»Gut, immerhin einige! -- also, daß diese Schrift infolge ihres hohen
Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugänglich ist? In
einem einzigen Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie
ich mir habe erzählen lassen? Und überdies chaldäisch, aramäisch,
hebräisch -- oder was weiß ich wie -- geschrieben? -- Habe _ich_ zum
Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder
nach London zu kommen?«
»Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf dieses Ziel gerichtet?«
fragte Hillel mit leisem Spott.
»Offen gestanden -- nein«, gab Zwakh einigermaßen verwirrt zu.
»Dann sollten Sie sich nicht beklagen,« sagte Hillel trocken, »wer nicht
nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, -- wie ein
Erstickender nach Luft, -- der kann die Geheimnisse Gottes nicht
schauen.«
»Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche Schlüssel zu den
Rätseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige«, schoß es mir durch
den Kopf, und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich
immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden
konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen.
Hillel lächelte wieder sphinxhaft: »_Jede Frage, die ein Mensch tun
kann, ist im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt
hat._«
»Verstehen _Sie_, was er damit meint?«, wandte sich Zwakh an mich.
Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels
Rede zu verlieren.
Schemajah fuhr fort:
»Das ganze Leben ist _nichts_ anderes als formgewordene Fragen, die den
Keim der Antwort in sich tragen -- und Antworten, die schwanger gehen
mit Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein Narr.«
Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:
»Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder
anders versteht.«
»Gerade _darauf_ kommt es an,« sagte Hillel freundlich. »Alle Menschen
über _einen_ Löffel zu -- kurieren, ist lediglich Vorrecht der Ärzte.
Der Fragende erhält _die_ Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht
die Kreatur den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jüdischen
Schriften sind bloß aus Willkür nur in Konsonanten geschrieben? -- Jeder
hat _sich selbst_ die geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur
für ihn allein bestimmten Sinn erschließen, -- soll nicht das lebendige
Wort zum toten Dogma erstarren.«
Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
»Das sind _Worte_, Rabbi, _Worte_! Pagad ultimo will ich heißen, wenn
ich daraus klug werde.«
_Pagad!!_ -- Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor
Entsetzen beinahe vom Stuhl.
Hillel wich meinen Augen aus.
»Pagad ultimo? Wer weiß, ob Sie nicht wirklich so heißen, Herr Zwakh!«
-- schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. »Man soll
seiner Sache niemals allzu sicher sein. -- Übrigens, da wir gerade von
Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?«
»Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.«
»Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen können, in dem
die ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst tausende Male in der Hand
gehabt haben.«
»Ich? In der Hand gehabt? Ich?« -- Zwakh griff sich an den Kopf.
»Jawohl, _Sie_! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, daß das Tarokspiel
zweiundzwanzig Trümpfe hat, -- genau so viel, wie das hebräische
Alphabet Buchstaben? Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluß
noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der
Teufel, das letzte Gericht? -- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie
eigentlich, daß Ihnen das Leben die Antworten in die Ohren schreien
soll? -- -- Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist, daß
>^tarok^< oder >^Tarot^< soviel bedeutet wie das jüdische >^Tora^< = das
Gesetz, oder das altägyptische >^Tarut^< = >die Befragte<, und in der
uralten Zendsprache das Wort: >^tarisk^< = >ich verlange die Antwort<.
-- Aber die Gelehrten sollten es wissen, bevor sie die Behauptung
aufstellen, das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. -- Und so,
wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist, so ist der Mensch die erste
Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner Doppelgänger: -- -- der
hebräische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen gebaut, mit
der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwärts: das heißt
also: >So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist
es auch oben<. -- Darum sagte ich vorhin: Wer weiß, ob Sie wirklich
Zwakh heißen und nicht: >Pagad< -- Berufen Sie's nicht,« -- Hillel
blickte mich dabei unverwandt an, und ich ahnte, wie sich unter seinen
Worten ein Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat -- »berufen Sie's
nicht, Herr Zwakh! _Man kann da in finstere Gänge geraten_, aus denen
noch keiner zurückfand, der nicht -- _einen Talisman bei sich trug_. Die
Überlieferung erzählt, daß einmal drei Männer hinabgestiegen seien ins
Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur
der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich
selbst begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst
begegnet, z. B. Goethe, gewöhnlich auf einer Brücke, oder sonst einem
Steig, der von einem Ufer eines Flusses zum andern führt, -- hat sich
selbst ins Auge geblickt und ist _nicht_ wahnsinnig geworden. Aber dann
war's eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewußtseins und nicht der
wahre Doppelgänger: nicht das, was man >den Hauch der Knochen<, den
>Habal Garmin< nennt, von dem es heißt: _Wie er in die Grube fuhr,
unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des letzten
Gerichts._« -- Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen --
»Unsere Großmütter sagen von ihm: >_er wohnt_ hoch über der Erde _in
einem Zimmer ohne Türe, nur mit einem Fenster_, von dem aus eine
Verständigung mit den Menschen unmöglich ist. Wer ihn zu bannen und zu
-- -- verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst.< -- --
-- Was schließlich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: für
jeden Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trümpfe richtig
verwendet, der gewinnt die Partie -- -- --. Aber kommen Sie jetzt, Herr
Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus,
und es bleibt nichts mehr übrig für ihn selbst.«