Mond

»Waren Sie schon beim Verhör,« fragte ich nach einer Weile.

»Ich komme soeben von dort. -- Hoffentlich werde ich Sie hier nicht

lange inkommodieren müssen,« antwortete Herr Laponder liebenswürdig.

»Armer Teufel,« dachte ich mir, »er ahnt nicht, was einem

Untersuchungsgefangenen bevorsteht.«

Ich wollte ihn langsam vorbereiten:

»Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten,

schlimmsten Tage vorüber sind.« -- --

Er machte ein verbindliches Gesicht.

Pause.

»Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?«

Er lächelte zerstreut:

»Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei, und mußte das

Protokoll unterschreiben.«

»Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?« fuhr es mir heraus.

»Allerdings.«

Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde.

Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar

keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell

oder etwas Ähnliches.

»Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie ein Menschenleben

vorkommt;« -- ich seufzte unwillkürlich, und er machte sofort eine

teilnehmende Miene. »Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen

brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald

wieder auf freiem Fuß sein.«

»Wie man's nimmt,« antwortete er ruhig, aber es klang wie ein

versteckter Doppelsinn.

»Sie glauben nicht?«, fragte ich lächelnd. Er schüttelte den Kopf.

»Wie soll ich das verstehen? -- Was haben Sie denn gar so Schreckliches

begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir,

-- lediglich Teilnahme, daß ich frage.«

Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu

zucken:

»Lustmord.«

Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen.

Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.

Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das

leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet,

daß er über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre.

Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. --

-- --

Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er

sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hängte sorgsam seine Kleider

an den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen,

tiefen Atemzügen zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu

sein.

Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.

Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu

haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so gräßlich und

aufregend, daß die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das

erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.

Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig im Auge behielt,

denn ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen.

Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert und ich konnte

sehen, daß Laponder regungslos, fast starr, dalag.

Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen und der halbgeöffnete

Mund erhöhte diesen Eindruck.

Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.

Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht

fiel, kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unhörbar die Lippen,

wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu

sein, -- ein zweisilbiger Satz vielleicht, -- so wie:

»Laß mich. Laß mich. Laß mich.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich Notiz von ihm genommen

hätte, und auch er brach niemals das Schweigen.

Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. So oft ich auf

und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog höflich, wenn er

auf der Pritsche saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein.

Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte

aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.

So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen zu können, -- es

ging nicht.

Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde

verbrachte ich im Schlaf.

Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete

respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte

sie pedantisch in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eines Nachts -- es mochte um die zweite Stunde sein -- stand ich

schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den

Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen

Gesicht der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam.

_Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir._

Sofort war ich wach, überwach, -- fuhr herum und horchte.

Eine Minute verging.

Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es wieder. Ich

konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:

»Frag' mich. Frag' mich.«

_Es war bestimmt Mirjams Stimme._

Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat

an das Bett Laponders.

Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich

unterscheiden, daß er die Lider offen hatte, doch nur das Weiße der

Augäpfel war sichtbar.

An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er im Tiefschlaf lag.

Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.

Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zähnen

hervordrangen:

»Frag' mich. Frag' mich.«

Die Stimme war der Mirjams täuschend ähnlich.

»Mirjam? Mirjam?« rief ich unwillkürlich, dämpfte aber sofort den Ton,

um den Schläfer nicht zu erwecken.

Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann

wiederholte ich leise:

»Mirjam? Mirjam?«

Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:

»Ja.«

Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.

Nach einer Weile hörte ich _Mirjams Stimme_ flüstern -- so unverkennbar

ihre Stimme, daß mir Kälteschauer über die Haut liefen.

Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn begriff. Sie sprach

von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, daß wir uns endlich

gefunden hätten -- und uns nie wieder trennen würden -- hastig -- ohne

Pause, wie jemand, der fürchtet unterbrochen zu werden und jede Sekunde

ausnützen will.

Dann wurde die Stimme stockend -- erlosch zeitweilig ganz.

»Mirjam?« fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem,

»Mirjam, bist du gestorben?«

Lange keine Antwort.

Dann fast unverständlich:

»Nein. -- Ich lebe. -- Ich schlafe.« -- --

Nichts mehr.

Ich lauschte und lauschte.

Vergebens.

Nichts mehr.

Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche

stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen.

Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich Mirjam momentelang

tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft

zusammennehmen mußte, um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu

drücken.

»Henoch! Henoch!« -- hörte ich ihn plötzlich lallen, dann immer klarer

und artikulierter: »Henoch! Henoch!«

Sofort erkannte ich Hillel.

»Bist du es, Hillel?«

Keine Antwort.

Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, um sie zum

Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen

das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse.

Ich tat es:

»Hillel?«

»Ja, ich höre dich!«

»Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?«, fragte ich schnell.

»Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. -- Sei ohne Sorge, Henoch, und

fürchte dich nicht!«

»Kannst du mir verzeihen, Hillel?«

»Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.«

»Werden wir uns bald wiedersehen?« -- Ich fürchtete, die Antwort nicht

mehr verstehen zu können; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht

worden.

»Ich hoffe es. Ich will warten -- auf dich -- wenn ich kann -- dann muß

ich -- Land --«

»Wohin? In welches Land?« -- ich fiel beinahe auf Laponder -- »In

welches Land? In welches Land?«

»-- Land -- Gad -- südlich -- Palästina --«

Die Stimme erstarb.

Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum

nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina,

_Charousek_.

»Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen,« kam es plötzlich

wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders. Diesmal in

Charouseks Tonfall, aber ähnlich so, als hätte ich es selbst gesagt.

Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief.

--

Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die

Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle

verschwunden sein.

Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:

Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider

geschlossen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, all die Tage über in Laponder

nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. --

Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler -- ein

Geschöpf, das unter dem Einfluß des Vollmonds stand.

Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen.

Bestimmt sogar. --

Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen

und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.

So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem

Gewissen hat, sagte ich mir.

Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten.

Ob er wohl wüßte, was geschehen war?

Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur

Seite.

Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: »Verzeihen Sie mir, Herr

Laponder, daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war

das Ungewohnte, das --«

»Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,« unterbrach er

mich lebhaft, »daß es ein scheußliches Gefühl sein muß, mit einem

Lustmörder beisammen zu sein.«

»Reden Sie nicht mehr davon,« bat ich. »Es ist mir heute nacht so

mancherlei durch den Kopf gegangen und ich werde den Gedanken nicht los,

Sie könnten vielleicht -- -- -- -- --« ich suchte nach Worten.

»Sie halten mich für krank,« half er mir heraus.

Ich bejahte: »Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen.

Ich -- ich -- darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?«

»Ich bitte darum.«

»Es klingt etwas merkwürdig, -- aber -- würden Sie mir sagen, was Sie

heute geträumt haben?«

Der Golem · 第 56 / 70 题