innerhalb der Ausdehnung des fossilen; nur der Processus coronoideus des
ersteren ragt ein wenig hervor, überschreitet jedoch nicht die
Condylocoronoidtangente des Fossils. Während diese Linie bei dem Homo
Heidelbergensis nach vorn absinkt, steigt sie beim recenten Europäer
stark nach vorn an. Der Condylus erscheint bei letzterem abgesunken.
Auch die Öffnung des Mandibularkanals liegt beim recenten Europäer viel
tiefer. Man kann sich vorstellen, daß bei diesem die schräge Stellung
des Ramus durch teilweisen Wegfall des distalen Teiles hervorgerufen
ist. Diese Vorstellung einer Reduktion drängt sich auch bei der
Betrachtung der =Kinnregion= des recenten Europäers auf. Die Zahnreihe
erscheint verkürzt, und das Kinn erscheint wie ausgeschnitten, so daß
die Kinnprominenz nur wenig die Incisionvertikale[XX.] unseres Fossils
nach vorn überragt.
[XX.] Dieser Ausdruck ist neuerdings von KLAATSCH anstatt des
bisherigen »Symphysion« eingeführt.
Wenn es nach dieser Vergleichung möglich erscheint, daß der Homo
Heidelbergensis der Vorfahrenreihe des europäischen Menschen angehört,
so werden wir sofort an weitere Punkte erinnert, in denen sich
Parallelen zwischen dem ontogenetischen Prozeß der Kieferbildung des
recenten Europäers und des Homo Heidelbergensis ergeben. Die allmähliche
Ausbildung der Kinnprominenz in der individuellen Entwicklung verlangt
als stammesgeschichtliche Ausgangsform eine zurückweichende vordere
Symphysenfläche. Die Spina mentalis interna entwickelt sich erst im
Kindesalter. Lange Zeit hindurch bewahrt sich der jugendliche
Europäerkiefer einen viel voluminöseren Condylus, als wie beim
Erwachsenen.
Diese gemeinsamen niederen Merkmale machen es notwendig, nachzuforschen,
welche verwandtschaftliche Stellung die Mandibula des Homo
Heidelbergensis zu den Unterkiefern der übrigen nicht europäischen
Menschenrassen und der Anthropoiden einnimmt. Es sollen daher einige
Beispiele herausgegriffen und zum Schluß auch die anderen bisher bekannt
gewordenen Fossilreste des Menschen in den Kreis der Betrachtungen
gezogen werden.
Nach den in Fig. 44, Taf. XI wiedergegebenen Profildiagrammen nimmt die
Mandibula des Homo Heidelbergensis nicht nur zu dem Unterkiefer des
Europäers, sondern auch zu demjenigen des $afrikanischen Negers$ eine
vermittelnde Stellung ein. Es ist bei letzterem eine Zunahme des Corpus
in der Symphysenhöhe eingetreten. Die zurückweichende Symphysenregion
ist beibehalten, und die Umbildung zum »negativen Kinn« ist erfolgt. Der
Ramus hat sich verschmälert und verlängert, wobei eine Vertiefung der
Incisur stattfand.
Fig. 45, Taf. XII zeigt Profildiagramme des Unterkiefers des Homo
Heidelbergensis, eines Australiers (Melville Island, K. 80)[XXI.] und
eines Dajak (B. N. C. 104). Im Vergleich zu dem Heidelberger Fossil ist
bei dem $Australier$ eine Verschmälerung des Ramus eingetreten, unter
Beibehaltung der nach vorn absteigenden Condylocoronoidtangente; ferner
hat sich bei letzterem ein »negatives Kinn« schwach ausgebildet. Der
Unterkiefer des $Dajak$ bleibt in der Breite des Ramus unserem Fossil
näher. In der Umbildung der Symphyse bietet er eine Parallele zu der
Mandibula Spy I dar.
[XXI.] K. bedeutet Australier Kollektion KLAATSCH, B. bedeutet Breslau
Anatomie, und zwar N. C. = Neuer Katalog, A. C. = Alter Katalog.
Von den in Fig. 46, Taf. XII dargestellten Profilprojektionen wollen wir
zunächst die Mandibula eines weiblichen $Gorilla$ ins Auge fassen, die
nicht so stark einseitig modifizierte Formenverhältnisse wie bei dem
männlichen aufweist. Denkt man sich unser Fossil nahezu um die Hälfte
der Länge des Alveolarteils nach vorn verlängert unter entsprechender
Zunahme des mesiodistalen Durchmessers der Molaren und Prämolaren und
kombiniert damit eine Verschmälerung des ganzen Kiefers, so entsteht die
Gorillamandibula. Der Ramus nimmt dabei an Höhe bedeutend zu, und der
Processus coronoideus erhebt sich etwas über den Condylus. Die breite
Furche, welche sich buccal vom Trigonum postmolare nach oben erstreckt
und von dem vorderen Rande des Ramus nach außen begrenzt wird, folgt der
Verschiebung nicht, sondern endet in halber Höhe des Ramus. Die
vergrößerten Molaren drängen nach hinten so stark vor, daß sie die
Crista buccinatoria eine Strecke weit okkupieren. Der Vorderrand des
Processus coronoideus, bzw. der Anfangsteil der Linea obliqua, läßt beim
Gorilla die nach vorn konkave leichte Aushöhlung vermissen, die bei dem
Homo Heidelbergensis vorhanden und auch beim recenten Menschen meist
anzutreffen ist. Der Ramus des Gorilla bekommt dadurch nach vorn eine
mehr gerade und schärfere Kante, als sie unser Fossil aufweist. Im
oberen Teile hingegen behält der Processus coronoideus des Gorilla
unserem Diagramme zufolge eine dem Fossil verwandte Form, jedoch mit
vertiefter Incisura semilunaris. Bei der im Besitz des Heidelberger
anatomischen Instituts befindlichen Mandibula eines weiblichen Gorilla
nähert sich aber der Proc. coronoid. mehr demjenigen des recenten
Europäers. In den Breiteverhältnissen übertrifft die in unserem Diagramm
dargestellte Gorillamandibula nicht diejenige des Fossils.
Die Condylen des Gorillakiefers bewahren sich die bedeutende Entfaltung
und die transversale Stellung der Achsen. Die subcondyloide Aushöhlung
des Hinterrandes ist stärker, und die Insertionsplatte der Muskeln setzt
sich schärfer ab als bei dem Homo Heidelbergensis; umgekehrt verhält es
sich am Basalrande, wo die Incisura praemuscularis beim Gorilla relativ
schwach entwickelt ist. Trotzdem die Fossa praecoronoidea beim Gorilla
lingualbuccal sehr weit ausgedehnt ist, bleibt die postmolare Breite bei
dem im Diagramm wiedergegebenen Exemplare (21 mm) hinter derjenigen des
Heidelberger Fossils zurück. Eine Übereinstimmung zwischen beiden
besteht dagegen in der hohen Lage des Foramen mandibulare sowie in der
geringen Ausprägung der Linea mylohyoidea, die sich beim Gorilla auch
nur bis zum zweiten Molaren verfolgen läßt.
Auch die Symphysenregion zeigt bei beiden eine ähnliche Rundung. Der
Mandibula des Gorilla fehlt aber die Incisura submentalis. Ihr Raum
erscheint ausgefüllt durch eine Verlängerung der unmittelbar vor der
Biventerinsertion gelegenen Knochenmasse. Die rudimentäre Beschaffenheit
des Musculus digastricus läßt die Umwandlung erkennen, die sich in der
Vorfahrenreihe des Gorilla abgespielt haben muß. Es muß bei ihm als
Ausgangspunkt ein ähnliches Stadium angenommen werden, wie wir es bei
dem Heidelberger Fossil antreffen. Die Fossa genioglossi vertiefte sich,
und die erwähnte, teils der Spina genioglossi, teils dem vorderen Rande
der Digastricusinsertion angehörige Knochenplatte füllte den Raum
zwischen den beiden Hälften des Corpus eine Strecke weit aus. Hierbei
wurde der nur noch schwache Digastricus ganz auf den Basalrand gedrängt.
Die flache Excavation hinter den Incisivi dehnte sich aus und
verkleinerte den Lingualwulst. In allen diesen Punkten läßt sich nichts
dagegen anführen, daß der Gorilla den sekundären, der Homo
Heidelbergensis den primären Zustand repräsentiert. Der gemeinsame
Ausgangszustand war dem letzteren offenbar viel näher. Die Zunahme des
Eckzahnes in der Anthropoidenreihe ist der Faktor, der den von der Bahn
des Menschen entfernenden Schritt verschuldete.
Man kann daher auf den $Orang$ (Fig. 46, Taf. XII) nahezu die gleichen
Betrachtungen anwenden wie auf den Gorilla. Noch primitiver bleibt
ersterer in der mäßigen Beschaffenheit der Condylen, der geringeren
Vertiefung der Incisura semilunaris und in dem relativ breiten Ramus.
Hingegen bedingt der völlige Schwund des Biventer beim Orang noch
stärkere, aber ganz in der Richtung wie beim Gorilla verlaufende
Umformungen der Symphysenregion.
Vom Schimpansen stand zum Vergleich geeignetes Material leider nicht zur
Verfügung, wohl aber von $Gibbons$ (Fig. 46). Diese bieten in ihren
mannigfaltigen Variationen, abgesehen von dem mehr gestreckten Corpus
mandibulae und dessen geringerer postmaler Breite, noch nähere Anklänge
an das Stadium des Homo Heidelbergensis, als die anderen Anthropoiden.
Ganz besonders auffällig sind in dieser Hinsicht die Gestalt des sehr
breiten Ramus mit der oft sehr flachen Incisura semilunaris, die starke
Ausprägung der Incisura praemuscularis und die Symphysenregion, die im
Relief der Vorder- und der Lingualfläche weniger modifiziert ist als bei
den übrigen Anthropoiden. Es sind sogar Andeutungen der Incisura
submentalis vorhanden, ein untrüglicher Beweis, daß diese einst
gemeinsamer Besitz war. Bei Hylobates lar finden sich ferner sogar
Andeutungen des Sulcus supramarginalis, der bei den anderen Anthropoiden
ganz vermißt wird.
=Das Resultat ist also, daß ein durch sein Gebiß als menschlich
sichergestelltes Fossil dem Ausgangszustande der Anthropoiden nahesteht,
wie es die von= KLAATSCH =und mir vertretenen Anschauungen erwarten
ließen=.
Es soll nun noch die Mandibula des Homo Heidelbergensis mit anderen
fossilen menschlichen Unterkiefern verglichen werden. Von Wichtigkeit
ist es, zu prüfen, ob sie eine morphologische Sonderstellung einnimmt.
Der Beginn der Erforschung fossiler Menschenkiefer war gegeben durch die
1866 erfolgte Entdeckung DUPONTS[15-17], der in der Höhle »La Naulette«
am linken Ufer der Lesse in Belgien zusammen mit Knochen vom Mammut und
Rhinoceros das Fragment eines menschlichen Unterkiefers antraf. Was
sofort an demselben auffiel, war der sehr kräftig und gedrungen gebaute
Körper, sowie die zurückweichende Gestaltung der Kinnregion, worin man
Ähnlichkeiten mit Affen zu erkennen glaubte. GABRIEL DE MORTILLET[54]
meinte sogar: Das betreffende Wesen habe noch keine Sprachfähigkeit
besessen, da die Spina mentalis interna zu fehlen scheine. Zum erstenmal
wurde die wissenschaftliche Welt durch Wahrnehmungen »pithecoider«
Eigenschaften an einem Menschenkiefer beunruhigt. Die Ära der Diskussion
über die Affenabstammung des Menschen begann. In dieser Periode der
Unklarheit ist der Scharfblick TOPINARDS[95] hervorzuheben, der mit
kritischem Auge die Merkmale des La Naulette-Kiefers prüfte und seine
menschliche Natur feststellte. Zugleich zeigte dieser Forscher, daß die
vom recenten Europäer vorhandenen Abweichungen nicht eine Annäherung im
genetischen Sinne an die Anthropoiden bedeuten. In seinen
Formverhältnissen, besonders in der gedrungenen Gestalt des Corpus, ist
das Kieferfragment von $La Naulette$ demjenigen von Krapina, welches
GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER[30] mit G bezeichnet, sehr ähnlich. Beide
Kiefer weichen hierin beträchtlich von dem Heidelberger Fossil ab. Für
La Naulette liegt eine weitere Differenz darin, daß die Alveolen der
Molaren vom ersten bis zum dritten größer werden; doch handelt es sich
bei La Naulette M 3 nach R. BAUME[7] wahrscheinlich um einen im
Durchbruch befindlichen Zahn, bei dem die Alveole stets weiter zu sein
pflegt.
Große Erregung rief auch die Auffindung des berühmten
Unterkieferfragments durch CH. MA[VS]KA 1882 in der [vS]ipkahöhle bei
Neutitschein in Mähren hervor. Die lebhafte Diskussion zwischen VIRCHOW
und SCHAAFFHAUSEN über die Bedeutung der im Kiefer eingeschlossenen
Zähne wurde erst in neuester Zeit durch WALKHOFF dahin erledigt, daß es
sich um ein kindliches Objekt im Zahnwechsel handelt. Aus diesem Grunde
eignet sich der [vS]ipkakiefer nicht gut zu vergleichenden Studien mit
der einem erwachsenen Individuum angehörigen Mandibula des Homo
Heidelbergensis.
Hingegen ist hierfür der Unterkiefer von $Spy$ I sehr brauchbar. Mit der
Beschreibung desselben durch J. FRAIPONT[18] in den Archives de Biologie
1887 beginnt eigentlich erst eine wissenschaftliche Bearbeitung des
menschlichen Unterkiefers. Bis zur Entdeckung der Reste des
Krapinamenschen, Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war
die Spymandibula das klassische Objekt in seiner Art. FRAIPONT
charakterisiert sie mit den Worten: »Elle est très robuste, très haute,
récurrente, dépourvue d'éminence mentonnière.« Leider fehlt ihr der
obere und der distale untere Teil der Äste; jedoch wird diese Lücke
einigermaßen ausgefüllt durch den Rekonstruktionsversuch, den KLAATSCH
im Anschluß an denjenigen des Neandertalschädels ausgeführt und auf dem
Berliner Anatomenkongreß 1908 demonstriert hat.
Auf den ersten Blick zeigt es sich, daß zwischen Spy I und dem Homo
Heidelbergensis viel Verwandtschaftliches besteht, aber auch manches
Trennende. In letzterer Hinsicht fällt besonders auf, daß der Spykiefer
seinen Ruf enormer Mächtigkeit neben dem Heidelberger Fossil einbüßt.
Gegen letzteres erscheint das belgische grazil und gemäßigt. FRAIPONT
gibt als Symphysenhöhe 38 mm an. An dem mir von genanntem Forscher
freundlichst überlassenen Gipsabguß läßt sich eine solche von nur 35 mm
feststellen, was etwa derjenigen des Heidelberger Unterkiefers
entspricht; der Defekt der Alveolen der Incisivi erschwert bei letzterem
die Messung. In der Symphysendicke bleibt Spy (15 mm) gegen Heidelberg
(17,5 mm) zurück. Auffälliger ist die Schmalheit des Corpus von Spy in
den seitlichen Teilen. Am Foramen mentale zeigt Spy 13,5 mm, Heidelberg
18,5; die postmolare Dicke beträgt bei Spy 16, bei dem Heidelberger
Fossil aber 23,5 mm!
Unter diesen Umständen kann bei der Spymandibula von einem Mißverhältnis
zwischen Zähnen und Kiefer, wie es der Homo Heidelbergensis zeigt, nicht
die Rede sein. Obwohl relativ groß, haben die Zähne im Spykiefer
genügend Raum, keinesfalls aber Überfluß daran, wie es bei dem
Heidelberger der Fall ist. Trotz der kleinen, besonders bei M 2
hervortretenden, Differenzen in den Größenverhältnissen der Molaren ist
das Gesamtbild des Gebisses beider, wenn man von der stärkeren Abkauung
bei Spy absieht, ein sehr ähnliches, der Verlauf des Alveolarrandes fast
identisch; nur buchtet sich derjenige des Heidelberger Fossils im
Bereiche der Incisiven und Prämolaren ein wenig vor. Dies zeigt sich
deutlich, wenn man die Alveolarrandkurven von beiden aufeinander
projizert. Hierbei erkennt man auch ein geringes Zurückbleiben der Kurve
von Heidelberg gegen Spy in der Breite der Molarenregion.
Ferner offenbart die Symphysengegend beider Unterkiefer eine
fundamentale Übereinstimmung durch den gemeinsamen Besitz einer Incisura
submentalis in einer solchen Ausdehnung, wie sie bei recenten kaum
vorkommen dürfte. Bei Spy ist dieselbe allerdings 10 mm schmäler und
weniger tief ausgeschnitten. Auch eine Spina interdigastrica ist bei Spy
vorhanden. Ferner sind die Insertionsgruben des Musculus digastricus in
ihrer halbmondförmigen Gestalt sehr ähnlich, jedoch erscheint die beim
Heidelberger Fossil wahrnehmbare Umgestaltung der Insertionsfläche aus
einer mesial beinahe horizontalen in eine distal mehr lingual gerichtete
an der Spymandibula weniger ausgeprägt. Die kleine Prominenz, welche
sich bei der Heidelberger Mandibula an der lateralen Grenze der
Digastricusinsertion auf der Außenfläche vorfindet, ist bei Spy nur auf
der linken Seite deutlich entwickelt. Die Bedeutung dieses Tuberculum
mentale posterius für die Kinnbildung ist von KLAATSCH in seinem
Frankfurter Vortrage dargelegt worden. Ebendort lenkte er die
Aufmerksamkeit auf die Furche, welche zwischen dem vorgenannten
Tuberculum und dem Foramen mentale, dem Kieferrande parallel laufend,
von ihm an Australierkiefern in stark variierender Ausdehnung
festgestellt und Sulcus supramarginalis oder mentalis benannt wurde.
Dieser ist auch an der Spymandibula, links deutlicher als rechts,
wahrnehmbar. Daß er mit der viel besser ausgeprägten und bedeutend
weiter ausgedehnten Rinnenbildung identisch ist, die ich an dem
Heidelberger Fossil beschrieben habe, bedarf nur des Hinweises. Die
Foramina mentalia von Spy liegen, soweit der Gipsabguß dies erkennen
läßt, unter M 1, also mehr distalwärts als bei unserem Fossil.
Der vorderen Symphysenfläche der Spymandibula fehlt die das ganze Gebiet
beherrschende Rundung. Die Gegend unter dem Alveolarrand erscheint wie
eingedrückt. Es ist die Bildung entstanden, welche KLAATSCH in
zahlreichen Variationen an Australierkiefern beobachten konnte und für
die er die Bezeichnung Impressio subincisiva externa eingeführt hat.
Hiervon zu unterscheiden ist die Impressio subincisiva interna, die bei
dem Heidelberger Fossil nur ganz schwach angedeutet, bei Spy aber
stärker ausgeprägt ist. So wird der Alveolarrand des letzteren lingual
und labial verschmälert. Durch die Impressio subincisiva externa tritt
das darunter befindliche Gebiet ein wenig hervor. Diese Prominenz ist
es, die FRAIPONT zu dem Urteil veranlaßt: Le menton existe déjà ici
virtuellement. Ohne daß auf diese Frage hier näher eingegangen wird,
läßt sich doch feststellen, daß die Verschiedenheit der Symphysenregion
der Unterkiefer von Heidelberg und Spy sich nur im Sinne einer
sekundären Veränderung des letzteren deuten läßt. Aus dem Heidelberger
Kiefer läßt sich der von Spy modellieren, nicht aber umgekehrt.
An Stelle der Rundung der Regio mentalis der Heidelberger Mandibula,
welche die Messung eines Symphysenwinkels gar nicht gestattet, ist bei
Spy eine Abflachung und steilere Stellung der Vorderfläche getreten (den
Winkel gibt FRAIPONT mit 111° an). Die allgemeine Verschmälerung des
Corpus mandibulae von Spy erscheint nun als eine Reduktion aus einem dem
Heidelberger Fossil ähnlichen Stadium. Das innere Relief der Symphyse
ist dabei ziemlich unverändert geblieben; doch machen sich leichte
Unebenheiten in der Fossa genioglossi bemerkbar: Anfänge der Bildung
einer Spina mentalis interna.
Recht abweichend vom Homo Heidelbergensis verhält sich beim Menschen von
Spy die Linea mylohyoidea, indem sie, eine tiefe Fossa submaxillaris
überbrückend, als sehr deutlich wahrnehmbarer Wulst sich bis zur
Digastricusinsertion hinzieht.
Die Fossa praecoronoidea bei Spy ist schwächer entwickelt und das
Trigonum postmolare kürzer als bei dem Heidelberger Fossil. Das Diastema
postmolare, der freie Raum zwischen dem dritten Molaren und dem vorderen
Rande des Ramus, ist hingegen weiter bei Spy. Der fragmentarische
Processus coronoideus bei letzterem läßt noch das Vorhandensein einer
Incisura subcoronoidea erkennen und eine ähnliche Form des Ramus wie bei
dem Homo Heidelbergensis vermuten.
=Faßt man alle diese Tatsachen zusammen, so erhellt zweifellos ein
Zusammenhang zwischen den beiden Unterkiefern, und zwar in dem Sinne,
daß das Heidelberger Fossil bis in die Einzelheiten einem
Vorfahrenstadium desjenigen von Spy I entspricht[XXII.]. Wir müssen
daher die Mandibula des Homo Heidelbergensis als präneandertaloid
bezeichnen. Da sie zugleich präanthropoide Merkmale aufweist, so wird
ihre Stellung als diejenige eines ganz fundamentalen »Generalized Type«
im Sinne Huxleys immer mehr befestigt=.
[XXII.] Fragmente einer Mandibula von Spy II sind beschrieben bei
FRAIPONT 1. c. p. 632: »Cette mandibule devait être plus haute, plus
massive, plus robuste encore que celle du sujet No. 1«. »Le bord
alvéolaire est très épais et en rapport avec le développement des
alvéoles qui logent d'énormes molaires. Les branches volumineuses ...«.
Hiernach ist es möglich, daß eine individuelle Variation vorlag, die
noch mehr von dem ursprünglichen Typus des Homo Heidelbergensis
bewahrte. Auffallend hingegen ist, daß FRAIPONT die Molaren als »enorm«
bezeichnet.
Sehen wir zu, ob die Vergleichung des Heidelberger Fossils mit dem
Unterkiefermaterial von $Krapina$ die eben geäußerte Auffassung bestätigt.
An letzterem fällt besonders die außerordentliche individuelle Variation
auf. Da ist zunächst der gewaltige, fast vollständig erhaltene
Unterkiefer J, der in GORJANOVI[/C]-KRAMBERGERS[30] trefflicher
Monographie vom Jahre 1906 in Fig. 2 und 2a, Taf. VI abgebildet ist.
Nach diesen Bildern und nach dem Text ergibt sich, daß er in seinen
Dimensionen das Heidelberger Fossil in manchen Punkten übertrifft. Der
Abstand der Condyli (Mittelpunkt der Flächen) voneinander beträgt bei
Krapina J 121,8 mm, d. h. etwa ein Fünftel mehr als beim recenten
Europäer im Durchschnitt; bei der Heidelberger Mandibula finde ich 110
mm, ein Maß, mit dem Spy I nach dem von KLAATSCH[47] ausgeführten
Rekonstruktionsversuch genau übereinstimmen würde. Der Abstand der
Condylen, an der Außenfläche gemessen, der bei Heidelberg 130,4 mm
beträgt, zeigt bei Krapina J mindestens 145 mm, wozu nach
GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER l. c. p. 159 noch 1-2 mm hinzutreten dürften,
da der Kiefer aus Fragmenten zusammengesetzt ist. Die Condylenflächen
von Krapina J sind durch Arthritis deformans verändert; die linke ist
weniger davon berührt. Sie zeigt eine ähnliche Gestaltung wie am
Heidelberger Fossil. Während der transversale Durchmesser des linken
Condylus bei Krapina J 28,8 mm gegen Heidelberg 22,8 mm zeigt, ist der
sagittale Durchmesser bei beiden gleich. Die Dickendimensionen des
Corpus sind bei Krapina J geringer als bei Heidelberg: an der Symphyse
15 gegen 17,5 mm und distal von M 3 sogar 15 (nach der Abbildung
gemessen) gegen 23,5 mm. Ob bei Krapina J eine Incisura submentalis
besteht, läßt sich nach der Abbildung nicht entscheiden, ist aber nach
der von GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER l. c. Fig. 2, Taf. VI gegebenen
Profilansicht wahrscheinlich. Das Foramen mentale liegt relativ weit
hinten: unter der distalen Wurzel des ersten Molaren. Die vordere, eine
Impressio incisiva aufweisende Symphysenfläche von Krapina J ist stärker
zurückweichend als bei Spy I; es fehlt ihr die ausgesprochene Rundung,
welche das Heidelberger Fossil aufweist.
Der Ramus von Krapina J ist in seiner Form in mancher Hinsicht der
Heidelberger Mandibula ähnlich, läßt aber in anderer Beziehung
Abweichungen erkennen. So hat der Processus coronoideus vorn noch ganz
die typische Beschaffenheit, während die Incisura tiefer eingeschnitten
ist. Ferner ragt die Spitze des Processus coronoideus höher als der
Condylus auf, im Gegensatz zum Heidelberger Kiefer. Während bei diesem
Basaltangente und Alveolarrand divergieren, laufen sie bei Krapina J
fast parallel; auch ist bei letzterem eine Incisura praemuscularis nicht
ausgeprägt. Der Ramus des Menschen von Krapina ist etwas höher als
derjenige des Homo Heidelbergensis; dagegen ist die Breite des ersteren
unverhältnismäßig gering, was ein Blick auf die Abbildung beider
erkennen läßt. Die Mehrzahl der von Krapina J angeführten Merkmale
spricht für sekundäre Abänderungen eines Urzustandes, wie ihn das
Heidelberger Fossil noch zeigt.
Ganz dasselbe Resultat ergeben die Unterkieferfragmente von
Krapina H und G, von denen ich Gipsabgüsse der Güte des Herrn
GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER verdanke. Das erstere, von dem das Corpus mit
sämtlichen Zähnen erhalten ist, ähnelt dem oben beschriebenen J sehr.
Die vordere Symphysenfläche ist jedoch noch mehr zurückweichend und
vollständig abgeplattet, so daß man hier den Winkel messen kann, den sie
mit der Alveolarebene bildet; er beträgt 67°, ein für menschliche
Verhältnisse außergewöhnlich niedriger. Bei einseitiger Beurteilung
dieser Tatsache könnte es scheinen, als liege hier ein niederer Zustand
als bei dem Heidelberger Fossil vor; aber sorgfältige Prüfung der
Vorderfläche des Kiefers H zeigt die Veränderungen, die er im Vergleich
zu demjenigen des Homo Heidelbergensis erfuhr, an den er sich in anderen
Punkten direkt anschließt.