Sergey Iwanowitsch schritt neben ihr hin und ließ nicht nach, ihr

Aufmerksamkeiten zu erweisen. Sie anblickend, rief er sich alle die

freundlichen Worte ins Gedächtnis zurück, die er von ihr vernommen

hatte, alles, was er von ihr Gutes wußte, und erkannte dabei immer mehr

und mehr, daß das Gefühl, welches er für sie empfand, ein gewisses

besonderes war, das er schon lange vorher nur einmal gehegt hatte in

seiner ersten Jugend. Das Gefühl der Freude über ihre Nähe wurde immer

stärker, und ging so weit, daß er, als er ihr einen von ihm gefundenen

Birkenschwamm auf dünnem Stengel in ihren Korb gab, und die Röte der

freudigen und zugleich ängstlichen Aufregung gewahrte, die ihr Gesicht

überdeckte, selbst in Verwirrung geriet, und ihr schweigend zulächelte,

in einer Weise, die nur zu sprechend war.

»Wenn dem so ist,« sagte er zu sich, »muß ich erwägen und mich

entscheiden, aber mich nicht wie ein Knabe der Verleitung des

Augenblickes hingeben. Ich werde jetzt abgesondert von allen, Pilze

suchen gehen, da sonst meine Ausbeute nicht bemerkenswert ausfallen

wird,« sprach er und ging allein vom Rande des Waldes, an welchem

sie auf dem seidenartigen, niedrigen Grase zwischen vereinzelten

alten Birken hingeschritten waren, nach der Mitte des Waldes zu, wo

zwischen den weißen Birkenstämmen graue Eschen und dunkle Nußbüsche

schimmerten. Nachdem er vierzig Schritt abseits gegangen war und einen

in voller Blüte rosenrot prangenden Busch erreicht hatte, blieb Sergey

Iwanowitsch stehen, da er wußte, daß man ihn nicht mehr sehen könne.

Rings um ihn herrschte vollkommene Stille. Nur im Wipfel der Birken,

unter welchen er stand, summten gleich einem Bienenschwarm, ohne zu

verstummen, die Fliegen, und vereinzelt klangen auch die Stimmen

der Kinder bis zu ihm. Plötzlich, unweit des Waldrandes, erklang

die Altstimme Warenkas, die Grischa rief, und ein freudiges Lächeln

trat auf die Züge Sergey Iwanowitschs. Seines Lächelns inne werdend,

schüttelte er mißbilligend den Kopf über seinen Zustand, holte das

Cigarrenetuis hervor und begann zu rauchen. Lange gelang es ihm

nicht, das Zündholz an einem Fichtenstamm in Brand zu setzen. Eine

feine Schicht der weißen Rinde haftete auf dem Phosphor und das Feuer

erlosch. Endlich brannte eines der Zündhölzer und der duftige Rauch

der Cigarre verbreitete sich wie ein hin und her wallendes, breites

Tischtuch scharfbegrenzt vor- und rückwärts über dem Busch unter den

herniederhängenden Zweigen der Birke. Mit den Augen den Streifen des

Rauches folgend, ging Sergey Iwanowitsch leisen Schrittes weiter, über

seine seelische Verfassung nachdenkend.

»Warum sollte ich nicht?« dachte er. »Wäre es ein Strohfeuer oder

ein leidenschaftlicher Rausch, fühlte ich nur diese Neigung, diese

wechselseitige Neigung -- ich kann sagen >wechselseitige< -- und fühlte

ich dabei, daß sie im Widerspruch mit meiner ganzen Art zu leben --

fühlte ich, daß ich in der Hingabe an diese Neigung meinen Beruf, meine

Pflicht verletzte, -- aber dies ist nicht der Fall! Das Einzige, was

ich dagegen sagen kann, ist dies, daß ich, als ich Maria verlor, mir

sagte, ich wollte ihrem Angedenken getreu bleiben. Dies Eine nur kann

ich gegen mein Gefühl einwenden; >und das ist wichtig,<« sagte Sergey

Iwanowitsch zu sich, zugleich dabei empfindend, daß dieser Gedanke

für ihn persönlich keine Bedeutung weiter habe, als die, daß er etwa

in den Augen anderer Leute seine poetische Rolle verdarb. »Abgesehen

hiervon, werde ich, soviel ich auch suchen mag, nichts finden, was ich

gegen meine Empfindung einzuwenden hätte. Hätte ich allein mit meinem

Verstande gewählt, ich könnte nichts Besseres finden.«

So viele Frauen und Mädchen aus seiner Bekanntschaft er sich auch

vergegenwärtigen mochte, er konnte sich keiner Jungfrau erinnern, die

bis zu solchem Grade alle, gerade alle diejenigen Eigenschaften in sich

vereinigte, welche er bei kühler Beurteilung einmal in seinem Weibe zu

sehen gewünscht hätte.

Sie besaß den ganzen Reiz und die Frische der Jugend, war aber kein

Kind mehr, und wenn sie ihn liebte, liebte sie ihn mit Bewußtsein, so

wie ein Weib lieben muß. Dies war das Eine.

Ein Zweites lag darin, daß sie nicht nur der Weltlichkeit fern stand,

sondern offenbar einen Ekel vor der Welt empfand, sie zugleich aber

doch kannte, und alle die Manieren der Frau aus der guten Gesellschaft

besaß, ohne welche für Sergey Iwanowitsch eine Lebensgefährtin

undenkbar war.

Ein Drittes bestand darin, daß sie religiös war; doch nicht wie ein

Kind, religiös, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und gut wie

beispielsweise Kity; sondern ihr Leben war auf religiösen Überzeugungen

begründet. Selbst bis auf Kleinigkeiten fand Sergey Iwanowitsch in ihr

alles, was er von einer Frau wünschte; sie war arm und stand allein; so

daß sie keinen Haufen von Verwandten und deren Einfluß mit in das Haus

des Mannes schleppte, so, wie er das bei Kity sah; sie mußte vielmehr

ihrem Gatten in allem verpflichtet sein, was er auch immer für sein

künftiges Familienleben gewünscht hätte.

Und dieses Mädchen nun, welches alle jene Eigenschaften in sich

vereinte, liebte ihn. Er war bescheiden, mußte dies aber doch

wahrnehmen -- und liebte sie wieder. -- Den einzigen Gegengrund

bildeten seine Jahre. Doch seine Konstitution war dauerhaft, er hatte

noch kein einziges graues Haar, niemand maß ihm vierzig Jahre bei und

er entsann sich, daß Warenka gesagt hatte, nur in Rußland hielten sich

die Leute von fünfzig Jahren für Greise, während sich in Frankreich

der fünfzigjährige Mann »=dans la force de l'âge=« erachte, ja, der

vierzigjährige als »=un jeune homme=«.

Aber was bedeutete die Altersrechnung, da er sich jung an Geist fühlte,

so wie er es vor zwanzig Jahren gewesen? War denn nicht Jugend das

Gefühl, welches er jetzt empfand, da er, auf der anderen Seite wieder

zu dem Rande des Waldes hinaustretend, im hellen Glanz der schrägen

Sonnenstrahlen die graziöse Gestalt Warenkas im gelben Kleid und

mit dem Körbchen, leichten Schrittes an dem Stamm einer alten Birke

vorüberschreitend erblickte, und der Eindruck dieser Erscheinung

Warenkas in Eins zusammenfloß mit dem ihn durch seine Schönheit

frappierenden Anblick des von den schrägen Lichtstrahlen übergossenen,

gelbschimmernden Haferfeldes und des alten fernen Waldes hinter dem

Felde, der, mit Gelb ins Bunte spielend, in blauer Ferne verschwamm?

Sein Herz zog sich zusammen vor Lust, ein Gefühl des Friedens überkam

ihn, und er empfand, daß er einen Entschluß gefaßt hatte.

Warenka, welche sich soeben niedergelassen hatte, um einen Pilz

aufzunehmen, erhob sich mit schneller Bewegung und schaute sich um.

Die Cigarre wegwerfend, begab sich Sergey Iwanowitsch mit schnellen

Schritten auf sie zu.

5.

»Barbara Andrejewna, als ich noch sehr jung war, hatte ich mir ein

Ideal vom Weib gebildet, wie ich es einmal lieben wollte und welches

mein Weib nennen zu können, ich glücklich sein würde. Ich habe nun ein

langes Leben gelebt und begegne jetzt zum erstenmal dem, was ich suche,

in Euch. Ich liebe Euch und trage Euch meine Hand an.« --

Sergey Iwanowitsch hatte dies zu sich selbst gesagt, während er noch

zehn Schritte von Warenka entfernt war. Auf den Knieen liegend, und mit

den Händen einen Pilz vor Grischa schützend, rief sie die kleine Mascha.

»Hierher, hierher; ihr Kleinen! Hier sind viel!« rief sie mit ihrer

milden Bruststimme.

Als sie den Sergey Iwanowitsch herankommen sah, erhob sie sich nicht,

veränderte auch ihre Stellung nicht; alles aber sagte ihm, daß sie sein

Kommen fühle und sich dessen freue.

»Habt Ihr denn etwas gefunden?« frug sie unter ihrem weißen Tuch

hervor, ihm das schöne, ruhig lächelnde Antlitz zukehrend.

»Nicht einen einzigen,« sagte Sergey Iwanowitsch, »und Ihr?«

Sie antwortete ihm nicht, mit den Kindern beschäftigt, die sie

umringten.

»Noch diesen, neben dem Zweige da,« wies sie der kleinen Mascha einen

kleinen eßbaren Erdschwamm, dessen elastischer roter Hut quer von einem

trockenen Grase durchschnitten war, unter dem er sich hervorgemacht

hatte.

Warenka erhob sich, als Mascha den Pilz, den sie in zwei Hälften

zerbrochen hatte, aufgenommen hatte.

»Dies ruft mir meine eigene Kindheit ins Gedächtnis,« fügte sie hinzu,

an der Seite Sergey Iwanowitschs von den Kindern hinwegschreitend.

Sie gingen schweigend einige Schritte. Warenka sah, daß er sprechen

wollte; sie vermutete auch, was, und erstarrte fast in freudiger

Erregung und Angst. Beide waren so weit hinweg geschritten, daß sie

niemand mehr vernehmen konnte, aber noch begann er nicht zu sprechen.

Für Warenka wäre es besser gewesen, zu schweigen. Nach einigem

Stillschweigen war es leichter, das zu sagen, was sie sagen wollte,

als nach den Worten über die Pilze, aber gegen ihren Willen, gleichsam

wider Erwarten, sprach sie:

»So habt Ihr also nichts gefunden? Inmitten des Waldes giebt es

allerdings stets weniger.«

Sergey Iwanowitsch seufzte und erwiderte nichts. Es war ihm

verdrießlich, daß sie wieder von den Pilzen anfing. Hatte er sie doch

auf ihre ersten Worte, die sie über ihre Kindheit gesagt hatte, führen

wollen. Gleichsam wider seinen Willen, äußerte er nun, nachdem er

einige Zeit geschwiegen, eine Bemerkung zu ihren letzten Worten.

»Ich habe nur gehört, daß die weißen vorzugsweise am Rande stehen,

obwohl ich den weißen nicht zu unterscheiden verstehe.«

Wieder vergingen einige Minuten; sie gingen noch weiter von den Kindern

hinweg und waren jetzt vollständig allein. Das Herz Warenkas pochte so

stark, daß sie seine Schläge vernahm, und empfand, daß sie errötete,

blaß wurde und wieder errötete.

Die Frau eines Mannes wie Koznyscheff zu sein, nach ihrer Stellung

bei Madame Stahl, erschien ihr als Gipfel des Glücks. Dann aber war

sie auch fest überzeugt, daß sie ihn liebe; und dies sollte nun bald

entschieden werden. Ihr war furchtbar zu Mut; furchtbar, daß er

sprechen würde, furchtbar, daß er nicht sprach.

Jetzt oder nie mußte man sich erklären; und dies empfand auch Sergey

Iwanowitsch. Alles, im Blick, in der Röte ihres Gesichts, in den

niedergeschlagenen Augen Warenkas, zeigte ihm ihre schmerzliche

Erwartung. Sergey Iwanowitsch sah es und empfand Mitleid mit ihr. Er

fühlte sogar, daß es sie bedeutend verletzt haben würde, wenn er jetzt

nicht sprach. Er wiederholte nun schnell im Geiste die Gründe, die

für seinen Entschluß sprachen, er wiederholte die Worte, mit welchen

er seinen Antrag ausdrücken wollte; anstatt dieser Worte aber frug er

infolge einer ihn unerwartet überkommenden Idee plötzlich:

»Welcher Unterschied ist denn zwischen einem weißen Pilz und einem

Birkenschwamm?«

Die Lippen Warenkas bebten vor Erregung, als sie antwortete: »In den

Köpfen ist fast gar kein Unterschied, nur im Stengel.«

Und kaum waren diese Worte gesagt, so hatte er wie sie erkannt, daß

alles vorüber war; daß das, was hätte gesagt werden müssen, nun nicht

gesagt werden würde, und die gemeinsame Erregung, die auf den höchsten

Grad gestiegen war, begann sich zu legen.

»Der Birkenpilz -- sein Stengel -- erinnert an einen seit zwei Tagen

nicht rasierten Bart eines Brünetten,« sagte Sergey Iwanowitsch, schon

ruhig geworden.

»Ja, es ist wahr,« antwortete Warenka lächelnd; unwillkürlich hatte

sich die Richtung ihrer Promenade verändert. Sie begannen sich den

Kindern wieder zu nähern. Warenka war es schmerzlich zu Mute, und

sie empfand Scham, zugleich aber auch verspürte sie ein Gefühl der

Erleichterung.

Als Sergey Iwanowitsch heimgekehrt war und alle seine Beweisgründe

wiederum durchmusterte, fand er, daß er falsch spekuliert hatte. Er

konnte an dem Gedächtnis Marias nicht Verrat üben.

»Stiller, Kinder, seid stiller!« rief Lewin fast zornig den Kindern zu,

vor seinem Weibe stehend, um es zu schützen, als der Haufe der Kinder

mit Freudengeschrei ihnen entgegenflog.

Nach den Kindern war auch Sergey Iwanowitsch mit Warenka aus dem Walde

gekommen. Kity brauchte Warenka nicht zu fragen; an dem ruhigen und

etwas kühlen Ausdruck auf beider Gesichtern erkannte sie, daß sich ihre

Pläne nicht verwirklicht hatten.

»Nun, wie steht es?« frug ihr Gatte sie, als sie wieder nach Hause

zurückgekehrt waren.

»Er nimmt sie nicht,« sagte Kity, in Lächeln und Sprachweise an den

Vater gemahnend, was Lewin häufig mit Vergnügen an ihr wahrnahm.

»Warum sollte er nicht?« --

»So steht es,« sprach sie, die Hand des Gatten ergreifend, sie an ihren

Mund führend und mit geschlossenen Lippen berührend; »so wie man die

Hand des Priesters küßt.«

»Wer aber mag denn wohl nicht?« sagte er lachend.

»Beide. -- Sie müßten so hier« --

»Es kommen Bauern vorüber« --

»Sie haben nichts gesehen.« --

6.

Während die Kinder den Thee erhielten, saßen die Erwachsenen auf dem

Balkon und unterhielten sich, als sei nichts vorgefallen, obwohl doch

alle und insbesondere Sergey Iwanowitsch und Warenka, recht gut wußten,

daß sich ein wenn auch negativer, so doch sehr wichtiger Umstand

ereignet hatte.

Sie empfanden beide das nämliche Gefühl, ähnlich dem, welches wohl

ein Schüler haben mag, der nach einem mißglückten Examen in der alten

Klasse zurückgeblieben, oder für immer aus der Anstalt ausgewiesen

worden ist. Alle Anwesenden, gleichfalls empfindend, daß etwas

geschehen sei, sprachen lebhaft von Nebendingen.

Lewin und Kity fühlten sich besonders glücklich und liebeerfüllt an

diesem Abend. Daß sie glücklich waren in ihrer Liebe, das schloß

freilich einen unangenehmen Wink für diejenigen in sich, welche es

ebenfalls sein wollten und nicht konnten -- und hieraus machten sie

sich ein Gewissen.

»Denkt an mein Wort, =Alexandre= wird nicht kommen,« sagte die alte

Fürstin.

Am heutigen Abend erwartete man Stefan Arkadjewitsch von der Bahn, und

auch der alte Fürst hatte geschrieben, daß er vielleicht gleichfalls

kommen werde.

»Ich weiß, woher es kommt,« fuhr die Fürstin fort, »er sagt, man müsse

junge Leute in der ersten Zeit allein lassen.«

»So hat Papa auch uns gelassen. Wir haben ihn noch nicht

wiedergesehen,« sagte Kity, »und was wären wir denn für junge Eheleute?

Wir sind doch schon so alt!«

»Nun, wenn er nicht kommt, muß ich euch verlassen, Kinder,« sprach die

Fürstin, bekümmert seufzend.

»Was ist dir, Mama?« fielen ihr beide Töchter ins Wort. »Bedenke doch,

sein Befinden -- wir sind doch jetzt« --

-- Die Stimme der alten Fürstin begann plötzlich und unverhofft zu

schwanken. Die Töchter verstummten und blickten sich gegenseitig an.

»=Maman= findet stets eine rührende Seite für sich,« sagten sie mit

diesem Blick. Sie wußten nicht, daß, so wohl sich auch die Fürstin

bei ihrer Tochter befand, so notwendig sie sich für diese auch hier

fühlte, es ihr gleichwohl qualvoll traurig zu Mute war, ihr, wie ihrem

Gatten, seit der Zeit, seit welcher sie ihre letzte geliebte Tochter

verheiratet hatten, und das elterliche Heim verödet war.

»Was ist Euch, Agathe Michailowna?« frug Kity plötzlich die mit

geheimnisvoller Miene und bedeutungsvollem Gesicht stehen gebliebene

Agathe Michailowna.

»Die Bestimmung für das Abendessen.«

»Schön so,« sagte Dolly, »gehe du, um deine Verfügungen zu treffen, ich

will mit Grischa dessen Lektion wiederholen; er hat ohnehin heute noch

nichts gethan.«

»Laß mich doch diese Lektion geben! Nein, Dolly, ich will gehen« --

sagte Lewin aufspringend.

Grischa, welcher bereits das Gymnasium besuchte, mußte im Sommer

seine Lektionen repetieren. Darja Aleksandrowna, welche schon in

Moskau mit ihrem Sohne zugleich die lateinische Sprache gelernt hatte,

hatte es sich, nachdem sie zu Lewin gekommen war, zum Gesetz gemacht,

mit ersterem die schwierigsten Lektionen im Lateinischen und der

Arithmetik, wenigstens einmal täglich, zu repetieren.

Lewin hatte sich erboten, sie abzulösen, aber die Mutter, welche einmal

den Unterricht Lewins mit angehört, und bemerkt hatte, daß derselbe

nicht so erteilt würde, wie der Lehrer in Moskau repetierte, so

erklärte sie ihm, verlegen und sich bemühend, Lewin nicht zu verletzen,

bestimmt, daß man nach dem Buche so vorgehen müsse, wie der Lehrer, und

daß sie dies am liebsten wohl selbst wieder thun möchte.

Lewin ereiferte sich über Stefan Arkadjewitsch, weil dieser in seiner

Sorglosigkeit sich nicht selbst mit der Überwachung des Unterrichts

befaßte, sondern die Mutter, welche doch nichts davon verstand,

und ferner auch über die Lehrer, weil sie die Kinder so schlecht

unterrichteten; seiner Schwägerin aber gab er das Versprechen, daß er

den Unterricht so geben wolle, wie sie es wünschte. Er ging daher mit

Grischa nicht mehr nach seiner Methode weiter, sondern nach dem Buche,

und daher mit Widerwillen und häufig die Lehrzeit vergessend.

So war es auch heute.

»Nein, ich gehe, Dolly, bleib du sitzen,« sagte er; »wir werden schon

alles machen, wie es der Ordnung gemäß ist, nach dem Buche. Sobald

Stefan gekommen ist, wollen wir zur Jagd gehen; wir werden uns dann

schon die Zeit vertreiben.«

Lewin begab sich zu Grischa.

Das Nämliche sagte Warenka zu Kity. Warenka hatte es verstanden, sich

in dem glücklichen, wohlbestellten Haus der Lewin nützlich zu machen.

»Ich will das Abendessen bestellen, Ihr aber bleibt nur sitzen,« sagte

sie und erhob sich, um zu Agathe Michailowna zu gehen.

»Man hat wohl keine jungen Hühner gefunden. Denn« -- sagte Kity.

»Ich werde schon mit Agathe Michailowna überlegen« -- und Warenka

verschwand mit dieser.

»Welch ein liebes Mädchen,« sagte die Fürstin.

»Nicht lieb, =Maman=, reizend, wie es keines weiter giebt.«

»So erwartet Ihr also heute Stefan Arkadjewitsch?« sprach Sergey

Iwanowitsch, der augenscheinlich das Gespräch über Warenka nicht

fortzusetzen wünschte. »Es dürfte schwer sein, zwei Schwager zu finden,

die einander weniger ähnlich wären,« sagte er mit feinem Lächeln. »Der

Eine beweglich, nur in der Gesellschaft lebend wie ein Fisch im Wasser;

der Andere, unser Konstantin, lebhaft, schnell, empfänglich für alles;

aber sobald er in der Gesellschaft ist, erstirbt er, oder schlägt sich

sinnlos wie ein Fisch auf dem Lande.«

»Ja, er ist sehr unüberlegt,« sagte die Fürstin, sich zu Sergey

Iwanowitsch wendend, »ich wollte Euch eben bitten, ihm zu sagen,

daß sie,« sie wies auf Kity, »unmöglich hier bleiben kann, sondern

jedenfalls nach Moskau kommen muß. Er sagt, er würde einen Arzt

verschreiben« --

»=Maman=, er thut alles und ist mit allem einverstanden,« antwortete

Kity, voll Verdruß über die Mutter, weil sie in dieser Angelegenheit

Sergey Iwanowitsch zum Richter berief.

Mitten in ihrer Unterhaltung wurde in der Allee das Schnauben von

Pferden und das Geräusch von Rädern auf dem Schotter vernehmbar.

Dolly hatte sich noch nicht erhoben, um ihrem Mann entgegenzugehen,

als Lewin aus dem Fenster des Zimmers, in welchem Grischa lernte,

hinabsprang und Grischa heruntersetzte.

»Es ist Stefan!« rief Lewin unter dem Balkon hinauf, »wir sind fertig

Dolly; fürchte nichts!« fügte er hinzu, und begann wie ein Knabe, der

Equipage entgegenzurennen.

»=Is, ea id, eius eius eius=,« schrie Grischa, auf der Allee

hinspringend.

»Und noch jemand ist mit! Wahrscheinlich der Papa!« rief Lewin, am

Eingang der Allee stehen bleibend. »Kity geh nicht zu der steilen

Treppe herunter!«

Lewin irrte indes, wenn er den, der noch im Wagen saß, für den alten

Fürsten gehalten hatte. Als er dem Wagen näher kam, erkannte er neben

Stefan Arkadjewitsch nicht den Fürsten, sondern einen rot aussehenden,

wohlbeleibten, jungen Mann in schottischer Mütze mit langen

Bandstreifen hinten hinunter.

Dies war Wasjenka Wjeslowskij, ein Vetter im dritten Gliede von den

Schtscherbazkiy, und ein in Petersburg und Moskau glänzender junger

Mann, »ein ausgezeichneter Mensch und leidenschaftlicher Jäger«, wie

ihn Stefan Arkadjewitsch vorstellte.

Durchaus nicht verlegen über die Enttäuschung, die er hervorrief,

indem er mit seiner Person die des alten Fürsten vertrat, begrüßte

Wjeslowskij Lewin heiter, an die alte Bekanntschaft erinnernd, und

Grischa in den Wagen hebend, setzte er denselben an des Pointeurs

Stelle, den Stefan Arkadjewitsch mitgebracht hatte, weiterfahrend.

Lewin setzte sich nicht mit in den Wagen, sondern ging hinterdrein.

Er war verdrießlich, daß der alte Fürst nicht mitgekommen war, den

er umsomehr liebte, je mehr er ihn kennen lernte, sowie darüber, daß

dieser Wasjenka Wjeslowskij, ein vollständig fremder und überflüssiger

Mensch erschienen war. Derselbe kam ihm um so fremder und überflüssiger

vor, als er, indem Lewin zur Freitreppe schritt, auf welcher sich der

ganze lebhafte Trupp der Erwachsenen und Kinder versammelt hatte,

bemerkte, wie Wasjenka Wjeslowskij mit besonderer Zärtlichkeit und

galanter Miene Kity die Hand küßte.

»Aha, wir sind ja Cousins mit Eurer Frau und alte Bekannte,« sagte

Wasjenka Wjeslowskiy, die Hand Lewins wiederholt außerordentlich stark

drückend.

»Nun, giebt es viel Wild hier?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an

Lewin, der kaum mit der Begrüßung eines jeden fertig wurde. »Ich und

der da, wir haben die ernstesten Absichten. Nun =maman=, seit dem

letzten Male nicht wieder in Moskau gewesen! Tanja, für dich habe ich

Etwas! Hole dir's, im Wagen, hinten,« so sprach er nach allen Seiten.

»Wie du dich erholt hast, Dollchen,« sagte er zu seiner Frau, ihr

nochmals die Hand küssend, indem er dieselbe in der seinen hielt und

sie von oben mit der andern sanft pätschelte.

Lewin, eine Minute zuvor noch in der heitersten Stimmung gewesen,

blickte jetzt finster auf alle; es gefiel ihm jetzt nichts mehr.

»Wen mag er gestern mit diesen Lippen da geküßt haben?« dachte er, die

Zärtlichkeit Stefan Arkadjewitschs für seine Gattin sehend. Er schaute

Dolly an, und auch sie gefiel ihm nicht. »Sie glaubt doch nicht an

seine Liebe. Weshalb ist sie denn so erfreut? -- Widerlich,« dachte

Lewin.

Er schaute auf die Fürstin, die einen Augenblick zuvor noch so

liebenswürdig mit ihm gewesen war, und es gefiel ihm die Art und Weise

nicht, mit welcher sie diesen Wasjenka mit seinen Bändern bewillkommte,

als lüde sie ihn in ihr eigenes Haus.

Selbst Sergey Iwanowitsch, der gleichfalls auf die Freitreppe

herausgetreten war, erschien ihm unangenehm mit jener geheuchelten

Freundlichkeit, mit der er Stefan Arkadjewitsch begegnete, obwohl doch

Lewin wußte, daß sein Bruder Oblonskiy weder liebte noch achtete.

Selbst Warenka -- selbst diese war ihm zuwider, dadurch, daß sie sich

mit ihrem Ausdruck =sainte nitouche= mit diesem Herrn da bekannt

gemacht hatte, obwohl sie doch nur daran dachte, wie sie wohl einen

Mann bekommen könne. Am allerverhaßtesten aber war ihm Kity, da sie

sich dem nämlichen Tone der Heiterkeit hingab, mit welchem dieser

Herr, wie an einem Festtag, für sich und alle, seine Ankunft auf dem

Dorfe betrachtete, und sie war ihm ganz besonders unangenehm durch das

eigenartige Lächeln, mit welchem sie dem seinigen antwortete.

In geräuschvoller Unterhaltung gingen alle in das Haus; man hatte sich

aber kaum niedergelassen, als Lewin sich wandte und hinausging.

Kity sah, daß in ihrem Manne etwas vor sich ging. Sie wollte eine

Minute erhaschen, um mit ihm allein zu sprechen, er aber beeilte sich,

vor ihr fortzukommen, indem er sagte, er müsse nach dem Comptoir.

Seit langem waren ihm die Wirtschaftsangelegenheiten nicht so wichtig

erschienen, als jetzt. »Sie haben hier immer Feiertag,« dachte er,

»hier aber giebt es Arbeiten, die nicht müßiger Natur sind, welche

nicht warten, und ohne die man nicht existieren kann.«

7.

Lewin kehrte erst nach Hause zurück, als man ihn zum Abendessen hatte

rufen lassen. Auf der Treppe stand Kity und Agathe Michailowna in der

Beratung über die Weine für das Abendessen.

»Aber wozu solchen Aufwand machen? Setzt doch vor, was es gewöhnlich

giebt.«

»Nein; Stefan trinkt nicht -- aber Konstantin, so warte doch, was ist

denn mit dir?« rief Kity, ihm nacheilend; er aber ging unbarmherzig,

ohne auf sie zu warten, mit großen Schritten nach dem Salon und mischte

sich sofort in das allgemeine, lebhafte Gespräch, das hier Wasjenka

Wjeslowskij und Stefan Arkadjewitsch unterhielten.

»Nun, fahren wir morgen zur Jagd?« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Bitte, fahren wir,« sagte Wjeslowskij, sich seitwärts auf einen

anderen Stuhl setzend und das fette Bein unterschlagend.

»Freut mich sehr, wir werden fahren. Habt Ihr schon gejagt dieses

Jahr?« sagte Lewin zu Wjeslowskij, aufmerksam dessen Fuß betrachtend,

aber mit erheuchelter Freundlichkeit, die Kity so gut an ihm kannte,

und die ihm so wenig stand. »Ob wir Wachteln finden werden, weiß ich

nicht, doch Bekassinen sind viel vorhanden; nur muß man zeitig fahren.

Ihr seid doch nicht müde? Bist du nicht ermattet, Stefan?«

»Ich ermattet? Ich bin noch nie matt gewesen. Wir wollen die ganze

Nacht nicht schlafen! Fahren wir spazieren!«

»In der That; wir wollen einmal nicht schlafen! Ausgezeichnet!« stimmte

Wjeslowskij bei.

»O, wir sind davon überzeugt, daß du nicht zu schlafen vermagst, und

andere nicht schlafen lassen kannst,« sagte Dolly zu ihrem Gatten mit

jener kaum bemerkbaren Ironie, mit welcher sie sich jetzt fast stets

an ihn wandte. »Aber nach meiner Ansicht ist es jetzt schon Zeit -- ich

will gehen, ich werde nicht zu Abend essen.« --

»Nein, du bleibst sitzen, Dollchen,« rief Stefan Arkadjewitsch, auf

ihre Seite am großen Tische hinübergehend, an welchem zu Abend gegessen

wurde. »Ich habe dir noch soviel zu erzählen.«

»In Wahrheit aber nichts.«

»Weißt du, Wjeslowskij war bei Anna; und er wird wieder zu den beiden

fahren. Sie sind freilich einige siebzig Werst weit von euch entfernt.

Auch ich werde zweifellos einmal hinfahren. Wjeslowskij, komm doch

hierher!«

Wasjenka war zu den Damen gegangen, und hatte sich neben Kity

niedergelassen.

»Ach bitte erzählt uns doch, bitte, Ihr waret also bei ihr? Wie geht es

ihr?« wandte sich Darja Aleksandrowna an ihn.

Lewin war auf der anderen Seite des Tisches geblieben und sah, ohne in

dem Gespräch mit der Fürstin und Warenka innezuhalten, daß zwischen

Stefan Arkadjewitsch, Dolly, Kity und Wjeslowskij ein lebhaftes und

geheimnisvolles Gespräch geführt wurde. Obwohl das Gespräch leise

geführt wurde, gewahrte Lewin doch auf dem Gesicht seiner Frau den

Ausdruck einer ernsten Empfindung, als sie unverwandt in das rote

Gesicht Wasjenkas blickte, der lebhaft erzählte.

»Es geht ihnen sehr gut,« berichtete Wasjenka von Wronskiy und Anna.

»Ich natürlich möchte es nicht auf mich nehmen, zu urteilen, aber in

ihrem Hause befindet man sich wie in der Familie.«

»Was beabsichtigen sie denn zu thun?«

»Wie es scheint, wollen sie für den Winter nach Moskau.«

»Wie schön wäre es, wenn wir zusammen zu ihnen reisen könnten. Wann

wirst du fahren?« frug Stefan Arkadjewitsch Wasjenka.

»Ich werde den Juli bei ihnen zubringen.«

»Und auch du wirst doch mitfahren?« wandte sich Stefan Arkadjewitsch an

seine Frau.

»Ich habe schon lange hingewollt und werde sicher fahren,« sagte

Dolly. »Sie thut mir leid, und ich kenne sie. Sie ist ein schönes

Weib. Ich werde allein reisen, wenn du weggehst, und niemand dadurch

belästigen. Es ist sogar besser, wenn du nicht da bist.«

»Auch gut,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »und Kity?«

»Ich? Weshalb sollte ich hinreisen?« antwortete Kity, in mächtige

Aufregung geratend, und schaute nach ihrem Gatten.

»Aber Ihr seid doch mit Anna Arkadjewna bekannt?« frug sie Wjeslowskij,

»sie ist ein sehr anziehendes Weib.«

»Ja,« antwortete sie Wjeslowskij, noch tiefer errötend, erhob sich, und

ging zu ihrem Manne.

»Du willst also morgen auf die Jagd fahren?« sagte sie.

Seine Eifersucht in diesen wenigen Augenblicken war, besonders

angesichts dieser Röte, die ihre Wangen bedeckte, als sie mit

Wjeslowskij sprach, schon hoch gestiegen. Jetzt faßte er, indem er ihre

Worte vernahm, diese nach seiner Weise auf. So seltsam es ihm auch

erschien, wenn er späterhin hieran zurückdachte, jetzt schien es ihm

klar zu sein, daß sie, wenn sie ihn frug, ob er auf die Jagd fahre, nur

interessierte, zu erfahren, ob er Wasjenka Wjeslowskij das Vergnügen

machen wolle, ihm, in den sie nach seiner Auffassung schon verliebt war.

»Ja, ich werde fahren,« antwortete er mit unnatürlicher, ihm selbst

abstoßend erscheinender Stimme.

»Aber Ihr verbrächtet doch besser den Tag morgen hier; Dolly hat ja

sonst ihren Mann gar nicht gesehen; übermorgen könntet Ihr fahren,«

sagte Kity.

Der Sinn dieser Worte Kitys war von Lewin bereits so gewandelt: »Trenne

mich nicht von ihm. Daß du fährst, ist mir ganz gleichgültig, doch laß

mich die Gesellschaft dieses reizenden jungen Mannes genießen.«

»Ach, wenn du willst, so werden wir morgen zu Haus bleiben,« antwortete

Lewin mit eigentümlicher Zuvorkommenheit.

Wasjenka mittlerweile, der nicht im geringsten das Leid ahnte, welches

seine Anwesenheit verursacht hatte, war mittlerweile nach Kity vom

Tische aufgestanden und ihr, sie mit freundlichem lächelnden Blick

verfolgend, nachgegangen.

Lewin sah diesen Blick. Er erblich und vermochte eine Minute nicht,

Atem zu schöpfen. »Wie kann man sich erlauben, so auf mein Weib zu

schauen,« schäumte es in ihm.

»Also morgen? Fahren wir also,« sagte Wasjenka, sich auf den

Stuhl niederlassend und wiederum nach seiner Gewohnheit den Fuß

unterschlagend.

Die Eifersucht Lewins stieg noch höher. Er sah sich schon als

betrogenen Gatten, den die Frau und ihr Liebhaber nur dazu brauchen,

ihnen die Annehmlichkeiten des Lebens und Vergnügungen zu gewähren.

Aber nichtsdestoweniger frug er Wasjenka liebenswürdig und

gastfreundlich nach seinen Jagdzügen, seinem Gewehr, den Stiefeln und

war einverstanden damit, morgen zu fahren.

Zum Glück für Lewin kürzte die alte Fürstin seine Leiden dadurch, daß

sie sich erhob und Kity anriet, schlafen zu gehen. Aber auch hierbei

ging es nicht ohne einen neuen Schmerz für Lewin ab. Als sich Wasjenka

von der Frau des Hauses verabschiedete, wollte er wiederum ihre Hand

küssen, allein Kity sagte errötend, und mit einer naiven Herbheit,

wegen der ihr später die alte Fürstin Vorwürfe machte, indem sie ihm

ihre Hand entzog: »Das ist bei uns nicht üblich!«

In den Augen Lewins war sie dadurch schuldig, daß sie solche

Beziehungen überhaupt zugelassen hatte, und noch schuldiger, weil sie

so ungeschickt bewiesen hatte, daß dieselben ihr nicht gefielen.

»Was ist das für ein Vergnügen zu schlafen!« sprach Stefan

Arkadjewitsch, nachdem er beim Abendessen einige Gläser Wein geleert

hatte und in seine gemütliche und poetische Stimmung geraten war.

»Sieh Kity,« sagte er, auf den hinter den Linden heraufsteigenden

Mond weisend, »wie reizend! Wjeslowskij, das wäre etwas, wenn du eine

Serenade singen willst. Weißt du, er hat nämlich eine großartige

Stimme, wir haben zusammen unterwegs gesungen. Er hat schöne Romanzen

mit, zwei neue; die könnte man mit Barbara Andrejewna singen!«

* * * * *

Als sich alles schon zurückgezogen hatte, ging Stefan Arkadjewitsch mit

Wjeslowskij noch in der Allee spazieren, und man hörte ihre Stimmen in

der neuen Romanze.

Lewin saß, den Stimmen lauschend, finster in dem Lehnstuhl im

Schlafgemach seiner Frau und schwieg hartnäckig auf deren Fragen, was

er denn habe; doch als sie endlich selbst schüchtern lächelnd frug:

»hat dir etwa irgend etwas mit Wjeslowskij nicht gefallen?« da brach

es hervor aus ihm, und er sagte alles. Das, was er aber hervorbrachte,

kränkte ihn, und erzürnte ihn nur so noch mehr.

Er stand vor ihr mit furchtbar unter den finsterzusammengezogenen

Brauen blitzenden Augen, und preßte die starken Hände auf die Brust,

als biete er alle seine Kräfte auf, an sich zu halten. Der Ausdruck

seines Gesichtes wäre rauh und selbst hart gewesen, wenn nicht zugleich

auch der Schmerz sich darauf ausgeprägt hätte, was sie rührte. Seine

Kinnbacken knirschten und seine Stimme brach ab.

»Verstehe wohl, daß ich nicht etwa eifersüchtig bin; dies ist ein

häßliches Wort! Ich kann nicht eifersüchtig sein und glauben, daß --

ich kann nicht sagen, was ich fühle, doch dies ist furchtbar! Ich bin

nicht eifersüchtig, aber beleidigt, erniedrigt, dadurch, daß jemand

wagt, zu denken -- wagt, mit solchen Augen auf dich zu blicken!« -- --

»Aber mit was für Augen?« sagte Kity, sich bemühend, so gewissenhaft

als möglich sich alle ihre Reden und Bewegungen vom heutigen Abend,

sowie alle Schattierungen derselben ins Gedächtnis zurückzurufen.

Auf dem Grund ihrer Seele fand sie, daß in jener Minute, als er ihr

nach dem andern Ende des Tisches gefolgt war, in der That etwas

gelegen hatte, aber sie wagte dies nicht einmal auch nur sich selbst

einzugestehen, und entschloß sich daher um so weniger, es ihm zu sagen

und dadurch seinen Schmerz noch zu vergrößern.

»Was soll nur Anziehendes sein an mir, wie ich jetzt bin« --

»Ach!« rief er, sich an den Kopf greifend; »hättest du nicht so

gesprochen -- das heißt also, wenn du anziehend gewesen wärest« --

»Mein Konstantin, halt ein, höre doch!« -- sprach sie, ihn mit

leidendem und mitleidvollem Ausdruck anblickend. »Was denkst du nur? Wo

es für mich doch keinen Menschen giebt, keinen, keinen! Willst du, daß

ich niemand hier sehen soll?«

In der ersten Minute war seine Eifersucht beleidigend für sie gewesen;

es war ihr verdrießlich gewesen, daß ihr auch die kleinste Zerstreuung,

selbst die unschuldigste, untersagt wurde; jetzt aber hätte sie sich

gern, nicht in solchen Kleinigkeiten, sondern in allem für seine Ruhe

geopfert, um ihn von dem Schmerz zu befreien, den er litt.

»Begreife doch nur das Entsetzliche und das Komische meiner Lage,«

fuhr er in verzweifeltem Flüsterton fort, »daß er in meinem Hause

ist, daß er nichts Unanständiges begangen hat, abgesehen von jener

Ungezwungenheit und dem Übereinanderschlagen seiner Füße. Er hält dies

für den besten Ton, und demzufolge muß ich noch mit ihm liebenswürdig

sein!«

»Aber, liebster Konstantin, du übertreibst ja,« sagte Kity, in der

Tiefe ihres Herzens erfreut über die Kraft seiner Liebe zu ihr, die

sich jetzt in seiner Eifersucht ausdrückte.

»Am Entsetzlichsten von allem ist, daß du -- jetzt so wie du es stets

gewesen, ein Heiligtum für mich -- daß wir so glücklich gewesen sind,

so selten glücklich -- und plötzlich konnte dieser Wicht -- nicht

Wicht; weshalb sollte ich ihn schimpfen? -- Ich habe mit ihm nichts zu

schaffen! Aber weshalb soll mein Glück, dein Glück« -- --

»Weißt du, ich begreife, woher dies alles gekommen ist,« begann Kity.

»Woher? Woher?«

»Ich habe gesehen, wie du blicktest, als wir beim Abendessen sprachen.«

»Nun ja, nun ja!« sagte Lewin erschreckt.

Sie erzählte ihm, wovon man gesprochen hatte, und als sie es erzählte,

kam sie vor Erregung außer Atem. Lewin verstummte, betrachtete ihr

bleiches, angstvolles Gesicht und griff sich plötzlich an den Kopf.

»Katja, ich habe dich gemartert! Mein Täubchen, verzeihe mir! Dieser

Wahnsinn! Katja, ich bin unendlich schuldig! Kann man nur durch solche

Thorheit sich quälen!«

»Nein, du nur thust mir leid.«

»Ich? Ich? Was für ein Wahnwitziger ich bin! Weshalb thue ich dir leid?

Es ist mir entsetzlich zu denken, daß jeder fremde Mensch unser Glück

zerstören kann.«

»Natürlich! das ist eben das Kränkende« --

»Nein; so werde ich ihn mit Absicht den ganzen Sommer bei uns behalten

und mich in Liebenswürdigkeiten gegen ihn überbieten,« sprach Lewin,

ihr die Hand küssend. »Du wirst sehen. Morgen. Ja, es ist wahr, morgen

wollen wir fahren.«

8.

Am andern Tage hatten sich die Damen noch nicht erhoben, als die

Jagdwagen schon vor der Einfahrt standen und Laska, der bereits am

Morgen gemerkt hatte, daß es zur Jagd gehe, sich heulend und nachdem er

sich satt getummelt hatte, in den einen der Wagen neben dem Kutscher

setzte, welcher ärgerlich und mißlaunig über die Verspätung nach der

Thür blickte, aus welcher die Jäger noch immer nicht herauskommen

wollten.

Zuerst erschien Wasjenka Wjeslowskij, in großen neuen Jagdstiefeln,

welche bis zur Hälfte der dicken Schenkel gingen; in grüner Bluse,

mit einer neuen, nach Juchten duftenden Patronentasche gegürtet und

in seiner Bändermütze und dem neuen englischen Gewehr. Laska sprang

ihm entgegen, begrüßte ihn, sprang an ihm empor und frug ihn auf seine

Weise, ob bald noch die anderen herauskommen würden, kehrte aber dann,

da er keine Antwort von ihm erhielt, auf seinen Warteposten zurück, um

hier wieder still zu werden, den Kopf auf die Seite gewendet und das

eine Ohr spitzend.

Endlich öffnete sich kreischend die Thür, und heraus flog, sich

wirbelnd und in der Luft drehend, Krak, der hellgescheckte Pointeur

Stefan Arkadjewitschs, worauf dieser selbst heraustrat, die Flinte in

den Händen und die Cigarre im Munde. Freundlich rief er seinem Hunde

zu, der ihm die Pfoten auf Leib und Brust setzte und sich mit denselben

in der Jagdtasche verwickelte.

Stefan Arkadjewitsch war mit ledernen Schnürstücken mit untergelegten

Strumpflappen an den Füßen, einem zerrissenen Beinkleid und einem

kurzen Rock bekleidet. Auf dem Kopfe saß die Ruine eines Hutes, das

Gewehr aber, nach modernstem System, war ein wahres Spielzeug und

die Jagdtasche und Patrontasche, obwohl abgetragen, von vorzüglicher

Qualität.

Wasjenka Wjeslowskij hatte früher diese echte Jägerkoketterie

nicht begriffen, in Lumpen zu gehen, und dabei ein Jagdgerät von

vorzüglichster Güte zu führen. Er begriff sie aber jetzt, als er Stefan

Arkadjewitsch mit diesen Lumpen, in all seiner eleganten, wohlgenährten

und behaglich gestimmten Herrenerscheinung erblickte, und faßte den

Entschluß, sich bei der nächsten Jagd unfehlbar ebenso zu equipieren.

»Nun, und was macht unser Wirt?« frug er.

»Ein junges Weib,« sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

»Und noch dazu ein reizendes.«

»Er war bereits angekleidet, aber wahrscheinlich ist er nochmals zu ihr

gelaufen.«

Stefan Arkadjewitsch hatte es erraten. Lewin war mehrmals zu seiner

Gattin geeilt, um sie noch einmal zu fragen, ob sie ihm seine gestrige

Dummheit vergeben habe, und dann, um sie zu bitten, doch um Christi

willen vorsichtiger zu sein. Hauptsächlich -- sich vor den Kindern

ferner zu halten -- sie konnten sie leicht einmal stoßen. Dann mußte er

von ihr nochmals die Versicherung erhalten, daß sie ihm nicht gram sei

darüber, daß er auf zwei Tage fortfuhr, und sie bitten, ihm unbedingt

morgen früh, mit dem ersten Zug, ein Billet zu schicken, und ihm

wenigstens zwei Worte zu schreiben, damit er nur wußte, daß sie sich

wohl befinde.

Kity war es wie stets schmerzlich, sich auf zwei Tage von ihrem

Gatten trennen zu sollen; allein als sie seine lebhafte Erscheinung,

die besonders groß und kraftvoll in den Jagdstiefeln und der weißen

Bluse erschien, und einen gewissen, ihr unverständlichen Schimmer der

Jagdfreude wahrgenommen hatte, vergaß sie, um ihm seine Freude zu

lassen, ihren Schmerz, und verabschiedete sich heiter von ihm.

»Entschuldigung, meine Herren!« sagte er, auf die Freitreppe

herauskommend. »Hat man das Frühstück eingepackt? Warum ist der Fuchs

rechts gespannt? Nun gleichviel! Laska -- leg' dich! -- Laß sie in die

ledige Herde,« wandte er sich an den Viehwärter, der an der Treppe mit

einer Frage über die Wallachen wartete.

Lewin sprang vom Wagen, auf dem er sich schon setzen wollte, zu einem

Zimmermann hin, der mit einem Ellenmaß zur Treppe gekommen war.

»Gestern ist er nicht ins Comptoir gekommen und heute hält er mich nun

ab. Was ist denn?«

»Wir müssen noch drei Stufen hinzunehmen; dann paßt es; sie wird dann

bequemer liegen.«

»Hättest du mir gehorcht,« antwortete Lewin ärgerlich. »Ich habe

gesagt, du sollst zuerst die Treppenlager, und die Stufen zuletzt

machen! Jetzt kommst du nun nicht aus. Thu wie ich dir befohlen habe,

und mache ein neues Lager.«

Es handelte sich darum, daß in einem im Bau befindlichen Flügel der

Zimmermann die Treppe verpfuscht hatte, indem er sie selbständig, ohne

die Höhe zu berechnen, gefertigt hatte, sodaß nun alle Stufen schräg

hingen, als man die Treppe an ihrem Platz aufstellte. Der Zimmermann

wollte nun, die Treppe lassend wie sie war, nur noch drei Stufen

hinzufügen.

»Es wird so viel besser werden.«

»Aber wohin willst du denn kommen mit den drei Stufen!«

»Gestattet,« antwortete der Zimmermann mit geringschätzigem Lächeln;

»da sie sich von unten erhebt,« er sprach dies mit überzeugender

Gebärde, »muß es gehen, sie muß passen!«

»Aber drei Stufen gehen doch noch in die Länge? Wohin soll sie denn da

kommen?«

»Da sie von unten auf geht, so muß sie passen,« beharrte der Zimmermann.

»Bis unter die Decke und an die Wand kommt sie.«

»Aber, mit Verlaub, sie kommt doch von unten, da wird sie passen.«

Lewin ergriff seinen Ladestock und begann ihm im Staube die Treppe zu

zeichnen.

»Siehst du nun?«

»Wie Ihr befehlt,« sagte der Zimmermann, plötzlich mit den Augen hell

aufblickend und endlich offenbar die Sache begreifend. »Es ist klar, es

muß eine neue Treppe gezimmert werden.«

»Nun also, thue nun, wie dir geheißen ist,« rief Lewin und setzte sich

wieder in den Wagen. »Fahr zu! -- Halt die Hunde, Philipp!«

Lewin empfand jetzt, nachdem er alle Sorgen des Hauses und der

Wirtschaft hinter sich gelassen hatte, ein so mächtiges Gefühl von

Lebensfreude und Erwartung, daß er keine Lust verspürte, zu sprechen.

Er hatte auch das Gefühl der konzentrierten Aufregung, welche jeder

Jäger verspürt, wenn er sich seinem Revier nähert. Wenn ihn jetzt

überhaupt etwas beschäftigte, so waren es nur die Fragen, ob man im

Kolpenskischen Moor etwas finden werde, wie sich Laska im Vergleich zu

Krak zeigen, und wie ihm selbst heute das Jagdglück lächeln würde.

Daß man sich vor einem fremden Jäger keine Blöße gab; daß Oblonskiy ihn

nicht überschießen möchte, auch dies kam ihm in den Kopf.

Oblonskiy hatte ein ganz ähnliches Gefühl, und war gleichfalls

wortkarg. Nur Wasjenka Wjeslowskij schwatzte lustig und unaufhörlich

weiter.

Als Lewin ihn jetzt hörte, fühlte er sich beschämt, wenn er daran

dachte, wie ungerecht er gestern gegen ihn gewesen sei.

Wasjenka war in der That ein vorzüglicher, naiver, gutmütiger

und sehr heiterer Mensch. Wäre Lewin noch unverheiratet mit ihm

zusammengekommen, so würde er sich ihm genähert haben. Nur war ihm ein

wenig unangenehmer seine müßige Stellung zum Leben, und eine gewisse

Ungezwungenheit bei aller Eleganz. Er schien sich gewissermaßen selbst

eine hohe unzweifelhafte Bedeutung beizumessen, daß er lange Nägel

und eine kleine Mütze trug und alles übrige dementsprechend, doch

konnte man dies bei seiner Gutherzigkeit und Solidität entschuldigen.

Er gefiel Lewin wegen seiner guten Erziehung, einer ausgezeichneten

Aussprache des Französischen und Englischen, und dann deshalb, weil er

ein Mensch seiner eignen Welt war.

Wasjenka gefiel das donische Steppenpferd am linken Strang

außerordentlich. Er war fortwährend exaltiert davon, »wie schön muß es

sich auf einem Steppenpferd durch die Steppe jagen lassen! Ha? Nicht

so?« sprach er. Er stellte sich in dem Ritt auf einem Steppenroß etwas

wundersames poetisches vor, woraus sich zwar nichts ergab, aber seine

Naivetät, besonders im Verein mit seiner Schönheit, seinem freundlichen

Lächeln und der Grazie seiner Bewegungen war sehr anziehend. Kam es

nun davon her, daß seine Natur Lewin sympathisch war, oder davon, daß

Lewin sich bemühte, zur Sühne für seinen gestrigen Fehltritt alles an

ihm gut zu finden, genug, Lewin fühlte sich angenehm von ihm berührt.

Nachdem man drei Werst gefahren war, tastete Wjeslowskij plötzlich nach

seinen Cigarren und der Brieftasche, und wußte nicht, ob er beides

verloren oder auf dem Tische liegen gelassen hatte.

In der Brieftasche waren dreihundertsiebzig Rubel, und daher durfte man

sie nicht im Stich lassen.

»Wißt Ihr was, Lewin, ich werde auf diesem donischen Beipferd nach

Hause reiten. Das wäre ausgezeichnet. Nicht?« sagte er, schon bereit,

aufzusitzen.

»Nein; warum das?« antwortete Lewin, der schon berechnet hatte, daß

Wasjenka nicht weniger als sechs Pud Gewicht haben müsse. »Ich werde

den Kutscher schicken.«

Der Kutscher ritt auf dem Beipferd ab, und Lewin lenkte nun selbst die

beiden übrigen Pferde.

9.

»Was haben wir denn für eine Marschroute? Erzähle doch gefälligst ein

wenig,« sagte Stefan Arkadjewitsch.

»Der Plan ist folgender: Jetzt werden wir bis Gwozdjowo fahren. In

Gwozdjowo befindet sich diesseits eine Niederung mit Schnepfen,

hinter Gwozdjowo aber ziehen sich wunderbare Bekassinensümpfe hin,

und Schnepfen sind auch da. Es ist jetzt heiß; wir werden gegen Abend

-- es sind noch zwanzig Werst -- ankommen, ein Abendfeld nehmen, dann

übernachten, und morgen schon in die großen Sümpfe gehen.«

»Aber giebt es denn unterwegs nichts?«

»O doch, aber wir würden uns da nur aufhalten und es ist heiß. Es giebt

zwei ausgezeichnete Plätze, aber schwerlich wird es da etwas geben.«

Lewin hatte selbst Lust, nach jenen Plätzen zu gehen, aber dieselben

lagen seiner Wohnung zu nahe und er konnte sie stets erreichen; die

Plätze waren auch klein -- drei konnten nicht auf ihnen schießen.

Infolge dessen schlug er im Geiste einen Haken, und sagte, es dürfte

kaum etwas dort zu finden sein. Als sie an dem kleinen Sumpfe

angekommen waren, wollte Lewin vorüberfahren, doch der erfahrene

Jägerblick Stefan Arkadjewitschs unterschied sogleich die vom Wege her

sichtbare Feuchtigkeit.

»Wollen wir nicht hinfahren?« sagte er, auf den Sumpf weisend.

»Lewin bitte; wie reizend!« begann Wasjenka Wjeslowskij zu bitten, und

Lewin mußte einwilligen.

Sie hatten noch nicht Halt gemacht, als schon die Hunde, sich

gegenseitig jagend, dem Sumpf zuflogen.

»Krak! Laska!«

Die Hunde kehrten zurück.

»Zu Dreien wird es uns zu eng werden. Ich werde hier bleiben,« sagte

Lewin, in der Hoffnung, daß sie nichts finden möchten als Kibitze, die

sich vor den Hunden erhoben und sich im Fluge überschlagend, kläglich

über dem Sumpfe schrieen.

»Nein! -- Kommt! Wir wollen zusammen gehen, Lewin!« rief Wjeslowskij.

»Richtig ist das; es wird zu eng! -- Laska, zurück; -- Laska! --

Braucht Ihr dann nicht einmal einen anderen Hund?«

Lewin blieb bei dem Wagen und schaute voll Mißgunst auf die Jäger.

Diese durchwanderten den ganzen Sumpf, aber außer einer Henne und

Kibitzen, von denen Wjeslowskij einen erlegte, war nichts darin.

»Nun da seht Ihr, daß ich den Sumpf nicht bedauerte,« sagte Lewin,

»wohl aber den Zeitverlust.«

»Ach nein; es war immerhin ganz hübsch! Habt Ihr es gesehen?« sprach

Wasjenka Wjeslowskij, unbehilflich auf den Wagen kletternd, die Flinte

und den Kibitz in den Händen. »Wie ich den gut getroffen habe, nicht

wahr? Nun, werden wir denn bald an den richtigen Ort kommen?«

Plötzlich rissen die Pferde in das Geschirr, Lewin schlug mit dem

Kopf an den Lauf eines der Gewehre, und ein Schuß ging los. Der Schuß

an sich ertönte schon früher, aber es schien Lewin nur so. Wasjenka

Wjeslowskij hatte, die Hähne in Ruhe setzend, den einen Drücker

berührt, während er den andern Hahn gehalten hatte.

Die Ladung ging in die Luft, ohne jemand Schaden zuzufügen. Stefan

Arkadjewitsch schüttelte den Kopf und lächelte Wjeslowskij

vorwurfsvoll zu, Lewin aber war nicht in der Stimmung, ihm einen

Vorwurf zu machen; erstens wäre jeder Vorwurf nur durch die

vorübergegangene Gefahr und die Beule, welche auf der Stirn Lewins

auftrat, hervorgerufen erschienen, zweitens aber war Wjeslowskij

anfangs so naiv ärgerlich, und fing dann so gutmütig und ansteckend an

über die allgemeine Aufregung zu lachen, daß es unmöglich war, nicht

mit zu lachen.

Als sie an den zweiten Sumpf gelangten, welcher ziemlich groß war, und

daher viel Zeit in Anspruch nehmen mußte, suchte Lewin dahin zu wirken,

daß man nicht hineinging. Doch Wjeslowskij besiegte ihn wieder durch

sein Bitten, und wiederum blieb Lewin, als gastfreundlicher Wirt, bei

dem Wagen zurück.

Sogleich bei der Ankunft witterte Krak nach den Maulwurfshügeln.

Wasjenka Wjeslowskij lief als der Erste hinter dem Hunde her und

Stefan Arkadjewitsch war noch nicht herangekommen, als schon ein Vogel

aufging. Wjeslowskij schoß fehl und der Vogel ließ sich in einer

ungemähten Wiese wieder nieder. Wjeslowskij aber war diese Beute

bestimmt. Krak fand sie wieder auf, stellte sie und er schoß sie und

kehrte dann zu dem Wagen zurück.

»Jetzt geht Ihr, und ich will bei den Pferden bleiben,« sprach er.

Lewin begann der Jagdneid zu ergreifen. Er übergab Wjeslowskij die

Zügel und begab sich in den Sumpf.

Laska, der schon lange kläglich gewinselt und sich über die

Ungerechtigkeit beklagt hatte, eilte vorauf direkt nach einem

verheißungsvollen, Lewin bekannten Gebiet, in welches Krak noch nicht

gekommen war.

»Weshalb hältst du ihn denn nicht zurück?« rief Stefan Arkadjewitsch.

»Er wird dich nicht schrecken,« antwortete Lewin, voll Freude über

seinen Hund, und ihm eilig folgend.

Auf der Suche Laskas wuchs, je näher dieser den bekannten Hügeln

kam, mehr und mehr der Ernst der Situation. Ein kleiner Sumpfvogel

zerstreute diesen nur auf einen Augenblick. Er beschrieb einen Kreis

vor den Hügeln, begann einen zweiten, erschrak dann plötzlich und

verschwand.

»Geh, geh Stefan!« rief Lewin, welcher fühlte, wie ihm das Herz höher

zu schlagen begann, und wie plötzlich, gleich als ob sich ein Riegel in

seiner seelischen Spannung zurückbewege, alle Geräusche, den Maßstab

ihrer Entfernung verlierend, ihn ungeregelt, aber scharf zu treffen

begannen. Er vernahm die Schritte Stefan Arkadjewitschs, sie für das

ferne Stampfen der Pferde haltend, er vernahm das spröde Geräusch

der mit den Wurzeln sich loslösenden Ecke eines Maulwurfhaufens, auf

welchen er getreten war, indem er dasselbe für den Flug eines Vogels

hielt. Er vernahm auch im Rücken in nicht großer Entfernung ein

Klatschen auf dem Wasser, von welchem er sich nicht Rechenschaft zu

geben vermochte.

Indem er sich einen Standort für die Füße suchte, bewegte er sich auf

seinen Hund zu.

Eine Bekassine machte sich vor dem Hunde auf. Lewin legte das Gewehr

an, aber in dem Augenblicke, als er zielte, verstärkte sich jenes

Geräusch von Klatschen auf dem Wasser; es kam näher, und mit ihm

vereinigte sich die Stimme Wjeslowskijs, der in sonderbarer Weise laut

rief.

Lewin sah, daß er mit der Flinte die Bekassine von hinten treffen

werde, schoß aber gleichwohl.

Überzeugt, daß er einen Fehlschuß gethan, blickte er um sich und

gewahrte, daß die Pferde mit dem einen Jagdwagen gar nicht mehr auf dem

Wege, sondern im Sumpfe waren.

Wjeslowskij, welcher das Schießen hatte sehen wollen, war in den Sumpf

gefahren und hatte die Pferde in eine Untiefe geführt.

»Hol' ihn der Teufel,« sagte Lewin zu sich selbst, zu der

feststeckenden Equipage zurückkehrend. »Weshalb seid Ihr denn

fortgefahren,« sagte er mit dürren Worten zu ihm, und machte sich,

nachdem er den Kutscher herbeigerufen hatte, daran die Pferde

loszubringen.

Lewin war verdrießlich geworden, daß man ihn im Schießen gestört und

die Pferde in den Sumpf geführt hatte, hauptsächlich aber auch, daß

bei dem Ausspannen der Pferde, was erforderlich war um sie wieder

freizumachen, weder Stefan Arkadjewitsch, noch Wjeslowskij ihm und

dem Kutscher Hilfe leisteten, weil weder dieser noch jener auch nur

den geringsten Begriff davon hatte, worin eigentlich das Anschirren

bestehe. Ohne Wjeslowskij ein Wort auf dessen Versicherung, es sei

hier ganz trocken, zu antworten, arbeitete Lewin schweigend mit dem

Kutscher daran, die Pferde zu befreien.

Als er indessen bei der Arbeit warm geworden war und sah, wie beflissen

und eifrig Wjeslowskij den Wagen an der Deichselstange zog, sodaß er

diese sogar abbrach, machte er sich selbst Vorwürfe darüber, daß er

unter dem Einfluß der gestrigen Empfindung allzu kalt gegen Wjeslowskij

gewesen war, und bemühte sich mit besonderer Liebenswürdigkeit seine

Barschheit wieder gutzumachen.

Nachdem alles wieder in Ordnung gebracht war, und die Wagen sich wieder

auf dem Wege befanden, ließ Lewin das Frühstück bringen.

»=Bon appétit -- bonne conscience! Ce poulet va tomber jusqu'au fond

de mes bottes=,« sagte Wjeslowskij, wieder lustig geworden, mit einem

französischen Sprichwort, ein zweites Hühnchen verspeisend. »Jetzt sind

unsere Leiden zu Ende und alles wird nun glücklich gehen. Nur will ich

wegen meines Vergehens dazu gezwungen sein, auf dem Bocke zu sitzen.

Ist es nicht recht so? Nein, ich bin Automedon! Paßt auf, wie ich Euch

fahren werde!« versetzte er, ohne die Zügel loszugeben, als ihn Lewin

bat, den Kutscher fahren zu lassen. »Nein; ich muß mein Vergehen wieder

gut machen, und befinde mich ganz wohl auf dem Bocke,« und er fuhr.

Lewin fürchtete ein wenig, er möchte die Pferde malträtieren, besonders

das Handpferd, einen Fuchs, den er nicht zu lenken verstand; doch

unwillkürlich fügte er sich seiner Heiterkeit, lauschte er den

Romanzen, welche Wjeslowskij, auf dem Bocke sitzend, den ganzen Weg

entlang sang, oder seinen Erzählungen und Vorführungen, wie man auf

englische Manier =four in hand= fahre -- und alle fuhren nach dem

Frühstück in der heitersten Stimmung nach dem Sumpfe von Gwozdjowo.

10.

Wasjenka trieb die Pferde so schnell, daß sie zu früh bei dem Sumpfe

ankamen, und es noch immer heiß war.

Als sie bei der Niederung angelangt waren, dem Hauptziele der Fahrt,

dachte Lewin unwillkürlich, wie er Wasjenka los werden und ohne eine

Störung jagen könnte. Stefan Arkadjewitsch wünschte augenscheinlich

das Nämliche, und auf seinem Gesicht sah Lewin den Ausdruck einer

Besorgnis, welche bei dem echten Jäger stets vor Beginn der Jagd

da zu sein pflegt, sowie den einer gewissen ihm eigenen gutmütigen

Verschlagenheit.

»Wie wollen wir fahren? Der Sumpf ist ausgezeichnet, ich sehe es; auch

Habichte sind da,« sagte Stefan Arkadjewitsch auf zwei über dem Ried

kreisende, große Vögel weisend. »Wo Habichte sind, ist sicher auch

Wild.«

»Nun, seht ihr Herren,« sagte Lewin, mit etwas mürrischem Ausdruck

seine Stiefel hochziehend und die Pistons auf dem Gewehr nachsehend;

»seht ihr diesen Ried?« Er wies auf eine kleine, dunkel in Schwarzgrün

schimmernde Insel, in einem weiten, sich auf dem rechten Ufer des

Flusses ausdehnenden, bis zur Hälfte gemähten nassen Wiesengrund.

»Der Sumpf beginnt hier, gerade vor uns, seht ihr -- wo das Grün ist.

Von da geht er rechts, wo die Pferde sind; -- hier befinden sich

auch Maulwurfshaufen und Bekassinen -- dann rund um diese Wiese bis

zu jenem Erlenwald und dicht bis zu der Mühle, dort wo man die Bucht

sieht. Das ist ein ausgezeichneter Platz; ich habe einmal siebzehn

Bekassinen hier geschossen; wir wollen uns nun mit den beiden Hunden

nach den verschiedenen Seiten trennen, und dort bei der Mühle wieder

zusammenkommen.«

»Aber wer geht rechts; wer links?« frug Stefan Arkadjewitsch. »Rechts

ist es weiter; geht dort zu Zweien, ich will links gehen,« sagte er, so

harmlos, wie er nur konnte.

»Schön; wir wollen ihn überschießen; also gehen wir, gehen wir,«

drängte Wasjenka.

Lewin konnte damit nur einverstanden sein, und so trennten sie sich.

Kaum waren sie in den Sumpf gelangt, als beide Hunde gleichzeitig zu

suchen begannen und nach dem Schlamme witterten. Lewin kannte dieses

Suchen Laskas, vorsichtig und zurückhaltend; er kannte auch den Platz,

und erwartete den Schwarm der Schnepfen.

»Wjeslowskij, geht nebenher, nebenher!« sagte er mit leiser

Stimme, zu dem im Wasser hinterher plätschernden Gefährten, dessen

Gewehrlaufrichtung Lewin nach dem unvorhergesehenen Schuß am

Kolpenskischen Sumpfe unwillkürlich interessierte.

»Ach nein, ich will Euch nicht im Wege sein, denkt nur nicht an mich!«

Lewin dachte aber unwillkürlich an ihn, und rief sich die Worte Kitys

ins Gedächtnis, mit denen diese ihn von sich gelassen: »Paßt auf, und

schießt einander nicht!« -- Näher und näher kamen die Hunde, einer am

anderen vorüber und jeder seine Spur verfolgend; die Erwartung war so

mächtig, daß Lewin das Schmatzen seines aus dem Schlamme emporgehobenen

Stiefelabsatzes als Schrei einer Schnepfe erschien, sodaß er den Kolben

des Gewehres packte und preßte.

»Puff, puff,« klang es ihm in die Ohren. Wasjenka hatte in eine Schar

Enten geschossen, welche über dem Sumpfe schwebten und jetzt bei weitem

noch nicht für Jäger in Schußweite gekommen waren. Lewin hatte sich

kaum umgeschaut, als eine Schnepfe schmatzte; eine zweite, eine dritte

-- noch acht dazu erhoben sich -- eine nach der anderen.

Stefan Arkadjewitsch erlegte eine gerade im Augenblick, als sie ihre

Zickzacklinien zu beschreiben begann, und die Schnepfe fiel wie ein

Klumpen in den Moorgrund. Oblonskiy legte hastig auf eine zweite an,

die noch niedrig flog, und auch diese fiel, zugleich mit dem Fall des

Schusses, und es war deutlich zu erkennen, wie sie von dem gemähten

Grunde aufsprang, mit dem heilgebliebenen weißen Flügel schlagend.

Lewin war nicht so glücklich; er hatte auf die erste Schnepfe zu nahe

geschossen und gefehlt; er hatte auf sie angelegt, indem sie sich noch

erhob, aber zur gleichen Zeit flog noch eine weitere dicht vor seinen

Füßen auf, lenkte ihn ab, und er that einen zweiten Fehlschuß.

Während sie die Gewehre wieder luden, erhob sich eine weitere Bekassine

und Wjeslowskij, der soeben zum zweitenmale geladen hatte, sandte

ihr über das Wasser noch zwei Ladungen feinen Schrot nach. Stefan

Arkadjewitsch sammelte seine Schnepfen und schaute mit glänzenden Augen

auf Lewin.

»Nun, jetzt wollen wir uns trennen,« sprach er, und schritt, auf dem

linken Fuße hinkend, die Flinte in Bereitschaft haltend und dem Hunde

pfeifend, nach der einen Seite.

Lewin mit Wjeslowskij gingen nach der anderen.

Lewin ging es stets so, daß er, wenn die ersten Schüsse unglücklich

waren, in Wallung geriet, ärgerlich wurde und den ganzen Tag schlecht

schoß. So war es auch jetzt.

Bekassinen zeigten sich eine Menge; dicht vor den Hunden, vor den Füßen

der Jäger gingen sie unaufhörlich auf, und Lewin hätte sein Mißgeschick

wieder gut machen können, aber je mehr er schoß, umsomehr blamierte er

sich vor Wjeslowskij, der wohlgemut darauf losplatzte, ohne etwas zu

erlegen, dadurch aber nicht im geringsten aus der Fassung kam.

Lewin geriet in Unruhe, und mehr und mehr in Hitze, so daß er beim

Schießen schon fast nicht mehr hoffte, noch etwas zu erlegen. Auch

Laska schien dies zu verstehen; er begann, träger zu suchen, und

schaute wie zweifelnd und vorwurfsvoll auf die Jäger. Schuß auf Schuß

fiel. Pulverdampf lagerte sich um die Jäger, aber in dem großen Netze

der Jagdtasche befanden sich nur drei leichte kleine Bekassinen, von

denen eine noch durch Wjeslowskij, eine von beiden gemeinsam erlegt

war. Währenddem vernahm man auf der andern Seite des Sumpfes zwar nicht

häufige, wohl aber, wie Lewin schien, bedeutungsvolle Schüsse von

Stefan Arkadjewitsch, bei denen fast nach einem jeden ein: »Krak, Krak,

apport!« hörbar wurde.

Dies regte Lewin noch mehr auf; die Bekassinen kreisten ohne

Aufhören in der Luft über der Niederung. Ihr Schmatzen am Boden und

das Schnarren in der Höhe war ohne Unterbrechung von allen Seiten

vernehmbar; die vorher aufgestiegenen, und in der Luft kreisenden Vögel

ließen sich vor den Jägern nieder und anstatt zweier Habichte schwebten

jetzt deren zehn pfeifend über dem Sumpfe.

Nachdem sie die größere Hälfte des Sumpfes durchschritten hatten,

gelangten Lewin und Wjeslowskij zu einer Stelle, auf welcher mit langen

Streifen eine Bauernwiese abgeteilt war, durch eingetretene Streifen,

und durch einen gemähten Schwaden angemerkt. Die Hälfte dieser Wiese

war schon gemäht.

Obwohl nun wenig Hoffnung war, auf dem nichtgemähten Teil ebensoviel

zu finden, wie auf dem gemähten, so hatte Lewin Stefan Arkadjewitsch

doch einmal versprochen, mit diesem wieder zusammentreffen zu wollen,

und schritt er daher mit seinem Gefährten weiter durch die gemähten und

ungemähten Streifen hindurch.

»He da, ihr Jäger!« -- rief ihnen aus einem Trupp Bauern, welche bei

einem ausgespannten Wagen saßen, einer zu, »kommt her, eßt mit uns

Mittag! Hier giebt es auch Branntwein zu trinken!« --

Lewin schaute sich um.

»Komm nur her!« rief ein heiterer bärtiger Landmann mit rotem Gesicht,

die weißen Zähne lächelnd zeigend, und die grünliche, in der Sonne

blitzende Flasche hochhaltend.

»=Qu'est ce qu'ils disent=?« frug Wjeslowskij.

»Sie laden uns ein zum Branntweintrinken. Wahrscheinlich haben sie die

Wiesen geteilt. Ich möchte schon einmal trinken,« sagte Lewin nicht

ohne Hintergedanken, in der Hoffnung, Wjeslowskij möchte sich vom

Branntwein verführen lassen und mit zu ihnen hingehen.

»Weshalb laden sie uns ein?« --

»Nun; sie sind guter Laune. Geht doch einmal hin zu ihnen. Es wird Euch

interessieren.«

»=Allons, c'est curieux=.«

»Geht, geht, Ihr werdet den Weg zur Mühle schon finden!« rief Lewin,

schaute sich um, und bemerkte mit Vergnügen, daß Wjeslowskij, stolpernd

und mit müden Beinen, das Gewehr in dem gestreckten Arm haltend, sich

aus dem Ried zu den Bauern herausarbeitete.

»Komm du doch auch!« rief der Bauer Lewin zu. »Alle Wetter, es giebt

Pasteten zu essen!«

Lewin gelüstete es stark, einmal Branntwein zu trinken, und ein Stück

Brot zu essen. Er war müde geworden und fühlte, daß er nur noch mit

Mühe die einsinkenden Füße aus dem Morast zog; und einen Moment

schwankte er. Doch sein Hund hatte gestellt, und sofort war alle

Müdigkeit verschwunden; leicht schritt er über das Moor hin seinem

Hunde zu. Unter seinen Füßen flog eine Bekassine auf, er feuerte und

erlegte sie -- der Hund stand noch immer. »Los!« vor dem Hunde erhob

sich eine zweite. Lewin schoß; allein der Tag war nicht glücklich; er

fehlte, und als er die erlegte Schnepfe suchen wollte, fand er sie

nicht einmal. Er suchte den ganzen Ried ab, aber Laska wollte nicht

glauben, daß er eine Schnepfe erlegt habe, und als Lewin ihm befahl, zu

suchen, that er, als ob er suche, suchte aber nicht.

Auch ohne Wasjenka, welchem Lewin sein Unglück beimaß, wurde also die

Sache nicht besser. Bekassinen waren auch hier viel, aber Lewin that

Fehlschuß auf Fehlschuß.

Die schrägfallenden Strahlen der Sonne waren noch heiß, die Kleider,

von Schweiß durch und durch naß, klebten ihm am Leibe, der linke

Stiefel, voller Wasser, war schwer und schmatzte; über das vom

Pulverschmand besudelte Gesicht rann der Schweiß in Tropfen, im Munde

machte sich ein bitterer Geschmack fühlbar, in der Nase Pulvergeruch

und Schlammduft, und in den Ohren klang das unausgesetzte Schnarren

der Schnepfen; die Flintenläufe durfte er nicht anrühren, so erhitzt

waren sie, das Herz pochte ihm schnell und kurz, die Hände zitterten

vor Erregung und die mattgewordenen Beine stolperten und blieben in den

Maulwurfhaufen und im Morast stecken; aber er ging weiter und schoß.

Endlich, nachdem er wiederum einen schmählichen Fehlschuß gethan, warf

er das Gewehr und die Mütze zu Boden.

»Nein; erst muß ich zur Besinnung kommen!« sagte er zu sich selbst.

Flinte und Mütze wieder aufhebend, rief er Laska zu seinen Füßen,

und verließ den Ried. Als er auf das Trockene gekommen war, setzte

er sich auf einen Erdhaufen, zog sich aus, goß die Stiefel aus, ging

dann zum Sumpfe zurück und trank Etwas von dem Wasser mit schlammigem

Beigeschmack, feuchtete die glühenden Läufe an und wusch sich Gesicht

und Hände. Nachdem er sich so erfrischt hatte, begab er sich wieder

nach dem Platze, auf dem sich eine Bekassine niedergesetzt hatte, mit

dem festen Vorsatz, nicht in Aufregung zu geraten.

Er wollte ruhig sein, aber es blieb beim Alten. Sein Finger berührte

den Drücker früher, als er den Vogel aufs Korn genommen hatte; es ging

schlechter und schlechter.

Er hatte nur fünf Stück in seiner Jagdtasche, als er aus dem Ried

heraus zu dem Erlenwalde kam, wo er mit Stefan Arkadjewitsch

zusammentreffen sollte.

Bevor er diesen jedoch selbst erblickte, gewahrte er seinen Hund.

Hinter der Wurzel einer Erle hervor sprang Krak, ganz schwarz von

übelriechendem Moorschlamm, und beschnüffelte Laska mit dem Ausdruck

des Siegers. Hinter Krak erschien im Schatten der Erlen nun auch die

stattliche Gestalt Stefan Arkadjewitschs, der ihm, rot aussehend,

schweißbedeckt mit aufgeknöpftem Kragen, noch immer hinkend,

entgegenkam.

»Nun, wie steht es? Ihr habt viel geschossen!« sagte er heiter lächelnd.

»Und du?« frug Lewin. Das Fragen war indes nicht nötig, weil er schon

die gefüllte Jagdtasche erblickt hatte.

»O, nichts von Bedeutung.«

Er hatte vierzehn Stück.

»Ein famoser Sumpf! Dich, scheint es, hat Wjeslowskij gestört. Zwei mit

einem Hunde, das ist allerdings unbequem,« sagte Stefan Arkadjewitsch,

seine Siegesfreude bezwingend.

11.

Als Lewin und Stefan Arkadjewitsch in der Hütte des Bauern ankamen,

bei welchem Ersterer stets rastete, war Wjeslowskij bereits da.

Er saß mitten in der Hütte, sich mit beiden Händen an einer Bank

anhaltend, vor welcher ihn ein Soldat, der Bruder der Bauersfrau, an

den schlammbedeckten Stiefeln herunterzerrte, und lachte mit seinem

ansteckend lustigen Lachen.

»Ich bin soeben angekommen. =Ils ont été charmants=. Stellt Euch

vor, sie haben mich getränkt und gefüttert! Welch ein Brot, das

war wunderbar! =Delicieux=! Und ein Branntwein! Ich habe noch nie

schmackhafteren getrunken! Und sie wollten um keinen Preis Geld nehmen!

Sie sagten nur immer »=Nje obsudisj=!« --

»Warum sollten sie Geld nehmen? Haben sie denn den Branntwein zum

Verkauf?« sagte der Soldat, der endlich den durchnäßten Stiefel mit dem

schwarzgewordenen Strumpfe heruntergezogen hatte.

Trotz der Unsauberkeit der Hütte, welche von den Stiefeln der Jäger und

den schmutzigen, sich leckenden Hunden noch erhöht wurde, trotz des

Geruches nach Schlamm und Pulver, von welchem dieselbe erfüllt war,

und des Fehlens von Messern und Gabeln, tranken die Jäger ihren Thee,

nahmen sie ihre Abendmahlzeit mit solchem Appetit, wie man eben nur auf

der Jagd ißt. Nachdem sie sich gewaschen und gereinigt hatten, gingen

sie nach dem sauber gefegten Heuschuppen, wo die Kutscher den Herren

ein Lager zurecht gemacht hatten.

Doch obwohl es bereits dunkelte, hatte keiner der Jäger Lust, zu

schlafen.

Hin- und herschweifend zwischen den Erinnerungen und Erzählungen über

das Schießen, die Hunde und frühere Jagden -- war die Unterhaltung

auf das alle interessierende Thema gekommen. Angesichts der bereits

mehrmals wiederholten Äußerungen des Entzückens Wasjenkas über den

Reiz dieses Nachtlagers, den Duft des Heues, das Anziehende eines

zerbrochenen Wagens -- der Wagen schien ihm zerbrochen, weil er von den

Vorderrädern genommen worden war -- über die Gutmütigkeit der Bauern,

die ihn mit Branntwein gefüttert hatten, über die Hunde, die beide zu

Füßen ihrer Herren lagen, berichtete Oblonskiy über die Reize einer

Jagd bei Maltus, wo er im vergangenen Jahre gewesen war.

Maltus war ein bekannter Eisenbahnkrösus. Stefan Arkadjewitsch

erzählte, was für Jagdgründe dieser Maltus im Gouvernement von Twer

aufgekauft habe, und wie dieselben gepflegt würden, und weiter, was für

Equipagen die Jäger geführt hätten und was für ein Zelt zum Frühstück

an der Jagdniederung aufgestellt worden sei.

»Ich begreife dich nicht,« sagte Lewin, sich auf seinem Heulager

aufrichtend, »daß dir diese Leute nicht widerlich sind? Ich begreife,

daß ein Frühstück mit Lafitte sehr angenehm ist, aber sollte dir

gerade dieser Luxus nicht zuwider sein? Alle diese Leute, unsere

einstigen Spekulanten, gewinnen ihr Geld so, daß sie mit ihrem Gewinste

nur die Verachtung der Menschen verdienen; aber sie verachten diese

Geringschätzung, und kaufen sich mit dem ehrlos Erworbenen von ihrer

früheren Verachtung los.«

»Vollkommen richtig!« bemerkte Wasjenka Wjeslowskij, »vollkommen;

natürlich thut dies Oblonskiy nur aus Bonhomie, wie die anderen sagen;

Oblonskiy fährt nicht zu ihnen« --

»Keineswegs,« -- Lewin fühlte, wie Oblonskiy lächelte, als er dies

sprach, »ich halte ihn einfach nicht für unehrlicher, als sonst einen

der reichen Kaufleute und Adligen. Sowohl diese, wie jene sind reich

geworden durch ihre Arbeit und ihre Intelligenz.«

»Ja, aber durch was für Arbeit? Ist das etwa Arbeit, daß sie

Konzessionen erbeuten und diese weiter verkaufen?«

»Natürlich eine Arbeit. Eine Arbeit in dem Sinne, daß wenn es diese

Leute oder ihnen ähnliche nicht gäbe, auch keine Eisenbahnen da wären.«

»Aber diese Arbeit ist doch nicht eine solche, wie die eines Bauern,

oder des Gelehrten.«

»Nehmen wir so an; aber es ist eine Arbeit in dem Sinne, daß diese

Thätigkeit ein Resultat ergiebt -- die Eisenbahnen! Du freilich findest

wohl, daß die Eisenbahnen ohne Nutzen sind.«

»Nein; das ist eine andere Frage; ich bin bereit anzuerkennen daß sie

nützlich sind, aber jeder Erwerb, welcher der für ihn aufgewandten Mühe

nicht entspricht, ist ehrlos.«

»Wer bestimmt aber dieses Verhältnis?«

»Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List,« sagte Lewin,

im Gefühl, daß er die Grenze zwischen ehrlich und unehrlich nicht

klar zu bestimmen wußte, »ebenso wie der Erwerb der Bankbureaus,«

fuhr er fort, »sind von Übel; sie bestehen in der mühelosen Erwerbung

ungeheurer Summen, wie dies der Fall war bei den Aufkäufen; nur die

Form hat sich verändert. =Le roi est mort, vive le roi=! Kaum hatte

man die Bodenspekulation vernichtet, da erschienen die Eisenbahnen und

Banken; gleichfalls ein Erwerbsbetrieb ohne Müheaufwand.«

»Ja, das kann alles recht wahr und scharfsinnig sein -- leg' dich Krak«

-- rief Stefan Arkadjewitsch seinem Hunde zu, der sich kratzte und das

Heu durchwühlte -- augenscheinlich von der Richtigkeit seiner Meinung

überzeugt und daher ruhig und ohne Übereilung.

»Aber du unterscheidest nicht die Grenzen zwischen ehrlicher und

unehrlicher Arbeit. Daß ich an Gehalt mehr bekomme, als mein

Kanzleivorsteher, obwohl der die Sache besser versteht als ich, ist das

ehrlos?«

»Ich weiß nicht.«

»Nun, so will ich dir sagen: Daß du für deinen Müheaufwand in der

Landwirtschaft, sagen wir, fünftausend Rubel einnimmst, während unser

Wirt hier, der Bauer, so viel er auch arbeiten mag, nicht mehr als

fünfhundert hat, ist ganz ebenso ehrlos, wie, daß ich mehr als mein

Kanzleivorsteher erhalte, und daß Maltus mehr als ein Eisenbahnmeister

einnimmt. Im Gegenteil, ich erblicke ein gewisses, durch nichts

begründetes, feindseliges Verhalten der Gesellschaft diesen Leuten

gegenüber, und es scheint mir, daß hier der Neid« --

»Nein; das wäre ungerecht,« sagte Wjeslowskij, »Neid kann es hier nicht

geben, aber etwas Unsauberes liegt in diesem Geschäft.«

»Gestatte;« fuhr Lewin fort. »Du sagst, es sei ungerecht, daß ich

fünftausend Rubel habe, und der Bauer fünfhundert; das ist wahr. Es ist

ungerecht, und ich fühle es, doch« --

»Es ist so in der That. Weshalb essen wir, trinken wir, jagen wir,

faulenzen wir, während er ewig, ewig bei der Arbeit ist?« sagte

Wasjenka Wjeslowskij, augenscheinlich zum erstenmal im Leben klar

hierüber nachdenkend, und infolge dessen auch vollständig aufrichtig.

»Ja; du fühlst es wohl, würdest ihm aber dein Vermögen doch nicht

geben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, gleichsam mit Absicht Lewin

zusetzend.

In letzter Zeit war zwischen den beiden Schwagern eine Art von

verborgenem, feindseligem Verhältnis eingetreten; seit der Zeit, seit

welcher sie mit den Schwestern verheiratet waren, hatte sich zwischen

ihnen gleichsam ein Rivalentum darin entwickelt, wer sein Leben besser

fundiert hätte, und jetzt kam diese Gegnerschaft in einem Gespräch zum

Ausdruck, welches einen persönlichen Charakter anzunehmen begann.

»Ich werde es ihm deshalb nicht geben, weil es niemand von mir fordert,

und wenn ich selbst wollte, würde ich es nicht können,« versetzte

Lewin, »wie überhaupt niemand.«

»Gieb es nur dem Bauer hier; er wird dir nicht abschläglich antworten.«

»Ja; aber wie soll ich es ihm geben? Soll ich mit ihm hinfahren und ihm

einen Kaufbrief ausstellen?«

»Ich weiß nicht; doch wenn du überzeugt bist, daß du nicht das Recht

hast« --

»Ich bin durchaus nicht überzeugt hiervon; im Gegenteil fühle ich, daß

ich nicht das Recht habe, zu verschenken, daß ich Verbindlichkeiten

meinem Boden, wie meiner Familie gegenüber habe.«

»Nein doch; gestatte; wenn du urteilst, daß diese Ungleichheit eine

ungerechte sei, weshalb handelst du dann nicht so?«

»Ich handle ja so; nur aber negativ; in dem Sinne, daß ich mich nicht

bemühen will, jenen Unterschied der Lage, welcher zwischen mir und

jenem besteht, noch zu vergrößern.«

»Nein, entschuldige, aber das ist paradox!« --

»Ja, das ist eine etwas sophistische Erklärung,« bestätigte

Wjeslowskij. »Ah, da kommt ja unser Wirt,« sprach er zu dem Bauer,

welcher, mit der Thür kreischend, in den Schuppen trat.

»Nun, schläfst du denn noch nicht?«

»Nein; wie soll man schlafen! Ich denke immer, unsere Herren schlafen,

da höre ich sie reden,« fügte er hinzu, behutsam mit den nackten Füßen

auftretend.

»Wo schläfst du denn?«

»Wir gehen auf die Nachtwache.«

»Ach, welche Nacht!« sagte Wjeslowskij, auf die beim schwachen Scheine

der Abendröte in dem großen Rahmen der jetzt offenen Thür sichtbar

werdenden Umrisse der Hütte und des ausgeschirrten Wagens schauend.

»Hört nur, da singen Weiberstimmen, und wahrhaftig, nicht schlecht. Wer

singt denn da, Herr Wirt!«

»Ach, das sind die Mägde, vom Hof.«

»Laßt uns hingehen; wir wollen spazieren gehen! Wir werden doch nicht

schlafen; Oblonskiy, kommt mit!«

»Das wäre; ich liege, geht nur,« antwortete Oblonskiy sich reckend, »es

liegt sich ausgezeichnet hier.«

»Nun, dann gehe ich allein,« sagte Wjeslowskij, lebhaft aufstehend und

kleidete sich an. »Auf Wiedersehen denn, ihr Herren. Wenn es hübsch

werden sollte, werde ich euch rufen; ihr habt mich mit Wild regaliert,

und ich werde eurer nicht vergessen.«

»Nicht wahr, ein vortrefflicher Bursch?« sprach Oblonskiy, nachdem

Wjeslowskij gegangen war und der Bauer hinter ihm die Thür geschlossen

hatte.

»Ja, vortrefflich,« erwiderte Lewin, weiter über das Thema des soeben

stattgehabten Gesprächs nachdenkend. Ihm schien es, als habe er, soweit

er es verstand, seine Ideen und Empfindungen klar ausgesprochen, und

doch hatten diese beiden, zwei nicht eben beschränkte, und aufrichtige

Männer, einstimmig gesagt, daß er sich mit Sophismen tröste. Dies

machte ihn ratlos.

»So, so ist es, mein Freund. Eins von beiden ist nötig; entweder

zugestehen, daß die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft gerecht

ist, und dann deine Rechte behaupten, oder zugestehen, daß du

unrechtmäßiger Vorzüge teilhaft bist --, wie ich dies thue -- und von

diesen mit Vergnügen Gebrauch machen.«

»Nein. Wenn das ungerecht wäre, so könntest du diese Güter nicht mit

Vergnügen genießen -- ich wenigstens könnte es nicht. -- Mir ist die

Hauptsache -- ich muß fühlen, daß ich keine Schuld trage.«

»Aber wollen wir nicht doch ein wenig mitgehen?« sagte Stefan

Arkadjewitsch, augenscheinlich abgespannt von dieser Anstrengung seines

Geistes. »Wir können ja doch nicht schlafen. Es ist wahr; gehen wir!«

Lewin antwortete nicht. Das im Laufe des Gesprächs geäußerte Wort, daß

er, wenn auch nur im negativen Sinne, gerecht handle, beschäftigte ihn.

»Sollte man nicht auch in negativem Sinne gerecht sein können?« frug er

sich selbst.

»Wie stark doch auch das frische Heu duftet!« sprach Stefan

Arkadjewitsch, sich erhebend. »Ich kann um keinen Preis schlafen!

Wasjenka hat wohl schon etwas angestiftet da drüben. Hörst du das

Gelächter und seine Stimme? Wollen wir nicht hingehen? Komm!«

»Nein; ich gehe nicht mit!« antwortete Lewin.

»Wirklich nicht? Thust du dies auch nur aus Prinzip nicht?« sagte

lächelnd Stefan Arkadjewitsch, in der Finsternis nach seiner Mütze

suchend.

»Nicht aus Prinzip, aber wozu sollte ich mitkommen?«

»Weißt du, du machst dir selbst das Leben schwer,« sagte Stefan

Arkadjewitsch, der die Mütze gefunden hatte, aufstehend.

»Inwiefern?«

»Sah ich denn nicht, wie du dich mit deinem Weibe gestellt hast? Ich

habe gehört, wie es bei euch eine Frage der höchsten Wichtigkeit war,

ob du für zwei Tage auf die Jagd fahren solltest oder nicht! Alles

das ist ja ganz gut, wie ein Idyll, aber für das ganze Leben reicht es

nicht zu. Der Mann muß unabhängig sein; er hat seine Mannesinteressen!«

»Der Mann muß männlich sein,« sprach Oblonskiy, die Thür öffnend.

»Was heißt das? Etwa den Mägden die Cour schneiden?« frug Lewin.

»Weshalb sollte man nicht einmal hingehen, wenn es dort lustig zugeht?

=Ça ne tire pas à conséquence=. Meine Frau wird sich davon nicht

schlechter und ich werde mich wohl befinden. Die Hauptsache ist aber

die, daß man das Heiligtum des Hauses wahrt; damit im Hause nichts

vorfällt; doch die Hände braucht man sich deshalb noch nicht zu binden!«

»Mag sein,« versetzte Lewin trocken und wandte sich auf die Seite.

»Morgen müssen wir früh aufbrechen und ich werde niemand wecken,

sondern mit dem Zwielicht aufgehen.«

»=Messieurs, venez vite=!« wurde die Stimme Wjeslowskijs vernehmbar,

der zurückkam. »=Charmante=! Das habe ich entdeckt. =Charmante=,

ein vollständiges Gretchen, und ich bin schon mit ihr bekannt

geworden! Wahrhaftig reizend!« -- erzählte er mit so billigendem

Gesichtsausdruck, als sei sie eigens für ihn selbst so hübsch

geschaffen worden, und als sei er zufrieden mit demjenigen, der dies

für ihn arrangiert hatte.

Lewin stellte sich schlafend; Oblonskiy, die Pantoffeln anziehend und

eine Cigarre ansteckend, verließ den Schuppen, und bald waren beider

Stimmen verklungen.

Lewin konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er lauschte, wie seine

Pferde das Heu kauten, dann wie sein Wirt mit dem ältesten Sohne sich

fertig machte und zur Nachtwache abging; dann hörte er, wie der Soldat

sich mit einem Neffen, dem kleinen Sohne des Hausherrn, auf der andern

Seite des Schuppens schlafen legte, wie der Knabe mit seinem dünnen

Stimmchen dem Onkel seine Eindrücke über die Hunde mitteilte, die

ihm furchtbar und ungeheuer erschienen, ferner, wie der Knabe frug,

wen diese Hunde fangen wollten, und wie der Soldat mit heiserer und

schläfriger Stimme ihm sagte, daß die Jäger morgen in den Sumpf wollten

und aus ihren Flinten schießen würden, und wie er schließlich, um die

Fragen des Knaben los zu sein, sagte: »Schlaf, Waska, schlaf, oder«

-- Bald schnarchte er selbst, und alles war still geworden; nur das

Wiehern der Pferde und das Schnarren einer Schnepfe war hörbar.

»Sollte es wirklich nur negativ sein?« wiederholte er sich, »aber was;

-- ich bin doch nicht schuld daran.« -- Und er begann hierauf, sich

den nächsten Tag zu überlegen. »Morgen will ich früh aufbrechen und

werde mir vornehmen, nicht in Aufregung zu kommen. Bekassinen giebt es

eine Unmenge. Und werde ich hierher heimkehren, so wird ein Brief von

Kity da sein. Ja, Stefan, hast du denn recht? Ich bin nicht männlich

gegen sie, ich bin verweichlicht. Aber was thun -- es ist wieder etwas

Negatives.«

In sein Träumen hinein vernahm er das Lachen und das heitere Geschwätz

Wjeslowskijs und Stefan Arkadjewitschs. Für einen Augenblick öffnete er

die Augen; der Mond war aufgegangen und durch die geöffnete Thür, hell

von dem Mondlicht beleuchtet, sah er sie stehen und plaudern.

Stefan Arkadjewitsch hatte etwas über die Frische der Mädchen

gesagt und sie mit einer eben von der Schale befreiten frischen

Nuß verglichen, und Wjeslowskij mit seinem ansteckenden Gelächter,

wiederholte wahrscheinlich die ihm von dem Bauer gesagten Worte: »Mach

dich soviel als möglich an dein Mädchen heran!«

Lewin murmelte im Schlafe:

»Ihr Herren, morgen mit Tagesanbruch!« und entschlummerte.

12.

Als Lewin mit dem frühen Morgenrot erwacht war, versuchte er es, die

Gefährten zu wecken. Wasjenka, auf dem Bauche liegend und den einen Fuß

noch mit dem Strumpfe von sich streckend, schlief so fest, daß keine

Antwort von ihm zu erhalten war.

Oblonskiy weigerte sich im Schlafe, so früh aufzubrechen und selbst

Laska, verschlafen und im Kreis zusammengeringelt, am Rande des

Schuppens liegend, erhob sich nur ungern und streckte träge, eins nach

dem andern, die Hinterbeine von sich.

Nachdem Lewin sich angekleidet hatte, ergriff er das Gewehr, öffnete

sachte die kreischende Thür des Schuppens, und trat auf die Gasse

hinaus. Die Kutscher schliefen bei den Wagen, die Pferde träumten;

nur eines fraß faul seinen Hafer, ihn mit seinem Schnauben auf der

Holzkrippe auseinanderblasend.

Auf dem Hofe war alles noch grau.

»So früh schon auf, Herr?« wandte sich, freundlich, wie zu einem alten

guten Bekannten, die alte Hausmutter, welche aus dem Bauernhause kam,

an ihn.

»Ja, es soll zur Jagd gehen, Mütterchen! Komme ich dort nach dem

Sumpfe?«

»Gerade durch die Gärten, unsere Tennen, lieber Mann, und die

Hanffelder; dort geht der Weg.«

Behutsam mit den nackten, gebräunten Füßen auftretend, führte die Alte

Lewin und öffnete ihm den Verschlag bei der Tenne.

»Geradeaus so und du kommst in den Sumpf; unsere Kinder haben dort

Nachtweide gehabt.«

Laska lief lustig voraus auf dem Fußsteig; Lewin folgte ihm mit

schnellem, leichtem Schritt, fortwährend nach dem Himmel schauend. Er

wünschte, die Sonne möchte nicht früher aufgehen, als bis er zum Ried

gekommen wäre, doch die Sonne säumte nicht. Der Mond, welcher noch

schien, als er herausgetreten war, glänzte jetzt nur noch wie ein Stück

Quecksilber. Das Morgenrot, welches man vorher deutlich sehen mußte,

war jetzt zu suchen, und vorher unbestimmt gewesene Flecken im fernen

Felde waren jetzt klar sichtbar; es waren Kornfeime. Der ohne das

Sonnenlicht noch nicht sichtbar gewesene Thau in dem duftenden, hohen

Hanf durchnäßte die Füße und die Bluse Lewins bis über den Gürtel. In

der klaren Ruhe des Morgens waren die leisesten Geräusche vernehmlich.

Eine Biene flog mit dem Sausen der Kugel an Lewins Ohr vorüber. Er

schaute auf und sah eine zweite, eine dritte. Sie alle kamen hinter

dem Zaune des Bienengartens hervorgeflogen und verschwanden über dem

Hanf in der Richtung nach dem Ried. Der Fußsteig führte gerade aus in

den Sumpf, und diesen selbst konnte man schon an den Dünsten erkennen,

welche sich aus ihm erhoben, hier dichter, dort weniger dicht, so daß

die Wiese und Gebüsche wie kleine Inseln in dem Nebel flimmerten.

Am Rande der Niederung und des Weges lagen Knaben und Bauern, welche

die Nacht beim Vieh gewacht hatten und im Morgenrot alle unter ihren

Kaftanen schliefen. Unweit von ihnen gingen drei gefesselte Pferde;

eines derselben klirrte in seinen Ketten. Laska ging neben seinem

Herrn, nach vorwärts strebend und sich umblickend.

Nachdem Lewin bei den schlafenden Bauern vorübergegangen und an die

erste Wasserstelle gelangt war, besichtigte er die Pistons und ließ den

Hund los. Eines der Pferde, ein gutgefütterter, brauner Dreijähriger,

erschrak, als er den Hund erblickte, hob den Schweif und schnob. Die

übrigen Pferde gerieten gleichfalls in Schrecken, und eilten mit den

gefesselten Beinen im Wasser plätschernd, und mit den aus dem dichten

Lehm gezogenen Hufen einen Lärm verursachend, welcher dem Klopfen

ähnlich war, aus dem Sumpfe.

Laska war stehen geblieben, schaute spöttisch auf die Pferde und

fragend auf Lewin. Dieser streichelte den Hund, und pfiff, zum Zeichen,

daß er nun beginnen könne.

Munter und vorsichtig eilte Laska über das unter ihm schwankende Moor.

Als er in den Sumpf geeilt war, witterte er unter den ihm vertrauten

Gerüchen und Sumpfgräsern, des Schlammes und des hier nicht

hergehörigen Duftes von Pferdemist, der in diesem ganzen Revier

verbreitet war, den Geruch eines Vogels, des Vogels, der ihn mehr als

alle anderen Witterungen in Aufregung versetzte.

An manchen Stellen im Moos und bei Sumpfpflanzen war dieser Geruch sehr

stark, aber es ließ sich nicht entscheiden, nach welcher Seite hin er

zunahm oder schwächer wurde.

Um die Richtung zu finden, war es nötig, weiter unter den Wind zu

gehen. Ohne die Bewegung seiner Füße zu fühlen, eilte Laska in scharfem

Galopp, doch derart, daß er bei jedem Sprung Halt machen konnte, wenn

es nötig werden sollte, nach rechts, hinweg von dem von Osten her

wehenden leichten Morgenwind, und wandte sich dann gegen denselben.

Mit offener Nase die Luft in sich einziehend, witterte er sogleich,

daß nicht nur die Spuren von ihnen, sondern sie selbst da waren, in

seiner Nähe, und nicht vereinzelt, sondern viele. Laska verminderte die

Schnelligkeit seines Laufes. Sie waren da, aber wo, vermochte er noch

nicht zu bestimmen.

Um den Ort nun zu finden, begann er bereits einen Kreislauf, als ihn

die Stimme seines Herrn davon abzog. »Laska, dort,« sagte er, ihn auf

die andere Seite weisend. Der Hund stand, und frug ihn, ob es nicht

besser wäre, zu thun, wie er begonnen hätte. Doch der Herr wiederholte

mit strenger Stimme seinen Befehl, auf einen mit Wasser überdeckten

Fleck zeigend, wo nichts sein konnte.

Er gehorchte ihm, sich stellend als suche er, um ihm Vergnügen zu

machen, durchstreifte den Fleck und kehrte dann zu seinem alten Platz

zurück, und sofort witterte er die Vögel wieder. Jetzt, da sein Herr

ihn nicht mehr störte, erkannte er, was zu thun sei, und begann, ohne

auf seine Füße acht zu haben und ärgerlich über die hohen Erdhügel

strauchelnd, oder ins Wasser fallend, aber mit flinken starken Füßen

seinen Kreislauf, welcher ihm alles klarmachen mußte.

Der Geruch der Vögel wurde stärker und stärker, er drang immer

bestimmter und bestimmter auf ihn ein, und plötzlich war es ihm

vollkommen klar, daß einer derselben dort, hinter jenem Erdhügel sei,

fünf Schritte vor ihm; und er blieb stehen, blieb unbeweglich mit dem

ganzen Körper.

Auf seinen niederen Beinen konnte er vor sich nichts sehen, an der

Witterung aber erkannte er, daß der Vogel nicht weiter als fünf Schritt

entfernt von ihm saß. Er stand, mehr und mehr des Wildes Nähe fühlend

und sich in der Erwartung freuend. Die steife Rute war hochgestreckt

und bebte nur ganz am Ende. Sein Maul war leicht geöffnet, die Ohren

waren gespitzt. Das eine Ohr hatte sich noch während des Laufs

zurückgelegt, und er atmete schwer, aber vorsichtig, und schaute sich

noch vorsichtiger nach seinem Herrn um, mehr mit den Augen, als mit

dem Kopfe. -- Dieser, mit seinem gewohnten Gesicht, aber den ihm stets

furchtbaren Augen, kam, über die Erdhaufen strauchelnd, ungewöhnlich

gemächlich, wie ihm schien, und doch lief er.

Als Lewin das seltsame Suchen Laskas bemerkt hatte, wie sich dieser

ganz zur Erde drückte, mit großen Schritten der Hinterfüße gleichsam

rudernd, das Maul leicht geöffnet, erkannte er, daß Laska einer

Schnepfe nachspüre und eilte, im Geiste Gott bittend, daß er ihm

Erfolg, besonders für den ersten Vogel verleihe, zu dem Hunde.

Als er nahe an diesen herangekommen war, hielt er in seiner Größe vor

sich Umschau und erblickte mit den Augen, was sein Hund mit der Nase

erkannt hatte. In einem Schlupfwinkel zwischen zwei Erdhügeln, in der

Entfernung von einem Faden, war eine Bekassine sichtbar. Den Kopf

gewendet, lauschte sie; dann plötzlich die Flügel leise reckend und sie

wieder zusammenlegend, schüttelte sie das Hinterteil und verbarg sich

hinter einer Ecke.

»Stell, stell!« rief Lewin, Laska in den Rücken stoßend.

»Ich kann ja nicht,« dachte Laska, »wohin soll ich gehen? Von dorther

wittere ich die Vögel, aber wenn ich mich vorwärts bewege, werde ich

nicht erfahren, wo sie sind.« Doch er stieß den Hund mit dem Knie und

sprach in aufgeregtem Flüsterton, »stell, mein Laska, stell!«

»Nun, wenn er es denn will, werde ich es thun, doch ich bin jetzt für

nichts mehr verantwortlich,« dachte Laska, und drang in vollem Laufe

vorwärts zwischen den Erdhügeln. Er hatte bis jetzt noch nichts gemerkt

und nur geschaut und gelauscht, ohne etwas zu erfassen.

Zehn Schritte von seinem vorigen Platze erhob sich mit breitem

Schnarchen und dem den Schnepfen eigenen vollen Ton des Flügelschlags

eine Schnepfe, stürzte aber sofort auf den Schuß schwer platschend mit

der weißen Brust auf den nassen Moor herab. Eine zweite ließ nicht auf

sich warten und stieg hinter Lewin ohne Hund auf.

Als Lewin sich nach ihr umwandte, war sie schon weit entfernt, aber

sein Schuß erreichte sie. Nachdem sie zwanzig Schritt geflogen war,

stürzte sie, sich steil im Kreise erhebend und überschlagend, wie ein

geworfener Ball schwer auf einen trockenen Platz herab.

»So hat das Ding Sinn!« dachte Lewin, die noch warmen, fetten Vögel in

seiner Jagdtasche bergend, »nicht so, Laskchen, das wird etwas werden?«

Als Lewin, nachdem er das Gewehr wieder geladen hatte, sich weiter

bewegte, war die Sonne, obwohl hinter den Wolken noch nicht sichtbar,

bereits aufgegangen. Der Mond, seines Schimmers ganz verlustig

gegangen, stand bleich wie eine Wolke am Himmel, und von den Sternen

war kein einziger mehr sichtbar. Der Morast sah wie Bernstein aus;

die Bläue der Gräser ging über in gelbes Grün. Die kleinen Sumpfvögel

tummelten sich auf den von Thau schimmernden, lange Schatten am Bache

werfenden Büschen. Ein Habicht war erwacht und saß auf einem Schober,

den Kopf von einer Seite auf die andere wendend und grießgrämig auf den

Sumpf blickend. Dohlen flogen auf das Feld, und ein barfüßiger Junge

trieb schon die Pferde zu dem sich unter seinem Kaftan aufrichtenden,

und sich kratzenden Alten. Der Rauch der Schüsse lag weiß wie Milch auf

dem Grün des Grases.

Einer der Knaben kam zu Lewin gelaufen.

»Herr, gestern waren da Enten!« rief er ihm zu und folgte ihm aus der

Ferne.

Lewin gewährte es doppeltes Vergnügen, vor den Augen des Knaben,

welcher seine Freude darüber ausdrückte, noch Schlag auf Schlag drei

Bekassinen erlegen zu können.

13.

Die alte Jägererfahrung, daß wenn das erste Wild, der erste Vogel,

nicht gefehlt worden ist, das Revier günstig bleibt, erwies sich als

richtig.

Müde und hungrig, aber beglückt, kehrte Lewin um zehn Uhr morgens,

dreißig Werst hinter sich, mit neunzehn Stück schönen Wildprets und

einer Ente, die er an den Gürtel gebunden hatte, da sie schon nicht

mehr in die Jagdtasche ging, in sein Quartier zurück. Seine Gefährten

hatten schon längst ausgeschlafen, hatten Hunger empfunden und

gefrühstückt.

»Halt, halt, ich weiß doch, daß es neunzehn sind,« sagte Lewin, zum

zweitenmal die Schnepfen durchzählend, welche jetzt nicht mehr den

charakteristischen Anblick zeigten, den sie boten, wie sie aufflogen;

zusammengekrümmt und eingeschrumpft, mit dem geronnenen Blute und

seitwärts herniederhängenden Köpfchen.

Die Rechnung stimmte und der Neid Stefan Arkadjewitschs kitzelte Lewin.

Noch angenehmer aber war ihm, daß er, als er in das Quartier zurückkam,

schon einen Boten mit einem Brief von Kity antraf.

»Ich bin gesund und munter. Wenn du Besorgnis um mich hegst, so

kannst du wohl noch ruhiger sein, als zuvor. Ich habe jetzt einen

neuen Leibhüter, Marja Wlasjewna,« dies war die Wehfrau, eine neue und

wichtige Persönlichkeit im Familienleben Lewins. »Sie ist gekommen, um

sich nach mir zu erkundigen, und hat mich vollständig gesund befunden;

wir haben sie bis zu deiner Rückkunft dabehalten. Alles ist gesund und

munter, aber, bitte, übereile dich nicht, und bleibe, wenn die Jagd gut

ist, noch einen Tag.«

Diese beiden freudigen Ereignisse, die glückliche Jagd und der

Brief seiner Gattin, waren so schwerwiegend, daß zwei kleine

Unannehmlichkeiten nach der Jagd von Lewin leicht verwunden wurden. Die

eine bestand darin, daß das braune Handpferd, welches gestern offenbar

zu viel geleistet hatte, nicht fraß und den Kopf hängen ließ. Der

Kutscher sagte, es sei kreuzlahm.

»Ihr habt es gestern übertrieben, Konstantin Dmitritsch,« sagte er;

»zehn Werst sind wir gar nicht auf dem Weg gefahren.«

Die andere Unannehmlichkeit, die im ersten Augenblick seine gute Laune

verdarb, über die er indessen später viel lachte, bestand darin, daß

von dem ganzen Vorrat an Lebensmitteln, der von Kity in solcher Fülle

mitgegeben worden war, daß es schien, als könne er in einer Woche nicht

aufgezehrt werden, nichts mehr übrig war.

Müde und hungrig von der Jagd heimkehrend, hatte Lewin so lebhaft von

den Pasteten geträumt, daß er, dem Quartier näher kommend, schon den

Duft und den Geschmack derselben im Munde witterte, wie Laska das Wild,

und sogleich Philipp befahl, sie ihm zu bringen. Da aber stellte sich

heraus, daß nicht nur keine Pasteten, sondern auch keine jungen Hühner

mehr da waren.

»Es gab schon Appetit,« sagte Stefan Arkadjewitsch lachend, auf

Wasjenka Wjeslowskij weisend; »ich leide doch nicht gerade Mangel an

Appetit, aber dies war bewundernswert« --

»Nun, aber was jetzt thun!« sagte Lewin, mürrisch auf Wjeslowskij

blickend; »Philipp, so gieb mir Rindfleisch!«

»Das Rindfleisch haben wir gegessen und die Knochen den Hunden

gegeben,« antwortete Philipp.

Lewin ärgerte sich hierüber so, daß er voll Verdruß sagte: »Hätten sie

mir auch nur wenigstens etwas übrig gelassen!« und das Weinen stand ihm

nahe.

»So weide denn ein Stück Wildbret aus,« sagte er mit bebender Stimme zu

Philipp, es vermeidend, Wasjenka anzublicken, »und lege Nesseln dazu.

Laß dir wenigstens etwas Milch für mich geben.«

Bald darauf indessen, nachdem er die Milch getrunken hatte, that es

ihm leid, daß er seinen Verdruß einem fremden Menschen gegenüber

ausgesprochen hatte, und er begann über seinen hungrigen Zorn zu lachen.

Am Abend machten sie noch einen Streifzug, in welchem auch Wasjenka

mehrere Stück erlegte und kehrten nachts heim.

Die Heimfahrt war ebenso vergnügt, wie die Herfahrt. Wjeslowskij sang

bald, bald gedachte er mit Wonne seiner Erlebnisse bei den Bauern, die

ihn mit Branntwein bewirtet und ihm gesagt hatten, er solle sich nicht

besinnen; bald seiner nächtlichen Abenteuer mit den Nüssen und der

Magd und dem Bauer, der ihn gefragt hatte, ob er verheiratet sei, und

nachdem er erfahren, es wäre nicht der Fall, ihm gesagt hatte, er solle

sich nicht um die Frauen anderer kümmern, sondern möglichst bald selber

heiraten. Diese Worte hatten Wjeslowskij ganz besonders heiter gestimmt.

»Im allgemeinen bin ich außerordentlich zufrieden mit unserer Fahrt.

Und Ihr, Lewin?«

»Ich bin auch sehr zufrieden,« antwortete dieser, dem es recht froh

zu Mut war, aufrichtig. Er empfand nicht nur keine Feindseligkeit

mehr, wie er sie in dem Hause gegen Wasjenka Wjeslowskij gehegt hatte,

sondern, im Gegenteil, die freundschaftlichste Gesinnung für denselben.

14.

Am andern Tag um zehn Uhr klopfte Lewin, der schon die Ökonomie

inspiziert hatte, an das Zimmer, in welchem Wasjenka übernachtete.

»=Entrez=!« rief ihm dieser entgegen. »Ihr entschuldigt mich wohl, ich

bin soeben erst mit meinen =ablutions= fertig,« sagte er lächelnd, im

bloßen Hemde vor ihm stehend.

»Laßt Euch nicht stören, bitte,« sagte Lewin und setzte sich ans

Fenster. »Habt Ihr gut geschlafen?«

»Wie ein Toter. Was für ein Tag doch heute zur Jagd wäre!«

»Trinkt Ihr Thee oder Kaffee?«

»Weder dies, noch das: ich frühstücke. Mir liegt übrigens etwas auf

dem Herzen. Haben sich die Damen bereits erhoben? Jetzt läßt sichs

vortrefflich einen Rundgang machen. Zeigt mir doch einmal Eure Pferde!«

Nachdem Lewin mit durch den Garten gegangen und im Pferdestall eine

Weile gewesen, selbst einige gymnastische Übungen mit ihm am Barren

gemacht hatte, wandte er sich mit seinem Gaste dem Hause wieder zu und

trat mit ihm in den Salon.

»Wir haben vortrefflich gejagt, und wieviele Eindrücke empfangen,«

sagte Wjeslowskij, zu Kity gehend, welche hinter dem Ssamowar saß. »Wie

schade, daß die Damen dieser Vergnügungen beraubt sind.«

»Nun, er muß doch mit der Frau des Hauses sprechen,« dachte Lewin

bei sich; es zeigte sich ihm wiederum Etwas in dem Lächeln in jenem

triumphierenden Ausdruck, mit dem sich der Besucher an Kity wandte.

Die Fürstin, jenseits des Tisches mit Marja Wlasjewna und Stefan

Arkadjewitsch sitzend, rief Lewin zu sich und begann mit ihm ein

Gespräch über die Umsiedelung nach Moskau wegen der Niederkunft Kitys

und der Anstalt zur Bestimmung eines Quartiers.

Wie für Lewin schon alle Vorbereitungen bei der Hochzeit unangenehm

gewesen waren, die mit ihrer Niedrigkeit die Erhabenheit dessen,

was sich vollzog, beeinträchtigten, so erschienen ihm die Anstalten

für die bevorstehende Niederkunft, deren Zeit gleichsam an den

Fingern abgezählt wurde, noch verletzender. Er suchte geflissentlich

während dieser ganzen Zeit, die Gespräche über die Art der Windelung

des zu erwartenden Kindes zu überhören; er bemühte sich, gewisse

geheimnisvolle endlose gestrickte Streifen, gewisse dreieckige

Stückchen Leinwand, denen namentlich Dolly eine besondere Wichtigkeit

beimaß, und andere Dinge von sich zu weisen und nicht zu sehen.

Das Ereignis der Geburt eines Sohnes -- er war überzeugt, es werde

ein Sohn sein -- das man ihm in Aussicht gestellt hatte, an welches er

aber gleichwohl nicht zu glauben vermochte, so ungewöhnlich dünkte es

ihm -- erschien ihm einerseits als ein so ungeheuerliches und daher

unmögliches Glück, anderseits als ein so geheimnisvoller Vorgang

-- daß diese vermeintliche Kenntnis dessen, was kommen würde, und

demnach die Vorbereitung dazu als zu etwas Gewöhnlichem, von Menschen

herbeigeführtem, ihm ärgerlich und herabwürdigend vorkam.

Aber die Fürstin verstand seine Empfindungen nicht; sie erklärte

seine Unlust, darüber zu denken, zu sprechen, als Leichtsinn und

Gleichgültigkeit; und ließ ihn infolge dessen nicht in Ruhe. Sie

übertrug es Stefan Arkadjewitsch, eine Wohnung zu besichtigen, und rief

nun Lewin zu sich.

»Ich weiß nichts, Fürstin. Thut, was Ihr wollt,« sagte dieser.

»Es muß aber ein Entschluß gefaßt werden, wann Ihr übersiedelt.«

»Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, daß Kinder zu Millionen auch

ohne Moskau geboren werden, und ohne Ärzte -- wozu das« --

»Aber wenn es so steht« --

»Nun; wie Kity will« --

»Mit Kity läßt sich hierüber nicht reden. Wie; willst du, daß ich sie

erschrecken soll? In diesem Frühling ist die Nataly Galizina gestorben

durch die Schuld eines Geburtsfehlers.«

»Wie Ihr sagt, werde ich thun,« sagte er finster.

Die Fürstin begann nun mit ihm weiter zu sprechen, aber er hörte sie

gar nicht. Obwohl ihn das Gespräch mit der Fürstin verstimmte, wurde er

nicht infolge desselben mißlaunig, sondern durch das, was er bei dem

Ssamowar sah.

»Nein; es ist unmöglich,« dachte er, bisweilen nach Wasjenka blickend,

der zu Kity herniedergebeugt, dieser mit seinem hübschen Lächeln

etwas erzählte, und sie anblickte, die errötete und erregt war. Es

lag etwas Indecentes in der Stellung Wasjenkas, in seinem Blick, und

seinem Lächeln. Lewin sah sogar etwas Indecentes auch in der Haltung

und im Blick Kitys. Und wiederum verfinsterte sich die Welt vor

seinen Augen. Wiederum, wie gestern, plötzlich, ohne den geringsten

Übergang, fühlte er sich von der Höhe seines Glückes, seiner Ruhe und

Würde herabgeschleudert, in einen Abgrund der Verzweiflung, Wut und

Erniedrigung. Wiederum wurde ihm jedermann und alles widerlich.

»Macht was Ihr wollt, Fürstin,« sagte er nochmals, sich umblickend.

»Es ist gar schwer, alles allein thun zu sollen,« sagte Stefan

Arkadjewitsch scherzweise zu ihm, offenbar nicht nur auf das Gespräch

mit der Fürstin deutend, sondern auch auf die Ursache der Aufregung

Lewins, welche er bemerkt hatte. »Wie kommst du heute so spät, Dolly!«

Alles erhob sich, um Darja Alexandrowna zu begrüßen. Wasjenka stand nur

für eine Minute auf, und verbeugte sich kaum, mit dem den neumodischen

jungen Herrn eigenem Mangel an Höflichkeit gegen die Damen, worauf er

seine Unterhaltung wieder fortsetzte, über irgend etwas in Gelächter

ausbrechend.

»Mich hat Mascha gepeinigt. Sie schlief schlecht und ist heute

entsetzlich launisch gewesen,« sagte Dolly.

Das Gespräch, welches Wasjenka und Kity pflogen, drehte sich wiederum

um das gestrige Thema, um Anna und die Frage, ob die Liebe höher stehen

könne als die Gesetze der Welt.

Kity war das Gespräch unangenehm geworden; es regte sie schon durch

seinen Inhalt auf, sowie durch den Ton, in welchem es geführt wurde,

namentlich aber dadurch, daß sie schon inne geworden war, wie es auf

ihren Mann wirke. Sie war indessen zu naiv und zu unschuldig, um es zu

verstehen, das Gespräch abzubrechen, etwa schon um deswillen, jenes

äußere Behagen, welches ihr die sichtliche Aufmerksamkeit dieses jungen

Mannes verursachte, zu verbergen.

Sie wollte das Gespräch abbrechen, wußte aber nicht, was sie da zu thun

habe. Was sie auch alles thun mochte, sie wußte, es wurde von ihrem

Gatten bemerkt, und alles werde auch nach der üblen Seite ausgelegt

werden.

Und in der That, als sie Dolly frug, was mit Mascha sei, und Wasjenka

wartete, bis dieses für ihn langweilige Gespräch vorüber sein werde,

und er sich einstweilen damit beschäftigte, Dolly gleichgültig

anzuschauen, so erschien Lewin diese Frage unnatürlich und anwidernd in

ihrer Verschmitztheit.

»Nun; werden wir denn heute in die Pilze gehen?« frug Dolly.

»Laß uns gehen, bitte; auch ich komme mit!« sagte Kity und errötete.

Sie wollte Wasjenka aus Höflichkeit fragen, ob er mitkäme, frug aber

nicht. »Wohin willst du, Konstantin?« frug sie mit schuldbewußtem

Ausdruck ihren Gatten, als dieser mit entschlossenem Schritt an ihr

vorüberging. Dieser schuldbewußte Ausdruck bestätigte alle seine

Zweifel.

»In meiner Abwesenheit ist ein Maschinist angekommen, ich habe ihn

noch nicht gesehen,« sagte er, ohne sie anzublicken. Er ging hinab,

hatte aber das Kabinett noch nicht verlassen, als er die wohlbekannten

Schritte seiner Frau vernahm, die ihm unvorsichtig schnell nachkam.

»Was willst du?« sagte er lakonisch zu ihr. »Ich bin beschäftigt.«

»Entschuldigt,« wandte sie sich an den deutschen Maschinisten, »ich

habe einige Worte mit meinem Manne zu sprechen.«

Der Deutsche wollte gehen, doch Lewin sagte zu ihm:

»Laßt Euch nicht stören.«

»Den Dreiuhrzug?« frug der Deutsche, »sollte man sich nicht verspätigen

können?«

Lewin antwortete ihm nicht, sondern ging mit seiner Frau hinaus.

»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?« sprach er auf französisch.

Er blickte nicht in ihr Gesicht, wollte nicht sehen, daß sie, in

ihrem Gesundheitszustand im ganzen Gesicht bebte und einen kläglichen

beschämten Ausdruck zeigte.

»Ich -- ich will sagen, daß man so nicht leben kann, daß das eine

Marter ist,« fuhr sie fort.

»Es sind Leute dort im Büffett,« sprach er zornig, »macht keine Scene!«

»Nun; gehen wir hierher!«

Sie standen in einem Zwischenzimmer. Kity wollte in das Nebenzimmer

treten, doch dort unterrichtete die Engländerin Tanja.

»So wollen wir in den Garten gehen.«

Im Garten stießen sie auf einen Mann, welcher den Weg säuberte. Aber

ohne daran zu denken, daß der Mann ihr verweintes Gesicht sehe und

Lewins erregte Züge, ohne daran zu denken, daß sie den Anblick von

Menschen boten, welche vor einem Unglück fliehen, gingen sie mit

schnellen Schritten vorwärts im Gefühl, daß sie sich aussprechen und

gegenseitig überzeugen müßten; von einer und derselben Qual eingenommen

oder befreit werden müßten, die sie beide empfanden.

»So läßt sich nicht leben! Das ist eine Qual! Ich leide, du leidest!

Und weshalb?« sagte sie, als beide endlich zu einer abgelegenen Bank in

der Ecke einer Lindenallee gekommen waren.

»Sage mir nur das Eine: War in seinem Tone etwas Unehrerbietiges,

Unlauteres, Erniedrigendes?« sprach er, vor sie wieder in der nämlichen

Stellung tretend, die Fäuste auf der Brust, wie er in jener Nacht vor

ihr gestanden.

»Es lag etwas darin,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Aber, mein

Konstantin, siehst du denn nicht, daß ich gar nicht schuldig bin? Seit

dem Morgen schon wollte ich einen Ton annehmen -- aber diese Menschen

-- warum ist er nur gekommen? Wie glücklich waren wir!« sprach sie,

tiefatmend vor Schluchzen, welches ihren sich allmählich füllenden

Körper hob.

Der Gärtner sah mit Verwunderung -- trotzdem, daß sie nichts verfolgte

und sie nichts zu fliehen hatten, daß auch auf der Bank nichts

besonderes Erfreuliches zu finden sein konnte -- daß sie an ihm vorüber

nach dem Hause zurückkehrten, mit beruhigten, freudeschimmernden

Gesichtern.

15.

Nachdem Lewin sein Weib hinausbegleitet hatte, begab er sich in die

Gemächer Dollys. Darja Aleksandrowna ihrerseits war den ganzen Tag in

großer Erbitterung gewesen. Sie ging im Zimmer auf und ab und sprach

zornig zu ihrem in der Ecke stehenden weinenden kleinen Töchterchen.

»Den ganzen Tag wirst du in der Ecke stehen und allein zu Mittag essen;

du sollst nicht eine einzige Puppe mehr zu sehen bekommen und auch kein

neues Kleid laß ich dir machen,« sprach sie, gar nicht mehr wissend,

womit sie sie noch weiter strafen sollte. »Nein, ist das ein häßliches

Kind!« wandte sie sich zu Lewin. »Woher kommen bei ihr diese schlimmen

Neigungen?«

»Was hat sie denn begangen?« sagte ziemlich gleichgültig Lewin, der

sich über seine eigene Angelegenheit Rats zu erholen gewünscht hatte,

und dem es daher verdrießlich war, daß er zur unrechten Zeit kam.

»Sie sind mit Grischa nach den Himbeeren gegangen und dort -- ich

kann dir gar nicht sagen, was sie gethan hat! Tausendmal bedauere ich

Miß Elliot. Die jetzige Gouvernante übt um keinen Preis Aufsicht.

Sie ist eine Maschine. =Figurez vous, que la petite=« -- und Darja

Aleksandrowna erzählte das Vergehen Maschas.

»Dies beweist noch gar nichts; dies sind durchaus keine häßlichen

Neigungen, es ist einfach Mitleid,« beruhigte sie Lewin.

»Aber du bist wie mißgestimmt? Weshalb kamst du?« frug Dolly, »wie geht

es drüben?«

An dem Tone dieser Frage hörte Lewin, daß es ihm leicht sein würde, zu

sagen, was er zu sagen beabsichtigte.

»Ich war nicht drüben, ich war mit Kity allein im Garten. Wir haben uns

ein zweites Mal gezankt, seit -- Stefan gekommen ist.« --

Dolly blickte ihn mit klugen, verständnisvollen Augen an.

»Nun, sag' mir, Hand aufs Herz, wäre etwa nicht -- nicht bei Kity,

sondern bei jenem Herrn ein Ton, welcher unangenehm werden kann, nicht

nur unangenehm, sondern furchtbar, verletzend für einen Gatten?«

»Das heißt -- wie soll ich sagen -- du bleibst stehen, in der Ecke!«

-- wandte sie sich zu Mascha, welche, ein kaum bemerkbares Lächeln auf

dem Gesicht der Mutter gewahrend, sich umgedreht hatte; »die Meinung

der Welt wäre die, daß er sich benimmt, wie sich alle jungen Männer

benehmen. =Il fait la cour à une jeune et jolie femme=, ein Mann von

Welt aber darf nur geschmeichelt sein hiervon.«

»Ja, ja,« versetzte Lewin düster, »aber hast du es bemerkt?«

»Nicht nur ich, auch Stefan hat es bemerkt. Er hat mir nach dem Thee

offen gesagt, =je crois, que Weslowskij fait un petit brin de cour à

Kity=.«

»Schön; jetzt bin ich beruhigt. Ich werde ihn davonjagen,« sagte Lewin.

»Was willst du, hast du den Verstand verloren?« rief Dolly mit

Schrecken. »Was thust du, Konstantin, komme zur Besinnung!« sagte sie

dann lachend -- »jetzt kannst du zu Fanny gehen« -- wandte sie sich zu

Mascha. -- »Nein; wenn du schon willst, so werde ich es Stefan sagen;

er mag ihn mit fortnehmen. Man kann ja sagen, du erwartetest Gäste.

Überhaupt gehört er ja nicht zu unserem Hause.«

»Nein; das sage ich auch.«

»Aber du wirst Händel suchen?«

»Keineswegs. Mir wird es so ganz lieb sein,« sagte Lewin, in der That

mit heiter glänzenden Augen. »Nun aber vergieb ihr, Dolly; sie wird

es nicht wieder thun,« sagte er zu der kleinen Sünderin, die nicht

zu Fanny ging und unentschlossen vor der Mutter stand von unten her

schielend und wartend, und ihren Blick suchend.

Die Mutter schaute sie an. Das Kind begann zu schluchzen und vergrub

das Gesicht zwischen die Kniee der Mutter, Dolly aber legte ihre

hagere, zarte Hand auf des Kindes Haupt.

»Was ist denn Gemeinsames zwischen uns und ihm?« dachte Lewin, und

ging, um Wjeslowskij aufzusuchen.

Als er durch das Vorzimmer ging, befahl er anzuspannen, um auf die

Station fahren zu können.

»Es ist gestern die Feder gebrochen,« antwortete der Diener.

»Dann nehmt den Tarantaß, aber schnell! Wo ist der Besuch?«

Sie gingen nach seinem Zimmer.

Lewin traf Wasjenka gerade, als dieser, der seine Sachen aus dem Koffer

ausgepackt und neue Romanzen aufgeschlagen hatte, Gamaschen zum Reiten

anprobierte.

Lag nun im Gesicht Lewins etwas Besonderes, oder empfand Wasjenka

selbst, daß =ce petit brin de cour=, den er angestiftet, in dieser

Familie unstatthaft wäre; genug, er wurde ein wenig -- soviel dies eben

ein Weltmann werden kann -- verlegen beim Eintritt Lewins.

»Ihr wollt in Gamaschen reiten?«

»Ja; das ist bei weitem sauberer,« sagte Wasjenka, den feisten Fuß auf

einen Stuhl stellend, und die unterste Schnalle zumachend, wobei er

heiter lächelte.

Er war unzweifelhaft ein ganz guter Mensch und that Lewin leid. Dieser

kämpfte mit sich selbst, als Herr des Hauses, als er die Schüchternheit

im Blick Wasjenkas wahrnahm.

Am dem Tische lag ein Stück eines Stockes, den sie am Morgen beim

Turnen zusammen zerbrochen hatten, indem sie probierten, den Barren

zu heben. Lewin nahm den Trümmer in die Hand und begann, da er nicht

wußte, wie er anfangen sollte, das zersplitterte Ende rund herum

abzubrechen.

»Ich wollte --« er verstummte, sagte aber dann plötzlich, Kitys

gedenkend und alles dessen, was geschehen war, und ihm entschlossen in

die Augen blickend, »ich habe befohlen, für Euch anspannen zu lassen.«

»Was heißt das?« begann Wasjenka voll Verwunderung, »wohin soll es

gehen?«

»Ihr sollt zur Bahn fahren,« sagte Lewin finster, die Spitze des

Stockes abzupfend.

»Verreist Ihr, oder ist etwas vorgefallen?«

»Es ist das vorgefallen, daß ich Besuch erwarte,« sprach Lewin,

schneller und schneller mit den starken Fingern die Zacken des

zersplitterten Stockes abbrechend. »Oder vielmehr ich erwarte nicht

Besuch, und es ist nichts vorgefallen, aber ich ersuche Euch,

abzureisen. Ihr mögt Euch meine Unhöflichkeit erklären, wie Ihr wollt.«

Wasjenka richtete sich auf.

»Ich bitte Euch, mir zu erklären,« sprach er mit Würde, endlich

begreifend.

»Ich kann Euch nicht erklären,« fuhr Lewin, gedämpften Tones

und langsam sprechend fort, sich bemühend, das Beben seiner

Kinnbackenmuskeln zu verbergen, »und es ist auch besser für Euch, nicht

zu fragen.«

Da sämtliche zersplitterte Enden bereits abgebrochen waren, machte sich

Lewin mit den Fingern an die dicken Enden, riß den Stock auseinander

und hob das hingefallene Stück sorgsam auf.

Anna Karenina, 2. Band · 第 7 / 13 题