Gräfin Lydia Iwanowna.«

Dieses Schreiben verfolgte jenen geheimen Zweck, den die Gräfin Lydia

Iwanowna sogar vor sich selbst verhehlte. Es traf Anna bis auf den

Grund der Seele.

Aleksey Aleksandrowitsch seinerseits von Lydia Iwanowna nach Hause

zurückgekehrt, vermochte es nicht, sich an diesem Tage seinen

gewöhnlichen Geschäften zu widmen, und jenen inneren Frieden des

gläubigen und geretteten Menschen zu finden, den er vorher empfunden

hatte.

Die Erinnerung an sein Weib, das so schuldbeladen vor ihm war, und vor

welchem er so hehr erschien, wie ihm ganz richtig die Gräfin Lydia

Iwanowna gesagt hatte, hätte ihn nicht beunruhigen dürfen; und doch war

er nicht ruhig; er vermochte das Buch nicht zu verstehen, welches er

las, er vermochte die quälenden Erinnerungen an seine Beziehungen zu

ihr nicht von sich zu weisen, die Erinnerung an jene Fehler, die er,

wie ihm jetzt schien, ihr gegenüber begangen hatte.

Die Erinnerung daran, wie er, bei der Rückkehr von den Rennen, das

Geständnis ihrer Untreue entgegengenommen hatte -- besonders dies,

daß er von ihr nur äußeren Anstand verlangt und nicht zum Duell

herausgefordert hatte -- peinigte ihn jetzt wie eine Reue. Ebenso

folterte ihn auch die Erinnerung an das Schreiben, welches er ihr

gesandt hatte, und insbesondere seine Verzeihung, die niemand etwas

genützt hatte, und seine Sorge um jenes ihm fremde Kind versengte sein

Herz vor Scham und Reue.

Ganz das nämliche Gefühl der Scham und Reue empfand er auch jetzt,

da er seine ganze Vergangenheit mit ihr durchmusterte, und indem er

sich der ungeschickten Worte erinnerte, mit denen er ihr nach langem

Zaudern, seine Erklärung gemacht hatte.

»Aber woran trage ich eine Schuld?« sprach er zu sich selbst, und diese

Frage rief in ihm stets eine andere hervor -- die, ob die anderen

Menschen wohl anders empfänden, anders liebten, anders heirateten.

Jene Wronskiy, Oblonskiy, diese Kammerherren mit den drallen Waden,

und eine ganze Reihe von jenen strotzenden, starken, rücksichtslosen

Männern stieg vor ihm auf, die stets, wider seinen Willen und

allerorten seine Neugier und Aufmerksamkeit erregt hatten.

Er wies diese Gedanken von sich, er bemühte sich, sich zu überzeugen,

daß er nicht für das gegenwärtige Leben lebe, sondern für das ewige,

daß sich in seiner Seele der Frieden und die Liebe befinde. Aber das,

was er in diesem zeitlichen, nichtigen Leben begangen hatte, wie ihm

schien, einige unbedeutende Fehler, peinigte ihn doch so, als gäbe es

jenes ewige Seelenheil gar nicht, an welches er glaubte.

Aber diese Versuchung währte nicht lange, und alsbald erstand wieder

in der Seele Aleksey Aleksandrowitschs jene Ruhe und Erhabenheit, dank

welcher er das zu vergessen vermochte, dessen er nicht zu gedenken

wünschte.

26.

»Nun, wie steht's Kapitonitsch?« sagte der kleine Sergey rotwangig

und heiter, von dem Spaziergang am Vorabend seines Geburtstags

zurückkehrend und seine faltige Poddjovka dem hochgewachsenen, aus

seiner ganzen Größe auf den Kleinen herablächelnden alten Portier

reichend.

»War heute jener zurückgesetzte Beamte da? Hat ihn der Papa empfangen?«

»Empfangen. Soeben ist der Direktor gegangen und ich habe ihn

gemeldet,« sagte der Schweizer heiter blinzelnd. »Gestattet mir, daß

ich Euch auskleide.«

»Sergey!« sagte der Erzieher, in der Thüre stehen bleibend, welche nach

den inneren Gemächern führte. »Legt selbst ab!«

Doch Sergey widmete, obwohl er die schwache Stimme des Pädagogen gehört

hatte, diesem nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er stand, sich mit

der Hand an dem Brustgurt des Portiers anhaltend und ihm ins Gesicht

blickend.

»Hat denn Papa auch für ihn gethan, was not thut?«

Der Portier nickte bestätigend mit dem Kopfe.

Ein Beamter, der schon siebenmal bei Aleksey Aleksandrowitsch mit einem

Anliegen vorgesprochen hatte, interessierte Sergey und den Portier.

Sergey hatte denselben auf dem Vorsaal getroffen und gehört, wie

kläglich er den Portier bat, sein Anliegen vorzutragen, und gesagt

hatte, daß er mit seinen Kindern werde untergehen müssen.

Seit dieser Zeit interessierte sich Sergey, der dem Beamten noch ein

zweites Mal auf dem Vorsaal begegnet war, für diesen.

»Hat er sich denn recht gefreut?« frug er.

»Wie sollte er sich nicht gefreut haben? Bald gesprungen wäre er, als

er von hier fortging.«

»Hat man etwas für uns gebracht?« -- frug Sergey nach einer Pause.

»Nein, Herr,« antwortete kopfschüttelnd und flüsternd der Portier, »von

der Gräfin ist etwas da.«

Sergey ersah sofort, daß das, wovon der Schweizer sprach, ein Geschenk

von der Gräfin Lydia Iwanowna zu seinem Geburtstage sein müsse.

»Was sagst du? Wo ist es denn?«

»Korney hat es zu Papa getragen. Es scheint etwas recht Schönes.«

»Wie groß ist es denn? -- So?« -- --

»Kleiner, aber was Hübsches.«

»Ein Buch?«

»Nein, ein Spielzeug. Aber geht, geht, Wasiliy Lukitsch wird gleich

rufen,« sagte der Portier, die nahenden Schritte des Gouverneurs

vernehmend und behutsam das bis zur Hälfte im abgezogenen Handschuh

steckende Händchen, welches ihn noch bei seinem Ledergurt hielt,

losmachend.

»Wasiliy Lukitsch, diese Minute!« antwortete Sergey mit dem nämlichen

heiteren und lieblichen Lächeln, welches den seines Amtes beflissenen

Wasiliy Lukitsch stets besiegte.

Sergey war in viel zu heiterer und glücklicher Stimmung, als daß er

sich mit seinem Freund, dem Portier, nicht erst noch hätte in das

freudige Familienereignis teilen sollen, von dem er auf dem Spaziergang

im Sommergarten durch die Nichte der Gräfin Lydia Iwanowna erfahren

hatte.

Dieses freudige Ereignis erschien ihm besonders wichtig nach dem

Zusammentreffen mit dem Glücksfall des Beamten und seiner eigenen

Freude darüber, daß man ihm ein Spielzeug gebracht hatte. Sergey

schien es, daß heute ein Tag sei, an welchem jedermann glücklich und

heiter sein müsse.

»Weißt du, daß Papa den Alexander Newskiy erhalten hat?«

»Warum sollte ich das nicht wissen? Man ist ja schon gekommen, um zu

gratulieren.«

»So; freut er sich?«

»Wie sollte man sich über des Zaren Gunst nicht freuen? Das heißt, er

hat ihn ja auch verdient,« sagte der Portier streng und ernst.

Der kleine Sergey wurde nachdenklich, blickte in das von ihm schon

bis in die kleinsten Einzelheiten studierte Gesicht des Portiers,

insbesondere auf das Kinn, welches zwischen den grauen Backenbärten

hing und das niemand außer Sergey je erblickt hatte, da dieser ihn nie

anders als von unten herauf anschaute.

»Deine Tochter ist lange nicht bei dir gewesen?«

Die Tochter des Portiers war Balletttänzerin.

»Wie soll sie an den Wochentagen ausgehen können? Die haben auch zu

lernen. Und auch Ihr müßt nun lernen, Herr, geht.« --

In das Zimmer tretend, erzählte Sergey, anstatt sich zur Lektion

niederzulassen, seinem Lehrer von seinen Vermutungen darüber, ob das

was man für ihn gebracht habe, eine Maschine sein könnte.

»Was meint Ihr dazu?« frug er.

Wasiliy Lukitsch dachte nur daran, daß ein Lehrer lediglich die

Grammatikstunde zu geben habe, welche um zwei Uhr begann.

»Nein, sagt mir nur, Wasiliy Lukitsch,« frug er plötzlich, schon hinter

dem Arbeitstisch sitzend und das Buch in der Hand haltend, »was ist

denn noch mehr, als der Alexander Newskiy? Ihr wißt, daß Papa den

Alexander Newskiy erhalten hat?«

Wasiliy Lukitsch antwortete, daß der Wladimir höher sei als der

Alexander Newskiy.

»Und noch höher?«

»Am höchsten ist der Orden des heiligen Andreas.«

»Und höher noch als der Andreas?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was; selbst Ihr wißt das nicht?« und Sergey versank, sich aufstemmend,

in Nachdenken.

Seine Überlegungen waren sehr verwickelt und mannigfaltig. Er

überlegte, wie sein Vater plötzlich auch den Wladimir und den

Andreasorden erhalten könnte, und wie er infolgedessen heute in der

Lektion bei weitem fleißiger sein wolle, und wie er selbst, wenn er

erst einmal groß wäre, alle Orden, und auch das, was noch höher als der

Andreasorden sei, erhalten wollte. Sobald man einen ausgesonnen hätte,

wollte er ihn verdienen; und dächte man ihn noch höher aus, so wollte

er ihn sofort auch verdienen.

In solchen Überlegungen verstrich die Zeit, bis der Lehrer kam. Die

Lektion über die Umstände der Zeit und des Ortes und den Umstand der

Art und Weise saß nicht, und der Lehrer war nicht nur unzufrieden,

sondern selbst erzürnt. Der Groll des Lehrers rührte Sergey. Er fühlte

sich schuldig, weil er seine Lektion nicht gelernt hatte, aber wie er

sich auch bemühen mochte, er konnte es durchaus nicht ermöglichen; so

lange der Lehrer ihm Etwas erklärte, überzeugte er sich und schien zu

verstehen, doch sobald er allein war, vermochte er sich durchaus nicht

mehr zu entsinnen, und zu begreifen, daß das ziemliche kurze und so

verständliche Wort »plötzlich« ein »Umstand der Art und Weise« sei;

allein dennoch that es ihm leid, daß er den Lehrer kränkte.

Er wählte eine Minute, in welcher der Lehrer schweigend in das Buch

blickte.

»Michail Iwanitsch, wann wird Euer Namenstag sein?« frug er plötzlich.

»Ihr dächtet doch besser an Eure Arbeit; die Namenstage haben keinerlei

Bedeutung für ein vernünftiges Wesen. Es sind Tage wie alle anderen, an

denen man arbeiten muß.«

Der kleine Sergey schaute aufmerksam seinen Lehrer an, dessen

spärlichen Bart und die Brille, welche sich unter die Kerbe, die auf

der Nase war, gesenkt hatte, und versank so tief in Gedanken, daß

er nichts mehr von dem hörte, was der Lehrer ihm erklärte. Er hatte

erkannt, daß dieser nicht so dachte, wie er gesprochen hatte; er fühlte

dies an dem Tone, in welchem es gesagt worden war.

»Aber warum haben sie sich alle verabredet, dies immer in ein und

derselben Weise zu äußern, immer so langweilig und so zwecklos? Warum

stößt er mich von sich, warum liebt er mich nicht?« frug er sich

betrübt und konnte keine Antwort finden.

27.

Nach der Lektion seitens des Lehrers folgte eine Stunde beim Vater.

Bis dieser erschien, hatte sich Sergey an den Tisch gesetzt, mit

seinem Messerchen spielend, und zu grübeln begonnen. Zu der Zahl der

Lieblingsbeschäftigungen Sergeys hatte das Aufsuchen seiner Mutter

während des Spazierganges derselben gehört. Er glaubte nicht an den

Tod überhaupt, und im besonderen nicht an den ihren, soviel ihm auch

Lydia Iwanowna davon gesagt und der Vater es bestätigt hatte, und so

suchte er sie, auch nachdem man ihm mitgeteilt hatte, daß sie tot

sei, noch immer während der Zeit seiner Ausgänge. Jede vollgebaute,

graziöse Dame mit dunklem Haar war seine Mutter. Bei dem Anblick einer

solchen Dame regte sich in seiner Seele ein Gefühl der Zärtlichkeit,

ein Gefühl, daß er tief Atem holte und die Thränen ihm in die Augen

traten, und so wartete er denn, daß sie wieder zu ihm kommen und ihren

Schleier aufheben möchte. Ihr Gesicht würde wieder sichtbar werden, sie

würde wieder lächeln, ihn umarmen, er würde ihren Duft wahrnehmen, die

Zartheit ihrer Hand fühlen und glückselig weinen, wie er schon einmal

des Abends ihr zu Füßen gefallen war und sie ihn gestreichelt hatte; er

aber hatte gelacht und sie in die weiße beringte Hand gebissen. Später,

als er dann zufällig von der Kinderfrau erfuhr, daß die Mutter nicht

gestorben sei, und sein Vater und Lydia Iwanowna ihm erklärten, sie sei

_für ihn_ tot, weil sie nicht gut gewesen -- was er durchaus nicht zu

glauben vermochte, da sie ihn ja geliebt hatte -- so forschte er noch

immer nach ihr und wartete auf sie.

Heute nun im Sommergarten war eine Dame in einem lila Schleier gewesen,

welcher er mit stockendem Herzen in der Erwartung, sie wäre es, mit den

Blicken gefolgt war, während sie auf dem Wege zu ihnen herankam. Die

Dame aber hatte sie nicht erreicht, sondern war abgebogen.

Heute nun fühlte Sergey stärker als je die Regungen dieser Liebe zu

ihr und völlig sich selbst vergessend in der Erwartung des Vaters,

zerschnitt er den ganzen Rand des Tisches mit dem Messerchen, mit

blitzenden Augen vor sich hinblickend und ihrer gedenkend.

»Papa kommt,« riß ihn Wasiliy Lukitsch aus seiner Träumerei. Sergey

sprang auf, eilte auf seinen Vater zu, küßte ihm die Hand, und blickte

ihn aufmerksam an, nach Kennzeichen der Freude über den Empfang des

Alexander Newskiy-Ordens an ihm suchend.

»Hast du einen hübschen Spaziergang gemacht?« sagte Aleksey

Aleksandrowitsch, sich in seinen Lehnstuhl setzend, ein Exemplar des

Alten Testamentes heranziehend und es aufschlagend. Ungeachtet dessen,

daß Aleksey Aleksandrowitsch Sergey öfter gesagt hatte, jeder Christ

müsse die biblische Geschichte sicher kennen, hatte er sich doch öfter

mit Hilfe des Buches verbessern müssen, und Sergey hatte dies bemerkt.

»Ja, es war sehr lustig, Papa,« sagte er, sich seitwärts auf den Stuhl

setzend und ihn schaukelnd -- was ihm verboten war.

»Ich habe Nadenka gesehen,« Nadenka war die bei Lydia Iwanowna zur

Erziehung befindliche Nichte, »sie hat mir erzählt, daß man Euch einen

neuen Stern verliehen hätte. Freut Ihr Euch auch?«

»Zuerst -- schaukle nicht, bitte,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch,

»zweitens eine Belohnung ist nicht kostbar, nur die Arbeit dafür. Ich

möchte du verständest dies. Wenn du arbeitest und lernst, zum Zwecke,

Früchte dafür zu ernten, so wird dir die Arbeit schwer erscheinen; wenn

du aber arbeitest« -- sprach Aleksey Aleksandrowitsch, indem er sich

vergegenwärtigte, wie er sich nur durch sein Pflichtbewußtsein bei der

langweiligen Arbeit des heutigen Morgens, die in dem Unterschreiben

von hundertundachtzehn Papieren bestanden, aufrecht erhalten hatte --

»indem du die Arbeit selbst liebst, so wirst du für dich selbst darin

eine Belohnung finden.«

Die von Zärtlichkeit und Lust glänzenden Augen Sergeys wurden trübe

und senkten sich unter dem Blick des Vaters. Das war der nämliche, ihm

längst bekannte Ton, mit dem ihm sein Vater stets begegnete, und dem

Sergey schon sich anzubequemen gelernt hatte.

Der Vater sprach stets mit ihm -- so fühlte Sergey -- als wende er

sich an einen für ihn nur in der Vorstellung vorhandenen Knaben,

einen Knaben, wie sie nur in Büchern vorkommen, und der dem Sergey

vollständig unähnlich war; und Sergey bemühte sich nun stets, sich vor

dem Vater zu stellen, als sei er ein ebensolcher Bücherknabe.

»Du verstehst das, hoffe ich?« sagte dieser.

»Ja, Papa,« antwortete Sergey, sich stellend, als sei er ein solcher

Phantasieknabe.

Die Lektion bestand in dem Auswendiglernen einiger Verse aus dem

Evangelium, und der Wiederholung des Anfangs des Alten Testaments. Die

Verse des Evangeliums hatte Sergey ordentlich gelernt, aber im selben

Augenblick, als er sie hersagte, schaute er auf des Vaters Stirnbein,

welches sich so scharf an der Schläfe bog, daß er den Faden verlor und

das Ende des einen Verses in einem einzelnen Worte mit dem Anfang des

anderen zusammenbrachte. Aleksey Aleksandrowitsch war es klar, daß

Sergey nicht verstanden hatte, was er hersagte, und dies reizte ihn.

Er wurde finster und begann wieder das Nämliche zu erklären, was Sergey

schon viele Male gehört hatte und nie wieder vergessen konnte, weil er

es schon allzu klar erkannt hatte, in der nämlichen Weise, wie dies,

daß »plötzlich« ein Umstand der Art und Weise sei.

Sergey schaute mit erschrecktem Blick auf den Vater und dachte nur an

das Eine: Will der Vater wiederholen lassen oder nicht, was er gesagt

hatte, wie es doch bisweilen der Fall war? Dieser Gedanke erschreckte

Sergey so sehr, daß er nun gar nichts mehr begriff. Der Vater ließ

ihn indessen nicht wiederholen und ging zu der Lektion aus dem Alten

Testament über. Sergey recitierte die Ereignisse selbst gut, doch

als er Fragen darüber beantworten sollte, was einige der Ereignisse

bedeuten sollten, wußte er nichts, obwohl er schon wegen dieser

Lektion bestraft worden war. Die Stelle, bei welcher er nichts mehr

zu antworten wußte und in Unruhe geriet, in den Tisch schnitt oder

mit dem Stuhle schaukelte, war die, wo er von den vorsündflutlichen

Patriarchen zu sprechen hatte.

Er kannte keinen von ihnen, außer Henoch, der lebendig in den Himmel

aufgenommen worden war. Früher hatte er die Namen gewußt, sie jetzt

aber ganz und gar vergessen, besonders deshalb, weil Henoch seine

Lieblingsgestalt aus dem ganzen Alten Testament war, und sich an dessen

Aufnahme bei Lebzeiten in den Himmel eine ganze, lange Reihe von Ideen

in seinem Kopfe knüpfte, der er sich auch jetzt hingab, mit den Augen

auf der Uhrkette des Vaters und an einem halb zugeknöpften Knopfe der

Weste desselben haften bleibend.

An den Tod, von welchem ihm so oft gesprochen wurde, glaubte Sergey

nicht so ganz. Er glaubte nicht daran, daß die von ihm geliebten Leute

sterben könnten, und insbesondere nicht, daß er selbst sterben würde.

Dies war für ihn vollständig unmöglich und unbegreiflich. Doch man

sagte ihm, daß alle Menschen sterben müßten; er frug nun selbst die

Leute, denen er glaubte, und diese bestätigten es; die Kinderfrau hatte

es ihm auch gesagt, wenn schon ungern. Aber Henoch war doch nicht

gestorben, und so starben vielleicht nicht alle Menschen.

»Weshalb soll denn nicht jeder sich vor Gott ebenso verdient machen

können und lebend in den Himmel aufgenommen werden?« dachte Sergey. Die

Bösen, das heißt, die Menschen, welche Sergey nicht liebte, die konnten

sterben, doch die Guten konnten sämtlich sein wie Henoch.

»Nun, welche sind die Patriarchen?«

»Henoch, Henoch« --

»Aber das hast du ja schon gesagt. Das ist schlecht, Sergey, sehr

schlecht. Wenn du dir nicht Mühe giebst, zu erkennen, was das Nötigste

ist von allem für den Christen« -- sagte der Vater aufstehend -- »was

kann dich denn dann noch interessieren? Ich bin unzufrieden mit dir und

auch Peter Ignatzitsch« -- dies war der Hauptlehrer -- »ist unzufrieden

mit dir. Ich muß dich bestrafen.«

Der Vater und der Lehrer waren beide mit Sergey unzufrieden, und in der

That hatte dieser sehr schlecht gelernt. Damit ließ sich aber durchaus

nicht sagen, daß er ein unbefähigter Knabe gewesen wäre. Im Gegenteil,

er war viel fähiger, als diejenigen Knaben, welche der Pädagog Sergey

als Muster hinstellte. Vom Gesichtspunkte des Vaters aus wollte er

nicht lernen, was jene lernten. In Wirklichkeit aber -- konnte er

es nicht lernen. -- Er konnte es deshalb nicht, weil sein Geist

Bedürfnisse hatte, welche für ihn viel bindender waren, als die, welche

ihm der Vater und der Erzieher auseinandersetzten. Diese Bedürfnisse

bestanden in dem Drang zu widersprechen, und er stritt kühnlich mit

seinen Erziehern. Sergey war neun Jahre alt, noch ein Kind, aber seine

Seele kannte er und sie war ihm teuer, er hütete sie, wie das Augenlid

das Auge schützt, und ohne den Schlüssel der Liebe ließ er niemand in

seine Seele hinein!

Seine Erzieher beklagten sich über ihn, daß er nicht lernen wolle, aber

seine Seele war erfüllt von dem Durst nach Erkenntnis. Und er lernte

bei Kapitonitsch, bei der Kinderfrau, bei Nadenka, bei Wasiliy Lukitsch

-- aber nicht bei seinen Lehrern. -- Das Wasser, welches ihm der Vater

und der Erzieher auf die Räder gaben, war schon längst versiegt und

arbeitete an einem anderen Platze.

Der Vater bestrafte Sergey, indem er ihn nicht zu Nadenka, der Nichte

Lydia Iwanownas ließ, aber diese Bestrafung erschien Sergey sehr

gelegen zu kommen. Wasiliy Lukitsch war bei guter Laune und wies ihm,

wie man Windmühlen baut. Der ganze Abend verging nun über dieser Arbeit

und den Gedanken daran, wie sich eine Windmühle so bauen ließe, daß man

sich selbst auf ihr drehen könne, indem man sie mit den Armen bei den

Flügeln faßte, oder sich daran festband -- und sich drehen ließ. --

An die Mutter dachte er den ganzen Abend nicht, doch als er sich ins

Bett legte, fiel sie ihm plötzlich wieder ein und er betete in seinen

Worten, daß seine Mutter morgen, zu seinem Geburtstage, nicht mehr

länger für ihn verborgen bleiben und zu ihm kommen möchte.

»Wasiliy Lukitsch, wißt Ihr, worum ich noch außer dem Sonstigen gebetet

habe?«

»Damit Ihr besser lernt?«

»Nein.«

»Vom Spielzeug?«

»Nein. Ihr ratet es nicht. Es ist ausgezeichnet, aber ein Geheimnis!

Wenn es sich erfüllt, sage ich es Euch. Habt Ihr es noch nicht heraus?«

»Nein. Ich rate es nicht. Sagt mirs doch,« sprach Wasiliy Lukitsch, und

lächelte, was bei ihm selten der Fall war. »Doch, legt Euch nur, ich

will das Licht auslöschen.«

»Mir ist ohne Licht das, was ich sehe und wovon ich betete, nur noch

sichtbarer. Da -- beinahe hätte ich jetzt mein Geheimnis verraten!« --

sagte Sergey unter heiterem Lachen.

Nachdem man das Licht fortgebracht hatte, hörte und fühlte Sergey seine

Mutter. Sie stand über ihm und koste ihn mit liebevollem Blick, doch da

erschienen die Windmühlen, sein Messerchen, alles ging durcheinander,

und er schlief ein.

28.

In Petersburg angekommen, waren Wronskiy und Anna in einem der

besten Hotels abgestiegen. Wronskiy gesondert, in der unteren Etage,

Anna oben, mit ihrem Kinde, der Amme und der Zofe, in einem großen

Appartement, welches aus vier Zimmern bestand.

Am ersten Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy zu seinem Bruder;

woselbst er seine in Geschäften von Moskau angekommene Mutter traf.

Die Mutter und Schwägerin begegneten ihm, wie sonst, sie frugen über

seine Reise ins Ausland, sprachen von gemeinsamen Bekannten, erwähnten

aber mit keinem Worte sein Verhältnis zu Anna. Sein Bruder aber kam

am anderen Tage früh zu ihm und frug ihn selbst nach ihr und Aleksey

Wronskiy erzählte ihm offen, daß er seinen Bund mit der Karenina gleich

einer Ehe betrachte; daß er hoffe, die Scheidung zu erlangen und sie

dann heiraten werde und daß er sie bis dahin ebenso als sein Weib

achte, wie man jedes andere Weib achte, und bat ihn, dies der Mutter

und seiner Gemahlin so mitzuteilen.

»Wenn die Welt es nicht billigt, so ist mir das gleichgültig,« sagte

Wronskiy, »aber wenn meine Verwandten mit mir in verwandtschaftlichen

Beziehungen stehen wollen, so müssen sie in den nämlichen Beziehungen

auch mit meiner Frau stehen!«

Der ältere Bruder, welcher die Urteile des jüngeren stets geachtet

hatte, wußte nicht recht, ob dies richtig oder falsch sei, so lange

die Welt selbst die Frage entschieden haben würde. Er seinerseits hatte

gar nichts gegen die Sache und ging zusammen mit Aleksey zu Anna.

Wronskiy sagte in Gegenwart seines Bruders, wie in der aller anderen

zu dieser »Ihr«, und verkehrte mit Anna wie mit einer nahen Bekannten,

aber doch herrschte die stillschweigende Voraussetzung dabei, daß der

Bruder ihre Beziehungen kannte und es wurde davon gesprochen, daß Anna

nach dem Gute Wronskiys gehe.

Trotz aller seiner Welterfahrung war Wronskiy nach dem Eintritt in

das neue Verhältnis, in welchem er sich befand, in einem furchtbaren

Irrtum. Wohl hatte es ihm begreiflich erscheinen müssen, daß die Welt

für ihn und Anna verschlossen war, aber jetzt entstanden in seinem

Kopfe gewisse unklare Vorstellungen, daß es nur in der älteren Zeit so

gewesen sei, und jetzt bei dem schnellen Fortschreiten der Zeit -- er

war jetzt, ohne daß er selbst es merkte, ein Anhänger jeder Art von

Fortschritt geworden -- der Blick der Gesellschaft sich verändert habe,

und daß auch die Frage, ob sie in der Gesellschaft wieder angenommen

werden würden, noch nicht entschieden sei. »Natürlich,« dachte er, »die

Hofkreise werden Anna nicht aufnehmen, aber die ihr nahestehenden Leute

können und müssen die Sache auffassen, wie es sich gehört.«

Man kann einige Stunden sitzen, die Füße übereinandergeschlagen, und

in ein und derselben Stellung, wenn man weiß, daß uns nichts hindert,

diese Lage zu verändern; wenn aber ein Mensch weiß, daß er so mit

unterschlagenen Beinen sitzen muß, dann befällt ihn der Krampf, die

Füße werden zittern und sich nach dem Orte hinziehen, an den man sie

bringen möchte.

Dies erfuhr auch Wronskiy an sich bezüglich seiner Stellung zur Welt.

Obwohl er auf dem Grund seiner Seele wußte, daß dieselbe für sie beide

verschlossen sei, so versuchte er es doch, ob sich die Welt jetzt nicht

ändere und sie doch aufnehmen werde. Aber sehr bald wurde er inne,

obwohl die Welt für ihn persönlich offen stand, sie doch für Anna

verschlossen blieb. Wie bei dem Spiele Katze und Maus, senkten sich die

Hände, die vor ihm erhoben wurden, sofort vor Anna.

Eine der ersten Damen der Petersburger Gesellschaft, welche Wronskiy

wiedersah, war seine Cousine Betsy.

»Endlich!« begegnete ihm diese voll Freude. »Und Anna? Wie freue ich

mich. Wo seid Ihr abgestiegen? Ich kann mir denken, wie nach Eurer

reizenden Reise unser Petersburg Euch schrecklich sein muß; ich kann

mir Euren Honigmond in Rom vorstellen. Was wird mit der Scheidung? Habt

Ihr alles besorgt?«

Wronskiy bemerkte, daß der Enthusiasmus Betsys sich verringerte, als

sie erfahren hatte, daß eine Scheidung noch nicht erfolgt sei.

»Auf mich wird man den Stein werfen, ich weiß es,« sagte sie, »aber ich

werde zu Anna kommen; ja, ich komme sicherlich. Ihr bleibt wohl nur

kurze Zeit hier?«

Und in der That, noch am nämlichen Tage kam sie zu Anna gefahren,

doch war ihr Ton schon nicht ganz so der nämliche wie früher. Sie war

offenbar stolz auf ihre Kühnheit und wünschte, daß Anna die Treue ihrer

Freundschaft schätze. Sie blieb nicht länger als zehn Minuten, von den

Stadtneuigkeiten sprechend, und sagte beim Abschied: »Ihr habt mir

nicht gesagt, wenn die Ehescheidung stattfindet? Gesetzt auch, daß ich

meinerseits der Sache durch die Finger sehe, so werden doch die anderen

Euch kalt entgegenkommen, so lange Ihr nicht geheiratet habt. Und das

geht ja jetzt so leicht. =Ça se fait=. Ihr reist also Freitag ab?

Schade, daß wir uns nicht noch einmal wiedersehen können.«

Am Tone Betsys konnte Wronskiy erkennen, was er von der Welt zu

erwarten hatte, er machte aber gleichwohl noch einen Versuch in seiner

Familie. Auf seine Mutter hoffte er dabei freilich nicht. Er wußte,

daß diese, von Anna in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft so entzückt

gewesen, ihr gegenüber jetzt unerbittlich hart war, weil sie an der

Vernichtung der Carriere ihres Sohnes Schuld trug. Dieser aber setzte

große Hoffnungen auf Warja, die Frau seines Bruders. Ihm schien, daß

Warja den Stein nicht mit werfen, sondern in ihrer Einfachheit und

Entschlossenheit zu Anna kommen und diese auch empfangen würde.

Am Tage nach seiner Ankunft fuhr Wronskiy denn auch zu ihr, und teilte

ihr -- er traf sie allein an -- offen seinen Wunsch mit.

»Du weißt, Aleksander,« sprach sie, ihn ruhig zu Ende hörend, »wie

ich dich liebe, und wie bereit ich bin, alles für dich zu thun; doch

ich habe geschwiegen, weil ich wußte, daß ich weder dir, noch Anna

Arkadjewna nützlich sein kann,« sagte sie, den Namen Anna Arkadjewna

mit eigentümlicher Betonung aussprechend. »Denke nicht, daß ich etwa

einen Tadel äußern will, vielleicht hätte ich an ihrer Stelle ganz das

Nämliche gethan. Ich will und kann nicht auf Einzelheiten eingehen,«

fuhr sie fort, zaghaft in sein finsteres Gesicht schauend. »Doch muß

man das Ding beim Namen nennen. Du willst, daß ich sie besuche, sie

auch empfange, und damit in der Gesellschaft rehabilitiere, aber

verstehe wohl, ich _kann_ das ja nicht thun! Meine Töchter wachsen

heran und ich muß in der Welt für meinen Mann leben. Nun komme ich zu

Anna Arkadjewna; diese wird ihrerseits begreifen, daß ich sie nicht

zu mir einladen kann, oder es dann wenigstens so thun müßte, daß sie

nicht Leuten begegnet, die andere Anschauungen haben. Das aber wird sie

verletzen! Ich kann ihr nicht aufhelfen.«

»Ich kann aber nicht glauben, daß sie tiefer gefallen sein sollte, als

Hunderte von Frauen, die Ihr empfangt,« unterbrach sie Wronskiy noch

düsterer, und erhob sich schweigend in der Erkenntnis, daß das Urteil

seiner Schwägerin unabänderlich sei.

»Aleksey! Sei nur nicht bös! Beherzige, bitte, daß ich nicht schuld

bin,« begann Warja wieder, mit schüchternem Lächeln auf ihn blickend.

»Ich zürne dir nicht,« sagte er, noch ebenso finster, »aber mir ist

das doppelt schmerzlich. Mir ist noch schmerzlich, daß dieser Umstand

unsere Freundschaft zerstört, oder wenn nicht zerstört, so doch

schwächt. Du begreifst, daß dies für mich ja auch nicht anders sein

kann.«

Mit diesen Worten verließ er sie.

Wronskiy hatte erkannt, daß weitere Versuche vergeblich sein würden,

und er diese wenigen Tage in Petersburg so zu verleben hätte, wie

in einer fremden Stadt, indem er alle Beziehungen zu der früheren

Gesellschaft mied, um sich nicht Unannehmlichkeiten und Kränkungen

aussetzen zu müssen, die ihm doch so peinlich waren.

Eine der hauptsächlichsten Unannehmlichkeiten seiner Lage in Petersburg

war die, daß Aleksey Aleksandrowitsch und sein Name, wie es schien,

überall zu finden war. Man konnte von nichts zu sprechen anfangen,

ohne daß das Gespräch auf Aleksey Aleksandrowitsch kam, man konnte

nirgendshin fahren, ohne ihm zu begegnen. So schien es wenigstens

Wronskiy, indem er sich wie ein Mensch mit einem schlimmen Finger

vorkam, der, als wäre es absichtlich, gerade mit diesem schlimmen

Finger an alles anstößt.

Der Aufenthalt in Petersburg erschien Wronskiy auch noch dadurch um

so schwerer, als er während dieser ganzen Zeit in Anna gleichsam ein

neues, ihm unverständliches Geschöpf erblickte. Bald war sie wie

verliebt in ihn, bald wurde sie kalt, reizbar und unergründlich. Sie

litt eine Qual und verbarg Etwas vor ihm; bemerkte aber wie es schien,

die Kränkungen nicht, die ihm das Leben vergifteten, und für sie mit

ihrem feinen Wahrnehmungsvermögen, doch nur noch qualvoller sein mußten.

29.

Unter den Zwecken, welche der Reise nach Rußland zu Grunde lagen, war

für Anna auch der des Wiedersehens mit ihrem Sohne. Seit dem Tage, seit

welchem sie Italien verlassen, hatte dieser Gedanke nicht aufgehört,

sie in Aufregung zu erhalten, und je näher sie Petersburg kam, desto

mehr und immer mehr erschien vor ihr das Freudige und Bedeutungsvolle

dieses Wiedersehens. Sie legte sich gar nicht die Frage vor, wie

sie dieses Wiedersehen bewerkstelligen wollte. Es erschien ihr ganz

natürlich und einfach, daß sie ihren Sohn wiedersah, wenn sie mit

demselben in einer und derselben Stadt sich befand; allein nach ihrer

Ankunft in Petersburg, zeigte sich plötzlich ihre jetzige Stellung in

der Gesellschaft klar vor ihr, und sie erkannte, daß es schwierig sei,

das Wiedersehen zu ermöglichen.

Bereits zwei Tage war sie in Petersburg. Der Gedanke an den Sohn

verließ sie nicht eine Minute, und noch hatte sie ihn nicht gesehen.

Geradenwegs in das Haus zu fahren, wo sie mit Aleksey Aleksandrowitsch

zusammentreffen konnte, dazu, sie fühlte es, besaß sie nicht das Recht.

Man konnte sie vielleicht gar nicht einlassen und sie beleidigen. Zu

schreiben und sich mit ihrem Manne in Verbindung zu setzen, war ihr

schon dem Gedanken nach peinlich. Sie vermochte nur dann ruhig zu

bleiben, wenn sie ihres Mannes gar nicht gedachte. Den Sohn auf dem

Spaziergange zu sehen, nachdem sie sich erkundigt hatte, wohin und wann

er ausgehe, war ihr nicht genug; sie hatte sich so sehr auf dieses

Wiedersehen vorbereitet, sie hatte ihm soviel zu sagen, es verlangte

sie so sehr, ihn in ihre Arme zu schließen, ihn zu küssen. Die alte

Amme Sergeys konnte ihr behilflich sein und sie benachrichtigen. Aber

diese befand sich nicht mehr im Hause Aleksey Aleksandrowitschs. In

solcher Ungewißheit und unter Erkundigungen nach der Amme waren die

zwei Tage vergangen.

Nachdem Anna von den nahen Beziehungen Aleksey Aleksandrowitschs zur

Gräfin Lydia Iwanowna vernommen hatte, entschloß sie sich am dritten

Tage, dieser einen Brief zu schreiben, der ihr viel Überwindung

kostete, und in welchem sie mit Vorbedacht sagte, daß der Entscheid

darüber, ob sie ihren Sohn sehen könne, von der Großmut ihres Mannes

abhängen müsse. Sie wußte, daß wenn man den Brief ihrem Manne wies,

dieser ihr, seine Rolle des Großmütigen weiterspielend, keinen

abschlägigen Bescheid geben würde.

Der Bote, welcher den Brief hingetragen hatte, überbrachte ihr die so

harte und unerwartete Nachricht, daß es keine Antwort gebe.

Noch nie hatte sie sich so erniedrigt gefühlt, als in dieser Minute,

als sie, den Boten kommen lassend, von diesem die einfache Mitteilung

vernahm, daß er gewartet habe, und man ihm endlich gesagt hätte, es

würde keine Antwort erteilt werden. Anna fühlte sich gedemütigt,

verletzt, aber sie erkannte, daß von ihrem Gesichtspunkt aus die Gräfin

Lydia Iwanowna recht habe. Ihr Schmerz war um so größer, als er ein

vereinsamter war. Sie konnte und wollte ihn nicht mit Wronskiy teilen.

Sie wußte, daß für ihn, obwohl er doch die Hauptursache ihres Unglücks

bildete, die Frage ihres Wiedersehens mit ihrem Kinde von höchst

geringer Bedeutung sei. Sie wußte, daß er niemals fähig sein werde,

ihre Leiden in deren ganzer Tiefe zu verstehen, sie wußte, daß sie ihn

wegen eines kühlen Tones bei Erwähnung der Sache würde hassen müssen.

Dies aber fürchtete sie über alles in der Welt, und so verbarg sie vor

ihm alles, was ihren Sohn betraf.

Den ganzen Tag über zu Haus verweilend, hatte sie die Mittel erwogen,

zu einem Wiedersehen mit ihrem Sohne, und war bei dem Entschluß stehen

geblieben, an ihren Mann zu schreiben. Sie setzte den Brief noch auf,

als ihr das Schreiben Lydia Iwanownas gebracht wurde. Das Schweigen

der Gräfin hatte sie beruhigt und besänftigt, das Schreiben aber, und

alles das, was sie zwischen den Zeilen desselben las, versetzte sie in

solche Erbitterung, erschien ihr, gegenüber ihrer leidenschaftlichen

natürlichen Zärtlichkeit für ihr Kind so aufreizend in seiner

Gehässigkeit, daß sie gegen andere gereizt wurde und aufhörte, sich

selbst anzuklagen.

»Diese Kälte -- diese Gefühlsheuchelei!« sagte sie zu sich selbst.

»Ihnen war es ein Bedürfnis, mich zu beleidigen und das Kind zu

foltern, und ich soll mich vor ihnen demütigen! Um keinen Preis! Sie

ist schlechter, als ich! Ich lüge wenigstens nicht!« --

Und nun entschloß sie sich, morgen, am Geburtstage Sergeys, geradenwegs

in das Haus Aleksey Aleksandrowitschs zu fahren, die Leute zu

bestechen und List anzuwenden, um -- koste es was es wolle -- den

Sohn wiederzusehen und den ungeheuerlichen Trug, mit welchem man das

unglückliche Kind umgeben hatte, zu zerstreuen.

Sie fuhr nach einem Spielwarenladen, kaufte Spielzeug und überlegte

sich ihren Operationsplan. Frühmorgens, um acht Uhr, wenn Aleksey

Aleksandrowitsch, wahrscheinlich, noch nicht aufgestanden war, wollte

sie sich hinbegeben; sie wollte Geld nehmen, es dem Portier und dem

Diener in die Hände drücken, damit man sie einlasse, und wollte, ohne

den Schleier zu lüften, sagen, sie käme von einem Paten Sergeys, um

diesem zu gratulieren, und ihr sei aufgetragen, Spielzeug auf das Bett

des Kindes zu legen. Sie bereitete sich nicht auf die Worte vor, welche

sie zum Sohne sprechen wollte -- soviel sie auch darüber nachdachte,

sie vermochte nichts auszudenken.

Am andern Tage um acht Uhr morgens, stieg Anna allein aus der

Mietkutsche und läutete an der großen Einfahrt ihres ehemaligen Hauses.

»Sieh nach, was man will. Wer die Dame ist,« sagte Kapitonitsch, noch

nicht angekleidet, im Überrock und Kaloschen, indem er durch das

Fenster nach der Dame blickte, die von einem Schleier bedeckt, dicht

vor der Thür stand. Der Gehilfe des Portiers, ein Anna nicht bekannter,

junger Bursch, hatte dieser nicht sobald die Thür geöffnet, als sie

schon in dieselbe hineintrat, ein Dreirubelpapier aus dem Muff nahm und

es ihm in die Hand drückte.

»Sergey -- Sergey Aleksandrowitsch,« sprach sie und wollte

voranschreiten. Der Gehilfe des Portiers besah das Rubelpapier, hielt

sie aber an der zweiten Glasthür fest.

»Was wollt Ihr?« frug er.

Sie hörte weder seine Worte, noch antwortete sie etwas.

Als Kapitonitsch die Verwirrung der Unbekannten bemerkte, kam er selbst

zu ihr, ließ sie in die Thür herein und frug, was ihr gefällig wäre.

»Vom Fürsten Skorodumoff komme ich und will zu Sergey

Aleksandrowitsch,« sprach sie.

»Der junge Herr ist noch nicht aufgestanden,« antwortete der Portier,

sie aufmerksam betrachtend.

Anna hatte durchaus nicht erwartet, daß das vollständig unverändert

gebliebene Äußere des Vorzimmers dieses Hauses, in welchem sie neun

Jahre gelebt hatte, so mächtig auf sie einwirken würde. Eine nach der

anderen, erhoben sich frohe und trübe Erinnerungen in ihrer Seele und

für einen Augenblick hatte sie vergessen, weshalb sie hier war.

»Wollt Ihr gefälligst warten?« sagte Kapitonitsch, ihr den Pelz

abnehmend. Nachdem er den Pelz abgenommen hatte, blickte er ihr ins

Gesicht, erkannte sie und machte schweigend eine tiefe Verbeugung.

»Bitte gefälligst, gnädigste Frau,« sagte er zu ihr.

Sie wollte etwas erwidern, doch versagte ihr die Stimme, so daß sie

keinen Ton hervorzubringen vermochte. Wie schuldbewußt bittend, blickte

sie den Alten an, und stieg dann mit schnellen Schritten die Treppe

hinauf. Ganz vorgebeugt und mit den Kaloschen an den Stufen hängen

bleibend, lief Kapitonitsch ihr nach im Bemühen, ihr zuvorzukommen.

»Der Lehrer ist dort, er ist vielleicht nicht angekleidet. Ich muß erst

melden.«

Anna ging weiter die ihr bekannte Treppe hinauf, ohne zu verstehen, was

der Alte gesprochen hatte.

»Hierher, bitte links. Entschuldigt, daß alles noch unsauber ist.

Der junge Herr ist jetzt im früheren Diwanzimmer,« sagte der Portier

keuchend. »Gestattet, geduldet Euch ein wenig, Excellenz, ich will

nachsehen,« sagte er, öffnete, vor sie tretend, die hohe Thür und

verschwand in derselben. Anna blieb stehen und wartete.

»Er ist soeben erwacht,« sagte der Portier, wieder aus der Thür kommend.

Im nämlichen Augenblick, als der Portier dies sagte, hörte Anna den

Klang eines kindlichen Gähnens. Schon an der Stimme dieses Gähnens

erkannte sie den Sohn und sie sah ihn wie lebendig vor sich.

»Laß mich hinein, laß mich, laß mich!« sprach sie und trat durch die

hohe Thür. Rechts von derselben stand das Bett, und im Bett saß der

Knabe, welcher sich aufgerichtet hatte, im halbgelösten Hemdchen, den

kleinen Körper vorgebeugt, sich streckend und ausgähnend.

Im Augenblick, als seine Lippen sich schlossen, kräuselten sie sich zu

einem glücklichen traumhaften Lächeln, und mit diesem Lächeln legte er

sich langsam und zufrieden wieder zurück.

»Mein Sergey!« flüsterte sie, unhörbar an ihn herantretend.

Während ihrer Trennung von ihm, und unter dem Einfluß der Liebe,

welche sie in dieser ganzen letzten Zeit empfunden, hatte sie sich

ihn als vierjährigen Knaben, so wie sie ihn am liebsten gehabt hatte,

vorgestellt.

Jetzt war er schon nicht einmal mehr so, wie sie ihn verlassen hatte.

Er hatte sich noch weiter entfernt vom Alter des Vierjährigen, war

noch mehr gewachsen und magerer geworden. -- Was war das? -- Wie hager

erschien sein Gesicht, wie kurz war sein Haar? Wie lang seine Hände!

Wie hatte er sich verändert seit jener Zeit, da sie ihn verlassen!

Aber er war es doch, mit dieser Form seines Kopfes, seinen Lippen, dem

geschmeidigen Hals und den breiten kleinen Schultern.

»Sergey!« wiederholte sie dicht über dem Ohr des Kindes.

Dieser erhob sich wiederum auf den Ellbogen, wandte den Kopf verwirrt

nach beiden Seiten, als suche er etwas und öffnete die Augen. Still

und fragend blickte Sergey einige Sekunden auf die unbeweglich vor

ihm stehende Mutter, dann lächelte er plötzlich, glückselig, schloß

wiederum die noch schlaftrunkenen Augen, und warf sich, nicht mehr

zurück, sondern ihr entgegen, in ihre Arme.

»Sergey! Geliebter Knabe!« sprach sie mit erstickter Stimme, mit beiden

Armen den blühenden Körper umfangend.

»Mama!« sagte er, sich regend in ihren Armen, um mit wechselnden

Stellen seines Leibes ihre Arme berühren zu können.

Schlaftrunken lächelnd, noch immer mit geschlossenen Augen, faßte er

mit den runden Ärmchen von der Bettlehne nach ihren Schultern, und

warf sich auf sie, jenen lieblichen Schlafduft, jene Wärme von sich

ausströmend, die nur bei Kindern da ist, und begann dann, sein Gesicht

an ihrem Hals und ihren Schultern zu reiben.

»Ich wußte es,« sagte er, die Augen öffnend. »Heute ist mein

Geburtstag. Ich wußte es, daß du kommen würdest. Sogleich werde ich

aufstehen.«

Mit diesen Worten kam er zu sich.

Voll Sehnsucht betrachtete ihn Anna; sie sah, wie er gewachsen war und

sich in ihrer Abwesenheit verändert hatte. Sie erkannte und erkannte

auch nicht seine nackten Füße, die jetzt so groß geworden waren und

aus der Bettdecke hervorschauten, sie erkannte diese hager gewordenen

Wangen, diese verschnittenen, kurzen Haarlocken im Nacken, auf welchen

sie ihn so oft geküßt hatte. Sie befühlte alles dies und vermochte

nichts zu sprechen; die Thränen erstickten sie.

»Weshalb weinst du denn Mama?« sagte er, vollständig aus dem Schlafe

erwacht. »Mama, weshalb weinst du?« rief er aus mit weinerlicher Stimme.

»Ich weine nicht; ich weine vor Freude; ich habe dich so lange nicht

gesehen. Nein, ich werde nicht, werde nicht weinen,« sagte sie, ihre

Thränen verschluckend und sich abwendend. »Nun, jetzt mußt du dich

aber ankleiden,« fügte sie, sich aufrichtend hinzu, und setzte sich,

ohne seine Hände loszulassen, neben seinem Bett auf einen Stuhl, auf

welchem sein Anzug bereit lag.

»Wie kleidest du dich ohne mich an? Wie« -- wollte sie natürlich und

heiter zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht, und wandte

sich abermals ab.

»Ich wasche mich nicht in kaltem Wasser. Papa hat es nicht gestattet.

Aber Wasiliy Lukitsch, den hast du wohl noch nicht gesehen? Er wird

gleich kommen. Du hast dich ja auf mein Kleid gesetzt!«

Sergey lachte auf; sie blickte ihn an und lächelte.

»Mama, mein Herz, meine Taube!« rief er aus, sich wieder ihr

entgegenwerfend und sie umfangend. Es war, als ob er jetzt erst, indem

er ihr Lächeln erblickte, klar erkannt hätte, was vorgefallen sei. »Das

ist nicht nötig,« sagte er, ihr den Hut abnehmend, und gleichsam, als

ob er sie aufs neue ohne den Hut erkännte, warf er sich abermals ihr

entgegen, um sie zu küssen.

»Aber was hast du von mir gedacht? Du hast nicht gemeint, daß ich tot

sei?«

»Niemals habe ich es geglaubt.«

»Du hast es nicht geglaubt, mein Herz?«

»Ich habe gewußt, gewußt!« wiederholte er mit seiner Lieblingsphrase,

und begann, nachdem er ihre Hand ergriffen, die mit seinem Haar

spielte, sie mit der inneren Fläche an seinen Mund zu pressen und zu

küssen.

30.

Wasiliy Lukitsch, welcher anfangs nicht begriff, wer diese Dame da

war, und erst aus dem Gespräch erkannte, dies sei jene selbe Mutter,

welche ihren Gatten verlassen, und die er nicht kannte, da er erst nach

ihrem Scheiden dieses Haus betreten hatte, befand sich in Zweifel, ob

er eintreten oder Aleksey Aleksandrowitsch Mitteilung machen sollte.

Nachdem er aber erwogen hatte, daß seine Verpflichtung nur darin

bestehe, bei Sergey zur bestimmten Stunde zu inspizieren, und er

demgemäß keine Beobachtungen anzustellen habe, wer dort saß, die Mutter

oder jemand anderes, sondern nur seine Pflicht erfüllen müsse, so

kleidete er sich an, trat zur Thür und öffnete sie.

Aber die Liebkosungen zwischen Mutter und Kind, der Klang ihrer Stimmen

und das, was sie sprachen, ließ ihn doch noch seinen Entschluß ändern.

Er schüttelte den Kopf, seufzte und schloß die Thür wieder.

»Ich werde noch zehn Minuten warten,« sagte er zu sich selbst, hustend

und sich Thränen abwischend.

In der Dienerschaft des Hauses war mittlerweile eine mächtige Bewegung

entstanden. Alle hatten erfahren, daß die Herrin angekommen sei,

und Kapitonitsch sie eingelassen habe, daß sie sich jetzt in der

Kinderstube befinde, während sich doch der Herr selbst stets in der

neunten Stunde dorthin begebe; und alle erkannten, daß eine Begegnung

der beiden Gatten unmöglich war, und verhindert werden müsse.

Korney, der Kammerdiener, begab sich in die Portierloge und frug, wer

die Dame eingelassen habe, und wie dies zugegangen sei, und als er

gehört hatte, daß Kapitonitsch sie empfangen und hereingeleitet habe,

machte er dem Alten Vorwürfe. Dieser hörte mit hartnäckigem Schweigen

zu, als ihm aber Korney sagte, daß man ihn deswegen davonjagen müßte,

sprang Kapitonitsch auf ihn zu und sagte, mit den Händen vor Korneys

Gesicht fuchtelnd:

»Ja, du hättest sie freilich nicht eingelassen! Ich habe zehn Jahre

hier gedient und nichts als Liebes gesehen, du aber wärest gekommen und

hättest gesagt >bitte, gefälligst hinaus!< -- Du verstehst die Politik

fein! So ist es! Du scheinst auf deine Weise schon zu verstehen, wie

man einen Herrn für sich einnimmt und den Mantel nach dem Winde hängt!«

»Ein Soldat!« erwiderte Korney verächtlich, und wandte sich zu der

eintretenden Amme: »Urteilt Ihr, Marja Jesimowna: Er hat die Gnädige

eingelassen, ohne jemandem etwas davon zu sagen,« wandte sich Korney zu

ihr.

»Aleksey Aleksandrowitsch wird sogleich erscheinen und nach der

Kinderstube gehen.«

»Was giebt es da für Auseinandersetzungen,« sagte diese, »Ihr Korney

Wasiljewitsch, habt ihn irgendwo ein wenig zurückzuhalten, den Herrn

nämlich, und ich laufe sogleich, um die gnädige Frau irgendwie beiseite

zu bringen. Sind das Auseinandersetzungen!« --

Als die Kinderfrau in die Kinderstube trat, erzählte Sergey der Mutter

gerade, wie er mit Nadenka vom Berge herab, beim Eisfahren gefallen

sei und daß sich dabei beide dreimal umkugelt hätten. Sie lauschte den

Klängen seiner Stimme, sah sein Gesicht und das Spiel seiner Mienen,

sie fühlte seine Hand, aber sie verstand nicht, was er sprach.

»Ich muß fort, und ihn verlassen,« das allein nur dachte und fühlte

sie noch. Sie vernahm wohl die Schritte Wasiliy Lukitschs, der zur

Thür schritt, und hustete, sie vernahm wohl die Schritte der nahenden

Kinderfrau, aber sie saß, wie zu Stein geworden, und nicht bei Kräften

zu sprechen oder aufzustehen.

»Gnädige Frau, meine Liebe!« begann die Amme, sich Anna nähernd, und

ihr Hände und Schultern küssend. »Gott hat unserem Geburtstagskinde

Freude gebracht. Ihr habt Euch doch gar nicht verändert.«

»Ach, Amme, du Gute, ich habe gar nicht gewußt, daß Ihr noch im Hause

seid,« sagte Anna, für eine Minute zur Besinnung kommend.

»Ich wohne nicht hier, sondern bei meiner Tochter, und bin nur

gekommen, um zu gratulieren, Anna Arkadjewna, meine Teure.«

Die Amme brach plötzlich in Thränen aus und küßte von neuem die Hand

der Herrin.

Sergey hielt sich, mit glänzenden Augen lächelnd, mit der einen Hand

an seiner Mutter, mit der anderen an der Amme an und stampfte mit den

wohlgenährten Füßchen auf den Teppich. Die Zärtlichkeit der geliebten

Amme gegen seine Mutter versetzte ihn in Entzücken.

»Mama! Sie kommt oft zu mir, und wenn sie kommt« -- wollte er beginnen,

hielt aber inne, als er bemerkte, daß seine Amme der Mutter etwas

zuflüsterte, und auf deren Gesicht sich Schrecken auspräge, und etwas

wie Scham, was der Mutter so gar nicht zu Gesicht stand.

Diese kam zu ihm.

»Mein Liebling,« sprach sie.

Sie konnte nicht sagen, »lebewohl«, aber der Ausdruck ihres Gesichts

sagte es, und er verstand.

»Mein süßer, lieber Kleiner!« sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem

Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu

rufen pflegte, »wirst du mich auch nicht vergessen? Du« -- doch weiter

vermochte sie nicht zu sprechen.

Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte

sagen können -- jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. --

Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand,

daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme

flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: »Stets in der

neunten Stunde«; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und

die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand

er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem

Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig,

und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine

Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es

aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr.

Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:

»Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.«

Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke,

wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines

Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie

sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.

»Sergey, mein Herzblatt,« sagte sie, »liebe ihn, er ist besser und

edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß

bist, dann wirst du urteilen können.«

»Bessere Menschen als dich giebt es nicht!« rief er voll Verzweiflung,

durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus

allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.

»Meine Seele, mein liebes Kind!« sagte Anna, und begann, hingerissen,

so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.

Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.

An der anderen Thür wurden Schritte vernehmbar, und entsetzt flüsterte

ihr die Amme zu »er kommt« und reichte Anna den Hut.

Sergey ließ sich auf sein Bett sinken und begann zu schluchzen, das

Gesicht mit den Händen bedeckend. Anna nahm diese Hände weg, küßte ihm

noch einmal das bethaute Antlitz und ging schnellen Schrittes zur Thür

hinaus.

Aleksey Aleksandrowitsch trat ihr in den Weg. Als er sie erblickt

hatte, blieb er stehen und beugte den Kopf.

Ungeachtet dessen, daß sie soeben erst gesagt hatte, er sei besser und

edler als sie, erfaßten sie bei dem schnellen Blick, den sie auf ihn

warf, seine ganze Erscheinung mit allen ihren Einzelheiten umfangend,

die Gefühle des Widerwillens gegen ihn; der Wut und des Neides um den

Sohn. Mit schneller Bewegung ließ sie den Schleier fallen, und eilte

fast, ihren Schritt verdoppelnd, aus dem Zimmer.

Sie war nicht dazu gekommen, die Geschenke herauszunehmen, die sie mit

so großer Liebe und so großem Schmerz gestern im Laden gekauft hatte,

und brachte sie wieder mit nach Hause.

31.

So sehr wie Anna auch ein Wiedersehen mit ihrem Sohne gewünscht hatte,

so lange sie auch nur hieran gedacht, sich nur hierauf vorbereitet

hatte, so hatte sie doch keineswegs erwartet, daß dieses Wiedersehen

eine so mächtige Wirkung auf sie ausüben würde.

Zurückgekehrt in ihre einsamen Appartements im Hotel, konnte sie lange

nicht fassen, warum sie eigentlich hier sei.

»Ja; das ist alles vorüber und ich bin wieder allein,« sagte sie zu

sich und setzte sich, ohne den Hut abzulegen, auf einen am Kamin

stehenden Sessel. Mit unbeweglichen Augen auf die Bronzeuhr blickend,

welche auf dem Tische zwischen den Fenstern stand, begann sie zu sinnen.

Die französische Zofe, die mit aus dem Auslande gebracht worden war,

trat ein, um sie anzukleiden. Verwundert blickte sie dieselbe an

und sagte nur »später«. Der Lakai brachte den Kaffee; sie sagte nur

»später«. Die italienische Amme, die das kleine Mädchen geputzt hatte,

trat mit demselben ein und brachte es Anna. Das dicke, wohlgenährte

Kind hob, wie stets, wenn es die Mutter sah, die nackten mit Bändern

umspannten Händchen, die Handflächen nach unten, und begann, mit dem

noch zahnlosen Mündchen lächelnd, wie ein Fisch an der Angel mit den

Händchen zu arbeiten, und mit ihnen an den gesteiften Falten des

gestickten Jäckchens zu scheuern.

Man mußte unwillkürlich lächeln und das Kindchen küssen, man mußte

ihm einen Finger vorhalten, an dem es anfassen konnte, jauchzend und

mit dem ganzen Körper in Bewegung. Man konnte nicht umhin, ihm die

Lippe darzubieten, die es anstatt eines Kusses in das Mündchen nahm.

Und alles das that Anna, und sie nahm das Kind auf ihre Arme und ließ

es hüpfen, und küßte es auf die frische Wange und die entblößten

Ärmchen, aber bei dem Anblick dieses Kindes wurde es ihr nur noch

klarer, daß das Gefühl, welches sie für dasselbe hegte, nicht einmal

Liebe war im Vergleich zu dem, was sie für Sergey fühlte. Alles an

diesem kleinen Mädchen war lieblich, aber alles das fand keinen Eingang

in ihr Herz. Auf ihrem ersten Kinde -- hatte sie es auch gleich von

einem ungeliebten Manne -- ruhte alle Kraft jener Liebe, die keine

Befriedigung gefunden hatte; das Mädchen war unter den schwierigsten

Verhältnissen geboren worden, und auf dasselbe war nicht der hundertste

Teil der Sorgfalt verwendet worden, wie auf das erste Kind; außerdem

war bei diesem Mädchen alles noch Erwartung, Sergey hingegen schon

fast wahrhaft Mensch und ein geliebter Mensch; in ihm kämpften bereits

Gedanken und Gefühle miteinander. Er begriff und liebte, er beurteilte

sie, wie sie meinte, indem sie seiner Worte und Blicke gedachte. Und

doch war sie auf immer nicht nur körperlich, sondern auch geistig von

ihm getrennt, ließ sich nichts mehr besser gestalten.

Sie gab das kleine Mädchen der Amme zurück, entließ diese, und öffnete

ein Medaillon, in welchem ein Porträt Sergeys war, ihn darstellend, als

er noch fast das nämliche Alter hatte, wie das kleine Mädchen jetzt.

Sie stand auf und nahm, ihren Hut ablegend, von einem kleinen Tische

ein Album, in welchem sich Photographieen ihres Sohnes aus anderen

Lebensaltern befanden. Sie wollte diese Photographieen vergleichen,

und begann sie aus dem Album herauszunehmen; sie nahm sie alle heraus,

nur eine einzige, die letzte und beste, war noch übrig. In weißem

Hemd saß er darauf auf einem Stuhle, machte böse Augen und lächelte

mit dem Munde. Dies war ein ganz eigentümlicher Ausdruck, der ihm am

besten stand. Mit den kleinen, flinken Händen, die sich jetzt besonders

angespannt mit ihren weißen, schmalen Fingern bewegten, hatte sie

mehrmals an die Ecke des Bildes geklopft, aber das Bild war losgerissen

und sie konnte es nicht erlangen. Ein Messer befand sich nicht auf dem

Tische, und sie nahm daher eine Photographie, welche daneben stand --

es war ein in Rom gefertigtes Bild Wronskiys, welches ihn in rundem Hut

und langen Haaren darstellte -- und stieß damit das Bild ihres Sohnes

heraus.

»Das ist ja er!« sagte sie, auf das Bild Wronskiys blickend, und sich

plötzlich vergegenwärtigend, wer die Ursache ihres jetzigen Harmes sei.

Sie hatte noch nicht ein einziges Mal während dieses ganzen Morgens

an ihn gedacht. Jetzt aber, als sie dieses männliche, edle, ihr so

vertraute und liebe Gesicht wieder erblickte, empfand sie plötzlich

eine unerwartete Regung der Liebe zu ihm. »Aber wo bleibt er denn? Läßt

er mich allein mit meinem Leiden?« dachte sie mit einem Gefühl des

Vorwurfs, und vergaß dabei, daß sie selbst vor ihm doch alles verborgen

hielt, was ihren Sohn betraf. Sie sandte zu ihm mit der Bitte, doch

sogleich zu ihr zu kommen; mit stockendem Herzen, sich die Worte

vergegenwärtigend, mit denen sie ihm alles sagen wollte, und die Worte

seiner Liebe, mit welchen er sie trösten würde, erwartete sie ihn. Der

Bote kam mit dem Bescheid zurück, der Herr habe Besuch, würde aber

sofort kommen; Wronskiy hatte befohlen, bei ihr anzufragen, ob sie ihn

zusammen mit dem Fürsten Jaschwin, der nach Petersburg gekommen sei,

empfangen könne.

»Er kommt nicht allein, und hat mich doch seit dem gestrigen Mittag

nicht gesehen,« dachte sie, »er kommt nicht allein, daß ich ihm alles

sagen kann, sondern mit Jaschwin.« Und plötzlich tauchte ein seltsamer

Gedanke in ihr auf. »Wie wenn er aufgehört hätte, sie zu lieben?«

Und indem sie die Vorkommnisse der letzten Tage musterte, schien ihr,

als ob sie in allem eine Bestätigung dieses entsetzlichen Gedankens

sehe; schon darin, daß er gestern nicht zu Haus zu Mittag gespeist

hatte, daß er darauf bestanden hatte, sie möchten in Petersburg

getrennt logieren, wie darin, daß er jetzt nicht einmal allein zu ihr

kam, gerade als ob er einem Wiedersehen Auge in Auge mit ihr aus dem

Wege gehen wollte.

»Aber er muß mir dies sagen. Ich muß es wissen; und so bald ich es

weiß, dann weiß ich auch, was ich zu thun habe,« sagte sie zu sich,

ohne Fähigkeit, sich die Lage vorzustellen, in welche sie kommen würde,

wenn sie sich von seiner Gleichgültigkeit überzeugte. Sie glaubte, er

habe aufgehört, sie zu lieben, sie fühlte sich der Verzweiflung nahe,

und infolge dessen besonders reizbar. Sie schellte der Zofe und begab

sich nach dem Ankleidezimmer. Beim Ankleiden beschäftigte sie sich

mehr als während der letztvergangenen Tage mit ihrer Toilette, als ob

Wronskiy sie, wenn er sie nicht mehr lieben sollte, deshalb von neuem

lieben müsse, weil sie diese Robe und jene Frisur, die ihr besser

standen, trug.

Sie hörte die Glocke, noch bevor sie fertig war. Als sie in den Salon

trat, begegnete nicht er, sondern Jaschwin ihrem Blick. Jaschwin

betrachtete die Photographieen ihres Sohnes, die sie auf dem Tische

vergessen hatte, und er beeilte sich nicht eben, den Blick nach ihr zu

wenden.

»Wir sind ja Bekannte,« sagte sie, ihre kleine Hand in die große

Jaschwins legend, der in Verwirrung geraten war -- was sich bei dem

riesigen Wuchs und dem derben Gesicht desselben sonderbar genug

ausnahm. -- »Wir sind Bekannte seit dem vorigen Jahre, von den Rennen.

Gebt doch her,« sagte sie, mit schneller Bewegung die Bilder des

Sohnes, die er ansah, vor Wronskiy wegnehmend, und ihn bedeutungsvoll

mit den blitzenden Augen anschauend. »Waren im gegenwärtigen Jahre die

Rennen gut? Anstatt der unsrigen, habe ich die Rennen auf dem Corso

in Rom gesehen. Ihr liebt übrigens wohl nicht das Leben im Ausland?«

frug sie mit freundlichem Lächeln. »Ich kenne Euch, und kenne alle Eure

Geschmacksrichtungen, obwohl ich Euch wenig begegnet bin.«

»Das thut mir sehr leid, da meine Geschmacksrichtungen immer schlechter

werden,« sagte Jaschwin, sich in seinen linken Schnurrbart beißend.

Nachdem er noch einige Zeit geplaudert und bemerkt hatte, daß

Wronskiy nach der Uhr blickte, frug Jaschwin sie, ob sie noch lange

in Petersburg bleiben werden und griff, seine mächtige Gestalt

einknickend, ans Käppi.

»Wahrscheinlich nicht mehr lange,« sagte sie voll Verwirrung, auf

Wronskiy blickend.

»So sehen wir uns also nicht wieder?« antwortete Jaschwin, aufstehend

und sich an Wronskiy wendend, »wo speisest du?«

»Kommt, mit mir zu dinieren,« sagte Anna entschlossenen Tones,

gleichsam erzürnt über sich selbst wegen ihrer Verlegenheit, aber

errötend, wie dies stets bei ihr der Fall war, wenn sie vor einer ihr

nicht vertrauten Persönlichkeit ihre Meinung äußerte. »Das Essen ist

hier nicht gut, aber Ihr könnt ihn doch wenigstens wiedersehen. Aleksey

liebt von allen seinen Kameraden aus dem Regiment keinen so, wie Euch.«

»Sehr erfreut,« sagte Jaschwin mit einem Lächeln, aus dem Wronskiy

ersah, daß ihm Anna sehr gefiel.

Jaschwin empfahl sich und ging, Wronskiy blieb allein zurück.

»Du gehst auch?« sagte sie.

»Ich habe mich schon verspätet,« antwortete er, »geh! Ich komme dir

sogleich nach!« rief er Jaschwin nach.

Sie nahm ihn bei der Hand und blickte ihn, ohne das Auge abzuwenden,

an, in ihren Gedanken suchend, was sie ihm sagen sollte, um ihn

zurückzuhalten.

»Warte, ich habe dir etwas zu sagen,« seine kleine Hand nehmend, preßte

sie dieselbe an ihren Hals, »nicht wahr, es thut nichts, daß ich ihn

zum Essen geladen habe?«

»Das hast du ganz recht gemacht,« sagte er, mit ruhigem Lächeln seine

engstehenden Zähne zeigend und ihre Hand küssend.

»Aleksey, du bist nicht anders geworden gegen mich?« sprach sie, mit

beiden Händen seine Rechte drückend. »Aleksey, ich quäle mich hier ab,

wann reisen wir?«

»Bald, bald. Du kannst nicht glauben, wie auch mir das Leben hier

schwer ist,« sagte er, seine Hand ausstreckend.

»Nun so geh, geh,« sagte sie verletzt und ging schnell von ihm hinweg.

32.

Als Wronskiy heimkehrte, war Anna noch nicht wieder da. Bald nach ihm

war, wie man ihm sagte, eine Dame angekommen und mit dieser zusammen

sei sie weggefahren.

Daß sie weggefahren war, ohne gesagt zu haben wohin, was bei ihr bis

jetzt noch nicht der Fall gewesen war, daß sie noch an diesem Morgen

ausgefahren, ohne ihm etwas davon zu sagen -- alles das, zusammen mit

dem seltsam aufgeregten Ausdruck ihres Gesichts heute früh und mit der

Erinnerung an die feindselige Haltung, mit welcher sie in Gegenwart

Jaschwins die Bilder ihres Sohnes fast seinen Händen entrissen hatte,

stimmte ihn nachdenklich.

Er schloß, daß es notwendig sei, sich mit ihr auszusprechen, und er

erwartete sie nun in ihrem Salon. Anna kehrte indessen nicht allein

zurück, sondern brachte ihre Tante mit sich, eine alte Jungfer, die

Fürstin Oblonskaja. Das war die Dame, welche heute früh angekommen und

mit welcher Anna Einkäufe zu machen ausgefahren war.

Anna schien den besorgten und fragenden Ausdruck der Züge Wronskiys

nicht zu bemerken, und berichtete ihm heiter, was sie heute Morgen

gekauft habe. Er sah, daß in ihr etwas Besonderes vorgehe; denn in

ihren blitzenden Augen lag, wenn sie sich auf ihn im Vorübergleiten

hefteten, eine gespannte Aufmerksamkeit, und in ihrer Rede, in ihren

Bewegungen jene nervöse Schnelligkeit und Grazie, die ihn in der ersten

Zeit ihrer Bekanntschaft so bestrickt hatte, jetzt aber beunruhigte und

erschreckte.

Das Diner wurde für Vier gedeckt. Alle waren bereits versammelt, um

in das kleine Speisezimmer zu gehen, als Tuschkjewitsch mit einem

Auftrag für Anna von der Fürstin Betsy ankam. Die Fürstin Betsy bat

um Entschuldigung, daß sie nicht gekommen sei, um Abschied zu nehmen.

Sie fühle sich unwohl, bat aber Anna, zwischen halb acht und neun Uhr

zu ihr zu kommen. Wronskiy blickte Anna an bei dieser Zeitbestimmung,

welche bewies, daß Maßregeln getroffen waren, sie niemandem begegnen zu

lassen, doch schien dies Anna gar nicht zu bemerken.

»Sehr schade, daß ich gerade zwischen halb acht und neun Uhr nicht

kann,« sagte sie mit leisem Lächeln.

»Die Fürstin wird das sehr bedauern.«

»Auch ich.«

»Ihr wollt wahrscheinlich die Patti hören?« sagte Tuschkjewitsch.

»Die Patti? Ihr gebt mir da einen guten Gedanken ein. Ich würde

hinfahren, wenn es möglich wäre, eine Loge zu erhalten.«

»Ich kann sie erhalten,« brüstete sich Tuschkjewitsch.

»Ach, da würde ich Euch recht sehr dankbar sein,« antwortete Anna,

»aber wollt Ihr nicht mit uns speisen?«

Wronskiy zuckte kaum merklich die Achsel; er verstand absolut nicht,

was Anna that. Weshalb brachte sie diese alte Fürstin mit, weshalb

veranlaßte sie Tuschkjewitsch, mitzuspeisen, und, was am wunderbarsten

war, weshalb schickte sie ihn nach einer Loge? War es denn denkbar, daß

sie in ihrer Lage in das Abonnement der Patti fuhr, wo die gesamte,

ihr bekannte Welt zugegen sein würde? Mit ernstem Blick schaute er

sie an, doch sie antwortete ihm mit jenem herausfordernden, weniger

heiteren, als verzweifelten Blick, dessen Bedeutung er nicht verstehen

konnte. Bei Tische war sie provozierend heiter, sie kokettierte fast

mit Tuschkjewitsch und Jaschwin. Als man vom Tische aufstand und

Tuschkjewitsch wegfuhr, um die Loge zu bestellen, während Jaschwin

ging, um zu rauchen, begab sich Wronskiy mit letzterem zusammen hinweg

in seine Zimmer. Nachdem er einige Zeit hier verweilt hatte, eilte er

wieder nach oben. Anna hatte sich schon in eine hellseidene Toilette

mit Samt geworfen, die für sie in Paris gefertigt worden war, mit

offener Brust und kostbaren weißen Spitzen auf dem Kopfe, die ihr

Gesicht einrahmten, und ihre blendende Schönheit besonders vorteilhaft

hervorhob.

»Ihr fahrt bestimmt zum Theater?« sagte er, sie geflissentlich nicht

ansehend.

»Weshalb fragt Ihr so voll Furcht?« antwortete sie, aufs neue verletzt

davon, daß er sie nicht anblickte, »weshalb sollte ich nicht?« --

Sie schien den Sinn seiner Worte gar nicht zu verstehen.

»Natürlich, nicht die geringste Ursache, warum man es nicht thun

sollte,« antwortete er finster werdend.

»Das sage ich eben auch,« versetzte sie, mit Absicht keine Ironie in

ihren Ton legend, und ruhig den schmalen, duftenden Handschuh umwendend.

»Anna, um Gott! Was ist mit Euch?« frug er, sie zur Besinnung bringend,

ganz ebenso, wie einst ihr Mann zu ihr gesprochen hatte.

»Ich verstehe nicht, wonach Ihr fragt.«

»Ihr wißt, es ist unmöglich ins Theater zu fahren.«

»Warum? Ich fahre ja nicht allein. Die Fürstin Barbara geht, um sich

anzukleiden, sie wird mit mir fahren.«

Er zuckte die Schultern mit dem Ausdruck der Unentschlossenheit und

Verzweiflung.

»Aber wißt Ihr denn nicht« -- begann er.

»Ich will nichts wissen!« schrie sie fast auf. »Ich will nicht! Bereue

ich denn, was ich gethan habe? Nein, nein, und aber nein! Und geschähe

wieder das Nämliche, von Anfang an, so wäre es wieder so. Für uns, für

mich und Euch ist nur Eines von Wichtigkeit: ob wir uns gegenseitig

lieben! -- Andere Erwägungen giebt es nicht! Wozu wohnen wir hier

gesondert und sehen uns nicht? Warum kann ich nicht ins Theater fahren?

Ich liebe dich und mir ist alles gleich,« sprach sie russisch, mit

jenem eigenartigen, unverständlichen Glanz der Augen auf ihn blickend,

»wenn du dich nicht verändert hast. Warum schaust du mich nicht an?«

Er blickte sie an. Er sah die ganze Schönheit ihres Gesichts, dieser

Toilette, die ihr stets so gut zu Gesicht stand. Aber jetzt war gerade

ihre Schönheit und Eleganz das, was ihn betroffen machte.

»Meine Empfindungen können sich nicht ändern; Ihr wißt es, aber ich

bitte Euch, nicht dorthin zu fahren, ich beschwöre Euch,« sprach er,

wieder auf französisch, und mit zärtlicher Bitte in der Stimme, aber

Kälte im Blick.

Sie hörte seine Worte nicht, sondern sah nur die Kälte des Blicks und

antwortete gereizt:

»Ich bitte Euch nur, mir zu erklären, warum ich nicht fahren soll.«

»Weil es Euch Ursache werden könnte zu« -- er blieb stecken.

»Ich verstehe nichts. Jaschwin =n'est pas compromettant= und die

Fürstin Barbara ist in nichts schlechter, als die anderen. -- Da ist

sie ja!« --

33.

Wronskiy empfand zum erstenmale ein Gefühl des Verdrusses, fast des

Zornes über Anna, wegen ihres absichtlichen Mißverstehens ihrer

Situation. Dieses Gefühl verstärkte sich noch dadurch, daß er ihr

die Ursache seines Verdrusses nicht aussprechen konnte. Hätte er ihr

offen mitgeteilt, was er dachte, dann hätte er ihr gesagt: »In dieser

Toilette sich mit der jedermann bekannten, unverheirateten Fürstin

im Theater zu zeigen -- hieß nicht nur die Lage eines gefallenen

Weibes selbst eingestehen, sondern auch, der Welt eine Herausforderung

zuschleudern, oder, mit anderen Worten, sich für immer von dieser

lossagen.«

Dies konnte er ihr nicht sagen. »Aber wie kann sie es nicht verstehen,

und was geht in ihr vor?« sagte er zu sich. Er fühlte, wie sich zu

ein und derselben Zeit seine Achtung vor ihr verminderte, während die

Erkenntnis ihrer Schönheit in ihm wuchs.

Finster kehrte er nach seinem Zimmer zurück und befahl, sich zu

Jaschwin setzend, welcher seine langen Beine auf einen Stuhl gestreckt

hatte und einen Cognac mit Selterwasser trank, ihm das Nämliche zu

bringen.

»Du sagst, der Moguschtschij Lankowskiys. Das ist ein gutes Pferd,

ich rate dir, es zu kaufen,« sagte Jaschwin, das finstere Gesicht des

Kameraden musternd. »Er hat zwar ein Hängekreuz -- aber seine Füße und

der Kopf -- etwas besseres kann man nicht verlangen!«

»Ich denke, daß ich ihn kaufen werde,« antwortete Wronskiy.

Das Gespräch über die Pferde beschäftigte ihn zwar, aber er vergaß

nicht eine Minute Annas, unwillkürlich dem Klange der Schritte auf dem

Korridor lauschend, und nach der Uhr auf dem Kamin blickend.

»Anna Arkadjewna hat befohlen zu melden, daß sie ins Theater gefahren

ist.«

Jaschwin stürzte noch ein Glas Cognac mit Sodawasser hinunter, stand

auf und knöpfte sich zu.

»Nun, fahren wir?« sagte er, fein lächelnd unter dem Schnurrbart, und

mit diesem Lächeln zeigend, daß er den Grund der Mißstimmung Wronskiys

begreife, derselben aber keine Bedeutung beimesse.

»Ich werde nicht mitfahren,« versetzte Wronskiy.

»Ich aber muß; ich habe es versprochen. Nun denn, auf Wiedersehen.

Kommst du in den Klub? Du kannst Krusinskijs Platz nehmen,« sagte er im

Gehen noch.

»Nein, ich habe Geschäfte.«

»Mit einem Weibe hat man schon Sorgen, aber mit einer, die nicht unser

Weib ist, ist es noch schlimmer,« dachte Jaschwin, das Hotel verlassend.

Wronskiy, allein geblieben, erhob sich vom Stuhle und begann im Zimmer

auf und abzuschreiten.

»Was ist denn heute? Das vierte Abonnement. Jegor ist mit seiner Frau

dort und meine Mutter wahrscheinlich. Das heißt, ganz Petersburg

ist da. Jetzt kommt sie nun, legt den Pelz ab und tritt in die

Gesellschaft. Tuschkjewitsch, Jaschwin und die Fürstin Barbara,« malte

er sich aus, »und ich? Entweder fürchte ich mich, oder ich habe meine

Protektion über sie an Tuschkjewitsch abgetreten. Wie man die Sache

auch betrachten mag -- sie ist dumm, dumm! -- Aber warum bringt sie

mich nur in diese Lage?« sagte er, mit der Hand ausschlagend.

Mit dieser Bewegung traf er den kleinen Tisch, auf welchem das

Selterswasser und eine Caraffe mit Cognac stand und stieß ihn fast um.

Er wollte ihn halten, ließ ihn aber fallen, und voll Verdruß stieß er

ihn mit dem Fuße um. Er schellte.

»Wenn du bei mir dienen willst,« sagte er zu dem eintretenden

Kammerdiener, »so merke dir deinen Dienst. Daß dies nicht wieder

vorkommt! Du hast Ordnung zu machen.«

Der Kammerdiener, welcher sich schuldlos fühlte, wollte sich

rechtfertigen, mit einem Blick auf seinen Herrn aber gewahrte er

an dessen Miene, daß er hier nur zu schweigen habe, und ließ sich,

geschäftig zusammengekrümmt, auf den Teppich nieder, auf dem er

die ganz gebliebenen und die zerbrochenen Gläser und Flaschen

zusammenzulesen anfing.

»Das ist nicht deine Arbeit, geh, der Diener kann das zusammenlesen,

lege mir meinen Frack bereit!« --

* * * * *

Wronskiy ging halb neun Uhr ins Theater. Die Vorstellung war in vollem

Gange.

Der Theaterdiener, ein kleiner Alter, nahm Wronskiy den Pelz ab

und begrüßte ihn, nachdem er ihn wiedererkannt hatte, mit »Eure

Durchlaucht;« schlug ihm vor, lieber nicht eine Nummer zu nehmen, und

rief einfach Fjodor. In dem hellen Korridor war niemand außer dem

Theaterdiener und zwei Lakaien mit Pelzen auf den Armen, die an der

Thüre horchten. Aus einer verschlossenen Thür heraus waren die Klänge

des vorsichtigen Accompagnements des Orchesters in =staccato= hörbar,

sowie die einer weiblichen Stimme, welche ausgezeichnet ein Recitativ

vortrug. Die Thür öffnete sich, den Theaterdiener durchlassend und

der Satz, welcher zu Ende ging, traf klar ans Ohr Wronskiys. Die Thür

schloß sich indessen sofort wieder und Wronskiy hörte das Ende und die

Kadenz nicht mehr, nahm aber an dem dröhnenden Beifallsklatschen durch

die Thür heraus wahr, daß die Schlußkadenz zu Ende sei.

Als er in den hell von Lustres und bronzenen Gasarmen erleuchteten Saal

trat, dauerte der Lärm noch fort. Auf der Scene stand eine Sängerin,

schimmernd in ihren entblößten Schultern und ihren Brillanten, sich

verbeugend und lächelnd, und sammelte mit Hilfe ihres Tenors, der

sie an der Hand führte, die ungeschickt über die Rampe geworfenen

Bouquets auf, wobei sie zu einem Herrn, mit einem Scheitel in der Mitte

der pomadeglänzenden Haare, welcher sich mit langen Armen mit einem

Gegenstande über die Rampe beugte, trat, und das gesamte Publikum im

Parterre wie in den Logen, voller Bewegung, sich vorbeugte, rief und

klatschte.

Der Kapellmeister auf seinem erhöhten Platze half bei der Übergabe

des Gegenstandes und ordnete dann seine weiße Krawatte. Wronskiy trat

in die Mitte des Parterre und begann, stehen bleibend, Umschau zu

halten. Weniger als je, widmete er seine Aufmerksamkeit der bekannten,

gewohnten Umgebung, der Bühne, und diesem Lärm, dieser ganzen,

wohlbekannten, bunten Schar der Zuschauer in dem dichtbesetzten

Theater, die ihn nicht interessierten.

Dieselben gewissen Damen mit den gewissen Offizieren waren da wieder

im Hintergrund der Logen; dieselben buntfarbigen Damen, Gott weiß wer

sie waren, und Uniformen und Röcke, der nämliche schmutzige Haufe

auf dem Paradies oben, und in dieser ganzen Masse, in den Logen, dem

ersten Rang befanden sich nur einige vierzig »wirkliche« Herren und

Damen. Nach dieser Oase richtete sich sogleich Wronskiys Augenmerk und

sogleich war auch er mit ihr in Beziehung getreten.

Der Akt war zu Ende, als er eintrat, und daher schritt er, ohne in die

Loge seines Bruders zu treten, bis zur ersten Reihe, und blieb an der

Rampe bei Serpuchowskoy stehen, welcher, das eine Knie geknickt und

mit dem Absatz gegen die Rampe klappend, ihn schon von weitem erblickt

hatte, und ihn mit einem Lächeln zu sich rief.

Wronskiy hatte Anna noch nicht wahrgenommen; er blickte absichtlich

nicht nach der Seite, auf der sie war, doch sah er schon an der

Richtung der Blicke, wo sie sich befand. Verstohlen blickte er um sich,

suchte sie aber nicht. Das Schlimmste erwartend, suchte er mit den

Augen Aleksey Aleksandrowitsch; doch zu seinem Glück war derselbe für

diesmal nicht im Theater.

»Wie wenig vom Soldaten ist doch an dir geblieben,« sagte

Serpuchowskoy. »Diplomat, Artist -- das wäre so Etwas für dich.«

»Ja, ja, als ich nach Haus kam, zog ich den Frack an,« sagte Wronskiy

lächelnd, langsam sein Augenglas nehmend.

»Ich beneide dich eigentlich, offen gestanden darin. Stets, wenn ich

aus dem Ausland heimkehre, und dies wieder anlege,« sagte er, seine

Epauletten berührend, »dann thut es mir leid um die Freiheit.«

Serpuchowskoy hatte schon längst seine Erwartungen bezüglich einer

dienstlichen Wirksamkeit Wronskiys aufgegeben, liebte diesen aber noch

wie früher, und war jetzt besonders liebenswürdig gegen ihn.

»Schade, daß du dich zu dem ersten Akte verspätet hast.«

Wronskiy, der nur mit halbem Ohr zuhörte, ließ sein Glas über die

Bel-Etage gleiten und musterte die Logen. Neben einer Dame im Turban

und einem kahlköpfigen Alten, der zornig in dem Glase des auf ihn

gerichteten Krimstechers blinzelte, erblickte Wronskiy plötzlich

den Kopf Annas, stolz, frappierend in seiner Schönheit, lächelnd in

der Umrahmung der Spitzen. Sie saß nur zwanzig Schritte von ihm von

vorn, und sprach, leicht gewendet, zu Jaschwin etwas. Die Haltung

ihres Kopfes auf den schönen breiten Schultern und der verhalten

herausfordernde Glanz ihrer Augen und ihres ganzen Antlitzes erinnerte

ihn ganz an sie, wie er sie ebenso auf dem Balle in Moskau erblickt

hatte. Jetzt aber empfand er diese Schönheit ganz anders. In seinem

Gefühl für sie lag nichts Geheimnisvolles mehr, und daher zog ihn zwar

ihre Schönheit selbst stärker noch als früher an, zugleich damit aber

bereitete sie ihm jetzt auch Schmerz. Sie schaute nicht in der Richtung

nach ihm, aber Wronskiy fühlte, daß Anna ihn schon gesehen hatte.

Als Wronskiy das Glas abermals nach jener Richtung bewegte, bemerkte

er, daß die unverheiratete Fürstin Barbara auffallend rot aussah,

unnatürlich lachte und unaufhörlich nach der Nachbarloge blickte. Anna

hingegen, die den Fächer zusammengelegt hatte und mit ihm auf den roten

Sammet klopfte, schaute in unbestimmter Richtung, und sah nicht, oder

wollte offenbar nicht sehen, was in der Nachbarloge vorging. Auf dem

Gesicht Jaschwins lag jener Ausdruck, den es annahm, wenn er verspielt

hatte. Mürrisch nahm er tiefer und tiefer seinen linken Schnurrbart in

den Mund und schielte nach der gleichen Nachbarloge hinüber.

In dieser, ihnen zur Linken, befanden sich die Kartasoff. Wronskiy

kannte sie, und wußte auch, daß Anna mit ihnen bekannt war. Die

Kartasowa, ein mageres, kleines Weib, stand in ihrer Loge, und

warf, mit dem Rücken gegen Anna gewandt, einen ihr von ihrem Gatten

gereichten Überwurf um. Ihr Gesicht sah blaß und böse aus und sie

sprach in erregtem Tone. Kartasoff, ein dicker, kahlköpfiger Herr,

schaute Anna fortwährend an und bemühte sich dabei, seine Frau zu

besänftigen. Nachdem diese gegangen war, zögerte er noch lange, suchte

mit seinen Augen den Blick Annas und wollte sie offenbar grüßen.

Anna jedoch, die ihn offenbar absichtlich nicht bemerkte, hatte sich

rückwärts gewandt und sprach zu Jaschwin, der sich zu ihr mit seinem

frisierten Kopfe herniederbeugte. Kartasoff ging, ohne grüßen zu

können, und die Loge stand leer.

Wronskiy erkannte nicht, was zwischen den Kartasoff und Anna

vorgefallen sei, aber er begriff, daß etwas für Anna Erniedrigendes

geschehen war.

Er erkannte dies schon an dem, was er wahrnahm, und vor allem an dem

Gesicht Annas, die -- er wußte es -- ihre letzten Kräfte zusammennahm,

um die einmal übernommene Rolle zu Ende zu führen. Diese Rolle, die

äußerlich Ruhige zu spielen, gelang ihr vollständig. Wer sie und

ihre Kreise nicht kannte, nicht alle die Äußerungen des Bedauerns,

des Unwillens und der Verwunderung seitens der Frauen darüber hörte,

daß sie sich erlaubt hatte, in der Welt zu erscheinen und sich mit

ihrem Spitzenschmuck und ihrer Schönheit so bemerkbar zu machen, die

bewunderten die Ruhe und Schönheit dieser Frau und ahnten nicht,

daß sie die Empfindungen eines Menschen in sich trug, der an den

Schandpfahl gestellt ist.

In der Gewißheit, daß Etwas vorgefallen sei, aber ohne zu wissen

was, fühlte Wronskiy eine quälende Unruhe und begab sich, in der

Hoffnung, etwas darüber erfahren zu können, nach der Loge seines

Bruders. Absichtlich einen der Loge Annas gegenüberliegenden Gang

im Parterre wählend, stieß er im Hinausgehen mit seinem früheren

Regimentskommandeur, der mit zwei Bekannten sprach, zusammen. Wronskiy

hörte, daß der Name der Karenin genannt wurde, und bemerkte, wie der

Regimentskommandeur sich beeilte, laut den Namen Wronskiys zu nennen,

indem er die Sprechenden anblickte.

»Ah, Wronskiy! Wann kommst du denn einmal zum Regiment? Wir können dich

nicht ohne ein Fest fortlassen. Du bist unser Stammhalter,« sagte der

Regimentskommandeur.

»Es thut mir sehr leid, ein ander Mal,« sagte Wronskiy und eilte die

Treppe hinauf in die Loge seines Bruders.

Die alte Gräfin, die Mutter Wronskiys, mit ihren stahlblauen Haarlocken

befand sich in derselben. Warja und die Fürstin Sorokina begegneten

ihm auf dem Korridor der Bel-Etage.

Nachdem Warja die Fürstin Sorokina zu ihrer Mutter geführt hatte,

reichte sie ihrem Schwager die Hand, und begann dann sogleich mit ihm

über das zu sprechen, was ihn interessierte. Sie war so aufgeregt, wie

er sie nur selten gesehen hatte.

»Ich finde, daß dies niedrig und gemein ist, und Madame Kartasowa dazu

nicht das geringste Recht hatte. Madame Kartasowa« -- begann sie.

»Aber was ist denn? Ich weiß gar nicht« --

»Wie, du hast nicht gehört?«

»Du hörst wohl, daß ich der Letzte bin, der also davon erfährt.«

»Giebt es wohl ein schlechteres Geschöpf, als diese Kartasowa.«

»Aber was hat sie denn gethan?«

»Mir hat es mein Mann erzählt -- sie hat die Karenina beleidigt.

Ihr Mann hatte mit dieser über die Loge hinüber gesprochen, und die

Kartasowa ihm darauf eine Scene gemacht. Sie hat, wie er mir erzählt,

sich laut in kränkender Weise ausgesprochen und ist dann gegangen.«

»Graf, Mama läßt Euch rufen,« sagte die Fürstin Sorokina, aus der Thür

der Loge blickend.

»Ich warte schon lange auf dich,« sprach die Mutter zu ihm, sarkastisch

lächelnd. »Man sieht dich ja gar nicht mehr.«

Der Sohn erkannte, daß sie ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken

konnte.

»Guten Tag, =Maman=; ich kam eben zu Euch,« sagte er kühl.

»Warum gehst du denn nicht, =faire la cour à madame Karènine=?« fügte

sie hinzu, als die Fürstin Sorokina weggetreten war. »=Elle fait

sensation. On oublie la Patti pour elle=.« --

»=Maman=, ich bat Euch, nur nicht hiervon zu sprechen,« antwortete er

sich verfinsternd.

»Ich spreche nur das, was alle sprechen.«

Wronskiy erwiderte nichts, und ging wieder, nachdem er der Fürstin

Sorokina noch einige Worte gesagt hatte. In der Thür begegnete er

seinem Bruder.

»Ah, Aleksey,« sagte dieser. »Welche Niedrigkeit! Diese Närrin --

weiter ist sie nichts! Ich wollte soeben zu ihr gehen. Komm, wir gehen

zusammen.« --

Wronskiy hörte ihn nicht. Mit schnellen Schritten stieg er hinunter; er

empfand, daß er etwas thun müsse, wußte aber nicht, was. Sein Verdruß

über Anna, daß sie sich und ihn in eine so schiefe Lage gebracht hatte,

doch auch das Mitleid mit ihr wegen ihrer Leiden, versetzten ihn in

Aufregung. Er ging hinunter ins Parterre und schritt geradenwegs auf

den Platz Annas zu. Neben diesem stand Stremoff, der sich mit ihr

unterhielt.

»Tenöre giebt es eben nicht mehr. =Le moule en est brisé=!«

Wronskiy verneigte sich vor ihr und blieb stehen, Stremoff begrüßend.

»Ihr scheint spät gekommen zu sein und die besten Arien nicht gehört

zu haben,« sagte Anna zu Wronskiy, ihn spöttisch anblickend, wie ihm

schien.

»Ich bin ein schlechter Kritiker,« antwortete er, streng auf sie

schauend.

»Wie der Fürst Jaschwin,« sagte sie lächelnd, »welcher findet, daß die

Patti zu laut singt. Ich danke Euch,« mit der kleinen Hand im hohen

Handschuh einen von Wronskiy aufgehobenen Theaterzettel nehmend; und

plötzlich, in diesem Augenblick, erbebten ihre schönen Züge. Sie stand

auf und begab sich in die Tiefe der Loge.

Als Wronskiy bemerkt hatte, daß im folgenden Akt ihre Loge leer

war, ging er, während sich in dem bei den Tönen einer Kavatine

stillgewordenen Theater ein Zischeln erhob, aus dem Parterre und fuhr

heim.

Anna war schon zu Haus. Als Wronskiy bei ihr eintrat, befand sie sich

noch in der Toilette, in welcher sie im Theater gewesen war. Sie saß

auf dem nächsten an der Wand stehenden Lehnstuhl und starrte vor sich

hin. Sie blickte ihn an und nahm dann ihre frühere Stellung wieder ein.

»Anna!« sagte er.

»Du, du bist schuld an allem!« rief sie unter Thränen der Verzweiflung

und der Wut in der Stimme, und erhob sich.

»Ich habe dich gebeten, dich beschworen, nicht zu fahren; ich habe

gewußt, daß es dir unangenehm werden würde« --

»Unangenehm!« rief sie, -- »entsetzlich! So lange ich lebe, werde ich

dies nicht vergessen! -- Sie hat gesagt, es sei entehrend, neben mir

sitzen zu müssen!« --

»Die Worte eines thörichten Weibes,« sagte er, »aber wozu mußtest du

dazu herausfordern?«

»Ich hasse deine Ruhe! Du durftest mich nicht so weit bringen. Wenn du

mich geliebt hättest« --

»Anna! Wozu hier eine Frage nach meiner Liebe« --

»Ja, wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe, wenn du dich

martertest, wie ich mich martere« -- sprach sie, mit dem Ausdruck des

Entsetzens auf ihn blickend.

Es that ihm wehe um sie, und dennoch empfand er auch Verdruß. Er

versicherte sie seiner Liebe, weil er sah, daß nur dies allein sie

jetzt beruhigen konnte, und machte ihr keine Vorwürfe mit Worten; wohl

aber tadelte er sie in seinem Innern.

Und jene Versicherungen der Liebe, die ihm so niedrig erschienen, daß

es ihm schwer ankam, sie auszusprechen, sog sie in sich ein und wurde

etwas ruhiger. Am andern Tage fuhren beide, vollständig ausgesöhnt, auf

das Land.

Sechster Teil.

1.

Darja Aleksandrowna verbrachte den Sommer mit den Kindern in

Pokrowskoje bei ihrer Schwester Kity Lewina.

Auf ihrem Gute war das Wohnhaus gänzlich in Verfall geraten, und

Lewin mit seiner Gattin hatten ihr zugeredet, den Sommer bei ihnen

zuzubringen.

Stefan Arkadjewitsch billigte dieses Arrangement sehr; er drückte sein

Bedauern darüber aus, daß der Dienst ihn verhindere, den Sommer mit der

Familie zusammen auf dem Dorfe zu verleben, was für ihn das höchste

Glück bilde, und kam, in Moskau bleibend, nur selten für einen Tag oder

für zwei auf das Land.

Außer den Oblonskiys mit all ihren Kindern und der Gouvernante war bei

Lewins während dieses Sommers noch die alte Fürstin, welche es für

ihre Pflicht hielt, ihre unerfahrene Tochter im Auge zu behalten, die

sich in gewissen Umständen befand. Weiterhin hatte auch Warenka, die

Freundin Kitys, von dem Aufenthalt im Auslande her ihr Versprechen

erfüllt, zu Kity zu kommen, wenn diese verheiratet sein würde, und war

jetzt bei ihrer Freundin zu Besuch.

Alles waren Verwandte und Freunde der Frau Lewins, aber obgleich

dieser sie alle lieb hatte, war es ihm doch einigermaßen leid um seine

»Lewinsche Welt« und die Ordnung, welche durch diese Überschwemmung

mit dem »Schtscherbazkischen Element«, verschlungen worden war, wie er

sich selbst sagte. Von Verwandten seiner Linie weilte in diesem Sommer

nur Sergey Iwanowitsch zu Besuch da, und auch dieser war kein Mensch

von Lewins, sondern von Koznyscheffschem Schlag, so daß Lewins geistige

Sphäre vollständig unterdrückt war.

In Lewins so lange verödet gewesenem Hause befanden sich jetzt so

viel Menschen, daß fast alle Räume besetzt waren, und fast jeden Tag

kam es vor, daß die alte Fürstin, wenn sie bei Tische sitzend alles

überzählte, den dreizehnten, Enkel oder Enkelin, an einen besonderen

kleinen Tisch setzen mußte. Auch für Kity, die sich sorgsam mit der

Hauswirtschaft befaßte, gab es nicht wenig Sorge um die Beschaffung der

Hühner, Kapaunen und Enten, welche bei dem Sommerappetit der Gäste und

der Kinder zahlreich verbraucht wurden.

Die ganze Familie saß bei Tische. Die Kinder Dollys machten mit der

Gouvernante und Warenka Pläne, wohin sie Pilze suchen gehen wollten.

Sergey Iwanowitsch, welcher im Kreise sämtlicher Gäste einen Respekt

vor seinem Geist und seiner Gelehrsamkeit genoß, der fast bis zur

Verehrung ging, sah alles in die Unterhaltung von den Pilzen vertieft.

»Aber mich nehmt Ihr doch auch mit Euch. Ich gehe sehr gern Pilze

suchen,« sagte er, Warenka anblickend, »und finde, daß das ein sehr

hübscher Zeitvertreib ist.«

»Nun, wir werden uns sehr freuen,« antwortete Warenka errötend. Kity

wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Dolly. Der Vorschlag des

gelehrten und geistreichen Sergey Iwanowitsch, mit Warenka Pilze

suchen zu wollen, stützte gewisse Vermutungen in Kity, welche diese in

jüngster Zeit lebhaft beschäftigt hatten. Schnell begann sie mit ihrer

Mutter zu sprechen, damit ihr Blick nicht bemerkt werden möchte.

Nach Tisch setzte sich Sergey Iwanowitsch mit seiner Tasse Mokka an das

Fenster im Salon, ein mit dem Bruder begonnenes Gespräch fortsetzend

und dabei nach der Thür blickend, zu welcher die Kinder hinausgehen

mußten, die sich fertig machten, in die Pilze zu gehen.

Lewin saß auf dem Fenster bei seinem Bruder, Kity stand neben ihrem

Manne, sichtlich auf das Ende des für sie nicht interessanten Gesprächs

wartend, um ihm etwas mitzuteilen.

»Du hast dich sehr verändert, seit du verheiratet bist, und zwar

zu deinem Vorteil,« sagte Sergey Iwanowitsch, Kity zulächelnd und

augenscheinlich von der Unterhaltung wenig interessiert, »aber du bist

deiner Leidenschaft, die paradoxesten Themen zu verteidigen, getreu

geblieben.«

»Katja, es ist für dich nicht gut, zu stehen,« sagte der Gatte zu ihr,

einen Stuhl heranschiebend und sie bedeutungsvoll anschauend.

»Ah; ich habe übrigens gar keine Zeit mehr,« fügte Sergey Iwanowitsch

hinzu, die hinauseilenden Kinder erblickend.

Allen voran, von seitwärts im Galopp mit den drallsitzenden

Strümpfchen, ein Körbchen und den Hut Sergey Iwanowitschs schwingend,

kam Tanja gerade auf letzteren zugeeilt. Frohmutig auf ihn zueilend mit

leuchtenden Augen, die in ihrer Schönheit denen des Vaters so ähnlich

waren, reichte sie Sergey Iwanowitsch den Hut und that, als wolle

sie ihm denselben aufsetzen, mit schüchternem, sanftem Lächeln ihre

Ungebundenheit zügelnd.

»Warenka wartet schon,« sagte sie, ihm den Hut behutsam aufsetzend,

nachdem sie an dem Lächeln Sergey Iwanowitschs erkannt hatte, daß sie

dies dürfe.

Warenka stand in der Thür, in einem gelben Kattunkleid, um den Kopf ein

weißes Tuch geschlungen.

»Ich komme schon, ich komme, Barbara Andrejewna,« sagte Sergey

Iwanowitsch, seine Tasse Mokka leerend und ein Schnupftuch nebst dem

Cigarrenetuis in seinen Taschen verteilend.

»Wie reizend ist doch meine Warenka, nicht wahr?« sagte Kity zu ihrem

Manne, sobald Sergey Iwanowitsch aufgestanden war. Sie sagte dies so,

daß Sergey Iwanowitsch sie vernehmen konnte, woran ihr offenbar gelegen

war. »Und wie schön sie ist, wie edel schön! Warenka!« rief Kity. »Ihr

werdet wohl im Mühlenholz sein? Wir kommen zu Euch hin!«

»Du vergißt doch entschieden deinen Zustand Kity,« bemerkte die alte

Fürstin, schnell zur Thür herauskommend, »du darfst nicht so schreien.«

Warenka, welche die Stimme Kitys sowie die Äußerung der Mutter

vernommen hatte, kam leichten Schrittes zu Kity geeilt. Die

Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Farbe, welche ihr munteres

Gesicht bedeckte -- alles das bewies, daß in ihr etwas Ungewöhnliches

vorging. Kity wußte, was dieses Ungewöhnliche war, und beobachtete

sie aufmerksam. Sie hatte jetzt Warenka nur gerufen, um ihr für ein

wichtiges Ereignis, welches sich nach ihrer Erwägung heute, nach Tische

im Walde vollziehen mußte, innerlich Segen zu wünschen.

»Warenka, ich würde sehr glücklich, wenn sich etwas ereignen sollte,«

sagte Kity flüsternd und sie küssend.

»Ihr werdet aber mit uns kommen?« sagte Warenka in Verwirrung geratend,

zu Lewin, und gab sich den Anschein, als habe sie gar nicht gehört, was

zu ihr gesagt worden war.

»Ich werde kommen, doch nur bis zur Tenne, und dort werde ich bleiben.«

»Was hast du denn vor?« sagte Kity.

»Ich muß die neuen Fuhren inspizieren und nachzählen,« antwortete

Lewin, »doch wo wirst du bleiben?«

»Auf der Terrasse.«

2.

Auf der Terrasse hatte sich die ganze weibliche Gesellschaft

versammelt. Die Damen liebten es, überhaupt dort nach Tische zu sitzen,

aber heute gab es da sogar etwas zu thun. Außer dem Nähen und Sticken,

womit sich alle beschäftigten, wurde heute Eingemachtes nach einer

für Agathe Michailowna ganz neuen Methode -- ohne Zuguß von Wasser --

zubereitet.

Kity hatte diese neue Methode, welche bei ihr zu Haus in Gebrauch

war, eingeführt. Agathe Michailowna, welcher früher dieses Geschäft

anvertraut gewesen war, hatte in der Ansicht, daß das, was im Haus

der Lewin gemacht wurde, doch nicht schlecht sein könne, gleichwohl

ihr Wasser über die Wald- und Gartenerdbeeren mit der Versicherung

gegossen, daß es unmöglich anders sein könne, aber sie wurde in ihrer

Meinung überführt, und jetzt brodelte vor aller Augen die Himbeere, und

Agathe Michailowna mußte sich überzeugt sehen, daß auch ohne Wasser das

Eingemachte gut werde.

Agathe Michailowna mit erhitztem, erbittertem Gesicht, wirren Haaren,

und bis an den Ellbogen entblößten, hageren Armen schwenkte die

Schüssel im Kreise über dem Feuerbecken und blickte grollend auf die

Beeren, aus Seelengrunde wünschend, sie möchten nicht gar werden.

Die Fürstin, welche merkte, daß auf sie, als die hauptsächlichste

Ratgeberin bei der Zubereitung der Beeren, der Zorn Agathe Michailownas

gerichtet sein müsse, bemühte sich, den Anschein zu wahren, als sei sie

mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und interessiere sich gar nicht

für die Himbeeren; sie sprach von Nebensächlichem, schaute aber immer

dabei seitwärts nach dem Kohlenbecken.

»Ich kaufe den Mädchen stets Kleider,« sagte die Fürstin, ein

begonnenes Gespräch fortsetzend -- »wollen wir jetzt nicht den Schaum

abnehmen, Liebe?« -- fügte sie aber hinzu, sich an Agathe Michailowna

wendend. »Das brauchst du durchaus nicht selbst zu thun, es ist heiß,«

hielt Kity diese dabei zurück.

»Ich werde es thun,« sagte Dolly, stand auf und begann behutsam den

Löffel über den schäumenden Zucker zu führen; bisweilen damit, um

von ihm das daran haften Gebliebene zu entfernen, auf einen Teller

klopfend, der bereits von mischfarbigem, gelbrotem Schaum und flüssigem

blutrotem Syrup bedeckt war. »Wie sie das schlecken werden zum Thee,«

gedachte sie dabei ihrer Kinder und rief sich ins Gedächtnis zurück,

wie sie selbst, als sie noch ein Kind gewesen, sich schon immer

verwundert hatte, daß die Erwachsenen nicht gerade das Beste äßen --

nämlich den Schaum -- »Stefan sagt, es sei bei weitem besser, Geld

zu geben,« sagte Dolly dabei, das begonnene, interessante Gespräch

darüber, wie man die Dienstleute beschenken solle, fortsetzend,

»allein« --

»So viel es möglich ist, Geld,« sagten wie mit einer Stimme die Fürstin

und Kity. »Sie schätzen das.«

»Nun, ich habe beispielsweise im vergangenen Jahre unserer Matrjona

Ssemjonowna ein Kleid gekauft,« sprach die Fürstin.

»Ich besinne mich, zu Eurem Geburtstage ging sie darin.«

»Ein reizendes Muster -- so einfach und fein. Ich hätte es mir selbst

machen lassen, wenn es nicht ihr gehört hätte; -- so, wie das von

Warenka war es. So hübsch und billig.«

»Jetzt scheint es fertig zu sein,« sagte Dolly, den Syrup vom Löffel

laufen lassend.

»Wenn Kringel werden, ist es gut. Kocht noch weiter, Agathe

Michailowna.«

»Diese Fliegen,« antwortete Agathe Michailowna gereizt.

»O, wie niedlich, verjagt ihn nicht!« sprach Kity plötzlich, auf einen

Spatz blickend, der sich auf dem Geländer niedergesetzt hatte und das

Mark einer Himbeere zu picken begann.

»Ja, aber du mußt etwas weiter vom Kohlenbecken weg,« sprach die Mutter.

»=A propos de Warenka=,« begann Kity französisch, wie sie stets

sprachen, damit Agathe Michailowna sie nicht verstehe. »Ihr wißt,

=maman=, daß ich heute aus gewissen Gründen eine Entscheidung erwarte.

Ihr versteht wohl, welche. Wie schön wäre das!«

»Ah, welch meisterhafte Freibewerberin du bist,« sprach Dolly, »wie sie

behutsam und geschickt die Leute zusammenführt.«

»Nun, =maman=, sagt doch, was Ihr dazu meint!«

»Was soll ich meinen? Er« -- unter dem Er verstand man Sergey

Iwanowitsch -- »konnte stets die erste Partie in Rußland machen, er ist

zwar jetzt nicht mehr so jung, aber gleichwohl, ich weiß es, würden ihn

auch jetzt noch viele Frauen nehmen. Sie ist sehr gut, aber er könnte

doch« --

»Nein, seht nur erst ein, =maman=, warum etwas Besseres für ihn, wie

für sie nicht zu denken ist. Erstens -- sie ist eine Schönheit!« sprach

Kity, einen Finger ausstreckend.

»Sie gefällt ihm sehr, das ist wahr,« bestätigte Dolly.

»Dann nimmt er eine solche Stellung in der Welt ein, daß ihm ein

Vermögen, ein Stand in der Welt für seine Frau ganz und gar nicht

erforderlich ist. Ihm ist Eins nur nötig -- ein gutes, liebevolles

ruhiges Weib.«

»Jawohl, und mit ihr kann man ruhig leben,« bestätigte Dolly.

»Drittens; sie muß ihn lieben! So ist es ja auch -- und soweit wäre

alles ganz gut. Ich erwarte, daß sie aus dem Walde kommen und alles

entschieden ist. Ich werde es sogleich an ihren Augen erkennen; und

würde mich so sehr freuen! Wie denkst du darüber, Dolly?«

»Rege dich nur nicht auf. Du darfst dich durchaus nicht erregen,« sagte

die Mutter.

»Aber ich rege mich ja gar nicht auf, =maman=; mir scheint nur, daß er

heute seinen Antrag machen wird.«

»Ach; es ist so seltsam, wenn ein Mann eine Liebeserklärung macht. Erst

ist so eine Scheidewand vorhanden, und plötzlich ist sie durchbrochen,«

sagte Dolly, gedankenvoll lächelnd und sich an die Vergangenheit mit

Stefan Arkadjewitsch erinnernd.

»Mama, wie hat Euch denn Papa seine Liebeserklärung gemacht?« frug Kity

plötzlich.

»Es war nichts Außergewöhnliches dabei, sehr einfach,« antwortete die

Fürstin, aber ihr ganzes Gesicht erglänzte bei dieser Erinnerung.

»Nun, wie denn? Ihr habt ihn doch geliebt, bevor Euch noch erlaubt war,

mit ihm zu sprechen.«

Kity fand einen eigenen Reiz darin, mit ihrer Mutter jetzt wie mit

einer Gleichgestellten über diese höchsten Fragen des Frauenlebens

sprechen zu können.

»Versteht sich, liebte er mich! Er kam zu uns auf das Land.«

»Aber wie entschied es sich? Mama?«

»Du denkst wahrscheinlich, daß ihr beide euch etwas Neues ausgedacht

hättet? Es war ganz dieselbe Geschichte; mit Blicken und Lächeln« --

»Wie Ihr das so schön ausgesprochen habt, =maman=! Ja, die Augen, das

Lächeln,« bestätigte Dolly.

»Aber welche Worte sprach er denn?«

»Was für Worte hat dir dein Konstantin gesagt?«

»Er schrieb sie mit Kreide. Es war wunderbar. Wie weit scheint mir dies

schon dahinten zu liegen,« antwortete Kity.

Die drei Frauen sannen jetzt über ein und dasselbe nach. Kity brach

zuerst wieder das Schweigen. Der ganze letzte Winter vor ihrer

Verheiratung, ihre Leidenschaft für Wronskiy kam ihr wieder ins

Gedächtnis.

»Aber noch Eins -- jene frühere Leidenschaft Warenkas,« sagte sie,

in einem natürlichen Gedankengang sich dessen erinnernd. »Ich wollte

Sergey Iwanowitsch schon irgendwie Mitteilung machen, ihn vorbereiten.

Sie sind ja alle Männer,« fügte sie hinzu, »und entsetzlich

eifersüchtig auf unsere Vergangenheit.«

»Nicht alle,« antwortete Dolly, »du urteilst so nach deinem Manne; der

martert sich noch jetzt ab in der Erinnerung an Wronskiy. Nicht wahr?

Habe ich nicht recht?«

»Du hast recht,« antwortete Kity, gedankenvoll mit den Augen lächelnd.

»Ich weiß nun nicht,« fuhr die Fürstin fort, ihre mütterliche Obhut

für die Tochter wieder übernehmend, »was eigentlich in deiner

Vergangenheit ihn stören könnte? Daß Wronskiy dir den Hof machte? Das

passiert jedem jungen Mädchen.«

»Ach, sprechen wir nicht davon,« sagte Kity errötend.

»Nein, gestatte,« fuhr die Mutter fort, »du selbst wolltest mir ja

nicht gestatten, mit Wronskiy Rücksprache zu nehmen. Weißt du noch?«

»Ach, Mama!« sagte Kity mit einem Ausdruck von Leiden.

»Deine Beziehungen zu ihm konnten ja nicht weitergehen als sie durften;

ich selbst würde ihn noch ermutigt haben. Doch im übrigen, liebe Seele,

taugt es nicht für dich, wenn du dich erregst. Denke, bitte, hieran,

und beruhige dich.«

»Ich bin vollkommen ruhig, =maman=.«

»Wie war es doch zum Glück damals für Kity, daß Anna kam,« sagte

Dolly, »und wie verhängnisvoll wurde das für sie selbst. Da haben wir

es gerade umgekehrt,« fügte sie hinzu, betroffen über ihren eigenen

Gedanken. »Damals war Anna so glücklich und Kity hielt sich für

unglücklich. Welch ein völliger Umschlag! Ich denke oft an sie.«

»Das wäre das Weib, an welches man denken dürfte! Ein häßliches,

ausschweifendes Weib ohne Herz,« sprach die Mutter, welche nicht

vergessen konnte, daß Kity nicht einen Wronskiy, sondern einen Lewin

geheiratet hatte.

»Was ist es für ein Vergnügen, hiervon zu sprechen,« fuhr Kity voll

Verdruß fort, »ich denke nicht daran und will nicht daran denken. Ich

will nicht daran denken,« sprach sie, dabei dem wohlbekannten Klang der

Schritte ihres Mannes auf den Stufen zur Terrasse lauschend.

»Wovon ist denn die Rede >ich will nicht daran denken?<« frug Lewin,

die Terrasse betretend.

Niemand antwortete ihm, und er wiederholte seine Frage nicht.

»Ich bedaure, euer Frauenreich gestört zu haben,« sprach er,

mißvergnügt alle anblickend und wohl gewahrend, daß man über etwas

gesprochen hatte, wovon man in seiner Gegenwart nicht geredet haben

würde.

Einen Augenblick empfand er, daß er die Gefühle Agathe Michailownas

teile, die Unzufriedenheit darüber, daß man die Himbeeren ohne Wasser

einkoche, und über den fremdartigen Einfluß der Schtscherbazkiy. Er

lächelte aber doch und trat zu Kity.

»Nun, wie befindest du dich?« frug er sie, mit dem gleichen Ausdruck

auf sie blickend, mit welchem sich ihr jetzt alle zuwandten.

»Oh; ich befinde mich recht wohl,« sagte Kity lächelnd, »und wie geht

es bei dir?«

»Man fährt dreimal mehr, als der Wagen aushält. Aber wollen wir zu den

Kindern hinausfahren? Ich habe anspannen lassen.«

»Wie, willst du Kity im Wagen ausfahren?« frug die Mutter vorwurfsvoll.

»Wir fahren natürlich Schritt, Fürstin.«

Lewin nannte die Fürstin nie =maman=, wie das sonst Schwiegersöhne

thun, und dies war der Fürstin unangenehm, aber wenn er die Fürstin

auch sehr lieb hatte und achtete, konnte er sie doch nicht so nennen,

ohne die Empfindungen für seine dahingeschiedene Mutter zu entweihen.

»Fahret mit uns, =maman=,« sagte Kity.

»Ich will diese Unüberlegtheit nicht mit ansehen.«

»Dann gehe ich zu Fuß. Ich befinde mich ja ganz wohl.« Kity erhob sich,

trat zu ihrem Gatten und nahm dessen Arm.

»Ganz wohl, aber alles mit Maßen« -- bemerkte die Fürstin.

»Nun, Agathe Michailowna, ist das Eingemachte fertig?« sagte Lewin

lächelnd zu Agathe Michailowna, mit dem Wunsche sie heiter zu stimmen.

»Geht es gut nach der neuen Mode?«

»Muß wohl; es geht gut. Nach meiner Meinung ist es fertig.«

»Es ist besser so, Agathe Michailowna; das Eingemachte wird nicht sauer

und bei uns ist das Eis jetzt ohnehin schon gethaut, so daß es keinen

Platz zum Aufbewahren giebt,« sagte Kity, sogleich die Absicht ihres

Mannes durchschauend und sich in der nämlichen Absicht an die Alte

wendend. »Übrigens ist Euer Pökel so gut, daß Mama behauptet, ihn noch

nirgends so gegessen zu haben,« fügte sie hinzu, sich lächelnd einen

Zopf ordnend.

Agathe Michailowna blickte grollend Kity an.

»Ihr braucht mich nicht zu trösten, Herrin; ich beurteile Euch, wie er,

und befinde mich wohl dabei« -- sprach sie; der rauhe Ausdruck »er«

statt »der Herr« verletzte Kity.

»Wir wollen zusammen nach Pilzen gehen, Ihr könnt uns die Plätze

zeigen.« Agathe Michailowna lächelte kopfschüttelnd, als wollte sie

sagen »wenn ich Euch auch gern gram sein möchte, so kann ich es doch

nicht.«

»Handelt, bitte, nach meinem Rate,« sprach die alte Fürstin, »über das

Eingemachte legt Ihr ein Papier und feuchtet es mit Rum an; auch ohne

Eis wird alsdann niemals ein Kahm darauf kommen.«

3.

Kity war herzlich froh über die Gelegenheit, mit ihrem Gatten einmal

Auge in Auge allein sein zu können, da sie bemerkt hatte, wie ein

Schatten der Verstimmung über sein Alles so lebhaft ausdrückendes

Gesicht huschte, im Augenblicke da er die Terrasse betreten und man

ihm, als er gefragt hatte, wovon man spreche, nicht antwortete.

Als sie zu Fuß den anderen vorausgingen und außer Sehweite des Hauses

den ausgefahrenen, staubigen und mit Kornähren und Körnern überstreuten

Weg hinausschritten, stützte sie sich fester auf seinen Arm und preßte

denselben an sich.

Er hatte jenen momentanen, unangenehmen Eindruck bereits vergessen,

und empfand, in der Einsamkeit mit ihr, jetzt, da ihn der Gedanke an

ihre Schwangerschaft keinen Augenblick verließ, jene ihm noch neue,

freudige, vollkommen von Sinnenlust freie Befriedigung in der Nähe des

geliebten Weibes.

Zu sprechen war nichts, aber ihn verlangte es, den Ton ihrer Stimme zu

hören, die sich ebenso wie ihr Blick, jetzt in ihrer Schwangerschaft

verändert hatte. In ihrer Stimme wie in ihrem Blicke war eine

Weichheit, ein Ernst, ähnlich jener, die bei Leuten vorhanden zu sein

pflegt, die beständig auf ein einzelnes geliebtes Werk konzentriert

sind.

»Du wirst doch nicht müde werden? Stütze dich fester,« sagte er.

»Nein, ich bin so froh über die Gelegenheit, mit dir einmal allein zu

sein, und gestehe dir, daß mir, so wohl mir auch in ihrer Gesellschaft

ist, doch unsere Winterabende zu Zweien recht leid thun.«

»Es war schön, doch dies ist noch besser. Wir beide sind besser daran,«

sagte er, ihren Arm drückend.

»Du weißt, wovon wir sprachen, als du eintratest?«

»Von dem Eingemachten?«

»Ja, auch von dem Eingemachten, dann aber davon, wie man einen

Heiratsantrag macht.«

»Ah,« sagte Lewin, mehr den Klang ihrer Stimme hörend, als die Worte

die sie sprach, und fortwährend auf den Weg Bedacht nehmend, der jetzt

im Walde hinführte und diejenigen Stellen vermeidend, die sie nicht

sicher hätte betreten können.

»Auch von Sergey Iwanowitsch und Warenka. Du hast wohl bemerkt? -- Ich

wünschte es sehr,« fuhr sie fort, »wie denkst du darüber?« Sie blickte

ihm ins Gesicht.

»Ich weiß nicht, was man da denken muß,« antwortete Lewin und lächelte.

»Sergey erscheint mir in dieser Beziehung sehr seltsam. Ich habe dir

wohl erzählt« --

»Daß er jenes Mädchen, welches gestorben ist, geliebt hatte« --

»Das war der Fall, als ich noch ein Kind war. Ich kenne dies nur aus

der Überlieferung, kann mich aber noch auf ihn damals besinnen. Er war

wunderbar liebenswert. Seit jener Zeit beobachte ich ihn im Umgang mit

den Frauen; er ist liebenswürdig, manche gefallen ihm auch, aber man

fühlt, daß sie für ihn einfach nur Menschen sind, keine Weiber.«

»Ja, aber jetzt mit Warenka. Es scheint, daß doch etwas« --

»Kann sein, daß dem so ist -- doch muß man ihn eben erst kennen lernen;

er ist ein absonderlicher und wunderlicher Mensch. Er lebt nur ein

geistiges Leben und ist ein Mensch von allzu reinem und erhabenem

Gemüt.«

»Wie? Sollte ihn denn etwa ein solches Verhältnis erniedrigen?«

»Nein; aber er ist so daran gewöhnt, ein einsames Geistesleben zu

führen, daß er sich mit der Wirklichkeit nicht vertragen kann, und

Warenka ist doch immerhin eine Wirklichkeit.«

Lewin war jetzt schon gewohnt, seine Gedanken frei auszusprechen, ohne

sich zu bemühen, dieselben dabei in präcise Worte zu kleiden, er wußte,

daß sein Weib in den Minuten der Liebe, sowie auch jetzt schon aus der

Andeutung verstehen würde, was er sagen wollte, und Kity verstand ihn

auch.

»Ja; aber in ihr ist doch nicht diese Wirklichkeit, wie in mir; ich

verstehe; daß er mich wohl niemals hätte liebgewinnen können; sie

hingegen ist ganz Gemüt.«

»O nein; er liebt dich sehr, und mir ist es stets so angenehm, wenn die

Meinigen dich lieb haben.«

»Ja; er ist gut gegen mich, aber« --

»-- nicht so, wie mit dem verstorbenen Nikolay; ihr habt einander

liebgewonnen,« vollendete Lewin. »Weshalb sollte ich das nicht sagen?«

fügte er hinzu, »ich mache mir manchmal Vorwürfe, und das hört erst

damit auf, daß man vergißt. O, welch ein furchterweckender, und doch

reizvoller Mensch war er! Doch wovon sprachen wir?« sagte Lewin,

nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.

»Du denkst, daß er nicht zu lieben vermag,« sagte Kity, in ihre Sprache

übersetzend.

»Nicht, daß er nicht lieben könnte,« antwortete Lewin lächelnd, »aber

er besitzt nicht die Schwäche, die dazu nötig ist -- ich habe ihn stets

beneidet und selbst jetzt, wo ich doch so glücklich bin, beneide ich

ihn noch darum.«

»Du beneidest ihn, weil er nicht lieben kann?«

»Ich beneide ihn darum, daß er besser ist, als ich,« antwortete Lewin

lächelnd. »Er lebt nicht für sich; sein ganzes Leben ist der Pflicht

geweiht, und infolge dessen kann er ruhig und zufrieden sein.«

»Und du?« frug Kity mit schelmischem, liebevollem Lächeln.

Sie konnte nicht im entferntesten den Gedankengang ausdrücken, der sie

lächeln machte; aber das letzte Resultat desselben war dies, daß ihr

Gatte, von seinem Bruder entzückt, und sich vor demselben herabsetzend,

nicht mehr aufrichtig blieb.

Kity wußte, daß diese Heuchelei seinerseits von der Liebe zu dem Bruder

herrührte, von dem Gefühl seiner Besorgtheit darüber, daß er allzu

glücklich sei, und insbesondere seinem Wunsche, der ihn nie verließ,

besser zu sein. Sie liebte dies an ihm und lächelte daher.

»Und du? Womit bist du unzufrieden?« frug sie mit dem nämlichen Lächeln.

Ihr Mißtrauen seiner Unzufriedenheit mit sich selbst gegenüber,

erfreute ihn und ohne Besinnen forderte er sie heraus, ihm die Ursachen

ihres Mißtrauens mitzuteilen.

»Ich bin glücklich, aber mit mir nicht zufrieden,« sprach er.

»So kannst du also unzufrieden sein, wenn du glücklich bist?«

»Wie soll ich sagen. Ich wünsche in meinem Herzen nichts, als daß du

nicht strauchelst; so darf man natürlich nicht springen!« brach er das

Gespräch ab, mit einem Vorwurf, weil sie eine zu schnelle Bewegung

gemacht hatte, indem sie über einen auf dem Fußwege liegenden Ast

weggestiegen war, »wenn ich über mich Betrachtungen anstelle und mich

mit anderen vergleiche, besonders mit meinem Bruder, dann fühle ich,

daß ich ein Nichts bin.«

»Aber inwiefern denn?« fuhr Kity noch mit dem nämlichen Lächeln fort,

»wirkst du etwa nicht auch für andere? Und deine Meiereien, deine

Ökonomie, dein Buch?«

»Nein; ich fühle es namentlich jetzt -- und du bist schuld daran,«

sagte er, ihr den Arm pressend, »daß dem eben nicht so ist. Ich arbeite

nur so leichthin. Wenn ich all dieses Wirken lieben könnte, wie ich

dich liebe -- aber so habe ich die ganze letzte Zeit gearbeitet, wie

nach einer mir aufgegebenen Lektion.«

»Und was würdest du da über Papa sagen,« frug Kity; »er ist jedenfalls

auch nichts wert, weil er nichts für das Allgemeine gewirkt hat.«

»Er? Nein. Aber man muß jene Natürlichkeit, Klarheit, Güte besitzen,

wie dein Vater. Habe ich die etwa? Ich arbeite nicht, ich quäle mich

nur, und alles das hast du mir zugefügt! Wärest du nicht gewesen, so

wäre auch das da noch nicht,« sagte er, mit einem Blick auf ihren

Körper, den sie verstand, »so würde ich alle meine Kräfte auf die

Arbeit verwenden; jetzt aber kann ich dies nicht, und darüber ist mir

das Herz schwer; ich arbeite wie man eine aufgegebene Lektion lernt,

ich heuchle« --

»Nun, dann würdest du dich sogleich mit Sergey Iwanowitsch

ausgewechselt wünschen,« sagte Kity. »Würdest wünschen, jene

gemeinnützige Thätigkeit betreiben, und jene aufgegebene Lektion lieben

zu können, wie er sie liebt, und weiter nichts?«

»Natürlich nicht,« antwortete Lewin. »Im übrigen bin ich ja so

glücklich, daß ich nichts weiter begreife. Du denkst also, daß er ihr

heute schon seinen Antrag machen wird?« fügte er nach einer Pause hinzu.

»Ich denke, vielleicht aber wird er's auch nicht. Jedenfalls wünsche

ich es aufs Sehnlichste. Da, halt« -- sie beugte sich nieder und

pflückte am Rande des Weges eine wilde Kamille ab. »Nun zähle: Entweder

erklärt er sich heute, oder er erklärt sich nicht,« sprach sie und

reichte ihm die Blume.

»Er thut es, er thut es nicht,« sagte Lewin, die weißen, schmalen

langen Blätter abreißend.

»Nein, nein!« hemmte ihn Kity jetzt, seine Hand erfassend, nachdem sie

seinen Fingern voll Erregung gefolgt war. »Du hast zwei abgerissen!«

»Nun, dafür kommt dann dieses kleine hier nicht mit in Anrechnung,«

antwortete Lewin, ein kurzes, noch nicht entwickeltes Blättchen

abpflückend, »doch da hat uns der Wagen erreicht.«

»Bist du nicht ermüdet Kity!« rief die Fürstin.

»Nicht im geringsten!«

»So setze dich doch in den Wagen, wenn die Pferde ruhig sind, und fahrt

Schritt.«

Doch in den Wagen zu steigen, hätte keinen Zweck mehr gehabt; man war

schon dem Ziel nahe und alles ging zu Fuß weiter.

4.

Warenka mit ihrem weißen Tuch auf dem schwarzen Haar, von den Kindern

umringt, und gutherzig und heiter mit ihnen beschäftigt, erschien,

augenscheinlich aufgeregt durch die Möglichkeit einer Erklärung mit dem

Manne, welcher ihr gefallen hatte, sehr anziehend.

Anna Karenina, 2. Band · 第 6 / 13 题