und blickte in das Haus hinein. Es war das erstemal, daß das Kind der
Wüste, die Bewohnerin der elenden Sträucherhütte, in das Haus eines
zivilisierten weißen Menschen schaute. Starr blickten die großen
leuchtenden Augen. O, was sie da alles zu sehen hatten, das schönste
von allem aber war doch das große, weiße Bett, in dem Ina lag. Sie
schlief, Elinontis sah dies sofort. Nun brauchte sie ja gar keine Angst
und Unruhe zu haben. Sie konnte sich ganz ruhig all die schönen Sachen,
die in dem Hause waren, ansehen. Einige der Indianerkinder, die in
Inas Nähe wohnten, gingen in die Schule. Die brachten zuweilen Bücher
und Bilder mit heim. Elinontis hatte auf diesen Bildern gerade solche
Dinge gesehen, wie Ina sie hier in ihrem Hause hatte, Stühle, Tische,
Schränke, einen großen Spiegel usw., aber in Wirklichkeit sah das Kind
dieselben heute zum ersten Male. Kein Wunder, daß Elinontis ganz stumm
und starr war. Aber plötzlich lachte sie leise vor sich hin und hielt
sich den kleinen Mund zu, damit ja kein Laut über ihre Lippen käme, der
die Schläferin wecken könnte. Elinontis erblickte auf einem der Tische
ein Glas, und in dem Glase stand ein großer Strauß gelber Blumen. Wie
komisch das doch war! Die Blumen, die die Kühe fressen, hatte die weiße
Frau sich in ihr schönes Haus geholt und auf den Tisch gestellt. Was
sie wohl damit wollte? Sie konnte sie doch nicht essen, sie war doch
keine Kuh. Wieder mußte sie lachen und die zweite Hand zu Hilfe nehmen,
um den Mund fest zuhalten zu können.
Das Kind konnte sich garnicht satt sehen, aber immer wanderten
ihre Blicke zu dem Bett und der Schläferin zurück. Das schönste in
dem ganzen Hause war doch die große weiße Decke, mit der Ina sich
zugedeckt hatte. Wie mochte die so warm und weich sein! In dem Herzen
der kleinen Elinontis regte sich der Wunsch, sie möchte einmal die
schöne Decke anfassen, ein bißchen drücken und streicheln. Wie waren
die Decken, die in ihrer Hütte auf der Erde lagen, unter denen sie
schlief, so hart, so schmutzig, so zerrissen! O, wie ganz anders
erschien die Decke, die die weiße Frau hatte!!
Der Wunsch, das Ding einmal ganz aus der Nähe zu sehen und anzufassen,
war so stark in dem Herzen des Kindes, daß es alle Furcht und Scheu
verlor und schon den Gedanken gefaßt hatte, in das Haus und an das Bett
heranzuschleichen, als die Schläferin plötzlich eine Bewegung mit dem
einen Arme machte. Hei, wie Elinontis davonflog! Hätte Ina in demselben
Moment die Augen aufgeschlagen, sie hätte doch nichts mehr von der
Besucherin zu sehen bekommen, die sie vor ihrer Haustür gehabt hatte.
Ina wachte aber noch nicht auf. Sie schlief ruhig weiter, während
Elinontis, so schnell sie konnte, ihren Krug mit Wasser füllte und
damit nach Hause eilte. Sie warf noch einen Blick nach der geöffneten
Tür. Ina kam nicht heraus. Wie froh war das Kind!
Majull war sehr aufgebracht, als er kam. Ina war noch beim
Kaffeetrinken. Er kam zu ihr in die Küche und schalt sie gehörig aus.
Die Indianer hatten ihm erzählt, daß Ina mitten in der Nacht bei den
Hütten gewesen sei, und was sich da alles zugetragen habe.
„Weißt du nicht, daß es gefährlich ist, mit einem betrunkenen Indianer
zusammen zu kommen?“ fragte er. „Ein solcher ist nicht wie ein
betrunkener weißer Mann. Wenn ein weißer Mann betrunken ist, dann
beträgt er sich wie ein Narr. Ist ein Indianer betrunken, so ist er wie
ein wildes Tier. Er beißt, schlägt, sticht, schießt, und ist gefährlich
für jeden, der ihm in den Weg kommt. Darum verbietet auch die
Regierung, den Indianern berauschende Getränke zu verkaufen. Wenn einer
unserer Leute betrunken ist, gehen wir ihm aus dem Wege, bis er wieder
nüchtern geworden ist -- du aber gehst ohne Schutz mitten in der Nacht
zu einer Schar betrunkener Indianer. Es hätte dein Tod sein können.“
„Sie waren garnicht betrunken, wenigstens noch nicht, als ich hinkam,“
verteidigte Ina sich.
„Das konntest du nicht wissen, sie hätten es gerade so gut schon sein
können. Es sind fast immer etliche betrunken, wenn sie die Nacht
hindurch singen. Sie wissen sich das verbotene Getränk zu verschaffen,
trotz aller Wachsamkeit der Polizei. Und wenn sie nichts kaufen können,
verstehen sie es, sich selber etwas zu bereiten. Du darfst das nie
wieder tun,“ sagte Majull und drohte mit dem Finger.
Ina lachte. „Du weißt ja, ich fürchte mich nicht,“ sagte sie.
„Du sollst dich auch nicht vor den Indianern fürchten,“ entgegnete
Majull, „solange sie nüchtern sind, aber wenn sie betrunken sind, mußt
du es wohl. Wenn du es nicht tust, wirst du eines Tages dafür zu leiden
haben. Und ich will nicht, daß dir etwas zuleide getan wird.“
„Du magst recht haben,“ sagte Ina und reichte dem Indianer die Hand.
In den nächsten Tagen kamen Ina und Elinontis einander nicht viel
näher. Sie hatte noch kein Lächeln, kein Nicken, keinen Händegruß von
dem Kinde bekommen, so reichlich sie auch dem Kind davon hatte zuteil
werden lassen. Hatte Ina etwas für die Kleine, einen Apfel, ein Stück
Brot, einen Kuchen oder sonst etwas Außergewöhnliches, so blieb es bei
der einmal begonnenen Art der Verabreichung. Die beiden begegneten sich
auf halbem Wege.
Es wäre vielleicht besser gewesen und Elinontis wäre schon zutraulicher
geworden, wenn das Kind nicht ein schlechtes Gewissen gehabt hätte. Sie
dachte immer daran, wie sie an jenem Morgen in das offene Haus geschaut
hatte und hineingehen wollte, um die Decke anzufassen. Es kam ihr vor,
als habe sie etwas Unrechtes tun wollen. Dazu war sie nicht sicher,
ob Ina sie nicht vielleicht gar möchte gesehen haben. Sie mußte jeden
Morgen wieder daran denken, wenn sie die weiße Frau sah. Da kam ihr
bei dem Zartgefühl, das in ihrem Kinderherzen wohnte, der Gedanke, sie
wolle versuchen, wieder gut zu machen, was sie getan hatte. Sie wollte
der weißen Frau etwas geben. Damit wäre wieder ausgeglichen, was sie
ihr an jenem Morgen mit den Augen weggeguckt hatte. Das Kind machte
sich dies nicht so klar, wie es hier geschrieben steht, aber es fühlte
so, und aus diesem Gefühl heraus kam ihm die Frage, was sie Ina wohl
geben könne.
Aber was hatte Elinontis? Was konnte sie geben? Sie dachte diesen
Morgen wieder daran, als sie gerade ihr Frühstück, das geröstete
Welschkorn, aus dem Kruge herausholte. Plötzlich kam ihr ein Gedanke.
Ohne sich lange zu besinnen, lief sie zu Ina hin, die auf der
Steintreppe saß und las und warf der aufs höchste Überraschten alle
braunen Welschkornkörner, die sie in ihrer kleinen schmutzigen Hand
hatte, in den Schoß. Ehe Ina ein Wort sagen konnte, war die Kleine
schon wieder auf und davon, füllte ihren Krug und eilte nach Hause.
Eine ganze Weile saß Ina stumm und schaute auf die Körner in ihrem
Schoß. Dann fing sie an, sie ganz behutsam, als wären es wertvolle
Goldkörner, zu sammeln. Dabei flüsterte sie: „Mein erstes Geschenk aus
Indianerhand und dazu noch aus der Hand dieses Kindes,“ und während sie
diese Worte sprach, fielen Tränen, dicke, helle Tränen auf die kleinen
Körner. Siehe, da warf die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen in
diese Tränen, und die Tränen leuchteten wie Gold, aber nicht wie
irdisches sondern wie himmlisches Gold.
So vorsichtig, als trüge sie einen Schatz, einen großen Schatz --
und es war auch einer -- trug Ina die Welschkornkörner in ihr Haus.
Sie legte sie nicht aus der Hand, sondern ging an ihre Kommode, zog
eine Schublade aus derselben heraus und fing an darin zu kramen. Nach
einigem Suchen schien sie gefunden zu haben, was sie wollte. Sie
brachte eine kleine mit rotem Leder überzogene Schachtel zum Vorschein.
Mit dieser setzte sie sich an ihren Tisch. Sie öffnete dieselbe und
ein prächtiges, goldenes mit Perlen besetztes Armband lag darin. Ina
nahm das Armband heraus und warf es, als sei es etwas ganz Wertloses,
auf den Tisch. Dann öffnete sie die Hand, in der sie das Geschenk der
kleinen Elinontis hatte, und nahm behutsam die Körner, eins nach dem
andern aus der Hand und bettete sie in den weichen feinen Sammet, mit
dem das Kästchen, das vor ihr stand, gefüttert war. Wie war doch Ina so
glücklich und froh bei dieser Beschäftigung! Wieder kamen die dummen
Tränen. Ach, hätte sie nur jemanden gehabt, zu dem sie sich hätte
aussprechen, der ihre Freude hätte teilen können, aber da war niemand!
Dem guten Majull konnte sie doch nichts von dem Welschkorn erzählen,
der hätte kein Verständnis für die Freude der weißen Frau gehabt, er
hätte jedenfalls nur ein Lachen für sie.
Ina war so ganz in Gedanken versunken gewesen, daß sie garnicht gehört
hatte, daß Majull vor ihrer Tür angehalten und vom Pferde gestiegen
war. Jetzt klopfte er. Ina fuhr zusammen. Schnell schloß sie die
Schachtel und barg dieselbe in der Kommodenschublade. Hierauf öffnete
sie die Tür und Majull trat ein. Er hatte kaum ein paar Worte geredet,
da fielen seine Indianeraugen, denen nie etwas entging, auf das
Armband, das auf dem Tische lag. In Indianersprache kam ein Ausruf der
Bewunderung und des Erstaunens über seine Lippen. Er trat näher an den
Tisch heran und betrachtete das Armband ganz genau.
„Das ist etwas sehr Schönes,“ sagte er, „woher hast du das bekommen?
Wer hat es dir geschenkt?“
„Das hat mir niemand geschenkt,“ sagte Ina, „ich habe es mir vor vielen
Jahren einmal gekauft, als ich noch in Neuyork lebte und noch ein
junges Mädchen war.“
„Darf ich das Armband einmal anfassen?“ fragte Majull.
„Gewiß darfst du das,“ sagte Ina, „du darfst es sogar behalten und
deiner Klaschimba mitnehmen; ich schenke es ihr,“ setzte Ina hinzu,
glücklich, einen Weg gefunden zu haben, wie sie in ihrer Freude jemand
anders eine Freude bereiten konnte.
„O, du willst dies gute, goldene Armband meiner Klaschimba schenken?
Was fällt dir denn ein? Dir muß etwas sehr Freudiges begegnet sein.“
„Das ist es auch, Majull,“ sagte Ina.
„Was denn?“ fragte der Indianer.
„Das sage ich dir nicht.“
„Das willst du mir nicht sagen? Warum nicht?“
„Weil du es nicht verstehst. Aber nun geh und sattle mir mein Pferd;
wir haben heute viel zu tun.“
Majull bedankte sich für das Armband und ging. Als er im Stall bei dem
Pferd angelangt war, murmelte er, wie er das oft tat, vor sich hin:
„Sollte mich nicht wundern, wenn es etwas mit dem Kinde zu tun hat! Sie
ist anders als die andern alle. Wer von all den andern würde sich so
um ein Kind bemühen, wie sie?“ Dann nahm er das Armband aus der Tasche
und betrachtete es prüfenden Blickes von allen Seiten. „Es ist echtes
Gold,“ sagte er, „Klaschimba wird sehr stolz darauf sein. Keine der
Indianerfrauen hat ein so gutes Armband.“
Auf ihrer gewohnten Rundreise zu den verschiedenen Indianerhütten sagte
Ina plötzlich zu Majull, während die beiden langsam nebeneinander
ritten: „Majull, wie sagt man in deiner Sprache „ich habe dich lieb“,
ich möchte das gern wissen.“
„Warum willst du es wissen?“
„Ich will das einer Freundin in einem Brief schreiben. Sie hat
mich gebeten, ich solle ihr doch einmal ein paar indianische Worte
schreiben.“
Es war die volle Wahrheit, die Ina sagte. Es hatte wirklich eine
Freundin diese Bitte in einem Brief ausgesprochen. Daß aber Ina gerade
die Worte „Ich habe dich lieb“ übersetzt haben wollte, hatte seinen
besonderen Grund.
Majull schien so etwas zu ahnen. Die Indianer fühlen fast immer richtig
heraus, wie Worte gemeint sind, die jemand zu ihnen spricht. Majull
sagte aber nichts, er sah seine errötende Begleiterin nur ein wenig
argwöhnisch von der Seite an. Dann sagte er: „Ich liebe dich, heißt in
unserer Sprache _nilchnscho_!“
„Das kann doch nicht recht sein,“ meinte Ina.
„Gewiß, ich werde dir doch nichts Verkehrtes sagen, wenn du mich
fragst? Ich sage dir immer die Wahrheit.“
Ina meinte einen tadelnden Ton herauszuhören, als Majull die letzten
Worte sprach, sie hatte nämlich den argwöhnischen Blick aufgefangen,
den Majull kurz zuvor auf sie geworfen hatte. „Du hast mir aber nur
+ein+ Wort gegeben, und ich habe dich nach drei Worten gefragt.
Ich -- liebe -- dich; wie übersetzt man diese drei Worte in eure
Sprache?“
„Ich liebe dich, heißt _nilchnscho_. In diesem einen Worte sind
deine drei Worte enthalten.“
Ina war noch nicht zufrieden.
„Wie heißt ich?“ fragte sie.
„Ich heißt _schi_.“
„Und wie heißt dich?“
„Dich heißt _ni_.“
„Und wie heißt liebe?“
„Das kann man nicht alleine sagen. Wir denken und reden anders als ihr.
Es muß doch jemand da sein, der liebt, und auch etwas, was man liebt.
Darum gehören nach unserm Gefühl die drei Worte zusammen. Man darf sie
nicht auseinander reißen. Ich liebe dich heißt _nilchnscho_. Ein
Wort für deine drei Worte.“
Nun war Ina zufrieden. „Jetzt habe ich es verstanden,“ sagte sie,
„es gefällt mir, wie ihr da denkt und redet.“ Hierauf versuchte sie,
das Wort nachzusprechen und sich einzuprägen. Majull mußte es noch
etliche Male wiederholen, dann hatte Ina es fest in ihrem Kopfe. „Nun
werde ich es nicht wieder vergessen,“ sagte sie. „Ich liebe dich“
„_nilchnscho_.“
Als Ina sich an jenem Tage von Majull verabschiedete, sagte sie:
„Majull, _nilchnscho_. Ich meine aber nicht dich, sondern jemand
anders.“
„Das weiß ich, du meinst die Freundin, die den Brief bekommen soll.“
Er lachte. Ina merkte, daß er Nebengedanken bei diesen Worten hatte.
Das wurmte sie, deshalb sagte sie: „Ja, die meine ich, ich denke aber
auch noch an jemand anders, wenn du es durchaus wissen willst, du
neugieriger Mann.“
Majull lachte laut auf, es lag aber nichts Kränkendes in seinem Lachen
sondern nur etwas Versöhnendes, und es klang geradezu herzlich, als er
sagte: „Ich weiß, wen du meinst, du brauchst mir den Namen garnicht zu
nennen.“
Majull zog seinen Hut vom Kopf -- er hatte in der Schule gelernt, daß
man zum Gruß den Hut abnehmen müsse, wenn man mit einer Dame zu tun
habe -- und ritt zu seiner Klaschimba. Er hatte es mit einem Male sehr
eilig. Ihm war das goldene Armband eingefallen, das er in der Tasche
hatte, und die Freude war wieder wach geworden, es seiner Klaschimba
bringen zu dürfen.
Am nächsten Morgen erschien Majull in Begleitung seiner Frau bei Ina.
Sie saß hinter ihm auf dem Pferde.
„Das ist meine Frau,“ sagte er zu Ina, die dieselbe bisher nicht
gesehen hatte, „sie will dir zeigen, wie schön das Armband an ihrem Arm
aussieht.“
[Illustration:
S. 48.
„Dies ist meine Frau“, sagte Majull zu Ina.]
Klaschimba, eine noch junge hübsche Frau, glitt anmutig vom Pferde.
Sie näherte sich ohne Scheu der weißen Frau und zeigte ihr das Armband
an ihrem Arm. Majull hatte ihr so viel Gutes von der Frau erzählt,
daß sie ihr mit vollem Vertrauen entgegentrat. Sie bedankte sich aber
nicht. Das verstand sie nicht. Sie war nicht in der Schule gewesen wie
Majull, der das Dankesagen gelernt hatte. Das heißt nun aber nicht,
daß Klaschimba kein Gefühl der Dankbarkeit in ihrem Herzen hatte. Sie
sprach es nach Indianerart nur nicht aus, daß sie dankbar war, sie
zeigte es aber der weißen Frau durch ihren Besuch. Ina empfand das und
freute sich. Sie lud die beiden ein, ehe Majull zu den Pferden gehe,
ins Haus zu kommen und eine Tasse Kaffee mit ihr zu trinken. Sie taten
es, und während nachher Majull seine Arbeit im Stall verrichtete, saß
Klaschimba wie eine alte Bekannte bei Ina, die ihr Bilder zeigte und
sich ihr mit Zeichen verständlich zu machen suchte. Klaschimba ritt
nicht mit den beiden. Sie ging zu Fuß wieder nach Hause, als Ina und
Majull fortritten.
Sie waren eine kleine Strecke Weges schweigend dahingeritten, als
Majull fragte: „Ina, hast du gestern abend den Brief an deine Freundin
geschrieben?“
„Ja,“ sagte Ina, „das habe ich getan, und es steht auch
„_nilchnscho_“ darin, „ich liebe dich“, denn du mußt wissen, ich
habe diese Freundin sehr lieb.“ Als Ina das Wort _nilchnscho_
aussprach, fiel ihr die kleine Elinontis ein. Elinontis war heute
morgen nicht am Brunnen gewesen und sie hatte doch Majull gleich nach
dem Kinde fragen wollen und es über dem so ganz unerwarteten Besuch der
Klaschimba vergessen.
„Majull, Elinontis war heute morgen nicht am Brunnen, um Wasser zu
holen. Weißt du etwas von dem Kinde?“
„Ja, sie ist gestern abend von einem Baum heruntergefallen und hat sich
den linken Arm verletzt. Das wird wohl die Ursache sein, weshalb sie
nicht gekommen ist.“
„Und das sagst du mir jetzt erst?“ erwiderte Ina tadelnd.
„Das ist doch nichts Besonderes,“ meinte Majull, „so etwas ereignet
sich alle Tage. Wo Kinder sind und herumspielen, fallen sie auch hin
und verletzen sich.“
„Aber es war Elinontis.“
„Ja, ja,“ sagte Majull, „es war Elinontis, ich habe garnicht daran
gedacht, Elinontis _nilchnscho_.“
Ina schaute den Indianer vorwurfsvoll an. Dann sagte sie: „Majull,
wir müssen heute sehr schnell reiten,“ und sie trieb ihr Pferd zu
schnellerer Gangart an. Majull folgte ohne ein Wort der Erwiderung
ihrem Beispiel. Im Galopp ritten die beiden dahin bis sie zu der Hütte
der kleinen Elinontis und ihrer Mutter kamen.
Elinontis kauerte am Fußende des Lagers ihrer kranken Mutter. Mit der
rechten Hand hielt sie den linken Arm an die kleine Brust gepreßt.
Als Ina und Majull eintraten blickte das Kind auf. Ina meinte den
Schmerz, den die Kleine fühlte, in ihren Augen lesen zu können. Langsam
näherte sie sich dem Kinde. Heute würde und konnte es ja nicht vor ihr
davonlaufen. Elinontis machte auch gar keinen Versuch, aufzustehen
und das Weite zu suchen. Sie blieb ruhig sitzen und duldete, daß
Ina vorsichtig den verletzten Arm anfaßte und anfing, denselben zu
untersuchen. Zu den Kenntnissen, die eine Feldmatrone haben muß, die
Anstellung auf einer Indianerreservation haben will, gehört auch, daß
sie in Unglücksfällen die erste Handreichung tun kann. So hatte Ina
bei ihrer Ausbildung für ihre Arbeit hierin Unterweisung erhalten.
Obwohl der Arm des Kindes bereits etwas angeschwollen war, fühlte Ina
doch bald mit ihren feinen Fingern, daß der eine Knochen des Unterarms
gebrochen war.
„Majull, du mußt mir helfen,“ wandte Ina sich an den Indianer, „hole
mir ein Stück Pappe.“
„Hier ist keine Pappe.“
Ina sann eine Weile nach. Dann sagte sie: „Ich sah gestern abend einen
Indianer an meinem Hause vorbeireiten. Ich weiß nicht, wer er war,
er war zu weit fort, und es dunkelte bereits. Aber ich habe deutlich
gesehen, daß er eine Pappschachtel unter seinem Arm hatte.“
„Das war Kodaggo,“ unterbrach Majull sie, „er hat sich gestern ein paar
neue Schuhe gekauft, die hatte er in der Schachtel.“
„Wo wohnt Kodaggo?“ fragte Ina.
„Er wohnt hier auf dem Hügel.“
„Dann geh zu ihm und bitte ihn um die Schachtel. Sage ihm nur, ich
wolle sie haben. Ich kenne Kodaggo und er kennt mich.“
„So?“ fragte Majull, „seit wann kennst du Kodaggo?“
„Das sage ich dir ein andermal. Jetzt ist dazu keine Zeit. Eile und
bringe mir die Schachtel.“
Nach einigen Minuten kehrte Majull zurück und brachte das Gewünschte.
Ina nahm die Schachtel Sie war schwer. Als sie dieselbe öffnete, sah
sie, daß die Schuhe noch in der Schachtel lagen.
„Majull,“ rief Ina, „ich will doch nur die Schachtel, nicht auch die
Schuhe.“
„Das habe ich Kodaggo gesagt. Kodaggo aber meinte, du wollest die
Schuhe, die Schachtel sei doch nichts wert, mit der könnest du nichts
anfangen. Er sagte aber, du könntest die Schuhe haben, weil du ihn
darum gebeten hättest. Er war gleich bereit, sie herzugeben.“
Ina lächelte gerührt. „Hier,“ sagte sie und reichte Majull die Schuhe
hin, „bringe sie dem guten Kodaggo zurück und sage ihm, ich brauche nur
die Schachtel und ließe ihm schön dafür danken. Dann aber komm gleich
zurück und hilf mir.“
Als Majull zurückkehrte, hatte Ina bereits mit ihrem Taschenmesser
zwei Streifen aus der Schachtel herausgeschnitten. Mit Hilfe derselben
wurde nun der Arm geschient, und als alles fertig war, in eine Schlinge
gelegt. Majull hielt das kranke Glied. Ina besorgte das weitere.
Elinontis verzog keine Miene, ihre Augen hingen an der Frau, die ihr
diente; sie schaute mit keinem Blick auf die an ihrem Arm arbeitenden
Hände. Die kranke Mutter, die sich heute, wie schon seit etlichen Tagen
etwas wohler fühlte, saß aufrecht in ihrem Bett und schaute ebenfalls
aufmerksam zu. Aus ihren Augen sprach Befriedigung.
Als alles fertig war, ließ Ina der Mutter und ihrem Kinde durch Majull
sagen, der Arm werde nur noch kurze Zeit weh tun, dann werde sich der
Schmerz legen und in etwa zwei oder drei Wochen werde alles wieder gut
sein. Sie dürften aber nicht an dem Verbande rühren und Elinontis solle
den Arm nicht aus der Schlinge nehmen. Hierauf wurde die kranke Frau
besorgt. Als Ina an den Wasserkrug trat, fand sie ihn gefüllt.
„Wer hat heute das Wasser geholt?“ fragte sie.
„Kodaggo,“ entgegnete Majull.
„Ist Kodaggo ein Verwandter dieser Frau?“
„Noch nicht,“ erwiderte Majull, „aber er will eines Tages die kleine
Elinontis heiraten.“
„Elinontis heiraten?“ fragte Ina ganz entsetzt „sie ist ja ein kleines
Kind.“
„Aber sie wird größer und älter werden,“ sagte Majull, „Kodaggo sagt,
er sei noch jung, er könne warten. Es sei hier kein zweites so gutes
Mädchen wie Elinontis, er warte noch etliche Jahre, dann werde er
sie heiraten. Seine Eltern und die Mutter der Elinontis sind damit
zufrieden. Das ist schon alles ausgemacht. Wäre Elinontis älter und
stärker, so könnte sie jetzt schon seine Frau werden. Sie hat Verstand
genug dazu. So sagen alle Indianer.“
Ina war entsetzt; sie sagte aber nichts, sondern nahm sich nur vor, das
Kind umsomehr im Auge zu behalten.
Mit Kodaggo wollte Ina am nächsten Morgen ein Wort reden, wenn er
kommen würde, um Wasser zu holen. Wer aber beschreibt ihr Erstaunen,
als nicht Kodaggo sondern Elinontis zum Brunnen kam! Elinontis hatte,
wie es ihr geheißen war, den kranken Arm in der Schlinge, den Krug
trug sie wie immer an dem Riemen, den sie über die Stirn gelegt hatte.
Ina sah die Kleine durchs Fenster, sie war noch mit dem Ankleiden
beschäftigt. „Es ist das Blut der Wilden,“ dachte sie, „das noch in den
Adern dieser Leute rollt. Welches weiße Kind würde an solche Arbeit
denken, welche weiße Mutter würde ihr Kind zu solcher Arbeit aussenden,
nachdem es sich am Tage zuvor den Arm gebrochen hat.“ Ina warf sich
schnell ein Tuch über die Schultern und eilte hinaus. Elinontis war
gerade am Brunnen angelangt, als sie kam. Heute lief das Kind nicht
fort. Sie schaute aber die weiße Frau fragend an und ließ es ohne
Widerstreben geschehen, daß Ina ihr den Krug von der Schulter nahm,
denselben füllte und ihr dann ein Zeichen machte, sie solle ihr ins
Haus folgen. Ina trug den Krug zu der Haustür und stellte ihn dort auf
den Erdboden. Dann ging sie hinein und kam bald darauf mit einem Stück
Brot und einem Becher Kaffee zurück. Als sie herauskam, hatte Elinontis
den Krug wieder auf dem Rücken und wollte gerade fortgehen. Als Ina ihr
aber den dampfenden Kaffee auf die Steintreppe stellte und das schöne
Stück Brot daneben legte, folgte sie doch der mit Zeichen gegebenen
Einladung, setzte sich auf die Steintreppe und fing an zu essen und zu
trinken. Um das Kind nicht zu stören, zog Ina sich in ihr Haus zurück,
sah aber noch, daß Elinontis die größere Hälfte ihrer Honigbrotschnitte
abbrach und beiseite legte. Sie wollte sie ohne Zweifel wieder der
Mutter mitnehmen.
Ina setzte sich in der Küche an ihren Tisch und verzehrte ihr
Frühstück. Wie gern hätte sie das Kind neben sich sitzen gehabt! Daran
durfte sie jetzt aber noch nicht denken. Es wäre noch nicht dazu zu
bewegen gewesen, und hätte Ina es erreicht, daß Elinontis in die Küche
gekommen wäre, so hätte die Kleine sicher nicht in ihrer Gegenwart
gegessen. Ina sah aber im Geiste den Tag kommen, wo das Kind anfangen
würde, neben ihr zu sitzen und mit ihr zu essen und zu trinken. Als
Ina nach Beendigung ihrer Mahlzeit wieder an die Haustür ging, war
Elinontis verschwunden und mit ihr der Becher, aus dem sie den Kaffee
getrunken hatte. Nein, so etwas! Das Kind war also nicht ehrlich. Das
wußte Elinontis, daß Ina ihr den Becher nicht hatte schenken wollen.
Ina war betrübt über diese unerwartete Entdeckung! Langsam drehte sie
sich um und kehrte in ihr Zimmer zurück. Sieh da, welche Überraschung!
Der Becher stand auf dem Tisch. Das Kind war im Zimmer gewesen und
hatte ihn auf den Tisch gestellt. Es hatte wohl befürchtet, daß
irgend ein Vorübergehender den Becher möchte stehen sehen, nachdem
sie fortgegangen war, und auf den Gedanken kommen könnte, denselben
zu stehlen. Anstatt zu stehlen, hatte Elinontis, gerade als ob sie
die Erklärung zum siebenten Gebot gelernt hätte, daran gedacht, ihrer
weißen Freundin ihr Gut und Nahrung „helfen bessern und behüten.“ Ina
fühlte sich betrübt und beschämt, daß sie so arge Gedanken wider das
liebe Kind in ihrem Herzen hatte haben können.