Ich fuhr entsetzt auf: »arm?«

»Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort >nehmen< kennt er, glaub'

ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus

dem >Rathaus< kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon,

weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen

kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später -- samt

seiner Tochter selber verhungern. -- Wenn's wahr ist, was eine uralte

talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn

verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und

Wassertrum alle zehn andern zusammen. -- Haben Sie noch nie bemerkt, wie

Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht?

Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, _solches_ Blut _kann_ sich gar

nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß

die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. -- Hillel ist

übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; -- er

weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das

Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet.

Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.«

Wir gingen bereits die Stiegen hinab.

»Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten gibt -- daß überhaupt

an der Kabbala etwas sein könnte?« fragte ich, gespannt, was er wohl

antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.

Ich wiederholte meine Frage.

Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus

Kistendeckeln zusammengenagelt war:

»Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme

Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter,

Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit

den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an

den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in

einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im >Gesang<, wie er es nennt,

damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, -- das

heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche

Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer

seines Seelenzustandes für -- preußische Schlachthymnen oder dergleichen

hält.«

Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein

Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und

demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne

Kinderstimmen sangen dazu:

»Frau Pick,

Frau Hock,

Frau Kle -- pe -- tarsch,

se stehen beirenond

und schmusen allerhond -- --«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen

hellaut auflachen.

»Schwiegersohn Schaffranek -- seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt

Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend -- läuft den ganzen Tag in

den Bureaus herum,« fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich

alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter

findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie

aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er

zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf

manchmal fast einen -- Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die

Prager jüdischen Großindustriellen dahinter -- und machen es jetzt

selber. Sie schöpfen den Rahm ab.«

»Würden _Sie_ Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld

hätten?« fragte ich rasch. -- Wir standen vor Hillels Tür, und ich

klopfte an.

»Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben können, ich täte es

nicht?« fragte er verblüfft zurück.

Mirjams Schritte kamen näher und ich wartete, bis sie die Klinke

niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:

»Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich _müßten_ Sie

für gemein halten, wenn ich's unterließe.«

Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die

Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich,

was er tun würde.

Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging

langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich

am Geländer halten muß.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war das erstemal, daß ich Hillels Zimmer besucht hatte.

Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und

mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch

und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden.

-- -- --

Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem

Modellierwachs.

»Muß man denn ein Gesicht _vor sich_ haben, um die Ähnlichkeit zu

treffen?« fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.

Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin

die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube,

und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht

längst gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.

Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!

»Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob

man innerlich auch richtig gesehen hat,« ich fühlte, noch während ich

sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die

äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig

nachgebetet und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt,

war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter

geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen

aufschlägt, -- die Gabe, die sie alle zu haben glauben und doch unter

Millionen keiner wirklich besitzt.

Wie konnte ich auch nur von der _Möglichkeit_ sprechen, die unfehlbare

Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins

nachmessen zu wollen!

Mirjam schien Ähnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu

schließen.

»Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen,« entschuldigte ich mich.

Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form

vertiefte.

»Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu

übertragen?«

»Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.«

Pause.

»Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie.

»Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.«

»Nein, nein; das geht nicht, -- -- das -- das -- --,« -- ich sah, wie

ihre Hände nervös wurden.

»Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?« unterbrach

ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.«

Hastig wandte sie das Gesicht ab.

Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es

hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.

Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?

Ich nahm einen Anlauf:

»Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. -- Ich schulde

Ihrem Vater so unendlich viel, -- Sie können das gar nicht ermessen --

--«

Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.

»-- ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.«

»Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig wurden? Das war doch

selbstverständlich.«

Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater

verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu

verraten, was er ihr verschwieg.

»Weit höher als äußere Hilfe, dächte ich, ist die innere zu stellen. --

Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den

andern überstrahlt. -- Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam?

-- Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.«

»Und das hat -- --?«

»Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« -- ich faßte sie an der Hand, --

»begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn

schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie,

irgendeine Freude zu bereiten? -- Haben Sie nur ein ganz klein wenig

Vertrauen zu mir! -- Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen

erfüllen könnte?«

Der Golem · 第 31 / 70 题