»Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.«
Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er
bestimmt:
»Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben.« -- Ich
gab es zu. »Denn wie gesagt, ich träume nie. Ich -- ich wandere,« setzte
er nach einer Pause halblaut hinzu.
»Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?«
Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es
für angezeigt, ihm die Gründe zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn
zu dringen, und erzählte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.
»Sie können sich fest darauf verlassen,« sagte er ernst, als ich zu Ende
war, »daß alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen
habe. Wenn ich vorhin bemerkte, daß ich nicht träume, sondern >wandere<,
so meinte ich damit, daß mein Traumleben anders beschaffen ist als das
-- sagen wir: _normaler_ Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein
Austreten aus dem Körper. -- -- So war ich z. B. heute nacht in einem
höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von unten herauf durch
eine Falltür führte.«
»Wie sah es aus?«, fragte ich rasch. »War es unbewohnt? Leer?«
»Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem
ein junges Mädchen schlief -- oder wie scheintot lag, -- und ein Mann
saß neben ihr und hielt seine Hand über ihre Stirn.« -- Laponder
schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und
Mirjam.
Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
»Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?«
»Sonst noch jemand? Warten Sie -- -- -- nein: sonst war niemand mehr im
Zimmer. Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. -- Dann ging
ich eine Wendeltreppe hinunter.«
»Sie war zerbrochen?« fiel ich ein.
»Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte
seitlich eine Kammer ab, darin saß ein Mann mit silbernen Schnallen an
den Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen
gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrägstehenden Augen; --
er war vornüber gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen
Auftrag vielleicht.«
»Ein Buch, -- ein altes großes Buch haben Sie nirgends gesehen?«,
forschte ich.
Er rieb sich die Stirn.
»Ein Buch sagen Sie? -- Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es
war aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem großen, goldenen
>A< fing die Seite an.«
»Mit einem >I< meinen Sie wohl?«
»Nein, mit einem >A<.«
»Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein >I<?«
»Nein, es war bestimmt ein >A<.«
Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder
im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr
durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und
den unterirdischen Gang.
»Haben Sie die Gabe zu >wandern<, wie Sie es nennen, schon lang?«,
fragte ich.
»Seit meinem 21. Jahr -- -- --«, er stockte, schien nicht gern davon zu
reden; da nahm seine Miene plötzlich den Ausdruck grenzenlosen
Erstaunens an, und er starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas
sähe.
Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und
bat -- fast flehentlich:
»Um Himmelswillen, sagen Sie mir _alles_. Es ist heute der letzte Tag,
den ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde
werde ich abgeholt, um mein Todesurteil anzuhören -- --.«
Ich unterbrach ihn entsetzt:
»Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwören, daß
Sie krank sind. -- Sie sind mondsüchtig. Es darf nicht sein, daß man Sie
hinrichtet, ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie
doch Vernunft an!«
Er wehrte nervös ab: »Das ist doch so nebensächlich, -- bitte, sagen Sie
mir alles!«
»Aber was soll ich Ihnen denn sagen? -- Reden wir doch lieber von
_Ihnen_ und -- --«
»Sie müssen, ich weiß das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben,
die mich nah angehen, -- näher als Sie ahnen können; -- -- ich bitte
Sie, sagen Sie mir alles!«, flehte er.
Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr interessierte als
seine eigenen, doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten; um
ihn aber zu beruhigen, erzählte ich ihm alles, was mir an
Unbegreiflichem geschehen war.
Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine
Sache bis zum Grund durchschaut.
Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir
gestanden und mir die schwarzroten Körner hingehalten hatte, konnte er
es kaum erwarten, den Schluß zu erfahren.
»Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm«, murmelte er sinnend.
»Ich hätte nie gedacht, daß es einen _dritten_ >Weg< geben könnte.«
»Es war das kein dritter Weg,« sagte ich, »es war dasselbe, wie wenn ich
die Körner abgelehnt hätte.«
Er lächelte.
»Glauben Sie nicht, Herr Laponder?«
»Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl auch den >Weg des Lebens<
gegangen, aber die Körner, die magische Kräfte bedeuten, wären nicht
zurückgeblieben. -- So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen.
Das heißt: sie sind hier geblieben und werden von Ihren Vorfahren so
lange behütet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Kräfte,
die in Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden.«