Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert,
denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.
Auch kein Wasser zum Waschen.
Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war
mit Soda gewürzt statt mit Salz. -- -- Eine Gefängnisvorschrift, um dem
»Überhandnehmen des Geschlechtstriebes vorzubeugen«. -- --
Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.
Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.
Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich
einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie
ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen
zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten -- zu warten -- zu warten.
Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die
Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und
Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein
Ungeziefer hätte.
Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung
_fremder_ Insektenrassen entstehen?
Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit
Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: Der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt,
und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.
Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er
-- Zinksalbe zum Einreiben der Brust.
Einmal kam auch der Landesgerichtspräsident -- ein hochgewachsener,
parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster
im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob -- alles in Ordnung
sei: »ob sich noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte
ausdrückte.
Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er
einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver
vorgehalten. -- »Was ich denn wolle«, schrie er mich an.
Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam
ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf
das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte
durch den Türausschnitt: -- ich solle lieber den Mord gestehen. Eher
bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.
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Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und
fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.
Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, aber ich achtete
nicht darauf. Diese Woche war es ein Taschendieb und ein Wegelagerer,
das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt
wurden.
Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.
Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußern
Begebenheiten.
Nur _ein_ Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt -- es verfolgte mich
zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.
Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu
starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die
Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen
war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt
hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der
Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.
Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.
Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte
keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte.
Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock
tiefer unterzubringen.
Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben
Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle
säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt.
Von ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen,
sich mit Hilfe der Feile zu befreien.