Kodaggo. Aus diesem Gespräch lernte sie folgendes. Kodaggo war sechzehn
Jahre alt. Ina hatte ihn für bedeutend älter gehalten. Er war vor
einigen Monaten aus der Regierungsschule auf die Reservation entlassen
worden. Bei dieser Gelegenheit hatte der Superintendent der Schule ihm
geraten, er solle auf eine der höheren Indianerschulen im Osten gehen.
Es solle alles von der Regierung bezahlt werden. Der Superintendent
hatte gemeint, Kodaggo habe sehr gute Anlagen und könne genug lernen,
wenn er fleißig wäre und genügend Zeit opfere, um eines Tages Lehrer in
einer der für seine Stammesgenossen gegründeten Schulen zu werden.
„Hat Kodaggo Lust, auf eine solche Schule zu gehen?“ fragte Ina.
Majull erwiderte: „Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich habe von
anderen Indianern gehört, daß er einerseits möchte, andererseits nicht.
Seine Eltern haben nichts dawider, wie mir meine Brüder gesagt haben.“
Jetzt sah Ina ihren Weg klar vor sich. Kodaggo mußte auf die hohe
Schule, und zwar auf die Schule, wo ihre Freundin Lehrerin war, jene
Freundin, der sie kürzlich das Wort „_nilchnscho_“ geschrieben
hatte. In zwei Wochen war Schulanfang. Es war also Eile vonnöten; noch
heute wollte Ina mit Kodaggo reden. Der junge Mann hatte ihr in jener
Nacht, da sie die Sänger zur Ruhe gebracht hatte, Vertrauen bewiesen,
und Ina zweifelte nicht, daß ihr Wort bei ihm etwas gelten werde. Noch
an demselben Tage hatte sie eine längere Unterredung mit Kodaggo. Als
der junge Mann hörte, daß er noch etwa sechs bis sieben Jahre würde
lernen müssen, wurde er stutzig und wollte nichts davon wissen. Ina
setzte ihm aber auseinander, daß das Lernen und Leben auf der hohen
Schule ein ganz anderes sei als das auf der Reservationsschule, und daß
viele junge Indianer von allen möglichen Indianerstämmen auf dieser
Schule zusammenkämen und froh wären, dort sein zu können und zu lernen,
schwanden nach und nach seine Bedenken und schließlich sagte er, Ina
solle alles für ihn bei dem Agenten und dem Schulsuperintendenten
ordnen, er wolle gehen. Am Abend schrieb Ina einen Brief an ihre
Freundin und legte ihr den jungen Mann, der in nächster Zeit auf
ihre Schule kommen werde, warm ans Herz, erzählte ihr auch viel von
Elinontis, seiner ihm nach Indianerbrauch bereits zugesprochenen
zukünftigen Ehefrau.
Am nächsten Tage ordnete Ina die Angelegenheiten bei dem Agenten.
Dieser sprach ihr ein sehr freundliches Lob darüber aus, daß sie in so
kurzer Zeit sich das Vertrauen der Indianer erworben habe. Es seien
ihm schon allerlei Gerüchte über ihre Tätigkeit zu Ohren gekommen und
besonders freue es ihn, daß sie sich auch um die jungen Leute bekümmere
und sie in der rechten Weise zu beeinflussen suche. Kein Menschenherz
ist unempfänglich für Lob und Anerkennung. Wer wollte es Ina verdenken,
daß sie sich über die Worte ihres Vorgesetzten freute!
Mit Elinontis schien seit dem Tage, da Ina ihr den Arm verbunden
hatte, eine Veränderung vorgegangen zu sein. Das Kind wurde zusehends
zutraulicher und dreister. Elinontis kam nun schon unaufgefordert ins
Haus, ging darin umher und beschaute sich all die schönen Dinge aus
der Nähe. Sie faßte nichts an, nur wenn sie an dem Bett vorbeiging,
streichelte und befühlte sie die schöne weiche Decke. Das tat sie
jedesmal, wenn sie ins Haus kam. Aber eins tat das Kind nicht. Es
sprach nicht. Ina hatte noch kein Wort aus seinem Munde gehört.
Elinontis schaute ihre Freundin wohl zuweilen mit ihren großen
schwarzen Augen an, aber nicht einmal in den Augen war etwas zu lesen,
was das Kind zu sagen sich scheute. Sie nickte auch nicht mit dem
Köpfchen, sie schüttelte den Kopf nicht. Es hatte fast den Anschein,
als könne das Kind weder hören noch reden. Das war aber nicht so. Ina
wußte ganz genau, daß die Kleine sehr scharf hörte, und als sie Majull
einmal fragte, ob das Kind etwa nicht reden könne, hatte er gelacht und
sie daran erinnert, daß er ihr eines Tages gesagt habe, daß die Zeit
schon kommen werde, da Elinontis mit ihr spreche, sie solle nur warten.
So wartete denn Ina von einem Tage zum andern.
Elinontis konnte reden. Wenn das Kind, wie heute, mit seiner Mutter
zusammensaß, dann waren die kleinen Lippen fast immer in Bewegung,
und die süße kleine Stimme hatte der Mutter beständig etwas zu
sagen. Letztere war auf dem besten Wege zu völliger Genesung. Heute
saß sie mit Elinontis vor ihrer Hütte im Sonnenschein. Die Indianer
lieben die Sonne, sie sitzen lieber in der Sonne als im Schatten. Die
Mutter konnte bereits wieder kleine Arbeiten verrichten. Ihre Hände
beschäftigten sich mit einer Perlenarbeit. Es sollte ein Halsband
werden. Sie reihte Perle an Perle. Elinontis reichte ihr die Perlen
aus einer kleinen irdenen Schüssel, die sie in ihrem Schoß hatte. In
derselben waren Perlen von allen denkbaren Farben. Elinontis wußte
ganz genau, ob jetzt eine rote oder eine blaue, eine weiße oder eine
gelbe Perle kam. Neben der irdenen Schüssel in Elinontis Schoß lag ein
fertiges Halsband. Auf blauem Grunde zeigte es buntfarbige Wüstenblumen
und grüne Blätter. Dieses Halsband diente der Mutter zum Muster, danach
sie ihre Arbeit anfertigte. Die kleine Elinontis verstand nach diesem
Muster der Mutter immer die richtige Perle zuzureichen. Sie machte nie
einen Fehler. Die Mutter konnte ohne Bedenken die Perle, die Elinontis
ihr mit der kleinen Hand reichte, auf ihre Nadel nehmen und damit
weiterarbeiten. So ging die Arbeit schnell und fröhlich voran. Die
Mutter brauchte keine Zeit damit zu versäumen, die Perlen auszusuchen,
und Elinontis war froh, daß sie helfen konnte und durfte, denn das
Halsband sollte -- Ina bekommen. Heute war Elinontis besonders froh,
denn es war Aussicht vorhanden, daß das Halsband heute fertig werden
würde. Es war Sonnabend. Ina hatte den freien Tag dazu benutzt, gleich
nach Mittag zu der zehn Meilen weit entfernten Agentur der Regierung zu
reiten. Majull war nicht bei ihr. Ina war ganz allein. Elinontis kannte
weder Zeit noch Uhr, aber das Kind konnte es fühlen, wann Ina etwa
wieder zurück sein könne. Wenn das Halsband bis zu der Stunde fertig
sein würde, wollte Elinontis von der Höhe des Hügels aus Umschau halten
und wenn sie Ina kommen sah, wollte sie hinlaufen und ihr das Geschenk
der Mutter übergeben. So hatten die beiden, Elinontis und ihre Mutter,
sich die Sache ausgedacht.
„Was willst du denn zu der weißen Frau sagen, wenn du ihr das Halsband
gibst?“ fragte die Mutter.
„Nichts.“
„Garnichts?“
„Nein, garnichts.“
„Aber du mußt doch etwas sagen.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Sie versteht mich ja doch nicht.“
„Sie würde sich aber freuen.“
„Sie kann meine Sprache nicht verstehn.“
„Das schadet nichts.“
„Wenn ich in der Schule ihre Sprache gelernt habe, werde ich mit ihr
reden.“
„Du willst in die Schule gehen?“
„Ja.“
„Die Schulen mögen gut sein für weiße Leute, aber sie sind es nicht für
Indianer. Sie mögen etwa gut sein für die Knaben, aber sie sind nicht
gut für die Mädchen.“
„Ich will aber so schöne Bücher haben, wie die weiße Frau.“
„Was willst du damit?“
„Das weiß ich nicht. Aber Bücher müssen etwas Gutes sein.“
„Warum?“
„Weil die weiße Frau Bücher hat.“
„Darum brauchen die Bücher nicht notwendig gut zu sein.“
„Die weiße Frau sitzt jeden Morgen früh vor ihrer Tür und schaut in
die Bücher hinein. Ich habe Kodaggo gefragt, warum sie das tut. Er hat
geantwortet, sie lese darin.“
„Was ist das, lesen?“
„Das weiß ich nicht. Aber man lernt es in der Schule. Kodaggo hat es
gesagt. Ich will es lernen. Es ist etwas Gutes. Ich will in die Schule
gehen.“
„Ach ja, du wirst wohl müssen,“ seufzte die Mutter. „Du bist jetzt
schon im siebenten Jahre. Wenn die Schule wieder anfängt, wird wohl
eines Tages ein Polizist kommen und dich holen.“
„Ich werde nicht warten bis der Polizist kommt. Ich lasse mich nicht
von dem Polizisten in die Schule bringen. Ich gehe in die Schule, weil
ich will.“
„Weil du willst?“ Die Mutter schüttelte den Kopf, während sie diese
Worte sagte. „Wie töricht du redest! Kein Kind geht in die Schule, weil
es will; sie gehen alle, weil sie müssen.“
„Ich aber nicht. Ich gehe, weil ich will. Kodaggo auch. Kodaggo geht
ganz weit weg in eine große Schule. Und wenn er zurückkommt, bin ich
schon groß und Kodaggo ist dann gerade so klug wie die weiße Frau. Er
hat mir das gesagt.“
„Und du willst mich ganz allein lassen?“
„Nein, ich komme jeden Abend nach Hause, und jeden Morgen, ehe ich
fortgehe, hole ich dir Wasser.“
„Es wird sich finden,“ sagte die Mutter.
„Es wird sich finden,“ wiederholte Elinontis, sie wußte aber nicht, was
diese Worte für eine Bedeutung hatten.
„Erzähle mir, was du im Hause der weißen Frau siehst, wenn du am Morgen
hineingehst,“ sagte die Mutter. Das Kind erzählte ihr das alle Tage.
Die Mutter wußte aber, wie gern es davon erzählte, darum ward sie
nicht müde, ihm immer aufs neue zuzuhören. Dazu kam auch, daß Elinontis
alle Tage neue Entdeckungen und Beobachtungen in dem Hause Inas machte.
„Sage mir, was sie alles in ihrem Hause hat,“ sagte die Mutter.
Und Elinontis hub an. Sie zeigte der Mutter ihre fünf Finger der
rechten Hand und sagte: „So viele Dinge hat sie, die sie Stuhl nennt.
Kodaggo hat mir gesagt, daß ein solches Ding Stuhl heißt. Wir haben
kein Wort dafür, weil wir solche Dinge nicht haben. Es sieht aus wie
eine Spinne, hat aber nur vier Beine, vier lange Beine. Auf diesen
Dingern sitzt Ina. Heute sitzt sie auf dem einen, morgen auf einem
andern. Sie müssen wohl müde oder schwach werden, wenn sie immer auf
ein und demselben sitzen würde. Mitten im Hause steht so ein Ding mit
vier sehr langen Beinen. Darauf liegt eine Decke. Ich weiß nicht,
ob das Ding friert. Ich glaube aber nicht, denn es ist tot und ist
von Holz gemacht. Auf der Decke liegen Bücher und andere Sachen, die
ich nicht kenne. In dem andern Zimmer hat sie einen großen schwarzen
Kasten. Darin steckt sie Holz und zündet es an. Der Kasten selbst aber
brennt nicht. Auf demselben stehen viele Töpfe. Darin kocht sie Fleisch
und anderes. Sie hat auch eine Kaffeekanne. Die wäscht sie jeden Morgen
und sie sieht so blank aus wie das silberne Armband an deinem Arm.“
So erzählte das Kind und wurde nicht müde, von all den Herrlichkeiten
zu berichten, die Ina in ihrem Besitz hatte, am meisten aber sprach
sie von dem Bett und der schönen weichen Decke. Wenn sie dann fertig
war, schloß sie immer mit den Worten: „So ein Haus will ich auch einmal
haben, wenn ich groß bin, und lauter solche Sachen und so ein schönes
Bett mit einer weichen warmen Decke.“ Dann lächelte die Mutter, als
wollte sie sagen, sie wisse besser, wie das kommen werde, aber sagte
nichts dagegen.
Plötzlich sprang das Kind auf, klatschte in die Hände und jubelte laut:
„Fertig, fertig!“ Die Mutter hatte die letzte Perle an das Halsband
gereiht. Elinontis konnte die fertige Arbeit noch diesen Abend der
weißen Frau übergeben.
Mutter und Kind betrachteten das Halsband noch einmal aufmerksam von
allen Seiten, dann steckte Elinontis es in ihre Tasche und verließ die
Hütte. Sie ging an den Abhang des Hügels, an dessen Fuß die Landstraße
sich entlang zog, auf der Ina heimgeritten kommen mußte. Während sie
dahinging, hob sie hier und dort einen Stein auf, den ihr suchend und
prüfend Auge gewählt hatte. Als sie am Rande des Hügelabhanges ankam,
setzte sie sich und begann mit den Steinen zu spielen. Sie warf sie in
die Höhe und fing sie wieder auf, gerade wie weiße kleine Mädchen es
machen. Nur war Elinontis weit geschickter als jene. Es kam fast nie
vor, daß sie einen der in die Höhe geworfenen Steine nicht auffing.
Passierte es aber doch einmal, so murmelte sie Scheltworte über ihre
Ungeschicklichkeit vor sich hin. Dabei warf sie gelegentlich einen
Blick zur Sonne hinauf. Die Sonne war ihre Uhr. Mit der Zeit wurden
diese Blicke häufiger, schließlich stellte sie das Spiel mit den
Steinen ganz ein und ihr Auge wandte sich dem Platze auf der Landstraße
zu, wo sie wußte, daß sie die heimkehrende Ina und ihr Pferd zuerst
würde sehen können. Dann war es Zeit, zu der Landstraße hinabzusteigen,
um der Vorüberreitenden das Halsband einzuhändigen.
Jetzt wirbelte Staub auf. Elinontis springt in die Höhe, um genau
sehen zu können. Ja, es ist Inas Pferd, das sie da in der Staubwolke
sieht. Was hat das aber zu bedeuten? Sie kann ja gar keine Reiterin
auf dem Pferde sehen. Und wie wild kommt das Pferd dahergejagt! Doch!
Jetzt sieht sie! Ina sitzt auf dem Pferde! Aber die Zügel sind ihren
Händen entglitten. Sie liegt mehr auf dem Rücken des Tieres, denn
daß sie darauf sitzt. Sie hat sich an den Sattelknopf angeklammert.
Sie hat keinen Hut auf dem Kopf. Wild fliegt das aufgelöste Haar im
Winde. Ohne Zweifel hat das Pferd gescheut und ist mit seiner Reiterin
durchgegangen. Einen Moment legt sich ein lähmender Schrecken auf das
Kind, aber nur einen Moment. Das Kind der Wüste und Berge, dem kein
Pferd zu wild ist, daß es sich nicht auf dessen Rücken setzen und
es reiten könnte, schüttelt schnell den Schrecken ab. Springend und
laufend eilt Elinontis, so schnell eben nur ein Indianerkind das kann,
zwischen dem Steingeröll und Dorngestrüpp den Hügelabhang hinab. Noch
eher als das wild jagende Pferd ist Elinontis zur Stelle. Mit weit
geöffneten Augen, ausgestreckten Armen, ausgespreizten, gekrümmten
Fingern, vornüber gebeugt, schier wie ein Raubtier, das auf seine
Beute lauert, steht sie da an der Hügelwand, etwa zwei Fuß über der
Landstraße. Näher und näher kommt das wild dahinjagende Tier. Jetzt
ist der rechte Augenblick gekommen. Lautlos, wie eine Wildkatze, wie
ein junger Löwe, springt das Kind dem Pferde an den Hals und reißt
seine Arme fest um des Tieres Schlund und Gurgel. Das Pferd schrickt
zusammen. Es macht nur noch ein paar tanzende Schritte, dann steht es
still. Elinontis läßt mit dem Druck ihrer Arme etwas nach, legt den
Kopf an des Tieres Maul und bläst ihm in die Nüstern, leise und sanft.
Das beruhigt das Tier. Bald läßt Elinontis den einen Arm ganz los und
hängt nur noch mit dem andern an des Pferdes Hals. Sie klopft letzteren
und schließlich läßt sie ihn ganz los und gleitet hinab. Das Tier stand
vollkommen beruhigt. Jetzt kann Elinontis sich nach Ina umsehen.
In dem Augenblick, da Elinontis ihren Kopf wandte, um sich nach der
weißen Frau umzusehen, sank diese vom Pferde. Das Kind sprang hinzu
und wollte die Freundin auffangen, aber es war bereits zu spät. Ina
fiel bewußtlos auf den Erdboden. Elinontis löste schnell den rechten
Fuß, der noch im Steigbügel steckte. O, was wäre geworden, wenn das
Pferd im Laufe geblieben wäre! Es hätte Ina zu Tode geschleift. Jetzt
beugte das Kind sich über die bewußtlose Frau. Das Naturkind stand
nicht ratlos. Es liegt ihm im Gefühl, was in derartigen Fällen zu tun
ist. Elinontis rieb Ina die Schläfen, bewegte ihre Arme, blies ihr in
die Nase, wie sie es zuvor bei dem Pferde getan hatte. Und dann fing
sie an, zu ihr zu sprechen, sie sprach ihr ins Ohr und rüttelte sie.
Und wieder sprach sie. O, Ina mußte doch hören, was das Kind sagte, und
wäre sie schon halb tot gewesen, sie hätte es hören müssen und hätte es
gehört. Langsam, leise kam das Bewußtsein zurück. Gerade, als Ina die
Augen aufschlug, gerade, als die Sinne zurückkehrten, gerade, als ihr
Ohr wieder fähig wurde, den ersten Laut aufzunehmen, sagte die kleine
Elinontis noch einmal, was sie schon etliche Male gesagt, ohne daß Ina
es gehört hatte. Aber jetzt hörte Ina es ganz deutlich, und es klang
ihr wie Engelsang und wie ein Lied aus höherem Chor, dieses einzige
Wort, das Ina in der Indianersprache verstehen konnte, das jetzt der
liebe kleine Mund sprach, der so lange verschlossen gewesen war. Ina
hörte, wie Elinontis ihr ins Ohr rief: „_Nilchnscho._“ „Ich habe
dich lieb.“
Da war aber das Bewußtsein voll und ganz zurückgekehrt. Ina nahm das
Kind in ihre Arme, herzte, drückte und küßte es. Und Elinontis? Wehrte
sie sich? Nein, sie wehrte sich nicht, sie ließ es ruhig geschehen,
ja schließlich schlang sie sogar ihre kleinen Arme um Inas Hals und
wiederholte noch einmal: „_Nilchnscho_, ich habe dich lieb.“
* * * * *
Hiermit ist nun eigentlich unsere Geschichte zu Ende, denn sie heißt:
„Das erste Wort der kleinen Elinontis.“ Die kleine Elinontis hat ihr
erstes Wort gesprochen. Sie hat _nilchnscho_ zu Ina gesagt. Weil
nun aber die kleinen Leser und Leserinnen auch Ina und Elinontis lieb
gewonnen haben, so möchten sie gewiß gern wissen, was später aus ihnen
geworden ist. So soll das denn hier noch kurz zum Schluß gesagt werden.
Elinontis hat nicht gewartet, bis sie in der Schule die Sprache
Inas gelernt hatte. Sie hat seit jenem Abend angefangen, in ihrer
Indianersprache mit der Freundin zu reden. Ina hat ihr in ihrer Sprache
geantwortet, und ehe etliche Monate vergangen waren, konnten die beiden
einander ganz gut verstehen. Ina lernte ein Indianerwort nach dem
anderen und Elinontis behielt mit seltener Geschwindigkeit, was Ina ihr
in ihrer Sprache beibrachte. Als Elinontis dann im Herbst in die Schule
kam, konnte sie schon so viel Englisch verstehen, daß die Lehrerin sie
bereits am zweiten Tage in die Abteilung der Kinder einreihte, die
eine Fibel hatten. Die Freude der kleinen Elinontis war groß. Acht
Jahre lang ist Elinontis dann in die Schule gegangen. Wenn sie am Abend
nach Hause kam, ging sie zuerst zu ihrer Mutter. Es verging aber kein
Tag, ohne daß sie zu Ina kam. Je älter sie wurde, desto mehr lernte sie
in der Schule und besonders von Ina. Bei letzterer lernte sie nähen,
stricken, stopfen und flicken, kochen und waschen. Sie lernte aber auch
das Beste und Wichtigste, was ein Mensch lernen kann und was man in den
Regierungsschulen in Amerika nicht lernt, weil die Gesetze des Landes
es verbieten. Ina unterwies ihre kleine Elinontis in allem, was die
Heilige Schrift lehrt. So lernte Elinontis Jesum kennen und lieben.
Als sie nach acht Jahren aus der Schule entlassen wurde, kam auch
Kodaggo aus der hohen Schule, die er im Osten besucht hatte, zurück. Er
hatte die kleine Elinontis nicht vergessen. Nach einigen Wochen wurde
sie seine Frau.
Kodaggo erhielt eine Anstellung als Indianerfarmer. Dies bedeutet, daß
er die Indianer im Ackerbau unterweisen mußte. Kodaggo hatte auf der
hohen Schule die Ackerbaukunst gründlich studiert und ein Zeugnis der
Reife mitgebracht, das ihn zu einer Ackerbaulehrerstelle auf einer
Indianerreservation berechtigte.
Kodaggos Stellung brachte ihm außer einem schönen monatlichen Gehalt
auch ein Wohnhaus. Es war gerade so ein Haus, wie Ina es bewohnte, nur
war es geräumiger, weil es für eine Familie berechnet war. Elinontis
Freude war groß. Nun bekam sie Stühle und Tische, einen Kochofen,
Bilder, Spiegel und lauter Sachen, wie Ina sie hatte. Kodaggo mußte das
alles kaufen. Eins brauchte er aber nicht zu kaufen. Ein Bett, gerade
so eins, wie sie selber hatte, mit einer eben solchen schönen, weichen
weißen Decke, wie Elinontis sie so gerne hatte, schenkte Ina dem jungen
Paare zur Hochzeit.
Ina blieb nach Elinontis Vermählung noch etliche Jahre auf der
Reservation, dann aber zog sie in ihre ferne östliche Heimat zurück.
Bis zu ihrem Lebensende machte sie jedoch jeden Sommer einen Besuch bei
ihrer Elinontis.
* * * * *
Kodaggo und Elinontis sind keine Heiden geblieben. Eine
Missionsgesellschaft sandte einen Missionar auf die Reservation. Der
hat die beiden bald kennen gelernt. Sie wurden an ein und demselben
Tage, samt ihrem ersten Kinde, getauft. Das Kind erhielt den Namen Ina.
Deren Patin kam aus dem fernen Neuyork, um das Kind über die Taufe zu
halten. Es war eine große Freude, denn Kodaggo und Elinontis waren
lange Jahre ohne Kinder gewesen.
* * * * *
Kodaggo bekleidet noch heute die Stellung als Indianerfarmer. Er ist
hoch geachtet bei den übrigen Indianern. Elinontis hat Freundschaft mit
Inas Nachfolgerin geschlossen. Wenn sie Zeit hat, begleitet sie die
Feldmatrone auf ihren Ritten zu den Indianerhütten und hilft ihr, das
Zutrauen der Indianerfrauen zu gewinnen.
An Kodaggo und Elinontis hat sich das Wort der Schrift erfüllt: „Ich
will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“
Der alte Norisso.
Die Indianer haben eine große Vorliebe für rote, wollene Bettdecken.
Sie schlafen des Nachts darunter, und am Tage, wenn es kalt ist,
wickeln sie sich in diese Decken ein und gehen damit umher. Die
weißen Leute, besonders die Regierungsbeamten in Amerika, möchten
den Indianern diese Gewohnheit gerne abgewöhnen. Die Indianer sollen
Überröcke und Mäntel tragen, wie die weißen Leute. Die Indianer aber
wollen nicht. Sie wollen nicht von den roten, wollenen Decken lassen,
die sie so lieb haben. Sie haben aber noch einen anderen Gedanken
dabei, wenn sie sich in die wollenen Decken einhüllen. Sie wollen
nicht sein wie die weißen Leute, sondern Indianer sein und bleiben.
Sie wollen etwas anderes sein als die weißen Leute und wollen dies
letzteren auch durch die Art, wie sie sich kleiden, zeigen. Darum
ärgern sich viele weiße Leute über die Indianer. Sie vergessen ganz,
daß sie ihnen das vormachen.
Besonders in den Regierungsschulen für Indianerkinder wird darauf
hingearbeitet, daß die Kleinen sich kleiden lernen, wie die Weißen.
Es hilft aber nur in sehr wenigen Fällen. Wenn sie aus den Schulen
entlassen werden und zu den Hütten ihrer Eltern zurückkehren, leben
und kleiden sie sich in der Regel sofort wieder so, wie die Alten.
Die Mädchen machen sich die bunten weiten Kleider, die Jungen hängen
sich Perlen, Federn und Silberstücke an Hals, Arme und Hut, und alle
greifen zu der Wolldecke, um sich hineinzuhüllen, wenn kalte Tage
kommen. Sie gehen ganz unbekümmert um das Gelächter und Gespött der
weißen Leute mit ihren Wolldecken in die Städte, in die Kaufläden --
kurz, überallhin. Den weißen Mann ärgert das, aber der Indianer kümmert
sich nicht darum. Es ist ihm eine Freude und eine Genugtuung, zeigen zu
können, daß er ein Indianer ist und bleibt.
Der alte Norisso hatte ein kleines Mädchen namens Nauchtlidolga. Als
Nauchtlidolga sechs Jahre alt war, kam ein Polizist in seine Hütte
und sagte ihm, sein Kind sei jetzt alt genug, es müsse in die Schule
geschickt werden. Die Schule, dahin das Kind gebracht werden sollte,
war eine Kostschule, in der die Kinder alles, was sie brauchen,
auf Kosten der Regierung erhalten. Die Kinder werden gekleidet und
gespeist; erhalten Bücher und Spielzeug; schlafen in guten, weichen,
warmen Betten, wohnen in hellen, geräumigen, schön eingerichteten
Räumen. Es ist alles so gut, wie man es sich nur denken und wünschen
kann. Die Indianerkinder aber wollen nicht in diese Kostschulen.
Sie wollen daheim bei ihren Eltern bleiben. Sie essen lieber das
kümmerliche Brot, das die Mutter backt, schlafen lieber auf den
schmutzigen Decken, die auf dem harten Erdboden liegen, tragen lieber
die ärmlichen Kleider, die der Vater kaufen kann, wenn sie nur daheim
bleiben können.
Aber gegen Macht und Gewalt kann ein armer Indianer nichts ausrichten.
Der Indianerpolizist nahm die kleine Nauchtlidolga auf sein Pferd und
ritt mit ihr davon.
In der Schule mußte das Kind zuerst seinen schönen Namen hergeben. Die
Regierungsangestellten sind der Meinung, daß man so einen Indianernamen
garnicht aussprechen könne. Daher erhalten alle Kinder, wenn sie in
die Schule kommen, einen neuen, sogenannten zivilisierten Namen.
Nauchtlidolga wurde als Lucile in die Register des großen Schulbuches
eingetragen.
Lucile wurde bald der Liebling der sämtlichen Lehrerinnen an der großen
Schule. Sie war ein sehr hübsches Kind und ein kluges obendrein.
Lehrerinnen haben kluge und hübsche Kinder in der Regel sehr gern.
Lucile war aber auch lieb und freundlich, gesprächig und lernbegierig.
Es war kein Wunder, daß sie bald von jedermann geliebt wurde.
Die größte Liebe aber hegte ihr alter Vater zu ihr. Lucile war das
einzige Kind seiner vierten Frau. Diese lag bereits unter der Erde,
wie auch die drei, die er vorher gehabt hatte. Auch alle Kinder, die
er gehabt hatte, waren nicht mehr am Leben. Der alte Mann hatte nur
noch seine kleine Lucile. Diese war die Freude und der Trost seines
Alters. O, mit welch schwerem Herzen sah er das Kind scheiden! Ein
Indianer weint selten. Als aber sein letztes Kind mit dem Polizisten
davongeritten war, hatte Norisso mit hellen Tränen in den alten Augen
vor seiner Hütte gestanden und den beiden nachgeschaut. Es war ihm zu
Mute, als werde das Kind nie wieder neben ihm am Feuer sitzen, nie
wieder mit ihm in der Abenddämmerung plaudern, nie wieder mit ihm von
seinem Teller essen und aus seinem Becher trinken.
Drei Monate war das Kind in der Schule, dann wurde es krank. Der Arzt
erklärte, es habe die Schwindsucht und müsse sterben. So wurde Lucile
in das Hospital gebracht.