Ich war so niedergeschlagen, daß ich mir gar nicht bewußt wurde, wie
lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und
niedergeschritten sein mochte.
Endlich trat ich ein, bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge
los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer
in meiner Nähe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden
herumsuchte, als habe er etwas verloren.
Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze,
speckglänzende Hosen, die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten. Auf
seinem linken Stiefel war ein eiförmiger, gewölbter Lederfleck
aufgesteppt, daß es aussah, als trüge er darunter einen Siegelring auf
der Zehe.
Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und ließ sich an
einem Nebentisch nieder.
Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem
Portemonnaie, da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen
Metzgerfingern aufblitzen.
Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehause und glaubte vor innerer
Nervosität wahnsinnig werden zu müssen, -- aber wohin sollte ich gehen?
Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir gräßlicher als das andere.
Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das
trockene, unaufhörliche Geräusper eines halbblinden Zeitungstigers mir
gegenüber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase
bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel
den Schnurrbart kämmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte,
verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke,
die bald unter gellem Gekreisch ihre Trümpfe mit dem Faustknöchel
hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das
alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen! Es sog
mir langsam das Blut aus den Adern. -- --
Es wurde allmählich dunkel und ein plattfüßiger, knieweicher Kellner
tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern, um sich endlich
kopfschüttelnd zu überzeugen, daß sie nicht brennen wollten.
So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden
Wolfsblick des Glasäugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine
Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die längst
ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte.
Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestülpt, daß ihm die Ohren
fast wagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.
Es war nicht mehr auszuhalten.
Ich zahlte und ging.
Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die
Klinke aus der Hand. -- Ich drehte mich um:
Wieder der Kerl!
Ärgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt
zu, da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.
»Da hört denn doch alles auf!« schrie ich ihn an.
»Nach rechts geht's,« sagte er kurz.
»Was soll das heißen?«
Er fixierte mich frech:
»Sie sind der Pernath!«
»Sie wollen wahrscheinlich sagen: _Herr_ Pernath?«
Er lachte nur hämisch:
»Alsdann keine Faxen jetz! Sie gäh'n Sie mit!«
»Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?«, fuhr ich auf.
Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig
auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.
Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
»So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?«
»Sie werden sich's schonn erfahrrähn. Auf dem Däpartemänt«, erwiderte er
grob. »Alla marsch jetz!«
Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
»Nix da!«
Wir gingen zur Polizei.
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Ein Gendarm führte mich vor eine Tür.
ALOIS OTSCHIN
Polizeirat
las ich auf der Porzellantafel.
»Sie kännen sich einträtten«, sagte der Gendarm.
Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander
gegenüber.
Ein paar verkraxte Stühle dazwischen.
Das Bild des Kaisers an der Wand.
Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
Sonst nichts im Zimmer.
Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen
Hosen hinter dem linken Schreibpult.
Ich hörte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache
und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten
Schreibtisch auf und trat vor mich hin.
Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare
Manier, bevor er anfing zu reden, die Zähne zu fletschen wie jemand, der
in grelles Sonnenlicht schaut.
Dabei kniff er die Augen hinter den Brillengläsern zusammen, was ihm den
Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
»Sie heißen Athanasius Pernath und sind« -- er blickte auf ein Blatt
Papier, auf dem nichts stand -- »Gemmenschneider«.
Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch: er
wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hörte das Rauschen einer
Schreibfeder.