Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. --

»Brauchens' bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der

Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. -- Ise nämlich hohl inewändig« --

erklärte der Schlot mit überlegener Miene, »und finden Sie sich drinn

eine Brieffel von Herrn Charousek.«

Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals und die

Tränen stürzten mir aus den Augen.

Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:

»Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht

eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, daß

ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim

Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.« --

Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot

fuhr fort:

»Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin ich hier,

Pasta!«

»Sagen Sie doch,« fiel ich ihm ins Wort, »sagen Sie doch, Herr -- --

Herr -- -- --«

»Wenzel,« -- half mir der Schlot aus, »ich heiß' ich der schöne Wenzel.«

»Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht

es seiner Tochter?«

»Dazu ist jetz keine Zeit nicht,« unterbrach mich der schöne Wenzel

ungeduldig. »Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen

werden. -- Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra

eingestanden hab -- --«

»Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen

Raubanfall begangen, Wenzel?« fragte ich erschüttert.

Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wann ich wirklich einen

Raubanfall _begangen_ hätt, mecht ich ihm doch nicht _eingestähen_. Was

glauben Sie von mir!?«

Ich verstand allmählich: -- der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um

mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.

»So; zuverderscht« -- er machte ein äußerst wichtiges Gesicht -- »muß

ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.«

»Worin?«

»In der Ebilebsie! -- Gäbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles

genau! -- Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der

Goschen;« -- er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie

jemand, der sich den Mund ausspült -- »dann kriegt me Schaum vorm Maul,

sengen S' so«: -- er machte auch dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit.

-- »Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. -- Nachhe kugelt me die

Augen raus« -- er schielte entsetzlich -- »und dann -- das ise sich bisl

schwär -- stoßt me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: Bö -- bö -- bö,

-- und gleichzeitig fallt me sich um.« -- Er ließ sich der Länge nach zu

Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:

»Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert

gottsälig beim >Bataljohn< gelernt hat.«

»Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,« gab ich zu, »aber wozu dient das

alles?«

»Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!«, erklärte der schöne

Wenzel. »Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar

kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich

pumperlgesund! -- Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsräschpäkt. Wann

aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. -- -- Und da

ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;« -- er wurde tief

geheimnisvoll -- »den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich

durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammenpappt. -- Es ise sich das

ein Geheimnis vom Bataljohn! -- Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte

scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis

vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand

nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen

Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter

auf die Straßen. -- Pasta.«

»Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?« wandte ich

schüchtern ein, »ich bin doch unschuldig.«

»Daß ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!«, widerlegte mich der

schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.

Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen

Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons«beschlusses war,

auszureden.

Daß ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte,

bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.

»Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das

allerherzlichste,« sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn die

schwere Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen

allen erkenntlich zu zeigen.«

»Ise gar nicht nätig,« lehnte Wenzel freundlich ab. »Wann Sie ein paar

Glas >Pils< zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan

Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e' uns schon

erzählt, was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was

ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?«

»Ja, bitte,« fiel ich rasch ein, »sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel

gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit

seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen.

-- Werden Sie sich den Namen merken?: _Hillel_!«

»Hirräl?«

»Nein: Hillel.«

»Hillär?«

»Nein: Hill--el.«

Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen

unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden

Grimassen.

»Und dann noch eins: Herr Charousek möge -- ich lasse ihn herzlich drum

bitten -- sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der »vornehmen

Dame« -- er weiß schon, wer darunter zu verstehen ist -- annehmen.«

»Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was das

Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz -- dem Dr. Sapoli? -- No, die hat sich

doch scheiden lassen und ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen

freute, -- es krampfte mir dennoch das Herz zusammen.

Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt -- -- -- war ich

vergessen.

Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.

Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.

Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen

seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen,

erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und

antwortete nicht.

»Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein

Mirjam geht? Kennen Sie sie?«, fragte ich gepreßt.

»Mirjam? Mirjam?« -- Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten

-- »Mirjam? -- Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?«

Der Golem · 第 54 / 70 题