Fahrt von der Wosdwishenka nach den

Siwzij Wrashki ein Paar starker Pferde in den schweren Wagen hatten

gespannt werden müssen, um diesen durch den kotigen Schnee ein viertel

Werst weit zu bringen, worauf sie vier Stunden standen und daß er dafür

fünf Rubel zahlte. Jetzt erschien ihm das schon natürlich.

»Laß den Mietkutscher ein Paar Pferde für unseren Wagen bringen,« sagte

er.

»Zu Diensten.«

Nachdem Lewin auf diese Weise, dank den Verhältnissen der Stadt,

einfach und leicht eine Schwierigkeit geordnet hatte, welche auf dem

Lande soviel überflüssige Mühe und Aufmerksamkeit erfordert hätte, ging

er zur Freitreppe hinaus und rief einen Mietkutscher; setzte sich in

den Wagen und fuhr nach der Nikitskaja. Unterwegs dachte er nicht mehr

an Geld, sondern überlegte, wie er sich mit dem Petersburger Gelehrten,

der sich mit Socialwissenschaft beschäftigte, bekannt machen und mit

ihm über sein Buch sprechen wollte.

Nur in der allerersten Zeit hatten Lewin in Moskau jene, dem

Landbewohner befremdlichen, eiteln und doch unvermeidlichen

Geldausgaben überrascht, die von allen Seiten von ihm gefordert wurden.

Jetzt hatte er sich jedoch schon an sie gewöhnt. Es ging ihm in dieser

Beziehung so, wie es dem Trinker gehen soll: das erste Glas ging

schwer, das zweite leichter -- nach dem dritten aber ging es wie im

Vogelschwarm.

Als Lewin das erste Hundertrubelpapier zum Ankauf der Livree eines

Dieners und eines Portiers wechselte, stellte er sich unwillkürlich

vor, daß diese Livreen, die niemand etwas nützten, doch unumgänglich

erforderlich waren, darnach zu urteilen, wie sich die Fürstin und

Kity verwunderten bei der Andeutung, man könne auch ohne Livree

auskommen -- daß diese Livreen ihm zwei Sommerarbeiter, das heißt,

einige dreihundert Arbeitstage von der Osterwoche bis zu Fastnachten

kosteten, von denen jeder voll schwerer Arbeit vom frühen Morgen

bis zum späten Abend war -- und dieses Hundertrubelpapier ging ihm

noch schwer vom Herzen. Das folgende indessen, zum Einkauf von

Lebensmitteln zu einem Essen das er seinen Verwandten gab, das ihn

auf achtundzwanzig Rubel kam, ging, obwohl es in Lewin die Erinnerung

daran wachrief, daß achtundzwanzig Rubel doch neun Tschetwert Hafer

waren, welcher unter Schweiß und Stöhnen gemäht, gebunden, gedroschen,

geworfelt, wieder ausgesät oder aufgeschüttet wurde, schon leichter

fort. Jetzt aber riefen die gewechselten Scheine schon gar nicht mehr

derartige Erwägungen hervor, sondern flogen wie kleine Vögel davon.

Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden

war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte,

wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen.

Die wirtschaftliche Erwägung, daß es einen bestimmten Preis giebt,

unter welchem man das Getreide nicht verkaufen kann, war gleichfalls

vergessen. Das Getreide, auf dessen Preis er so lange gehalten hatte,

wurde für fünfzig Kopeken der Tschetwert billiger verkauft, als man

einen Monat vorher dafür gegeben hatte. Selbst die Erwägung, daß man

bei derartigen Ausgaben unmöglich ein ganzes Jahr leben könne, ohne

Schulden zu machen, selbst diese Erwägung hatte keine Bedeutung mehr

für ihn. Nur Eines war nötig; man mußte Geld auf der Bank haben, ohne

daß gefragt wurde, woher es kam, sodaß man stets wußte, wofür man den

nächsten Tag das Rindfleisch kaufen könnte.

Er hatte nunmehr auch dies bei sich beobachtet: Stets hatte bei ihm

Geld in der Bank gelegen. Jetzt aber war es dort ausgegangen und

er wußte nicht recht, woher nun welches nehmen. Und dies versetzte

ihn, als Kity mit ihm über das Geld sprach, einen Augenblick in

Verlegenheit. Dabei aber hatte er auch keine Zeit, darüber nachzudenken.

Er fuhr dahin, an Katawasoff und die bevorstehende Bekanntschaft mit

Metroff denkend.

3.

Lewin war mit seiner Ankunft hier wiederum eng mit seinem ehemaligen

Universitätsfreunde, dem Professor Katawasoff in Verkehr getreten, den

er seit der Zeit seiner Verheiratung nicht wieder gesehen hatte.

Katawasoff war ihm angenehm durch die Klarheit und Einfachheit seiner

Weltanschauung. Lewin glaubte, daß die Klarheit dieser Weltanschauung

Katawasoffs aus der Armut von dessen Natur hervorgegangen sei,

Katawasoff hingegen meinte, daß die Inkonsequenz in der Denkweise

Lewins aus dem Mangel an geistiger Disciplin bei diesem hervorgehe;

aber die Klarheit Katawasoffs war Lewin willkommen, und der Überfluß

der undisciplinierten Gedanken Lewins war Katawasoff lieb; sie trafen

sich gern und debattierten dann.

Lewin las Katawasoff einige Stellen aus seinem Werke vor und sie

gefielen diesem. Als gestern Katawasoff Lewin im Kolleg getroffen

hatte, hatte er zu ihm gesagt, daß der bekannte Metroff, dessen

Abhandlung Lewin so gut gefallen hatte, sich in Moskau befinde, und

sehr interessiert sei von dem, was ihm Katawasoff über die Arbeit

Lewins mitgeteilt hatte, daß Metroff morgen, um elf Uhr bei ihm, und

sehr erfreut sein würde, mit ihm bekannt zu werden.

»Ihr lernt entschieden immer besser aussehen, Verehrtester; es macht

einem Freude, Euch zu sehen,« sagte Katawasoff, Lewin im kleinen Salon

entgegentretend. »Ich hörte die Glocke und dachte, nicht möglich, daß

er zur rechten Zeit käme -- nun, wie steht es mit den Tschernagorzen?

Nach der Art des Krieges« --

»Nun?« frug Lewin.

Katawasoff teilte ihm in kurzen Worten die letzte Nachricht mit und

machte Lewin, in das Kabinett eintretend, mit einem kleinen, feisten

Manne von sehr angenehmem Äußern bekannt. Dies war Metroff.

Das Gespräch drehte sich kurze Zeit um Politik, und darum, wie man in

den höchsten Sphären Petersburgs die jüngsten Ereignisse betrachte.

Metroff teilte ihm aus zuverlässiger Quelle bekannte Worte mit, die bei

dieser Gelegenheit vom Zaren und einem der Minister geäußert worden

sein sollten.

Katawasoff hatte auch als verbürgt erfahren, daß der Zar etwas

ganz anderes gesagt habe. Lewin bemühte sich, eine Situation

herauszuklügeln, nach welcher diese wie jene Worte gesagt worden sein

konnten, und das Gespräch über den Gegenstand wurde abgebrochen.

»Der Herr hat auch ein Buch bald fertig geschrieben über die

natürlichen Verhältnisse des Arbeiters in Bezug auf den Boden,« sagte

Katawasoff, »ich bin zwar nicht Spezialist, doch hat es mir als

Naturwissenschaftler gefallen, daß er die Menschheit nicht als etwas

außerhalb der zoologischen Gesetze stehendes auffaßt, sondern im

Gegenteil die Abhängigkeit derselben von ihrer Umgebung erkennt und in

dieser Abhängigkeit die Gesetze ihrer Entwicklung erforscht.«

»Das ist sehr interessant,« sagte Metroff.

»Ich habe eigentlich nur ein Buch über die Landwirtschaft zu schreiben

begonnen, bin aber unwillkürlich, indem ich mich mit dem wichtigsten

Instrument der Landwirtschaft, dem Arbeiter, beschäftigte,« sagte Lewin

errötend, »zu vollständig unerwarteten Resultaten gekommen.«

Und Lewin begann nun vorsichtig, als taste er nach Boden, seine

Anschauung darzulegen.

Er wußte, daß Metroff eine Abhandlung gegen die allgemein herrschende

politisch-ökonomische Wissenschaft geschrieben hatte, wußte aber nicht,

bis zu welchem Grade er hoffen konnte, auf Teilnahme für seine neuen

Anschauungen bei ihm zu stoßen, und konnte dies auch nicht an dem

klugen und ruhigen Gesicht des Gelehrten erraten.

»Aber worin seht Ihr die besonderen Eigenschaften des russischen

Arbeiters?« sagte Metroff, »in seinen zoologischen Eigenschaften,

sozusagen, oder in den Verhältnissen, in denen er sich befindet?«

Lewin sah, daß in dieser Frage schon ein Gedanke ausgesprochen war, mit

welchem er nicht in Einklang stand, doch fuhr er fort, seine Idee zu

entwickeln, welche darin bestand, daß der russische Arbeiter einen im

Vergleich zu dem der Arbeiter anderer Völker vollkommen eigenartigen

Blick für sein Land besitze, und beeilte sich, um seine Behauptung

zu stützen, hinzuzufügen, daß nach seiner Meinung, dieser Blick des

russischen Volkes herrühre aus dem Bewußtsein seines Berufes, die

ungeheuren, noch unbebauten Gegenden im Osten bevölkern zu müssen.

»Es ist leicht möglich, in einen Irrtum zu verfallen, wenn man einen

Schluß auf die allgemeine Bestimmung eines Volkes macht,« sagte

Metroff, Lewin unterbrechend. »Die Lage des Arbeiters wird stets von

dessen Beziehungen zu Boden und Kapital abhängen.«

Ohne Lewin noch zu gestatten, seine Idee ganz auszusprechen, begann

nun Metroff, ihm die Eigenart seiner Lehre zu erklären. Worin die

Eigenart dieser Lehre bestand, begriff Lewin nicht, weil er sich gar

nicht bemühte, sie zu begreifen; er sah, daß Metroff, ebenso wie die

anderen, trotz seiner Abhandlung, in welcher die Wissenschaft der

Nationalökonomen gestürzt wurde, auf die Situation des russischen

Arbeiters doch nur vom Gesichtspunkt des Kapitals des Arbeiterlohnes

und der Rente blickte.

Obwohl er nun zugestehen mußte, daß in dem östlichen, dem größten

Teile Rußlands, die Rente noch gleich Null war, daß der Arbeitslohn

für neun Zehntel der achtzig Millionen Einwohner nur die Ernährung in

sich selbst ausdrückte, und ein Kapital noch nicht anders vorhanden

sei, als in Gestalt von primitivsten Hilfsmitteln, so blickte er doch

lediglich von diesem Standpunkte aus auf die gesamten Arbeiter, obwohl

er in vielem gleichwohl nicht mit den Nationalökonomen übereinstimmte,

und hielt seine neue Theorie vom Arbeitslohn aufrecht, welche er Lewin

entwickelte.

Dieser hörte nur ungern zu und opponierte anfangs. Er wollte Metroff

unterbrechen, um ihm seine Idee zu äußern, die nach seiner Meinung

eine weitere Erklärung überflüssig machte, aber nachdem er sich

überzeugt hatte, daß sie beide in so verschiedenem Grade die Sache

betrachteten, daß niemals Einer den Anderen verstehen würde, opponierte

er nicht mehr, und hörte nur noch zu.

Ungeachtet dessen, das für ihn jetzt schon gar nicht mehr interessant

war, was Metroff sprach, verspürte er doch ein gewisses Vergnügen,

indem er ihm zuhörte. Seiner Eigenliebe wurde dadurch geschmeichelt,

daß ihm ein so gelehrter Mann so gern, mit so großer Aufmerksamkeit

und solchem Zutrauen zu seiner Kenntnis über den Gegenstand, bisweilen

mit einem einzigen Wink auf eine ganze Seite der Sache deutend, seine

Gedanken aussprach.

Er schrieb dies seiner Würde zu, ohne zu wissen, daß Metroff in der

Unterhaltung mit allen seinen Bekannten besonders gern von jenem

Gegenstande mit jedem Menschen, der ihm neu bekannt wurde, sprach; daß

er überhaupt gern mit jedermann über eine Sache, die ihn beschäftigte

und ihm selbst noch unklar war, redete.

»Doch ich werde mich verspätigen,« sagte Katawasoff, nach der Uhr

blickend, nachdem Metroff seine Darlegung soeben beendet hatte. »Ja, es

ist heute Sitzung in der Gesellschaft der Freunde zum Gedächtnis des

fünfzigjährigen Jubiläums Swintitschs,« antwortete er auf Lewins Frage.

»Ich habe mich an Peter Iwanowitsch gemacht, und habe versprochen, über

seine Arbeiten in der Zoologie zu lesen. Kommt mit mir, es ist sehr

interessant.«

»In der That, es ist Zeit,« sagte Metroff. »Kommt mit uns, und, wenn

Ihr wollt, von da aus, mit zu mir. Ich wünschte sehr, von Eurer Arbeit

weiter zu hören.«

»Nein; das wird nicht gehen; sie ist noch unvollendet. Aber in die

Sitzung komme ich sehr gern mit.«

»Wie, Verehrtester, habt Ihr gehört? Er gab eine ganz eigene Meinung

zum besten,« sagte Katawasoff, im Nebenzimmer den Frack anlegend.

Es begann ein Gespräch über die Universitätsfrage. Die

Universitätsfrage bildete einen sehr wichtigen Gegenstand während

dieses Winters in Moskau. Drei alte Professoren im Senat hatten die

Meinungen jüngerer nicht acceptiert; und diese vertraten nun eine

eigene Ansicht.

Diese Ansicht war entsetzlich nach dem Urteile der Einen, sie war sehr

einfach und richtig nach dem der Anderen, und die Professoren hatten

sich in zwei Lager gespalten.

Die Einen, zu denen Katawasoff gehörte, sahen auf der gegnerischen

Seite niedrige Verleumdung und Betrug; die Anderen Kinderei und

Mißachtung der Autorität.

Lewin hatte, obwohl er dem Universitätsverband nicht angehörte, schon

mehrmals während seines Aufenthalts in Moskau von dieser Angelegenheit

gehört und darüber gesprochen, und sich in dieser Beziehung seine

eigene Meinung gebildet. Er nahm Teil an dem Gespräch, welches noch auf

der Straße fortgesetzt wurde, als alle drei nach dem Gebäude der alten

Universität gingen.

Die Sitzung hatte schon begonnen. An einem Tische, welcher mit Tuch

gedeckt war und hinter dem sich Katawasoff und Metroff niederließen,

saßen sechs Herren, und einer von ihnen, der sich dicht über eine

Handschrift beugte, las etwas.

Lewin setzte sich auf einen der leeren Stühle, welche um den Tisch

herum standen, und frug flüsternd einen dort sitzenden Studenten, was

man lese.

Mit einem mißvergnügten Blick auf Lewin antwortete dieser:

»Eine Biographie ist es.«

Obwohl sich nun Lewin für die Biographie eines Gelehrten gerade nicht

interessierte, hörte er doch unwillkürlich zu und erfuhr so manches

Interessante und Neue über das Leben des berühmten Gelehrten.

Als der Lektor geendet hatte, dankte ihm der Vorsitzende und las die

ihm für das Jubiläum eingesandten Verse des Dichters Ment vor, nebst

einigen Worten des Dankes für diesen.

Darauf las Katawasoff mit seiner lauten, schreienden Stimme seine

Schrift über die Gelehrtenthätigkeit des Jubilars.

Nachdem Katawasoff geendet hatte, blickte Lewin auf die Uhr und

gewahrte, daß es schon zwei Uhr sei; er überlegte, daß er bis zum

Konzert Metroff sein Werk nicht werde vorlesen können, und verspürte

dazu auch gar keine Lust.

Während der Zeit des Lesens hatte er nur an die stattgehabte

Unterredung gedacht, und es war ihm jetzt klar, daß, obwohl vielleicht

auch die Ideen Metroffs ihre Bedeutung hatten, seine Ideen doch

ebenfalls eine solche besaßen, und aufklären und zu Etwas führen

könnten, wofern nur ein jeder für sich auf dem auserwählten Wege

arbeite, während aus einer Veränderung dieser beiden Ideen nichts

hervorgehen könne.

Nachdem sich Lewin entschlossen hatte, die Einladung Metroffs

abzulehnen, begab er sich beim Schluß der Sitzung zu diesem hin.

Metroff machte Lewin mit dem Präsidenten bekannt, mit welchem er über

politische Neuigkeiten sprach. Hierbei erzählte Metroff dem Präsidenten

das Nämliche, was er Lewin erzählt hatte, während Lewin die gleichen

Bemerkungen machte, die er schon heute Vormittag geäußert hatte; zur

Abwechslung indessen sprach er auch seine eigene Meinung mit aus, die

ihm gerade einfiel. Hierauf begann wiederum das Gespräch über die

Universitätsfrage. Da Lewin indessen alles das schon gehört hatte,

beeilte er sich, Metroff zu sagen, er bedaure, von seiner Einladung

nicht Gebrauch machen zu können, empfahl sich und fuhr zu Lwoff.

4.

Lwoff, der mit Nataly, der Schwester Kitys verheiratet war, hatte sein

ganzes Leben in den Residenzen und im Auslande zugebracht, wo er auch

erzogen worden war und als Diplomat gedient hatte.

Im vergangenen Jahre hatte er die diplomatische Carriere aufgegeben,

nicht infolge einer Unannehmlichkeit -- er hatte niemals mit jemand

Unannehmlichkeiten gehabt -- und war in das Hofgericht nach Moskau

übergetreten, um seinen beiden Söhnen eine bessere Erziehung angedeihen

zu lassen.

Trotz des schärfsten Gegensatzes in den Gewohnheiten und Anschauungen,

sowie darin, daß Lwoff auch älter als Lewin war, waren beide in

diesem Winter in engen Verkehr miteinander getreten und hatten sich

gegenseitig liebgewonnen.

Lwoff befand sich daheim, und Lewin trat ohne Anmeldung bei ihm ein.

Lwoff war im Hausrock mit Gürtel, und saß in Halbschuhen von sämischem

Leder in einem Lehnstuhl, durch das Pincenez mit blauen Gläsern ein

Buch lesend, welches auf einem Lesepult lag, während er, auf der Hut

vor der abfallenden Asche, mit der schönen Hand eine bis zur Hälfte

aufgerauchte Cigarre hielt.

Sein schönes, feines und jugendliches Gesicht, welchem die lockigen,

glänzenden silbernen Haare noch mehr den Ausdruck angestammten Adels

verliehen, erglänzte von einem Lächeln, als er Lewin erblickte.

»Ausgezeichnet! Ich wollte schon zu Euch schicken! Nun, was macht Kity!

Setzt Euch hierher, da ist es behaglicher,« er stand auf und bewegte

einen Rollstuhl herbei.

»Habt Ihr schon das letzte Cirkular im >Journal de St. Petersbourg<

gelesen? Ich finde es vortrefflich,« sagte er mit etwas französischem

Accent.

Lewin teilte ihm mit, was er von Katawasoff vernommen hatte, und was

man in Petersburg spräche, und berichtete, nachdem er über die Politik

gesprochen hatte, von seiner Bekanntschaft mit Metroff und seiner

Exkursion in die Sitzung. Lwoff interessierte dies sehr.

»Ich beneide Euch, daß Ihr Zutritt zu dieser interessanten

Gelehrtenwelt habt,« sagte er, und ging dann, wie gewöhnlich sogleich

zu der ihm bequemeren französischen Sprache über. »Ich habe allerdings

leider auch keine Zeit; denn mein Dienst sowohl, als die Beschäftigung

mit meinen Kindern beraubt mich derselben; dann aber scheue ich mich

nicht, zu bekennen, daß meine Bildung allzu mangelhaft ist.«

»Das glaube ich nicht,« antwortete Lewin lächelnd, und, wie gewöhnlich,

voll Erbarmen mit dieser niedrigen Meinung von sich selbst, die

durchaus nicht dem Wunsche, bescheiden zu erscheinen oder zu sein,

entsprang, sondern vollständig aufrichtig war.

»Ach, gewiß doch! Ich fühle es jetzt, wie wenig gebildet ich bin.

Selbst zur Erziehung der Kinder muß ich viel wieder an meinem

Gedächtnis auffrischen, ja geradezu lernen! Denn trotzdem, daß Lehrer

da sind, muß auch ein Aufseher da sein, sowie in Eurer Ökonomie

Arbeiter nötig sind nebst einem Inspektor. Da lese ich eben« -- er

zeigte auf die Grammatik Buslajeffs, welche auf dem Lesepult lag, »das

fordert man von Mischa, und es ist doch so schwierig -- erklärt mir

dies. Hier sagt er« --

Lewin wollte ihm erklären, daß man dies nicht verstehen könne, sondern

lernen müsse, doch Lwoff stimmte dem nicht bei.

»Ihr lacht darüber!« sagte er.

»Im Gegenteil, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich, im Hinblick

auf Euch, stets studiere, was mir auch bevorsteht, die Erziehung von

Kindern!«

»Nun, aber das Lernen taugt doch nichts,« sagte Lwoff.

»Ich kann nur sagen,« antwortete Lewin, »daß ich nie besser erzogene

Kinder gesehen habe, als die Euren, und keine besseren Kinder wünschte,

als die Euren sind.«

Lwoff hielt augenscheinlich an sich, seine Freude zu zeigen, aber er

erglänzte doch von einem Lächeln.

»Wenn sie nur besser werden als ich, das ist alles, was ich wünsche.

Ihr kennt noch nicht die ganze Mühe,« begann er, »mit den Knaben,

welche, wie die meinen, in diesem Leben im Auslande verwildert waren.«

»Ihr holt alles ein. Es sind ja so befähigte Kinder, und was die

Hauptsache ist -- sie haben eine moralische Erziehung. Das ist es, was

ich studiere, wenn ich Eure Kinder anblicke.«

»Ihr sagt, eine moralische Erziehung. Man kann sich nicht vorstellen,

wie schwer diese ist! Kaum habt Ihr die eine Seite bekämpft, so wachsen

andere hervor und es beginnt ein neuer Kampf. Hätte man nicht die

Stützen in der Religion -- wißt Ihr noch, wir haben zusammen darüber

gesprochen -- so würde kein Vater mit seinen Kräften allein, ohne diese

Hilfe, erziehen können.«

Dieses Lewin stets interessierende Gespräch wurde durch den Eintritt

der zur Ausfahrt angekleideten, schönen Nataly Aleksandrowna,

unterbrochen.

»Ah, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr hier seid,« sagte sie,

augenscheinlich nicht mit Bedauern, sondern vielmehr erfreut, daß sie

dieses, ihr schon längst bekannte, langweilige Gespräch unterbrochen

hatte. »Was macht Kity? Ich esse heute bei Euch. Weißt du Arseny,«

wandte sie sich an ihren Gatten, »du nimmst den Wagen.«

Unter den beiden Gatten begann nun ein Gespräch, wie sie den Tag

verleben wollten. Da der Gatte mit jemand im Amte zusammenkommen,

die Gattin aber in das Konzert und in die öffentliche Sitzung des

südöstlichen Komitees fahren mußte, so war viel zu beschließen und zu

überlegen.

Lewin, als unabhängiger Mann, mußte Teil an diesen Plänen nehmen,

und es ward beschlossen, daß er mit Nataly in das Konzert und in die

öffentliche Sitzung fuhr, von da aus den Wagen nach dem Comptoir zu

Arseniy sende und dieser Nataly abholen und mit zu Kity nehmen solle --

oder, wenn er mit seinen Geschäften noch nicht fertig wäre, den Wagen

zurückschicke und Lewin mit ihr fahre.

»Er beschämt mich ganz,« sagte Lwoff zu seiner Frau, »er versichert

mir, daß unsere Kinder vorzüglich sind, während ich doch weiß, daß sie

soviel Fehler haben.«

»Arseniy geht bis ins Extrem, ich sage es immer,« bemerkte seine

Gattin. »Wenn man Vollkommenheiten suchen will, so wird man nie

zufrieden werden, und Papa sagt die Wahrheit damit, daß es, als man

uns noch erzog, nur ein einziges Mittel gab -- man steckte uns ins

Entresol; während die Eltern in der Bel-Etage wohnten; jetzt hingegen

möchten die Eltern in die Rumpelkammer und die Kinder in die Bel-Etage!

Die Eltern möchten jetzt schon gar nicht mehr selbst leben, sondern nur

noch für ihre Kinder.«

»Aber wie, wenn dies das Angenehmere wäre?« sagte Lwoff, mit seinem

schönen Lächeln, ihren Arm berührend. »Wer dich nicht kennt, wird

glauben, du seist keine Mutter, sondern eine Stiefmutter.«

»Nein; das Extrem ist nie gut,« sagte Nataly ruhig, sein Papiermesser

auf den Tisch an den dafür bestimmten Platz legend.

»Nun kommt einmal her, ihr Musterkinder,« sagte Lwoff zu seinen

eintretenden hübschen Knaben, welche, Lewin begrüßend, zu ihrem Vater

traten, offenbar in dem Wunsche, ihn nach etwas zu fragen.

Lewin wollte mit ihnen reden und hören, was sie dem Vater zu sagen

hätten, aber Nataly begann mit ihm zu sprechen und soeben trat auch

ein Kollege Lwoffs im Amte, Machotin, in Hofuniform ein, um mit Lwoff

zusammen jemand zu treffen; es begann ein eifriges Gespräch über die

Herzogowina, die Fürstin Korzynska, die Duma und den plötzlichen Tod

der Apraksina.

Lewin hatte den ihm gegebenen Auftrag ganz vergessen. Er erinnerte sich

desselben erst beim Verlassen des Vorzimmers.

»Ach, Kity hat mir ja anvertraut, ich möchte Etwas mit Euch betreffs

Oblonskiys besprechen,« sagte er, als Lwoff auf der Treppe stehen

blieb, indem er sein Weib und ihn hinausbegleitete.

»Ja, ja, =maman= wünscht, daß wir, =les beaux-frères=, ihn vornehmen,«

sagte er errötend, »aber weshalb wohl ich dabei sein soll?« --

»So werde ich ihn vornehmen,« sagte die Lwowa lächelnd, das Ende des

Gesprächs abwartend; »doch jetzt kommt!«

5.

In der Matinee führte man zwei sehr interessante Novitäten vor. Die

eine war eine Phantasie »König Lear in der Steppe«, die andere ein

Quartett, dem Andenken Bachs gewidmet. Beide Stücke waren neu und von

originellem Geiste und Lewin wünschte sich eine Meinung über sie zu

bilden. Nachdem er seine Schwägerin nach deren Stuhl begleitet hatte,

trat er an eine Säule und nahm sich vor, so aufmerksam und gewissenhaft

als möglich zuzuhören. Er bemühte sich, nicht abzuschweifen und den

Eindruck in sich zu beinträchtigen, indem er auf die Armbewegungen

des Kapellmeisters in der weißen Halsbinde blickte, die stets die

musikalische Aufmerksamkeit so unangenehm ablenkten, oder auf die

Damen in ihren Hüten, welche sich geflissentlich für das Konzert die

Ohren mit Bändern zugebunden hatten, oder auf alle jene Personen,

die entweder mit nichts beschäftigt, oder von den verschiedensten

Interessen, nur nicht dem für Musik, eingenommen waren.

Er bemühte sich, den Begegnungen mit Musikkennern und Schwätzern aus

dem Wege zu gehen, und stand nur vor sich niederblickend und lauschte.

Doch je mehr er von der Phantasie König Lear hörte, um so ferner fühlte

er sich der Möglichkeit gerückt, sich selbst eine bestimmte Meinung zu

bilden.

Unaufhörlich begann es, als bereite sich der Ausdruck einer

musikalischen Empfindung vor, sogleich aber fiel derselbe in Trümmer

von neuen Ansätzen zu musikalischen Phrasen auseinander, bisweilen

sogar einfach in durch nichts als die Laune des Komponisten verbundene,

aber außerordentlich komplizierte Klänge.

Aber gerade die Unterbrechungen dieser musikalischen Phrasen, die

bisweilen gut waren, zeigten sich als unangenehm, weil sie vollständig

unerwartet und durch nichts vorbereitet erschienen. Frohsinn und

Trauer, Verzweiflung und Zartheit oder Triumph erschienen ohne jede

innere Berechtigung, gleichsam wie die Gefühle eines Wahnsinnigen; und

ebenso wie bei einem Wahnsinnigen, vergingen sie auch wieder unerwartet.

Lewin hatte während der ganzen Zeit der Aufführung das Gefühl

eines Tauben, welcher auf Tanzende schaut. Er war in vollständiger

Ungewißheit, nachdem das Stück geendet hatte, und fühlte große Ermüdung

von der gespannten, durch nichts gelohnten Aufmerksamkeit. Von allen

Seiten wurde lautes Händeklatschen vernehmbar. Alles erhob sich und

begann herumzulaufen um sich zu unterhalten.

Im Wunsche, nach dem Eindruck anderer seinen Zweifel aufzuklären,

begann auch Lewin zu gehen, um Kenner zu suchen, und war erfreut,

als er einen namhaften Musikkenner im Gespräch mit dem ihm bekannten

Peszoff erblickte.

»Wunderbar!« sagte der tiefe Baß Peszoffs.

»Guten Tag, Konstantin Dmitritsch. Ganz besonders formgerecht und

monumental, sozusagen; und wie reich an Farben ist jene Stelle, in

welcher man die Annäherung Cordelias fühlt, wo die Frau, >das ewig

Weibliche< wie der Deutsche sagt, in den Kampf mit dem Schicksal tritt.

Nicht wahr?«

»Nun, inwiefern war denn da gerade Cordelia?« frug Lewin schüchtern; er

hatte vollständig vergessen, daß die Phantasie König Lear in der Steppe

ausdrücken solle.

»Es zeigt sich Cordelia -- hier!« sagte Peszoff, mit den Fingern auf

den atlasglänzenden Zettel schlagend, den er in der Hand hielt und

Lewin nun hinreichte.

Jetzt erst erinnerte sich Lewin des Titels der Phantasie und beeilte

sich nun, die Verse Shakespeares in der russischen Übersetzung zu

lesen, welche auf der Rückseite des Programms gedruckt standen.

»Ohne dies kann man freilich nicht folgen,« sagte Peszoff, sich zu

Lewin wendend, da der Herr mit welchem er sich unterhalten hatte,

gegangen war, und er mit niemand mehr zu sprechen hatte.

Im Zwischenakt entspann sich zwischen Lewin und Peszoff ein Streit über

die Vorzüge und Mängel der Wagnerschen Musikrichtung. Lewin wies nach,

daß der Irrtum Wagners und aller seiner Nachfolger darin bestehe, daß

hier die Musik in das Gebiet einer fremdartigen Kunst übergehen wolle,

daß auch die Poesie irre, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe,

was die Malerei zu thun hätte, und führte als Beispiel eines solchen

Irrtums jenen Bildhauer an, welcher die Schatten der poetischen

Gestalten, die rings um die Figur des Dichters auf dem Piedestal

aufragten, in Marmor zu bilden gedachte.

»Diese Schatten werden ebensowenig Schatten für den Bildhauer sein, daß

sie sich sogar an der Leiter anhalten können,« sagte Lewin. Der Satz

gefiel ihm, doch er konnte sich nicht entsinnen, ob er ihn nicht schon

früher einmal ausgesprochen hatte, gerade gegen Peszoff, und geriet

daher, nachdem er ihn geäußert, in Verlegenheit.

Peszoff hingegen wies nach, daß die Kunst einheitlich sei und ihre

höchsten Offenbarungen nur in der Vereinigung aller ihrer Arten

erreichen könne.

Die zweite Nummer des Konzerts konnte Lewin nicht mehr hören. Peszoff,

der neben ihm stehen geblieben war, hatte fast die ganze Zeit mit

ihm gesprochen, indem er dieses Stück wegen seiner übermäßigen

geschmackswidrigen, unvermittelten Einfachheit den Praeraphaeliten in

der Malerei verglich.

Beim Hinausgehen begegnete Lewin noch vielen Bekannten, mit welchen er

über Politik, über Musik und gemeinsame Bekannte sprach, unter anderen

traf er auch den Grafen Bolj, dessen Besuch er gänzlich vergessen hatte.

»Nun, so fahrt nur gleich hin,« sagte die Lwowa zu ihm, der er dies

mitgeteilt hatte, »vielleicht empfängt man Euch nicht und Ihr kommt

dann zu mir in die Sitzung. Ihr werdet mich da schon noch treffen.«

6.

»Man empfängt wohl nicht?« sagte Lewin, in den Flur des Hauses der

Gräfin Bolj tretend.

»Man empfängt, bitte,« antwortete der Portier, ihm resolut den Pelz

abnehmend.

»Ist das unangenehm,« dachte Lewin, mit einem Seufzer den einen

Handschuh abstreifend und seinen Hut glättend. »Weshalb komme ich denn

eigentlich? Was soll ich denn mit ihnen reden?«

Durch den ersten Salon schreitend, traf Lewin in der Thür die Gräfin

Bolj, welche mit geschäftigem und ernstem Ausdruck dem Diener einen

Befehl erteilte.

Als sie Lewin erblickte, lächelte sie und nötigte ihn in den folgenden,

kleinen Salon, aus welchem Stimmen vernehmbar waren. In diesem Salon

saßen auf Lehnstühlen die beiden Töchter der Gräfin und ein, Lewin

bekannter, Moskauer Oberst. Lewin näherte sich ihnen, grüßte, und ließ

sich neben dem Diwan nieder, den Hut auf dem Knie haltend.

»Wie ist das Befinden Eurer Frau? Waret Ihr im Konzert? Wir konnten

nicht! Mama mußte bei einer Totenmesse gegenwärtig sein.«

»Ja, ich habe gehört -- welch ein plötzlicher Todesfall,« sagte Lewin.

Die Gräfin kam, setzte sich auf den Diwan und frug gleichfalls nach

seiner Frau und dem Konzert.

Lewin antwortete und wiederholte die Frage nach dem plötzlichen Tode

der Apraksina.

»Sie war überhaupt stets von schwacher Gesundheit.«

»Waret Ihr gestern in der Oper?«

»Ja, ich war da.«

»Die Lucca war sehr gut.«

»Ja, sehr gut,« sagte er und begann, da es ihm ganz gleichgültig war,

was man von ihm denken mochte, zu wiederholen, was er hundertmal schon

über die Eigentümlichkeit des Talentes der Sängerin gehört hatte.

Die Gräfin Bolj stellte sich, als höre sie zu. Als er dann genug

geredet hatte, und nun schwieg, begann der Oberst, welcher bis jetzt

geschwiegen hatte.

Der Oberst fing gleichfalls an, über die Oper und die Beleuchtung

zu sprechen und als er endlich noch von einem vorgeschlagenen

=folle journée= bei Tjurin berichtet hatte, brach er in Gelächter

aus, verursachte ein Geräusch, erhob sich und ging. Auch Lewin war

aufgestanden, bemerkte aber an dem Gesicht der Gräfin, daß für ihn

die Zeit des Gehens noch nicht da sei; noch zwei Minuten fehlten,

und so setzte er sich denn wieder. Da er indessen noch immer darüber

nachdachte, wie thöricht das alles sei, so fand er auch keinen Stoff zu

einem Gespräch und blieb stumm.

»Fahrt Ihr nicht in die öffentliche Sitzung? Man sagt, sie sei sehr

interessant,« begann die Gräfin.

»Nein, ich habe nur meiner =belle soeur= versprochen, sie dort

abzuholen,« sagte Lewin.

Ein Schweigen trat ein. Die Mutter wechselte nochmals einen Blick mit

der Tochter.

»Jetzt scheint es Zeit zu sein,« dachte Lewin und stand auf. Die

Damen drückten ihm die Hand und baten, seiner Gattin =mille choses=

ausrichten zu wollen.

Der Portier frug ihn, als er ihm den Pelz reichte, »wo beliebt Ihr zu

stehen?« und trug ihn sogleich in ein großes, hübsch gebundenes Buch

ein.

»Mir ist das natürlich doch ganz gleichgültig, aber dennoch bleibt das

lästig und entsetzlich thöricht,« dachte Lewin, sich damit tröstend,

daß alle es ja so machten, und fuhr nach der öffentlichen Sitzung des

Komitees, wo er seine Schwägerin treffen sollte, um mit derselben

zusammen nach Haus zu fahren.

In der öffentlichen Sitzung des Komitees war viel Volk und fast die

gesamte Gesellschaft zugegen. Lewin trat gerade ein, als das Protokoll

verlesen wurde, welches wie jedermann sagte, sehr interessant war. Als

die Lektüre des Protokolls beendet war, mischte sich die Gesellschaft

untereinander und Lewin traf auch Swijashskiy, der ihn für den Abend

dringend in die Gesellschaft für Landwirtschaft einlud, wo ein

berühmter Vortrag gelesen werden würde, ferner Stefan Arkadjewitsch,

der soeben von den Rennen gekommen war, und noch viele andere

Bekannte, und Lewin äußerte und vernahm verschiedene Urteile über

die Sitzung, über das neue Musikstück und einen Prozeß. Doch mochte

er, wohl infolge der Ermüdung seiner geistigen Spannkraft, die er zu

empfinden begann, irren, indem er von dem Prozeß sprach, und dieser

Irrtum kam ihm in der Folge mehrmals noch zu seinem Verdruß wieder

in die Erinnerung. Indem er von der bevorstehenden Bestrafung eines

Ausländers sprach, der in Rußland abgeurteilt wurde, sowie davon, daß

es ungesetzmäßig wäre, ihn mit Verbannung ins Ausland zu bestrafen,

wiederholte Lewin, was er gestern in einem Gespräch von einem Bekannten

vernommen hatte. »Ich denke, daß seine Ausweisung ebensoviel wert wäre,

als wenn man einen Hecht damit bestrafen wollte, daß man ihn ins Wasser

setzt,« meinte Lewin. Erst später dachte er wieder daran, daß dieser

scheinbar von ihm geäußerte Gedanke, den er von einem Bekannten gehört

hatte, aus einer Fabel Kryloffs stammte, der Bekannte aber diesen

Gedanken aus dem Feuilleton eines Journals wiederholt hatte.

Nachdem Lewin mit seiner Schwägerin nach Haus gefahren war und Kity

heiter und wohl gefunden hatte, fuhr er nach dem Klub.

7.

Er kam erst zu vorgerückter Zeit in den Klub. Gleichzeitig mit ihm

kamen Gäste und Mitglieder vorgefahren. Er war sehr lange nicht hier

gewesen; seit der Zeit nicht, als er noch nach dem Verlassen der

Universität in Moskau gewohnt und die Gesellschaft besucht hatte. Er

entsann sich wohl noch des Klubs, und der äußeren Einzelheiten seiner

Einrichtung, hatte aber den Eindruck gänzlich vergessen, den er in

früherer Zeit davon erhalten hatte.

Kaum jedoch hatte er, nachdem er auf den geräumigen halbrunden Hof

gefahren und aus dem Mietgeschirr gestiegen war, die Treppe betreten,

während ihm der Portier in seinem Brustgurt geräuschlos die Thür

öffnete und sich verbeugte; kaum hatte er in der Portierloge die

Kaloschen und Pelze von Mitgliedern wieder erblickt, welche erwogen

hatten, daß es weniger Mühe verursachte, die Kaloschen gleich unten

abzulegen, als sie mit nach oben zu nehmen; kaum hatte er den

geheimnisvollen, ihm vorauseilenden Glockenton vernommen, und die

schräge, mit Teppichen belegte Treppe betretend, auf dem Treppenabsatz

die Statue erblickt, und in den oberen Thüren den dritten,

altgewordenen, ihm wohlbekannten Portier in der Klublivree, der weder

zu schnell noch zu langsam die Thür öffnete und den Gast anblickte --

da überkam Lewin wieder das alte Klubgefühl, ein Gefühl von Erholung,

Vergnügen und Noblesse.

»Bitte, den Hut,« sagte der Portier zu Lewin, welcher die Klubregel,

den Hut in der Portierloge zu lassen, vergessen hatte. »Ihr seid lange

nicht hier gewesen. Der Fürst hat Euch noch gestern eingeschrieben.

Fürst Stefan Arkadjewitsch ist noch nicht anwesend.«

Der Portier kannte nicht nur Lewin, sondern auch dessen sämtliche

Verbindungen und Verwandtschaft und that sofort der ihm nahestehenden

Männer Erwähnung.

Den ersten Vorsaal mit den Ofenschirmen, und dann ein rechts

abgetrenntes Zimmer, in welchem der Obstverkäufer saß, durchschreitend,

überholte Lewin einen langsam gehenden Herrn und trat in das vom Lärm

versammelter Menschen erfüllte Speisezimmer.

Er schritt längs der fast schon besetzten Tische hin, die Gäste

musternd. Hier und da fielen ihm die verschiedensten Personen, alte

und junge, aber kaum bekannte oder nahestehende ins Auge. Hier gab

es kein einziges gereiztes oder sorgenvolles Gesicht. Alle, wie

es schien, hatten in der Portierloge mit ihren Hüten auch ihre

Bedrängnisse und Sorgen zurückgelassen und sich vorgenommen, mit Muße

die materiellen Annehmlichkeiten des Lebens hier zu genießen. Hier war

auch Swijashskiy, Schtscherbazkiy, Njewjedowskiy, der alte Fürst, sowie

Wronskiy und Sergey Iwanowitsch.

»Ah, hast du dich verspätet?« sagte der Fürst lächelnd, ihm mit der

Hand auf die Schulter schlagend. »Was macht Kity?« fügte er hinzu,

die Serviette ordnend, die er sich zwischen einem Knopf der Weste

eingeklemmt hatte.

»Befindet sich ganz wohl; die Damen speisen zu Dreien zu Haus.«

»Aha, Alina -- Nadina; nun, bei uns hier ist freilich kein Platz mehr.

Aber geh zu jenem Tisch und nimm möglichst schnell einen Platz ein,«

sagte der Fürst und ergriff, sich umwendend, behutsam einen Teller mit

Quappensuppe.

»Lewin, hierher!« rief etwas weiterhin eine freundliche Stimme. Es war

Turowzyn. Er saß bei einem jungen Offizier und zwischen ihnen standen

zwei umgewendete Stühle. Lewin schritt erfreut auf sie zu. Er hatte den

gutmütigen Zecher Turowzyn stets lieb gehabt; mit ihm vereinigte sich

seine Erinnerung an die Liebeserklärung gegen Kity; heute aber, nach

all den angestrengten geistigen Unterhaltungen war ihm die gutmütige

Erscheinung Turowzyns besonders willkommen.

»Diese Stühle sind für Euch und Oblonskiy. Er wird auch sogleich da

sein!«

Der Offizier, welcher sich sehr gerade hielt, mit heiteren, ewig

lachenden Augen war ein Petersburger, namens Gagin. Turowzyn machte

beide miteinander bekannt.

»Oblonskiy kommt doch ewig zu spät.«

»Da ist er ja!«

»Bist du soeben gekommen?« sagte Oblonskiy, schnell zu ihnen

herkommend. »Geht es gut? Hast du schon einen Liqueur genommen? Komm!«

Lewin erhob sich und ging mit ihm nach dem großen Tisch, der mit

Liqueuren und den mannigfaltigsten Leckerbissen besetzt war. Man

konnte wohl aus zwanzig verschiedenen Dingen auswählen, was nach dem

Geschmack war, aber Stefan Arkadjewitsch forderte einen ganz besonderen

Liqueur, und einer der dastehenden Diener in Livree brachte sofort das

Gewünschte. Sie tranken jeder ein Glas und kehrten dann zum Tische

zurück.

Sogleich, noch bei der Suppe, brachte man Gagin Champagner und dieser

ließ vier Gläser füllen. Lewin wies den angebotenen Wein nicht zurück

und bestellte eine zweite Flasche. Er war hungrig, speiste und trank

mit großem Appetit und nahm mit noch größerem Vergnügen an den heiteren

und leichten Gesprächen seiner Gesellschafter teil. Gagin, der die

Stimme hatte sinken lassen, erzählte eine neue Petersburger Anekdote,

die, obwohl indecent und ungereimt, doch lustig genug war, sodaß Lewin

so laut lachte, daß die Nachbarn ihn anblickten.

»Das ist etwas von der Art, wie >dies gerade kann ich gar nicht

vertragen!< -- Weißt du?« -- frug Stefan Arkadjewitsch. »Ach, das ist

reizend! Noch eine Flasche,« sagte er zu dem Diener, und begann zu

erzählen.

»Peter Iljitsch Winowskiy lassen bitten,« unterbrach ein alter Diener

Stefan Arkadjewitsch, zwei feine Gläser perlenden Champagners bringend

und sich an Stefan Arkadjewitsch und Lewin wendend.

Stefan Arkadjewitsch ergriff das Glas und nickte lächelnd nach der

anderen Seite des Tisches, mit einem kahlköpfigen, rothaarigen und

bärtigen Herrn einen Blick tauschend, mit dem Kopfe.

»Wer ist dies?« frug Lewin.

»Du bist ihm schon einmal bei mir begegnet, besinnst du dich? Er ist

ein vortrefflicher Mensch.«

Lewin that, was Stefan Arkadjewitsch that und nahm das Glas.

Die Anekdote Stefan Arkadjewitschs war gleichfalls sehr ergötzlich.

Lewin erzählte nun seine Anekdote, welche auch gefiel, dann kam das

Gespräch auf Pferde, auf die Rennen des heutigen Tages und darauf, wie

schlau der Atlasny Wronskiys den ersten Preis gewonnen habe. Lewin

bemerkte gar nicht, wie die Zeit beim Essen verging.

»Ah, da ist er ja selbst!« sagte gegen das Ende des Essens Stefan

Arkadjewitsch, sich über die Lehne des Stuhles beugend und dem in

Begleitung eines hohen Gardeobersten auf ihn zukommenden Wronskiy, die

Hand entgegenstreckend. In dem Gesicht Wronskiys leuchtete gleichfalls

die allgemeine heitere Klubgemütlichkeit. Frohgelaunt stützte er sich

auf die Schulter Stefan Arkadjewitschs, indem er demselben etwas

zuflüsterte, und streckte Lewin mit dem nämlichen heiteren Lächeln die

Hand entgegen.

»Sehr erfreut, Euch hier zu treffen,« sagte er. »Ich hatte Euch

damals nach den Wahlen gesucht, man sagte mir aber, Ihr wäret schon

weggefahren.«

»Ja; ich bin noch denselben Tag fortgefahren; wir hatten übrigens

soeben von Eurem Pferde gesprochen. Ich gratuliere Euch,« sagte Lewin,

»das war ein sehr schneller Ritt!«

»Ihr habt doch wohl auch Pferde?«

Anna Karenina, 2. Band · 第 9 / 13 题