Mai

Auf meine Frage, welches Datum denn wäre -- die Sonne schien so warm wie

im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen -- hatte

der Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es

sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei

verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, -- insbesondere solche, die

noch nicht gestanden hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren

gehalten werden.

Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine

Nachricht aus der Welt da draußen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das

Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.

Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling

gesagt. -- --

Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.

Wie es ihr wohl ging?!

Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu

ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und

legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne.

Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem

andern meiner Zellengenossen zum Verhör geführt wurde, -- nur ich nicht,

-- drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange

tot.

Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder

nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die

ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben.

Und fast jedesmal »ging es schlecht aus«, und ich wühlte in meinem

Innern nach einem Blick in die Zukunft; -- suchte meine Seele, die mir

das Geheimnis verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits

liegende Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo

ich heiter sein und wieder lachen könnte.

Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde

lang glücklich und froh.

Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war allmählich in mir eine

unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht,

daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir

damals schon klar darüber geworden zu sein.

Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken

möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der

Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte,

fürchtete ich mich beinahe davor, man könne mich holen und freilassen

und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts

zerrinnen.

Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich

auch das leiseste Geräusch vernahm.

Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren

und zergrübelte mir den Kopf, wer wohl darin sitzen möchte.

Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, daß es Menschen gab

da draußen, die tun und lassen durften, was sie wollten, -- die sich

frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als

unbeschreiblichen Jubel empfanden.

Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein

durch die Straßen wandern zu können -- -- ich war nicht mehr imstande,

es mir vorzustellen.

Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem

längstverflossenen Dasein anzugehören; -- ich dachte daran zurück mit

jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch

aufschlägt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der

Jugendjahre getragen hat.

Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und

Prokop beim »Ungelt« saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus

machte?

Nein, es war doch Mai -- die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten

durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den

Ritter Blaubart spielte.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich saß allein in der Zelle. -- Vóssatka, der Brandstifter, mein

einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum

Untersuchungsrichter geholt worden.

Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.

Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tür. Und mit

freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider

auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.

Den Sträflingsanzug warf er Stück um Stück mit einem Fluch auf den

Boden.

»Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. -- Brandstiftung! -- Ja

doder« er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. »Auf den

schwarzen Vóssatka sans jung. -- Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi

fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen -- den Herrn

von Wind. -- No servus heit Abend! -- Do werd aufdraht. Beim

Loisitschek.« -- Er breitete die Arme aus und tanzte einen

»G'strampften«. -- »Nur einmahl im Leböhn blie--het der Mai.« -- Er

stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen

blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel. -- »Ja,

richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana

Freund, der Loisa, is ausbrochen! -- Grad hab i's erfahrehn oben bei die

Hallodri. Schon vurigen Monat -- gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht

und ist längs ieber -- pbhuit« -- er schlug sich mit den Fingern auf den

Handrücken -- »ieber alle Bergöh«. --

»Aha, die Feile,« dachte ich mir und lächelte.

»Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,« der Brandstifter

streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, »daß Sie möglichst bei

Zeitöhn freikommen. -- Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen

Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. -- Kennte

mich jädes Madel durten. So! -- Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein

Vergniegen.«

Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen

Untersuchungsgefangenen in die Zelle.

Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der

Soldatenmütze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der

Hahnpaßgasse gestanden hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht

wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern?

Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten

Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und

bedeutete mir, ich solle schweigen.

Erst als die Tür von draußen abgesperrt und der Schritt des

Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.

Mir schlug das Herz vor Aufregung.

Was sollte das bedeuten?

Kannte er mich denn, und was wollte er?

Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen

linken Stiefel auszog.

Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem

entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die

anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides

mit stolzer Miene hin. --

Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im

geringsten zu achten.

»So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.«

Der Golem · 第 53 / 70 题