Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das
einzige, was vielleicht Rettung bringen könne, und mit einer wilden,
gierigen Eitelkeit, die plötzlich über ihn kam, erging er sich mit einem
Redeschwall in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die
alle mit dem vorliegenden eine ungemein große Ähnlichkeit gehabt hätten,
-- wie unzählige Kranke ihm allein die Erhaltung des Augenlichts
verdankten, und dergleichen mehr.
Er schwelgte förmlich in dem Gefühl, für eine Art höheren Wesens
gehalten zu werden, in dessen Hände das Wohl und Wehe seines Mitmenschen
gelegt ist.
Das hilflose Opfer aber saß, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen
vor ihm, Angstschweiß auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die
Rede zu fallen, aus Furcht: ihn -- den einzigen, der noch Hilfe bringen
konnte -- zu erzürnen.
Und mit den Worten, daß er zur Operation leider erst in einigen Monaten
schreiten könne, wenn er von seiner Reise wieder zurück sei, schloß Dr.
Wassory seine Rede.
Hoffentlich, -- man solle in solchen Fällen immer das Beste hoffen --
sei es da nicht zu spät, sagte er.
Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklärten, daß sie
unter gar keinen Umständen auch nur einen Tag länger warten wollten, und
baten flehentlich um Rat, wer von den andern Augenärzten in der Stadt
sonst wohl als Operateur in Betracht käme.
Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag
führte.
Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten des
Grams und lispelte schließlich bekümmert, ein Eingriff seitens eines
_andern_ Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges
mit elektrischem Licht, und das müsse -- der Patient wisse ja selbst,
wie schmerzhaft es sei -- wegen der blendenden Strahlen geradezu
verhängnisvoll wirken.
Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, daß so manchem von ihnen
gerade in der Iridektomie die nötige Übung fehle -- dürfe, eben weil er
wiederum von neuem untersuchen müsse, gar nicht vor Ablauf längerer
Zeit, bis sich die Sehnerven wieder erholt hätten, zu einem
chirurgischen Eingriff schreiten.«
Charousek ballte die Fäuste.
»Das nennen wir in der Schachsprache >Zugzwang<, lieber Meister Pernath!
-- -- Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, -- ein erzwungener Zug
nach dem andern.
Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr.
Wassory, er möge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise
verschieben und die Operation selber vornehmen. -- Es handle sich doch
um mehr noch als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde Angst,
jeden Augenblick erblinden zu müssen, sei ja das Schrecklichste, was es
geben könne.
Und je mehr das Scheusal sich sträubte und jammerte: ein Aufschub seiner
Reise könne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto höhere Summen boten
freiwillig die Kranken.
Schien schließlich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und
fügte bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken
konnte, den Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren
Schaden zu, jenes immerwährende Gefühl des Geblendetseins, das das Leben
zu stetiger Qual gestalten mußte, die Spuren des Schurkenstreiches aber
ein für allemal verwischte.
Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht
nur seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch
jedesmal gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, -- es
befriedigte gleichzeitig seine maßlose Geldgier und fröhnte seiner
Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an Körper und Vermögen geschädigten
Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter priesen.
Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und seinen zahllosen,
unscheinbaren, jedoch unüberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von
Kindheit an gelernt hat auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der
jeden Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste seine
Beziehungen und Vermögensverhältnisse erriet und durchschaute, -- nur
ein solcher -- »Halbhellsehender« möchte man es beinahe nennen, --
konnte jahrelang derartige Scheußlichkeiten verüben.
Und wäre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch,
würde es bis ins hohe Alter weiter betrieben haben, um schließlich als
ehrwürdiger Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren,
künftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu
genießen, bis -- bis endlich auch über ihn das große Verrecken
hinweggezogen wäre.
Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener
Atmosphäre höllischer List gesättigt, und so vermochte ich ihn zu Fall
zu bringen, -- so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen,
-- wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der
Entlarvung, -- ihn schob ich vor und häufte Beweis auf Beweis, bis der
Tag anbrach, wo der Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory
ausstreckte.
Da beging die Bestie Selbstmord! -- Gesegnet sei die Stunde!
Als hätte mein Doppelgänger neben ihm gestanden und ihm die Hand
geführt, nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich
absichtlich in seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehen
lassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche
Diagnose des grünen Stars zu stellen, -- absichtlich und mit dem
glühenden Wunsche, daß es dieses Amylnitrit sein möchte, das ihm den
letzten Stoß geben sollte.
Der Gehirnschlag hätte ihn getroffen, hieß es in der Stadt.
Amylnitrit tötet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das
Gerücht nicht aufrecht erhalten werden.«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Charousek starrte plötzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein
tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel
nach der Richtung, wo Aaron Wassertrums Trödlerladen lag.
»Jetzt ist er allein,« murmelte er, »ganz allein mit seiner Gier und --
und -- und mit der Wachspuppe!«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Mir schlug das Herz bis zum Hals.
Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
War er wahnsinnig? Es mußten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge
erfinden ließen.
Gewiß, gewiß! Er hat alles erfunden, geträumt!
Es kann nicht wahr sein, was er da über den Augenarzt Grauenhaftes
erzählt hat. Er ist schwindsüchtig, und die Fieber des Todes kreisen in
seinem Hirn.
Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine
Gedanken in eine freundliche Richtung lenken.
Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung
das Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in
mein Zimmer mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tür
hereingeschaut hatte.
Dr. Savioli! Dr. Savioli! -- ja, ja, so war auch der Name des jungen
Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flüsternd
anvertraut als den des vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier
gemietet hatte.
Dr. Savioli! -- Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine
Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit
schreckhaften Vermutungen, die auf mich einstürmten.
Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzählen, was
ich damals erlebt, da sah ich, daß ein heftiger Hustenanfall sich seiner
bemächtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden,
wie er sich mühsam mit den Händen an der Mauer stützend in den Regen
hinaustappte und mir einen flüchtigen Gruß zunickte.
Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, -- fühlte ich, -- das
unfaßbare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen
schleicht Tag und Nacht und sich zu verkörpern sucht.
Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Plötzlich schlägt es sich
nieder in einer Menschenseele, -- wir ahnen es nicht, -- da, dort, und
ehe wir es fassen können, ist es gestaltlos geworden und alles längst
vorüber.
Und nur noch dunkle Worte über irgendein entsetzliches Geschehnis kommen
an uns heran.
Mit einem Schlage begriff ich diese rätselhaften Geschöpfe, die rings um
mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs
Dasein von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt -- -- so, wie
vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal vorüberschwamm.
Mir war, als starrten die Häuser alle mit tückischen Gesichtern voll
namenloser Bosheit auf mich herüber, -- die Tore: aufgerissene schwarze
Mäuler, aus denen die Zungen ausgefault waren, -- Rachen, die jeden
Augenblick einen gellenden Schrei ausstoßen konnten, so gellend und
haßerfüllt, daß es uns bis ins Innerste erschrecken müßte.
Was hatte zum Schluß noch der Student über den Trödler gesagt? -- Ich
flüsterte mir seine Worte vor: -- Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit
seiner Gier und -- -- seiner Wachspuppe.
Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben?
Es muß ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, -- eines
jener krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu überfallen pflegt,
die man nicht versteht, und die einen, wenn sie später unerwartet
sichtbarlich werden, so tief erschrecken können wie Dinge von
ungewohnter Form, auf die plötzlich ein greller Lichtstreif fällt.
Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck,
den mir Charouseks Erzählung verursacht hatte, abzuschütteln.
Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten:
Neben mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich
gelacht hatte.
Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit
vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenüber.
Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zügen zuckte vor
Erregung.
Unwillkürlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, daß sie wie
gebannt an der rothaarigen Rosina hingen, die drüben jenseits der Gasse
stand, ihr immerwährendes Lächeln um die Lippen.
Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, daß sie es wohl
wußte, aber sich benahm, als verstünde sie nicht.
Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf den Fußspitzen
hinüber und hüpfte mit lächerlicher Elastizität wie ein großer,
schwarzer Gummiball über die Pfützen.
Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand Glossen fallen, die
darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch
um den Hals, mit blauer Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr,
machte mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt den »Freimaurer«
nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen
wollten, der sich an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aber
durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. -- --
--
Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben im Dunkel des
Hausflures verschwunden.