dieser Muskeln da, welche er heute früh beim Turnen befühlt hatte, der
blitzenden Augen, der gedämpften Stimme und der bebenden Kinnbacken
Wasjenka mehr als Worte überzeugen; er verbeugte sich, nachdem er die
Achseln gezuckt und verächtlich gelächelt hatte.
»Kann ich nicht Oblonskiy sehen?«
Das Achselzucken und Lächeln brachten Lewin nicht auf, »was bleibt ihm
weiter übrig?« dachte dieser.
»Ich werde ihn sofort zu Euch schicken.«
»Was ist das für ein Unsinn,« sagte Stefan Arkadjewitsch der von dem
Freunde erfahren hatte, daß man ihn aus dem Hause jage, zu Lewin, als
er diesen im Garten fand, wo er, die Abfahrt des Gastes erwartend,
spazieren ging.
»=Mais c'est ridicule=! Was für eine Fliege hat dich denn gestochen.
=Mais c'est du dernier ridicule=! Was ist dir darin erschienen, daß ein
junger Mann« --
Die Stelle, an welcher Lewin die Fliege gestochen hatte, schmerzte
aber offenbar noch, da derselbe abermals bleich wurde, als Stefan
Arkadjewitsch ihm die Ursache klarmachen wollte, und diesen hastig
unterbrach.
»Bitte, erkläre mir keine Ursache! Ich kann nicht anders! Es thut mir
sehr leid um deinet- und seinetwillen, aber ihm, glaube ich, verursacht
es kein großes Herzeleid, abreisen zu müssen, während mir und meiner
Frau seine Gegenwart unangenehm ist.«
»Es ist dies aber eine Beleidigung für ihn! =Et puis c'est ridicule=!«
»Auch für mich ist es beleidigend und peinlich! Und doch bin ich an
nichts schuld, und habe keinen Grund, leiden zu sollen!«
»Das hätte ich nicht von dir erwartet! =On peut être jaloux, mais à ce
point, c'est du dernier ridicule=!«
Lewin wandte sich schnell um und ging von ihm hinweg in die Tiefe der
Allee, wo er seinen Spaziergang allein auf und abwärts fortsetzte. Bald
vernahm er das Rollen des Tarantaß und sah hinter den Bäumen hervor,
wie Wasjenka, auf Heu sitzend, denn leider gab es keine Sitzbank in dem
Tarantaß, mit seiner schottischen Mütze, von den Stößen in die Höhe
schnellend, durch die Allee fuhr.
»Was giebt es denn noch?« dachte Lewin, als ein Diener, der aus dem
Hause eilte, den Tarantaß halten ließ. Es war der Maschinist, den
Lewin gänzlich vergessen hatte. Nachdem derselbe gegrüßt hatte, sprach
er etwas mit Wasjenka, stieg darnach auf den Tarantaß und sie fuhren
zusammen ab.
Stefan Arkadjewitsch und die Fürstin waren verstimmt von der
Handlungsweise Lewins. Auch dieser selbst fühlte sich nicht nur im
höchsten Grade »=ridicule=«, sondern auch schuldig und beschimpft; als
er sich aber vergegenwärtigte, was er und sein Weib gelitten hatten,
gab er sich, indem er sich selbst frug, wie er ein zweites Mal handeln
würde, die Antwort, daß er es ganz wieder so gemacht hätte.
Trotz alledem war zu Ende dieses Tages jedermann, mit Ausnahme
der Fürstin, welche Lewin sein Verfahren nicht verzeihen konnte,
außergewöhnlich lebhaft und heiter, gleichwie Kinder nach einer
Bestrafung oder Erwachsene nach einem wichtigen offiziösen Empfang, so
daß abends in der Abwesenheit der Fürstin von der Entfernung Wasjenkas
gesprochen wurde, wie von einem längst geschehenen Vorfall.
Auch Dolly, welche von ihrem Vater die Gabe besaß, humoristisch zu
erzählen, brachte Warenka zu dem herzlichsten Lachen, als sie zum
dritten oder vierten Mal, mit immer neuen humoristischen Zuthaten
berichtete, wie sie gerade dabei gewesen sei, ihre neuen Halbstiefeln
des Gastes halber anzulegen und schon in den Salon gegangen sei, als
sie plötzlich das Kreischen einer alten Karrete vernommen hätte. Und
wer hätte darin gesessen? Wasjenka, mit der schottischen Mütze und den
Romanzen, mit den Reitgamaschen, auf dem Heu.
»Hätte er nur wenigstens den Wagen anspannen lassen! Aber nein! und
dann hörte ich »halt!« -- Nun, denke ich, man hat Mitleid mit ihm
bekommen! Ich sehe nach; da setzt man noch den dicken Deutschen zu
ihm und fährt ihn weiter. Aus war es mit meinen hübschen schottischen
Bändern.«
16.
Darja Aleksandrowna führte ihre Absicht aus und reiste zu Anna.
Es that ihr sehr leid, die Schwester erbittern und etwas thun zu
müssen, was deren Gatten unangenehm war; sie begriff, wie sehr recht
die Lewin hatten, mit dem Wunsche, keine Beziehungen mit den Wronskiy
zu pflegen, allein sie erachtete es für ihre Pflicht, zu Anna zu
kommen, und ihr zu zeigen, daß ihre Gefühle sich nicht verändern
könnten trotz der Veränderung ihrer Lage.
Um bei dieser Reise nicht von den Lewin abhängen zu müssen, sandte
Darja Aleksandrowna nach ihrem Dorfe, um Pferde mieten zu lassen; doch
Lewin, der hiervon erfahren hatte, kam, um ihr Vorwürfe zu machen.
»Warum denkst du, daß mir deine Reise unangenehm sei? Ja, und selbst
wenn sie mir unangenehm wäre, so wäre sie es mir dadurch noch mehr,
daß du nicht meine Pferde nimmst,« sagte er. »Du hast mir nicht ein
einziges Mal gesagt, daß du entschieden fahren wolltest. Und nun auf
dem Dorfe Pferde zu mieten, ist erstens unangenehm für mich, und dann,
was die Hauptsache ist, man mietet sie, aber sie bringen dich nicht
hin. Ich habe doch Pferde; und wenn du mich nicht böse machen willst,
so nimmst du sie.«
Darja Aleksandrowna mußte einwilligen, und am festgesetzten Tag hatte
Lewin für seine Schwägerin ein Viergespann von Pferden und einen
Vorspann aus Zug- und Reitpferden gewählt, bereit gemacht, der nicht
sehr schön, aber doch imstande war, Darja Aleksandrowna in einem Tage
an ihr Ziel zu bringen.
Jetzt, wo Pferde sowohl für die Fürstin, welche abreiste, wie für
die Wehfrau gebraucht wurden, war das eine schwierige Aufgabe für
Lewin gewesen, doch konnte derselbe der Pflicht der Gastfreundschaft
Folge leistend, nicht zugeben, daß Darja Aleksandrowna von seinem
Hause aus Pferde mietete, und außerdem wußte er auch, daß die zwanzig
Rubel, welche man von Darja Aleksandrowna für die Fahrt verlangte,
für dieselbe von großer Bedeutung waren; die Finanzverhältnisse Darja
Aleksandrownas, welche sich in sehr schlechtem Zustande befanden,
wurden von den Lewin empfunden, als wären es ihre eigenen.
Darja Aleksandrowna fuhr nach dem Rate Lewins noch vor der Morgenröte
ab. Der Weg war gut, der Wagen ging ruhig, die Pferde liefen munter und
auf dem Bocke saß noch außer dem Kutscher, an Stelle eines Dieners,
der Comptoirschreiber, der von Lewin der Sicherheit halber mitgesandt
worden war. Darja Aleksandrowna träumte und erwachte erst, als sie
schon zu der Poststation gekommen war, wo die Pferde gewechselt werden
mußten.
Nachdem sie den Thee bei jenem nämlichen begüterten Großbauern,
bei welchem Lewin auf seiner Fahrt zu Swijashskiy gerastet hatte,
eingenommen, und sich mit den Weibern über die Kinder, mit dem Alten
über den Grafen Wronskiy unterhalten hatte, den jener sehr lobte, fuhr
Darja Aleksandrowna um zehn Uhr weiter. Zu Hause hatte sie, vor Sorgen
um ihre Kinder, nie Zeit zu denken. Dafür aber häuften sich jetzt erst,
auf dieser vierstündigen Fahrt, alle die vorher unterdrückt gewesenen
Gedanken plötzlich in ihrem Kopfe, und sie überdachte ihr ganzes Leben,
wie sie es noch nie zuvor gethan, und von den verschiedensten Seiten
aus. Ihr selbst kamen ihre eigenen Gedanken seltsam vor.
Im Anfang dachte sie ihrer Kinder, um die sie sich, obwohl ihr die
Fürstin, wie besonders Kity -- auf diese verließ sie sich vielmehr --
versprochen hatten, nach ihnen zu sehen, gleichwohl beunruhigte.
»Wie wenn Mascha wiederum dumme Streiche machte, wenn den Grischa ein
Pferd schlüge und der Magen Lilys noch mehr verdorben würde.«
Dann aber begannen die Fragen der Gegenwart sich mit denen der nächsten
Zukunft abzulösen. Sie dachte jetzt daran, daß man in Moskau für diesen
Winter eine neue Wohnung mieten, die Möbel im Salon umtauschen und der
ältesten Tochter einen Pelz fertigen lassen müsse. Darnach tauchten die
Fragen der entfernten Zukunft vor ihr auf; wie sie ihre Kinder in die
Welt einführen würde, »mit den Mädchen ist es noch nichts«, dachte sie,
»aber mit den Knaben?«
»Gut; ich beschäftige mich jetzt mit Grischa, aber ich kann es doch
nur deshalb, weil ich selbst jetzt kein Kind unter dem Herzen trage.
Auf Stefan läßt sich natürlich nicht rechnen. Jedoch mit Hilfe guter
Menschen werde ich sie schon erziehen; und wenn wieder einmal eine
Geburt« -- ihr kam der Gedanke, wie ungerecht der Ausspruch sei, daß
der Fluch auf dem Weibe liege, daß sie in Schmerzen Kinder gebäre.
»Die Geburt selbst hat nichts zu sagen, aber das Austragen -- das ist
das Qualvolle,« dachte sie, sich ihrer letzten Schwangerschaft und des
Todes dieses letzten Kindes erinnernd. Es fiel ihr auch das Gespräch
mit der jungen Frau auf dem Posthof wieder ein. Auf ihre Frage, ob sie
Kinder habe, hatte dieselbe ganz heiter geantwortet: »Ich hatte ein
Mädchen, aber Gott hat es erlöst, ich habe es zu den Fasten begraben.«
»Hast du es sehr betrauert?« hatte Darja Aleksandrowna weiter gefragt.
»Wozu betrauern? Der Alte hat Enkel, und zwar viel. Man hat doch nur
Sorge dabei, und kann weder arbeiten noch sonst etwas thun, sondern ist
nur gebunden.«
Diese Antwort war Darja Aleksandrowna abstoßend erschienen, ungeachtet
des gutmütigen Äußeren der jungen Frau, jetzt aber vergegenwärtigte sie
sich unwillkürlich diese Worte. Es lag auch ein Teil von Wahrheit in
diesen cynischen Äußerungen.
»Und im allgemeinen,« dachte Darja Aleksandrowna, auf ihr ganzes Leben
während der fünfzehn Jahre ihrer Ehe zurückblickend, »Schwangerschaft,
Übelkeiten, Stumpfsinn, Gleichgültigkeit für alles, und hauptsächlich
Ruin der Schönheit. Kity, die junge, hübsche Kity, auch sie war häßlich
geworden, ich aber werde in der Schwangerschaft ungeschlacht, ich weiß
es. Geburten, Leiden, undenkbare Schmerzen; dann jene letzte Minute
-- hierauf aber die Ernährung, alle die schlaflosen Nächte, diese
furchtbaren Schmerzen« --
Darja Aleksandrowna erbebte schon vor der Erinnerung an den Schmerz
einer aufgehenden Brustwarze, den sie fast bei jedem Kind gehabt
hatte. »Dann kommen die Kinderkrankheiten, diese ewige Angst, dann die
Gedanken wegen schlimmer Neigungen« -- sie dachte an das Vergehen der
kleinen Mascha in den Himbeeren -- »der Unterricht, das Latein, alles
das so unverständlich und schwierig. Und außer dem allen noch die
Möglichkeit des Todes eben dieser Kinder!«
Und wiederum tauchte in ihrer Phantasie die ewig ihr Mutterherz
drückende, herbe Erinnerung an den Tod ihres letzten Knaben auf, der
noch an der Brust gelegen hatte, und in der Krippe gestorben war. Sie
dachte an sein Begräbnis, die allgemeinherrschende Gleichgültigkeit
für jenes kleine rosengeschmückte Grab, an ihren herzzerreißenden,
vereinsamten Schmerz über der bleichen, kleinen Stirn mit den hohen
Schläfen, über dem geöffneten, verwundert scheinenden Mündchen, welches
aus dem Sarge herausschaute, als man denselben mit einem Rosendeckel
und einem Kreuz bedeckte.
»Und warum alles das? Was folgt aus alledem? Daß ich, ohne einen
Augenblick Ruhe zu haben, bald in gesegneten Umständen, bald ein
Kind nährend, ewig mich ereifernd, scheltend, mich selbst und andere
folternd, dem Manne zuwider, mein Leben hinlebe, und mir unglückliche,
schlecht erzogene und unbemittelte Kinder aufwachsen?
»Und jetzt -- wäre nicht dieser Sommer bei den Lewin, ich wüßte nicht,
wie wir ihn verleben sollen. -- Natürlich sind Konstantin und Kity so
zartfühlend, daß sie es uns nicht merken lassen, aber es kann doch
nicht so fortgehen! Sie werden Kinder bekommen und uns nicht mehr
unterstützen können; sind sie doch schon jetzt in Bedrängnis. Und was
kann Papa, der für sich fast nichts mehr übrig behalten hat, noch
helfen? Die Verhältnisse liegen so, daß ich die Kinder nicht allein
erziehen kann, nur mit Hilfe anderer, und mit eigener Erniedrigung. Und
nehmen wir selbst den glücklichsten Fall; sollten mir keine Kinder mehr
sterben und sollte ich sie erziehen können, so werden sie im besten
Falle doch nur höchstens keine Taugenichtse werden. Das ist alles,
was ich wünschen kann. Und dafür so viele Qualen, so viele Mühen! Ein
ganzes, verlorenes Leben!« --
Und wieder fiel ihr ein, was die junge Frau gesagt hatte, wiederum
war es ihr widerlich, daran zu denken; und gleichwohl mußte sie doch
zugeben, daß in jenen Worten ein Stück rauher Wahrheit lag.
»Ist es denn noch weit, Michail?« frug Darja Aleksandrowna den
Comptoirdiener, um sich ihren Gedanken, die sie bange machten, zu
entreißen.
»Von diesem Dorfe sollen es noch sieben Werst sein!«
Der Wagen fuhr in der Dorfgasse über eine kleine Brücke. Über die
Brücke ging geräuschvoll und lustig schwatzend ein Haufe frohgelaunter
Weiber. Die Weiber blieben auf der Brücke stehen, neugierig den
Wagen betrachtend. Alle ihr zugewandten Gesichter erschienen Darja
Aleksandrowna gesund, heiter, neckisch für sie in ihrer Lebenslust.
»Sie alle leben, und freuen sich ihres Lebens,« fuhr Darja
Aleksandrowna in ihrem Gedankengang fort, an den Weibern
vorüberfahrend, einen Berg hinauf und dann im Trab wieder weiter,
angenehm gewiegt auf den geschmeidigen Federn der alten Kutsche, »ich
aber, wie aus einem Gefängnis hinausgelassen aus jener Welt, die mich
mit ihren Sorgen ertötet, komme nur jetzt auf einen Augenblick zur
Besinnung. Sie alle leben doch; diese Weiber, die Schwester Nataly,
Warenka, Anna, zu der ich fahre, -- nur ich lebe nicht! --
Anna greifen sie an; aber warum? Bin ich denn besser? Ich habe zwar
wenigstens einen Mann, den ich liebe. Wäre es nicht so, wie wollte ich
lieben, aber ich liebe ja ihn; während Anna den ihren nicht geliebt
hat. Wessen ist sie nun schuldig? Sie will leben! Gott hat uns das
in die Seele gelegt! Es ist sehr wohl möglich, daß ich das Nämliche
gethan hätte. Und bis heute weiß ich noch nicht, ob ich wohl daran
that, ihr in jener furchtbaren Zeit gehorcht zu haben, als sie zu mir
nach Moskau kam. Damals hätte ich meinen Gatten verlassen und ein
neues Leben beginnen müssen. Ich hätte lieben können und wahr geliebt
werden können! Und ist es nun etwa besser geworden? Ich achte ihn
nicht! Ich brauche ihn aber,« dachte sie ihres Gatten, »und so dulde
ich ihn. Ist das etwa besser? Damals konnte ich noch gefallen, da hatte
ich noch meine Schönheit,« fuhr Darja Aleksandrowna fort, zu sinnen,
und sie hätte gern einmal in den Spiegel geblickt. In ihrem Reisesack
befand sich ein kleiner Reisespiegel, und sie wollte ihn hervorholen,
doch indem sie auf die Rücken des Kutschers und des schaukelnden
Comptoirdieners blickte, fühlte sie, daß es ihr fatal sein müßte, wenn
einer der beiden sich umschaute; und sie holte den Spiegel nicht hervor.
Aber auch wenn sie nicht in den Spiegel blickte, meinte sie, sei es
jetzt noch nicht zu spät; und sie dachte an Sergey Iwanowitsch, der
besonders liebenswürdig gegen sie war, an den Freund Stefans, den
guten Turovzyn, der mit ihr zusammen ihre Kinder beim Scharlachfieber
gepflegt hatte und in sie verliebt war. Und noch ein ganz junger Mann
war da, welcher, wie ihr der Gatte im Scherz gesagt, gefunden hatte,
sie sei schöner, als alle ihre Schwestern. Die leidenschaftlichsten
und unmöglichsten Romane tauchten vor Darja Aleksandrowna auf. »Anna
hat recht gehandelt, und ich werde ihr nie den geringsten Vorwurf
mehr machen. Sie ist glücklich, begründet das Glück eines andern
Menschen, ist nicht abgestumpft, wie ich, sondern wahrhaftig so, wie
sie immer war, frisch, verständig und empfänglich für alles,« dachte
Darja Aleksandrowna und ein schlaues Lächeln kräuselte ihre Lippen,
namentlich, weil sie an den Roman Annas denkend, sich ähnlich dazu für
sich selbst einen eigenen, fast ebensolchen Roman erdachte, mit einem
erdichteten Musterhelden, der in sie verliebt war. Ebenso wie Anna,
gestand sie alles ihrem Gatten, und die Verwunderung und Bestürzung
Stefan Arkadjewitschs bei dieser Nachricht nun machte sie lächeln.
In solchen Träumereien gelangten sie zu dem Scheideweg, welcher von der
Landstraße ab nach Wosdwishenskoje führte.
17.
Der Kutscher hielt das Viergespann an und blickte nach rechts, auf
ein Roggenfeld hinaus, auf welchem Bauern bei einem Wagen saßen.
Der Comptoirdiener wollte abspringen, besann sich aber anders und
rief befehlerisch einem Bauern zu, ihn zu sich heranwinkend. Der
leichte Wind, welcher während der Fahrt geweht, hatte sich gelegt,
als sie anhielten; die Bremsen hatten sich an die heftig abwehrenden,
schweißbedeckten Pferde festgesetzt. Das metallisch von dem Wagen
herübertönende Geräusch des Sensendengelns verstummte. Einer der Bauern
erhob sich und kam zum Wagen.
»He, bist wohl vertrocknet!« rief der Comptoirdiener gereizt dem
langsam über die Erdhügel des nicht ausgefahrenen, trockenen Weges mit
den nackten Füßen schreitenden Bauern zu, »so lauf doch!«
Ein kraushaariger Alter, das Haar mit Lindenbast aufgebunden und mit
von Schweiß dunkelgefärbtem gekrümmten Rücken, beschleunigte seinen
Schritt, trat an den Wagen heran und faßte mit der gebräunten Hand an
die Seite des Wagens.
»Wollt Ihr nach Wosdwishenskoje?, auf den Herrenhof? Zum Grafen?«
wiederholte er, »dann fahrt nur so! Macht die Wendung nach links, dann
gerade aus und Ihr kommt gerade darauf. Zu wem wollt Ihr denn? Zum
Herrn selbst?«
»Ist denn Eure Herrschaft zu Haus, Freund?« frug Darja Aleksandrowna
ausweichend, ohne zu wissen, wie sie, selbst dem Bauern gegenüber, nach
Anna fragen sollte.
»Er ist wohl daheim,« sagte der Bauer einen Schritt vortretend und
dabei mit den nackten Füßen im Staube eine deutliche Spur seiner
Fußsohle mit den fünf Zehen hinterlassend. »Er wird wohl zu Haus sein,«
wiederholte er, augenscheinlich mit großer Lust, ein Gespräch zu
beginnen. »Gestern sind erst Gäste gekommen. Gäste -- es war eine Menge
-- Was willst du!« -- wandte er sich nach einem Burschen um, der ihm
vom Wagen her etwas zuschrie. »Sie sind kaum erst alle zu Pferde hier
vorbeigekommen, um eine Schnittmaschine zu besichtigen. Jetzt werden
sie wohl zu Hause sein. Wo kommt Ihr denn her?«
»Wir sind von weiter weg,« sagte der Kutscher, auf den Bock steigend,
»also es ist nicht weit?«
»Wie ich sage; dort! Wie Ihr eben fahrt« -- sagte er, mit der Hand nach
der Seite des Wagens deutend.
Ein junger, gesunder und stämmiger Bursche kam auch heran.
»Wie, haben wir keine Arbeit auf Rechnung der Ernte?« frug derselbe.
»Weiß nicht, mein Lieber! Wie gesagt, wenn du dich links hältst, kommst
du gerade drauf,« sprach der Bauer, der augenscheinlich ungern die
Reisenden fortließ und mit ihnen schwatzen wollte.
Der Kutscher fuhr weiter, doch kaum hatten sie eingelenkt, als der
Bauer rief: »Halt! He, Freund! Halt an!« Eine zweite Stimme rief
ebenso. Der Kutscher hielt an.
»Da kommen sie selbst. Dort sind sie!« rief der Bauer. »Dort sind
sie!« fügte er hinzu, auf vier Reiter und zwei Personen in einem Wagen
weisend, welche den Weg daherkamen.
Es war Wronskiy mit seinem Jockey, Wjeslowskij und Anna zu Pferde, die
Fürstin Barbara und Swijashskiy im Wagen. Sie waren spazieren geritten,
und wollten die Arbeit der neu eingeführten Erntemaschinen besichtigen.
Als die Equipage stand, kamen die Reiter im Schritt heran. Voran ritt
Anna neben Wjeslowskij. Sie ritt in ruhigem Schritt eine kleine
englische Vollblutstute mit gestrählter Mähne und gestutztem Schweif.
Annas schönes Haupt mit den unter dem hohen Hut hervordringenden
schwarzen Haaren, ihre vollen Schultern, die schmale Taille in der
schwarzen Amazone und ihr ruhiger graziöser Sitz frappierten Dolly.
Im ersten Augenblick erschien es ihr unpassend, daß Anna ritt. Mit der
Vorstellung vom Reiten der Damen verband sich nach dem Begriff Darja
Aleksandrownas auch die einer jugendlichen flatterhaften Koketterie,
die nach ihrer Meinung mit der Lage Annas nicht harmonierte; doch als
sie diese in der Nähe sah, söhnte sie sich sofort mit ihrem Reiten aus,
denn selbst bei ihrer Eleganz, war alles an ihr so einfach, ruhig und
würdevoll in Haltung und Kleidung, sowie auch in ihren Bewegungen, daß
nichts natürlicher erscheinen konnte.
Neben Anna auf einem grauen feurigen Kavalleriepferd, welches die
starken Füße hochwarf und augenscheinlich mit sich kokettierte, ritt
Wasjenka Wjeslowskij in seiner schottischen Mütze mit den wehenden
Bändern, und Darja Aleksandrowna konnte sich ein Lächeln nicht
verbeißen, als sie ihn erkannte.
Hinter ihnen ritt Wronskiy; er saß auf einem dunkelbraunen Vollblut,
welches sichtlich vom Galopp aufgeregt war; um es zu halten, arbeitete
er mit den Zügeln.
Nach ihm kam ein kleiner Mensch in Jockeykostüm. Swijashskiy mit der
Fürstin in einem neuen Wagen, der von einem starken schwarzen Traber
gezogen wurde, folgten den Reitern.
Das Gesicht Annas, als sie die in dem kleinen, alten Wagen in die Ecke
geschmiegte Gestalt Dollys erkannte, erglänzte von freudigem Lächeln.
Sie stieß einen Schrei aus, erbebte im Sattel und setzte das Pferd in
Galopp. Als sie am Wagen angelangt war, sprang sie ohne Beistand ab und
eilte, ihre Amazone aufnehmend, Dolly entgegen.
»Ich dachte es wohl, wagte es aber nicht zu denken! Welche Freude! Du
vermagst dir meine Freude nicht vorzustellen,« sagte sie, sich bald mit
dem Gesicht an Dolly schmiegend, und sie küssend, bald sich entfernend
und sie mit einem Lächeln betrachtend. »Das ist eine Freude, Aleksey!«
sprach sie, sich nach Wronskiy umblickend, der vom Pferde gestiegen
war und zu ihnen herankam.
Wronskiy trat, den grauen hohen Hut abnehmend, zu Dolly.
»Ihr könnt nicht glauben, wie erfreut wir über Eure Ankunft sind,«
sagte er, seinen Worten ein besonderes Gewicht verleihend und lächelnd
dabei seine festen weißen Zähne zeigend.
Wasjenka Wjeslowskij nahm, ohne vom Pferde zu steigen, die Mütze ab
und bewillkommnete den Besuch, freudig die Bänder über seinem Kopfe
schwingend.
»Dies ist die Fürstin Barbara,« antwortete Anna auf den fragenden Blick
Dollys, als der Wagen herangekommen war.
»Ah,« sagte Darja Aleksandrowna, und ihr Gesicht drückte unwillkürlich
Mißvergnügen aus.
Die Fürstin Barbara war die Tante ihres Gatten und sie kannte sie
lange, achtete sie aber nicht. Wußte sie doch, daß die Fürstin Barbara
ihr ganzes Leben als Konkubine reicher Verwandter verbracht hatte.
Daß sie aber jetzt bei Wronskiy lebte, einem ihr fremden Mann, dies
verletzte in Hinsicht auf die Familie ihres Gatten. Anna bemerkte den
Ausdruck im Gesicht Dollys und wurde verlegen; sie errötete, ließ ihre
Amazone aus den Händen gleiten und stolperte über dieselbe.
Darja Aleksandrowna begab sich zu dem stehen gebliebenen Wagen und
begrüßte kühl die Fürstin Barbara. Swijashskiy war ihr gleichfalls
bekannt. Er frug, wie sich sein Freund und Sonderling mit seiner jungen
Frau befinde und schlug den Damen, mit einem schnellen Blick auf die
nicht gerade dampfenden Pferde und den Wagen mit den ausgebesserten
Seiten, vor, in der Equipage zu fahren.
»Ich hingegen werde in diesem Vehikel fahren,« sagte er, »das Pferd ist
sanft und die Fürstin fährt ausgezeichnet.«
»Nein, bleibt, wie Ihr waret,« sagte Anna herzutretend, »aber wir
wollen in diesem Wagen fahren,« und Dolly bei der Hand nehmend, führte
sie dieselbe mit sich.
Darja Aleksandrownas Augen schweiften über die elegante, von ihr noch
nicht gesehene Equipage, die schönen Pferde, die vornehmen, glänzenden
Personen, die sie umgaben, aber mehr als alles das frappierte sie die
Veränderung, welche mit der ihr so wohlbekannten, geliebten Anna vor
sich gegangen war. Ein anderes Weib, welches weniger aufmerksam gewesen
wäre, und Anna früher nicht gekannt hätte, insbesondere nicht die
Gedanken hegte, welchen Darja Aleksandrowna unterwegs nachgehangen
hatte, würde nichts Eigenartiges an Anna bemerkt haben.
Jetzt aber war Dolly betroffen von jener nur zeitweisen Schönheit,
die allein in Momenten der Liebe bei den Frauen zu erscheinen
pflegt, und die sie jetzt auf Annas Gesicht fand. Alles an deren
Gesicht, die Schärfe der Grübchen in Wangen und Kinn, die Lage der
Lippen, das Lächeln, welches gleichsam rund um ihr Gesicht flog, der
Glanz der Augen, die Grazie und Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die
Fülle des Tones ihrer Stimme, selbst ihre Manieren, mit denen sie
ernst-freundlich Wjeslowskij antwortete, der sie um die Erlaubnis bat,
sich auf ihre Stute setzen zu dürfen, um sie Galopp mit Rechtseinsatz
lehren zu können -- alles das war eigentümlich anziehend und sie selbst
schien dies zu wissen und darüber Freude zu empfinden.
Nachdem sich die beiden Frauen in den Wagen gesetzt hatten, überkam sie
beide eine plötzliche Verlegenheit. Anna geriet in Verwirrung wegen
des aufmerksam fragenden Blickes, mit dem Dolly sie anschaute. Dolly,
weil sie sich, nach den Worten Swijashskiys über das Vehikel, ihrer
schmutzigen alten Kalesche schämte, in welche sich Anna mit ihr gesetzt
hatte.
Der Kutscher Philipp und der Comptoirdiener hatten das nämliche Gefühl.
Der Comptoirdiener beeilte sich, um seine Verlegenheit zu verbergen,
den Damen beim Niedersetzen behilflich zu sein, während Philipp, der
Kutscher, mürrisch geworden war, und sich vorgenommen hatte, dieser
äußeren Überlegenheit nicht nachzugeben. Ironisch lächelnd blickte er
auf den schwarzen Traber, und hatte schon im Geiste das Urteil gefällt,
daß dieser Rappe im Wagen nur gut sei zur »Promenade« und nicht vierzig
Werst weit scharf und ohne Ausspann laufen könne.
Die Bauern hatten sich sämtlich von ihrem Wagen erhoben und schauten
neugierig und belustigt den Besuchern entgegen, ihre Bemerkungen dazu
machend.
»Sehr erfreut, sehr lange nicht gesehen,« sagte der kraushaarige Alte
mit dem Lindenbast.
»Nun, Vater Gerasim, der schwarze Hengst müßte die Garben
hereinbringen; das ginge lebhaft!«
»Schaut an! Ist der da in den Hosen auch ein Frauenzimmer?« sagte
Einer, auf den im Damensattel sitzenden Wasjenka Wjeslowskij zeigend.
»Über den Bauer! Wie geschickt er anspielt!«
»Nun Kinder, wollen wir nicht ein Mittagsschläfchen halten?«
»Ach was, jetzt gar Schlaf!« sagte der Alte, gebückt nach der Sonne
schauend. »Mittag ist vorbei! Nehmt die Griffe fest; los!« --
18.
Anna blickte in Dollys hageres, übermüdetes Gesicht mit den Runzeln,
die vom Staube bedeckt waren; sie wollte sagen, was sie dachte, nämlich
daß Dolly recht abgemagert sei, aber indem sie sich vergegenwärtigte,
daß sie schöner geworden, und der Blick Dollys ihr dies sagte, seufzte
sie, und begann, von sich zu sprechen.
»Du blickst mich an,« sagte sie, »und denkst, kann sie glücklich
sein in ihrer Lage. Nun, was soll ich sagen! Es ist schmachvoll, es
einzugestehen; aber ich -- ich bin unverzeihlich glücklich! -- Mir
ist etwas Zauberhaftes, Etwas wie ein Traum vor sich gegangen, in dem
es uns furchtbar, seltsam wird, aus dem man plötzlich erwacht, um zu
fühlen, daß alle diese Schrecken gar nicht da sind. Ich bin erwacht.
Ich habe Qualvolles, Furchtbares durchlebt, und es ist jetzt schon
geraume Zeit, besonders seit wir hier sind, daß ich so glücklich bin,«
sprach sie mit schüchternem, fragendem Lächeln Dolly ins Auge sehend.
»Wie freue ich mich,« sagte Dolly lächelnd, aber unwillkürlich kühler,
als sie wollte. »Ich freue mich sehr über dich. Weshalb hast du mir
nicht geschrieben?«
»Weshalb? Deshalb, weil ich es nicht wagte -- du vergißt meine Lage.«
»Gegen mich? Gegen mich hast du es nicht gewagt? Wenn du wüßtest, wie
ich -- ich glaube« --
Darja Aleksandrowna wollte ihre Gedanken vom heutigen Morgen
aussprechen, aber aus irgend einem Grunde erschien ihr dies jetzt nicht
am Platze.
»Doch davon später. Was ist das, alle diese Gebäude?« frug sie, im
Wunsche das Thema zu wechseln, auf die roten und grünen Dächer zeigend,
welche hinter dem Grün lebender Akazienzäune sichtbar wurden. Es sah
dies alles aus wie ein Städtchen.
Anna antwortete ihr nicht.
»Nein, nein; wie urteilst du über meine Lage, wie denkst du darüber;
wie?« frug sie.
»Ich vermute,« wollte Darja Aleksandrowna beginnen, doch in diesem
Augenblick sprengte Wasjenka Wjeslowskij, der die Stute in Galopp mit
Rechtseinsatz gebracht hatte, schwerfällig in seinem kurzen Jaquet auf
dem sämischen Leder des Damensattels auf und niedergeworfen, an ihnen
vorüber.
»Sie geht, Anna Arkadjewna!« schrie er.
Anna schaute ihn indessen nicht einmal an, und Darja Aleksandrowna
schien es wiederum, daß es unpassend sei, in der Kalesche dieses
langatmige Thema anzuschlagen, und sie brach daher in der Äußerung
ihres Gedankens ab.
»Ich urteile gar nicht darüber,« sagte sie, »ich habe dich stets
geliebt, und wenn man liebt, liebt man den ganzen Menschen so, wie er
ist, nicht so, wie man will, daß er sei.«
Anna versank in Nachdenken, indem sie die Augen vom Gesicht der
Freundin wegwendete und blinzelte -- eine neue Gewohnheit, die Dolly
noch nicht an ihr gekannt hatte -- sie wünschte die Bedeutung dieser
Worte ganz zu erfassen. Nachdem sie sie augenscheinlich so, wie sie es
wünschte, aufgefaßt hatte, schaute sie Dolly an.
»Wenn du Sünden haben solltest,« sprach sie, »so möchten sie dir alle
vergeben sein für dein Kommen und für diese Worte.«
Dolly sah, daß ihr die Thränen in die Augen getreten waren. Schweigend
drückte sie Annas Hand.
»Also was sind das für Gebäude? -- Wie viel es doch sind!« Sie
wiederholte nach einer Minute des Schweigens ihre Frage.
»Dies sind die Gebäude des Personals, der Fabriken, die Ställe,«
antwortete Anna. »Dort beginnt der Park; alles das war verwildert,
aber Aleksey hat es wieder neu hergerichtet. Er liebt dieses
Besitztum sehr und fühlt sich, was ich nimmermehr erwartet hätte,
leidenschaftlich zur Landwirtschaft hingezogen. Er hat überhaupt eine
so reich beanlagte Natur! Was er auch anfassen mag, alles vollführt er
ausgezeichnet. Und er langweilt sich nicht nur nicht dabei, sondern
beschäftigt sich mit leidenschaftlichem Eifer. So wie ich ihn kenne,
ist er ein haushälterischer, vorzüglicher Hausherr geworden, sogar
geizig in der Wirtschaft ist er; aber auch nur in der Wirtschaft! Da,
wo es sich um Zehntausende handelt, rechnet er nicht,« sprach sie mit
jenem freudig schlauen Lächeln, mit welchem Frauen oft über geheime,
ihnen allein bekannte Eigenschaften eines geliebten Mannes sprechen.
»Siehst du dieses große Gebäude da? Das ist das neue Krankenhaus.
Ich glaube, daß es mehr als hunderttausend Rubel kosten wird. Und
weißt du, woher das Geld gekommen ist? Die Bauern hatten ihn gebeten,
ihnen die Wiesen billiger abzulassen, er aber hatte sie abschläglich
beschieden, und ich machte ihm Vorwürfe wegen seines Geizes. Natürlich
nicht deswegen nun, aber alles in allem erwägend, begann er da dieses
Krankenhaus zu bauen, um zu zeigen, verstehst du, daß er nicht geizig
sei. Wenn du willst, =c'est une petitesse=, aber ich liebe ihn dafür
umsomehr. Doch du wirst sogleich das Wohnhaus erblicken. Es ist noch
vom Großvater her und an der Außenseite in nichts verändert worden.«
»Wie schön,« sagte Dolly, mit unwillkürlichem Erstaunen, auf ein
schönes Haus mit Säulengängen blickend, welches aus dem bunten Grün der
alten Bäume des Gartens hervortrat.
»Nicht wahr, das ist schön? Und vom Hause aus, von oben herab, ist die
Aussicht wunderbar.«
Sie fuhren auf einen mit Schotter bedeckten und von Blumenbeeten
geschmückten Hof, auf welchem zwei Arbeiter ein Blumenbosquet mit
unbehauenen porösen Steinen garnierten, und hielten in der gedeckten
Einfahrt.
»Ah, sie sind schon angekommen,« sagte Anna, auf die Reitpferde
blickend, die soeben von der Freitreppe hinweggeführt wurden. »Nicht
wahr, dieses Pferd ist schön? Es ist eine Stute, mein Liebling.
Führe es hierher und bringt Zucker. Wo ist der Graf?« frug sie
zwei herauseilende Paradelakaien. »Ah, dort ist er,« sagte sie, den
heraustretenden und ihr mit Wjeslowskij entgegenkommenden Wronskiy
erblickend.
»Wo habt Ihr die Gräfin untergebracht?« sagte Wronskiy auf Französisch,
zu Anna gewendet, begrüßte dann nochmals, ohne eine Antwort abzuwarten,
Darja Aleksandrowna und küßte ihr jetzt die Hand: »Ich denke, wir
bringen unsern Besuch im großen Balkonzimmer unter? --«
»O nein; das ist zu abgelegen! Besser im Eckzimmer, wir können uns
da mehr sehen. Gehen wir,« sagte Anna, den ihr von einem Lakaien
präsentierten Zucker dem Lieblingspferde reichend.
»=Et vous oubliez votre devoir=,« sagte sie zu Wjeslowskij, welcher
gleichfalls auf der Freitreppe erschienen war.
»=Pardon, j'en ai tout plein les poches=,« antwortete dieser lächelnd,
die Finger in die Westentasche steckend.
»=Mais vous venez trop tard=,« sagte sie, mit dem Taschentuch die Hand
abwischend, welche ihr das Pferd feucht gemacht hatte, indem es den
Zucker nahm.
Anna wandte sich zu Dolly:
»Du bleibst doch für längere Zeit hier? Nur auf einen Tag? Das ist
unmöglich!«
»Ich habe so versprochen, die Kinder --« sagte Dolly, mit einem Gefühl
der Verlegenheit, daß sie den Reisesack aus der Kalesche nehmen mußte,
sowie weil sie wußte, daß ihr Gesicht sehr mit Staub bedeckt sein müsse.
»Nein, Dolly, Herzchen; doch wir werden ja sehen. Komm, komm!« Anna
führte Dolly in ihr Zimmer.
Dieses Zimmer war nicht das Paradezimmer, welches Wronskiy
vorgeschlagen hatte, sondern das, von welchem Anna sagte, Dolly
möchte es entschuldigen. Jedoch auch dieses Gemach, für welches eine
Entschuldigung erforderlich gewesen war, war voll von einem Luxus, in
welchem Dolly niemals gelebt hatte, und der ihr die besten Salons des
Auslandes in die Erinnerung zurückrief.
»Ach, Herzchen, wie bin ich glücklich!« sprach Anna, für eine Minute
in ihrer Amazone neben Dolly Platz nehmend, »erzähle mir doch von den
Deinen. Stefan habe ich flüchtig gesehen, doch von Kindern kann er
nicht reden. Was macht mein Liebling, die Tanja? Es ist ein großes
Mädchen geworden, glaube ich?«
»Ja, sehr groß,« antwortete Darja Aleksandrowna kurz, selbst
verwundert, daß sie so kühl über ihre Kinder Bescheid gab. »Wir
befinden uns recht wohl bei den Lewin,« fügte sie hinzu.
»Ach, hätte ich gewußt,« antwortete Anna, »daß du mich nicht
verachtest. Ihr hättet alle zu uns kommen müssen. Stefan ist doch ein
alter und intimer Freund Alekseys,« fügte sie hinzu, und errötete
plötzlich.
»Wir befinden uns so ganz wohl,« versetzte Dolly verlegen.
»Da habe ich übrigens aus Freude Dummheiten gesagt. Noch einmal,
Herzchen, wie freue ich mich über dich,« sagte Anna, sie wiederum
küssend, »aber du hast mir noch nicht gesagt, wie und was du über mich
denkst, und ich will alles wissen. Und ich freue mich darüber, daß du
mich durchschaust, wie ich bin. Es liegt mir nichts daran, vor allem,
daß man denke, ich wollte in irgend etwas demonstrieren. Ich will
nicht demonstrieren, sondern einfach nur leben; niemandem Übles thun,
außer mir selbst. Dieses Recht habe ich, nicht wahr? Doch das ist eine
langatmige Unterhaltung und wir werden schon noch über alles sprechen.
Ich gehe jetzt, mich umzukleiden und werde dir ein Mädchen schicken.«
19.
Allein geblieben, schaute sich Darja Aleksandrowna mit dem Blick der
Hausfrau in dem Zimmer um. Alles was sie vor dem Haus vorfand, und
durch dasselbe schreitend, sowie jetzt in ihrem Zimmer, erblickte,
verursachte ihr den Eindruck des Überflusses und der Koketterie, jenes
modernen, europäischen Luxus, von dem sie nur in englischen Romanen
gelesen, den sie aber noch nie in Rußland und auf dem Lande erblickt
hatte. Alles war neu, von den modernen französischen Tapeten an bis
zum Teppich, von welchem das ganze Zimmer bedeckt war. Das Bett war
mit Sprungfedermatratze versehen, hatte ein besonderes Kopfkissen und
Canevasüberzüge auf den kleinen Kissen. Das marmorne Waschbecken, die
Toilette, die Tische, die Bronceuhr auf dem Kamin, die Gardinen und
Portieren, alles das war teuer und neu.
Die kokette Kammerzofe, welche herbeikam, um ihre Dienste anzubieten,
und eine Frisur und Robe trug, die noch moderner war, als diejenige
Dollys, sah eben so neu und kostspielig aus, wie das ganze Zimmer.
Darja Aleksandrowna war ihre Höflichkeit, Sauberkeit und
Dienstwilligkeit sehr angenehm, doch fühlte sie sich nicht
behaglich in ihrer Gegenwart; sie schämte sich vor ihr wegen
ihres, unglücklicherweise infolge eines Irrtums von ihr gepackten,
ausgebesserten Corsets; sie schämte sich gerade jener Flicken und
gestopften Stellen, auf die sie daheim so stolz war. Zu Hause war es
ihr klar, daß zu sechs Leibchen vierundzwanzig Arschin Stoff gehörten,
zu je fünfundsechzig Kopeken, was mehr als fünfzehn Rubel ausmachte,
außer der Arbeit; und diese fünfzehn Rubel waren so herausgeschlagen.
Vor der Zofe aber empfand sie weniger Scham, als vielmehr Unbehagen.
Darja Aleksandrowna verspürte große Erleichterung, als die ihr seit
alters bekannte Annuschka in das Zimmer trat. Die kokette Zofe war von
der Herrin verlangt worden und Annuschka blieb bei Darja Aleksandrowna
zurück.
Annuschka war augenscheinlich sehr erfreut über die Ankunft der Dame
und schwatzte ohne Unterlaß. Dolly bemerkte, daß sie gern ihre Meinung
bezüglich der Lage ihrer Herrin ausgesprochen hätte, insbesondere
bezüglich der Liebe und Ergebenheit des Grafen für Anna Arkadjewna,
doch Dolly verhinderte sie geflissentlich daran, sobald sie davon zu
sprechen begann.
»Ich bin mit Anna Arkadjewna herangewachsen, die Herrin geht mir über
alles! Doch wir haben über nichts zu richten, und, wie es scheint, so
zu lieben --«
»Gieb mir doch gefälligst Waschwasser, wenn es geht,« unterbrach sie
Darja Aleksandrowna.
»Zu Diensten. Bei uns sind zum Waschen allein zwei Frauen besonders
angestellt und die Wäsche wird nur mit Maschine gereinigt. Der Graf
führt alles ein. Das ist ein Mann --«
Dolly war froh, als Anna bei ihr eintrat, und mit ihrem Kommen das
Geschwätz Annuschkas abschnitt.
Anna hatte sich in eine sehr einfache Battistrobe geworfen und Dolly
betrachtete aufmerksam dieses einfache Kleid. Sie erkannte, daß dies
zu bedeuten habe, auch solch eine Einfachheit sei nur für Summen zu
erringen.
»Eine alte Bekannte,« sagte Anna im Hinweis auf Annuschka.
Anna war jetzt nicht mehr in Verlegenheit; sie erschien vollständig
ungezwungen und ruhig. Dolly erkannte, daß sich Anna jetzt wieder
vollständig von dem Eindruck ermannt hatte, welchen ihre Ankunft bei
dieser hervorgerufen, und daß sie jetzt wieder jenen hochfahrenden,
gleichmütigen Ton angenommen habe, mit welchem gleichsam die Thür zu
derjenigen Abteilung in ihr, in welcher sich ihre Gefühle und innersten
Gedanken befanden, verschlossen war.
»Nun, was macht dein kleines Mädchen, Anna?« frug Dolly.
»Die Any?« -- so nannte sie ihre Tochter Anna -- »sie befindet sich
wohl. Sie hat sich sehr entwickelt, willst du sie einmal sehen? Komm,
ich zeige sie dir! Es hat da unendlich viel Sorgen gegeben,« begann sie
zu erzählen, »mit den Ammen. Wir hatten als Amme eine Italienerin, sie
war gut, aber dumm! Wir wollten sie fortschicken, doch das Kind war so
gewöhnt an sie, daß wir sie noch immer haben.«
»Und wie seid Ihr übereingekommen?« wollte Dolly fragen, welchen Namen
das Mädchen tragen sollte. Als sie indessen das finstergewordene
Gesicht Annas bemerkte, veränderte sie den Sinn ihrer Frage. »Und wie
seid Ihr übereingekommen? Habt Ihr es schon entwöhnt?« --
Doch Anna hatte verstanden.
»Du wolltest nicht hiernach fragen? Du wolltest nach seinem Namen
fragen? Nicht wahr? Dies eben quält Aleksey! Sie hat keinen Namen.
Das heißt, sie ist -- eine Karenina« -- sagte Anna, die Augen soweit
zusammenkneifend, daß nur die zusammentreffenden Wimpern noch sichtbar
waren. »Übrigens,« fuhr sie mit plötzlich hellwerdendem Gesicht fort,
»von dem allen können wir ja später noch reden. Komm, ich will sie dir
zeigen! =Elle est très= -- =gentile= -- und kriecht schon fort.«
In der Kinderstube überraschte Darja Alexandrowna der nämliche Luxus,
welcher sie im ganzen Hause schon frappiert hatte, noch mehr. Hier
gab es kleine Wagen, die aus England verschrieben waren, sowie
Gerätschaften für das Gehenlernen; einen eigens konstruierten Diwan
nach Art eines Billards zum Kriechen; Wiegen; eigenartige, neue Wannen.
Alles war von englischer Arbeit, dauerhaft und gediegen und offenbar
teuer. Das Zimmer war groß, sehr hoch und hell.
Als sie eintraten, saß das kleine Mädchen nur im Hemdchen in einem
Stühlchen am Tisch und nahm Bouillon zu sich, mit welcher sie sich die
ganze kleine Brust begossen hatte. Ein russisches Mädchen, welches
in der Kinderstube diente, fütterte das Kind, und aß augenscheinlich
selbst mit diesem zugleich dabei. Weder die Amme, noch die Kinderfrau
war zugegen; sie befanden sich im Nebenzimmer und man vernahm von
dorther ihr Gespräch in seltsamem Französisch, in welchem sie sich
einander nur verständlich machen konnten.
Die Stimme Annas vernehmend, trat eine hohe Engländerin mit
unangenehmem Gesicht und gemeinem Ausdruck, hastig ihre blonden Locken
schüttelnd in die Thür, und begann sich sogleich zu entschuldigen,
obwohl ihr Anna noch gar kein Vergehen beigemessen hatte. Auf jedes
Wort Annas antwortete die Engländerin schnell mit einem mehrmaligen
»=yes, mylady=!«
Das kleine Mädchen mit seinen schwarzen Brauen und Haaren, den roten
Wangen, der festen straffen Haut und dem schönen Körperchen gefiel
Darja Aleksandrowna ungeachtet des mürrischen Ausdrucks, mit welchem
es auf das fremde Gesicht blickte, sehr; diese beneidete es sogar um
seines gesunden Aussehens willen. Auch wie das kleine Mädchen kroch,
gefiel ihr sehr; keines ihrer Kinder hatte so gekrochen. Dieses
Kindchen war, nachdem man es auf einen Teppich gesetzt, und ein Kleid
dahinter gestopft hatte, wunderbar lieblich. Wie ein Tierchen schaute
es mit seinen großen glänzenden schwarzen Augen um sich, offenbar
erfreut darüber, daß man sich freundlich mit ihm abgebe, stützte sich
lächelnd, und die Füßchen seitwärts haltend, energisch auf die Hände
und hob schnell das ganze Hinterteilchen empor, worauf es mit den
Händchen nach vorwärts faßte.
Der allgemeine Charakter der Kinderstube jedoch, und namentlich die
Engländerin, gefiel Darja Aleksandrowna durchaus nicht. Nur damit,
daß in eine so illegitime Familie wie es diejenige Annas war, wohl
kein gutes Mädchen gehen mochte, erklärte sich Darja Aleksandrowna
selbst, daß Anna mit ihrer Menschenkenntnis für ihr Kind eine so
unsympathische, gar nicht respektable Engländerin hatte nehmen können.
Außerdem aber erkannte sie auch sogleich an einigen Worten, daß Anna,
die Amme, die Kinderfrau und das Kind sich nicht zusammengelebt hatten,
und der Besuch der Mutter ein ungewöhnliches Ereignis bildete. Anna
wollte dem Kinde ein Spielzeug geben und konnte es nicht einmal finden.
Am wundersamsten aber von allem war, daß Anna auf die Frage, wie viel
Zähne das Kind habe, irrte und von den zwei letzten Zähnen noch gar
nichts wußte.
»Es ist mir bisweilen schwer ums Herz, daß ich hier förmlich
überflüssig bin,« sagte sie beim Verlassen der Kinderstube, und nahm
ihre Schleppe auf, um an den bei der Thür stehenden Spielgeräten
vorüberzukommen. »So war es nicht bei meinem ersten Manne.«
»Ich dachte, im Gegenteil,« sagte Darja Aleksandrowna schüchtern.
»O nein; du weißt doch wohl, ich habe ihn gesehen -- meinen Sergey,«
sprach Anna, die Augen zusammenkneifend, als schaue sie nach etwas
weit Entferntem. »Doch davon können wir ja später sprechen. Du glaubst
nicht, ich bin wie eine Hungernde, der man plötzlich ein üppiges Mahl
vorgesetzt hat, ohne daß sie weiß, wonach sie langen soll. Das üppige
Mahl -- bist du und die mir bevorstehenden Gespräche mit dir, die ich
mit niemandem sonst führen konnte; ich weiß nun nicht, an welches Thema
ich zuerst gehen soll. =Mais je ne vous ferai grâce de rien= -- ich
muß mich ganz aussprechen. Ich muß dir ein Bild von der Gesellschaft
machen, die du bei uns findest,« begann sie, »und beginne mit den
Damen. Da ist die Fürstin Barbara. Du kennst sie und ich kenne deine
Meinung und diejenige Stefans über sie. Stefan sagt, der ganze Zweck
ihres Daseins bestehe darin, ihren Vorzug vor ihrer Tante Katharina
Pawlowna zu beweisen. Das ist ganz richtig, aber sie ist gut und ich
bin ihr sehr dankbar. In Petersburg gab es für mich einen Moment, in
welchem mir =un chaperon= notwendig war; da war sie bei mir; sie ist
wahrhaftig gut, und hat mir meine Lage sehr erleichtert. Ich sehe
wohl, daß du die ganze Schwierigkeit derselben nicht begreifst -- wie
sie dort, in Petersburg war,« fügte sie hinzu. »Hier lebe ich nun
vollkommen ruhig und glücklich; doch davon später, erst muß aufgezählt
werden. Zweitens kommt Swijashskiy; er ist Präsident und ein sehr
solider Mann, doch braucht er Aleksey in Manchem. Du verstehst jetzt,
nachdem wir uns auf dem Lande niedergelassen haben, kann Aleksey mit
seinen Verhältnissen großen Einfluß ausüben. Dann Tuschkjewitsch -- du
hast ihn ja gesehen; er war bei Betsy. Man hat ihn jetzt fallen lassen
und er ist nun zu uns gekommen. Wie Aleksey sagt, ist er einer von
denjenigen Menschen, die sehr angenehm sind, wenn man sie so nimmt,
wie sie scheinen wollen -- =et puis, il est comme il faut= -- wie die
Fürstin Barbara sagt. Ferner Wjeslowskij -- den kennst du ja. -- Er
ist ein sehr lieber Mensch,« sagte sie, mit schelmischem Lächeln die
Lippen kräuselnd. »Was ist denn das für eine seltsame Geschichte mit
Lewin gewesen? Wjeslowskij hat sie Aleksey erzählt und wir können sie
gar nicht glauben. =Il est très gentil et naif=« sagte sie, wieder mit
dem nämlichen Lächeln. »Die Männer bedürfen der Zerstreuung und Aleksey
braucht Menschen um sich; daher schätze ich diese ganze Gesellschaft.
Bei uns muß es lebhaft und heiter zugehen, damit sich Aleksey nichts
Neues wünscht. Dann wirst du auch den Direktor sehen. Er ist ein
Deutscher, ein sehr hübscher Mann, der auch seine Sache versteht;
Aleksey schätzt ihn sehr hoch. Ferner ist da der Arzt, ein noch junger
Mann; nicht gerade ein vollkommener Nihilist, aber, weißt du, >er ißt
mit dem Messer< -- sonst ist er ein sehr guter Arzt. Endlich ist noch
der Architekt da. -- =Une petite cour=.« --
20.
»Hier bringe ich Euch Dolly, Fürstin, Ihr wolltet sie so gern sehen,«
sagte Anna, mit Darja Aleksandrowna die große Steinterrasse betretend,
auf welcher im Schatten, hinter dem Stickrahmen die Fürstin Barbara
saß, die einen Sessel für den Grafen Aleksey Kyrillowitsch stickte.
»Sie sagt zwar, daß sie bis zu Mittag nichts zu sich nehmen mag,
befehlt aber immerhin das Frühstück, während ich mittlerweile gehe,
Aleksey zu suchen und sie alle mit hierher bringe.«
Die Fürstin Barbara empfing Dolly mit einer gewissen Gönnermiene und
begann sogleich, ihr auseinanderzusetzen, daß sie deshalb bei Anna
wohne, weil sie diese mehr liebe, als es deren Schwester, Katharina
Pawlowna, gethan, die Anna erzogen hätte, und daß sie es jetzt, nachdem
alle Anna verlassen hätten, als ihre Pflicht betrachtet habe, ihr in
diesem Übergangsstadium, dem allerschwierigsten, Beistand zu leisten.
»Ihr Mann wird ihr den Konsens zur Ehescheidung geben und dann gehe
ich wieder in meine Einsamkeit, jetzt aber kann ich nützlich sein und
werde ich meine Pflicht erfüllen, so schwer es mir auch werden mag
-- ich handle nicht so, wie andere. Und wie lieb bist du, wie schön
hast du gehandelt, daß du gekommen bist! Sie leben vollkommen, wie die
besten Ehegatten und Gott wird über sie richten, nicht wir dürfen es!
Birjusowskij und die Avenijewa, Nikandroff, Wasiljeff und die Mamonowa,
und Lisa Neptunowa, da hat doch auch kein Mensch etwas gesagt? Und doch
endeten die Fälle so, daß sie sich alle heirateten. Dann aber, =c'est
un intérieur si joli, si comme il faut. Tout-à-fait à l'anglaise. On
se réunit le matin au breakfast et puis on se sépare=. Jeder thut,
was er will, bis zur Mittagszeit. Die Mittagstafel ist um sieben Uhr.
Stefan hat sehr wohl daran gethan, dich zu schicken. Er müßte sich an
sie halten. Du weißt ja, er vermag durch seine Mutter und seine Brüder
alles, und dann thun sie ja viel Gutes. Hat er dir noch nicht von
seinem Krankenhaus erzählt? =Ce sera admirable= -- und alles aus Paris.«
Ihr Gespräch wurde durch Anna unterbrochen, welche die Gesellschaft
der Herren beim Billardspiel gefunden hatte und nun zusammen mit ihnen
zur Terrasse zurückkehrte. Bis zur Mittagstafel war noch lange Zeit,
das Wetter sehr schön und so wurden verschiedenartige Hilfsmittel,
die noch übrigen zwei Stunden auszufüllen in Vorschlag gebracht. Der
Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, gab es sehr viele in
Wosdwishenskoje, und es waren alle nicht die, wie sie in Pokrowskoje
angewendet wurden.
»=Une partie de Lawn tennis=,« schlug mit seinem hübschen Lächeln
Wjeslowskij vor, »ich spiele wieder mit Euch, Anna Arkadjewna!«
»Ach nein; es ist zu heiß dazu; besser, wir gehen in den Park und
fahren auf dem Kahn, um Darja Aleksandrowna die Ufer zu zeigen,« schlug
Wronskiy vor.
»Ich bin mit allem einverstanden,« meinte Swijashskiy.
»Ich denke, daß es Dolly am angenehmsten sein wird, sich erst ein wenig
zu ergehen; nicht so? Und dann erst Kahn zu fahren,« sagte Anna.
So wurde denn auch bestimmt. Wjeslowskij und Tuschkjewitsch begaben
sich ins Bad und versprachen, dort das Boot bereit machen und warten zu
wollen.
Sie gingen in zwei Paaren auf dem Wege; Anna mit Swijashskiy und Dolly
mit Wronskiy. Dolly war ein wenig verwirrt und ängstlich in dieser ihr
vollständig neuen Umgebung, in der sie sich befand. Begeistert und
voll Theorien, rechtfertigte sie nicht nur, nein, billigte sie sogar
Annas Verfahren. Wie im allgemeinen nicht selten untadelhaft moralische
Frauen ermüdet von der Einförmigkeit des sittenstrengen Lebens thun, so
entschuldigte sie aus ihrer Ferne nicht nur die verbrecherische Liebe,
sie beneidete dieselbe sogar.
Außerdem liebte sie Anna auch von Herzen, aber gleichwohl war es ihr
in der Wirklichkeit, nachdem sie diese inmitten aller dieser ihr
fremden Leute gesehen hatte, in dem für Darja Aleksandrowna neuen,
sogenanntem guten Tone, unbehaglich zu Mut. Besonders unangenehm war es
ihr, die Fürstin Barbara zu sehen, welche ihnen alles verzieh für die
Annehmlichkeiten, die sie dafür genoß.
Im allgemeinen also billigte Dolly, hingerissen, das Vergehen Annas,
aber denjenigen sehen zu müssen, für welchen jenes Verbrechen begangen
worden, war ihr doch unangenehm. Wronskiy hatte ihr überhaupt nie
gefallen. Sie hielt ihn für sehr stolz, sah aber in ihm nichts von
alledem, worauf er hätte stolz sein können -- es wäre denn sein
Reichtum gewesen. --
Gegen ihren Willen jedoch imponierte er ihr hier in seinem Hause
noch mehr als früher, und sie konnte sich vor ihm nicht ungezwungen
benehmen. Empfand sie doch ihm gegenüber ein Gefühl, das ähnlich dem
war, welches sie über ihr Leibchen vor der Zofe empfunden hatte.
So wie ihr in deren Gegenwart nicht Scham, sondern Unmut wegen
der Ausbesserungen aufgestiegen war, so empfand sie auch vor ihm
fortwährend nicht etwas wie Scham, sondern wie Unmut über das eigene
Ich.
Dolly fühlte sich verlegen und suchte ein Thema zur Unterhaltung.
Wiewohl sie urteilte, daß ihm in seinem Hochmut ein Lob seines Hauses
und Parkes unangenehm sein müsse, sagte sie ihm dennoch, keinen andern
Gegenstand der Unterhaltung findend, daß ihr sein Haus sehr gefallen
habe.
»Ja; es ist ein sehr schönes Gebäude und nach gutem alten Stil,« sagte
er.
»Mir hat auch der Hof vor der Freitreppe sehr gefallen. War der schon
so?«
»O nein!« antwortete er, und sein Gesicht schimmerte vor Genugthuung.
»Wenn Ihr diesen Hof noch jetzt im Frühling gesehen hättet!«
Und er begann nun anfangs zurückhaltend, dann aber sich freier
und freier hingebend, ihre Aufmerksamkeit auf die verschiedenen
Einzelheiten der Verschönerung in Haus und Garten hinzulenken. Es
war ersichtlich, daß Wronskiy nach dem Aufwand so vieler Mühe zur
Verbesserung und Verschönerung seines Landsitzes das Bedürfnis empfand,
sich desselben vor einer fremden Person zu rühmen, und sich über das
Lob Darja Aleksandrownas von ganzem Herzen freute.
»Wenn Ihr noch das Krankenhaus besichtigen wollt und nicht ermüdet
seid, so ist dies nicht zu weit entfernt. Kommt,« sagte er, ihr ins
Gesicht blickend, um sich zu überzeugen, daß sie sich ja nicht etwa
langweile.
»Kommst du mit, Anna?« wandte sie sich an diese.
»Wir werden mit kommen; nicht wahr?« wandte sie sich an Swijashskiy.
»=Mais il ne faut pas laisser le pauvre Weslowskij et Tuschkjewitsch se
morfondre là dans le bateau=. Man muß es ihnen sagen lassen.«
»Das ist ein Denkmal, welches er sich hier aufrichtet,« sprach Anna,
sich zu Dolly wendend, mit dem nämlichen, wissenden und verschlagenen
Lächeln, mit welchem sie früher über das Krankenhaus gesprochen hatte.
»O, ein Kapitalwerk,« rief Swijashskiy, fügte aber sogleich, um nicht
als Jasager Wronskiys zu erscheinen, leichthin eine kritische Bemerkung
hinzu. »Ich wundere mich nur, Graf,« sprach er, »daß Ihr, der Ihr
in sanitärer Beziehung so viel für das Volk thut, Euch den Schulen
gegenüber so gleichgültig verhaltet.«
»=C'est devenu tellement commun les écoles=,« sagte Wronskiy, »Ihr
seht doch, daß ich nicht davon, sondern eben hiervon eingenommen bin.
-- Hierhin geht es nach dem Krankenhaus,« wandte er sich dann zu Darja
Aleksandrowna, nach einem Seitenausgang aus der Allee zeigend.
Die Damen öffneten die Sonnenschirme und betraten den Seitenweg.
Nachdem sie einige Windungen durchschritten und zu einem Pförtchen
hinausgetreten waren, erblickte Darja Aleksandrowna vor sich auf
einem erhöhten Terrain ein großes, rotes, fast vollendetes Gebäude
von interessantem Aussehen. Das noch nicht gestrichene, eiserne Dach
strahlte blendend in der heißen Sonne. Neben dem fertigen Gebäude war
ein zweites, vom Wald umgeben, angelegt; Arbeiter auf den Gerüsten
legten Ziegel, übergossen die Lagen aus den Eimern und gleichten sie
mit Richtmaßen.
»Wie schnell bei Euch die Arbeit vorwärts geht!« sagte Swijashskiy,
»als ich das letzte Mal hier war, war das Dach noch nicht da.«
»Zum Herbste soll alles fertig sein, und innen ist fast alles bereits
ausgeputzt,« sagte Anna.
»Und was ist das Neues dort?«
»Es ist ein Gebäude für den Arzt und die Apotheke,« antwortete
Wronskiy, den in kurzem Überrock auf ihn zukommenden Architekten
erblickend; und ging, sich vor den Damen entschuldigend, diesem
entgegen.
Die Kalkgrube umgehend, aus welcher die Arbeiter den Kalk holten, blieb
er beim Architekten stehen und begann eifrig zu sprechen.
»Das Fronton liegt immer noch zu niedrig,« antwortete er Anna, welche
gefragt hatte, wovon die Rede sei.
»Ich hatte gesagt, man müsse das Fundament erhöhen,« sagte Anna.
»Ja, natürlich, das wäre besser, Anna Arkadjewna,« sagte der Architekt,
»es ist außer Acht gelassen worden.«
»Ja, ich interessiere mich sehr hierfür,« antwortete Anna Swijashskiy,
welcher sein Erstaunen über ihre Kenntnisse in der Architektur
ausgedrückt hatte. »Das neue Gebäude muß dem Krankenhaus entsprechend
sein, ist aber erst später geplant und ohne Riß begonnen worden.«
Nachdem die Rücksprache mit dem Architekten beendet war, gesellte sich
Wronskiy wieder zu den Damen und führte dieselben in das Innere des
Krankenhauses.
Obwohl man außen noch die Karniese fertig machte und in der tieferen
Etage tünchte, war in der oberen schon alles fertig. Auf der breiten,
gußeisernen Treppe den Treppenabsatz überschreitend, betrat man das
erste große Zimmer. Die Wände waren mit Stuck, der sich wie Marmor
ausnahm, geziert, die großen Fenster waren schon eingesetzt, nur
der Parkettboden war noch nicht fertig und die Tischler, welche ein
emporgenommenes Quadrat hobelten, ließen die Arbeit liegen, um, ihre
schmalen Stirnbänder abnehmend, welche ihnen das Haar hielten, die
Herrschaft zu begrüßen.
»Das ist das Empfangszimmer,« sagte Wronskiy, »es wird hier nur ein
Tisch und ein Schrank hereinkommen, weiter nichts.«
»Hierher, hier wollen wir durchgehen! Komm nicht an das Fenster,« sagte
Anna, probierend, ob die Farbe schon getrocknet sei. »Aleksey, die
Farbe ist schon trocken,« fügte sie hinzu.
Aus dem Empfangszimmer trat man in den Korridor. Hier zeigte Wronskiy
eine nach neuem System konstruierte Ventilation, dann die Marmorwannen
und Betten mit eigenartigen Federn. Hierauf zeigte er die Krankensäle,
einen nach dem anderen, die Vorratskammer, ein Zimmer für die Wäsche,
dann einen Ofen neuester Konstruktion, eine Art Rollen, welche kein
Geräusch machen sollten und die solche Gegenstände, die gebraucht
wurden beförderten, und noch vieles andere. Swijashskiy lobte alles,
als ein Mann, welcher alle neuen Vervollkommnungen kannte. Dolly war
geradezu erstaunt über diese Dinge, welche sie bis jetzt noch nicht
gesehen hatte, und frug im Begehren, alles zu erfassen, eingehend nach
allem, was Wronskiy augenscheinlich Vergnügen machte.
»Ich glaube, dies wird das einzige, vollständig rationell
eingerichtete Krankenhaus in Rußland werden,« sagte Swijashskiy.
»Werdet Ihr auch eine Abteilung für Wöchnerinnen haben,« frug Dolly.
»Das ist doch so notwendig auf dem Lande. Ich habe häufig« --
Bei aller seiner Höflichkeit fiel ihr hier Wronskiy ins Wort.
»Das ist kein Geburtsinstitut, sondern ein Krankenhaus und für alle
Krankheiten bestimmt außer den ansteckenden,« sagte er. »Aber hier seht
einmal das,« er rollte einen neuerdings erst verschriebenen Lehnsessel
zu Darja Aleksandrowna, welcher für Genesende bestimmt war. »Paßt auf,«
er setzte sich in den Sessel und begann ihn fortzubewegen. »Wenn Einer
nicht gehen kann, noch zu schwach ist, oder fußleidend, aber Luft
schöpfen muß, so fährt er, rollt er sich« --
Darja Aleksandrowna interessierte sich für alles; alles gefiel ihr
sehr, am meisten aber Wronskiy selbst mit dieser natürlichen, naiven
Begeisterung.
»Ja, ja, er ist ein sehr lieber und guter Mann,« dachte sie, ohne ihn
zu hören, aber auf ihn blickend und in seinen Ausdruck versunken,
während sie sich im Geiste in Anna versetzte. Er gefiel ihr jetzt so
wohl in seiner Lebhaftigkeit, daß sie begriff, wie Anna sich in ihn
hatte verlieben können.
21.
»Nein, ich glaube die Fürstin ist müde und die Pferde interessieren
sie nicht mehr,« sagte Wronskiy zu Anna, welche vorgeschlagen hatte,
zum Marstall zu gehen, wo Swijashskiy den neuen Hengst zu besichtigen
wünschte. »Geht Ihr dahin, während ich die Fürstin ins Haus begleite,
und wir wollen ein wenig plaudern, wenn es Euch angenehm ist?« sagte
er, zu derselben gewendet.
»Von Pferden verstehe ich gar nichts; und es ist mir so recht
angenehm,« sagte Darja Aleksandrowna etwas verwundert.
Sie sah im Gesicht Wronskiys, daß er etwas von ihr wünschte, und sie
irrte nicht. Kaum waren sie wiederum durch das Pförtchen in den Garten
gelangt, als er nach der Seite schaute, nach welcher Anna gegangen war,
und, nachdem er sich überzeugt hatte, daß diese ihn weder hören noch
sehen könne, begann:
»Ihr habt erraten, daß ich mit Euch zu sprechen wünschte,« sagte er,
sie mit lachenden Augen anblickend, »ich irre nicht darin, daß Ihr
eine Freundin Annas seid.« Er nahm den Hut ab, zog ein Tuch hervor und
trocknete sich damit seinen Kopf mit dem spärlichen Haar.
Darja Aleksandrowna antwortete nicht, sondern blickte ihn nur
erschrocken an. Nachdem sie mit ihm so allein geblieben, wurde es ihr
plötzlich ängstlich zu Mut; die lachenden Augen und der ernste Ausdruck
seines Gesichts erschreckten sie.
Die verschiedenartigsten Vermutungen, worüber er wohl mit ihr könnte
sprechen wollen, gingen ihr durch den Kopf. »Er wird mich einladen, mit
den Kindern zu ihm auf Besuch zu kommen, und ich werde ihm abschläglich
antworten müssen: Oder soll ich in Moskau einen Kreis für Anna
schaffen, oder will er über Wasjenka Wjeslowskiy und dessen Beziehungen
zu Anna reden? Vielleicht auch von Kity, oder davon, daß er sich
schuldig fühlt?« Sie sah nur Unangenehmes, erriet aber nicht, wovon er
mit ihr mochte reden wollen.
»Ihr habt so großen Einfluß auf Anna, sie liebt Euch so,« sagte er,
»helft mir doch!«
Darja Aleksandrowna schaute fragend und schüchtern auf sein energisches
Gesicht, welches bald ganz, bald stellenweis in das Licht der Sonne
trat, das bald den Schatten der Linden durchdrang, bald vom Schatten
wieder verdunkelt wurde, und wartete auf das, was er weiter sagen
würde; doch er schritt, mit dem Spazierstock in den Kies bohrend,
schweigend neben ihr hin.
»Wenn Ihr zu uns gekommen seid, Ihr, die einzige Frau unter den
früheren Freundinnen Annas -- die Fürstin Barbara rechne ich nicht --
so verstehe ich darin, daß Ihr dies nicht gethan habt, weil Ihr etwa
unser Verhältnis für ein normales haltet, sondern weil Ihr, die ganze
Schwierigkeit dieses Verhältnisses begreifend, sie noch immer ebenso
liebt und ihr helfen wollt. Habe ich Euch so richtig aufgefaßt?« frug
er, sie anschauend.
»O ja,« antwortete Darja Aleksandrowna, ihren Sonnenschirm schließend,
»doch« --
-- »Nein,« unterbrach er sie, und blieb stehen, unwillkürlich, und
vergessend, daß er hierdurch Darja Aleksandrowna in eine peinliche
Situation versetzte, indem diese genötigt war, gleichfalls stehen
zu bleiben. »Niemand empfindet mehr und stärker als ich die ganze
Schwierigkeit der Lage Annas, und dies ist begreiflich, wenn Ihr mir
die Ehre erweist, mich für einen Menschen zu halten, der Herz besitzt,
>ich bin die Ursache dieser Lage und deshalb fühle ich sie.<«
»Ich verstehe,« sagte Darja Aleksandrowna, unwillkürlich freundlich
werdend, als er dies so aufrichtig und bestimmt aussprach, »aber eben
deswegen, weil Ihr Euch als die Ursache fühlt, übertreibt Ihr, wie ich
fürchte,« sagte sie, »Annas Lage ist eine schwierige in der Welt, ich
verstehe wohl.«
»In der Welt ist sie eine Hölle,« fuhr er hastig fort, das Gesicht in
finstre Falten legend, »man kann sich keine schlimmeren moralischen
Qualen vorstellen, als die, welche sie in jenen vierzehn Tagen in
Petersburg durchlebt hat. Ich bitte Euch darum, das zu glauben.«
»Aber hier, bis jetzt, so lange weder Anna, noch Ihr ein Bedürfnis nach
der Welt empfindet« --
»Die Welt« -- sagte er voll Verachtung, »welches Bedürfnis kann ich
nach der Welt empfinden?«
»Bis jetzt -- und vielleicht bleibt das immer so -- seid Ihr glücklich
und ruhig. Ich sehe an Anna, daß sie glücklich ist, vollkommen
glücklich, sie hat es mir kaum erst geäußert« -- sagte Darja
Aleksandrowna lächelnd; doch unwillkürlich stiegen ihr, während sie
dies sprach, Zweifel auf, ob Anna wirklich glücklich war.
Wronskiy hingegen schien hieran nicht zu zweifeln.
»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, daß sie aufgelebt ist nach allen ihren
Leiden; sie ist glücklich. Sie ist wahrhaft glücklich. Aber ich? Ich
fürchte das, was uns erwartet. Doch entschuldigt, Ihr wollt gewiß
gehen?«
»Nein, ganz gleich.«
»Gut, setzen wir uns dann hierher!«
Darja Aleksandrowna ließ sich auf einer Gartenbank in einer Ecke der
Allee nieder. Er blieb vor ihr stehen.
»Ich sehe, daß sie glücklich ist,« wiederholte er und der Zweifel
daran, ob sie glücklich sei, beschlich Darja Aleksandrowna noch mehr.
»Aber kann dies so fortgehen? Mögen wir gut oder schlecht gehandelt
haben, das bleibt eine andre Frage, aber der Würfel ist gefallen,«
sagte er, aus der russischen in die französische Sprache übergehend,
»und wir sind für das ganze Leben miteinander verbunden; wir sind
vereint durch die heiligsten Bande der Liebe. Wir haben ein Kind,
wir können noch mehr Kinder haben. Aber das Gesetz und alle Umstände
in unserem Verhältnis sind derart, daß sich tausend Verwickelungen
zeigen, welche Anna jetzt, wo sie ihren Geist von all den Leiden und
Prüfungen ausruhen läßt, nicht sieht oder nicht sehen will. Und das ist
begreiflich. Ich aber muß sie sehen. Meine Tochter ist nach dem Gesetz
-- nicht meine Tochter, sondern eine Karenina. Ich will diese Täuschung
nicht,« sagte er, mit einer energischen Geste der Verneinung, und
düster fragend Darja Aleksandrowna anblickend.
Diese antwortete nicht und schaute ihn nur an. Er fuhr fort:
»Morgen kann mir ein Sohn geboren werden, mein Sohn, aber nach dem
Gesetz -- ist er ein Karenin; weder Erbe meines Namens, noch Erbe
meines Vermögens, und so glücklich wir in der Familie sein, soviel
Kinder wir auch bekommen mögen, zwischen mir und ihnen besteht kein
Band. Sie sind Karenin. Begreift nur das Drückende und Entsetzliche
dieser Lage! Ich habe es versucht, mit Anna darüber zu sprechen, aber
sie reizt dies nur. Sie versteht es nicht und ich vermag nicht, ihr
alles zu sagen. Betrachtet indes jetzt die Sache auch noch von einer
anderen Seite! Ich bin glücklich, glücklich durch ihre Liebe, aber ich
muß eine Beschäftigung haben! Diese Beschäftigung habe ich gefunden und
bin stolz auf sie; ich halte sie für edler, als es die Beschäftigung
meiner ehemaligen Kameraden am Hof und im Dienst ist, und ohne Zweifel
würde ich dieses Wirken nicht mit dem ihren vertauschen mögen. Ich
arbeite hier, auf meiner Scholle sitzend, und bin glücklich und
zufrieden, und wir brauchen nichts weiter zum Glück. Ich liebe diese
Thätigkeit. =Cela n'est pas un pis-aller=, im Gegenteil« --
Darja Aleksandrowna bemerkte, daß er an dieser Stelle seiner
Erklärung den Faden verlor; sie verstand diese Abschweifung nicht
recht und fühlte, daß er jetzt, nachdem er einmal über seine
Herzensangelegenheiten, über die er mit Anna nicht reden konnte, zu
sprechen angefangen hatte, alles aussprach, und daß sich die Frage
seiner Beschäftigung auf dem Lande in der nämlichen Abteilung seiner
innersten Gedanken befand, in welcher auch die Frage über seine
Beziehungen zu Anna war.
»Indessen, ich fahre fort,« sagte er, wieder auf den rechten Weg
kommend, »das Wichtigste ist, daß ich beim Arbeiten die Überzeugung
hegen muß -- daß das von mir Geleistete nicht mit mir sterben wird, daß
ich Erben haben werde, -- und dies ist bei mir nicht der Fall! Stellt
Euch selbst die Situation eines Menschen vor, welcher im voraus weiß,
daß seine und seines von ihm geliebten Weibes Kinder nicht sein eigen
werden, sondern jemandes, der sie haßt und sie gar nicht kennen will.
-- Das ist doch furchtbar!«
Er verstummte augenscheinlich in starker Erregung.
»Ja, natürlich; ich begreife das. Aber was kann Anna thun?« frug Darja
Aleksandrowna.
»Dies eben führt mich auf den Zweck meiner Aussprache,« sagte er, sich
gewaltsam bezwingend, »Anna kann Etwas thun; es hängt von ihr ab.
Selbst zu dem Gesuch an den Zaren um Adoptierung, ist die Ehescheidung
unumgänglich erforderlich. Und diese hängt von Anna ab; ihr Gatte
war mit der Scheidung einverstanden -- Euer Gatte hatte dies damals
vollkommen arrangiert, und auch jetzt noch, ich weiß es, würde er
sich nicht weigern. Es käme nur darauf an, daß man ihm schriebe. Er
hat damals offen geantwortet, daß er sich, wenn sie diesen Wunsch
aussprechen sollte, nicht weigern würde. Natürlich,« sagte er finster,
»ist dies nur eine jener Pharisäerhärten, deren allein Leute ohne Herz
fähig sind. Er weiß, welche Qual ihr jede Erinnerung an ihn kostet,
und fordert, da er es weiß, von ihr einen Brief. Ich begreife, daß
ihr das qualvoll sein muß, aber die Ursachen sind so wichtig, daß es
heißt =passer par-dessus toutes ces finesses de sentiment. Il y va du
bonheur et de l'existence d'Anne et de ses enfants.= Ich spreche nicht
von mir, obwohl es mir schwer, sehr schwer wird,« sagte er mit dem
Ausdruck einer Drohung gegen jemand, der es ihm so schwer machte. »Und
so klammere ich mich denn ohne Bedenken an Euch, Fürstin, wie an einen
Rettungsanker. Helft mir, sie zu überreden, daß sie ihm schreibt und
die Scheidung fordert.«
»Ja, natürlich,« sagte Darja Aleksandrowna, sich lebhaft ihres letzten
Zusammenseins mit Aleksey Aleksandrowitsch erinnernd, »ja versteht
sich,« wiederholte sie entschlossen, mit dem Gedanken an Anna.
»Macht von Eurem Einfluß auf sie Gebrauch und bewirkt, daß sie
schreibt. Ich will und kann nicht darüber mit ihr reden.«
»Gut, ich werde mit ihr sprechen. Aber sie selbst sollte gar nicht
hieran denken?« sagte Darja Aleksandrowna, der plötzlich hierbei die
seltsame neue Gewohnheit Annas, zu zwinkern, einfiel. Sie dachte
wieder daran, daß Anna gerade da, als die Frage auf die Seiten ihres
Lebens, die ihr Herz berührten, kam, mit den Augen zwinkerte. »Gerade
als ob sie über ihr Leben zwinkerte, um es nicht zu sehen,« dachte
Dolly. »Ohne Zweifel muß ich im eigenen Interesse und in ihrem mit ihr
sprechen,« antwortete sie auf den Ausdruck seiner Dankbarkeit hin.
Sie erhoben sich und schritten dem Hause zu.
22.
Als Anna Dolly bereits zurückgekehrt fand, schaute sie ihr aufmerksam
ins Auge, als wolle sie nach dem Gespräch fragen, welches sie mit
Wronskiy gehabt, frug aber nicht mit Worten.
»Es scheint schon Zeit zur Mittagstafel zu sein,« sagte sie. »Wir haben
uns ja noch gar nicht gesehen. Ich rechne auf den Abend; jetzt muß ich
mich umkleiden, und ich denke wohl auch du wirst dies thun? Wir sind
auf dem Bau alle ganz schmutzig geworden.«
Dolly ging nach ihrem Zimmer und war nun in einer komischen Situation.
Es war ihr nicht möglich, sich umzukleiden, denn sie hatte schon ihr
bestes Kleid angelegt; doch, um wenigstens in Etwas ihre Vorbereitung
zur Tafel kenntlich zu machen, bat sie die Zofe, ihr das Kleid zu
reinigen, wechselte die Manschetten und ein Band und legte Spitzen auf
den Kopf.
»Das ist alles, was ich vermag,« sagte sie lächelnd zu Anna, welche in
dem dritten, wiederum einem sehr einfachen Kleide, zu ihr kam.
»Ja, wir sind hier sehr kokett,« sagte Anna, sich gleichsam
entschuldigend wegen ihrer Toilette. »Aleksey ist erfreut über dein
Kommen, wie selten über Etwas. Er ist aufrichtig in dich verliebt,«
fügte sie hinzu. »Aber du bist doch nicht ermüdet?«
Bis zur Tafel war keine Zeit mehr, noch über etwas zu sprechen. Als sie
in den Salon traten, trafen sie dort bereits die Fürstin Barbara und
die Herren in schwarzen Röcken. Der Architekt war im Frack. Wronskiy
stellte dem Besuch den Arzt vor. Den bauleitenden Architekten hatte er
mit Darja Aleksandrowna schon in dem Krankenhause bekannt gemacht.
Der dicke Hausmeister, mit seinem glänzenden, runden rasierten Gesicht
und im steifgeplätteten Band seiner weißen Krawatte meldete, daß
das Essen bereit sei, und die Damen erhoben sich. Wronskiy ersuchte
Swijashskiy, Anna Arkadjewna den Arm zu reichen, während er selbst zu
Dolly trat. Wjeslowskij gab vor Tuschkjewitsch der Fürstin Barbara
seinen Arm, so daß dieser, der Baumeister und der Arzt allein gingen.
Das ganze Essen, der Speisesalon, das Service, der Wein und die Speisen
entsprachen nicht nur dem allgemeinen Charakter des modernen Prunkes
in diesem Hause, sondern alles war wohl noch luxuriöser und moderner.
Darja Aleksandrowna musterte diese ihr neue Pracht und vertiefte sich
als Hausfrau, die ein Hauswesen führte -- obwohl ohne Hoffnung, etwas
von all dem Gesehenen mit ihrem Hauswesen vergleichen zu können, so
hoch stand hier alles an Pracht über ihrer Lebensweise -- unwillkürlich
in alle Einzelheiten und stellte sich dabei die Frage, wer dies alles
gemacht hatte und wie es gemacht war.
Wasjenka Wjeslowskij, ihr Gatte und selbst Swijashskiy und viele Leute,
die sie kannte, hatten nie hierüber nachgedacht, sondern aufs Wort
daran geglaubt, daß jeder rechtschaffene Hausherr seine Gäste merken
zu lassen wünscht, alles, was bei ihm gut in der Einrichtung sei, habe
ihm, dem Hausherrn, nicht die geringste Mühe gekostet, sondern sei von
selbst geworden.
Darja Aleksandrowna aber wußte, daß von selbst nicht einmal der Brei
zum Frühstück für die Kinder werde, und infolge dessen auf eine so
komplizierte und herrliche Einrichtung gewissermaßen verstärkte
Aufmerksamkeit hatte gerichtet werden müssen. Auch an dem Blicke des
Aleksey Kyrillowitsch, mit welchem dieser den Tisch überflog, und
wie er ein Zeichen mit dem Kopfe nach dem Hausmeister hin gab, und
wie er der Darja Aleksandrowna die Auswahl zwischen dem Kwasgericht
und der Suppe vorschlug, erkannte sie, daß alles durch die Fürsorge
des Herrn selbst geschehe und von dieser gehalten sei. Von Anna hing
augenscheinlich dies alles nicht in höherem Grade ab, als etwa von
Wjeslowskij. Sie, Swijashskiy, die Fürstin und Wjeslowskiy waren einzig
und allein die Gäste, welche heiter genossen, was für sie bereitet war.
Anna war Hausfrau nur der Führung des Gesprächs nach, und dieses
Gespräch, sehr schwierig für die Hausherrin bei der nicht großen
Tafel, bei Personen wie dem Baumeister und dem Architekten, Leuten
einer vollständig anderen Welt, die sich bemühten, nicht zu erröten
vor dem ungewohnten Luxus, und nicht lange an dem gemeinsamen Gespräch
teilzunehmen vermochten -- dieses schwierige Gespräch führte Anna mit
ihrem gewohnten Takte, mit Natürlichkeit und selbst mit Vergnügen, wie
Darja Aleksandrowna merkte.
Das Gespräch drehte sich darum, wie Tuschkjewitsch und Wjeslowskiy
allein im Boot gefahren waren; dann begann Tuschkjewitsch von den
letzten Bootwettfahrten in Petersburg im Jachtklub zu erzählen. Doch
Anna, eine Pause abwartend, wandte sich sogleich an den Architekten, um
denselben aus seinem Schweigen zu ziehen.
»Nikolay Iwanitsch war überrascht,« sagte sie zu Swijashskiy, »wie das
neue Gebäude seit der Zeit, seit welcher er das letzte Mal hier war,
gewachsen ist; aber ich bin alltäglich dabei und verwundere mich selbst
alltäglich, wie schnell das geht.«
»Mit Erlaucht arbeitet es sich auch gut,« sagte lächelnd der Architekt
-- er war im Gefühl seines Wertes ein ehrerbietiger und ruhiger Mensch
-- »man hat es hier nicht mit Gouvernementsmachthabern zu thun, bei
denen erst ein Ries Papier vollgeschrieben werden muß; ich mache dem
Grafen Meldung, wir besprechen und mit drei Worten ist die Sache
abgemacht.«
»Amerikanische Manieren,« sagte Swijashskiy lächelnd.
»Ja; dort werden die Gebäude rationell errichtet.«
Das Gespräch kam auf den Mißbrauch der Macht in den Vereinigten
Staaten, doch Anna brachte es sogleich auf ein anderes Thema, um den
Baumeister aus seinem Schweigen zu ziehen.
»Hast du schon einmal Erntemaschinen gesehen?« wandte sie sich an Darja
Aleksandrowna. »Wir waren hinausgeritten, sie anzusehen, als wir dir
begegneten. Ich selbst habe sie zum erstenmale gesehen.«
»Wie arbeiten sie denn?« frug Dolly.
»Genau so wie Scheren. Es ist ein Brett und daran sind viele kleine
Scheren. So hier« --
Anna ergriff mit ihren schönen, weißen, von Ringen bedeckten Händen
ein Messer und eine Gabel und begann zu zeigen. Sie sah offenbar, daß
sich aus ihrer Erklärung nichts erkennen lasse, setzte aber, recht wohl
wissend, daß sie angenehm sprach und daß ihre Hände schön seien, die
Erklärung fort.
»Es sind eigentlich mehr Federmesser,« sagte Wjeslowskij lächelnd, ohne
die Augen von ihr zu verwenden.
Anna lächelte kaum merklich, antwortete ihm aber nicht.
»Nicht wahr, Karl Fjodorowitsch, es sind Scheren?« wandte sie sich an
den Baumeister.
»O ja,« versetzte der Deutsche in deutscher Sprache, »es ist ein ganz
einfaches Ding,« und begann dann die Konstruktion der Maschine zu
erläutern.
»Schade, daß sie nicht strickt. Ich habe auf der Wiener Weltausstellung
eine gesehen, die strickt Draht,« sagte Swijashskiy, »diese wären noch
nützlicher gewesen.«
»Es kommt drauf an; der Preis vom Draht muß ausgerechnet werden,« sagte
der Deutsche in deutscher Sprache und wandte sich, seinem Schweigen
entrissen, an Wronskiy.
»Das läßt sich ausrechnen, Erlaucht.« Der Deutsche hatte bereits in die
Tasche gegriffen, wo er Bleistift und ein Notizbuch trug, in welchem
er alles ausrechnete. Doch besann er sich, daß er bei Tische sitze und
stand, den kühlen Blick Wronskiys bemerkend, von seinem Vorhaben ab.
»Zu kompliziert; macht zuviel Klopot,« schloß er.
»Wünscht man Dochots,[A] so hat man auch Klopots,«[B] sagte Wasjenka
Wjeslowskij auf Deutsch, sich über den Deutschen lustig machend.
»=J'adore l'allemand=,« wandte er sich mit dem nämlichen Lächeln zu
Anna.
[A] =dochód= »Einkünfte«.
[B] =chlópot= Gen. Plur. von =chlópoty= »Plackereien«.
»=Cessez=!« sagte diese scherzhaft ernst. »Wir dachten Euch auf dem
Felde zu treffen, Wasiliy Ssemjonitsch?« wandte sie sich dann an den
Arzt, einen krankhaften Menschen, »waret Ihr dort?«
»Ich war dort, zog mich aber zurück,« antwortete dieser mit mürrischem
Spott.
»Wahrscheinlich habt Ihr Euch eine gute Motion gemacht?«
»Herrlich!«
»Wie ist denn das Befinden der Alten? Ich hoffe es ist nicht Typhus?«
»Typhus oder nicht Typhus, in der Besserung befindet sie sich nicht
gerade.«
»Wie schade,« sagte Anna, und wandte sich, nachdem sie so der
Höflichkeit ihren Hausgenossen gegenüber den Tribut gezollt hatte,
wieder zu den Ihrigen.
»Es wäre jedenfalls nach Eurer Erzählung schwierig, eine Maschine zu
konstruieren, Anna Arkadjewna,« sagte Swijashskiy scherzend.
»Nun; inwiefern?« versetzte Anna mit einem Lächeln, welches sagte, daß
sie wohl wisse, in ihrer Erklärung von der Maschinenkonstruktion habe
etwas Liebliches gelegen, was von Swijashskiy auch bemerkt worden sei.
Dieser neue Zug jugendlicher Koketterie überraschte Dolly unangenehm.
»Dafür sind die Kenntnisse Anna Arkadjewnas in der Architektur
bewundernswürdige,« sagte Tuschkjewitsch.
»Allerdings; ich hörte es; gestern sprach Anna Arkadjewna davon -- bis
auf die Plinthe ist sie Kennerin« -- sagte Wjeslowskij.
»Es ist nichts Wunderbares dabei, wenn man so viel sieht und hört,«
antwortete Anna, »Ihr freilich wißt gewiß nicht einmal, wovon man ein
Haus baut.«
Darja Aleksandrowna sah, daß Anna ungehalten über den Ton von Tändelei
war, der zwischen ihr und Wjeslowskij herrschte, und in welchen
unwillkürlich sie selbst geriet.
Wronskiy handelte in diesem Falle durchaus nicht so, wie Lewin. Er maß
dem Geschwätz Wjeslowskijs offenbar nicht die geringste Bedeutung bei,
ja, würzte im Gegenteil noch dessen Scherze.
»Nun sagt doch einmal, Wjeslowskij, womit bindet man denn die Steine!«
»Natürlich mit Cement.«
»Bravo! Aber was ist denn Cement?«
»Nun so etwas wie ein dünner Brei, nein wie Kitt,« sagte Wjeslowskij,
ein allgemeines Gelächter hervorrufend.
Die Konversation unter den Dinierenden mit Ausnahme des in tiefes
Schweigen versunkenen Arztes, des Architekten und des Baumeisters,
verstummte nicht, bald glatt fließend, bald stockend und jemanden
bei einer Schwäche fassend. Einmal wurde auch Darja Aleksandrowna
angegriffen und so aufgeregt davon, daß sie sogar errötete, und sich
besann, ob man ihr nicht etwas Überflüssiges und Unangenehmes gesagt
habe? Swijashskiy hatte über Lewin zu sprechen begonnen, und von seinen
seltsamen Urteilen, daß die Maschinen der russischen Landwirtschaft nur
schädlich seien, erzählt.
»Ich habe nicht das Vergnügen, diesen Herrn Lewin zu kennen,« sagte
Wronskiy lächelnd, »aber wahrscheinlich hat er wohl niemals die
Maschinen gesehen, die er verwirft. Und wenn er eine gesehen und
erprobt hat, so wird sie darnach gewesen sein, nicht eine ausländische,
sondern eine russische. Wie kann man hierbei noch Ansichten haben?«
»Im allgemeinen türkische Ansichten,« sagte Wjeslowskij lächelnd, sich
an Anna wendend.
»Ich kann seine Urteile nicht vertreten,« fuhr Darja Aleksandrowna auf,
»aber ich kann sagen, daß er ein sehr gebildeter Mann ist, und, wenn er
hier wäre, schon wüßte, wie er Euch zu antworten hätte; ich verstehe es
allerdings nicht!«
»Ich liebe ihn sehr und wir sind sehr gute Freunde,« sagte Swijashskiy
gutmütig lächelnd. »=Mais pardon, il est un petit peu toqué=; zum
Beispiel behauptet er, daß sowohl das Semstwo, wie die Schiedsrichter
nicht nötig wären, und beteiligt sich an nichts.«
»Das ist unsere russische Indifferenz,« sagte Wronskiy, Wasser aus
einer Eiskaraffe in ein feines Glas auf langem Fuße gießend, »man
will sich keiner Verpflichtungen bewußt werden, die unsere Rechte uns
auferlegen, und stellt diese Pflichten daher in Abrede.«
»Ich kenne keinen Menschen, der strenger wäre in der Erfüllung seiner
Pflichten,« sagte Darja Aleksandrowna, gereizt von diesem Tone der
Überlegenheit in Wronskiy.
»Ich, im Gegenteil,« fuhr Wronskiy fort, offenbar aus irgend einem
Grunde von diesem Gespräch in einem gewissen Punkte getroffen, »ich im
Gegenteil, so wie Ihr mich seht, bin sehr dankbar für die Ehre, die Ihr
mir erwiesen habt, dank Nikolay Iwanitsch« -- er wies auf Swijashskiy
-- »indem ich zum Ehrenrichter gewählt worden bin. Ich meine, daß für
mich die Pflicht, zu den Zusammenkünften zu reisen, die Klage eines
Bauern über ein Pferd zu begutachten ebenso wichtig ist, wie alles, was
ich überhaupt thun kann. Ich werde es mir zur Ehre anrechnen, wenn man
mich zum stimmenden Richter macht. Nur damit kann ich jene Vorteile
wieder ausgleichen, welche ich als Grundherr besitze. Zum Unglück
versteht man die Bedeutung nicht, welche die Großgrundbesitzer im
Reiche haben müßten.«
Darja Aleksandrowna berührte es seltsam, wie er so ruhig in seiner
Gerechtigkeit dasaß, in seinem Hause hinter seinem Tische. Sie dachte
daran, wie Lewin, von entgegengesetzter Meinung, ebenso entschieden war
in seinem Urteil, in seinem Hause, an seinem Tische. Doch sie liebte
Lewin und war daher auf seiner Seite.
»So können wir also auf Euch rechnen, Graf, für die nächste
Zusammenkunft?« frug Swijashskiy. »Doch wird zeitig zu fahren sein,
damit man um acht Uhr schon dort ist. Wenn Ihr mir die Ehre erweisen
wolltet, zu mir zu kommen?«
»Auch ich bin ein wenig einverstanden mit deinem =beau frère=,« sagte
Anna, »man darf nur nicht ganz so denken, wie er,« fügte sie lächelnd
hinzu. »Ich fürchte, daß in letzter Zeit für uns zu viel dieser
gesellschaftlichen Pflichten erstanden sind. Wie es früher so viel
Beamte gab, daß für jede Arbeit ein Beamter erforderlich war, so ist
jetzt alles gesellschaftlicher Faktor. Aleksey ist jetzt sechs Monate
hier und schon ist er Mitglied von wohl fünf oder sechs verschiedenen
socialen Institutionen -- als Vormund, Richter, Stimmrichter, Beisitzer
&c. =Du train que cela va=, alle seine Zeit geht darin auf. Ich
fürchte, daß bei der Masse dieser Geschäfte, alles nur Form ist. In wie
viel Orten seid Ihr Ratsmitglied des Gerichtshofs, Nikolay Iwanitsch,«
wandte sie sich an Swijashskiy, »mir scheint in mehr als zwanzig!«
Anna sprach im Scherz, aber in ihrem Tone lag Bitterkeit. Darja
Aleksandrowna, welche Anna und Wronskiy aufmerksam beobachtet hatte,
bemerkte dies sogleich. Sie bemerkte auch, daß das Gesicht Wronskiys
bei diesem Gespräch sofort einen ernsten und eigensinnigen Ausdruck
annahm. Als sie dies bemerkt hatte, sowie auch, daß die Fürstin Barbara
sogleich, um das Thema zu ändern, hastig von Petersburger Bekannten zu
sprechen begann, sich ferner auch daran erinnert hatte, daß Wronskiy im
Garten nicht zur passenden Zeit über seine Thätigkeit gesprochen hatte,
erkannte Dolly, daß mit dieser Frage über die sociale Wirksamkeit ein
gewisser geheimer Zwist zwischen Anna und Wronskiy zusammenhing.
Das Essen, die Weine, die Servierung, alles das war sehr gut, doch auch
ebenso, wie es Darja Aleksandrowna bei offiziellen Essen und Bällen,
von denen sie jetzt freilich ganz entwöhnt war, gesehen hatte, und von
dem nämlichen Charakter des Nichtigen und Gespreizten. Infolge dessen
machte auch alles dies, an dem gewöhnlichen Wochentag und in diesem
kleinen Kreis einen unangenehmen Eindruck auf sie.
Nach dem Essen setzte man sich auf die Terrasse, dann wurde =lawn
tennis= gespielt, indem man sich in zwei Parteien schied, und auf
dem sorgfältig geebneten und abgesteckten =croket-ground=, auf
beiden Seiten des aufgespannten Netzes mit den vergoldeten Stäben
auseinandertrat.
Darja Aleksandrowna versuchte zu spielen, konnte aber lange Zeit das
Spiel nicht begreifen; nachdem sie es aber erfaßt hatte, war sie so
müde geworden, daß sie sich bei der Fürstin Barbara niedersetzte und
den Spielenden nur noch zuschaute. Ihr Partner, Tuschkjewitsch, hatte
ebenfalls aufgehört, die übrigen aber setzten das Spiel noch lange
fort. Swijashskiy und Wronskiy spielten beide sehr gut und mit Ernst.
Sie folgten mit scharfen Blicken dem ihnen zugeworfenen Ball, ohne sich
zu überhasten oder etwas zu versäumen, liefen ihm behend nach, paßten
die Sprünge ab und schleuderten den Ball zielbewußt und richtig über
das Netz hinüber.
Wjeslowskij spielte schlechter als die übrigen. Er war zu aufgeregt,
inspirierte aber dafür mit seiner Heiterkeit die Spieler. Sein
Gelächter und seine Rufe klangen unaufhörlich. Er legte wie alle
übrigen Herren, auf den Beschluß der Damen den Überrock ab, und
seine volle schöne Figur mit den weißen Hemdärmeln, dem roten
schweißbedeckten Gesicht, den hastigen Bewegungen prägte sich förmlich
dem Gedächtnis ein.
Als Darja Aleksandrowna sich in dieser Nacht schlafen legte, sah sie,
als sie kaum die Augen geschlossen hatte, den über den =croket-ground=
huschenden Wasjenka Wjeslowskij.
Während des Spieles war Darja Aleksandrowna nicht heiter gestimmt
gewesen. Ihr mißfiel das auch hierbei fortdauernde, tändelnde
Verhältnis zwischen Wasjenka und Anna, sowie die allgemeine
Gezwungenheit der Erwachsenen, wenn solche allein, ohne daß Kinder
dabei sind, ein Kinderspiel spielen.
Um indessen die übrigen nicht zu stören, und irgendwie die Zeit doch
zu verbringen, gesellte sie sich endlich, nachdem sie sich erholt
hatte, dem Spiele wieder bei und stellte sich heiter. Diesen ganzen
Tag hindurch schien es ihr immer, als spiele sie auf einem Theater,
mit Schauspielern, die besser waren als sie, und als verderbe ihr
schlechtes Spiel die ganze Aufführung.
Sie war mit der Absicht gekommen, zwei Tage hier zu bleiben, falls es
anginge. Aber am Abend während des Spielens, beschloß sie bei sich,
morgen schon abzureisen. Jene quälenden mütterlichen Sorgen, die sie
unterwegs so gehaßt hatte, erschienen ihr jetzt, nach einem Tage den
sie ohne dieselben verbracht hatte, schon in anderem Lichte und lockten
sie an sich.
Als Darja Aleksandrowna nach dem Abendthee und einer Spazierfahrt am
Abend im Boot allein in ihr Zimmer getreten war, ihr Kleid abgelegt und
sich niedergesetzt hatte, um ihr dünnes Haar für die Nacht aufzubinden,
empfand sie große Erleichterung.
23.
Dolly wollte sich bereits niederlegen, als Anna im Nachtkostüm bei ihr
eintrat.
Im Laufe des Tages hatte diese mehrmals Gespräche über
Herzensangelegenheiten begonnen, aber stets, nachdem sie einige Worte
gesprochen, wieder inne gehalten. »Später, allein unter uns, wollen wir
alles besprechen. Ich habe dir soviel zu sagen,« hatte sie geäußert.
Jetzt waren sie allein, doch Anna wußte nicht, wovon sie sprechen
sollte. Sie saß am Fenster, auf Dolly blickend, fand aber, in ihrem
Geiste all den unerschöpflich scheinenden Stoff zu ihren Gesprächen
über Geistiges durchmusternd, nichts.
Es schien ihr in dieser Minute, als ob alles schon gesagt wäre.
»Was macht denn Kity?« sagte sie, schwer aufseufzend und im Gefühl
einer Schuld Dolly anblickend. »Sag' mir die Wahrheit, Dolly, zürnt sie
mir nicht?«
»Sie zürnen? Nein« -- sagte Darja Aleksandrowna lächelnd.
»Aber sie haßt, verachtet mich?«
»O nein; doch du weißt ja, Eines läßt sich nicht vergeben.«
»Ja, ja,« sagte Anna, sich abwendend und durch das geöffnete Fenster
schauend. »Aber ich war nicht schuld! Wer war denn schuld? Was heißt
denn schuldig? Konnte es anders kommen? Wie denkst du darüber? Wäre es
möglich gewesen, daß du nicht die Frau Stefans wurdest?«
»Wahrhaftig; ich weiß nicht. Aber sage du mir doch das?«
»Ja, ja, wir waren indessen noch nicht mit Kity fertig. Ist sie
glücklich? Er ist ein schöner Mann, wie man sagt.«
»Das will wenig sagen, daß er schön ist. Ich kenne aber keinen besseren
Menschen.«
»Ach, wie froh bin ich! Ich bin sehr froh! Es will wenig sagen, daß er
ein schöner Mann ist,« wiederholte sie.
Dolly lächelte.
»Erzähle mir doch etwas von dir selbst! Wir haben uns so viel zu
erzählen. Ich sprach auch mit« -- Dolly wußte nicht, wie sie ihn
nennen sollte; es war ihr peinlich, ihn Graf oder Aleksey Kyrillowitsch
zu nennen.
»Mit Aleksey« -- sagte Anna, »ich weiß, daß Ihr miteinander gesprochen
habt. Aber ich wollte dich offen fragen, was du von mir, über mein
Leben denkst?«
»Wie kann ich das so plötzlich sagen? Ich weiß es wahrhaftig nicht.«
»Nein, nein, du mußt es mir dennoch sagen. Du siehst ja mein Leben.
Doch vergiß nicht, daß du uns im Sommer siehst, wo du gekommen bist,
und wir nicht allein sind. Wir aber kamen zeitig im Frühjahr hierher
und haben vollständig einsam gelebt, und werden auch einsam weiter
leben; etwas Besseres wünsche ich gar nicht. Stelle dir aber auch vor,
daß ich allein lebte, ohne ihn; und dies wird kommen. An allem sehe
ich, daß dies sich oft wiederholen wird, daß er die Hälfte seiner Zeit
außerhalb des Hauses zubringen wird,« sprach sie, aufstehend und sich
näher zu Dolly setzend.
»Natürlich,« unterbrach sie Dolly, welche ihr entgegnen wollte,
»natürlich mit Gewalt werde ich ihn nicht zurückhalten! Ich halte ihn
gar nicht! Jetzt sind die Rennen; seine Pferde laufen; er reitet mit.
Ich freue mich sehr darüber. Aber was denkst du über mich, stelle dir
meine Lage vor. Was soll man dazu sagen?« Sie lächelte. »Wovon hat er
denn mit dir gesprochen?«
»Er sprach über das, wovon ich selbst sprechen will und ich kann leicht
sein Anwalt sein. Er sprach davon, ob keine Möglichkeit vorhanden sei,
und es nicht gehe, daß« -- Darja Aleksandrowna stockte, »man deine Lage
verbessern könnte. Du weißt, wie ich sie betrachte. Aber gleichwohl,
wenn möglich, muß geheiratet werden« --
»Das heißt, eine Ehescheidung!« sagte Anna, »weißt du, daß das einzige
Weib, welches in Petersburg zu mir gekommen ist, Betsy Twerskaja
gewesen ist? Du kennst sie ja? =Au fond c'est la femme la plus dépravée
qui existe=. Sie stand in einem Verhältnis zu Tuschkjewitsch, in der
schmählichsten Weise ihren Mann hintergehend. Diese nun sagte mir,
daß sie mich nicht mehr kennen wollte, so lange mein Verhältnis ein
illegales bleibe. Denke nicht etwa, daß ich Vergleiche anstellte. Ich
kenne dich, mein Herz, doch ich denke unwillkürlich an sie. Was hat
dir denn Aleksey gesagt?« wiederholte sie.
»Er hat mir gesagt, daß er leide, deinetwegen und seinetwegen.
Vielleicht wirst du sagen, das sei Egoismus, aber es ist ein so
begründeter und edler Egoismus! Er wünscht zunächst seine Tochter
legitim zu machen und dein Gatte zu werden; ein Recht auf dich zu
erhalten.«
»Welche Frau, welche Magd kann bis zu solchem Grade Sklavin werden, als
ich es bin in meiner Lage!« unterbrach Anna düster.
»Das Hauptsächlichste was er wünscht -- er will, daß du nicht mehr
leiden sollst.«
»Das ist unmöglich! Und weiter?«
»Nun, und das Loyalste -- er will, daß eure Kinder einen Namen haben.«
»Welche Kinder denn?« sagte Anna, ohne Dolly anzublicken und mit den
Augen zwinkernd.
»Any und die Künftigen« --
»Daraufhin kann er ruhig sein; ich werde keine Kinder mehr bekommen!«
»Wie darfst du sagen, daß dies nicht mehr der Fall sein könnte?«
»Deshalb nicht, weil ich es nicht will!«
Trotz ihrer hohen Erregung lächelte Anna, als sie den naiven Ausdruck
von Neugier, Erstaunen und Schrecken auf Dollys Gesicht bemerkte.
»Der Arzt hat mir nach meiner Krankheit gesagt, daß« -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Nicht möglich!« sagte Dolly, die Augen weit aufreißend. Für sie war
dies eine jener Offenbarungen, deren Folgerungen und Ausführungen so
ungeheuer sind, daß man in der ersten Minute nur fühlt, man könne sich
das Ganze nicht vorstellen, werde aber noch viel darüber nachzudenken
haben.
Diese Eröffnung, welche ihr plötzlich über alle jene früher für sie
unbegreiflich gewesenen Familien, die nur ein oder zwei Kinder hatten,
eine Erklärung gab, rief in ihr soviel Gedanken, Phantasieen und
widerstreitende Empfindungen wach, daß sie nichts zu sagen wußte und
nur mit weit geöffneten Augen erstaunt auf Anna schaute. Das war das
Nämliche, wovon sie wohl schon geträumt hatte; aber jetzt, als sie
kennen gelernt, daß es möglich sei, erschrak sie. Sie fühlte, daß dies
die nur allzu einfache Lösung einer zu verwickelten Frage war.
»=N'est ce pas immoral=!« sagte sie nur nach einigem Schweigen.
»Inwiefern? Bedenke: Ich habe die Wahl zwischen zwei Dingen. Entweder
schwanger zu sein, das heißt krank, oder der Freund und Kamerad meines
Gatten zu sein, ganz wie ein Mann,« sprach Anna in hochfahrendem und
leichtsinnigem Tone.
»Nun ja, nun ja,« sprach Darja Aleksandrowna, die nämlichen Argumente
hörend, die sie selbst für sich beigebracht hatte, in ihnen aber nicht
mehr die alte Beweiskraft findend. »Für dich, für andere,« sagte Anna,
als errate sie Dollys Gedanken, »kann noch ein Zweifel bestehen, für
mich aber -- begreife, ich bin kein angetrautes Weib! Er liebt mich so
lange, als er liebt. Und womit soll ich dann seine Liebe unterhalten?
Doch nur damit!«
Sie streckte die weißen Arme vor ihrem Leibe aus.
Mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, wie dies in Momenten der Aufregung
zu sein pflegt, drängten sich Gedanken und Erinnerungen im Kopfe Darja
Aleksandrownas.
»Ich,« dachte sie, »habe meinen Stefan doch nicht an mich fesseln
können. Er ging von mir zu anderen, und die erste, welche er für mich
eintauschte, hat ihn nicht einmal damit festgehalten, daß sie stets
schön und heiter war. Er verließ sie doch und nahm eine andere. Sollte
Anna auch nur damit den Grafen Wronskiy fesseln und halten wollen? Wenn
er das nur sucht, so wird er Toiletten und Manieren finden, die noch
anziehender sind und heiterer. Mögen auch ihre entblößten Arme noch
so weiß, so herrlich sein, ihr Leib in voller Schöne prangen, wie ihr
erhitztes Antlitz aus diesen schwarzen Haaren heraus -- er wird noch
Besseres finden, so wie mein ausschweifender, beklagenswerter und doch
geliebter Mann es sucht und findet.«
Dolly antwortete nicht und seufzte nur. Anna bemerkte dieses Seufzen,
welches ihr Widerspruch bedeutete, und fuhr fort. Sie hatte noch
Beweisgründe vorrätig die so stark waren, daß es auf sie nichts mehr zu
antworten gab.
»Du sagst, daß dies nicht gut sei? Man muß aber nur bedenken,« fuhr
sie fort, »du vergißt meine Lage. Wie könnte ich Kinder wünschen?
Ich spreche nicht von meinen Leiden; ich fürchte sie nicht. Bedenke
aber, was werden meine Kinder sein? Unglückliche Kinder, die einen
fremden Namen tragen. Allein durch ihre Geburt schon sind sie in die
Notwendigkeit versetzt, sich ihrer Mutter zu schämen, ihres Vaters,
sowie ihrer Geburt.«
»Aber deshalb ist ja eben die Ehescheidung erforderlich.«
Anna hörte sie nicht; sie wollte eben die nämlichen Beweisgründe
erschöpfend beibringen, mit welchen sie sich selbst schon so viele Mal
überzeugt hatte.
»Warum ist mir der Verstand gegeben, wenn ich ihn nicht dazu anwenden
soll, keine Unglücklichen in die Welt zu setzen?« Sie blickte Dolly an,
fuhr aber ohne eine Antwort abzuwarten fort: »Ich würde mich immerdar
vor diesen unglücklichen Kindern schuldig fühlen,« sagte sie. »Wenn sie
nicht da sind, sind sie wenigstens nicht unglücklich, während, wenn sie
unglücklich sind, ich allein daran Schuld trage.«
Es waren dies die nämlichen Beweisgründe, welche Darja Aleksandrowna
auch für sich selbst beigebracht hatte; aber jetzt hörte sie dieselben,
ohne sie zu verstehen. »Wie kann man vor Geschöpfen schuldig sein,
die nicht existieren?« dachte sie bei sich, und plötzlich kam ihr
in den Sinn, ob es wohl unter Umständen für ihren Liebling Grischa
besser gewesen wäre, wenn er nicht lebte? Dies aber erschien ihr so
wunderlich, so seltsam, daß sie den Kopf wiegte, um dieses Wirrsal
kreisender, wahnwitziger Gedanken zu zerstreuen.
»Nein, ich weiß nicht, das ist nicht gut,« sagte sie mit einem Ausdruck
von Ekel auf den Zügen.
»Ja, ja, aber du darfst nicht vergessen, was du bist und was ich bin
-- und außerdem,« fügte Anna hinzu, ungeachtet der Fülle ihrer eigenen
Beweisgründe und der Armut derjenigen bei Dolly, gleichsam anerkennend,
daß jenes nicht moralisch sei, »vergiß nicht die Hauptsache, daß ich
mich jetzt nicht in der Situation befinde, in welcher du bist. Für
dich ist einfach die Frage vorhanden, ob du keine Kinder mehr zu haben
wünschst; für mich hingegen, ob ich sie zu haben wünsche. Darin liegt
ein großer Unterschied. Du begreifst, daß ich in meiner Lage dies nicht
wünschen kann.«
Darja Aleksandrowna erwiderte nichts. Sie empfand plötzlich, daß sie
schon so weit von Anna entfernt stehe, daß es zwischen ihnen Fragen
gab, in welchen sie nie mehr übereinkommen konnten, und von denen nicht
zu sprechen besser war.
24.
»Aber umsomehr wirst du daher deine Verhältnisse ordnen müssen, wenn es
möglich ist,« sagte Dolly.
»Ja, wenn es möglich ist,« versetzte Anna mit plötzlich veränderter,
gedämpfter und trauriger Stimme.
»Ist denn die Ehescheidung unmöglich? Man hat mir gesagt, daß dein Mann
damit einverstanden ist.«
»Dolly! Ich mag nicht davon sprechen.«
»Nun, dann wollen wir es auch nicht,« beeilte sich Darja Aleksandrowna
zu sagen, indem sie den Ausdruck des Leidens auf Annas Antlitz
bemerkte. »Ich sehe nur, daß du zu schwarz siehst.«
»Ich? Keineswegs! Ich bin sehr heiter und zufrieden. Du hast ja
gesehen; =je fais des passions Wjeslowskij=« --
»Ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, gefällt mir der Ton Wjeslowskijs
nicht,« sagte Darja Aleksandrowna, im Wunsche, das Thema zu ändern.
»O, keineswegs! Das kitzelt Aleksey, weiter ist es nichts; er aber
ist ein Knabe und ganz in meinen Händen. Du verstehst wohl, ich leite
ihn, wie ich will. Er ist ganz das, was dein Grischa ist. Dolly!« --
änderte sie plötzlich ihre Rede, »du sagst, ich blicke zu schwarz. Das
verstehst du nicht. Es ist zu entsetzlich. Ich suche lieber gar nicht
zu sehen.«
»Aber mir scheint, man muß dies. Man muß alles thun, was möglich ist.«
»Was ist denn möglich? Nichts! Du sagst, ich soll Aleksey heiraten,
und meinst ich dächte nicht daran. Ich soll nicht daran denken!« --
wiederholte sie, und die Farbe trat ihr ins Gesicht. Sie erhob sich,
reckte ihre Brust empor, seufzte tief auf, und begann dann, mit ihrem
leichten Gang im Zimmer auf und abzuschreiten, bisweilen dabei stehen
bleibend. »Ich soll nicht daran denken? keinen Tag, keine Stunde giebt
es, in der ich nicht sänne -- und mir Vorwürfe machte über das was
ich denke -- deshalb, weil die Gedanken hierüber von Sinnen bringen
können. Von Sinnen bringen,« wiederholte sie. »Wenn ich daran denke, so
kann ich ohne Morphium schon nicht mehr schlafen. Doch gut. Wir werden
ruhig sprechen. Man spricht mir von Ehescheidung. Erstens wird er in
diese nicht willigen. Er steht jetzt unter dem Einfluß der Gräfin Lydia
Iwanowna.«
Darja Aleksandrowna folgte, auf dem Stuhl steif emporgerichtet sitzend,
mit dem Ausdruck innigen Mitgefühls auf dem Gesicht und kopfschüttelnd
der hin und wieder wandernden Anna.
»Man muß versuchen,« sprach sie leise.
»Nehmen wir an, man versucht. Was hätte das zu bedeuten?« sagte
sie; augenscheinlich war dies ein Gedanke, den sie wohl tausendmal
überdacht, auswendig gelernt hatte. »Dies bedeutete für mich, die ihn
haßt, sich aber nichtsdestoweniger vor ihm als schuldig bekennt --
ich halte ihn dabei noch für großmütig -- daß ich mich erniedrige,
wenn ich ihm schreibe. Aber gesetzt, ich überwinde mich und thue dies!
Entweder werde ich alsdann eine verletzende Antwort erhalten, oder
die Einwilligung. Gut; ich erhalte die Einwilligung.« -- Anna befand
sich gerade in einer entfernten Ecke des Gemachs und war dort stehen
geblieben, sich an der Gardine des Fensters zu schaffen machend.
»Ich erhalte also die Einwilligung -- aber -- mein _Sohn_? Den wird
man mir ja nicht geben! Er wird wohl heranwachsen, in der Verachtung
gegen mich, im Haus des Vaters, den ich verließ. Wisse, daß ich, wie
mir scheint, gleich stark, aber mehr noch als mich selbst, zwei Wesen
liebe, Sergey und Aleksey.«
Sie trat in die Mitte des Zimmers und blieb vor Dolly stehen, beide
Hände auf ihre Brust pressend. In dem weißen Nachtgewand erschien ihre
Gestalt eigentümlich hoch und voll. Sie senkte den Kopf und schaute mit
feuchtschimmernden Augen von unten her auf die kleine, hagere und in
ihrem geflickten Korsett im Nachthäubchen so kläglich aussehende, am
ganzen Körper vor Aufregung zitternde Dolly.
»Nur diese beiden Wesen liebe ich, und doch schließt eines das andere
aus. Ich kann sie nicht vereinigen und dies allein ist mir doch nur
Bedürfnis. Wenn es nicht angeht, so ist mir alles gleichgültig. Alles,
alles gleichgültig. Irgendwie muß es enden, und daher kann und mag
ich nicht davon sprechen! Mache du mir also keine Vorwürfe und richte
in nichts über mich! Du vermagst in deiner Reinheit nicht alles zu
erfassen, woran ich leide.« Sie trat heran, setzte sich neben Dolly,
blickte dieser mit schuldbewußtem Ausdruck ins Gesicht und nahm sie bei
der Hand. »Was denkst du? Was denkst du über mich? Verachte mich nicht!
Verachtung bin ich nicht wert. Ich bin doch schon unglücklich. Wenn
jemand unglücklich ist, so bin ich es,« sprach sie und brach, sich von
ihr abwendend, in Thränen aus.
Allein geblieben, betete Dolly zu Gott und legte sich in ihr Bett.
Anna hatte ihr von ganzer Seele leid gethan, so lange sie mit ihr
gesprochen; jetzt aber konnte sie sich nicht mehr zum Nachdenken über
sie bringen. Die Erinnerungen an ihr Haus und ihre Kinder tauchten in
einem eigenartigen, ihr neuen Reiz, mit einem gewissen neuen Schimmer
in ihrer Vorstellungskraft auf. Diese ihr eigene Welt erschien ihr
jetzt so teuer und lieb, daß sie um keinen Preis außerhalb derselben
einen überflüssigen Tag hätte zubringen mögen, und sie beschloß,
bestimmt morgen abzureisen.
Anna hatte mittlerweile, nach ihrem Kabinett zurückgekehrt, ein
Glas ergriffen, einige Tropfen Arznei hineingeschüttet, deren
hauptsächlichster Bestandteil Morphium war, und sich, nachdem sie
getrunken, und noch einige Zeit unbeweglich gesessen hatte, in ruhiger
und heiterer Stimmung nach dem Schlafgemach begeben.
Als sie in dasselbe eintrat, blickte Wronskiy sie aufmerksam an.
Er suchte nach den Spuren des Gesprächs, welches sie, wie er wußte
mit Dolly gehabt haben mußte, da sie so lange im Zimmer derselben
geblieben war. Aber in ihrem Ausdruck, der zurückgehaltene Aufregung
und Geheimthuerei verriet, entdeckte er nur die zwar gewohnte, ihn aber
doch immer noch fesselnde Schönheit, ihr Bewußtsein davon, und ihren
Wunsch, sie auf ihn wirken zu lassen. Er wollte Anna nicht fragen, was
sie beide gesprochen hätten, sondern hoffte, sie werde es ihm selbst
sagen. Doch sie sprach nur:
»Ich freue mich, daß Dolly dir gefallen hat. Nicht wahr?«
»Ich kenne sie ja schon lange. Sie ist sehr gut, wie mir scheint, =mais
excessivement terre-à-terre=. Ich habe mich indessen gleichwohl sehr
über sie gefreut.«
Er ergriff Annas Hand und schaute ihr fragend ins Auge. Sie lächelte
ihm zu, den Blick anders auffassend.
Am anderen Morgen rüstete sich Darja Aleksandrowna trotz der Bitten
ihrer Wirte zur Abreise. Der Kutscher Lewins in seinem nicht mehr
gerade neuen Kaftan und dem Postkutscherhut, mit den Pferden von
verschiedener Farbe, ein Wagen mit den ausgebesserten Seiten, fuhr
mürrisch und entschlossen in die geöffnete, mit Sand bestreute Einfahrt.
Der Abschied von der Fürstin Barbara und den Herren war Darja
Aleksandrowna unangenehm. Indem sie nur einen Tag hier geblieben
war, fühlte sie sowohl, wie ihre Wirte, deutlich, daß sie einander
nicht näher getreten waren, und es besser sei, wenn sie nicht mehr
zusammenkämen. Nur Anna empfand Schmerz hierüber. Sie wußte, daß jetzt,
mit Dollys Fortgehen, niemand mehr die Gefühle in ihrer Seele wachrufen
werde, die sich bei diesem Wiedersehen in ihr geregt hatten. Diese
Empfindungen wachzurufen, war ihr schmerzlich gewesen, aber gleichwohl
wußte sie doch, daß sie gerade den besten Teil ihrer Seele bildeten,
und daß dieser Teil ihrer Seele schnell überwuchert sein werde in dem
Leben, welches sie führte.
Als sie auf das Feld hinausgekommen war, empfand Darja Aleksandrowna
ein angenehmes Gefühl der Erleichterung, und sie wollte soeben ihre
Leute fragen, wie es ihnen bei Wronskiy gefallen habe, als plötzlich
Philipp der Kutscher selbst anfing:
»Sind die reich, so reich, und doch haben sie im ganzen nur drei Maß
Hafer gegeben. Bis die Hähne schrieen, hatten sie es rein aufgefressen.
Was sind denn drei Maß? Gerade zum Hineinbeißen. Jetzt kostet der Hafer
bei den Hofleuten fünfundvierzig Kopeken; während bei uns den Reisenden
soviel gegeben wird, als gefressen wird.«
»Ein geiziger Herr,« bestätigte der Comptoirdiener.
»Nun, aber seine Pferde haben dir gefallen?« frug Dolly.
»Seine Pferde, das ist richtig. Das Essen ist ja auch gut. Aber mir
schien es so langweilig, Darja Aleksandrowna, ich weiß nicht, wie
es Euch gegangen ist,« sagte er, ihr sein rotes, gutmütiges Gesicht
zuwendend.
»Mir ging es auch so. Werden wir denn bis zum Abend ankommen?«
»Wir müssen.«
Nachdem Darja Aleksandrowna heimgekommen war, und alles vollkommen
wohlbehalten und besonders herzlich gefunden hatte, erzählte sie mit
großer Lebhaftigkeit von ihrer Reise, wie man sie so gut aufgenommen
habe, von der Pracht und dem guten Geschmack der Lebensweise der
Wronskiy, sowie von ihren Zerstreuungen, und ließ niemand über sie zu
Worte kommen.
»Man muß Anna und Wronskiy kennen -- ich habe ihn jetzt besser kennen
gelernt -- um erkennen zu können, wie liebenswürdig sie sind,« sprach
sie, jetzt vollkommen aufrichtig, nachdem sie das dunkle Gefühl von
Unzufriedenheit und Mißbehagen vergessen hatte, welches sie dort
empfunden.
25.
Wronskiy und Anna verlebten, in unveränderten Verhältnissen, und ohne
Maßregeln für die Ehescheidung zu ergreifen, den ganzen Sommer und
einen Teil des Herbstes auf dem Lande. Sie waren unter sich einig
geworden, nicht von hier weggehen zu wollen, fühlten beide aber, je
länger sie einsam waren, besonders im Herbste und wenn kein Besuch da
war, daß sie diese Lebensweise nicht würden ertragen können und ändern
müßten.
Ihr Leben war so, wie man es besser nicht wünschen konnte; reicher
Überfluß, Gesundheit, ein Kind war da und beide hatten ihre
Beschäftigung. Anna beschäftigte sich, wenn kein Besuch da war,
mit sich selbst und sehr viel mit Lektüre von Romanen und ernsten
Büchern, welche in der Mode waren. Sie verschrieb alle Bücher, von
denen sie sich entsann, Günstiges in den ausländischen Zeitungen und
Journalen die sie erhielt, gelesen zu haben, und las dieselben mit
jener Aufmerksamkeit für das Gelesene, welche nur in der Einsamkeit
vorhanden zu sein pflegt. Außerdem aber studierte sie alles, womit sich
Wronskiy befaßte, nach Büchern oder Fachjournalen, sodaß er sich oft
mit landwirtschaftlichen, architektonischen, ja selbst bisweilen mit
sportsmännischen und Pferdezucht betreffenden Fragen an sie wandte. Er
erstaunte über ihr Wissen, ihr Gedächtnis, und wünschte anfänglich,
noch zweifelnd, Bestätigungen; sie fand dann auch in den Büchern das,
wonach er gefragt und zeigte es ihm.
Die Einrichtung des Hospitals beschäftigte sie gleichfalls. Sie
leistete nicht nur Beistand, sondern richtete vieles selbst ein, oder
sann es aus. Ihre Hauptsorge aber bildete -- sie selbst; insofern sie
Wronskiy teuer war, insofern sie ihm alles ersetzte, was er aufgegeben
hatte. Wronskiy schätzte diesen zum einzigen Ziel ihres Lebens
gewordenen Wunsch -- den, ihm nicht nur zu gefallen, sondern ihm auch
zu dienen, aber zugleich dabei fühlte er sich doch bedrückt von den
Liebesbanden mit denen sie sich bemühte, ihn zu umstricken.
Je mehr Zeit verging, wünschte er weniger sich von ihnen zu befreien
und herauszukommen, als zu versuchen und zu prüfen, ob sie seine
Freiheit wirklich einschränkten. Wäre nicht dieser immer stärker
werdende Wunsch, frei zu sein, der, nicht jedesmal eine Scene zu haben,
wenn er zu einer Gerichtssitzung, zu einem Rennen in die Stadt fahren
mußte, gewesen, so würde Wronskiy mit seinem Dasein völlig zufrieden
gewesen sein.
Die Rolle, welche er sich erwählt hatte, die Rolle des reichen
Grundbesitzers, aus denen der Kern der russischen Aristokratie bestehen
müsse, war ihm nicht nur völlig nach Geschmack, sie machte ihm sogar
jetzt, nachdem er ein halbes Jahr darin gelebt hatte, ein mehr und
mehr wachsendes Vergnügen. Auch sein Werk, welches ihn mehr und mehr
beschäftigte und anzog, gedieh vortrefflich. Trotz der ungeheuren
Summen, welche ihn das Krankenhaus, die Maschinen, die aus der Schweiz
verschriebenen Kühe und vieles andere kosteten, war er sicher, daß
er sein Vermögen nicht zerrüttete, sondern vielmehr vergrößerte.
Wo es sich um Einkünfte, Waldverkäufe, Getreidelieferungen, Wolle,
Landverpachtung handelte, war Wronskiy hart wie ein Kieselstein,
und verstand es, auf den Preis zu halten. In Sachen seiner großen
Landwirtschaft befolgte er, sowohl auf diesem, wie auf seinen übrigen
Gütern, die einfachsten, die gefahrlosesten Methoden, und war höchst
sparsam und haushälterisch in den wirtschaftlichen Kleinigkeiten. Bei
aller Schlauheit und Gewandtheit seines Deutschen, der ihn in Ankäufe
zu verwickeln suchte und jede Berechnung so aufstellte, daß anfangs
bei weitem mehr nötig war, dann aber erwog, daß es möglich sei, das
Nämliche auch billiger machen, und dabei noch einen Gewinn erzielen zu
können, gab Wronskiy diesem in nichts nach.
Er hörte seinen Verwalter an, frug ihn aus und stimmte ihm nur
dann bei, wenn das zu Verschreibende oder neu Einzurichtende das
allerneueste, in Rußland noch unbekannt, und imstande war, Bewunderung
zu erwecken. Im übrigen verstand er sich zu einer großen Ausgabe nur
dann, wenn flüssiges Geld vorhanden war, und kümmerte sich, indem er
die Ausgabe machte, um alle Einzelheiten, bestand auch darauf, nur
das Allerbeste für sein Geld zu erhalten; sodaß er, demzufolge sein
Vermögen offenbar nicht zerrüttete, sondern vergrößerte.
Im Monat Oktober waren die Adelswahlen im Gouvernement von Kaschin,
in welchem sich die Güter Wronskiys, Swijashskiys, Koznyscheffs,
Oblonskiys und ein kleiner Teil von denen Lewins befanden.
Diese Wahlen zogen infolge mannigfacher Umstände und in Anbetracht
der Persönlichkeiten, welche daran teilnahmen, die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich. Man sprach viel von ihnen und bereitete sich
darauf vor. Die Bewohner von Moskau, Petersburg, Fremde, die noch nicht
bei den Wahlen gewesen waren, kamen zu denselben.
Wronskiy hatte Swijashskiy schon längst versprochen, dazu kommen zu
wollen. Noch vorher fuhr Swijashskiy, welcher Wosdwishenskoje häufig
besuchte zu Wronskiy.
Am Vorabend des nämlichen Tages war zwischen Wronskiy und Anna fast
ein Streit wegen der geplanten Reise entstanden. Es war gerade die
langweiligste, schwerste Zeit auf dem Dorfe, die Herbstzeit, und, auf
den Kampf vorbereitet, machte Wronskiy mit einem ernsten und kühlen
Ausdruck, mit welchem er vorher noch nie zu Anna gesprochen hatte,
derselben Mitteilung von seiner Abreise.
Zu seiner Verwunderung nahm Anna indessen diese Nachricht sehr ruhig
auf, und frug nur, wann er zurückkehren werde. Aufmerksam betrachtete
er sie, da er diese Ruhe nicht begriff. Sie lächelte zu seinem Blick.
Er kannte ihre Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen, und
wußte, daß dies nur dann der Fall war, wenn sie bei sich selbst etwas
beschlossen hatte, ohne ihm von ihren Plänen Kenntnis zu geben. Er
fürchtete dies, doch wünschte er so sehr, eine Scene zu vermeiden, daß
er sich den Anschein gab zu glauben -- und teilweise glaubte er es auch
aufrichtig -- was er ja wünschte -- sie sei einsichtsvoll.
»Ich hoffe, du wirst dich nicht langweilen.«
»Ich hoffe es,« sagte Anna, »gestern habe ich eine Kiste Bücher von
Gautier erhalten. Nein, ich werde mich nicht langweilen.«
»Sie wünscht diesen Ton festzuhalten; um so besser,« dachte er, »es
wäre ja doch sonst immer ein und dasselbe,« und fuhr, ohne sie zu einer
aufrichtigen Erklärung aufgefordert zu haben, zu den Wahlen.
Es war dies zum erstenmal seit Beginn ihres Verhältnisses, daß er sich
von ihr trennte, ohne sich völlig mit ihr ausgesprochen zu haben.
Einerseits beunruhigte ihn dies, andererseits fand er, daß es so
besser sei. »Es wird ihr dies im Anfang, wie jetzt, etwas Unklares,
Geheimnisvolles sein, aber später wird sie sich daran gewöhnen.
Jedenfalls kann ich ihr alles bieten, nur nicht meine männliche
Unabhängigkeit,« dachte er.
26.
Im September war Lewin wegen der Niederkunft Kitys nach Moskau
gefahren. Er hatte schon einen ganzen Monat müßig in Moskau verweilt,
als Sergey Iwanowitsch, welcher ein Gut im Gouvernement Kaschin
besaß und großes Interesse für die Fragen der bevorstehenden Wahlen
hegte, sich fertig machte, zu diesen zu fahren. Er nahm dazu auch den
Bruder mit sich, der im Sjeleznewskischen Kreis ansässig war. Lewin
hatte überdies in Kaschin ein sehr notwendiges Geschäft für seine
Schwester, die im Ausland lebte, in Vormundschaftssachen und wegen der
Empfangnahme von Geldern für einen Kauf zu erledigen.
Lewin war noch immer unentschlossen, aber Kity, welche gewahrte, daß
er sich in Moskau langweile, hatte ihm angeraten, zu fahren und ihm
obendrein noch hinter seinem Rücken eine Adelsuniform, welche achtzig
Rubel kostete, bestellt. Diese achtzig Rubel, welche für die Uniform
bezahlt worden waren, bildeten den Hauptgrund, der Lewin bewog, zu
reisen, und so fuhr er nach Kaschin.
Er war bereits den sechsten Tag daselbst, besuchte täglich die
Sobranje und befaßte sich mit der Angelegenheit seiner Schwester,
die noch nicht in Ordnung war. Die Oberrichter waren sämtlich von
den Wahlen in Anspruch genommen und man kam daher nicht bis zu einer
so einfachen Angelegenheit, die von der Vormundschaft abhing. Die
andere Angelegenheit, die Erhebung der Gelder, begegnete den gleichen
Schwierigkeiten. Nach langen Mühen um die Beseitigung der Hindernisse
lag das Geld endlich bereit zur Aushändigung, aber der Notar, ein sehr
dienstfertiger Mann, konnte den Talon nicht herausgeben, weil die
Unterschrift des Präsidenten dazu erforderlich war, dieser selbst aber
sich in der Session befand. Alle diese Plagen, das Umherlaufen von
Ort zu Ort, die Auseinandersetzungen mit den sehr guten freundlichen
Leuten, welche alle die Unannehmlichkeit der Lage des Petenten
vollkommen begriffen, diesem aber nicht helfen konnten, diese ganze
Anstrengung die keine Resultate ergab, erzeugte in Lewin ein peinliches
Gefühl, ähnlich jener ärgerlichen Ohnmacht, welche man im Schlafe
empfindet, wenn man physische Kraft anwenden will. Er empfand dies oft,
wenn er sich mit seinem sehr gutmütigen Pächter unterhielt. Dieser
Pächter that, wie es schien, alles Mögliche, und strengte alle seine
Kräfte an, um Lewin der Mühewaltung des Probierens zu entheben; nicht
nur einmal hatte er gesagt, dieser solle da oder dorthin fahren, indem
er einen ganzen Plan machte, wie er das Geschick umgehen könne, das
alles hinderte. Gleichwohl aber hatte er hinzugefügt, »man wird sich
freilich weiter sperren, doch probiert nur«. Und Lewin versuchte und
ging und fuhr. Jedermann war gut und liebenswürdig, aber es zeigte
sich, daß das bereits gangbar Gemachte am Ende wieder überwachsen war
und von neuem den Weg verlegte. Besonders unangenehm war es, daß Lewin
in keiner Weise erkennen konnte, mit wem er kämpfe, wer einen Vorteil
davon habe, daß die Angelegenheit nicht zur Erledigung gelangte.
Dies schien niemand zu wissen; auch der Pächter wußte es nicht. Hätte
Lewin es erfahren können, wie er wußte, weshalb man zur Kasse auf
der Eisenbahn nicht anders als in der Reihe Zutritt hat, so würde es
ihm nicht beleidigend und ärgerlich erschienen sein, aber bei den
Hindernissen, auf welche er in der Angelegenheit stieß, konnte ihm
niemand erklären, weshalb sie vorhanden wären.
Lewin hatte sich indessen seit der Zeit seiner Verheiratung vielfach
geändert; er war duldsam geworden, und wenn er nicht gleich verstand,
wozu Etwas in einer bestimmten Weise eingerichtet sei, sagte er zu sich
selbst, daß er, wenn er nicht alles wisse, auch nicht urteilen könne;
daß es wahrscheinlich so sein müsse, und bemühte sich alsdann, nicht in
Aufregung zu geraten.
Jetzt, bei den Wahlen gegenwärtig und an ihnen teilnehmend, bestrebte
er sich ebenfalls, nicht zu urteilen und zu hadern, sondern soviel als
möglich die Sache zu ergründen, mit der sich ehrenhafte und wackere
Männer, die er achtete, mit solchem Ernst und solcher Hingebung
beschäftigten. Seit er geheiratet hatte, eröffneten sich Lewin so viele
neue ernste Seiten, die ihm vordem, infolge einer oberflächlichen
Stellungnahme dazu, zu unbedeutend erschienen waren, daß er auch in den
Wahlen eine ernstere Bedeutung vermutete und suchte.
Sergey Iwanowitsch erklärte ihm den Sinn und die Bedeutung der bei
diesen vorgeschlagenen Veränderungen. Der Gouvernementschef, in
dessen Händen nach dem Gesetz soviel wichtige sociale Aufgaben lagen
-- wie das Vormundschaftswesen, das nämliche, an welchem Lewin jetzt
laborierte, die ungeheuren Summen des Adelsvermögens, die Gymnasien,
das für Mädchen, das für Knaben und ein Kadettenhaus, die Volksbildung
nach den neuen Verhältnissen und endlich, das Semstwo -- dieser
Gouvernementschef Sjnetkoff war ein Herr von altem, adligen Schlag, der
ein ungeheures Vermögen besaß, ein guter Mensch, ehrenhaft in seiner
Weise war, aber nicht vollkommen die Anforderungen der Neuzeit erfaßte.
Er hielt in allem stets die Partei des Adels, wirkte schnurstracks
der Verbreitung der Volksbildung entgegen, und verlieh dem Semstwo,
welches doch so außerordentlich große Bedeutung haben sollte, den
Charakter einer Gesellschaft. Es war daher notwendig, an seinen Platz
einen frischen, in der Zeit stehenden, vernünftigen und vollkommen
neuen Mann einzustellen und die Sache so anzufassen, daß aus all den
Rechten, die dem Adel nicht als Adel, sondern als einem Element des
Semstwo verliehen waren, die Vorteile der Selbstverwaltung gezogen
würden, soviel ihrer zu ziehen waren. In dem reichen Gouvernement
von Kaschin, welches in allem stets den anderen vorangegangen war,
hatten sich jetzt so tüchtige Kräfte angesammelt, daß die Sache,
wenn sie hier so geleitet wurde, wie es nötig war, als Muster für
alle übrigen Gouvernements, ja für ganz Rußland, dienen konnte.
Infolgedessen hatte sie denn eine hohe Bedeutung. Als Gouvernementschef
an Stelle Sjnetkoffs hatte man entweder Swijashskiy oder noch besser
Njewjedowskiy, einen früheren Professor und außerordentlich klugen
Mann, den intimen Freund Sergey Iwanowitschs, in Vorschlag gebracht.