Sie können nicht vertragen, in Häusern zu leben. Sie sind an das
Leben in der frischen freien Luft gewöhnt. In den Häusern werden
sie schwindsüchtig und siechen dahin wie Vögel, die man einfängt
und in einen Käfig steckt. Es ist ein großes Sterben unter den
Indianerkindern, denen der weiße Mann, um sie zu erziehen, den blauen
Himmel und die goldene Sonne raubt und ihnen dafür die düsteren
Schulräume gibt. So packte die böse Schwindsucht auch die zarte kleine
Lucile.
Dem alten Norisso wurde die Nachricht gebracht, daß sein Kind krank sei
und im Hospital liege. Es wurde ihm nicht gesagt, daß es mit dem Kinde
zum Sterben gehe, aber als der alte Mann es zum ersten Male besuchte,
merkte er, daß es sehr krank war, und sein Herz zitterte und bangte um
seinen Liebling. Sieben Meilen war Norissos armselige Sträucherhütte
von der großen Schule entfernt, und jeden Morgen und jeden Abend machte
der alte Mann den weiten Weg, um nach seinem Kinde zu fragen und es zu
besuchen.
Wenn Norisso kam, sagte er: „Ich will das kleine kranke Mädchen sehen.
Ich bin ihr Vater, müßt ihr wissen. Ich muß sie sehen.“ Dann wurde er
an das Krankenbett geführt. Es war eigentlich gegen die Regel, daß ein
Anverwandter eines kranken Kindes so oft kommen durfte, um eine Kranke
zu besuchen. Mit dem alten Norisso wurde aber eine Ausnahme gemacht.
Jedesmal, wenn er kam, sprach er die obigen Worte, als hätte er sie
auswendig gelernt, aber in einem Ton, daß niemand es gewagt hätte, ihm
seine Bitte abzuschlagen. Vor seinem „Ich bin ihr Vater, ich muß sie
sehen“ beugten sich selbst die strengen Anstaltsregeln.
Norisso kam nie mit leeren Händen. Er brachte immer etwas mit, um sein
Kind zu erfreuen. Es waren oft recht wundersame Dinge, die seine Liebe
zu dem Kinde ihn hatte suchen und finden lassen. Norisso war ein armer,
sehr armer Mann. Er konnte nicht in ein Geschäft gehen und kaufen, was
er seinem Kinde gern gegeben hätte, aber die Liebe ist erfinderisch,
und Lucile war über nichts so froh als über das, was ihr der Vater
brachte. Zuweilen kam auch eine der Lehrerinnen und besuchte die kranke
Lucile. Die kam dann auch nicht mit leeren Händen, aber die Dinge, die
die Lehrerinnen brachten, waren nichts gegen das, was der alte Vater
brachte. Der alte Norisso zog bunte Steine, bunte Lumpen, bunte Blumen,
bunte Papierstückchen aus der Tasche. O, wie dann die Augen des Kindes
leuchteten, wie sie die alten Hände des Vaters streichelte, wie sie
sogleich anfing, mit den mitgebrachten Dingen zu spielen!
Die Wärterinnen waren meistens sehr ungehalten über all den Unrat,
wie sie die Gaben nannten, die Norisso dieser auf die schönen reinen
Bettdecken ausbreitete, aber sie mochten die Freude des Kindes nicht
stören.
Eines Tages kam der Alte mit einem jungen Hunde. Lucile hatte Hunde
so lieb, wie überhaupt alle Tiere. Das ging aber doch nicht. Norisso
durfte den kleinen Hund garnicht mit ins Haus nehmen, nicht einmal
zeigen durfte er ihn dem Kinde. Er mußte ihn draußen lassen und ihn,
nachdem er die Kleine besucht hatte, wieder mit nach Hause nehmen.
Der Alte wußte sich aber zu helfen. Am nächsten Tage kam er und
hatte ein totes Eichkätzchen in seiner Tasche. Das gab er dem Kinde.
Die Freude und der Jubel der kranken Lucile waren so groß, daß die
Wärterin sich nicht entschließen konnte, der Kleinen das tote Tier
wegzunehmen. Erst als Lucile am Abend mit dem Eichkätzchen im Arm
eingeschlafen war, nahm ihr die Wärterin das geliebte Geschenk des
Vaters heimlich fort und schaffte es beiseite. Lucile meinte am
nächsten Morgen, das Tierchen sei über Nacht wieder lebendig geworden
und durch das offenstehende Fenster davongelaufen, freute sich darüber
und gönnte dem Tier die wiedergewonnene Freiheit und das Leben.
Lucile erzählte dem Vater, als er kam, was nach ihrer Meinung mit dem
Eichkätzchen vorgegangen war. Der Alte wußte es natürlich besser, sagte
aber nichts, sondern ließ das Kind bei seinem Glauben. Als aber gleich
darauf eine der Wärterinnen durch den großen Saal ging, schaute er
derselben sehr unwillig nach und ballte die Faust. Lucile merkte nichts
davon, sie war heute sehr müde und hielt die großen schwarzen Augen
fast immer geschlossen, was sie sonst nie tat, wenn der Vater bei ihr
war.
Einige Tage später hieß es eines Morgens: „Lucile ist tot, heute Nacht
ist sie gestorben.“
Als der alte Norisso kam und sein gewohntes: „Ich bin ihr Vater, ich
muß sie sehen“ sagte, führte man den alten Mann zur Leiche seines
letzten Kindes.
Sein Schmerz läßt sich nicht beschreiben. Sein Letztes, sein Alles
war ihm genommen. Nun hatte er nichts mehr auf dieser Welt. Dazu
war Norisso ein Heide. Er gehörte zu den Leuten, die keine Hoffnung
haben. Er wußte nichts von Dem, der dem Tode die Macht genommen und
unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat. Von einer Auferstehung
der Toten, einem ewigen seligen Leben, einem Wiedersehen und
Wiederfinden bei Gott im Himmel hatte er noch nie gehört. Trostlos
stand er an der Leiche seines Kindes und starrte dieselbe an. Es kam
keine Träne in seine Augen, aber er zitterte und bebte am ganzen Leibe.
Den Wärterinnen wurde ganz bange zu Mute in seiner Gegenwart, und als
Norisso gar keine Anstalten machte, fortzugehen, riefen sie den Herrn
Superintendenten der Schule, damit er dem Manne sage, daß er nun wieder
gehen müsse. Sie hätten ihm das aber ganz getrost selber sagen können.
Sobald Norisso hörte, daß er nun gehen solle, ging er. Es wurde ihm
auch noch mitgeteilt, daß Lucile am nächsten Tage beerdigt werde, und
daß er dem Begräbnis beiwohnen solle. Er nickte mit dem Kopfe und ging.
Am nächsten Tage wurde denn Lucile beerdigt. Man kann in dem heißen
Arizona eine Leiche nicht lange stehen haben, besonders in einer Schule
muß sie so schnell wie möglich beiseite geschafft werden.
Der alte Norisso kam schon zu früher Stunde. Er war in eine ganz neue
wollene Decke gehüllt. Niemand wußte, wo der arme Mann das Geld mochte
hergenommen haben, sich diese Decke zu kaufen. Wer aber auf seine Hand
geblickt hätte, hätte den breiten goldenen Ring vermißt, den Norisso
viele, viele Jahre beständig getragen hatte. Norisso hatte diesen Ring
gestern verkauft und für den Erlös die neue Wolldecke erstanden.
Es war alles sehr schön. Die sämtlichen Schulkinder, über dreihundert
an der Zahl, gingen mit zur Beerdigung. Auch der Herr Superintendent
war erschienen, seine Frau und alle die vielen Angestellten der großen
Schule waren zugegen. Man hatte sogar einen Prediger aus der nächsten
Stadt kommen lassen. Dafür hatte eine der Lehrerinnen gesorgt, die
ein frommes Herz besaß und die kleine Lucile in ihrer Klasse gehabt
hatte. Aus der Stadt war auch der hübsche weiße Sarg gekommen. Die
Kiste aber, in die der Sarg gestellt werden sollte, ehe er in die
Grube hinabgelassen wurde, hatten die großen Jungen unter Anleitung
ihres Lehrers in der Schreinerschule gemacht. Die Jungen hatten
diese Kiste sehr schön gemacht. Die Bretter waren glatt gehobelt
und alle sauber und genau zusammengesetzt. Der Herr Superintendent
sprach dem Schreinerlehrer einige anerkennende Worte über die Arbeit
aus. Es war kurz zuvor der Sarg in die Grube hinabgelassen worden.
Einige der andern Angestellten hörten diese Worte und beneideten den
Schreinerlehrer um das Lob, das ihm gezollt wurde.
[Illustration:
S. 89.
Zwei von ihnen hatten jeder zwei Kinder, der eine sogar ihrer drei.]
Der Prediger hatte die letzten Worte seiner Rede und darauf ein Gebet
gesprochen; die dreihundert Schulkinder sangen ein Lied, und dann wurde
der Sarg noch einmal geöffnet, damit der Vater einen letzten Blick
auf sein Kind werfen konnte. Da lag nun die Leiche vor ihm. Sie sah
garnicht aus, als wenn sie sein Kind, als wenn sie ein Indianerkind
wäre. Lucile war in ein feines weißes Spitzenkleidchen gekleidet. An
den Beinen hatte sie weiße Strümpfe und weiße Schuhe an den Füßen. Ein
Kranz von künstlichen weißen Blumen lag auf ihrem schwarzen Haar. Der
Kranz war so breit und dick, daß von den Haaren fast nichts zu sehen
war. Der Alte rührte sich nicht und kein Laut kam über seine Lippen.
Der Sarg wurde wieder geschlossen, dann in die Kiste gestellt; diese
wurde ebenfalls geschlossen, und dann mit dem schönen Sarg in die Grube
hinabgelassen.
Da stand nun letzterer in der dunkeln, kalten Erde, ganz allein, und
die tote Lucile lag darin. In seine neue wollene Decke gehüllt, stand
der alte Norisso am Grabesrande und schaute zu seinem Kinde hinab.
Dicke große Tränen rollten dem Alten die braunen Wangen hinab. Er
murmelte etwas vor sich hin, aber niemand konnte verstehen, was er
sagte. Es schien auch nicht für die Ohren anderer Leute bestimmt zu
sein, vielleicht für die der kleinen Lucile, die in der Ewigkeit weilte.
Der Herr Supenintendent gab den größeren Schulknaben ein Zeichen,
daß sie das Grab zuschaufeln sollten. Die Jungen ergriffen die
bereitstehenden Spaten und begannen die ihnen angewiesene Arbeit. Dumpf
dröhnend fiel der erste Spatenstich Erde auf den Sargkasten.
Der alte Norisso fuhr zusammen. Er warf die wollene Decke von sich, riß
den Jungen die Spaten aus den Händen und schleuderte sie fort. „Noch
nicht,“ sagte er mit gebieterischer Stimme.
Dann wandte er sich an den Herrn Superintendenten. Dieser sah den alten
Indianer mit einer Miene an, als wolle er ihn daran erinnern, wen er
vor sich habe. Norisso kümmerte sich nicht darum. Mit einer wahren
Donnerstimme schrie er den Superintendenten an: „Noch nicht! Ich bin
ihr Vater. Das mußt du wissen.“
Wer den Herrn Superintendenten in diesem Augenblicke sah, konnte
merken, wie er zusammenzuckte. Ja, wirklich, er zuckte zusammen unter
dem Wort des armen, verachteten Indianers, der doch so tief unter
ihnen stand. Warum? Vielleicht kam dem Herrn in diesem Augenblick
der Gedanke, daß auch ein Indianer Rechte hat, die sogar ein
Regierungsbeamter unter Umständen respektieren muß.
„Noch nicht!“ sagte Norisso zum dritten Male. Der Alte kniete nieder.
Er zog die wollene Decke, die er kurz von sich geworfen hatte, zu sich
heran, breitete dieselbe auf dem Erdboden neben dem Grabe aus, und
kletterte dann in die Grube zu dem Sarge seines Kindes hinab.
Da war niemand, der sich rührte, um ihn in seinem Tun zu hindern.
Der Donner von seinem: „Ich bin ihr Vater, das mußt du wissen,“ rollte
noch nach.
Unten in der Grube angelangt, hob der Alte die Sargkiste auf. Er tat
es vorsichtig, sehr vorsichtig und langsam, als fürchte er, sein darin
schlafendes Kind zu stören. Höher und höher hob er sie bis über den
Rand des Grabes. Dann setzte er sie sanft neben dem Grabe nieder.
Hierauf stieg Norisso wieder aus dem Grabe heraus. Es wurde ihm schwer
mit seinen müden, steifen, alten Gliedern, aber es ging.
Oben angelangt, nahm er den Sarg und stellte ihn mitten auf die vorher
ausgebreitete neue wollene Decke. Hierauf schlug er von den vier
Seiten her die Decke über dem Sarg zusammen, ihn auf diese Weise ganz
einhüllend.
Nachdem Norisso damit fertig war, kletterte er wieder in das Grab
hinab. Unten angelangt, zog er den in die wollene Decke gewickelten
Sarg hinter sich her und stellte ihn an seinen alten Platz.
Als der Alte nun aber wieder aus der Gruft heraussteigen wollte,
versagten ihm die Kräfte. Er konnte nicht allein wieder in die Höhe
kommen. Mehrere Hände streckten sich aus, um dem alten Manne zu helfen.
Unter diesen Händen auch die der frommen, kleinen Lehrerin, die den
Herrn Pastor auf ihre Rechnung hatte kommen lassen. Nicht ohne Mühe
wurde Norisso wieder aus dem Grabe gezogen.
Wie um Kräfte zu sammeln, setzte der Greis sich einen Augenblick an den
Rand des Grabes. Dann stand er auf. Er winkte den Jungen, sie sollten
ihre Spaten holen und ihre Arbeit vollenden. Dann wandte er sich ab und
ging fort. Er kam aber noch einmal zurück, trat wieder an den Rand des
Grabes, deutete mit der Rechten auf den in der Tiefe stehenden Sarg
und sagte langsam, jedes seiner Worte scharf betonend: „Sie war eine
Indianerin, das sollt ihr wissen. Und ich war ihr Vater, das sollt ihr
wissen.“
Dann ging er. Er schaute sich nicht mehr um, aber alle Anwesenden
schauten ihm nach. Bald war er ihren Blicken entschwunden.
Auf dem Heimwege sagte einer der Angestellten zu einem der ihn
begleitenden Herren: „Ich werde nie wieder über einen Indianer lachen,
der in seine wollene Decke eingehüllt geht. Ich habe das oft getan. Ich
habe mich auch oft darüber geärgert. Fortan werde ich weder lachen noch
mich ärgern, sondern immer an das denken, was ich heute gesehen habe.
Ich werde den alten Norisso nicht vergessen, wie er den Sarg, der sein
Kind barg, aus der Erde holte und ihn in seine wollene Decke wickelte,
um uns zu zeigen, wie lieb der Indianer letztere hat und wie viel ihm
darum zu tun ist, ein Indianer zu sein und zu bleiben.“
Hätten das noch mehr Leute gesehen, so würden sie nicht mehr lachen und
spotten über die wollenen Decken, die die Indianer so hoch schätzen.
Mein erster Schultag.
Im Jahre 1877 wurde ich nach dem Westen Amerikas auf eine der dortigen
Indianerreservationen geschickt, um daselbst eine Schule anzufangen.
Auf der Reservation, zu der ich gesandt wurde, war bis dahin noch
keine Schule gewesen. Keiner der dort lebenden Indianer hatte eine
Schulerziehung genossen. Keiner konnte die englische Sprache reden und
verstehen. Man sagte mir dies alles, bevor ich meine Reise dorthin
antrat. Der Verwalter der Reservation, Agent genannt, hatte kürzlich
ein Schulhaus, sowie ein Wohnhaus für mich und meinen Gehilfen
aufführen lassen. Ich war noch jung und hatte wenig Erfahrung im
Schulehalten. Ich konnte nicht recht verstehen, wie man dazu gekommen
war, mich für diesen Posten auszuersehen. Aber ich war gesund, kräftig
und unternehmungslustig. Das war wohl der Grund, warum man gerade mich
dahin schickte.
Von meiner langen Reise, von Land und Leuten, die ich an meinem
Bestimmungsorte antraf, will ich hier nicht erzählen, sondern nur
von meinem ersten Schultage. Ein erster Schultag ist ja immer etwas
besonderes. Ich werde ihn in meinem ganzen Leben nicht vergessen,
obwohl schon etliche Jahrzehnte seit jenem Tage verflossen sind.
In all den vielen Indianerhütten war angezeigt worden, daß die
Erwachsenen am nächsten Morgen alle Kinder in das neue Haus bringen
sollten. Das Schulhaus bestand aus einem großen Zimmer. Die eine Hälfte
desselben war mit Tischen und Bänken besetzt, die andere war leer. Auf
dieser freien Hälfte sollten die Kinder den Anweisungen entsprechend,
die ich erhalten hatte, körperliche Übungen machen.
Obwohl man zu den Indianern nur durch Zeichen hatte reden können,
hatten sie doch alle verstanden, was vor sich gehen sollte. Der
Indianer besitzt eine seltene Geschicklichkeit darin, sich durch
Zeichen und Mienen verständlich zu machen, und wer sich die nötige
Mühe gibt zu lernen, kann in kurzer Zeit von ihm lernen, sich ihm
verständlich zu machen. Wie gesagt, die Indianer, die vom Hörensagen
wohl wußten, was es mit einer Schule für eine Bewandtnis hat, hatten
alle verstanden, daß auch sie nun eine Schule bekamen, und daß ihre
Kinder dahin gehen sollten.
Der Morgen, an dem ich meinen ersten Schultag halten sollte, brach an.
Ich stand früh auf voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.
Die Hauptfrage war für mich zunächst, wie viele Kinder ich wohl
erhalten würde.
Zur festgesetzten Stunde läutete ich die neue große Schulglocke. Es
dauerte auch nicht lange, so kamen die Indianer an. Sie kamen von allen
Seiten, teils zu Fuß, teils auf ihren kleinen Pferden reitend. Aber,
was war denn das? Ich sah nicht ein einziges Kind. Nur Männer und
Frauen, junge und alte und ganz alte waren erschienen. Es waren ihrer
etliche hundert, aber abgesehen von den Säuglingen, die die Mütter auf
den Armen trugen, waren keine Kinder dabei. Die Leute kamen nicht ins
Haus, sie setzten sich vor der weit geöffneten Eingangstür auf den
Erdboden.
Nun erschien auch der Herr Agent. In seiner Begleitung befanden sich
einige der weißen Regierungsangestellten und ein Dutzend berittener
Indianerpolizisten.
Der Agent sah auf den ersten Blick, daß die Kinder fehlten. Wo waren
letztere? Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis man der Sache auf
den Grund kam. Die Indianer, die alle Mann für Mann von der neuen
Schule nichts wissen wollten, hatten ihre Kinder in die Berge gejagt
und ihnen Auftrag gegeben, sich zu verstecken. Sie selbst aber hatten
es nicht gewagt, der Aufforderung des Agenten nicht nachzukommen
und waren erschienen. Sie behaupteten freilich, die Kinder wären
ihnen davongelaufen, sie wüßten nicht, wo sie seien, aber das war
nicht der Wahrheit entsprechend, wie sich im Laufe der Verhandlungen
herausstellte.
Jetzt wandte sich der Agent an seine Polizisten. Diese waren
verheiratete Männer und hatten alle schulpflichtige Kinder. Er wollte
wissen, wo sie ihre Kinder hätten. Die Polizisten hatten es geradeso
gemacht wie die übrigen. Auch sie hatten sie in die Berge gejagt.
Nun machte der Agent der ganzen Gesellschaft klar, daß sie sich
sofort auf die Suche nach ihren Kindern machen und dieselben, sobald
sie sie gefunden hätten, in die Schule bringen sollten. Die Indianer
schienen zu merken, daß es Ernst sei; sie erhoben sich einer nach dem
andern und gingen und ritten davon. Bald waren sie den Blicken der
Zurückbleibenden entschwunden. Der Agent ging mit seinen Angestellten
wieder in sein etwa eine Meile entferntes Bureau, und mein Gehilfe und
ich blieben allein zurück.
Wir beide setzten uns auf die Schwelle der Haustür und warteten auf
das, was kommen werde. Wir sprachen darüber, ob die Indianer wohl
zurückkommen und ihre Kinder bringen würden und hatten so unsere
Bedenken. Wir mochten wohl eine gute Stunde gewartet haben, da sahen
wir etliche Reiter kommen. Es waren ihrer drei. Sie hatten es nicht
sehr eilig. Jetzt kamen sie näher. Wir konnten erkennen, daß es
Polizisten waren und sahen auch, daß sie nicht allein auf ihren Pferden
saßen. Jeder von den dreien hatte ein paar Kinder hinter sich sitzen --
zwei von ihnen hatten je zwei Kinder, der dritte sogar drei. Im ganzen
waren es sieben Kinder, zwei Mädchen und fünf Knaben.
Einer der Polizisten hatte in dreijährigem Dienst auf der Agentur ein
wenig englisch gelernt, vielleicht mehr als er zeigen mochte. Aus ihm
bekamen wir so nach und nach heraus, daß die sieben Kinder den drei
Polizisten gehörten, daß dies aber auch die einzigen Kinder seien, die
kommen würden, die andern seien alle weit, ganz weit weg, sie kämen
vielleicht nie wieder.
Die Schule konnte ihren Anfang nehmen. Wir hatten auf mindestens
siebenzig Kinder für den ersten Tag gerechnet und hatten nun ihrer
sieben, aber es war immerhin ein Anfang.
Ich winkte den Kindern, sie sollten in das Schulhaus kommen. Sie
wollten aber nicht. Als ich mich ihnen näherte, verkrochen sie sich
alle hinter ihren Vätern. Ich sagte darauf den Vätern, daß sie mit den
Kindern in die Schule kommen sollten. Das half. Die Polizisten gingen
hinein und die sieben Kinder folgten ihnen. Nun waren sie wenigstens
drinnen. Die drei Männer setzten sich sofort in einer Ecke des freien
Raumes auf den Fußboden. Die Kinder folgten ihrem Beispiel. Aber da
konnten sie doch nicht sitzen bleiben; sie sollten ja auf den Bänken
sitzen.
Mein Gehilfe und ich setzten uns auf eine der Bänke, um es den Kindern
vorzumachen. Wir zeigten ihnen dann durch Gebärden, wie schön es sich
da sitze, viel besser als auf dem Fußboden. Dann standen wir wieder
auf und erneuerten unsere Versuche, die Kleinen dazu zu bewegen, sich
auf die Bänke zu setzen. Ein energisches Kopfschütteln von den sieben
schwarzen Köpfen war die einzige Antwort. Sie wollten nicht. Da meinte
mein Gehilfe, der sehr klug war, es sei doch auch garnicht nötig, daß
die Kinder heute am ersten Tage gleich auf den Bänken säßen, das würde
sich schon mit der Zeit finden. Ich stimmte ihm bei, und so gaben wir
unsere Versuche, die Kinder auf die Bänke zu bringen, einstweilen auf.
„Aber ihre Hüte sollten sie doch abnehmen,“ meinte mein Gehilfe.
„Ja, da haben Sie recht,“ antwortete ich.
„Versuchen wir es, die Jungen dazu zu bewegen.“
Wir gingen beide hin, holten unsere Hüte und setzten uns dieselben auf
den Kopf. Dann winkten wir den Jungen, aufzupassen. Wir gingen nach der
Stelle im Zimmer hin, wo an der Wand eine Reihe von Haken angebracht
war, nahmen unsere Hüte ab und hängten sie auf. Darnach forderten wir
die Jungen durch Zeichen auf, ein gleiches zu tun. Ihre Antwort bestand
darin, daß sie sich ihre Hüte etwas fester ins Gesicht drückten.
„Hier muß man Gewalt gebrauchen,“ sagte ich zu meinem Gehilfen.
„Besser nicht,“ meinte dieser. Ich aber ließ mich nicht zurückhalten.
Ich ging gemächlich zu den fünf Jungen hin, und ehe sie sich dessen
versahen, hatte ich ihre fünf Hüte in meiner Hand und trug sie zu den
Haken. Ehe ich aber dort anlangte, waren die Jungen aufgesprungen,
mir gefolgt und hatten mir die Hüte entrissen. Noch zur rechten Zeit
dachte ich daran, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte mich
an dem Eigentum der Kinder vergriffen. Wie konnte ich bei diesen
Naturkindern einen andern Ausgang der Sache erwarten, als er sich
gezeigt hatte. Anstatt mich zu ärgern oder böse zu werden, drehte
ich mich um und lachte. Da lachten auch die Jungen und setzten sich
seelenvergnügt die zerlumpten Filzhüte wieder auf die dichten,
schwarzen Haare.
Aber siehe da, was machten die beiden Mädchen? Sie hatten wohl gleich
gemerkt, daß die Hutgeschichte sie nichts angehe, weil sie keine Hüte
auf den Köpfen hatten. So fühlten sie sich frei und unbelästigt. Woher
sie die Tiere hatten, weiß ich nicht, sie mußten sie wohl unter ihren
Umschlagetüchern mit hereingebracht haben. Die eine der beiden hatte
einen, die andere sogar zwei kleine, junge Hunde in ihrem Schoß und
spielten damit.
Ganz entsetzt sagte ich zu meinem Gehilfen: „Sehen Sie nur die beiden
Mädchen! Sie haben Hunde mitgebracht und spielen damit. Die müssen wir
ihnen unbedingt fortnehmen. So etwas können wir hier nicht dulden.“
„Warum nicht? Wollen wir doch froh sein, daß die Mädchen sich
beschäftigen! Es ist ein Zeichen, daß sie sich hier bereits ein wenig
zu Hause fühlen. Täten sie das nicht, so würden sie die Hunde nicht
hervorgeholt und mit ihnen zu spielen angefangen haben. Es ist immer
schon etwas, wenn wir in dem Bericht, den wir nach Washington senden
sollen, sagen können: Wir hatten zwei Mädchen. Dieselben haben mit
Hunden gespielt.“
Ich fing an, in meinem Herzen dem lieben Gott zu danken, daß er mir
diesen Gehilfen beschert hatte. Er war wirklich ein sehr verständiger
Mann. Er wußte die Dinge, den Verhältnissen entsprechend, von der
rechten Seiten anzusehen und anzugreifen.
Die beiden Mädchen durften also mit den Hunden weiter spielen. Sie
waren beschäftigt.
Nun wieder zu den Jungen! Ich machte unwillkürlich ein paar Schritte
zu der Ecke hin, in der sie saßen. Schnell griffen sämtliche Jungen
nach ihren Hüten und hielten dieselben mit ihren schmutzigen Händen
fest. Sie schienen zu befürchten, daß ich wieder einen Versuch machen
wolle, ihnen die geliebte Kopfbedeckung zu entreißen. Ich ging noch ein
paar Schritte weiter, da rissen sie ihre Hüte, wie auf ein gegebenes
Zeichen, von den Köpfen und -- setzten sich darauf.
Weg waren sie.
„Hurra!“ rief mein Gehilfe, „nun haben wir die Hüte von den Köpfen weg!
Großartiger Erfolg! Wird auch nach Washington berichtet! Ob sie an den
Haken hängen oder ob die Jungen darauf sitzen, das ist ganz einerlei,
solange sie nur nicht auf ihren Köpfen sind.“
„Aber das ist noch keine Beschäftigung, daß die Jungen sich auf ihre
Hüte setzen.“
„Nein, das nicht, aber doch die Vorbereitung zu einer Beschäftigung.“
„Ich werde ihnen etwas an die Wandtafel zeichnen. Vielleicht schauen
sie zu und nehmen Interesse daran.“
„Ja, tun Sie das,“ sagte mein Gehilfe.
Ich ging an die große Wandtafel, nahm ein Stück Kreide und zeichnete
einen Indianerkopf mit breiten langen Federn im Haar.
Als ich mich umdrehte, sah ich, daß sämtliche Jungen sich erhoben
hatten und mit weit geöffneten Augen mir zuschauten.