Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten
die Schneesterne -- winzige Soldaten in weißen, zottigen Mäntelchen --
hintereinander her an den Scheiben vorüber -- minutenlang -- immer in
derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders
bösartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einem Mal dick
satt, schienen aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen und
sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten neue feindliche
Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel
auflösten.
Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem
erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause
Gerüchte über den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch
aufleben ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels
verdächtigen können, das Opfer eines seelischen Dämmerzustandes gewesen
zu sein.
Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach mit
schreienden Farben hervor, was mir Zwakh über den noch immer
unaufgeklärten Mord an dem sogenannten »Freimaurer« erzählt hatte.
Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir
nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht
abschütteln konnte, -- fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener
Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu haben
geglaubt, hatten wir den Burschen beim »Loisitschek« gesehen. Allerdings
lag kein Anlaß vor, den Schrei unter der Erde, der überdies geradesogut
eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu
deuten. -- -- --
Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich, und ich fing an,
alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit
wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams
Gesicht entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den bläulich
leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. -- Ich freute mich: es war
ein angenehmer Zufall, daß ich etwas so Geeignetes unter meinem
Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende
gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die Konturen paßten so
genau, als habe ihn die Natur eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild
von Mirjams feinem Profil zu werden.
Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die
den ägyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des
Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit
auffallender Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte, regte mich
künstlerisch stark dazu an, aber allmählich entdeckte ich nach den
ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit mit der Tochter Schemajah
Hillels, daß ich meinen Plan umstieß. -- -- --
-- Das Buch Ibbur! --
Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was in der kurzen
Spanne Zeit in mein Leben getreten war!
Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare Sandwüste versetzt
sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroßen
Einsamkeit bewußt, die mich von meinen Nebenmenschen trennte.
Konnte ich je mit einem Freund -- Hillel ausgenommen -- davon reden, was
ich erlebt?
Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nächte die
Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all meine Jugendjahre -- von früher
Kindheit angefangen -- ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem
jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert
hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm
gekommen und erdrückte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.
Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das
Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden Lebendigkeit als
_Gegenwart_ empfinden mußte.
Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß auskosten:
Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!
Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüberzugehen in mein
Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das
Geschenk der Unsichtbaren, lag!
Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berührt, als ich Angelinas
Briefe dazuschloß!
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften
Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von
Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut
verschlang.
Ich wollte weiterarbeiten, -- da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten
die Gasse entlang, daß man's förmlich Funken sprühen sah.
Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich: Muskeln aus Eis
verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur
Hälfte weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar ganz friedlich
neben dem Trödler Wassertrum stand -- sie mußten soeben ein Gespräch
mitsammen geführt haben -- sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer
beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der
meinen Blicken entzogen war, anstarrten.
Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. -- Sie selbst konnte
es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren, -- in der
Hahnpaßgasse! -- vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn
gewesen. -- Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen, wenn er's wäre und
mich auf den Kopf zu fragte?
Leugnen, natürlich leugnen.
Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte
sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, -- von Wassertrum -- daß sie
hier gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede
gebraucht: wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir
bestellt habe. -- -- -- Da! wütendes Klopfen an meiner Tür und --
Angelina stand vor mir.
Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes
verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied
war aus.
Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich
brachte es nicht fertig, zu glauben, daß das Gefühl, ihr helfen zu
können, mich belogen haben sollte.
Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und
sie verbarg todmüde wie ein Kind ihren Kopf an meiner Brust.
Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie
der rote Schein über die Dielen huschte, aufflammte und erlosch --
aufflammte und erlosch -- aufflammte und erlosch -- -- --
»Wo ist das Herz aus rotem Stein -- -- --« klang es in meinem Innern.
Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?
Und ich forschte sie aus, -- vorsichtig, leise, ganz leise, daß sie
nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht
berühre.
Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es
mir zusammen wie ein Mosaik:
»Ihr Gatte weiß -- --?«
»Nein, noch nicht; er ist verreist.«
Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; -- Charousek hatte es richtig
erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war
sie hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff
ich.
Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit
Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.
Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?
Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, daß
-- -- daß -- er wollte, daß sich Dr. Savioli -- -- ein Leid antue.
Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums wildem, besinnungslosem
Haß: »Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den
Tod getrieben.«
Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunter laufen,
dem Trödler alles verraten: daß _Charousek_ den Schlag geführt hatte,
aus dem Hinterhalt -- und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war -- --
--. »Verrat! Verrat!« heulte es mir ins Hirn, »du willst also den armen
schwindsüchtigen Charousek, der _dir_ helfen wollte und _ihr_, der
Rachsucht dieses Halunken preisgeben?« -- Und es zerriß mich in blutende
Hälften. -- Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen die Lösung aus:
»Narr! Du hast es doch in der Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf
dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die
Gurgel zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.«
Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Ich forschte weiter:
»Und Dr. Savioli?«
Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht
rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn nicht aus den Augen, hätten
ihn mit Morphium betäubt, aber vielleicht erwacht er plötzlich --
vielleicht gerade jetzt -- und -- und -- nein, nein, sie müsse fort,
dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, -- sie wolle ihrem Gatten
schreiben, ihm alles eingestehen, -- solle er ihr das Kind nehmen, aber
Savioli sei gerettet, denn sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe
aus der Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe.
Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es verraten könne.
»Das werden Sie _nicht_ tun, Angelina!« schrie ich und dachte an die
Feile, und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude über meine Macht.
Angelina wollte sich losreißen: ich hielt sie fest.
»Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trödler so ohne
weiteres glauben?«
»Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht
auch ein Bild von mir, -- alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier
versteckt war.«
Briefe? Bild? Schreibtisch? -- ich wußte nicht mehr, was ich tat: ich
riß Angelina an meine Brust und küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn,
auf die Augen.
Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.
Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit
fliegenden Worten, daß der Todfeind Wassertrums -- ein armer böhmischer
Student -- die Briefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in
meinem Besitz seien und fest verwahrt.
Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Küßte
mich. Rannte zur Tür. Kehrte wieder um und küßte mich wieder.
Dann war sie verschwunden.
Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an
meinem Gesicht.
Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den
rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein
Grab.
Auch in mir.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek stand im
Zimmer:
»Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen
es nicht zu hören.«
Ich nickte nur stumm.
»Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit Wassertrum versöhnt
habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?« -- Charouseks
höhnisches Lächeln sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. --
»Sie müssen nämlich wissen: Das Glück ist mir hold; die Kanaille da
unten fängt an, mich in ihr Herz zu schließen, Meister Pernath. -- -- Es
ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme des Blutes,« setzte er leise
-- halb für sich -- hinzu.
Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte
etwas überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in
mir.
»Er wollte mir einen Mantel schenken,« fuhr Charousek laut fort. »Ich
habe natürlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut
genug. -- Und dann hat er mir Geld aufgedrängt.«
»Sie haben es angenommen?!« wollte es mir herausfahren, aber ich hielt
noch rasch meine Zunge im Zaum.
Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:
»Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.«
Mir wurde ganz wirr im Kopf!
»-- an -- genommen?« stammelte ich.
»Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so reine Freude empfinden
kann!« -- Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze.
-- »Ist es nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur
>Mütterchen Vorsehungs< ökonomischen Finger allenthalben in Weisheit und
Umsicht walten zu sehen!?« -- Er sprach wie ein Pastor und klimperte
dabei mit dem Geld in seiner Tasche, -- »wahrlich, als hehre Pflicht
empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller
und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzuführen.«
War er betrunken? Oder wahnsinnig?
Charousek änderte plötzlich den Ton:
»Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum sich die -- Arznei
selber bezahlt. Finden Sie nicht?«
Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg,
und mir graute vor seinen fiebernden Augen.
Ȇbrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die
laufenden Geschäfte. Vorhin, die Dame, das war >_sie_< doch? Was ist ihr
denn eingefallen, hier öffentlich vorzufahren?«
Ich erzählte Charousek, was geschehen war.
»Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Händen,« unterbrach er
mich freudig, »sonst hätte er nicht heute morgen abermals das Atelier
durchsucht. -- Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine volle
Stunde lang war er drüben.«
Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm.
»Darf ich?« -- als Erklärung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch,
zündete sie an und erläuterte: -- »Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tür
öffnen, bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den
Tabaksrauch aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige
Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für alle Fälle hat er
in der Straßenmauer des Ateliers -- das Haus gehört ihm, wie Sie wissen
-- eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art
Ventilation, und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun jemand das Zimmer
betritt oder verläßt, das heißt: die Zugtür öffnet, so merkt es
Wassertrum unten aus dem heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings
weiß ich es ebenfalls,« setzte Charousek trocken hinzu, »wenn's mir drum
zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch ^vis-à-vis^, in dem zu hausen
ein gnädiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. --
Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent des
würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren geläufig.«
»Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn haben müssen, daß Sie
so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie
sagen!« warf ich ein.
»Haß?« Charousek lächelte krampfhaft. »Haß? -- Haß ist kein Ausdruck.
Das Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst
geschaffen werden. -- Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht _ihn_.
Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier,
wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen
fließt, -- und« -- er biß die Zähne zusammen -- »das kommt >zuweilen<
vor hier im Ghetto.« Unfähig, weiter zu sprechen vor Aufregung lief er
ans Fenster und starrte hinaus. -- Ich hörte, wie er sein Keuchen
unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile.
»Hallo, was ist denn das?« fuhr er plötzlich auf und winkte mir hastig:
»Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?«
Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter:
Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot,
soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen
kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf
an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine
Höhle zurück.
Gleich darauf stürzte er wieder hervor -- totenblaß -- und packte
Jaromir an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. -- Mit einem
Mal ließ Wassertrum los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner
gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick zu uns herauf und zog
dann Jaromir am Arm friedlich in seinen Laden.
Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig
werden zu können mit ihrem Handel.
Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging
seines Weges.
»Was halten Sie davon?« fragte ich. »Es scheint nichts Wichtiges zu
sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand
versilbert.«
Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den
Tisch.
Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr
nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:
»Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. -- Unterbrechen Sie mich,
Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben.
Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich
sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in
kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder --
oder ein Dichter. -- Seit die Welt steht, wär's niemand eingefallen, vor
Leid die >Hände zu ringen<, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als
besonders >plastisch< ausgetüftelt hätten.«
Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe
zu bekommen.
Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab,
faßte alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an
ihren Platz.
Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:
»Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich
mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die >ihm< ähnlich sehen und als seine
_gelten_, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme, -- man kann mich
nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory sein Sohn
ist, aber ich habe es -- ich möchte sagen -- gerochen.
Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen
Beziehungen Wassertrum zu mir steht,« -- sein Blick ruhte eine Sekunde
forschend auf mir, -- »besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen
getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an meinem Körper
gibt, die nicht wüßte, was rasender Schmerz ist, -- hat mich hungern und
dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde
gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich
peinigten. Ich _konnte_ einfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir für
Haß. -- Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit.
Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan -- ich will damit
sagen, daß er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch
irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten
herumtrieb: ich weiß das genau, -- und doch richtete sich alles, was an
Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!
Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack
gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber
stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre
versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis
mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde.
Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das
sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in
Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede
seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen
anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußt
_auswendig_ gelernt haben, bis sich's mir in die Seele fraß, daß ich
überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit
als seine Erbstücke erkennen kann.
Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände
von mir, bloß weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt
haben, -- andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie
Freunde, die ihm Böses wünschten.«
Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins
Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem
Tisch.
»Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich
Philosophie und Medizin studierte -- auch nebenbei selbst denken lernte
--, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist:
Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von
uns selbst ist.
Und wie ich später dahinter kam, -- nach und nach alles erfuhr: was
meine Mutter war -- und -- und noch sein muß, wenn -- wenn sie noch
lebt, -- und daß mein eigner Leib« -- er wendete sich ab, damit ich sein
Gesicht nicht sehen sollte, -- »voll ist von _seinem_ eklen Blut -- nun
ja, Pernath, -- warum sollen Sie's nicht wissen: _er_ ist _mein Vater_!
-- da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. -- -- -- Zuweilen kommt's mir
sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß ich schwindsüchtig
bin und Blut spucken muß: mein Körper wehrt sich gegen alles, was von
>_ihm_< ist, und stößt es mit Abscheu von sich.
Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht
mit Gesichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich >ihm< zufügen
durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden
Beigeschmack des -- Unbefriedigtseins in mir hinterließen.
Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muß, daß es so gar
niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, -- ja nicht
einmal als antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer >ihn< und
seinen Stamm, -- beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte
das sein, was man einen >guten Menschen< nennt. Aber zum Glück ist es
nicht so. -- Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.
Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal mich
verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies
erst in späteren Jahren) -- ich habe _einen_ Freudentag erlebt, der weit
in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich
weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße Frömmigkeit ist, --
ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt -- als ich aber an jenem Tage,
an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und
sah, wie >er< die Nachricht bekam, -- sie >stumpfsinnig<, wie ein Laie,
der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, --
hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote
Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die Zähne gezogen als
sonst und den Blick so gewiß -- -- so -- so -- so eigenartig nach innen
gekehrt, -- -- -- -- da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen
des Erzengels. -- -- Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen
Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die
Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.« --
-- -- -- Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, träumerischen
Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der
Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen.
Charousek fuhr fort:
»Die äußeren Umstände, die meinen Haß >rechtfertigen< oder in den
Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen
könnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: -- Tatsachen
sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie
sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der
Protzen, das nur der Schwachsinnige für das wesentliche eines Gelages
hält. -- Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln,
die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu willen zu sein, --
wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann -- -- nun ja -- und dann
hat er sie an -- ein Freudenhaus verkauft, -- -- -- so etwas ist nicht
schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, -- aber nicht
etwa, weil er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die
Schlupfwinkel seines Herzens: an _dem_ Tage hat er sie verkauft, wo er
sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß er sie in Wirklichkeit
liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer
gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand
kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude gegen noch so
teures Geld: er empfindet nur den Zwang des >Hergebenmüssens<. Er möchte
den Begriff >haben< am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er
sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär's das, sich dereinst in den
abstrakten Begriff >Besitz< aufzulösen. -- --
Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen bis zu einem Berg von
Angst: »seiner selbst nicht mehr sicher« zu sein, -- nicht: etwas an
Liebe geben zu _wollen_, sondern geben zu _müssen_: die Gegenwart eines
Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er
möchte, daß es sein Wille sein solle, heimlich in Fesseln schlug. -- So
war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht
mechanisch zubeißen muß, -- ob er will oder nicht -- wenn ein blitzender
Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.
Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche
Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften:
die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. -- -- --
Verzeihen Sie, Meister Pernath,« -- Charouseks Stimme klang plötzlich so
hart und nüchtern, daß ich erschrak, -- »verzeihen Sie, daß ich so
furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist,
kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände;
unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise.« --
Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich
gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte.
Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste
Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm
unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der
Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.
»Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf
als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;«
sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, --
»machen Sie bald Ihr Doktorat?«
»Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat's ja
keinen, denn meine Tage sind gezählt.«
Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe,
aber er wehrte lächelnd ab:
»Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den
Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter
Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. -- -- Andererseits,« --
setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, -- »wird mir leider jedes
weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal
abgeschnitten sein.« Er griff nach seinem Hut. »Jetzt will ich aber
nicht länger stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der
Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls
wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen
Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir
in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort
Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. -- Ich bin übrigens sehr
neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu
Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein
Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird,
spielen Sie eben den Rabiaten.«
Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die
Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom
Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die
Treppen hinunter. -- Hillel erwartet mich,« log ich.
Er stutzte:
»Sie sind mit ihm befreundet?«
»Ein wenig. Kennen Sie ihn? -- -- Oder mißtrauen Sie ihm,« -- ich mußte
unwillkürlich lächeln -- »vielleicht auch?«
»Da sei Gott vor!«
»Warum sagen Sie das so ernst?«
Charousek zögerte und dachte nach:
»Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich
ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster
heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die
Hostie trägt. -- Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen
Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z.
B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem
Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und
ist doch unsagbar arm.«