Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. -- -- --

Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder

zum selben Punkt zurück, fuhr es mir durch den Sinn, und ein häßliches

Bild, das ich einmal mit angesehen -- eine Katze mit verletzter

Gehirnhälfte im Kreise herumtaumelnd -- trat vor mein Auge. -- -- --

»Jetzt kommt der Kopf«, hörte ich plötzlich den Maler Vrieslander mit

heller Stimme sagen.

Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu

schnitzen.

Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen, und ich rückte

meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.

Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und Josua Prokop füllte

wiederum die Gläser. Leise, ganz leise klangen die Klänge der Tanzmusik

durch das geschlossene Fenster; -- manchmal verstummten sie vollends,

dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs

verlor oder zu uns von der Gasse emportrug.

Ob ich denn nicht mit anstoßen wolle, fragte mich nach einer Weile der

Musiker.

Ich aber gab keine Antwort, -- so vollkommen war mir der Wille, mich zu

bewegen, abhanden gekommen, daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund

zu öffnen, verfiel.

Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich

meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber auf Vrieslanders

funkelndes Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß,

-- um die Gewißheit zu erlangen, daß ich wach sei.

In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte wieder allerlei

wunderliche Geschichten über Marionetten und krause Märchen, die er für

seine Puppenspiele erdacht.

Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin

eines Adligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu

Besuch komme.

Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums höhnische,

triumphierende Miene. --

Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte,

überlegte ich, -- dann hielt ich es nicht der Mühe für wert und für

belanglos. Auch wußte ich, daß mein Wille versagen würde, wollte ich

jetzt den Versuch machen zu sprechen.

Plötzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir herüber und Prokop

sagte ganz laut: »Er ist eingeschlafen«, -- so laut, daß es fast klang,

als ob es eine Frage sein sollte.

Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich erkannte, daß sie von

mir sprachen.

Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf,

das von der Lampe niederfloß, und der spiegelnde Schein brannte mir in

den Augen.

Es fiel ein Wort wie: »irr sein«, und ich horchte auf die Rede, die in

der Runde ging.

»Gebiete, wie das vom >Golem< sollte man vor Pernath nie berühren,«

sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, »als er vorhin von dem Buche Ibbur

erzählte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte

wetten, er hat alles nur geträumt.«

Zwakh nickte: »Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem

Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tücher

Decke und Wände bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit fußhoch

den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur und schon schlägt das

Feuer aus allen Ecken.«

»War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst

vierzig sein«, sagte Vrieslander.

»Ich weiß es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen

mag und was früher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein

altfranzösischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem

Spitzbart. Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter

Arzt gebeten, ich möchte mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine

kleine Wohnung hier in diesen Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und

mit Fragen nach früheren Zeiten beunruhigen würde, aussuchen.« -- Wieder

sah Zwakh bewegt zu mir herüber. -- »Seit jener Zeit lebt er hier,

bessert Antiquitäten aus und schneidet Gemmen und hat sich damit einen

kleinen Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, daß er alles, was

mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen zu haben scheint. Fragen

Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in

seiner Erinnerung wachrufen könnten, -- wie oft hat mir das der alte

Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so

eine gewisse Methode; wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe

eingemauert, möchte ich's nennen, -- so wie man eine Unglücksstätte

einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung knüpft.« -- -- --

Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein

Schlächter auf ein wehrloses Tier und preßte mir mit rohen, grausamen

Händen das Herz zusammen.

Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, -- ein Ahnen, als wäre

mir etwas genommen worden und als hätte ich in meinem Leben eine lange

Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler.

Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu ergründen.

Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte mich unerträglich

wie eine bloßgelegte Wunde.

Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse

nachzuhängen, -- dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer

wiederkehrende Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir

unzugänglicher Gemächer gesperrt, -- das beängstigende Versagen meines

Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit betrafen, -- alles das

fand mit einem Male seine furchtbare Erklärung: Ich war wahnsinnig

gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das -- »Zimmer«

verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern meines Gehirns

bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens

gemacht.

Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen!

Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern,

vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, -- nie würde ich sie erkennen

können: eine verschnittne Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer

fremden Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in jenes

verschlossene »Zimmer« zu erzwingen, müßte ich nicht abermals den

Gespenstern, die man darein gebannt, in die Hände fallen?!

Die Geschichte von dem >Golem<, die Zwakh vor einer Stunde erzählte, zog

mir durch den Sinn, und plötzlich erkannte ich einen riesengroßen,

geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne

Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem

bedeutungsvollen Traum.

Ja! auch in meinem Falle »würde der Strick reißen«, wollte ich

versuchen, in das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.

Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas

unbeschreiblich Erschreckendes für mich an.

Ich fühlte: es sind da Dinge -- unfaßbare -- zusammengeschmiedet und

laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen, wohin der Weg führt,

nebeneinander her.

Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden

kann, -- ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen

durch die Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu

tragen! -- -- --

Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte

unter der Klinge des Messers.

Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin, ob es denn nicht

bald zu Ende sei.

Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als

habe er Bewußtsein und spähe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine

Augen lange auf mir, befriedigt, daß sie mich endlich gefunden.

Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte

unverwandt auf das hölzerne Antlitz.

Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas zu suchen, dann

ritzte es entschlossen eine Linie ein, und plötzlich gewannen die Züge

des Holzkopfes schreckhaftes Leben.

Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch

gebracht.

Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine

Sekunde gedauert, und ich spürte, daß mein Herz zu schlagen aufhörte und

ängstlich flatterte.

Dennoch blieb ich mir -- wie damals -- des Gesichtes bewußt.

_Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Schoß und spähte

umher._

Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte

meinen Schädel.

Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Mienen und hörte seine

Worte: um Gottes Willen, das ist ja der Golem!

Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt

das Schnitzwerk entreißen, doch der wehrte sich und rief lachend:

»Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mißlungen.« Und er wand sich

los, öffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.

Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die

von schimmernden Goldfäden durchzogen war, und als ich, wie es mir

schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das

Holz klappernd auf das Pflaster fallen.

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»Sie haben so fest geschlafen, daß Sie nicht merkten, wie wir Sie

schüttelten,« -- sagte Josua Prokop zu mir, »der Punsch ist aus, und Sie

haben alles versäumt.«

Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, übermannte mich

wieder, und ich wollte aufschreien, daß ich nicht geträumt habe, als ich

ihnen von dem Buche Ibbur erzählte -- und es aus der Kassette nehmen und

ihnen zeigen könne.

Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung

allgemeinen Aufbruches, die meine Gäste ergriffen hatte, nicht

durchdringen.

Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und rief:

»Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre

Lebensgeister erfrischen.«

Der Golem · 第 20 / 70 题