Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?«

»Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen

abnehmen könnte? Sie sind verpflichtet -- hören Sie! -- verpflichtet,

mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der

finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung,

Mirjam, und -- --«

»Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath,« unterbrach sie mich

lächelnd, »was fesselt denn Sie an das Haus?«

Ich stutzte. -- Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich

hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus?

wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden

und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. -- Dann stand ich

plötzlich entrückt irgendwo hoch oben -- in einem Garten -- roch den

zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, -- sah herab auf die

Stadt -- -- --

»Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?« kam Mirjams

Stimme von weit, weit her zu mir.

Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins

Gesicht.

Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.

Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich

gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes

Herz aus.

Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein

ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um

mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren

hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung

an meine Vergangenheit beraubt worden war, -- wie in letzter Zeit Bilder

in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger

und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar

werden und mich von neuem zerreißen würde.

Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: -- meine

Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg

ich ihr.

Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen, atemlosen

Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.

Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen

konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. -- Gewiß

wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits

der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht

herankonnte, wenn ich mich sehnte.

Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem

er ihr Vater war.

Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm -- »und doch bin ich

wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die

ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. -- Wenn ich

ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das

Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12

Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von

seinen Schläfen aus. -- Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die

übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. --

Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn

sprachen.« -- -- Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib.

Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es

ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, -- nur ich

weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen,

-- glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin

und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch

nicht, weil alles gelähmt war in mir -- und -- und da -- -- -- -- mir

läuft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke -- -- sah

er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand

über die Augen. -- -- -- -- Und von dem Moment an bis heute war jedes

Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht

eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die

Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich,

warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben

mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich

fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«

»Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich

etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben,

das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?« fragte ich leise.

Mirjam schüttelte freudig den Kopf:

»Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. -- Als Sie mich vorhin

fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte, und warum wir hier

wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die

Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir

viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um

sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? -- Und das bißchen Not und -- und

-- und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und

das Warten.«

»Das Warten?« fragte ich erstaunt.

»Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber

ein ganz, ganz armer Mensch. -- Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie,

das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand

verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen -- Jüdinnen

natürlich, wie ich --, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie

verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach,

glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es

mir war, und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die

Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des

Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, -- hätten sie mich

am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im

Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch

gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was

dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein

Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich

>überspannt<.

Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame -- das

Wesentliche -- für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das

_Wunder_ und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und

Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen,

-- so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten

sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das

glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn

sie das Wort >Wunder< nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie

verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.

Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen

zu verlieren!

Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich

einmal meinen Vater sagen, -- dann, dann erst fängt das Leben an. -- Ich

weiß nicht, was er mit dem >Leben< meinte, aber ich fühle zuweilen, daß

ich eines Tages so wie: >erwachen< werde. Wenn ich mir auch nicht

vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem

vorhergehen, denke ich mir immer.

>Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?<

fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie

plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können _Sie_

solche Herzen verstehen? Daß ich _doch_ Wunder erlebt habe, wenn auch

nur kleine, -- winzig kleine --,« -- Mirjams Augen glänzten, -- »wollte

ich ihnen nicht verraten, -- -- -- -- -- --«

Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.

»-- aber _Sie_ werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate,« -- Mirjam

wurde ganz leise, -- »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein

Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich:

jetzt ist die Stunde da! -- Und dann saß ich hier und wartete und

wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und -- und

dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer

durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause

zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und -- und jedesmal fand ich Geld.

Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste

einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn

von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darüber,

aber keiner bemerkte ihn. -- Das machte mich zuweilen so übermütig, daß

ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden

durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen

sei.«

-- Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude

darüber lächeln. --

Sie sah es.

»Lachen Sie nicht, Herr Pernath,« flehte sie. »Glauben Sie mir, ich

weiß, daß diese Wunder wachsen werden, und daß sie eines Tages --«

Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie

denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern,

die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's

-- _wir_ rufen in solchen Fällen: Gott sei Dank! -- einmal anders

kommt.«

Sie streckte mir die Hand hin:

»Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir --

oder uns -- helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die

Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?«

Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.

Da ging die Tür, und Hillel trat ein.

Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll

Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«.

Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu

lasten. -- Oder irrte ich mich?

Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.

»Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen,« fing er an, als Mirjam uns

allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft --

--?«

Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:

»Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse

an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt.

In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß -- Sie ihm Geld geschenkt

haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf

höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:

»Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet

-- und -- und in diesem -- Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet,

aber --,« er dachte eine Weile nach, -- »aber manchmal schafft man sich

und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie

denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu

erlösen. -- Oder glauben Sie nicht?«

»Geben _Sie_ denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen,

Hillel?« fragte ich.

Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein

Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage

beantworten. Da ist freilich schwer streiten.«

Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum

verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.

»Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,« fuhr er in verändertem Tone

fort, »ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling -- ich meine die Dame --

augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten.

Es heißt zwar: >der kluge Mann baut vor<, aber der Klügere, scheint mir,

wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die

Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß

dann von ihm ausgehen, -- ich tue keinen Schritt, _er_ muß

herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, -- und dann

will ich mit ihm reden. An _ihm_ wird's sein, sich zu entscheiden, ob er

meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in

Unschuld.«

Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und

eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem

schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.

»Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,« fielen mir Mirjams

Worte ein.

Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und -- gehen.

Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging

und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und

mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen

möchte und nicht kann.

Der Golem · 第 32 / 70 题