Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken erraten.
Er wies nach dem Trödlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des
Eisengerümpels in fließenden, braunroten Pfützen vorbeispülte.
»Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär, -- fast ein Drittel
der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr
Pernath?!«
Mir blieb förmlich der Atem im Mund stecken. »Aaron Wassertrum! Der
Trödler Aaron Wassertrum Millionär?!«
»Oh, ich kenne ihn genau«, fuhr Charousek verbissen fort, und als hätte
er nur darauf gewartet, daß ich ihn frage. »Ich kannte auch seinen Sohn,
den Dr. Wassory. Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem --
berühmten -- Augenarzt? -- Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt
begeistert von ihm gesprochen, -- von dem großen -- -- Gelehrten.
Niemand wußte damals, daß er seinen Namen abgelegt und früher Wassertrum
geheißen hat. -- Er spielte sich gerne auf den weltabgewandten Mann der
Wissenschaft, und wenn einmal auf Herkunft die Rede kam, warf er
bescheiden und tiefbewegt so mit halben Worten hin, daß sein Vater noch
aus dem Ghetto stamme, -- sich aus den niedrigsten Anfängen heraus unter
Kummer aller Art und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten
müssen.
Ja! Unter Kummer und Sorgen!
Unter _wessen_ Kummer und unsäglichen Sorgen aber und mit welchen
Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt!
Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis hat!« Charousek
faßte meinen Arm und schüttelte ihn heftig.
»Meister Pernath, ich bin so arm, daß ich es selbst kaum mehr begreife;
ich muß halb nackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin
doch Student der Medizin, -- bin doch ein gebildeter Mensch!«
Er riß seinen Überzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, daß er
weder Hemd noch Rock an hatte und den Mantel über der nackten Haut trug.
»Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmächtigen,
angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, -- und noch heute ahnt keiner,
daß ich, ich der eigentliche Urheber war.
Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der
seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord
getrieben hat. -- Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich
Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material
zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und leise und unmerklich
Stein um Stein in dem Gebäude Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand
erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr vermocht
hätten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen
Anstoßes bedurfte, abzuwenden.
Wissen Sie, so -- so wie man Schach spielt.
Gerade so wie man Schach spielt.
Und niemand weiß, daß ich es war!
Den Trödler Aaron Wassertrum, den läßt wohl manchmal eine furchtbare
Ahnung nicht schlafen, daß einer, den er nicht kennt, der immer in
seiner Nähe ist und den er doch nicht fassen kann, -- ein anderer als
Dr. Savioli -- die Hand im Spiele gehabt haben müsse.
Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu
schauen vermögen, so faßt er es doch nicht, daß es Gehirne gibt, die
auszurechnen imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren,
vergifteten Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold
und Edelsteinen vorbei, um die verborgene Lebensader zu treffen.«
Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild.
»Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er
Dr. Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage!
Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. --
Diesmal wird es ein Königsläufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen
Zug bis zum bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche
Entgegnung wüßte.
Wer sich mit mir in ein solches Königsläufergambit einläßt, der hängt in
der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fäden,
-- an Fäden, die ich zupfe, -- hören Sie wohl, die ich zupfe, und mit
dessen freiem Willen ist's dahin.«
Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.
»Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, daß Sie so voll
Haß sind?«
Charousek wehrte heftig ab:
»Lassen wir das -- fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen
hat! -- Oder wünschen Sie, daß wir ein andres Mal darüber sprechen? --
Der Regen hat nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?«
Er senkte seine Stimme, wie jemand, der plötzlich ganz ruhig wird. Ich
schüttelte den Kopf.
»Haben Sie jemals gehört, wie man heutzutage den grünen Star heilt? --
Nicht? -- So muß ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau
verstehen, Meister Pernath!
Hören Sie zu: Der >grüne Star< also ist eine bösartige Erkrankung des
Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem
Fortschreiten des Übels Einhalt zu tun, nämlich die sogenannte
Iridektomie, die darin besteht, daß man aus der Regenbogenhaut des Auges
ein keilförmiges Stückchen herauszwickt.
Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche
Blendungserscheinungen, die fürs ganze Leben bleiben; der Prozeß des
Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten.
Mit der Diagnose des grünen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.
Es gibt nämlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die
deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurücktreten, und in solchen Fällen
darf ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch
niemals mit Bestimmtheit sagen, daß sein Vorgänger, der andrer Meinung
gewesen, sich notwendigerweise geirrt haben müsse.
Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie, die sich natürlich genau so an
einem gesunden Auge wie an einem kranken ausführen läßt, stattgefunden,
so kann man unmöglich mehr feststellen, ob früher wirklich grüner Star
vorgelegen hat oder nicht.
Und auf diese und noch andere Umstände hatte Dr. Wassory einen
scheußlichen Plan aufgebaut.
Unzählige Male -- besonders an Frauen -- konstatierte er grünen Star, wo
harmlose Sehstörungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die
ihm keine Mühe machte und viel Geld eintrug.
Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehörte zum
Ausplündern auch keine Spur von Mut mehr!
Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte Raubtier in jene
Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft sein Opfer
zerfleischen konnte.
Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! -- Begreifen Sie?! Ohne das geringste
wagen zu müssen!
Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern hatte sich
Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen
verstanden und sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anständig
waren, um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewußt.
Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die
natürliche Folge.
Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu ihm und ließ sich
untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tückischer Planmäßigkeit zu
Werke.
Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an, notierte aber geschickt
immer nur, um für alle Fälle später gedeckt zu sein, jene Antworten, die
eine Deutung auf grünen Star zuließen.
Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frühere Diagnose
vorläge.
Gesprächsweise ließ er einfließen, daß ein dringender Ruf aus dem
Auslande behufs wichtiger, wissenschaftlicher Maßnahmen an ihn ergangen
sei und er daher schon morgen verreisen müsse. --
Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann
vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie
möglich.
Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!
Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange Frage des Patienten, ob
Grund zur Befürchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen
ersten Schachzug.
Er setzte sich dem Kranken gegenüber, ließ eine Minute verstreichen und
sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz:
»Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten Zeit wohl
unvermeidlich!«
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Die Szene, die naturgemäß folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute
in Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung
zu Boden.
Das Augenlicht verlieren, heißt alles verlieren.
Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die Knie
Dr. Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar
keine Hilfe mehr gäbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und
verwandelte sich selbst in jenen -- Gott, der helfen konnte!