Ansehnliche Reste des Rumpf-, Kopf- und Gliedmaßenskelettes sind in der
Sammlung des Heidelberger geologisch-paläontologischen Instituts
vorhanden, die sich auf die verschiedensten Altersstadien erstrecken. Es
erschien mir besonders wichtig, dieses Leitfossil auch aus dem gleichen
Horizonte, aus dem der menschliche Unterkiefer stammt, nachzuweisen, was
durch die freundliche Unterstützung des Herrn J. RÖSCH in
befriedigendster Weise gelungen ist. Es wurde nämlich 11,5 m südlich von
der im geologischen Profil mit einem Kreuz bezeichneten Fundstelle der
Oberkiefer eines ganz jungen Individuums und 25 m nordwestlich von der
genannten Stelle der Unterkiefer eines noch nicht völlig ausgewachsenen
Individuums aufgefunden. Von letztgenannter Mandibula, die aus der
Symphyse in zwei Teile zerfallen war, die sich leicht wieder
zusammensetzen lassen, fehlt beiderseits der obere Teil des Ramus
ascendens. Auf Taf. IV, Fig. 6 ist ein Teil der linken Hälfte des
Unterkiefers so abgebildet, daß die Schmelzfiguren der Kaufläche des
ersten Molaren zu erkennen sind. Sie sind typisch rautenförmig, am
distalen Teile mehr als am mesialen mit zahlreichen Ausbuchtungen
versehen. Die Stärke der Schmelzwand beträgt 1,5-2,0 mm. Von dem
nachdrängenden M 2 ist die Kaufläche der Querjoche noch völlig intakt.
Die Höhe des Corpus mandibulae beträgt unter M 1 148 und unter M 2 155
mm. Die Dicke des Corpus mißt an der Basis 112 mm und steigt nach oben
bis zu 160 mm an. Der mesiodistale Durchmesser von M 1 beträgt im
Maximum 157, der linguobuccale 63 mm, beide Maße an der Kaufläche
genommen. Da nach ZITTEL beim recenten (indischen) Elefanten der erste
Molar erst im 15. Jahre mit der ganzen Zahnkrone in Funktion ist und der
zweite Molar im 20. Jahre zum Vorschein kommt, die Altersgrenze des
Elefanten aber weit über 100 Jahre liegen soll, so dürfen wir annehmen,
daß die vorliegende Mauerer Mandibula von einem Individuum stammt, das
seine Vollkraft noch nicht ganz erreicht hatte.
Das auf Taf. V, Fig. 10 abgebildete Oberkieferfragment eines ganz jungen
Tieres wurde zusammen mit anderen demselben Individuum angehörigen
Knochen der Kieferregion und der Hirnkapsel -- wovon zwei Felsenbeine
und das Hinterhauptsbein leidlich gut erhalten sind -- aufgefunden. Die
Maxillae superiores und die Ossa palatina sind erhalten; ebenso auf
jeder Seite zwei Milchmolaren, von denen der mesiale drei Lamellen, der
distale deren sieben aufweist. Nach ZITTEL, Handbuch der Paläontologie
V. Abt. IV. Bd. 1891. S. 468, verhält sich die Zahl der Querjoche bei
Elephas antiquus folgendermaßen:
D 1[VIII.] D 2 D 3 M 1 M 2 M 3
sup. 3 5-7 8-11 9-12 12-13 15-20
inf. 3 6-8 9-11 10-12 12-13 16-21.
[VIII.] Da sich zu diesen drei Milchmolaren bei Elephas zuweilen ein
vorderster rudimentärer gesellt, so nehmen manche Autoren, z. B.
M. WEBER, Die Säugetiere, Jena 1904, folgende typische Formel der
Backenzähne für Elephas an: D (od. Pd) 4/4 M 3/3
Es liegen demnach bei unserem Oberkiefer D 1 und D 2 vor. Während
ersterer Zahn eine starke Abnutzung der Kaufläche aufweist und die
Schmelzfiguren deutlich erkennen läßt, ist bei D 2 die Usur nicht so
weit vorgeschritten: Die Schmelzfiguren werden distalwärts immer
schwächer. H. POHLIG[61] bildet in Nova Acta Acad. Leopold. 1892
Taf. IIb das Fragment einer rechtsseitigen Oberkieferhälfte des im
städtischen Museum zu Weimar befindlichen Elephas antiquus ab »mit dem
vollständigsten aller bekannten hintersten Milchmolaren«, und
A. PORTIS[63] bringt in Palaeontographica N. F. V. 4 (XXV.) Taf. XIX,
Fig. 1 die Abbildung eines im Münchener Museum befindlichen Unterkiefers
des Elephas antiquus von Taubach »mit den beiden zweiten gut entwickelten
und abgenutzten Milchmolaren und mit Alveolen, aus denen die Embryonen
des dritten[IX.] Zahnes herausgefallen sind«. Der Oberkiefer von Mauer
ergänzt die vorgenannten Objekte in erfreulicher Weise.
[IX.] Distal-mesialwärts gerechnet.
Vom Elephas antiquus ist im Jahre 1887 in der Sandgrube im Grafenrain
auch das auf Taf. IV, Fig. 7 abgebildete Schädelfragment nebst
Unterkiefer aufgefunden, das von Herrn J. RÖSCH in Mauer dem
zoologischen Institut der Universität Heidelberg geschenkt wurde. Da der
Zerfall des sehr mürben Knochengewebes durch Wegnahme des es
zusammenhaltenden Sandes zu befürchten war, so wurde auf Anordnung und
unter Leitung des Hr. Geh. Hofrat BÜTSCHLI eine Kiste um das wichtige
Fundstück gezimmert, in welcher die Überführung nach Heidelberg
stattfand. Hier konnte mit aller Sorgfalt die Präparation desselben
erfolgen. Bemerkenswert ist es, daß an dem Kiefer nur der linke
Incisivus zur Ausbildung gelangte, während der rechte, wie die nur
30 × 20 mm messende Alveole zeigt, sehr früh ausgefallen sein muß. Die
Länge des linken Schneidezahnes beträgt von der Alveole bis zur Spitze
in gerader Linie 1,16 mm, längs der äußeren Kurve gemessen 1,26 mm, der
Umfang desselben beim Austritt aus der Alveole 0,38 mm. Es seien noch
folgende Maße mitgeteilt: Das Hinterhauptsloch mißt zwischen den
Condylen 80 mm, von oben nach der Schädelbasis 74 mm. Breite des
Schädels zwischen den Jochbogen 710 mm. Die Entfernung von dem Processus
condyloideus des Unterkiefers bis zum äußersten Punkte der Symphysis
beträgt 720 mm; eine Senkrechte von dem genannten Processus auf die
Fortsetzungslinie der Basis des Unterkieferkörpers mißt 458 mm. Die
Entfernung zwischen den beiden Processus condyloidei beträgt 560 mm,
zwischen den Processus coronoidei 360 mm; die Höhe des Körpers unter M 2
150 mm.
Von den Kauflächen der Molaren der rechten Ober- und Unterkieferhälften
bringt Taf. IV, Fig. 8 und 9 Photographien, die von Hr. W. SPITZ nach
einem von ihm gewonnenen Abklatsch hergestellt sind. Es sind oben wie
unten von M 1 nur noch Reste vorhanden; M 2 beginnt bei der mit einem
Pfeil bezeichneten Stelle. Während M 2 sup. (Fig. 8) die Schmelzfiguren
nur undeutlich erkennen läßt, treten solche bei dem unteren Molaren
(Fig. 9) genügend scharf hervor. Man kann außer dem mesial nur halb
entwickelten Querjoch zehn weitere unterscheiden, die zum Teil typische
Rautenform aufweisen. Distal werden die Schmelzfiguren undeutlicher. M 2
sup. hat an der Kaufläche gemessen eine Länge von etwa 140 mm und eine
Breite von 60 mm. M 2 inf. ist 197 mm lang und 55 mm breit.
Elephas trogontherii ist nach H. SCHRÖDER in der Fassung, die ihm POHLIG
gegeben hat und die von mehreren Autoren angenommen ist, für
stratigraphische Zwecke nicht verwendbar. »Faßt man die Species enger
und beschränkt sie auf die Zahnform, die ein Mittelding zwischen
E. meridionalis und primigenius zu sein scheint, so kann ich nur sagen,
daß ich E. trogontherii, wie er bei Mosbach mehrfach gefunden ist, unter
dem Material, das ich von Mauer gesehen habe, nicht finden konnte.
Meines Erachtens lassen sich alle Stücke auf E. antiquus beziehen.«
Diesen Worten SCHRÖDERS pflichte ich vollkommen bei. Auch mir sind aus
den Mauerer Sanden nur typische Reste des E. antiquus bekannt geworden.
=Castor fiber L.= Bruchstücke von Unterkiefern sowie einzelne Schneide-
und Backzähne des Bibers sind in den Mauerer Sanden öfters aufgefunden.
Noch jüngst konnte ich eine rechte Unterkieferhälfte mit Bezahnung aus
der Fundschicht der menschlichen Mandibula der Heidelberger Sammlung
einverleiben. Danach schließt sich der Biber von Mauer dem recenten an,
nur weisen die Maße der Backzähne des ersteren bedeutend höhere Zahlen
auf.
=Wie schon in dem vorstehenden Verzeichnis bemerkt, weist die Säugerfauna
aus den Sanden von Mauer enge Beziehung zu derjenigen aus den Mosbacher
Sanden auf. Beide aber lassen wiederum deutliche Beziehungen zu den
präglacialen Forestbeds von Norfolk sowie zu dem südeuropäischen
Oberpliocän erkennen. Insbesondere deuten Rhinoceros etruscus Falc. und
das von der Form Equus Stenonis Cocchi bis zur Taubacher Form
hinüberleitende Pferd von Mauer bestimmt auf das Pliocän hin, während
die übrigen Mammalia zum größeren Teil dem ältesten Diluvium angehören.
Der Unterkiefer von Mauer dürfte also von den bisher aufgefundenen
stratigraphisch beglaubigten menschlichen Resten der älteste sein=[X.].
[X.] Die Umgegend von Heidelberg hat auch zwei Funde aus einem =späteren=
Abschnitte der Diluvialzeit ergeben. Es sind dies 1) das einer völlig
intakten Lößwand bei Dossenheim (jüngerer Löß mit Helix hispida,
Succinea oblonga und Pupa muscorum) entnommene proximale Ende eines
Metacarpalknochens eines kleinen Boviden, welches deutlich einen 4 mm
tiefen, transversalen Einschnitt zeigt, wie er nur durch den Menschen
hervorgebracht sein kann. Der Schnitt ist, wie mit der Lupe erkennbar,
wahrscheinlich durch öfteren Ansatz eines Feuersteinmessers ausgeführt.
Dieses Artefakt wurde dem geologisch-paläontologischen Institut der
Universität Heidelberg übergeben. 2) wurde in den diluvialen
Lehmablagerungen oberhalb Ziegelhausens, in beträchtlicher Tiefe, eine
120 mm lange und 48 mm breite Lanzenspitze aus kieseligem Gestein
aufgefunden, die, unten abgestumpft, beiderseitig Einbuchtungen zeigt
und an den Rändern gezähnelt ist. In Form und Technik entspricht das
Artefakt ganz einer im Solutréen Horizonte der Grotte von Laugerie Haute
in der Dordogne gefundenen Lanzenspitze (vgl. ED. PIETTE, Association
française pour l'avancement des sciences, 26. Aug. 1875, Taf. XVII,
Fig. 7). Diesen Gegenstand führte ich, da damals die prähistorische
Abteilung der städtischen Sammlungen in Heidelberg noch nicht bestand,
der Staatssammlung in Karlsruhe zu. (Vgl. O. SCHOETENSACK, Über
paläolithische Funde in der Gegend von Heidelberg, Ber. d. Oberrhein.
geolog. Vereins, 35. Vers. zu Freiburg i. B. 1902.)
Endlich gelang es mir, auch die ersten Spuren einer =neolithischen=
Ansiedelung im Amtsbezirk Heidelberg auf dem Grunde der alten Bergheimer
Kirche, festzustellen (Zeitschr. f. Ethnologie 1899, Verh. S. 566-574).
Seitdem sind durch die von K. PFAFF ausgeführten städtischen
Ausgrabungen zahlreiche neolithische Funde in näherer und weiterer
Umgebung der Stadt gemacht. Es konnte dabei eine kontinuierliche
Besiedelung dieser Gegend seit der jüngeren Steinzeit bis zur Gegenwart
festgestellt werden.
II. Anthropologischer Teil.
Aus dem vorhergehenden Abschnitte ist die stratigraphische Lagerung des
menschlichen Unterkiefers ersichtlich, der 24,10 m unter der Oberfläche
in der von Herrn F. RÖSCH abgebauten Sandgrube im Gewann Grafenrain zu
Mauer, Amtsbezirk Heidelberg, aufgefunden wurde.
Schon seit langer Zeit habe ich die Aufmerksamkeit auf diese Fundstätte
gerichtet. Der Beweis der Coexistenz des Menschen mit Elephas antiquus,
der in dem an Wirbeltierresten so reichen Kalktuff von Taubach bei
Weimar durch die Untersuchungen von A. PORTIS erbracht war, machte es
zur Pflicht, auch in den Mauerer Sanden auf Spuren des Menschen zu
fahnden. Allerdings waren die Aussichten auf einen Erfolg in Mauer weit
geringer, als in Taubach. Handelt es sich an letzterem Orte doch nach
PORTIS[63] um menschliche Niederlassungen am Ufer stehenden Gewässers,
auf dessen Boden die aus dem Muschelkalkgebiete kommenden Bäche Kalktuff
ablagerten[XI.]. Von diesem wurden die weggeworfenen Gegenstände:
abgenagte, oft auch zerschlagene oder mit Brandspuren versehene Knochen,
Feuerstein- und Knochenartefakte u. a. m. bedeckt[XII.]. Bei Mauer aber
sind es, wie in dem geologisch-paläontologischen Teile ausgeführt wurde,
Aufschüttungen eines alten Neckarlaufes, die bald »eine rein sandige,
bald schlickartig lehmige oder grobkiesige Beschaffenheit« aufweisen.
Hier kann man von vornherein keine Anzeichen einer regelrechten
menschlichen Ansiedelung erwarten. Der Strom, an dessen Ufern der Mensch
sich wohl zeitweise aufgehalten haben mochte, mußte bei Hochwasser
gründlich derartige Spuren verwischen. Die im Bereiche des
Überschwemmungsgebietes liegenden Tierreste wurden dabei wohl eine
Strecke fortgeführt, bis sie, vom Sand und Kies bedeckt, dauernd zur
Ablagerung gelangten. Weit kann der Transport nicht stattgefunden haben,
da die Knochen meist noch deutlich das Oberflächenrelief scharf
ausgeprägt zeigen. Stets finden sich nur einzelne Teile des Skelettes
der Säugetiere, am häufigsten isolierte Zähne und Fragmente von
Unterkiefern, die wegen der starken Schicht kompakten Knochengewebes dem
Verwesungsprozeß hartnäckig widerstehen.
[XI.] Nach den neueren, durch H. HAHNE und E. WÜST[34] ausgeführten
Untersuchungen liegen »die paläolithischen Fundschichten der Gegend von
Weimar im Ilmtale zwischen Weimar und dem 4 km ilmaufwärts von Weimar
gelegenen Dorfe Taubach in einer aus Ablagerungen des Ilmtales
aufgebauten Terrasse, welche durch spätere Erosion in drei Teilstücke:
das Taubacher auf der rechten, das Ehringsdorfer und das Weimarer auf der
linken Ilmseite, zerlegt ist«. Nach den genannten Forschern lassen »die
Entstehungsart und Altersfolge der Fundschichten von vornherein nicht
unbeträchtliche zeitliche Unterschiede zwischen den menschlichen Spuren
der verschiedenen Horizonte annehmen«. E. WÜST[102] gelangt übrigens in
seiner neuesten Schrift zu dem Schlusse, daß die in Rede stehenden
Ablagerungen von Weimar-Ehringsdorf-Taubach dem dritten Interglacial
zugerechnet werden müssen.
[XII.] Es gelang mir, aus dem Kalktuff von Taubach auch einen Kinderzahn
nachzuweisen, den ich unter den von A. WEISS daselbst gesammelten
Fossilien vorfand und der wissenschaftlichen Bearbeitung durch A. NEHRING
zuführte. Vgl. die Mitteilungen VIRCHOWS in der Berliner Anthrop. Ges.
Zeitschr. f. Ethnologie 1895 Verh. S. 338. Bald danach kam ein zweiter,
schon früher in der gleichen Schicht aufgefundener Zahn (M 1 inf.) zum
Vorschein, dessen bisher angezweifelter Fundbericht nunmehr Anerkennung
fand; ebd. S. 573.
Daß uns auch vom Menschen ein Unterkiefer überliefert wurde, ist ein
außergewöhnlich glücklicher Zufall. 30 Jahre lang fortgesetzte, bis zu
25 m Tiefe ausgeführte Grabungen waren erforderlich, um dieses für die
Urgeschichte des Menschen so wichtige Dokument zutage zu fördern! Seit
nahezu zwei Jahrzehnten kontrollierte ich die Grabungen in der Sandgrube
im Grafenrain auf Spuren des Menschen. Kohlenreste oder Brandspuren an
Säugetierknochen suchte ich vergeblich, die kleinen, größtenteils aus
dem Muschelkalk der Umgebung stammenden Hornsteine zeigten keine Spur
der Bearbeitung, spitz zulaufende Knochenfragmente, die ich in der
Hoffnung, ihre Bearbeitung feststellen zu können, daheim sorgfältig von
der durch kohlensauren Kalk verkitteten Sanddecke befreite, erwiesen
sich durchweg als auf natürlichem Wege entstandene Bruchstücke. So blieb
denn die einzige Hoffnung, daß sich unter den zahlreichen
Säugetierresten auch einmal ein menschlicher zeigen würde. Auf diese
Möglichkeit habe ich Herrn J. RÖSCH seit zwei Jahrzehnten beständig
hingewiesen, indem ich die Bedeutung eines solchen Fundes in den Mauerer
Sanden in stratigraphisch durchaus gesicherter Lage betonte. Ich machte
besonders darauf aufmerksam, daß ein derartiger Fund sofort sachgemäß
behandelt und auch ohne Verzug alle Einzelheiten der Lagerung und der
Fundumstände auf das zuverlässigste festgestellt werden müßten. Herr
RÖSCH, bei dem wissenschaftliche Bestrebungen stets ein offenes Ohr und
volles Verständnis fanden, ging in liebenswürdigster Weise auf meine
Vorschläge ein, indem er versprach, mich von einem etwaigen Funde sofort
zu benachrichtigen und mir diesen zur Untersuchung zu überlassen. Am 31.
Oktober 1907 fand Herr RÖSCH Gelegenheit, sein Wort einzulösen; am
nächsten Tage erreichte mich folgende Nachricht von ihm[XIII.]: »Schon
vor 20 Jahren haben Sie sich bemüht, durch Funde in meiner Sandgrube
Spuren des Urmenschen zu finden, um den Nachweis zu liefern, daß zu
gleicher Zeit mit dem Mammut (Elephas antiquus ist gemeint) auch schon
der Mensch in unserer Gegend gelebt hat. Gestern wurde nun dieser
Beweis erbracht, indem über 20 m unter der Ackeroberfläche auf der Sohle
meiner Sandgrube die untere Kinnlade, sehr gut erhalten, mit sämtlichen
Zähnen, von einem Urmenschen stammend, gefunden wurde. Auf der linken
Hälfte der Kinnlade werden die Zähne durch ein Conglomerat bedeckt,
dagegen ist die rechte Hälfte frei.«
[XIII.] Auch Herr Geh. Hofrat BÜTSCHLI erhielt eine Mitteilung über den
Fund, die er so freundlich war mir sogleich zu übermitteln.
Der nächste Zug brachte mich nach Mauer, wo ich »zu einem in der That
ganz schröckhaften Vergnügen«[XIV.] die gewordene Kunde vollauf bestätigt
fand. Auf Taf. VI, Fig. 11-14 ist das Fundstück, in zwei Hälften
getrennt, so wie ich es antraf, wiedergegeben. Die Hälften waren noch
vereinigt, als die Schaufel des Arbeiters in der Sandgrube auf den
Gegenstand stieß. Erst bei dem Herauswerfen desselben wurde die mediane
Verbindung aufgehoben, wobei die Schneidezähne und die Juga alveolaria
derselben in Mitleidenschaft gezogen wurden; außerdem ist auf der
lateralen Seite der linken Unterkieferhälfte, oberhalb der Basis, ein
Stückchen abgesprungen. Dieses war leider nicht mehr beizubringen;
dagegen sind sämtliche Teile der Incisivi vorhanden. Wie die Abbildung
erkennen läßt, hafteten neben und an den Eck- und Backzähnen des
Unterkiefers dicke verfestigte Krusten von ziemlich grobem Sand, ein
Charakteristikum der aus den Mauerer Sanden stammenden Fossilien. Die
Verkittung ist durch kohlensauren Kalk erfolgt. An der linken
Kieferhälfte lag außerdem auf den Prämolaren und den beiden ersten
Molaren, fest verbunden mit dem Sande, ein 6 cm langes und etwa 4 cm
breites Geröll von Kalkstein, vermutlich Muschelkalk. Dieses Geröll ist,
ebenso wie die gesamte Oberfläche des Unterkiefers, durch dendritische
Ablagerung von Limonit und wohl auch Manganverbindungen bedeckt, die dem
Knochen eine zum Teil ockergelbe, zum Teil schwarzbraune Färbung
verleihen. Auch die an der Symphyse zutage tretende spongiöse Substanz
zeigt die gleiche Erscheinung, ein Beweis, daß der Unterkiefer in der
Medianlinie wohl schon gelockert war.
[XIV.] Worte JOH. FRIEDR. ESPERS beim Auffinden »einer Maxilla von einem
Menschen unter den unbekannten vierfüßigen Tieren« in der Gailenreuther
Höhle anno 1774.
Die Fundstelle in der Sandgrube fand ich noch ganz unberührt. Der 52
Jahre alte Arbeiter DANIEL HARTMANN bestätigte mir, daß er tags zuvor
beim Ausheben des Sandes vermittels einer Schaufel auf den Unterkiefer
gestoßen sei, der beim Herauswerfen in zwei Hälften vorgelegen habe. Es
waren zur Zeit der Auffindung des Kiefers in der Sandgrube noch ein
Arbeiter und ein Knecht, der gerade eine Fuhre Sand holte, zugegen. In
Anbetracht der Wichtigkeit des Fundes hielt ich es für geboten, hierüber
vom Großh. Notar WEIHRAUCH in Neckargemünd ein von den drei Arbeitern,
Herrn J. RÖSCH und von mir unterzeichnetes Protokoll aufnehmen zu
lassen, dem Photographien des Fundobjektes (Taf. VI, Fig. 11-14), der
Fundstelle (Taf. II, Fig. 4) und der von dem Geometer gefertigte
Lageplan (Taf. II, Fig. 3) angeheftet sind. Aus dieser zu den Akten des
geologisch-paläontologischen Instituts gegebenen Urkunde, d. d.
Neckargemünd 19. November 1907, geht auch hervor, daß Herr J. RÖSCH den
Fund, wie ich dankerfüllt hinzufüge, schenkungsweise der Universität
Heidelberg überlassen hat.
Die nächste Sorge war nun, die Fundstelle und ihre nächste Umgebung
genau daraufhin zu untersuchen, ob nicht noch mehr menschliche Reste
aufzufinden seien. Nach den obigen Darlegungen waren die Aussichten
hierfür allerdings sehr gering; aber selbst Tierreste, die in der Nähe
des menschlichen Unterkiefers lagerten, durften nun ein höheres
Interesse beanspruchen. Die Fundschicht selbst, die 0,10 m mächtig in
dem geologischen Profil als »Geröllschicht, durch kohlensauren Kalk
etwas verkittet, mit ganz dünnen Lagen von Letten, der mit HCl schwach
braust«, bezeichnet ist, bot nichts Absonderliches. Es hatte eine
Anhäufung von kleinen Geröllen hier stattgefunden, unter denen der
Unterkiefer bei der Wegschwemmung wohl schließlich liegen blieb. Das
bereits beschriebene Kalkgeröll verkittete sich dabei vollkommen mit der
vom Sand bedeckten Zahnreihe der linken Unterkieferhälfte. Bei den durch
die Arbeiter ohne Unterbrechung Tag für Tag fortgesetzten
Sandaushebungen, die sich südlich und nördlich von dem Fundorte
ausdehnten, kamen nun, teils in der Fundschicht, teils in den darüber
gelagerten Schichten 5-10 des Profils, also bis zur Lettenbank 11,
beständig Reste der im geologisch-paläontologischen Teil angeführten
Säugetiere zutage. Insbesondere gelang es, vom Elephas antiquus Falc.
zwei noch mit den Molaren versehene Unterkieferhälften eines nahezu
erwachsenen (Taf. IV, Fig. 6) und das Oberkieferfragment eines ganz
jungen Individuums (Taf. V, Fig. 10) als wichtige Belegstücke zu
sichern. Näheres hierüber findet sich im geologisch-paläontologischen
Teil.
Um den menschlichen Unterkiefer dauernd zu erhalten, erschien es
angezeigt, rasch zu einer Präparierung desselben zu schreiten. Die in
dem feuchten Sande von Mauer gebetteten Knochen müssen zu diesem Zweck
einige Tage der Luft ausgesetzt und dann geraume Zeit in eine Leimlösung
gelegt werden. Damit letztere in alle Teile des menschlichen
Unterkiefers eindringen konnte, wurden die an der Pars alveolaris
haftenden Sandinkrustationen, sowie das der linken Kieferhälfte
aufgelagerte Kalkgeröll entfernt. Herr Geh. Hofrat BÜTSCHLI war so
freundlich, mich hierbei mit seinem Rate zu unterstützen und den
Konservator des zoologischen Institutes, der auch zurzeit den im I.
Abschnitt dieser Abhandlung beschriebenen Elephas antiquus-Schädel von
Mauer präpariert hatte, für die Ausführung der subtilen Arbeit zur
Verfügung zu stellen. Es wurde beschlossen, die durch kohlensauren Kalk
verkitteten Sandkrusten teils mechanisch, teils durch Aufträufeln von
verdünnter Salzsäure zu entfernen, was bei der rechten Kieferhälfte
vortrefflich gelang (vgl. Taf. VII, Fig. 15 u. 16); bei der linken
Hälfte dagegen lösten sich mit dem Geröll die Kronen der beiden
Prämolaren und der beiden ersten Molaren ab, so daß das Objekt das durch
Taf. VII, Fig. 17 u. 18 veranschaulichte Aussehen erhielt. Die
Zahnkronen konnten von dem Geröll durch fortgesetzte Betupfung desselben
mit verdünnter Salzsäure abgelöst werden; sie sind auf Taf. VIII,
Fig. 28-31 in annähernd natürlicher Größe[XV.] wiedergegeben, und zwar
sowohl von der oberen, als auch von der unteren, der Pulpahöhle
zugewendeten Seite. Leider passen sie nicht mehr vollständig auf den
Hals der betreffenden Zähne, da winzige Splitter des Schmelzes an dem
unteren Teile der Kronen abgesprungen sind. Offenbar wurde der
Zusammenhang der Kronen mit den Wurzeln an dem Halse der betreffenden
Zähne durch das darauf lagernde relativ schwere Geröllstück schon
gelockert, als der Unterkiefer mit der Schaufel herausgeworfen wurde;
sonst hätten sich bei der Präparierung die Kronen von den Wurzeln
schwerlich getrennt. Wie ich übrigens noch zeigen werde, ergab die also
ermöglichte Untersuchung der Pulpahöhlen der abgebrochenen Zähne
bemerkenswerte Resultate, die sich sonst nicht hätten gewinnen lassen.
[XV.] Die genauen Maße sind in der speziellen Beschreibung der Zähne
(Anhang I) angeführt.
Gehen wir nun zur $Beschreibung des Unterkiefers$ über, so drängt sich die
Eigenart unseres Objektes auf den ersten Blick auf. Es zeigt eine
Kombination von Merkmalen, wie sie bisher weder an einer recenten noch
fossilen menschlichen Mandibula angetroffen worden ist. Selbst dem
Fachmanne wäre es nicht zu verargen, wenn er sie nur zögernd als
menschliche anerkennen würde: Fehlt ihr doch dasjenige Merkmal gänzlich,
welches als specifisch menschlich gilt, nämlich ein äußerer Vorsprung
der Kinnregion, und findet sich doch dieser Mangel vereinigt mit äußerst
befremdenden Dimensionen des Unterkieferkörpers und der Äste.
Angenommen, nur ein Fragment wäre gefunden ohne Zähne, so würde es nicht
möglich sein, dieses als menschlich zu diagnostizieren. Mit gutem Grunde
würde man bei einem Teil der Symphysenregion die Zugehörigkeit zu einem
Anthropoiden, etwa von gorilloidem Habitus, vermuten und bei einem
Bruchstücke des Ramus ascendens an eine große Gibbon-Varietät denken.
=Der absolut sichere Beweis dafür, daß wir es mit einem menschlichen
Teile zu tun haben, liegt lediglich in der Beschaffenheit des Gebisses=.
Die vollzählig erhaltenen Zähne tragen den Stempel »Mensch« zur
Evidenz: Die Canini zeigen keine Spur einer stärkeren Ausprägung den
anderen Zahngruppen gegenüber. Diesen ist insgesamt die gemäßigte und
harmonische Ausbildung eigen, wie sie die recente Menschheit besitzt.