nicht aus der Variationsbreite des recenten Menschen heraus. Allerdings
sind ihre Maße relativ groß, wenn man moderne europäische Objekte zur
Vergleichung heranzieht. Sowie man aber letztere auf jetzige niedere
Rassen ausdehnt, verschwindet die Differenz. In den Einzelmaßen werden
vielmehr die Zähne -- nicht aber der Kiefer -- des Homo Heidelbergensis
von manchen der jetzigen Australier übertroffen.
Ein gewisses Mißverhältnis zwischen dem Kiefer und den Zähnen ist bei
der fossilen Mandibula unverkennbar: Die Zähne sind zu klein für den
Knochen. Der vorhandene Raum würde ihnen eine ganz andere Entfaltung
gestatten. Am auffälligsten tritt dies beim dritten Molaren hervor, der
hinter den beiden anderen beträchtlich zurückbleibt, obwohl gerade an
dieser Stelle die Breite des Corpus mandibulae ein derartiges Maß
erreicht (23,5 mm), wie es bisher noch an keinem menschlichen Objekte
gefunden wurde, und obgleich die postmolare Grube am vorderen Abhange
des Ramus genügend Raum für einen vierten Molaren darbot. Ob die
relative Kleinheit des dritten Molaren unserer Mandibula mit der
Reduktionstendenz dieses Zahnes beim modernen Europäer in Beziehung
gebracht werden kann, soll hier unerörtert bleiben.
Sämtliche Zähne sind so weit abgekaut, daß die Dentinmasse zutage tritt.
Dadurch, daß auf der linken Seite die Kronen der Prämolaren sowie des
ersten und zweiten Molaren an dem darauf liegenden Gesteinsstücke haften
geblieben sind, wurde ein Einblick in die Struktur der Kronen
ermöglicht, der in willkommener Weise die Ergebnisse der
Röntgendurchstrahlung ergänzt.
Bei der großen Bedeutung, welche jeglicher Einzelheit des Tatbestandes
in vorliegendem Falle zukommt, erscheint es angezeigt, eine gleichsam
protokollarische Übersicht über jeden Zahn zu geben und durch
tabellarische Aufstellung der Maße die Vergleichung mit anderen Objekten
vorzunehmen.
Unter Hinweis auf diese im Anhang gegebene Zusammenstellung sollen
zunächst nur diejenigen Punkte hervorgehoben werden, welche mit
Rücksicht auf die Zähne einen Beitrag zu der Frage nach der Stellung
unseres Unterkiefers zu verwandten Bildungen liefern können.
Was zunächst die Höckerbildung der Molaren anbelangt, so läßt sich die
ursprüngliche Fünfzahl mit Ausnahme des dritten linken bei allen Molaren
der Heidelberger Mandibula nachweisen. Diesem Zustande nähern sich von
den recenten Menschen, wie die Untersuchungen von M. DE TERRA[90]
zeigen (vgl. Anhang III), am meisten die Australier. Von den
europäischen Fossilfunden gestattet nur der von Krapina eine
Vergleichung, da in anderen Fällen (Spy, Ochos) die Abkauung zu weit
vorgeschritten ist. Wie aus GORJANOVI[/C]-KRAMBERGERS Zusammenstellung
hervorgeht, zeigt der Mensch von Krapina eine stärkere Tendenz zum
Übergang in den Vierhöckertypus, als unser Fossil.
Für die Beurteilung der Beziehung der Molaren des Homo Heidelbergensis
zu denen der heutigen Menschheit ist der Einblick in das Innere der
Kronen des ersteren wertvoll. Wie die Maßangaben des Querschnittes der
Pulpahöhle beim modernen Europäer ergeben, die mir von Hr. cand. med.
K. TRUEB aus seiner demnächst erscheinenden Inauguraldissertation
freundlichst zur Verfügung gestellt wurden (vgl. Anhang IV), ist das
Cavum pulpae der Molaren der Mandibula von Mauer von ungewöhnlicher
Größe: Es hat beim ersten Molaren einen linguobuccalen Durchmesser von
4,8 und einen mesiodistalen von 4,3 mm. Beim recenten Europäer sind die
höchsten Zahlen für M 1 inf. im Alter vom 6.-9. Jahre mit 4,087 und vom
11.-14. Jahre mit 4,125 (im Mittel) zu finden; die höchste von TRUEB
festgestellte Zahl ist 4,8 bei einem Mädchen von 9 Jahren und die
niedrigste 3,5 bei einem 14jährigen Knaben.
Bei dem zweiten Molaren unseres Fossils steigert sich die Differenz noch
beträchtlich, da hier der linguobuccale Durchmesser 5,7 mm und der
mesiodistale 6,3 mm beträgt, der bei den von TRUEB gemessenen Zähnen in
einzelnen Fällen nur bis 4,8 mm aufsteigt, im Mittel aber in allen
Lebensaltern beträchtlich hinter Mauer M 2 zurücksteht[XVI.]. --
Dagegen verhält sich die Dicke der die Pulpahöhle umgebenden Dentinwand
inkl. Zement, wie die Tabelle zeigt, bei den Zähnen des Heidelberger
Fossils ähnlich wie bei denjenigen des recenten Europäers.
[XVI.] Es sei auch auf die auf Taf. IX wiedergegebenen Röntgenbilder
verwiesen, die diesen Unterschied bei dem Homo Heidelbergensis (Fig.
32-38) und bei einem recenten Europäer (Fig. 39 u. 40) -- das Alter
beider kann auf etwa 40 Jahre geschätzt werden -- deutlich
veranschaulichen.
Es liegt auf der Hand, daß wir es bei dem Homo Heidelbergensis mit der
Fortführung eines Merkmales zu tun haben, das heute für den
Jugendzustand von Europäern typisch ist. Damit soll nicht eine sekundäre
Ausprägung eines infantilen Charakters behauptet werden, sondern die
Persistenz eines sehr primitiven Charakters überhaupt, wie er in der
Stammesgeschichte des Primatengebisses als notwendiges Durchgangsstadium
angenommen werden muß. Bei diesem Fortbildungsprozeß erhielt eben die
relativ dünne Wandung eine den Höckerbildungen entsprechende Faltung und
Biegung.
Das oben schon betonte Mißverhältnis kommt hier wieder zum Ausdruck: Die
Massivität des Knochens ließ entsprechend kräftige Wandungen der
Pulpahöhle erwarten als Anpassung an eine gewaltige Kraftleistung. Das
Gegenteil ist der Fall und läßt nur den Schluß zu, daß an die Zähne
keine großen Ansprüche gestellt worden sind und demnach die kräftige
Entfaltung des Kiefers nicht im Dienste der Zähne zustande gekommen ist.
Ein derartiger kindlicher Charakter bei einer fossilen Form schließt
jeden Gedanken an eine Spezialisierung der Vorfahrenform nach anderer
Richtung aus. =Kein Anthropoidenstadium kann hier vorangegangen sein. Wir
haben es hier vielmehr mit einem uralten gemeinsamen Urzustand zu tun,
wie er auch dem der Anthropoiden vorangegangen sein muß=.
Die Untersuchung der anderen Zahngruppen führt vollkommen zu demselben
Ergebnis. An den Prämolaren findet sich in gleicher Weise, wie an den
Molaren die Weite der Pulpahöhle. Der linguobuccale Durchmesser
derselben am ersten Prämolaren des Homo Heidelbergensis (3,5 mm) wird
von keinem der daraufhin untersuchten Europäerzähne erreicht. Die
zwischen dem vorderen und hinteren Prämolaren bestehende Verschiedenheit
in der Ausbildung des Reliefs, stärkerer Prominenz des lingualen Höckers
bei P 2, fällt durchaus in die Variationsbreite des recenten Menschen.
Dem P 1 fehlt jede Spur einer Anpassung an den oberen Caninus, wie sie
zu erwarten wäre, wenn in der Vorfahrenreihe eine den Anthropoiden
ähnliche Ausprägung der Canini bestanden hätte.
Dieser negative Befund bei dem ältesten bisher bekannt gewordenen
menschlichen Unterkiefer und die Übereinstimmung desselben mit den
anderen fossilen Unterkiefern in den zwar beträchtlichen, aber
keineswegs exzeptionellen Dimensionen der Incisivi und Canini, wobei
letztere keine an Affen erinnernde Prominenz besitzen, stehen in vollem
Einklang mit den von KLAATSCH vertretenen und sich mehr und mehr Bahn
brechenden Anschauungen über die Beziehungen des Menschen zu den
Anthropoiden. Wäre z. B. ein dem Gorilla ähnlicher Vorfahrenzustand
anzunehmen bezüglich derjenigen Merkmale, durch welche Mensch und
Menschenaffe sich unterscheiden, so müßte, je weiter geologisch
zurückliegend, um so mehr eine Hinneigung zur Anthropoidenbahn sich
kundgeben. Daß dies im Falle der Heidelberger Mandibula sich ebensowenig
bewahrheitet, als es für die niederen Menschenrassen gilt, ist eine
vortreffliche Bestätigung der von vorgenanntem Forscher aufgestellten
Abstammungslehre des Menschengeschlechts.
Wenden wir uns nun der Betrachtung des Unterkieferbogens der
Heidelberger Mandibula zu, so fällt an der äußeren Fläche des $Corpus
mandibulae$ sogleich das Fehlen einer Kinnvorragung auf (Taf. VIII,
Fig. 19 und 20). Die völlig intakte rechte Kieferhälfte läßt darüber
keinen Zweifel. Bei horizontaler Stellung des Alveolarrandes verläuft
die Profillinie der Symphysenregion in sanfter Wölbung abwärts und nach
hinten. An der Rundung, die das ganze Gebiet beherrscht, nehmen sogar
die Incisiven teil, wie dies die laterale Ansicht der Mandibula
(Fig. 19) und der Querschnitt in der Medianlinie (Fig. 20) erkennen
lassen. Die teilweise freigelegten Wurzeln zeigen die Gleichartigkeit
ihrer Krümmung mit der darunter befindlichen, nach vorn konvexen Fläche
gerade an der Stelle, wo sich beim Europäer eine nach vorn konkave Linie
bildet (Fig. 21).
Der Basalrand der Symphyse zeigt eine auffällige Erscheinung. Legt man
die Mandibula auf eine horizontale Unterlage und betrachtet sie von
vorn, so erkennt man, daß nur die seitlichen Partien des Corpus
aufliegen, während die mediane Region in einer transversalen Ausdehnung
von 50 mm frei emporragt. Man hat den Eindruck, als sei hier ein Stück
herausgeschnitten. Die Ausdehnung dieser morphologisch wichtigen
Bildung, welche von KLAATSCH auch an Australierkiefern beobachtet und
von ihm Incisura submentalis[XVII.] bezeichnet wurde, verrät einen
Zusammenhang mit der Ausdehnung der Insertion des Musculus digastricus,
insofern beide die gleiche laterale Begrenzung zeigen. An dieser Stelle
befindet sich an der Außenfläche dicht über dem freien Rande ein kleines
Höckerchen, das bereits von GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER am Kieferfragment
Krapina H als Tuberculum beschrieben und von KLAATSCH auch an
Australiern beobachtet worden ist. Fast genau darüber liegen die
Foramina mentalia; in weiterer Verlängerung aufwärts erreicht die von
dem Tuberculum aus gezogene Linie den Alveolarrand zwischen den
Prämolaren und Molaren.
[XVII.] Vgl. den von H. KLAATSCH auf der Frankfurter Versammlung der
Deutschen Anthropologischen Gesellschaft 1908 gehaltenen
bedeutungsvollen Vortrag über Cranio-Morphologie und
Cranio-Trigonometrie, in welchem grundlegend die Morphologie des
menschlichen Unterkiefers behandelt und mit Rücksicht auf die
Australier-Mandibula und deren von dem Europäerkiefer abweichendes
Verhalten zum Teil eine ganz neue Terminologie geschaffen wird, der ich
-- insoweit dies bei unserm Fossil tunlich ist -- folgen werde.
Die Foramina mentalia zeigen eine beachtenswerte Komplikation durch das
Vorhandensein von Nebenlöchern. Das linke Foramen ist vom Alveolarrande
14,6 mm und vom Basalrande 13,5 mm entfernt. Seine mesiodistale
Ausdehnung beträgt 6,7 mm, sein vertikaler Durchmesser 4,7 mm; 2,7 mm
über demselben, mehr im Bereiche von P 2 gelegen, befindet sich ein
zweites kleineres Loch (Taf. VII, Fig. 18). Das rechte Foramen, 5,4 mm
lang und 3,5 mm hoch, liegt 15,7 mm vom Alveolar- und 14,5 mm vom
Basalrande entfernt. Es zeigt zwei Nebenlöcher, von denen das eine in
der Größe eines Stecknadelkopfes 4,5 mm höher, mehr unter P 2 gelegen
ist, während das andere[XVIII.] sich 4,2 mm niedriger und mehr nach M 1
hin befindet (Taf. VIII, Fig. 19).
[XVIII.] Dieses tritt auf der Photographie nicht deutlich genug hervor,
da es in der nacherwähnten Furche gelegen ist.
Zwischen den Foramina mentalia und dem Basalrande, letzterem parallel
gerichtet, zieht sich eine Furche hin, welche sich nach hinten bis über
den zweiten Molaren hinaus, nach vorn bis über die Mitte der Insertion
des Digastricus verfolgen läßt (Taf. VII, Fig. 15). Man hat den
Eindruck, als sei der Kieferrand aufgewulstet worden. Diese Bildung
wurde von KLAATSCH auch an Australierkiefern, in stark variierender
Ausdehnung distalwärts, festgestellt und von ihm als »Sulcus
supramarginalis oder mentalis« bezeichnet.
Der Basalrand ist im Bereiche der Molaren von beträchtlicher Dicke (über
10 mm unter M 2). Seine Profillinie beschreibt eine ganz schwach nach
abwärts konvexe Linie. Auf der Grenze zwischen Corpus und Ramus geht
diese Linie in eine konkave Krümmung über; zugleich verjüngt sich der
Basalrand beträchtlich in transversaler Richtung. Folgt man ihm
mesialwärts, so gelangt man zur Ansatzgrube des Biventer, der Fossa
digastrica, welche links 22, rechts bis zu 26 mm lang und in maximo
7,5 mm breit ist. Die Grube, deren Fläche bei horizontaler Stellung des
Alveolarrandes im medialen Teile fast genau abwärts, nur ein wenig
lingualwärts, schaut, folgt in ihrem leicht gebogenen Verlaufe der
Krümmung des Corpus mandibulae im Bereiche der oben beschriebenen
Incisur. Letztere wird durch einen kleinen Vorsprung, der sich zwischen
den beiderseitigen Fossae digastricae befindet, in eine linke und rechte
Hälfte geschieden. Diese den tiefsten Teil der Symphyse bildende »Spina
interdigastrica« (KLAATSCH) ist auf Taf. X, Fig. 41 und 42 sichtbar.
Geht man von ihr auf die Innenfläche der Symphyse über (vgl. die
Bruchfläche Taf. VIII, Fig. 20 und Taf. XIII, Fig. 48), so erscheint die
im oberen Teile 17 mm erreichende Dicke vom Befunde beim recenten
Menschen ebenso abweichend, wie die Rundung der lingualen Fläche. Von
der Innenseite der Incisivi senkt sich die mediale Fläche schräg
abwärts. Ihre im ganzen konvexe Beschaffenheit wird durch eine ganz
minimale, nur bei genauer Betrachtung zu bemerkende Einsenkung
unterbrochen, die sich hinter den Incisivi befindet; links ist sie etwas
deutlicher als rechts. Im Bereiche der Prämolaren und von M 1 und 2
besteht eine gleichmäßige Rundung der inneren Fläche. Indem in der Nähe
des Basalrandes sich Vertiefungen einstellen, gewinnt der darüber
gelegene Teil das Aussehen eines Wulstes, in welchem die von WALKHOFF
als »Lingualwulst« bezeichnete Bildung erkannt wird. In der Medianebene
findet sie ihre untere Begrenzung durch eine queroval ausgezogene Grube.
Hier ist die Ansatzstelle des Musculus genioglossus. Die Anheftung
geschieht in den seitlichen Partien dieser »Fossa genioglossi«[48].
Zwischen den paarigen, leicht angedeuteten Muskelfeldern und ein wenig
darüber wird eine einem kleinen Blutgefäßkanale entsprechende Öffnung
angetroffen. Ein ähnlicher Kanal befindet sich über der Spina
interdigastrica. Zwischen ihm und der Fossa genioglossi bildet die
innere Symphysenfläche einen rundlichen Höcker mit schwacher Andeutung
bilateraler Gliederung. Hier hat der Musculus geniohyoideus seinen
Ursprung.
Eine Spina mentalis interna im Sinne der für den Europäer geltenden
Terminologie ist an der Mandibula des Homo Heidelbergensis nicht
vorhanden; denn gerade die Ansatzstelle des Genioglossus ist es, welche
sensu stricto als Spina mentalis gilt. Gegen diese tritt beim Europäer
die Insertion des Geniohyoideus ganz zurück. Da sich nun beim Homo
Heidelbergensis lediglich im Bereiche gerade dieses Muskels eine
Erhebung findet, so empfiehlt es sich, auf diese den von KLAATSCH für
die entsprechende Bildung bei niederen recenten Menschenrassen
eingeführten Ausdruck »Spina geniohyoidei« anzuwenden.
Von dieser Stelle distalwärts findet sich auf der Innenfläche des Corpus
der Heidelberger Mandibula die Fossa sublingualis, eine elliptische, in
der Richtung des Alveolarrandes gestreckte Grube von mehr als 20 mm
Länge und etwas weniger als 10 mm Breite. Sie reicht von der Gegend des
P 2 bis zur Grenze zwischen M 2 und 3; ihre weite Ausdehnung besonders
nach hinten fällt im Vergleich mit dem recenten Europäer auf. Ein
unbedeutender flacher Wulst trennt die für die Glandula sublingualis
bestimmte Grube von der Fossa Gland. submaxillaris, die weit auf den
Unterkieferast hinaufreicht.
Zwischen beiden Gruben sind Andeutungen der Insertion des Musculus
mylohyoideus zu erwarten, aber abweichend von der Regel beim recenten
Europäer ist die Linea mylohyoidea lediglich bis zum vorderen Rande des
dritten Molaren rechts und etwa bis zur Mitte des zweiten Molaren links
zu verfolgen. Sie verstreicht auf dem Wulst zwischen den Gruben; eine
Muskelrauhigkeit bis zur Symphysenregion ist nicht nachweisbar.
Bezüglich der =Höhe und Dicke des Corpus mandibulae= sei auf die
nachstehenden Maximalmaße[XIX.] verwiesen:
Spaltenüberschriften:
A: Distal von M 3
B: zwischen M 3 u. M 2
C: unter M 2
D: zwischen M 2 u. M 1
E: zwischen M 1 und P 2
F: zwischen P 2 und P 1
G: zwischen P 1 u. C
H: zwischen C u. J 2
I: zwischen den mittleren Incisiven
-------------+----+----+----+----+----+----+----+----+--------------
| A | B | C | D | E | F | G | H | I
-------------+----+----+----+----+----+----+----+----+--------------
Höhe am | | | | | | | | |
freien Rande | | | | | | | | |
gemessen |29,9|30,6|31,8|34,3|33,0|31,4|31,3|33,3| etwa 33,5 mm
| | | | | | | | |
Dicke |23,5|21,4|20,0|18,5|19,4|19,2|19,1|19,3| etwa 17,5 mm
-------------+----+----+----+----+----+----+----+----+--------------
[XIX.] Diese sind am Original genommen; die am Gipsabguß genommenen Maße
weichen hiervon etwas ab.
Die außerordentlichen Werte, die sich hieraus für die massive
Beschaffenheit des Corpus ergeben, finden in der Region des letzten
Molaren eine Steigerung, die für ein menschliches Gebilde äußerst
fremdartig erscheint. Die größte Distanz ist hier gegeben durch den
Abstand der Linea obliqua außen von der Crista buccinatoria innen.
Erstere ist stumpf und gerundet. Sie geht in sanfter, nach vorn
konkaver Biegung aus dem vorderen Rande des Ramus hervor und endet
bereits am dritten Molaren. Die Crista buccinatoria erscheint hinter M 3
als eine scharfe Leiste, welche in flachem, nach vorn konkavem Bogen auf
der mesialen Seite des dritten Molaren sich mit dem Alveolarrande
vereinigt. Die dachförmig die Fossa submaxillaris überlagernde Linea
mylohyoidea erscheint wie eine Abzweigung der Crista buccinatoria. Der
beträchtliche Raum zwischen dieser und der Linea obliqua wird von zwei
verschiedenen Gebilden eingenommen, einem labialen und einem buccalen.
Wie eine Fortsetzung des Alveolarrandes nach hinten stellt ersteres sich
als ein rauhes Feld von spitzwinkeliger Dreiecksform ein. Es ist das von
KLAATSCH auch an Australierkiefern beobachtete »Trigonum postmolare« und
stellt das Gebiet des vierten Molaren dar, der bei dem Homo
Heidelbergensis vollständig Platz zu seiner Entfaltung gehabt hätte. Das
Trigonum erstreckt sich, der Crista buccinatoria entsprechend,
bogenförmig aufwärts bis zum Niveau des Foramen mandibulare. Die flache
Grube buccalwärts hiervon ist die von KLAATSCH als Fossa praecoronoidea
bezeichnete Bildung. Sie beginnt auf der Innenfläche des Ramus am
obersten Ende des Processus coronoideus in sagittaler Richtung, aus
welcher sie, buccal von M 3 in horizontalen Verlauf übergehend, im
Bereich des zweiten Molaren auf der Außenfläche des Corpus verstreicht.
* * * * *
Die $Rami mandibulae$ (Taf. VIII, Fig. 19) zeichnen sich durch ihre
beträchtliche Breite aus, die an den oberen Enden der Fortsätze bis zu
60 mm beträgt, während sie bei zwölf Unterkiefern des recenten Europäers
aus dem Heidelberger anatomischen Institut im Mittel nur 37,4 mm
aufweist. Die Höhe des Astes vom Condylus coronoideus bis zur Basis
beträgt 66,3 mm. Dieses Maß liegt in der Variationsbreite des recenten
Europäers. Die Äste steigen von dem hinteren Rande des Körpers
auffallend steil in die Höhe; der Winkel, welchen der hintere Rand
derselben mit dem unteren Rande des Corpus bildet, beträgt 107°. -- Für
den Ansatz der Musc. temporalis und masseter bot sich bei der gewaltigen
Breite des Proc. coronoideus und des Angulus eine sehr ausgedehnte
Fläche dar.
Sehr auffällig ist im Gegensatz zu der Mandibula des recenten Europäers
die nur als eine schwache Einbuchtung erscheinende Incisura semilunaris.
In einer Entfernung von 16 mm unterhalb dieser beginnt das lang
gespaltene, am Eingang bis zu 6,5 mm weite Foramen mandibulare. Von der
plumpen und breiten Lingula ist beiderseits die Zacke etwas abgebrochen;
auf der rechten Kieferhälfte scheint der Bruch alt, auf der linken neu
zu sein.
Der Sulcus mylohyoideus ist sehr schmal und tief. Der Verlauf des den
Unterkörper durchsetzenden Canalis mandibulae ist auf dem Röntgenbilde
Taf. IX, Fig. 32 und 36 gut zu verfolgen.
Die Form des Processus coronoideus ist von derjenigen des recenten
Europäers sehr abweichend. Der Fortsatz endet stumpf, die Ränder sind
abgerundet. Eine Muskelinsertionsgrube, die beim recenten Europäer nicht
selten hinter und unter der Spitze vorkommt, ist nur schwach angedeutet.
Der Processus condyloideus ist vor allem bemerkenswert durch die ganz
ungewöhnliche Größe der Gelenkfläche, welche in der Entfaltung des
rechts 13 und links 16 mm betragenden Durchmessers zum Ausdruck kommt,
während der transversale (22,8 mm) in die Variationsbreite des recenten
Europäers fällt. Die Stellung der Condylen ist aus Taf. X, Fig. 41
ersichtlich. Die Fossa pterygoidea (Insertion des Musc. pterygoid.
extern.) ersetzt durch Ausdehnung und Rauhigkeit, was ihr an Tiefe
abgeht.
Die hintere Kante des Processus condyloideus verjüngt sich nach abwärts
konisch, wobei die Außen- und Innenfläche in transversaler Richtung
leicht konkav, in sagittaler schwach gewölbt sind. Etwa 30 mm unter dem
obersten Ende des Processus beginnen die vom Musculus pterygoideus
internus herrührenden Zackenbildungen (Taf. VII, Fig. 17). Von hier an
gestaltet sich der Umriß des distalen Kieferrandes zu einer gleichmäßig
gerundeten, nahezu den Teil eines Kreises darstellenden Linie, so daß
ein Angulus nicht irgendwie scharf markiert ist (Taf. VIII, Fig. 19).
Soweit die Muskelinsertion reicht, erscheint die etwa 4 mm dicke
Knochenplatte des Ramus wie komprimiert. Unmittelbar vor der vordersten
Zacke des Musc. pteryg. intern. zeigt sich jene sanfte Aushöhlung des
unteren Randes, die auch beim recenten Europäer sich findet. In ihrem
Bereiche verbreitet sich der Basalrand zu dem oben dargestellten
Verhalten. Die Insertionsfläche des Pterygoideus internus ist ausgedehnt
infolge der rundlichen Ausbuchtung der ganzen Angulusregion. Ihre
Rauhigkeiten sind nur schwach entwickelt. Von den nach innen
vorspringenden knopfförmigen Zacken des Pterygoideus internus gehen
kleine Cristen aus. Die, wie oben schon festgestellt, sehr bedeutende
Insertionsfläche des Masseter ist nur wenig durch Reliefbildung
ausgezeichnet.
Um das deskriptive Gesamtbild der Mandibula des Homo Heidelbergensis zu
vervollständigen und um die nötige Grundlage für die $Vergleichung$ dieses
Objektes $mit anderen Unterkiefern$ zu gewinnen, sind die von KLAATSCH[48]
in seinem Frankfurter Vortrage angegebenen Methoden angewendet. Bei den
hiernach gefertigten Projektionszeichnungen und diagraphischen Kurven
ist der Alveolarrand im Bereiche der Incisiven und des letzten Molaren
als Horizontale angenommen. Alles Weitere besagt die in Fig. 43, Taf. XI
wiedergegebene Profilprojektion, in welcher die Meßlinien und Winkel
nach KLAATSCHS Nomenklatur angegeben sind.
Stellt man z. B. wie in Fig. 44 die Mandibula eines $recenten Europäers$
gemeinsam mit unserem Fossil auf die die Hinterfläche des dritten
Molaren tangierende Postmolarvertikale ein, so treten die Unterschiede
zwischen beiden Objekten sehr deutlich hervor: Während die
Alveolarhorizontale und die Basaltangente beim vorliegenden
Europäerunterkiefer nahezu parallel laufen, bilden sie beim Homo
Heidelbergensis einen nach vorn offenen spitzen Winkel von 11°. Seine
Größe ist zu berechnen aus dem Winkel, den die Basaltangente mit der
Symphysenvertikale bildet. Dieser beträgt 79°.