Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen
Zimmer strömen zu lassen.
Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mäntel, die
an der Türe hingen, daß sie leise hin und her schwankten.
»Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten davonfliegen«, sagte
Zwakh und deutete auf des Musikers großen Schlapphut, der die breite
Krempe bewegte wie schwarze Flügel.
Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
»Er will,« sagte er, »er will wahrscheinlich -- -- --«
»Er will zum >Loisitschek< zur Tanzmusik«, nahm ihm Vrieslander das Wort
vorweg.
Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klängen, die die
dünne Winterluft her über die Dächer trug.
Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als
zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und
gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
»An Bein-del von Ei-sen
recht alt
»An Stran-zen net gar
a so kalt
»Messinung, a' Räucherl
und Rohn
»und immerrr nurr putz-en -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Wie großartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht!« und
Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:
»Und stok-en sich Aufzug
und Pfiff
»Und schmallern an eisernes
G'süff.
»Juch, --
»Und Handschuhkren, Harom net san -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim >Loisitschek< der
meschuggene Nephtali Schaffranek mit dem grünen Augenschirm, und ein
geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu«,
erklärte mir Zwakh. »Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke
gehen, Meister Pernath. Später vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu
Ende sind, -- was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?«
»Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,« sagte Prokop und klinkte das
Fenster zu, -- »man muß so etwas gesehen haben.«
Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen unseren Gedanken nach.
Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
»Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, Josua,«
unterbrach Zwakh die Stille, »seit Sie das Fenster geschlossen haben,
hat niemand mehr ein Wort gesprochen.«
»Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie
seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,« antwortete Prokop
schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: »Es sieht
gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben,
die sonst immer tot daliegen. Nicht? -- Ich sah einmal auf einem
menschenleeren Platz zu, wie große Papierfetzen, -- ohne daß ich vom
Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, -- in toller
Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als hätten sie sich
den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich beruhigt
zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über
sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen
Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und
schließlich hinter einer Ecke zu verschwinden.
Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem
Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem
ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.
Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir
Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? -- Ob
nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher »Wind« auch uns hin
und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer
Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen?
Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter
Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weißt du von wannen er
kommt und wohin er geht? -- -- -- Träumen wir nicht auch zuweilen, wir
griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes
ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug unsere Hände traf?«
»Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist's mit Ihnen?« sagte
Zwakh und sah den Musiker mißtrauisch an.
»Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt wurde, -- schade, daß
Sie so spät kamen und sie nicht mit anhörten, -- hat ihn so nachdenklich
gestimmt«, meinte Vrieslander.
»Eine Geschichte von einem Buche?«
»Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah.
-- Pernath weiß nicht, wie er heißt, wo er wohnt, was er wollte, und
trotzdem sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich
doch nicht recht schildern.«
Zwakh horchte auf.
»Das ist sehr merkwürdig,« sagte er nach einer Pause, »war der Fremde
vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende Augen?«
»Ich glaube,« antwortete ich, »das heißt, ich -- ich -- weiß es ganz
bestimmt. Kennen Sie ihn denn?«
Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: »Er erinnert mich nur an den
>Golem<.«
Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser sinken:
»Golem? -- Ich habe schon so viel davon reden hören. Wissen Sie etwas
über den Golem, Zwakh?«
»Wer kann sagen, daß er über den Golem etwas _wisse_?«, antwortete Zwakh
und zuckte die Achseln. »Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich
eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich
wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und
die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und
aufgebauscht, daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit
zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte
Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der
Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen -- den
sogenannten Golem -- verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die
Glocken in der Synagoge läuten, und allerhand grobe Arbeit tue.
Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein
dumpfes, halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch das
nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm
hinter den Zähnen stak und die freien siderischen Kräfte des Weltalls
herabzog.
Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem
Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht
verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte
zerschlagen, was ihm in den Weg kam.
Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.
Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm
übrig, als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der
Altneusynagoge gezeigt wird.«
»Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen
worden sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht
haben,« warf Prokop ein, »moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu
einer ^Laterna magica^ bedient.«
»Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, daß sie bei den
Heutigen nicht Beifall fände,« fuhr Zwakh unbeirrt fort. -- »Eine
^Laterna magica^!! Als ob Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen
Dingen nachging, einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten Blick
hätte durchschauen müssen!
Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen
läßt, daß aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem
Stadtviertel sein Wesen treibt und damit zusammenhängt, dessen bin ich
sicher. Von Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt,
und niemand kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das
periodische Auftauchen des Golem zurückblicken, als gerade ich!«
Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man fühlte mit ihm, wie
seine Gedanken in vergangene Zeiten zurückwanderten.
Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische saß und beim Scheine der
Lampe seine roten, jugendlichen Bäckchen fremdartig von dem weißen Haar
abstachen, verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit den
maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.
Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah!
Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, fühlte ich,
und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorüberziehen ließ, da
schien es mir mit einem Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein
Mensch wie er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren
genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen, plötzlich wieder zu
dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren konnte, um nun abermals auf
die Jahrmärkte zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorväter
kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken
Verbeugungen machen und schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen.
Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben
mit von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich
in Gedanken verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und
ruhelos gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hält er sie jetzt so
liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter.
»Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?« forderte Prokop den Alten
auf und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen
Wunsches seien.
»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,« meinte der Alte zögernd, »die
Geschichte mit dem Golem läßt sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin
sagte: er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch
könne er ihn nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreißig Jahre
wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders
Aufregendes an sich trägt und dennoch ein Entsetzen verbreitet, für das
weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung ausreicht:
Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen fremder Mensch,
bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der
Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider
gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als
wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt
schreitet und plötzlich -- unsichtbar wird.
Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben
und sei zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem er ausgegangen: einem
uralten Hause in der Nähe der Synagoge.
Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn um eine Ecke auf
sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich
entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt
sich in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und --
schließlich ganz verschwunden.
Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, den er hervorgebracht,
besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich -- ich war noch ein
ganz kleiner Junge --, daß man das Gebäude in der Altschulgasse damals
von oben bis unten durchsuchte.
Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit
Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.
Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um von der Gasse aus einen
Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die
Spur gekommen.
Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem
Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in
die Nähe des Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche
zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und als später der
Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten über die
Lage des Fensters derart auseinander, daß man davon abstand.
Ich selber begegnete dem >Golem< das erste Mal in meinem Leben vor
ungefähr dreiunddreißig Jahren.
Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast
aneinander.
Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein
muß. Man trägt doch um Gotteswillen nicht immerwährend, tagaus, tagein
die Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
In jenem Augenblick aber, bestimmt -- ganz bestimmt, noch ehe ich seiner
ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und
im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor,
und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine
Flut bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen
bestürmten, ob ich ihn gesehen hätte.
Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine Zunge wie aus
einem Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte.
Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen konnte, und deutlich
kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines
Herzschlages lang -- in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte.
Über all das habe ich oft und lang nachgedacht, und mich dünkt, ich
komme der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage: immer einmal in der Zeit
eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die
Judenstadt, befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der
uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines
charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten
hier gelebt hat und nach Form und Gestaltung dürstet.
Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, und wir nehmen es
nicht wahr. Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel
nicht, bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht.
Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne
innewohnendes Bewußtsein, -- ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein
Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen
herauswächst.
Wer weiß das?
Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur
Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert, könnte es da
nicht sein, daß auch auf die stetige Anhäufung jener niemals wechselnden
Gedanken, die hier im Ghetto die Luft vergiften, eine plötzliche,
ruckweise Entladung folgen muß? -- eine seelische Explosion, die unser
Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht, um -- dort den Blitz der Natur
-- hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang und Gehaben, in
allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren müßte,
wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstünde?
Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden,
so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende
Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde Bewurf
einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen
gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich die Züge starrer
Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und
drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbare
Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn herab und übe
sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen.
-- Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut,
bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, überall mahnende,
bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße
auswachsen. Und immer zieht sich durch solche schemenhafte Versuche der
angesammelten Gedankenherden, die Wälle der Alltäglichkeit zu
durchnagen, für uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewißheit, daß
unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen
ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden
könne.
Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte, daß ihm ein Mensch begegnet
sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der >Golem< vor mir,
wie ich ihn damals gesehen.
Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklärliches
nahe bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich
schon einmal in meinen Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften
Äußerungen des Golem ihre Schatten vorauswarfen.
Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft sich an einen
Abend, an dem der Bräutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und
in der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
Es wurde damals Blei gegossen -- zum Scherz -- und ich stand mit offenem
Munde dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, -- in meiner
wirren, kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem
Golem, von dem ich meinen Großvater oft hatte erzählen hören, und
bildete mir ein, jeden Augenblick müsse die Tür aufgehen und der
Unbekannte eintreten.
Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das
Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater den blitzenden
Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine
allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
hinzudrängen, aber man wehrte mich ab.
Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein Vater, es wäre damals
das geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt
gewesen, -- glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von solch
unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des >Golem<, daß sich alle
entsetzt hätten.
Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der
Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus
Kaiser Rudolfs Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befaßt und
meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen sei vielleicht
nichts anderes als ein ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall
der bleierne Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, müsse das
Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche Rabbiner
zuerst _lebendig gedacht_ habe, ehe er es mit Materie bekleiden konnte,
und das nun in regelmäßigen Zeitabschnitten, bei den gleichen
astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden --
wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben gequält.
Auch Hillels verstorbene Frau hat den >Golem< von Angesicht zu Angesicht
erblickt und ebenso wie ich gefühlt, daß man sich im Starrkrampf
befindet, solange das rätselhafte Wesen in der Nähe weilt.
Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, daß es damals nur ihre
eigene Seele habe sein können, die -- aus dem Körper getreten -- ihr
einen Augenblick gegenübergestanden und mit den Zügen eines fremden
Geschöpfes ins Gesicht gestarrt hätte.
Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemächtigt, habe
sie doch keine Sekunde die Gewißheit verlassen, daß jener andere nur ein
Stück ihres eignen Innern sein konnte.«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Es ist unglaublich«, murmelte Prokop in Gedanken verloren.
Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln versunken.
Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das mir des Abends Wasser
bringt und was ich sonst noch nötig habe, trat ein, stellte den tönernen
Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber
noch lange Zeit sprach niemand ein Wort.
Als sei ein neuer Einfluß mit der Alten zur Tür hereingeschlüpft, an den
man sich erst gewöhnen mußte.
»Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht
loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen
sieht«, sagte plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. »Dieses erstarrte,
grinsende Lächeln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die
Großmutter, dann die Mutter! -- Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug
anders! Derselbe Name Rosina; -- es ist immer eine die Auferstehung der
andern.«
»Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron Wassertrum?« fragte
ich.
»Man spricht so«, meinte Zwakh, -- -- »Aaron Wassertrum aber hat manchen
Sohn und manche Tochter, von denen man nicht weiß. Auch bei Rosinas
Mutter wußte man nicht, wer ihr Vater gewesen, -- auch nicht, was aus
ihr geworden ist. -- Mit fünfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und
war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord
zusammen, soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause
begangen wurde.
Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals _sie_ den halbwüchsigen Jungen im
Kopfe. Einer von ihnen lebt noch, -- ich sehe ihn öfter, -- doch sein
Name ist mir entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine,
sie hat sie alle frühzeitig unter die Erde gebracht. Ich erinnere mich
aus jener Zeit überhaupt nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene
Bilder durch mein Gedächtnis treiben. So hat es damals einen halb
blödsinnigen Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu Schenke zog und
den Gästen gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus schwarzem Papier
schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsägliche
Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte er, ohne
aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil, bis sein ganzer
Papiervorrat verbraucht war.
Aus Zusammenhängen zu schließen, die ich längst vergessen, hatte er --
fast als Kind noch -- eine gewisse Rosina, wohl die Großmutter der
heutigen, so heftig geliebt, daß er den Verstand darüber verlor.
Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere als die Großmutter
der jetzigen Rosina gewesen sein.«
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