»Ich meine: Die magische Vereinigung von männlich und weiblich im
Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! -- Nein, nicht als
Endziel, als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist -- _kein_ Ende hat.«
»Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden,« fragte ich erschüttert,
»den Sie suchen? -- Kann es nicht sein, daß er in einem fernen Land
lebt, vielleicht gar nicht auf Erden ist?«
»Davon weiß ich nichts;« sagte sie einfach, »ich kann nur warten. Wenn
er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, -- was ich nicht glaube,
weshalb wäre ich dann hier im Ghetto angebunden? -- oder durch die
Klüfte gegenseitigen Nichterkennens -- und ich finde ihn nicht, dann hat
mein Leben keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines
idiotischen Dämons. -- Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,«
flehte sie, »wenn man den Gedanken nur ausspricht, bekommt er schon
einen häßlichen, irdischen Beigeschmack, und ich möchte nicht --«
Sie brach plötzlich ab.
»Was möchten Sie nicht, Mirjam?«
Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:
»Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!«
Seidenkleider raschelten auf dem Gang.
Ungestümes Klopfen. Dann:
Angelina!
Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurück:
»Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes -- Frau Gräfin
--«
»Nicht einmal vorfahren kann man mehr. Überall das Pflaster aufgerissen.
Wann werden Sie einmal in eine menschenwürdige Gegend siedeln, Meister
Pernath? Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, daß es einem
die Brust zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie
ein alter Frosch, -- -- übrigens wissen Sie, daß ich gestern bei meinem
Juwelier war und er gesagt hat: Sie sind der größte Künstler, der
feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn nicht einer der
größten, die je gelebt haben?!« -- Angelina plauderte wie ein
Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden,
blauen Augen, die kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln, sah das
kapriziöse Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen
Ohrläppchen.
Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen.
»An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause
zu treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen?
Wir fahren zuerst -- ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst
einmal -- warten Sie -- -- ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz:
irgendwohin ins Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen
in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann
essen Sie bei mir, -- und dann schwätzen wir bis abends. Nehmen Sie doch
Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? -- Eine warme, ganz weiche Decke ist
unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns
zusammen, bis uns siedheiß wird.«
Was sollte ich nur sagen?! -- -- »Soeben habe ich mit der Tochter meines
Freundes hier eine Spazierfahrt verabredet -- --«
Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe
ich aussprechen konnte.
Ich begleitete sie bis vor die Tür, obschon sie mich freundlich abwehren
wollte.
»Hören Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht
so sagen, wie ich an Ihnen hänge -- -- und daß ich tausendmal lieber mit
Ihnen -- --«
»Sie dürfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath,« drängte sie,
»adieu und viel Vergnügen!«
Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah,
daß der Glanz in ihren Augen erloschen war.
Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnürte mir die Kehle
zusammen.
Mir war, als hätte ich eine Welt verloren.
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Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab
durch die menschenüberfüllten Straßen.
Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich, halbbetäubt, nur noch
die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorüberhuschte,
unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten,
blanke Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa
Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen wollte, schäumende
Rappen, die uns entgegensausten in silbernen Geschirren, ein
Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und funkelnden
Geschmeiden, -- Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften.
Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ mich die Wärme von
Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden.
Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn
wir an ihnen vorüberjagten.
Dann ging's im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war,
an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl
gaffender Gesichter.
Ich blickte kaum hin: -- das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre
Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, -- alles, alles war mir
unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten
den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. --
Parkwege. Dann -- gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter
den Hufen der Pferde, nasse Luft, blätterlose Baumriesen voll von
Krähennestern, totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden
Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt.
Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, kam Angelina auf Dr.
Savioli zu sprechen.
»Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,« sagte sie mit entzückender,
kindlicher Unbefangenheit, »und ich weiß, daß es ihm auch wieder besser
geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich
langweilig vor. -- Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen
zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich
glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind
sie so dumm, daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?« Sie
hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. »Übrigens sind mir
Frauen vollständig uninteressant. Sie dürfen es natürlich nicht als
Schmeichelei auffassen: aber -- wahrhaftig, die bloße Nähe eines
sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das
anregendste Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau. Es ist ja
schließlich doch alles dummes Zeug, was man da zusammenschwätzt. --
Höchstens: das bißchen Putz -- na und! Die Moden wechseln ja nicht gar
so häufig. -- -- Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?«, fragte sie
plötzlich kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen
mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den
Nacken zu küssen, -- »sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!«
Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein.
Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten
Zierstauden, die aussahen in ihren Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit
abgehauenen Gliedern und Häuptern.
Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und
steckten die Köpfe zusammen.
Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war
Angelina doch so vollständig anders, als sie bisher in meiner Einbildung
gelebt hatte! -- Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart
gerückt!
War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche
getröstet hatte?
Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.
Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.
Der Wagen bog über eine feuchte Wiese.
Es roch nach erwachender Erde.
»Wissen Sie, -- -- Frau -- --?«
»Nennen Sie mich doch Angelina«, unterbrach sie mich leise.
»Wissen Sie, Angelina, daß -- daß ich heute die ganze Nacht von Ihnen
geträumt habe?«, stieß ich gepreßt hervor.
Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus
meinem ziehen, und sah mich groß an. »Merkwürdig! Und ich von Ihnen! --
Und in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.«
Wieder stockte das Gespräch und beide errieten wir, daß wir auch
dasselbe geträumt hatten.
Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich
an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen
hinaus. -- -- --
Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weißen,
duftenden Handschuh zurück, hörte, wie ihr Atem heftig wurde, und preßte
toll vor Liebe meine Zähne in ihren Handballen.
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-- -- Stunden später ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel
hinab der Stadt zu. Planlos wählte ich die Straßen und ging lange, ohne
es zu wissen, im Kreise herum.
Dann stand ich am Fluß über ein eisernes Geländer gebeugt und starrte
hinab in die tosenden Wellen.
Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne
Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander
genommen vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblättern
darin, und sie wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den
Kopf an meine Schulter gelehnt, stumm durch den fröstelnden, dämmrigen
Park ihres Schlosses.
Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu
träumen.
Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die
letzten, aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt.
Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und
aufblickte, lag der Fluß in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von
der schweren Nacht erdrückt, schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des
Staudamms als weißer, blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer
lief.
Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurück zu müssen in mein
trauriges Haus.
Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in
meiner Wohnstätte gemacht.
Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mußte das
Glück vorüber sein -- und nichts blieb davon, als eine wehe, schöne
Erinnerung.
Und dann?
Dann war ich heimatlos hier und drüben, diesseits und jenseits des
Flusses.
Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das
Schloß werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das
finstere Ghetto ging. -- -- -- Ich schlug die Richtung ein, aus der ich
gekommen war, tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen
entlang und über schlummernde Plätze, sah schwarze Monumente drohend
auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von
Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen,
phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst
heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in
der Luft.
Mein Fuß tastete breite, steinerne Stufenflächen, mit Kies bestreut. Wo
war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwärts führt?
Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen Äste eines Baumes
hängen herüber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich
hinter der Nebelwand. --
Ein paar morsche, dünne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie
streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen
Abgrund, der mir meine Füße verbirgt.
Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne -- irgendwo
-- rätselhaft -- zwischen Himmel und Erde. -- -- --
Ich mußte fehlgegangen sein. Es konnte nur die »alte Schloßstiege« sein
neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten -- -- --
Dann lange Strecken lehmiger Erde. -- Ein gepflasterter Weg.
Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen,
steifen Zipfelmütze: »die Daliborka« = der Hungerturm, in dem Menschen
einst verschmachteten, derweilen Könige unten im »Hirschgraben« das Wild
hetzten.
Ein schmales, gewundenes Gäßchen mit Schießscharten, ein Schneckengang,
kaum breit genug, die Schultern durchzulassen -- und ich stand vor einer
Reihe von Häuschen, keines höher als ich.
Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dächer greifen.
Ich war in die »Goldmachergasse« geraten, wo im Mittelalter die
alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die
Mondstrahlen vergiftet haben.
Es führte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.
Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr, die mich eingelassen, -- stieß
an ein Holzgatter.
Es nützt nichts, ich muß jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt,
sagte ich mir. Sonderbar, daß hier ein Haus die Gasse abschließt --
größer als die andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht
entsinnen, es je bemerkt zu haben.
Es muß wohl weiß getüncht sein, daß es so hell aus dem Nebel leuchtet?
Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif, drücke das
Gesicht an die Scheiben: -- alles finster. Ich klopfe ans Fenster. -- Da
geht drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand,
durch eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die
Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten
alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf
die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick
unverwandt auf mich.
Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen, daß es
aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.
Er sieht mich offenbar nicht.
Ich klopfe ans Glas.
Er hört mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem
Zimmer.
Ich warte vergebens.