Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Nein. Bestimmt nicht.«

»Dann kenn ich sie nicht,« sagte Wenzel trocken.

Wir schwiegen eine Weile.

Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.

»Daß den Wassertrum der Deiwel g'holt hat«, fing Wenzel plötzlich wieder

an, »wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?«

Ich fuhr entsetzt auf.

»No ja.« -- Wenzel deutete auf seine Kehle. -- »Murxi, murxi! Ich sag

ich Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen

haben, weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich

der erschte drin; -- wie denn nicht! -- Und da hat e' durten g'sässen,

der Wassertrum, in einen dreckigen Lähnsessel, die Brust voller Blut und

die Augen wie aus Glas. -- -- -- -- -- Wissen S', ich bin ich ein

handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und ich

hab' gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi--iin. Furt' a furt' hab' ich mir

vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht

auf, es is doch bloß ein toter Jud. -- Er hat eine Feile in der Kehle

stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. -- Ein

Raubmord natierlich.«

»Die Feile! Die Feile!« Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor

Grausen. -- Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!

»Ich weiß ich auch, wer's war,« fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut

fort. »Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. --

Ich hab' ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt

und rasch eing'stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. -- Er

ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden -- -- -- -- --« er

brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang

angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an,

fürchterlich zu schnarchen.

Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam

herein und musterte mich argwöhnisch.

Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.

Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte,

gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken hinaus.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:

Den 12. Mai.

»Mein lieber armer Freund und Wohltäter!

Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich freikommen würden, --

immer vergebens, -- habe alle möglichen Schritte versucht, um

Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln, aber ich fand keins.

Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber

jedesmal hieß es, er könne nichts tun, -- es sei Sache der

Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.

Amtsschimmel!

_Eben erst, vor einer Stunde_, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir

den _besten_ Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, daß Jaromir dem

Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung

seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.

Beim >Loisitschek<, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht

das Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann --

dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist -- als ^corpus

delicti^ bei _Ihnen_ gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen:

Wassertrum ^et cetera^!

Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben -- --« Ich

ließ den Brief sinken und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur

Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch

Prokop, noch Vrieslander besaßen soviel Geld. -- Sie hatte mich also

doch nicht vergessen! -- Ich las weiter:

»-- 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit

mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu

Hause entwendet und verkauft zu haben.

Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel

bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.

Aber seien Sie versichert: es _wird_ geschehen. _Heute_ noch. Ich bürge

Ihnen dafür.

Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die

Uhr die Zottmanns ist.

Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, dann weiß Jaromir, was

er zu tun hat: -- _Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene

agnoszieren_.

Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei

sein werden, steht vielleicht bald bevor.

Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?

Ich weiß es nicht.

Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu

Ende, und _ich muß auf der Hut sein, daß mich die letzte Stunde nicht

überrascht_.

Aber eins halten Sie fest: wir _werden_ uns wiedersehen.

Wenn auch nicht in _diesem_ Leben und nicht wie die Toten in _jenem_

Leben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, -- wo, wie es in der

Bibel steht, der HERR _die_ ausspeien wird aus seinem Munde, die lau

waren und weder kalt noch warm. -- -- --

Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über

diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort >Kabbala< berührten,

bin ich Ihnen ausgewichen, aber -- ich weiß, was ich weiß.

Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen

Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem

Gedächtnis. -- -- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich -- ein Zeichen

auf Ihrer Brust zu sehen. -- Mag sein, daß ich wach geträumt habe.

Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, daß ich

gewisse Erkenntnisse gehabt habe -- innerlich! -- fast schon von

Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg geführt haben; --

Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder,

Gott sei Dank, noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren wird.

Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren

höchstes Ziel es ist, einen -- >Wartesaal< auszustaffieren, den man am

besten niederrisse.

Doch genug davon.

Ich will Ihnen lieber erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:

Ende April war Wassertrum soweit, daß meine Suggestion anfing zu wirken.

Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut

mit sich selbst sprach.

So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken eines Menschen sich

zum Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen.

Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.

Er schrieb!

Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er _schrieb_.

Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wußte ich, was er

oben machte: -- er machte sein Testament.

Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht.

Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's

mir eingefallen wäre.

Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an

dem er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn

überlistet.

Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich

nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und

dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat

mit anhören müssen.

Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.

Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im

Jenseits geglaubt hat, während er sich's das ganze Leben lang mühselig

ausreden wollte.

Aber so ist's bei allen den ganz Gescheiten; man sieht es schon an der

wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt.

Sie fühlen sich ertappt.

Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr

aus dem Auge.

Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede

Minute konnte die Entscheidung fallen. --

Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende

Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen

hätte.

Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war

vollbracht.

Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.

Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter,

alles das niederschreiben zu müssen.

Nennen Sie es Aberglaube, -- aber, wie ich sah, daß Blut _vergossen_

worden war -- die Dinge im Laden waren befleckt davon, -- kam es mir

vor, als sei mir seine Seele entwischt.

Etwas in mir, -- ein feiner, untrüglicher Instinkt -- sagt mir, daß es

nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt, oder von

eigener: -- daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen

müssen, dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. -- Jetzt, wo es

anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, als ein Werkzeug,

das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels.

Aber ich will mich nicht auflehnen. _Mein Haß ist von der Art, die übers

Grab hinausgeht_, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich

vergießen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich

der Schatten auf Schritt und Tritt. -- -- --

Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich draußen bei

ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.

Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch warten, bis das

innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. -- Wir

Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis

wir das Flüstern unserer Seele verstehen. -- -- --

In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt,

daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.

Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl

nicht zu versichern, Herr Pernath. -- Ich werde mich hüten, >ihm< -- für

>drüben< eine Handhabe zu geben.

Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände,

die er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert

sich dann ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. --

Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann

Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit

Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum vor

Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, -- erst

jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig nachweisen zu können.

Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des »Bataillons«

verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben. Ich will,

daß jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager -- »guten

Gesellschaft«.

Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben

Raubmördern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen

werden müssen.

Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.

So. Das wäre wohl alles.

Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie

zuweilen

Ihres

aufrichtigen und dankbaren

Innocenz Charousek.«

Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand.

Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner

bevorstehenden Enthaftung.

Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein

Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich

ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte!

Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen.

Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen

Schultern, die hohe, noble Stirn.

Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche

Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.

Noch einmal las ich den Brief durch.

Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig

war?

Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick

geduldet zu haben.

Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie

Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt

gewonnen hatte, -- den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des

Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.

Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner

da, als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und

angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen

vorgeben?

Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an

eine »Belohnung« hier oder jenseits auch nur zu denken.

Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung

in des Wortes verborgenster Bedeutung?

»Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische -- eine

Verbrechernatur« -- ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über

ihn lauten mußte, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele

hineinleuchten käme, -- dieser geifernden Menge, die nie und nimmer

begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und

edler ist als der nützliche Schnittlauch. -- -- --

Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte, daß man einen Menschen

hereinschob.

Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem

Eindruck des Briefes.

Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand darin.

Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben haben, die Schrift

verriet es mir.

Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde?

Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der

Gefangenen im Hof. -- Da war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner

vom »Bataillon« etwas zusteckte.

Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien:

»Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle? Mein

Name ist Laponder. Amadeus Laponder.«

Ich drehte mich um.

Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann in gewählter

Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich

korrekt vor mir.

Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine großen, hellgrün

glänzenden, mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich, daß,

so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu

sehen schienen. -- Es lag so etwas wie -- Geistesabwesenheit darin.

Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich

wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht

wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln,

das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen

beständig seinem Gesicht aufdrückten.

Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit

seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mädchenhaft schmalen Nase

und den zarten Nüstern.

»Amadeus Laponder, Amadeus Laponder«, wiederholte ich vor mich hin.

»Was er wohl begangen haben mag?«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Golem · 第 55 / 70 题