Wo nur Charousek blieb?
Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer ließ er sich nicht
blicken.
Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder
sah er es vielleicht nicht?
Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, daß der Sonnenstrahl,
der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner
Kellerwohnung fiel.
Das Eingreifen Hillels -- gestern -- hatte mich ziemlich beruhigt.
Bestimmt würde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wäre.
Überdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben;
gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden
zurückgekehrt, -- ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er
unbeweglich hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon
frühmorgens gesehen. -- -- --
Unerträglich, das ewige Warten!
Die milde Frühlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem
Nebenzimmer hereinströmte, machte mich krank vor Sehnsucht.
Dies schmelzende Tropfen von den Dächern! Und wie die feinen
Wasserschnüre im Sonnenlicht glänzten!
Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fäden. Voll Ungeduld ging ich in der
Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
Dieses süchtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es
wollte nicht weichen.
Die ganze Nacht über hatte es mich gequält. Einmal war es Angelina
gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar
ganz harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam
abermals Angelina und küßte mich; ich roch den Duft ihres Haares, und
ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren
entblößten Schultern -- und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen,
halbgeschlossenen Augen tanzte -- im Frack -- nackt; -- -- -- und alles
in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie ein Wachsein. Wie
ein süßes, verzehrendes, dämmeriges Wachsein.
Gegen Morgen stand dann mein Doppelgänger an meinem Bett, der
schattenhafte Habal Garmin, »der Hauch der Knochen«, von dem Hillel
gesprochen, -- und ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht,
_mußte_ mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen würde nach
irdischen oder jenseitigen Dingen, und er _wartete_ nur darauf, aber der
Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwüle meines
Blutes und versickerte im dürren Erdreich meines Verstandes. -- Ich
schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und
es schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben »Aleph«, wuchs wieder empor,
stand da als das Koloßweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche
Ibbur gesehen, mit dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich über
mich und ich atmete den betäubenden Geruch ihres heißen Fleisches ein.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Kam denn Charousek immer noch nicht? -- Die Glocken sangen von den
Kirchtürmen.
Eine Viertelstunde wollte ich noch warten -- dann aber hinaus! Durch
belebte Straßen voll festtägig gekleideter Menschen schlendern, mich in
das frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schöne Frauen
sehen mit koketten Gesichtern und schmalen Händen und Füßen.
Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufällig, entschuldigte ich
mich vor mir selbst.
Ich holte das altertümliche Tarokspiel vom Bücherbord, um mir die Zeit
rascher zu vertreiben. --
Vielleicht ließ sich aus den Bildern Anregung schöpfen zum Entwurf einer
Kamee?
Ich suchte nach dem Pagad.
Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
Ich blätterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken
über ihren verborgenen Sinn. Besonders der »Gehenkte«, -- was konnte er
nur bedeuten?:
Ein Mann hängt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf abwärts,
die Arme auf den Rücken gebunden, den rechten Unterschenkel über das
linke Bein verschränkt, daß es aussieht wie ein Kreuz über einem
verkehrten Dreieck?
Unverständliches Gleichnis.
Da! -- Endlich! Charousek kam.
Oder doch nicht?
Freudige Überraschung: es war Mirjam.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Wissen Sie, Mirjam, daß ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und
Sie bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen?« Es war nicht ganz die
Wahrheit, aber ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. -- »Nicht
wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im
Herzen, daß Sie, gerade Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen
müssen.«
»-- spazierenfahren?«, wiederholte sie derart verblüfft, daß ich laut
auflachen mußte.
»Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?«
»Nein, nein, aber -- --,« sie suchte nach Worten, »unerhört merkwürdig.
Spazierenfahren!«
»Durchaus nicht merkwürdig, wenn Sie sich vorhalten, daß es
Hunderttausende von Menschen tun -- eigentlich ihr ganzes Leben nichts
anderes tun.«
»Ja, _andere_ Menschen!« gab sie, immer noch vollständig überrumpelt,
zu.
Ich faßte ihre beiden Hände:
»Was _andere_ Menschen an Freude erleben dürfen, möchte ich, daß Sie,
Mirjam, in noch unendlich viel reicherem Maße genießen.«
Sie wurde plötzlich leichenblaß, und ich sah an der starren Taubheit
ihres Blickes, woran sie dachte.
Es gab mir einen Stich.
»Sie dürfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam,« redete ich ihr
zu, »das -- das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen -- aus --
aus Freundschaft?«
Sie hörte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.
»Wenn es Sie nicht so angriffe, könnte ich mich mit Ihnen freuen, aber
so? Wissen Sie, daß ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? -- Um -- um --
wie soll ich nur sagen? -- um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es
nicht wörtlich auf, aber --: ich wollte, das Wunder wäre nie geschehen.«
Ich erwartete, sie würde mir widersprechen, aber sie nickte nur in
Gedanken versunken.
»Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam?« Sie raffte sich auf:
»Manchmal möchte ich beinahe auch, es wäre nicht geschehen.«
Es klang wie ein Hoffnungsstrahl für mich. -- »Wenn ich mir denken
soll,« sie sprach ganz langsam und traumverloren, »daß Zeiten kommen
könnten, wo ich ohne solche Wunder leben müßte -- -- --.«
»Sie können doch über Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr
--,« fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich
das Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte, -- »ich meine: Sie können
plötzlich auf natürliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden, und die
Wunder, die Sie dann erleben, würden geistiger Art sein: -- innere
Erlebnisse.«
Sie schüttelte den Kopf und sagte hart: »Innere Erlebnisse sind keine
Wunder. Erstaunlich genug, daß es Menschen zu geben scheint, die
überhaupt keine haben. -- Seit meiner Kindheit, Tag für Tag, Nacht für
Nacht, erlebe ich --« (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet, daß
noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir nie gesprochen hatte,
vielleicht das Weben unsichtbarer Geschehnisse, ähnlich den meinigen) --
»aber das gehört nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstünde und machte
Kranke gesund durch Handauflegen, ich könnte es kein Wunder nennen.
Erst, wenn der leblose Stoff -- die Erde -- beseelt wird vom Geist und
die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich
mich sehne, seit ich denken kann. -- Mir hat einmal mein Vater gesagt:
es gäbe zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die
sich niemals zur Deckung bringen ließen. Wohl könne die magische die
abstrakte an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische
ist ein _Geschenk_, die andere _kann_ errungen werden, wenn auch nur mit
Hilfe eines Führers.« -- Sie nahm den ersten Faden wieder auf: »Das
_Geschenk_ ist es, nach dem ich dürste; was ich mir erringen kann, ist
mir gleichgültig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken soll, es
könnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder
leben müßte,« -- ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und
Jammer zerfleischten mich, -- »ich glaube, ich sterbe jetzt schon
angesichts der bloßen Möglichkeit.«
»Ist das der Grund, weshalb auch Sie wünschten, das Wunder wäre nie
geschehen?«, forschte ich.
»Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich -- ich --«, sie dachte
einen Augenblick nach, »war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser
Form zu erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklären? Nehmen
Sie einmal an, bloß als Beispiel, ich hätte seit Jahren jede Nacht ein
und denselben Traum, der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich
jemand -- sagen wir: ein Bewohner einer andern Welt -- belehrt und mir
nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmählichen
Veränderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife, ein >Wunder<
erleben zu können, entfernt bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen,
wie sie mich manchmal tagsüber beschäftigen, derart Aufschluß gibt, daß
ich es jederzeit nachprüfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein solches
Wesen ersetzt einem an Glück alles, was sich auf Erden ausdenken läßt;
es ist für mich die Brücke, die mich mit dem >Drüben< verbindet, ist die
Jakobsleiter, auf der ich mich über die Dunkelheit des Alltags erheben
kann ins Licht, -- ist mir Führer und Freund, und alle meine Zuversicht,
daß ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren
kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich auf >ihn<, der mich noch nie
belogen hat. -- Da mit einem Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat,
kreuzt ein >Wunder< mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War das, was
mich die vielen Jahre über ununterbrochen erfüllt hat, eine Täuschung?
Wenn ich daran zweifeln müßte, ich stürzte kopfüber in einen bodenlosen
Abgrund. -- Und doch ist das Wunder geschehen! Ich würde aufjauchzen vor
Freude, wenn --«
»Wenn -- -- --?« unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie
selbst jetzt das erlösende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.
»-- wenn ich erführe, daß ich mich geirrt habe, -- daß es gar kein
Wunder war! Aber ich weiß so genau, wie ich weiß, daß ich hier sitze,
ich ginge zugrunde daran«; (mir blieb das Herz stehen) --
»zurückgerissen werden, vom Himmel wieder herab müssen auf diese Erde?
Glauben Sie, daß das ein Mensch ertragen kann?«
»Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe«, sagte ich ratlos vor Angst.
»Meinen Vater? Um Hilfe?« -- sie blickte mich verständnislos an, -- »wo
es nur zwei Wege für mich gibt, kann er da einen dritten finden? -- --
Wissen Sie, was die einzige Rettung für mich wäre? Wenn _mir_ das
geschähe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was
hinter mir liegt: mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag -- vergessen
könnte. -- Ist es nicht merkwürdig: was Sie als Unglück empfinden, wäre
für mich das höchste Glück!«
Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff sie plötzlich meine
Hand und lächelte. Beinahe fröhlich.
»Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;« -- (sie tröstete mich
-- mich!) -- »vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den
Frühling draußen, und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte
Ihnen überhaupt nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem Gedächtnis
und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! -- Ich bin ja so froh --«
»Sie? Froh? Mirjam?«, unterbrach ich sie bitter.
Sie machte ein überzeugtes Gesicht: »Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu
Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich ängstlich, -- ich weiß
nicht warum: ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer
großen Gefahr schweben,« -- ich horchte auf -- »aber, statt mich darüber
zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und
-- --«
Ich zwang mich zur Lustigkeit: »und das können Sie nur gutmachen, wenn
Sie mit mir ausfahren.« (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich
in meine Stimme zu legen:) »Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es
mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie,
was Sie wollen: Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern
vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen
Streich spielen kann.«
Sie wurde plötzlich ganz lustig:
»Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie
noch nie gesehen! -- Übrigens >Tauwind<: bei uns Judenmädchen lenken
bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen
es natürlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. -- Mir ja nicht,«
setzte sie ernsthafter hinzu, »meine Mutter hat bös gestreikt, als sie
den gräßlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte.«
»Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?«
Mirjam nickte. »Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. -- Für den
armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.«
»Armer Mensch, sagen Sie?« fuhr ich auf. »Der Kerl ist ein Verbrecher.«
Sie wiegte nachdenklich den Kopf: »Gewiß, er ist ein Verbrecher. Aber
wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, muß ein
Prophet sein.«
Ich rückte neugierig näher:
»Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert das. Aus ganz
besonderen -- --«
»Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten, Herr Pernath,
wüßten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil
ich als Kind sehr oft drin war. -- Warum sehen Sie mich so erstaunt an?
Ist denn das so merkwürdig? -- Gegen mich war er immer freundlich und
gütig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen großen
blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte.
Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte ihn natürlich
sofort zurücktragen.
Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann riß er ihn mir
aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch
gesehen, wie ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte
auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen, was er murmelte:
>Alles ist verflucht, was meine Hand berührt.< -- -- Es war das letzte
Mal, daß ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem
aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum: Hätte ich ihn nicht
zu trösten versucht, wäre alles beim alten geblieben, so aber, weil er
mir unendlich leid tat, und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr
sehen. -- -- -- Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so
einfach: er ist ein Besessener, -- ein Mensch, der sofort mißtrauisch,
unheilbar mißtrauisch wird, wenn jemand an sein Herz rührt. Er hält sich
für noch viel häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, -- wenn das
überhaupt möglich sein kann, -- und darin wurzelt sein ganzes Denken und
Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn gern gehabt, vielleicht war es
mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der
einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. Überall
wittert er Verrat und Haß.
Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, daß er ihn
vom Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder
Eigenschaft vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie
zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen hätte einsetzen können, oder
ob es im jüdischen Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm
lebte, auf seinen Nachkommen auszugießen -- in jener instinktiven Furcht
unserer Rasse: wir könnten aussterben und eine Mission nicht erfüllen,
die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns fortlebt, -- wer kann
das wissen!
Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem
unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung
seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde
jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit
hätte beitragen können, um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen.
Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht
verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäußerung ein
mechanischer Reflex.
Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst
herauspressen wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als
nutzlos wegwerfen: das war ungefähr das Abc seines weitblickenden
Erziehungssystems.
Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur >Macht< dabei eine erste
Rolle spielte, können Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er
selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines
Einflusses in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem
Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines
scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er durchtränkte ihn mit der
infernalischen Lüge von der >Schönheit<, brachte ihm die äußere und
innere Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn _äußerlich_: die Lilie auf
dem Felde heucheln und _innerlich_ ein Aasgeier sein.
Natürlich war das mit der >Schönheit< wohl kaum eigene Erfindung von ihm
-- vermutlich die >Verbesserung< eines Ratschlages, den ihm ein
Gebildeter gegeben hatte.
Daß ihn sein Sohn später verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er
niemals übel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur _Pflicht_: denn seine
Liebe war selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte:
-- von der Art, die übers Grab hinausgeht.«
Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre
Gedanken stumm weiterspann, hörte es an dem veränderten Klang ihrer
Stimme, als sie sagte:
»Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des Judentums.«
»Sagen Sie, Mirjam,« fragte ich, »haben Sie nie davon gehört, daß
Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich weiß nicht
mehr, wer es mir erzählt hat, -- es war vielleicht nur ein Traum -- --«
»Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgroße
Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten
Gerümpel, auf seinem Strohsack schläft. Er hat sie vor Jahren einem
Schaubudenbesitzer abgewuchert, heißt es, bloß weil sie einem Mädchen --
einer Christin -- ähnlich sah, die angeblich einmal seine Geliebte
gewesen sein soll.«
»Charouseks Mutter!« drängte es sich mir auf.
»Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?«
Mirjam schüttelte den Kopf. »Wenn Ihnen daran liegt -- soll ich mich
erkundigen?«
»Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgültig« (ich sah an
ihren blitzenden Augen, daß sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte
nicht wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) »aber was mich viel mehr
interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flüchtig sprachen. Ich
meine das vom >Tauwind<. -- Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht
vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?«
Sie lachte lustig auf:
»Mein Vater? Wo denken Sie hin!«
»Nun, das ist ein großes Glück für mich.«
»Wieso?« fragte sie arglos.
»Weil ich dann noch Chancen habe.«
Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch
sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu
lassen, daß sie rot wurde.
Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
»Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich müssen Sie einweihen,
wenn's einmal so weit ist. -- Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu
bleiben?«
»Nein! nein! nein!« -- sie wehrte so entschlossen ab, daß ich
unwillkürlich lächelte -- »einmal muß ich ja doch heiraten.«
»Natürlich! Selbstverständlich!«
Sie wurde nervös wie ein Backfisch.
»Können Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft bleiben, Herr
Pernath?« -- Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht und sie setzte sich
wieder. -- »Also: wenn ich sage, ich muß doch einmal heiraten, so meine
ich damit, daß ich mir zwar bis jetzt den Kopf über die näheren Umstände
nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens aber gewiß nicht verstünde,
wenn ich annehmen würde, ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um
kinderlos zu bleiben.«
Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren
Zügen.
»Es gehört mit zu meinen Träumen,« fuhr sie leise fort, »mir
vorzustellen, daß es ein Endziel ist, wenn zwei Wesen zu einem
verschmelzen, -- zu dem, was -- -- haben Sie nie von dem alten
ägyptischen Osiriskult gehört? -- zu dem verschmelzen, was der
>Hermaphrodit< als Symbol bedeuten mag.«